Um den Tag der heiligen drei Könige setzte ein scharfer Frost ein, der
in Kürze über alle Wasser gläserne Brücken schlug. Nach wenigen Nächten
war das Eis auf den Teichen für tragfähig befunden, und auf Schlitten
und Stahlschuhen glitt die Jugend hinüber und herüber, während die
befransten Enden buntfarbener Wollschals um die vor Eifer geröteten
Köpfe wie Puttenflügel flatterten.
Eine Woche nach der Ankunft des Frostes war die Brücke über den Sund
bis zur großen Insel fertig. Schlitten und Lastwagen fuhren hinüber,
und die Koithans, jene alten schmalen Personenschlitten mit den zu
beiden Seiten weit hervorragenden, quergelegten Sitzbrettern, läuteten
auf der abgesteckten Fahrtlinie hin und her. Vor den Dampffähren aber
sägten die Eisbrecher die Schollen, die Wasserrinne offen zu halten.
Der Sonntag war der Tag, an dem auch die Werkenden sich das Besondere
leisten konnten, die Insel zu Fuß zu erreichen. Ein dunkler Strom
Wandernder schob sich über die bläulich-graue Eisdecke. Stellenweise
beulte sich diese, denn der Ostwind hatte in den Frostnächten mit
vollen Backen geblasen. Die Pfähle der Badebrücken hatte das Eis schief
gerückt. Es war ein Geruch nach Schnee in der Luft. Am Himmel lagen
zottige Wolkensäcke, rötlich gegen Westen, von unsichtbar verglimmendem
Sonnenbrand gesprenkelt.
In der Kette der von der Insel Heimkehrenden schritten der Justizrat
Glöden und sein Sohn. Onkel Rolf ohne Aktentasche! Es war ein Ereignis.
Aber Klaus hatte es für nötig gefunden, den Vater, der sich in
Geschäften aufrieb, in frische Luft zu bringen. Also zur Insel, wenn
sich Klaus in diesem Massenbetrieb auch nicht am rechten Platz dünkte.
Der Alte glaubte, Klaus wolle eine leidige Geldangelegenheit
besprechen, aber Klaus redete von ganz andern Dingen.
»Wie steht es eigentlich um dein Verhältnis zu Güldenfey?« fragte der
Vater nach einer Gesprächspause.
Klaus winkte bedeutsam ab und schwieg.
»Stillstand?«
»Erledigt. Endgiltig aus.«
»Aber --« Der Justizrat blieb überrascht stehen.
»Verzeih, Vater; ich habe nicht davon gesprochen. Schon im Oktober hab'
ich mich ihr erklärt. Es kam, wie ich es voraussah.«
»Ich warnte dich, Klaus --«
»Ja, ja, mein onkelhafter Ton! Nun, den hatte ich schon abgelegt. Es
ist eben eine Verschiedenheit da.«
Er gab etwas von dem wieder, was Güldenfey damals gesagt hatte.
»Unsere Verhältnisse erzogen uns doch zu der Aufgabe: Verdiene gut, daß
du dich anständig kleiden und geschmackvoll essen kannst. Das ist die
Hauptsache. Sie aber spricht von den Opfern.«
Der Justizrat rieb mit dem Zeigefinger das Kinn. Hatte er das den Sohn
gelehrt? Essen und Kleidung der Sinn des Lebens? Alle diese Menschen
hier auf ein paar Zoll dünner Eisrinde über Meerestiefen -- wenn sie
plötzlich versinken würden! Ja, man redete das so hin, doch im Grunde
...
»Ist dir kalt, Vater?«
»Ja, die Eisfläche. Laß uns schneller gehen.«
»Es gibt zwei Arten von Menschen, sagt sie. Nun denn, ich bin hüben,
und sie ist vielleicht drüben. Trotzdem --«
»Doch! Es ist schade!«
Es lag ein besonderer Ton auf dem Wort. Klaus sah den Vater an. Aber
in dem hatte der Wirklichkeitssinn schon wieder jede andre Regung
verdrängt.
»Deine Stellung zu Malte wird das nicht beeinflussen?« fragte er. »Die
Heirat und dein Eintritt in die Firma bedingten einander.«
»Das ist das Angenehme in Güldenfeys Korb,« sagte Klaus, »ich kann
jetzt mit gutem Grund das Geschäft aufgeben.«
»Was fällt dir ein!«
Onkel Rolf war außer sich, er vergaß, den Grüßen zu danken, die ihm
dargeboten wurden. Malte ein Streber? Nun ja, der wußte, was er seinem
Namen schuldig war. Es gab in dieser Zeit keinen andern Weg als den,
etwas kühn zu wagen.
»Etwas sagst du«, fiel Klaus ein. »Gut, meinethalben soll er etwas
wagen. Aber darf er alles aufs Spiel setzen?«
»Was heißt das?«
»Den Besitz, den Ruf, seinen Namen?«
»Er ist zu klug, um das zu tun.«
Klaus zuckte die Schulter. »Vielleicht bin ich als abgedankter Offizier
mit zu engen Begriffen ausgestattet. Aber diesen erstrebten Anschluß an
den internationalen Ring der Geldleute halte ich für verderblich.«
»Warum soll Deutschland außen stehen?«
Klaus schwieg eine Weile, dann sagte er: »Mein mütterliches Erbteil
stecke ich nicht in dies Geschäft. Du weißt, Malte hat dies gewünscht.«
»Du bist der Mann stiller Beschaulichkeit«, knurrte Onkel Rolf.
»Was bliebe einem Menschen, der seinen Beruf verfehlt, sonst noch
übrig, Vater? Aber verlaß dich darauf: von dem, was mir dieses
klägliche Leben schuldig blieb, erliste ich mir dennoch soviel als
möglich.«
Und seine Gedanken spielten wieder um das behagliche Haus, in dem die
dunkelgescheitelte Witwe lebte. Noch einen Monat oder zwei! Es war gut
in diesem Fall, sich ein wenig rar zu machen.
Onkel Rolf ging schweigsam. Es bedurfte nicht umstürzender Ereignisse,
um das trübe Flämmlein seines Mutes dem Erlöschen nahe zu bringen.
Wieder ging ein Plan in Trümmer. War Klausens Urteil über Malte
berechtigt? Ach was! Er kannte des Sohnes Abneigung gegen geschäftliche
Dinge zur Genüge. Und doch, man sollte aufmerken. Man war schließlich
beteiligt.
* * * * *
Malte Treß saß einige Tage später in seinem Arbeitzimmer und vollzog
einige Unterschriften. Ein Buchhalter stand neben seinem Stuhl, legte
die Briefe vor und trocknete die Schriftzüge, die der Chef mit kurzem,
kräftigem Strich unter den Schriftsatz zog. Ein Schreiben erregte
Maltes Aufmerksamkeit.
»Sagen Sie, wann wollte Herr Häberle in Berlin sein?«
»Heute, Herr Konsul.«
Malte rechnete nach. Die Besprechung auf dem Wirtschaftamt mußte an
einem Tag erledigt werden. »Also wird er morgen abend spätestens hier
sein. Legen Sie bis zu seiner Rückkehr den Brief zurück.«
Es war ein viertes Werbeschreiben an ein Glied des heimlichen Ringes.
Die Angelegenheit gedieh nicht weiter. Maltes Tatendrang zerrte an den
Widerständen wie ein stallmutiges Pferd an der Halfterkette. Dennoch --
den Inhalt dieses Schreibens mußte er mit Häberle noch einmal erwägen.
Der Buchhalter trat zurück.
»Sobald die amtlichen Berichte einlaufen, bitte.«
»In einer halben Stunde, Herr Konsul.«
Die Tür schloß sich. Malte lehnte sich in den Sessel zurück. Was
nun? Den Aktenstapel über eine Fabrikgründung? Die Bilanz einer
Genossenschaft? Die neue Gesetzsammlung? Immer Neues wälzte jeder
Morgen herbei. Er sah gelangweilt über die Papierstöße auf seinem
Schreibtisch hin. Oder war das Müdigkeit? Nein, nur Langeweile. Er
straffte sich. Nur ein seltsames ziehendes Schmerzen über der Braue.
Malte stand auf und zog den Fenstervorhang zu. Die Wintersonne gleißte
wie blankes Messing. Also die Bilanz!
Plötzlich hörte er den singenden Schlag der Standuhr auf seinem
Schreibtisch. Als der letzte Schlag erklang, ließ die Figur des Todes
den Arm mit der Hippe fallen. Wieder eine Stunde fortgemäht! Es war ein
altes Stück, das der Großvater aus England mitgebracht hatte. In der
Linken trug der Todesbote eine Sanduhr. Auf einem Spruchband stand:
=Carpe diem!=
Malte griff nach dem Stundenglas und kehrte es um. Wenn der Sand
abgelaufen war, sollte die Arbeit beendet sein.
Sie war fertig, als es klopfte. Die Berichte wurden überreicht.
Mit diesen fertig zu werden, war nicht die leichteste Aufgabe des
Tages. Jede neue Verfügung war ein Zeugnis für die Hilflosigkeit und
Unentschlossenheit der Spitzenmänner, die das Gedeihen lähmte. Pflanzt,
reißt aus! Pflanzt neu, reißt wieder ab! Kaum war der letzte Stein in
die Mauer gefügt, sah man, daß sie unzweckmäßig war. Also fort mit
ihr! Ein Spiel der Kinder am Sandhaufen. Aber die Drossel an der Kehle
des Volkslebens waren ein gewagtes Spielzeug. Eines Tags ... Nun, dann
würde eben jemand den Erstickungtod feststellen.
Die Uhr klang; der Arm mit der Hippe erhob sich gleich darauf wieder
für den nächsten Schlag.
Malte stand auf. Er wollte auf das Gericht gehen, wo er Onkel Rolf zu
treffen hoffte. Als er den Pelz überzog, pochte es wieder.
Eine endlose Drahtnachricht. Von Häberle? Sie war unterzeichnet von
Usadel. Malte traute seinen Augen nicht. »Wie ist dies gekommen?«
fragte er.