Das Skelett im Hause

Harro kam nicht. Marfa saß am Fenster ihres Zimmers, das neben

Güldenfeys Zimmer lag, sah über die Teiche hin und wartete. Ihr Leben

war nur ein Warten. Die alten Weiden dort drüben begrünten sich,

standen in vollem Laub, wurden fahl, starben ab. War es die Zeit, da

die Primeln ihre Augen aufschlugen? Flossen die schweren Ströme des

Lichts über die dürftigen Erdwellen von Heilisoe? Ging der Herbst in

knisterndem Brokat oder standen die Bäume in winterlichem Rauhfrost wie

arme bettelnde Waisenkinder? Sie wußte es nicht, sie achtete dessen

nicht. Sie zählte nicht mehr nach Jahreszeiten, sie zählte nur noch

Harros Besuche.

Seit ihr das Leben ihres Kindes entglitten, hing sie sich mit einem

Verlangen, das sie verzehrte, an ihn, den Einzigen, den sie noch besaß.

Haushaltssorgen hatte sie nicht, andre Beschäftigungen befriedigten

sie nicht. Alles, was die Frau in dieser nothaften Zeit die Hände

regen ließ, um den Schwestern zu helfen, schien Marfas Seele in jenem

Kasernensaal in Riga verloren zu haben, wo täglich der Tod in die

Schar der gefangenen Frauen griff und die auf ihn harrenden mehr quälte

als die fortgeführten.

Harro! Warum mußte er fern von ihr sein? Während einer Zeit schrieb

sie endlos lange Briefe an ihn. Sie gab es auf, als sie merkte, daß

er nur die ersten Seiten las. Stieg er aus dem Bahnwagen, den sie,

seit einer Stunde auf dem windigen Bahnsteig stehend, erwartet hatte,

so überströmte sie ihn mit einer kindlich-stürmischen Freude. Doch am

Abend schon begann sie die Stunden zu zählen, die sie noch von seiner

Abfahrt trennten.

Er wurde warm, aber seine Zerstreutheit fand kein Ausruhen bei

ihr, solange er den heftigen Puls ihrer Unruhe empfand. Von seinen

politischen Dingen mochte er nicht zu ihr reden: sie duldete es,

aber er wußte, daß sie alles haßte, was ihn von ihr trennte. Tröster

ihres Leides konnte er nicht sein; vielleicht verstand er es nicht,

jedenfalls konnte er nicht trösten, wo er selbst getröstet sein wollte.

»Marfa ist eine von denen, die suchen und sich darüber selbst

verlieren«, sagte einmal Frauke.

Güldenfey sah sie überrascht an. Zuweilen tat Frauke einen Ausspruch,

der wie ein Spalt in ihrer kühlen, verhaltenen Art erschien und Tiefen

ahnen ließ. Aber man konnte nie hinabblicken, weil immer gleich wieder

eine hochmütige Gebärde, ein frostiges Wort sich wie eine kalte Schicht

darüberbreitete. Güldenfey allein ahnte, daß dieses hastige Zudecken

nur Scham sei.

Frauke kam zuweilen, um Marfa zu besuchen. Es zog sie etwas in dieser

Frau, die der Zukunft nicht froh ward, weil sie nicht vergessen konnte,

an. Sie saß Marfa gegenüber, und wenn nach den ersten Worten das

Gespräch stockte, betrachtete sie das schöne Gesicht in dem dunklen

Flechtenrahmen grübelnd. Dann stand sie plötzlich auf und ging unter

einem nichtssagenden Vorwand wieder fort.

Ja, wäre Güldenfey nicht gewesen! In die Tage eines aufreibenden

Wartens trug sie Leben.

»Marfa, heut stäubt's um die Haseln im Teichwald, und der Haubentaucher

schwimmt im gelben Rohr. Du mußt mitkommen und es sehen.« -- »Marfa,

gestern ist einer armen Frau im Sachsenviertel ein Kind geschenkt; komm

mit mir, es wird dich freuen.«

Und Marfa, die nur ungern das Haus verließ, ging mit, stand wortlos

daneben, wo Güldenfey bewunderte und lobte, und in ihre Wangen stieg

ein leises Rot. Wie konnte Güldenfey an den langen Winterabenden

erzählen! Nicht wie Ose, die in der Vergangenheit Bescheid wußte,

sondern aus der Gegenwart: sie streute immer Blumen in die grauen

Stunden, und ihre tröstenden Worte waren die goldenen Schlüssel, die

die verschwiegensten Kammern erschlossen.

Sie war es, die auf den Postboten wartete und dann leuchtenden Auges

ins Zimmer trat: »Marfa, hier ist ein Brief von Harro!« Und so kam sie

auch an dem Morgen, da man die Osterpalmen aufgestellt hatte und alle

Räume vom Duft jungen Wuchses voll waren.

Marfa las mit flimmernden Augen, das Papier zitterte in ihrer Hand.

»Harro kommt,« sagte sie, »er kommt heute gegen Mittag.«

Und sie begann sich für den Gang zum Bahnhof zu rüsten, obgleich noch

Stunden sie von dem Augenblick des Wiedersehens trennten.

Harro kam. Er sah angegriffener aus als sonst und war zerstreut. Sie

merkte, wie ihre Zärtlichkeit an ihm abglitt und sah ihn besorgt an.

»Verzeih, ich bin achtlos«, sagte er und blickte dabei starr auf eine

Menschengruppe, die sich mühte, einen Handwagen mit vielem Gepäck zu

beladen. »Ich muß dich bitten, allein nach Hause zu gehen. Ich will

Malte aufsuchen.«

Ihr ahnte nichts Gutes, sie wollte fragen, aber sein verschlossenes

Gesicht drängte jedes Wort zurück. Sie ging allein nach Hause und sah

mit zuckenden Lippen auf die Schneeglöckchensträuße, die sie zu seinem

Empfang hingestellt hatte. --

Malte sah den Bruder verwundert an, als der eintrat. Es war die Stunde,

da keiner vorgelassen wurde.

»Ja, ja, Häberle hat mich beschworen, zu warten,« sagte Harro, »aber es

duldet keinen Aufschub. Ich komme deshalb schon früher, als ich darf.«

Er nahm erschöpft Platz und begann zu berichten. Er hatte für einen

Parteifreund gutgesagt, die Forderung war ihm jetzt zugestellt, es

mußte in kürzester Frist für Deckung gesorgt werden.

»Wieviel?« fragte Malte.

Als Harro eine namhafte Summe nannte, legte er entschieden den

Bleistift auf die Tischplatte. »Ich bedauere, ich kann dir jetzt nicht

helfen.«

Harro blickte erstaunt auf: »Du, der Mann, durch dessen Hände täglich

ungeheure Summen laufen? Der Verbindungen hat wie keiner in unserer

Stadt?«

»Das verstehst du nicht, Harro.«

»Gut, so schaffe Rat!«

Malte hob die Schultern. Er sagte, daß es leichter sei, eine Torheit zu

begehen als sie gutzumachen.

Da wurde Harro erregt. »Du vergißt, daß es mein Geld ist, was ich

fordere, und nicht das deine.«

Es war kein freudiges Wiedersehen. Malte warf dem Bruder

Leichtfertigkeit vor, dieser berief sich auf sein Recht der freien

Verfügung. Sie standen einander mit zornigen Augen gegenüber wie

Kämpfer. Es war bei Malte beschlossen, daß er dem Bruder helfen

müsse, doch daß dieser seine törichte Handlung nicht reuig ansah, das

versteifte seinen Trotz. Mochte er doch die bitteren Folgen seines

Leichtsinns schmecken! Er war auch in täglicher Bedrängnis. Unerhörte

Forderungen drängten auf ihn ein.

Der Weg nach Heilisoe · 第 29 / 47 题