»Ja, ja! Amen!« sagten die andern.
Sie waren in heiliger Verzückung, sie hätten sich wie die
Geißlerscharen der großen Pestzeiten inbrünstig mit knotigen Stricken
blutiggeschlagen, um ihr Volk zu erlösen. Einige warfen sich auf die
Knie, andre vergruben ihr Gesicht in gefaltete Hände. Schluchzen,
Stöhnen füllte den Raum.
War dies die Erlösung? Güldenfey dachte an Jörgs Erzählung von der
Versuchung. Er mußte erst nahen, der Stille, Wartende, der unter den
Bäumen harrte, bis seine Stunde reifte. Bis dahin durfte man nur auf
das Winken seiner Augen achten. --
Leise, wie sie gekommen, entfernten sich die Versammelten. Beim
Hinausgehen nickte mancher Güldenfey freundlich zu.
»Wie liebenswürdig sie sind, Engelke!« flüsterte Güldenfey.
Die Alte, die mit jemand gesprochen, wandte sich Güldenfey wieder zu.
»Hast du nun erfahren, was du wissen wolltest?« fragte sie.
»Das Tier! Ja, nun kenn' ich es.«
Engelke ergriff die Hand eines blassen Mädchens, das neben ihr stand.
»Das ist Hanna Wilkens, unsre fleißige Näherin«, sagte sie. »Sie geht
den gleichen Weg wie du und wird dich begleiten.«
»Und du, Engelke?«
»Ach, mich alte Person läßt schon jemand einhaken, und bis zum Heiligen
Geist ist's nur eine kleine Strecke.«
So ging Güldenfey an der Seite des kleinen Nähmädchens durch die
Straßen. Der Nebel war noch schwerer geworden, er hüllte die dürftigen
Straßenlampen wie mit abblendenden Händen ein. Vor den Fenstern der
Häuser lagen die Läden fest verklammert. Nur selten klangen ferne
Schritte durch die Nacht.
Es lauert etwas dahinter, dachte Güldenfey. Ich kenne es: das Tier, das
aus dem Meer stieg, bedroht uns.
Sie versuchte mit ihrer Begleiterin ein Gespräch anzuknüpfen; die
antwortete leise und bescheiden. Sie arbeitete in dem Anfertigungraum
eines Geschäftshauses, einer großen Stube, deren Fenster auf einen
tiefen Hof sahen und zwischen dunkelnden Wänden standen. Ihre Mutter
war Witwe; sie hatte zwei unversorgte Geschwister und versuchte, noch
außer ihrer Arbeitszeit zu verdienen.
»Und obgleich Sie so müde vom Tage sind, besuchen Sie noch abends die
Versammlungen?« rief Güldenfey erstaunt.
»Es ist fast die einzige Freude, die ich mir gönne«, sagte das Mädchen.
»O!« Güldenfey fühlte sich sofort beschämt, und ihr Herz wallte auf.
»Besuchen Sie mich doch Sonntags. Sie wissen, der Treßhof.«
»Ich habe sehr wenig Zeit, auch am Sonntag«, erwiderte die kleine
Näherin. »Ich bin aber schon für die gütige Einladung dankbar.«
»Nein wirklich, Sie müssen kommen«, sagte Güldenfey herzlich. »Wir
wollen nachdenken, wie wir Ihre Lage verbessern.«
Die andre lächelte. Nach einer Weile fragte sie: »Sie werden in unsre
Gemeinschaft nicht mehr kommen?«
»Ich glaube nicht!« sagte Güldenfey leise. Es war, als hüte sie sich,
mit ihrer Antwort dem Mädchen weh zu tun.
Mellin in seinem Wettermantel stand vor der Torfahrt und schaute nach
Güldenfey aus.
»Wir sehen uns gewißlich wieder«, sagte Güldenfey und drückte dankbar
die Hand der Freundlichen.
Mellin steckte die Schlüssel in das Türschloß. Sie aber stand noch
und sah der Fortgehenden nach, bis ihre Schritte im Nebel der dunklen
Straße verhallten.