Es war etwas in des Bruders Gesicht, das Malte erschreckte, eine
Entschlossenheit, die vor dem Letzten nicht haltmachte. War er denn
so benommen gewesen, daß er über die Ängste fortsehen konnte, die in
Harros Seele ihre Zähne gruben? Er sah den kleinen Jungen vor sich, mit
dem er den Ball geworfen hatte. Er hob die Hand. »Ich will dich nicht
in Unehre kommen lassen, Harro«, sagte er. »Aber versprich mir: Nie
wieder! Setz' dich hin! Wir wollen überlegen, was sich tun läßt.«
Als Harro gegangen war, trat Häberle ein und berichtete. Die Tretmühle
drehte sich, aber Malte mußte sich heute anstrengen, die Gedanken bei
der Sache festzuhalten. Nein, Harros Angelegenheit ließ sie nicht
mehr unruhig flattern. Aber immer aufs neue verloren sie sich in dem
Grübeln darüber, wie es möglich sei, daß er über diesem Täglichen die
Empfindungen für den Bruder verloren hatte. Er sah sich im Spiegel, und
sein Wesen erschien ihm sonderbar verändert.
»Noch etwas, Herr Häberle?« fragte er, als dieser seine Schriftstücke
in die Mappe tat und zögernd stehenblieb.
»Ja, Herr Konsul, sie war wieder hier.«
Malte sann nach.
»Die Frau Jobst. Sie hat abermals gefragt, wann sie vorgelassen werden
könnte.«
»Ich bin für die Frau nicht zu sprechen. Auf keinen Fall!«
»Sie will wiederkommen.«
»Verbieten Sie ihr das Haus. Entfernen Sie sie, drohen Sie ihr mit der
Polizei!«
Häberle versprach es, doch seine Miene verhieß keinen Erfolg.
Malte stand auf und ging durch das Zimmer, sobald er allein war. Was
bedeutete dies wieder? Schon einmal hatte Häberle ihm diese Frau
gemeldet, und er hatte sie abweisen lassen; nun war sie wiedergekommen!
Was mochte sie wollen? Sicherlich betteln. Er war erschrocken gewesen
wie selten, als er erfahren, daß sie in der Stadt wieder aufgetaucht
war. Der Schreck hatte sich wiederholt, als Klaus ihm erzählt, wie
sie sich an Güldenfey gedrängt. Er hatte sich erkundigt, ob es keine
Möglichkeit gebe, sie aus der Stadt unter irgendeinem Vorwand zu
entfernen. Onkel Rolf hatte sich vergeblich bemüht. Nein, es war
unmöglich. Sie lebte unbescholten, ihr Mann -- irgendein Arbeiter --
war krank, und sie ernährte ihn und ein fünfjähriges Kind. Am besten
war es, man übersah ihr Dasein, ließ sie gewähren, solange sie die
andern in Ruhe ließ.
Darüber war eine längere Zeit vergangen. Vielleicht wußten Leute in
der Stadt darum und munkelten von alten Zusammenhängen. Man mußte es
stillschweigend dulden, man hatte eben wie viele andre auch ein Skelett
im Hause. Nur es nicht berufen! Nur nicht daran denken!
Aber nun war sie von selbst gekommen, ging um und störte die Ruhe des
Hauses. Er hätte in ihr mehr Stolz vermutet. Aber solche Geschöpfe
-- wer wußte, wie tief die gesunken war! Klaus hatte gesagt, sie sei
damals betrunken gewesen.
Was nun? Sie würde wiederkommen, o ja, sie würde wiederkommen, Malte
wußte es. Wohl wäre es das einfachste, ihr Geld zu geben, um sie fürs
erste loszuwerden, aber Geld stachelt die Begehrlichkeit an, sie würde
wieder und wieder pochen, und was seit zwanzig Jahren begraben war,
würde wieder in aller Leute Mund sein. Und dann das väterliche Verbot!
Nein, sie von sich fernhalten, war das beste. Landgraf, werde hart!
Malte setzte sich nieder und begann etliche Schriftstücke durchzusehen.
Als er eine Stunde später das Haus verließ, trat ihm am Fuß der
Treppe eine Frau entgegen. In diesen groben Kleidern und mit dem
gealterten Gesicht unter einem zerdrückten Mützchen hätte er sie nicht
wiedererkannt. War das die stolze Schönheit von einst? In seiner
Erinnerung lebte ein Bild, das war biegsam schlank, trug ein seegrünes
schillerndes Kleid und hatte rötliches Nixenhaar. Doch er hatte immer
in heißem Groll daran gedacht und jeden Gedanken an diese Verführerin
gewaltsam zurückgedrängt: ihr Bild hatten die Jahre undeutlich gemacht.
Als jetzt sein Blick sie streifte, wußte er trotzdem, daß sie es war.
Sie trat auf ihn zu und grüßte. Er beachtete es nicht und wollte
vorüber; da vertrat sie ihm den Weg. »Ich bin Frau Jobst«, sagte sie.
»Ich kenne Sie nicht«, sagte er hastig. »Bedauere, ich habe keine Zeit.«
»Wenn Sie mich nicht kennen, so ist das begreiflich«, erwiderte sie,
ohne den Weg freizugeben. »Ich werde mich etwas verändert haben. Kurze
Zeit hieß ich Frau Treß.«
Er blickte sie hochmütig an, dann glitt sein Blick an ihrer dürftigen
Erscheinung nieder. Wie, wagte sie es, ihn daran zu erinnern? »Wenn
Sie mich daran mahnen, so werden Sie wissen, daß wir nichts mehr
miteinander zu schaffen haben.«
»Ich weiß es«, entgegnete sie fast demütig. »Aber ich will Sie
sprechen, und man hat mir den Zutritt verweigert.«
»Meinen Sie, die Straße sei der passende Ort für ein Gespräch mit
Ihnen?«
Sie machte eine schnelle Bewegung, als hasche sie etwas, das ihr
entgleiten wolle. »Wenn es Ihnen unangenehm ist, mit mir gesehen zu
werden, so bestimmen Sie die Stunde, in der ich Sie im Hause treffe.
Mein Anliegen ist so dringend, daß ich darum bitten muß.«
»Ich sagte Ihnen, daß davon keine Rede sein kann«, sagte Malte.
»Erlauben Sie, bitte!« Er trat zur Seite und ging schnell davon.
Aber sie blieb neben ihm. »Ich komme wieder und bitte: Schicken Sie
mich nicht fort«, sagte sie. »Es würde nichts nützen, denn ich käme
doch wieder und käme so oft, bis ich vorgelassen bin. Verlassen Sie
sich darauf!«
Der Platz an seiner Seite war leer. Er atmete auf, als sei er einer
Gefahr entronnen, bog nach einigen Schritten ab und blickte zu den
Fenstern seines Hauses auf, um zu sehen, ob von dort aus Frauke Zeugin
dieser Begegnung gewesen sei. --
Am folgenden Tage zögerte Häberle wieder vor dem Hinausgehen. Malte
tat, als bemerke er nichts. Als er aber das Haus verließ, stand die
Frau wieder an der Tür. Sie stand am Abend dort, sie erwartete ihn
früh am Tage. Sie schritt vor dem Hause auf und nieder; er hörte ihre
Schritte auf dem Pflaster, hielt sich die Ohren zu und vernahm sie
doch. Er dachte daran, die Hilfe der Polizei anzurufen, gab aber den
Gedanken sofort wieder auf. Man trieb sie fort, aber keiner konnte
diese Beharrlichkeit tilgen, die neue Wege finden würde. Am dritten
Tage war sein Trotz gebrochen. Er konnte sich nicht überwinden, sie
rufen zu lassen, doch als er ihre Stimme vor seiner Tür hörte, wie sie
Häberle zum ungezählten Male bat, sie zu melden, ging er hinaus und
winkte.
Er preßte die Lippen fest aufeinander, als sie eintrat; er war mit Zorn
bis zum Überlaufen angefüllt. Er, der jeder Dienstmagd den Sitz geboten
hätte, ließ sie an der Tür stehen. Er hielt sich weit von ihr entfernt.
»Ich will diese Komödie beenden«, sagte er. »Was wollen Sie? Aber,
bitte, kurz!«
Sie nickte. In dem kalten Morgenwind, der über den Markt strich, mußte
sie gefroren haben, denn ihre Hände waren rot und sie barg sie unter
dem eng angezogenen Tuch. »Es ist mir damals eine Abfindungsumme
gerichtlich ausgesetzt, die ich nicht annahm. Ich habe mich ohne sie
durchgebracht. Ich würde auch heut nicht danach fragen, wenn ich allein
stände und die Zeit nicht so drückend wäre. Ich habe keine Möglichkeit
zu verdienen mehr.«
»Sie haben das Recht darauf verwirkt.«
»Man hat mir das bereits gesagt. Ich suche auch bei Ihnen nicht mein
Recht, aber vielleicht geben Sie der Notleidenden, was Sie der Frau
Ihres Vaters ...« Sie verstummte vor der heftigen Gebärde Maltes.
»Davon kein Wort, bitte, wenn Sie nicht wollen, daß dies Gespräch
sofort beendet sein soll«, rief er.
»Der Haß sitzt sehr tief bei den Treß,« sagte sie; »so tief, daß sie
selbst unumstößliche Tatsachen tilgen könnten.«
Malte zog ein Schubfach auf und entnahm ihm eine Brieftasche.
»Lassen Sie das!« sagte sie rauh. »Ich will kein Almosen! Ich erwarte
von Ihrem Gerechtigkeitgefühl, daß Sie mir das zubilligen, was Ihr
Vater zu geben für nötig fand.«
Malte wollte etwas entgegnen, doch er hielt an sich. Er mochte die
letzten Worte seines Vaters vor ihr nicht preisgeben.
Die Frau lockerte ihr Schultertuch und zog eine Rolle von Papieren
hervor. »Ich lasse auch nicht mit mir handeln«, fuhr sie fort. »Ich
weiß, Sie haben mich gehaßt von dem Augenblick an, da ich den Treßhof
betrat. Ich habe es dem Jungen, der das Andenken an seine tote Mutter
damit zu ehren glaubte, nicht verdacht. Damit Sie aber jetzt verstehen,
wie alles kam, wollte ich es Ihnen erzählen. O, ich weiß, Sie haben
für dergleichen Dinge keine Zeit, deshalb hab' ich hier den Hergang
aufgeschrieben. In den kommenden Feiertagen werden Sie Zeit zu lesen
finden. Am Tage nach Ostern hole ich mir die Schrift ab und erwarte
Ihren Bescheid.« Sie legte die Rolle auf seinen Schreibtisch und zog
das Tuch um die Schulter.
»Bemühen Sie sich nicht,« sagte Malte; »ich habe andres zu tun, und
vorlassen werde ich Sie nicht wieder.«
»Sie werden lesen und Sie werden sich sprechen lassen«, sagte sie
bestimmt. »Glauben Sie mir, wer so weit in das Elend kam wie ich,
dem ist es gleich, wenn er nach tagelangem Warten auf dem Pflaster
umfällt.« Sie grüßte mit einer hastigen Kopfbewegung und ging.
Malte wollte sie zurückrufen, sie bewegen, daß sie die Schrift mitnahm,
doch das war zu spät. Sollte er sie ihr nachsenden? Aber er wußte ihre
Wohnung nicht. Mochte sie uneröffnet liegen, bis sie sie abholte; lesen
wollte er sie nicht. Mit spitzen Fingern ergriff er die Rolle und
verschloß sie in seinem Schubfach. --
Seltsam! Es war Malte, als sei ein Fremdes in seinem Zimmer, wenn er
allein war. Er empfand die Gegenwart eines andern, wie man sie fühlt,
wenn jemand ungesehen in den Raum getreten ist. Das leise Rauschen
einer Kleiderfalte, das Wehen eines Atemzugs! Mitten im Schreiben eines
Wortes blickte er auf. Sahen von dort, aus dem Dunkel neben der Tür,
nicht zwei Augen auf ihn?
Nervenüberreizung, sagte er sich und fuhr in seiner Arbeit fort. Doch
das spukhafte Gewißsein einer fremden Gegenwart blieb. Er war endlich
überzeugt, daß ihn die Papiere in der Lade erregten, und wußte doch,
daß er sie nicht loswerden konnte. --
Den Stillen Freitag hatten die Geschwister im Treßhof zugebracht. Es
waren seltsam gehaltene Stunden gewesen. Man hatte von Jörg gesprochen,
dessen Wirksamkeit Aufsehen zu erregen begann, trotzdem er sich noch
immer als ein Lernender bezeichnete. Dann -- wie war es nur dahin
gekommen? -- hatte Marfa begonnen, Lieder ihrer baltischen Heimat, die
sie in das Deutsche übertragen, mit leiser müder Stimme zu singen. Eins
hatte Malte unerträglich schwermütig geklungen:
Wenn ich sterbe, werden keine
Klageglocken um mich gehn,
Wird an meinem Grab nicht eine
Seele weinend stehn.
Auch Harro war von der trübseligen Stimmung dieses Liedes angesteckt
worden. »Laß das, Marfa!« hatte er unwirsch gesagt. »Wir haben genug,
was unsre Stimmung verdüstert.«
Erschrocken hatte Marfa abgebrochen, und Frauke hatte bald danach Malte
zum Aufbruch gemahnt.
Der Ostersonnabend verging in der üblichen Unruhe und Arbeitsunlust
derer, die an die Vergnügen der Festtage denken. Malte sah das rege
Treiben auf der Straße, hörte die Glocken, die das Fest einläuteten.
In den Schmuckrosen des Rathausgiebels verglomm das Abendrot des
Frühlingstages. Er erschien sich so verloren, so ausgeschlossen von
der geringen schalen Freude, die den Menschen da draußen trotz aller
Not verblieben war. Solche stimmunghaften Stunden taugten nicht für
ihn. Mit dem Entschluß, zu arbeiten, ging er, als Frauke sich zur Ruhe
zurückgezogen hatte, noch einmal hinab.
Aber da war wieder dieses unhörbare Atmen der fremden Gegenwart. Er
kämpfte dagegen an und wurde doch des unbehaglichen Gefühls nicht Herr.
Endlich, da es schon auf Mitternacht ging, schob er die Hefte zurück,
entnahm dem Schließfach das Bündel und begann zu lesen:
Ich habe mich entschlossen, aufzuschreiben, wie alles kam. Wenn es
andern nichts nützt, so gibt es vielleicht mir Klarheit und dient
ihnen, ihr Urteil über die Verlorene zu mildern.
Ich habe nichts von Glück oder dergleichen erwartet, als ich
verheiratet wurde. Im Gegenteil. Aber für die Neunzehnjährige war das
Elend zu Hause unerträglich, und da es aus ihm keinen andern Ausweg
gab als die Heirat, so griff ich zu. Unter welchen Bedingungen die
Verbindung zustande kam, wußte ich freilich nicht. Mein Mann war der
reiche Treß, das genügte. Er war bürgerlich -- das war mir gleich;
er war fünfundzwanzig Jahre älter als ich -- damit hoffte ich mich
abzufinden. Jedenfalls besaß er jugendliche Frische, war Kavalier und
maßlos verliebt. Dies schmeichelte mir so, daß ich darüber vergaß, wie
mein Herz andre Wege gegangen war. Was wußte ich denn damals von Welt,
Menschen und ihren Herzen!
Mein erstes Ehejahr -- ja, davon muß ich jetzt reden. Es gefiel mir
eigentlich recht gut. Um die Kinder, besonders um die kleine Myrrha,
durfte ich mich nicht kümmern, überhaupt an nichts rühren, was an die
verstorbene Frau meines Mannes erinnerte. Doch das wollte ich ja auch
nicht. Ich sollte mich putzen, mich vergnügen und ihn vergnügen, wenn
er kam, um mit mir zu spielen. Das war im Anfang häufig, dann seltener.
Als es seltener war, gefiel es mir besser. Denn obwohl mein eitles,
unerfahrenes Herz daran Gefallen fand, merkte es doch unbewußt, daß ich
wie eine Puppe gehalten wurde, die man aus der Hand legt, sobald es an
ernsthafte Dinge geht. Wäre mein Mann zu mir wie ein Vater gewesen --
es hätte mir vielleicht anfangs weniger behagt, aber ich wäre später
nicht so leer dagestanden, als ich nach meiner Empfindung entscheiden
sollte.
Das trat bald genug ein. Nach einem Jahre war ich einmal widerspenstig.
Mein Mann wollte mich bestrafen und verreiste. Vor seiner Abreise kam
er zu mir und sagte mir den Grund.
»Ich hoffe, du bist zur Vernunft gekommen, wenn ich nach einer Woche
wiederkehre«, sagte er weiter. »Denke über dich nach. Willst du deinen
Vater besuchen, so habe ich nichts dagegen.«
Er ging und ließ mich wie ein ausgescholtenes Kind zurück. Zu meinem
Vater hatte mich während des ganzen Jahres nichts gezogen, dort
erinnerte zuviel an eine freudlose Jugend. Doch als ich mich am zweiten
Tage langweilte, lockte mich der Gedanke, es sei vielleicht recht
hübsch, meinen Glanz im Lichte meiner früheren Umgebung zu spiegeln,
und ich fuhr nach Hanneshof.
Es war das alte liederliche Treiben dort, dem entrückt zu sein eine
Tante mich glücklich gepriesen hatte: mein Vater befand sich viel auf
der Jagd; war er im Hause, so fanden sich Kumpane zu Trunk und Karten
ein. Die Wirtschaft war jedoch wie früher in gutem Stand.
An einem Abend waren wir allein. Mein Vater begann von meiner Ehe zu
sprechen. Ich glaubte, er wolle mich über das Verhältnis zwischen mir
und Treß ausfragen, und malte meine Tage in glänzenden Farben. Aber das
war es nicht. Schließlich kam es heraus: ich sollte bei meinem Mann für
die Dargabe von Geld an meinen Vater eintreten.
Entrüstet lehnte ich ab und erregte den Vater, der ohnehin getrunken
hatte. Er befahl, ich widersprach. Er wurde maßlos heftig, und nun
sagte er es: er habe mit meiner Heirat ein gutes Geschäft gemacht.
Der Gedanke, verkauft zu sein, weckte in mir Ekel und Abscheu, Ekel vor
dem Verkäufer, Abscheu gegen den Mann, der es gewagt hatte, mir eine
Kaufehe zuzumuten. Ich stand auf und bestellte selbst den Kutscher, daß
er anspanne. Ich wollte in die nächste Stadt und in einem Gasthause die
Nacht zubringen.
Als ich dort eintraf und dem Kellner meinen Auftrag gab, erblickte ich
durch die Spalte einer halbgeöffneten Tür den Baron Usfeldt, der dort
einsam bei der Flasche saß. Ich wich zurück, doch er hatte meine Stimme
erkannt und stand plötzlich neben mir.
»Bekomme ich keine Hand?« fragte er.
»Rühren Sie mich nicht an, Muck!« sagte ich. »Ich weiß jetzt, daß ich
verhandelt bin.«
»Ich weiß es lange und habe Sie darum nicht einen Augenblick lang
geringer geachtet«, erwiderte er. »Nehmen Sie, wenn Sie durchaus einen
Sündenbock brauchen, mit mir vorlieb, Tessi; denn hätte ich Mut genug
besessen, trotz meiner verzweifelten Lage um Sie anzuhalten, so wäre
dies alles nicht über Sie gekommen.«
Er führte mich an seinen Tisch und schloß die Tür. Ich war wie betäubt,
hatte nur den Wunsch, mich mit einem Menschen, der mich verstand,
aussprechen zu können und bedachte nichts. Nein, ich hätte es nicht
tun sollen; aber was weiß ein ungeschultes Herz in solchen Stunden!
An jenem späten Abend lernte ich das erstemal die alle Not betäubende
Wohltat des Rausches kennen.
Das Gerücht traf vor mir im Treßhof ein. Wäre ich reuig gewesen, was
in diesem Falle klug heißt, vielleicht daß sich alles anders gewendet
hätte. Aber ich wollte nicht. Mein Stolz forderte das ganze Leben
heraus.
Ich ging nach Westdeutschland; eine Freundin hatte mich, während meine
Ehe geschieden wurde, zu sich eingeladen. Ich blieb dort kaum so lange,
bis die Trennung ausgesprochen war. Ihres Gatten Blicke gingen mir oft
sonderbar nach, ich duldete das. Ich duldete auch, daß er mich zur
Vertrauten seiner Nöte machte: er war nicht glücklich.
Am nächsten Tage reiste ich ab.
Was blieb mir übrig? Ich mußte verdienen. Also trat ich in ein
Geschäft, wo ich vornehmen Käuferinnen ihre Kleider vorführen durfte.
Der Chef hatte mich lange gemustert und dann zufrieden gelächelt.
Mir graute, aber es gab keinen andern Weg. Sollte ich Klavierstunden
erteilen, Puppen ausstopfen oder Blumen auf Gläser malen? Die Auswahl
war nicht groß, und vielleicht saß ich doch noch eines Tags an einem
der langen Tische, an denen zwanzig Mädchen Fäden zupfen oder Federn
sortieren. Vorläufig trug ich noch seidene Kleider, die andre kauften,
und wohnte in einer Dachkammer.
Die Freude dauerte ein Jahr. Da verließ die erste Verkäuferin das
Geschäft, und eine Woche später ließ mich der Chef in sein Zimmer rufen.
»Ich glaube, Sie verdienen hier nur recht wenig«, sagte er. Merkwürdig,
daß ihm dies plötzlich einfiel!
»Sie können sich besser stehen, wenn Sie wollen«, fuhr er fort.
Ich schwieg und wartete. Plötzlich griff er nach meiner Hand.
»Nein!« schrie ich und riß mich zurück. Damit ging ich.
Einen Monat darauf stand ich wieder auf der Straße. Menschenströme
liefen an mir vorüber, ich aber war allein, wußte nicht, wo aus noch
ein. An diesem Abend betrank ich mich wieder bis zur Bewußtlosigkeit.
Wie viele Sprossen hat die Leiter, auf der man abwärts steigt, in das
Dunkel, tiefer, immer tiefer? Ich habe sie nicht mehr gezählt, aber
ich weiß, daß der Abstieg endlos ist. Ich saß nach nicht allzu langer
Zeit wirklich mit neunzehn Mädchen an einem Tisch und falzte Papiere.
Ekelhafte Luft, erniedrigende Reden, der ganze Brodem einer gärenden
Lebenszone schlug mir Tag für Tag entgegen. Ich atmete ihn und stumpfte
allmählich völlig ab, wurde eine andre und vergaß ganz, was ich gewesen
war und wie ich hieß.
Aber eins hielt mich, daß mir der Schlamm nicht bis ans Herz stieg:
der felsenfeste Vorsatz, meine Brotrinden mit meiner Hände Arbeit zu
verdienen. Nicht mehr wollte ich, als satt werden. Alles andre war
käuflich: Vergnügen, Ehre, Stellung, man mußte nur zahlen können.
Seit jenem Tage, da meine Ehe in die Brüche gegangen war, haßte ich das
Geld, und jeder Tag hat es mir bestätigt, daß die Geldherrschaft der
größte Fluch ist, der jemals über die Menschheit gekommen ist; daß die
wahnsinnigen Eroberer, die Millionen Menschen opferten, und die großen
Pestzeiten nicht halb so verderblich gewesen sind wie der Mammonismus.
Es ist nicht wahr, daß er die Triebfeder von Arbeit und Kultur ist. Er
züchtet die Genußsucht, den Zerfall und verdirbt jede Arbeit, weil er
ein Geschäft daraus macht!
Das sage ich, Therese Jobst, Frau des schwindsüchtigen Monteurs Jobst,
verehelicht gewesene Frau Treß, geborene Freiin Horn, die durch alle
Schichten des Lebens ging und keine, keine sah, die Erlösung bot.
Während des Krieges trug ich Zeitungen aus, half in Hausständen,
flickte, nahm an, was sich fand. Dabei lernte ich meinen Mann kennen,
als er auf Urlaub heimkam. Er war ein edler Mensch. Als er mir die Ehe
mit ihm antrug, war ich gewiß, daß er es nicht seinetwegen tat, sondern
um mir zu helfen. Was hätte er sonst an mir gefunden! Solche, die ihm
Kartoffeln kochten und das Arbeitzeug flickten, hätte er in Menge haben
können.
Ich schenkte ihm ein Mädchen, und dies Kind wird, wenn er längst nicht
mehr ist, für mich die Erinnerung an die schönste Zeit meines Lebens
sein.
Nun habe ich ausgesprochen, wie alles wurde. Vielleicht sind Lücken da,
daß nicht jeder alles versteht, aber das ist nicht schade. Wer noch
Ohren hat zu hören, der wird mich verstehen und auch das Leben dieser
Zeit, von dem ich nur ein winziges Bruchstück bin. -- --
* * * * *
Kling! sagte die Glocke der alten Uhr. Der Arm des Mannes, der die
Hippe trug, fiel herab und hob sich wieder. Es war ein Uhr.
Malte faltete die Bogen zusammen und lehnte sich in den Stuhl zurück.
Durch die Osternacht ging ein Wind aus West, der strich hörbar an den
Scheiben vorüber. Malte legte die Hand über die Augen, die vom Lesen
brannten und das blendende Licht nicht vertrugen.
Was nun? Es war etwas in diesen Zeilen, das an sein Herz griff: ein
Mensch, der redlich gerungen und in harter Fron seine Fehler und
Schwächen gesühnt hat. Was sie hier geschrieben, war wohl ein echtes
Bekenntnis, das keine Pose entstellte. Aber sie war nun einmal das
Skelett im Hause, und das durfte man nicht durch Verbindlichkeiten an
sich fesseln.
Und noch eins: das väterliche Gebot! Wie war es doch gewesen?
In den letzten Tagen vor seinem Ende hatte ihn der Vater zu sich
beschieden. Alle andern hatten das Zimmer verlassen müssen, auch
Güldenfey, die er sonst nicht von seiner Seite ließ. Irgendeine
dringliche geschäftliche Verfügung! hatte Malte gedacht; doch es kam
nichts von Geschäften.
»Pastor Thomasius wird heut nachmittag kommen, Malte, du weißt! Was ich
ihm nicht sagen kann, will ich dir, meinem Ältesten und Nachfolger,
beichten. Ich habe gegen euch und eure liebe Mutter ein schweres
Unrecht begangen, als ich so bald nach ihrem Tode diese -- Person in
das Treßhaus führte.«
»Es ist ja alles gut geworden, Vater,« hatte Malte gesagt; »du hast
darunter genug gelitten und gesühnt.«
»Gelitten, ja; ob gesühnt, das weiß ich nicht. Es quält mich jetzt
wieder stündlich. Wie konnte ich als ein reifer Mann einen so
unbegreiflichen Schritt tun! Ich suche meiner Kinder Verzeihung, mein
Sohn!«
Malte hatte die unruhigen Hände gefaßt und ihm trostreich zugesprochen,
doch der Vater war danach nicht ruhiger geworden.
»Versprich mir noch eins!« hatte er weiter gesagt. »Ich mußte die
Folgen meines Leichtsinns tragen, aber mit mir soll es begraben sein;
ich will nicht, daß ihr noch darunter leidet. Wenn jemals jene Frau
wieder auftauchen, sich an euch drängen sollte -- versprich mir, daß
du nichts tust, was die Erinnerung an jene schmachvollen Tage wieder
weckt. Laß tot sein, vertilge alles, was unsern Namen verunehrte.«
Es war ein heftiges Flackern in den Augen des Sterbenden gewesen, das
war mehr als Selbstanklage, das war Haß. Sein war die Leichtfertigkeit,
die ein unfertiges Mädchen zur Gattin wählte, aber jene hatte den ihr
angetragenen alten Namen durch den Schmutz geschleift. Sie hatte recht:
der Haß saß tief in den Treß. Weh dem, der ihn weckte!
Malte hatte in jener Stunde dem Vater alles gelobt, was er verlangte.
Er verstand ihn so gut. Nun aber saß er hier, ein Richter, in dessen
Brust die Ehrfurcht vor dem, was er versprochen, sich mühsam gegen die
Menschlichkeit behauptete. Was sollte er tun? --
Als am ersten Werktag nach dem Fest das Nötige mit dem Prokuristen
besprochen war, sagte Malte: »Herr Häberle, es könnte sein, daß jene
Frau wiederkommt, die uns seit Tagen belagert.«
»Sie steht schon draußen vor der Tür, Herr Konsul.«
Schon? Sie war seiner sehr sicher, nachdem er sich einmal nachgiebig
gezeigt hatte. »So lassen Sie sie eintreten.«
Häberle ging. Lächelte er nicht? Malte schämte sich seiner schnellen
Bereitwilligkeit, die dem andern auffällig war. Sein Stolz versteifte
sich. Er nickte hochmütig, als die Frau grüßend eintrat, und sah an ihr
vorüber.
»Setzen Sie sich!« Seine Hand wies flüchtig auf einen Stuhl, der in der
Nähe der Tür stand.
»Heute bin ich noch nicht ermüdet«, entgegnete sie.
Er wiederholte die Aufforderung nicht, so standen sie sich wieder
räumlich getrennt gegenüber. Malte hatte ihre Blätter sorgsam
gebündelt, man sah ihnen nicht an, daß er darin gelesen hatte. Mit
einer Handbewegung schob er ihr die Rolle entgegen. »Sie geben selbst
zu, daß Sie ein Recht, zu fordern, nicht haben«, sagte er. »Eine
Forderung würde ich auch stets unbeachtet lassen. Was ich Ihnen sage,
gilt nur Ihrer bedrängten Lage.«
Sie blickte ihn unentwegt an, und unter ihren Blicken wurde es ihm
unbehaglich. Was redete er nur, wo jemand auf Brot wartete!
»Ich will Ihnen, der Frau Jobst« -- er hob das Wort bedeutsam --,
»eine einmalige Unterstützung zuwenden, wenn Sie sich vertraglich
verpflichten, auf meine Forderungen einzugehen.«
»Bitte«, sagte sie kurz.
»Sie versprechen auf ... Sie versprechen vertraglich sich nie wieder
an mich oder an ein Glied meiner Familie mit einem Anliegen zu wenden
oder sich auf alte Beziehungen zu berufen. Sie versprechen ferner,
niemandem gegenüber Ihres früheren Zusammenhangs mit dem Hause Treß
Erwähnung zu tun.«
Der Schein eines Lächelns glitt um ihren Mund, aber sie schwieg
abwartend.
»Sie verpflichten sich weiter, die Stadt unverzüglich zu verlassen.«
»Das ist unmöglich«, sagte sie. »Mein Mann ist schwer krank, und ich
verlasse ihn nicht. Und selbst wenn das nicht wäre -- wer nimmt uns
denn auf? Jeder ist froh, wenn er einen Raum hat, wo er bleiben kann.
Wenn ich ginge -- jedes Wohnungsamt ist imstande, meinen leidenden Mann
auf der Straße umkommen zu lassen.«