Malte bejahte: »Herrn Usadel.«

Der Herr hob den Hut und nannte einen Namen. »Bitte, einen Augenblick

Geduld. Herr Usa--del -- der Name betont sich auf der letzten Silbe --

diktiert noch.«

»Im Zug? Doch der wird sofort abfahren.«

»O, der Schaffner weiß Bescheid.«

Malte erfuhr, daß die Wartenden das Gefolge waren: ein Kanzlist, ein

Geheimpolizist, ein paar Berichterstatter und die zweite Schreiberin.

»Dort kommt Herr Usadel schon!«

Dem Wagen entstieg jener Mann, den Malte am Fenster beobachtet hatte.

Das also war der vielgenannte Große! Einfach gekleidet, ein wenig

unbehilflich und scheu. »Freut mich, Herr Konsul. Ich habe warten

lassen. Bedaure. Haben Sie einen Raum für eine einstündige Besprechung

bereit?«

Die Worte kamen kurz, in etwas heiserem Ton. Er streckte ein paar

Finger zur Begrüßung von sich. Der weitkrempige Hut verschattete das

Gesicht. Er wandte sich zu seinen Leuten.

»Haben wir heut' noch Verbindung nach Berlin?«

Der Kanzlist meldete, daß nach dem Fahrplan keine Verbindung möglich

sei.

»Also einen Extrazug, Herr Direktor!«

Er schickte sich an, zu gehen; Malte und der Herr, der sich ihm

vorgestellt hatte, traten an seine Seite, die andern blieben zurück.

Einen Extrazug! dachte Malte. Wenn er so viel draufgibt, was mag er

dann fordern! Als sie auf die Straße traten, ließ Telge den Motor

anlaufen, und sie stiegen ein.

Malte war ein wenig beunruhigt. Es war ihm peinlich, daß Usadel einen

Zeugen bei sich hatte, während er den beiden allein gegenüberstand.

Also galt es, aufs höchste gesammelt sein, jedes Wort zweimal wägen. Er

fragte nach dem Ergehen seines Gastes, nach dem Befinden während der

Reise. Doch Usadel schien ermüdet zu sein, er antwortete einsilbig,

und Malte erfuhr nur, daß jener tatsächlich aus Amerika über Schweden

komme. Als sie auf dem schmalen Damm zwischen den Teichen fuhren,

lehnte sich Usadel vor und schaute einen Augenblick auf die dunklen

Gestalten der Schlittschuhläufer, die sich noch auf dem Eis bewegten.

»Das sind die Teiche, denen die Stadt zu Wallensteins Zeit ihre Rettung

dankt, Herr Usadel«, sagte Malte beflissen.

Er sah im Licht einer Laterne, wie sich Usadels Lippen ein wenig

verzogen. War es Spott? Oder Verlegenheit?

»Der hat auch seinen Vorteil nicht verstanden«, sagte er. »Um diese

Jahreszeit wär' es ihm besser geglückt.«

Gleich darauf wandte er sich an Malte: »Der Politiker Treß ist Ihr

Bruder?«

Jetzt kommt es! dachte Malte, als er bejahte.

Aber Usadel nickte und sagte nur: »Sie haben den Artikel gelesen?

Er kam just zur Zeit und hat das Gegenteil von dem erreicht, was er

wollte.«

Malte atmete erleichtert auf. Da glitt schon der Wagen in die Torfahrt

des Treßhofes und hielt gleich darauf vor der Tür. Mellin stand bereit

und öffnete den Schlag.

Was würde Usadel sagen, wenn er den alten Beratungraum betrat, diesen

Raum mit den historischen Bildern, der geschnitzten Treppe, dem schönen

Gestühl? Es schimmerte alles blank und vornehm. Usadel sagte nichts, er

legte den Mantel und den Hut ab, rieb die Handflächen aneinander und

sah sich nach einem Sitz um. Was für ein Mensch war das! Seine Gestalt

gedrungen und doch nicht feist, seine Farbe von einem eigentümlichen

blassen Gelb, seine Gebärden nicht auffallend und doch durchaus

bestimmt. Die hohe Stirn, die in den kahlen Schädel hineinwuchs,

gab ihm etwas Überragendes, die Augen waren nicht zu bestimmen; sie

waren von den Lidern halb verdeckt. Er trug keinen besonderen Zug des

Rassefremden. Das war der Mann, der wie ein Schweifstern, von dem

keiner wußte, plötzlich aufgetaucht war und in seltsamem Licht über

der Menschheit funkelte, von einigen gepriesen, von andern als böses

Zeichen gedeutet.

»Die Herren sind erschöpft«, sagte Malte, auf den Tisch deutend, der

seitwärts hergerichtet stand. »Darf ich einige Erfrischungen anbieten

lassen?«

»Unsre Zeit ist sehr beschränkt, Herr Konsul.«

Es klang drängend. Des Begleiters Augen fuhren begehrlich über die

Kristallflaschen, in denen dunkles und goldenes Rebenblut glänzte, aber

er setzte sich an Usadels Seite. Malte nahm den beiden gegenüber Platz.

»Sie haben um Anschluß an uns nachgesucht«, begann Usadel. »Es ist

nicht unsre Gepflogenheit, kleine Häuser in der Provinz heranzuziehen.

Doch in diesem besonderen Fall wäre eine Vereinigung zu erwägen, wenn

Sie auf unsre Bedingungen eingehen. Herr Direktor, entwickeln Sie

unsern Plan.«

Der Angeredete begann zu sprechen. Jetzt erst betrachtete ihn Malte

genau. Sein wulstiges, fahles Gesicht mit den winzigen Bartflecken auf

der Oberlippe war das Muster für die Gesichter aller Geldmenschen,

die von jagender Arbeit zerrissen sind und deren Unstete den Geist

zerpflückt. Malte mußte an die Worte denken, die ihm der blühende Hans

Olrogge jüngst über sein Aussehen verwundert zugerufen hatte. War der

Mann dort sein Zukunftbild?

Er hatte nicht Zeit, darüber zu grübeln. Sammlung, Sammlung! Nach

den ersten Worten begriff er, um was es sich handelte: man wollte

den Getreidehandel eines weitreichenden norddeutschen Bezirks in die

Hand bekommen; Mittelpunkte sollten geschaffen werden; hier sollte

eins dieser Zentren, vielleicht das vornehmste, entstehen. Ob er

Sicherheiten dafür biete.

Malte griff nach den Geschäftsbüchern, die ihm zur Hand lagen.

Der Direktor winkte etwas geringschätzig ab. »Darüber sind wir völlig

unterrichtet. Sagen Sie uns, ob Sie es sich zutrauen.«

»Wir haben hierzulande viele Genossenschaften«, wandte Malte ein.

Wieder die geringschätzige Geste. »Die bekommen wir alle. Mut,

Entschlossenheit, Herr Konsul! Zu haben ist jeder. Nie fragen: Ob?,

sondern nur: Wieviel?«

Er machte die Gebärde des Geldzählens und lachte ein trockenes

Lachen. Malte blickte auf Usadel. Der saß mit halbverdeckten Augen

da und schien gänzlich unbeteiligt wie eine regunglose Amphibie im

Sonnenschein. Und doch mußte er Obacht geben. Denn als Malte ihn

ansah, verzog sich wieder seine Lippe, nicht zum Lächeln, sondern zu

einer eigentümlichen Verzerrung.

»Sie haben sich unlängst neue Geschäftsräume eingerichtet,« fuhr der

Dritte fort; »das wäre ja für die Vereinigung recht zweckmäßig.«

Das war ihnen auch bekannt? Malte erkannte, daß sie bis ins Kleinste

vorbereitet kamen. Aber wie sollte er sich zu dem vorgelegten Plan

stellen? Gewinnbringend war er, zu befürchten war nichts, wenn Usadel

dahinterstand. Aber schließlich war mancherlei zu bedenken. Er bat um

Bedenkzeit.

Plötzlich erwachte Usadel aus seiner Unbeteiligtheit: »Wie lange, Herr

Treß? Zehn Minuten, fünfzehn? Ich habe meine Reise nur unterbrochen, um

Ihre Entscheidung zu hören. Die Sache ist eilig.«

»Ich erkenne noch nicht klar meinen Vorteil,« sagte Malte etwas

bedrückt.

»Das ist mir verständlich«, erwiderte Usadel. »Sprechen Sie weiter,

Herr Direktor.«

»Ihr Geschäftsvermögen wird dadurch sichergestellt für die nächste

Zeit, daß wir es in unsern Ring mit aufnehmen«, sagte dieser.

»Wäre es nicht ebenso sicher bei mir?«

»Keinesfalls. Geben Sie acht!« Er blickte sich um, ob kein Lauscher

da sei. »Man will wieder geregelte Verhältnisse in der Welt schaffen.

Deshalb müssen wir Deutschland von den ärgsten Schulden befreien. Man

tut das, indem man Geld macht, ganze Wellen von Geld. Wie, fragen Sie?

Man wird Papier machen, das nicht da ist, und Gold und Silber nehmen,

das noch da ist.«

»Das ist gegen das Gesetz«, warf Malte ein.

Der Direktor zuckte mitleidig die Schulter: »Gesetze!« sagte er. Es

klang, als bedaure er einen Verstorbenen.

»Das läßt sich doch niemand gefallen!«

»Meinen Sie! Die Revolution hat gelehrt, daß die Menschheit auf alles

Neue geht wie der Fisch auf den Köder. Zahlen verblüffen. Sagen Sie

jemandem, er verdiene das Dreifache, keiner fragt, ob Sie ihm Metall

oder Papier geben.«

Malte fühlte eine seltsame Beklemmung auf seiner Brust. War das alles

ernst gemeint oder ein wirres Spiel?

»Ich kann mir nicht denken --« murmelte er.

»Ja, die Luftzone, in die wir treten, ist sehr ungewöhnlich«, sagte der

andere. »Ich verstehe, daß es Sie schwindeln macht. Doch verlassen Sie

sich darauf, sie kommt.«

Ja, es war alles klar, was dieser Mensch da vortrug. Wenn es gelang,

der Menschheit das Fieber der Gewinnsucht in diesem Maße einzuimpfen,

sie mit der Geldmasse über den Geldwert fortzutäuschen, dann war sie

blind für alles. Malte gestand sich, daß es der einzige Weg zur Rettung

und ein genial erdachter Plan sei, und doch -- es war ein höllischer

Plan, der ihn, den Kaufmann alten Blutes, erschauern machte.

Er sah Usadel an; der saß da, als sei er unbeteiligt. Seine Hand lag

auf dem Tischrand. Plötzlich fiel es Malte auf, wie brutal diese Hand

war, wie ungeformt, zum Zupacken geschickt; die kurzen fleischigen

Finger wie Krallen. Sah Usadel Maltes Blick? Die Hand fuhr zurück und

zog die Uhr. Das war ein nicht mißzuverstehendes Zeichen.

»Ich verstehe alles«, sagte Malte. »Die Sache ist gut erdacht. Aber,

vergeben Sie, Herr Usadel, sie ist doch ein großartig angelegter

Betrug!«

Der Direktor fiel ein: »Vielleicht! Was geht das uns an? Wir sind keine

Beichtväter für das Gewissen.«

Usadel verzog die Lippe: »Wenn in dieser Zeit das Gewissen wirklich

noch da wäre, müßte man es totschlagen.«

Mord des Gewissens! Wo hatte Malte das doch gehört? Der Strand mit den

schäumenden Wellen trat ihm in die Erinnerung. Irgendwo dort hatte es

jemand gesagt. Sein Blick haftete mit einem Male an dem Schnitzwerk

der Treppenbrüstung, haftete an einem Bild. Was war das doch? Der

Judaskuß im nächtigen Garten. Was sollte das hier? Er riß sich

gewaltsam los. Mit dem allen hatte er ja nichts zu tun. »Man« machte

das, und ihm konnte es gleich sein, wer der rätselhafte »Man« war,

ihm war verheißen, daß in der hereinbrechenden Sintflut sein Vermögen

gerettet werden sollte, alles andre konnte ihm gleichgültig sein. Der

Ehrenschild der Treß blieb unbefleckt.

»Es wird Zeit für uns«, sagte Usadel und schob den Stuhl ein wenig

zurück. »Herr Konsul, wie ist Ihre Meinung?«

Ein Aufbäumen war in Malte, ein Zurückweichen. Aber zwang er es nicht

nieder, so lag all sein stolzes Planen zerstört da. Die Ehre! Und

Frauke! Und die Poppelmanns! Er hätte sich für alle Zeit lächerlich

gemacht, und das verzieh Frauke am wenigsten. »Ich gehe auf Ihre

Vorschläge ein, ich danke Ihnen«, sagte er.

Usadel nickte gleichmütig. »In weniger als einer Woche trifft ein

Herr bei Ihnen ein, der die nötige Vollmacht hat. Er wird Sie über

die nächsten Maßnahmen unterrichten. Verträge schließen wir nicht. Es

bleibt Ihnen wie uns überlassen, mit dreimonatlicher Aufsage unsre

Verbindung zu lösen. Wenn Ihnen dafür die Geltung des Ringes nicht

genügt, so kann es schriftlich festgelegt werden.«

Ja, Malte wünschte das Schriftstück. Der Direktor lächelte.

Die Herren erhoben sich, ein paar Reden wurden noch getauscht. Der

Direktor sandte noch einen sehnsüchtigen Blick nach den Flaschen, Malte

lud nochmals ein, aber Usadel lehnte ab. Dieser Mensch schien keiner

Nahrung zu bedürfen.

Der Wagen fuhr vor, man stieg ein, und der Treßhof blieb zurück.

Auf dem Bahnhof erwartete das Gefolge die Ankommenden: die

Berichterstatter schrieben eifrig auf einen Bogen irgendeine

Mitteilung, die noch in der Nacht einer Zeitung zugehen sollte. Die

beiden Schreibmädchen blickten aus ihren Pelzen neugierig auf Malte,

der Kanzlist meldete, daß der Zug bereitstehe.

Sie hatten auf dem Weg nur wenige Worte gewechselt. Usadel hielt die

Angelegenheit für erledigt. Hinter seinen verdeckten Augen zuckten

wahrscheinlich schon wieder neue Pläne, denen er nachsann. Malte suchte

höflich eine Unterhaltung zu pflegen, aber auch der Direktor, der so

geschwätzig gewesen war, verhielt sich schweigsam.

Usadel schob wieder einige Finger vor und faßte dann an den Rand seines

Hutes. Wozu noch viele Worte, da der Zweck erreicht war!

»Nun?« fragte er seinen Begleiter, als er sich in das Polster des

Wagens fallen ließ.

Der machte eine Gebärde des Zweifels. »Der Mann wurzelt in alten

Anschauungen«, sagte er.

»Taugt also nicht für uns.«

»Wenn er sich nicht mausert, nein, Herr Usadel. In Deutschland jedoch

gibt es viele von der Art; man muß mit ihnen rechnen, und dieser

scheint mir versprechender als mancher andere -- er ist ehrgeizig.«

Malte stand draußen am Wagen und wartete, daß der Zug abfahre. Er

grüßte, als sich die Räder in Bewegung setzten; von innen kam kein

Dank. Sie arbeiteten wohl schon wieder.

Er ließ sich von Telge nach dem Treßhof fahren, Mellin mußte im

Beratungzimmer das Licht andrehen. Dort saß er lange und erwog.

Aber seltsam! Immer wieder fand er seinen Blick auf jenem Bild der

Treppenbrüstung: wie der bärtige Mann, dessen Hand den gefüllten

Geldbeutel umspannt, dem Meister den verräterischen Kuß darbietet. Was

hatte das alte Bild zu schaffen mit den Vorgängen dieser wilden Zeit?

Er wußte es nicht, er wollte dem nicht nachdenken, und doch trat es ihm

aufdringlich nahe.

Und noch eins. Er sah Jörg vor sich, wie er nach dem Spiel in St.

Niklas in jenem Zimmer des Hauses am Markt stand, innerlich in

Begeisterung erglühend, sein Gesicht besonnt: Wir sind doch die Könige!

Er hatte bei sich gedacht: Welchen unbändigen Stolz trägt doch der

arme Wicht! Wir königlichen Kaufleute und dieser Tastenschläger! Jetzt

beneidete er ihn. Ihm war, als dürfe er das Recht des königlichen

Menschen heute nicht für sich in Anspruch nehmen. Seufzend erhob er

sich und verließ das Haus. --

In Fraukes Zimmer fand er Klaus, der eine Mappe mit Stichen mitgebracht

hatte, die Blätter ausbreitete und einige Feinheiten erläuterte.

Malte stellte sich hinter ihn und hörte zu. Er wußte, daß Frauke, die

den Vetter wegen seiner Sucht, sich etwas stutzerhaft zu kleiden,

verspottete und ihn leicht als einen gutmütigen Hausnarren behandelte,

in Kunstfragen sein Urteil gelten ließ.

Plötzlich sah Frauke zu Malte auf. »Weißt du schon, daß Klaus uns

verlassen will?« fragte sie.

Klaus legte die Stiche zusammen. Es war ihm sichtlich peinlich, daß

Malte ihn so verwundert betrachtete.

»Er will heiraten«, fügte Frauke hinzu.

Güldenfey? dachte Malte. Hat er mit ihr gesprochen? Hat sie sich

vielleicht in Rücksicht auf mich bereit erklärt? Er fühlte ein

lebhaftes Bedauern.

»Er hat eine kleine Witwe gefunden, die ihn bezaubert«, fuhr Frauke

fort.

Klaus lachte verlegen. Was würde Malte jetzt sagen? Doch Malte sagte

nichts, er ging zur Wand und drückte auf den Klingelknopf. Als das

Mädchen erschien, bestellte er Schaumwein. Ein plötzlicher Rausch war

über ihn gekommen, seine Augen glänzten. Frauke blickte ihn erstaunt

an: er war leuchtend wie damals in Harvestehude.

»Wir wollen dem Glück Willkomm bieten«, sagte er, als er die Gläser

füllte. »Dir, Klaus, und uns! Ich habe heute mit Usadel abgeschlossen!«

Der Weg nach Heilisoe · 第 28 / 47 题