Der älteste Buchhalter trat ein.
»Die Geschäftsbücher mit einem vorläufigen Abschluß müssen bis vier Uhr
vorliegen. Dringende Angelegenheit.«
»Es soll geschafft werden.«
»Gut! Haben Sie alles zur Hand?«
»Gewiß, Herr Konsul. Wo sollen die Bücher ausliegen?«
Malte überlegte. Sein erster Gedanke war: hier! Es schmeichelte
ihm, den Beherrscher des Geldwesens durch die neuen Räume und den
eindrucksvollen Betrieb zu führen. Doch sie waren hier nicht vor
Störung sicher. Aufsehen vermeiden! Der Treßhof erzwang schon wegen
seines Alters Ehrfurcht.
»Im Beratungzimmer des Treßhofes«, bestimmte er.
Das Telegramm in der Hand haltend, stieg Malte in die Wohnräume hinauf.
Frauke saß am Schreibtisch und schrieb in ihrer spitzen Perlschrift
einen Brief. Er legte das Blatt vor sie hin.
»Entschuldige Frauke! Ich denke, es wird dich freuen.«
Sie las und sah dann ruhig auf. »So, Usadel! Nun, ich wünsche dir
Glück!«
Der Panzer ihrer kühlen Gelassenheit war doch undurchdringlich. Malte
schritt im Zimmer auf und nieder. »Es handelt sich um den Beitritt,
Frauke. Ich muß mich entscheiden. Was rätst du, das ich tun soll?«
Sie legte die Feder nieder und wandte sich ihm zu. In ihrem Blick war
Erstaunen, das ihn beschämte: Soll ich sagen, was deine Sache ist? »Das
mußt du selbst wissen, Malte. Oder frage Onkel Rolf.«
»Gewiß«, murmelte er. »Du solltest nur sehen, daß ich Wert darauf lege,
deine Meinung zu hören.«
Ob man einen Imbiß vorsetze? Frauke stimmte zu, sie werde dafür Sorge
tragen. Und der Wagen? Natürlich, der Kraftwagen stand bereit.
Malte verließ das Haus ein wenig bekümmert. Etwas in seinem Innern lag
brach, ein umhegter Fleck inmitten bestellter Felder, der ohne Blühen
war, der immer den Anblick winterlicher Starre bot.
Auf der Straße grüßte man ihn ehrerbietig, der Aldermann Hofmeister
redete ihn zutraulich an. Die Achtung, die man ihm erwies, belebte sein
Selbstbewußtsein wieder. Wenn sie wüßten, welche Pläne er auszuspinnen
im Begriff war! Die Alten würden Augen machen.
Onkel Rolf war noch auf dem Gericht. Malte fragte, ob jener sich ihm
als Beisitzer zur Verfügung stellen wolle.
»Als Beisitzer, mein Lieber?«
Da der Name Usadel fiel, zeigte er ein erstauntes Gesicht.
»Der kommt hierher? Das ist unmöglich. Er schickt einen seiner
Direktoren.«
Malte legte die Drahtnachricht vor.
»Hast du mit Klaus schon gesprochen?«
»Mit Klaus? Du siehst, die Sache ist vertraulich. Übrigens setzt dein
Sohn seine Mittagszeit schon recht frühzeitig an.«
Rolf wurde bedenklich. Der Zeigefinger mit dem Siegelring rieb das
Kinn. »Ja, eigentlich, da es eine rein geschäftliche Sache ist ... Wird
denn ein Vertrag zu schließen sein?«
»Du begreifst, lieber Onkel, daß ich darüber nichts sagen kann. Ein
Vertrag? Nein, es handelt sich zunächst um eine Rücksprache.«
Malte, der eine lebhafte Zustimmung erwartet hatte, wurde etwas
ungeduldig. Schließlich war sein Vorschlag doch ein Vertrauensbeweis.
»Du magst es nicht gern tun, Onkel?« sagte er knapp.
»Offen gesagt: nein, Malte. Ich würde vielleicht als zudringlich
empfunden werden. Man wünscht mit dir allein zu verhandeln.«
»Gut! Du kannst recht haben.«
Er verabschiedete sich, ohne Empfindlichkeit zu zeigen. Eigentlich war
es ihm lieb, daß der Onkel sich ihm versagte. Nun er sich auf sich
selbst gestellt sah, fand er seine alte Zuversicht wieder.
Also zum Treßhof, wo er Mellin und Telge die Herrichtung und Heizung
des Beratungzimmers anempfahl. Dann nach Haus.
Nach dem Essen ging er wieder in sein Arbeitzimmer. Er wollte sich
sammeln, alle Möglichkeiten erwägen, denn er sollte in entscheidender
Stunde allein seinen Mann stellen. Malte wußte, wieviel vom ersten
Eindruck abhing, zumal bei den Gewaltigen des Geldwesens.
Die Zeitungen! Sie konnten warten. Aber da war eine mit Rotstift
aufdringlich bezeichnete Stelle. Er las und erschrak.
Es war ein aufreizender Artikel gegen das Treiben der
Treuhandgesellschaften, den Harro geschrieben. Andeutungen, die auch
den Uneingeweihten nicht in Zweifel ließen, wer gemeint sei, waren
reichlich vorhanden. Die Absicht, den Vorstoß einer Partei damit
anzukündigen, war offenbar.
Wie peinlich! Wenn Usadel dies gelesen, konnte es übel auslaufen, denn
Maltes Zusammenhang mit dem Politiker Doktor Treß war ihm sicherlich
bekannt. Man mußte Harro verständigen.
Auf eine Anfrage war vom Bahnhof mitgeteilt worden, der Schwedenzug
habe eine halbe Stunde Verspätung. Als Malte eintraf, ward eben eine
volle Stunde Versäumnis gemeldet. Malte betrat den Bahnsteig.
Der Wintertag ließ sich sanft in den weiten Mantel der kommenden
Nacht hüllen. Den westlichen Himmel deckte eine brandige Glut, deren
Widerschein der Schnee der Dächer auffing. Der Rauch der Schlote stieg
kerzengerade in die flimmernde Luft.
Die Geräusche des Fahrtbetriebes klangen in das leise Summen unruhig
schreitender Menschen vor den Schranken: der Pfiff einer Maschine,
das Kreischen der Räder am Bremsklotz. Ein Personenzug fuhr ein und
entleerte sich; Frauen mit Lastkörben schoben sich an Malte vorüber.
Dann schleppte eine Maschine die leeren Wagen aus der Halle.
Endlich erging die Meldung, der erwartete Zug werde einlaufen. Die
Post- und Gepäckkarren wurden vorgefahren, und Reisende strömten herzu;
die ganze Unrast des Verkehrs, die durch das Warten gesteigert war,
flutete um Malte. Dann schob sich mit glühenden Augen, unter stoßenden
Atemzügen der rollende Zyklop herein, der die lange Kette vereister
Wagen schleppte.
Malte hatte sich so aufgestellt, daß er die Aussteigenden überschauen
konnte. Es waren nicht viele, die meisten fuhren weiter. Keiner von
denen, die an ihm vorübereilten, konnte der Erwartete sein. Der
Bahnsteig wurde leer. Sollte eine Versäumnis eingetreten sein? Lag auf
seinem Schreibtisch zu Hause schon die Nachricht? Zögernd ging er am
Zug entlang.
An dem Fenster eines hell erleuchteten Abteils zeigte sich ein kahler
Kopf. Die Lippen bewegten sich mechanisch, nicht wie im Gespräch,
sondern als sagten sie etwas her. Über die Platte des Klapptisches
beugte sich schreibend oder lesend ein gekräuselter Mädchenkopf. In der
Nähe stand auf dem Bahnsteig eine Gruppe schwatzender Menschen: vier
oder fünf Männer und ein Mädchen, dessen Gesicht in dem umgelegten Pelz
verschwand.
Aus dieser Gruppe löste sich ein Herr und trat, als Malte sich näherte,
auf ihn zu: »Herr Konsul Treß vielleicht? Sie erwarten --«