Er sah sie betroffen an. »Und du?«

»Ich gehöre zu den letzten.«

»Aber das ist ja jugendlicher Überschwang!« fuhr er erregt auf. »Das

verliert sich mit den Jahren.«

»Nein, das ist Wesen«, sagte sie fest. »Meine liebe Mutter ... Doch

warum davon reden! Es sollen Menschen, die im Innersten so verschieden

geartet sind, nicht an gleichem Strang ziehen.«

In diesen Worten lag etwas, das wie eine Schranke Halt gebot. Sollte

er jetzt noch versuchen, Malte zu Überredungskünsten anzueifern? Es

wäre doch vergeblich gewesen. An Klaus' Augen zog das Bild einer

wohlhabenden, dunkelhaarigen Witwe vorüber, deren Blicke schon lange

lockten. Etwas ganz andres als dieses süße lichte Blond. Und dennoch ...

Er stand auf. Der Rückzug ist für den Soldaten in jedem Falle peinlich,

der Rückzug vor einem Mädchen ist doppelt unangenehm. Er bewahrte

Haltung, doch die gekränkte Miene war nicht zu verleugnen.

»Vergib mir, Klaus!«

Er beugte sich über ihre Hand, und in diesem Augenblick ward ihm klar,

was sie meinte. Ja, es war besser so. --

Güldenfey ging mit ausgebreiteten Armen durch das Zimmer, als sie

allein war. Wie glänzten die Dinge um sie her! Sie tauchte ihr Gesicht

in den bunten Herbstlaubstrauß auf der Kommode und ging wieder von

einem zum andern.

Du hast recht getan! wiederholte fortwährend die kleine Säulenuhr. Wir

bleiben bei dir, und ich zeige dir neue, versteckte Heimlichkeiten,

sagte der Schrank mit dem verborgenen Fächerwerk; und der Spiegel

schien ihr freundlich zuzunicken. Da lachte sie fast übermütig und

strich die Delle auf dem Sofa, die Klaus hinterlassen hatte, glatt.

Sie hätte gern einem Menschen erzählt, daß sie frei bleiben dürfe, aber

Harro hatte Marfa abgeholt und war zu ihrer Aufmunterung mit ihr in den

Harz gefahren. Und Frauke? Nein, was hätte Frauke davon verstanden! So

ging Güldenfey zu Engelke.

Die Alte war krank gewesen, befand sich jetzt aber in der Besserung.

Ihre Schwester, die Schusterswitwe Friedchen Waterström, die auf dem

Räucherboden von St. Johannes eine Altersstube bewohnte, war bei ihr.

»Was hat dir nur gefehlt?« fragte Güldenfey erschrocken.

Das mundfertige Friedchen, das man nie ohne ihre mit Siegellack

geflickte Brille sah, nahm sofort das Wort. »Was wird's gewesen sein,

gnä' Fräulein! Rheuma. Als Singen und Beten nicht halfen, haben wir ein

Pechpflaster aufgelegt, das hat gezogen. Pechpflaster ist das Beste!

sagte mein seliger Waterström.«

»Aber Sie hätten mich rufen sollen«, sagte Güldenfey.

»Ach, gnä' Fräulein,« rief das Friedchen, »hier im Heiligen Geist

wohnt sie ja so gut, da ist ja das Kranksein schon eine Lust. Wenn ich

dagegen an den Räucherboden denke! An den Geruch gewöhnt man sich und

auch an die schwarze Rußfarbe, aber die Enge --«

Es war nicht leicht, wenn die Waterström diesen Vergleich zog, durch

ihren Wortschwall bis zu Engelke vorzudringen, die matt und ein

wenig lächelnd im Ohrenlehnstuhl saß. Sie war noch geduldiger und

freundlicher als vorher und wartete, bis die Schwester gegangen war.

»Ich wollte nicht, daß sie dich beunruhigte«, sagte sie. »Ich nahm

die Schmerzen als Gottes Strafe für meinen Undank. Ich hab' es doch

wirklich hier so gut und murre, weil ich nicht den Treßhof vergessen

kann.«

»Du hast dich noch nicht eingelebt, Engelke?«

»Nie, nie!« sagte sie und wischte hastig ein paar Tränen fort.

Güldenfey hatte viel zu streicheln und zu trösten. »Ich möchte dir

etwas ganz Besonderes schenken, Engelke. Hast du einen Wunsch?«

»N--ein.«

Aber auf längeres Zureden gestand sie, wie leid es ihr sei, daß die

dumme Krankheit sie verhindert habe, in den herbstlichen Wald zu

kommen. Ein Ausgang in den mailichen Wald, einer, wenn die Blätter

fielen, das waren seit ihrer Jugend die freien Tage des Jahres, die die

alte Magd für sich begehrt hatte.

»Es ist aber nicht zu spät«, sagte Güldenfey. »Das Laub färbt sich

erst. Ich hole dich im Wagen ab. Sage nur, wann.«

Wie fein war der Tag, da die beiden ausfuhren! Sämtliche Bewohnerinnen

des Heiligen Geist bildeten Spalier, als Engelke von Güldenfey zum

Wagen geführt wurde, der vor dem Portal wartete. Güldenfey nickte

strahlend nach rechts und links, und die welken, zahnlosen Mäulchen

dankten ein wenig säuerlich. Engelke war verschämt.

Allerseelen war vorüber. Wo der Schatten den Weg deckte, knisterte um

den Mittag noch die silberne Reifspur der Nacht, aber die Sonnengarbe

stand leuchtend über leeren Feldern und smaragdgrüner Wintersaat.

»Sieh, Engelke, wie braun noch das Laub ist!«

Die Alte nickte stumm über gefalteten Händen. Ach Gott, daß ihr

das noch wurde! Im Wagen durch diese Pracht. Sie hätte immerfort

danke, danke sagen mögen, aber das litt Güldenfey nicht. Dann ein

Kaffeestündchen in der Waldschenke, ein kurzer Spaziergang unter

dunklen Tannen, und schon verschwelte die Sonnenglut des kurzen Tages.

»Ist es schon zu Ende?« fragte Engelke.

»Denk' an dein Rheuma.«

»Ach, nun kann ich wieder viel ertragen«, seufzte die Alte.

Güldenfey ließ den Wagen einen Weg einschlagen, den sie liebte und

der durch jungen Wuchs führte. Der westliche Himmel war gänzlich mit

Purpurflöckchen bestreut, der östliche aber, an dem die nahezu volle,

grünlich-blasse Mondscheibe hing, war glatt und funkelnd wie polierter

Stahl. In dieser kurzen Frist, da Tag und Nacht zu seltsamem Zwielicht

ineinanderflossen, erschien der junge Trieb wie ein Märchen. Die

wenigen starken Eichen trugen ihr rostiges, gekräuseltes Laub wie eine

dunkle Wolke. Das Braun der Buchenheister hob sich fein von dem ernsten

Grün der Jungtannen und Wacholder ab, und die Lärchen streuten ihre

gelblichen Nadeln über bemooste Baumstümpfe am Wegrand.

Güldenfey ließ den Wagen halten. Engelke murmelte aus ihren Tüchern:

»Wie ist die Welt so stille

Und in der Dämmrung Hülle

So traulich und so hold

Als eine stille Kammer,

Wo ihr des Tages Jammer

Verschlafen und vergessen sollt.«

»Verschlafen? Ja; aber vergessen? Ach, Engelke!«

Mitten in der Schönheit der flammenden Wälder fiel auf Güldenfeys

liebendes Herz die schwere Not der Zeit, die alle Häuser des Landes

bewohnte. Gab es denn nicht einen Ort, dahin man vor ihr fliehen konnte?

Die Schönheit der Natur bot auch keine Zuflucht. Wie sollen die

Menschen, die beständig gegen das große Gesetz der Liebe fehlen, in ihr

Frieden finden, deren Wesen auf strengste Gesetzmäßigkeit gegründet

ist!

Die Pferde trabten der Stadt entgegen, der Wald versank im bläulichen

Atem der Nacht.

»Engelke, du bist fromm«, sagte Güldenfey. »Weißt du, was der Grund

unsrer herzbeklemmenden Not ist?«

»Das wißt ihr wohl besser als ich einfältige Magd, die Gott auf ihre

Weise dient«, wehrte die Alte ab.

»Ich habe viele gefragt; doch weiß es keiner«, sagte Güldenfey.

Engelke schwieg eine Weile, dann begann sie: »Ich find' es auch nicht.

Aber wenn du es fertigbrächtest, einmal unsre Versammlung zu besuchen

...! In einigen Wochen kommt ein erleuchteter Mann zum Vortrag.«

»Ich komme, Engelke.«

»Ach, Fräulein Fink wird es dir noch ausreden. Sie hält mehr vom Spuk-

und Teufelskram als vom Glauben.«

Als Güldenfey der Alten am Tor des Heiligen Geist vom Wagen half, sagte

sie: »Nun vergiß nicht diesen schönen Tag. Ich komme bald, um die

Ankunft eures Redners zu erfragen. Dann begleite ich dich.«

* * * * *

An dem Abend im späten November lag schwer und feucht der Seenebel

über der Stadt. Das Leckwasser tropfte träge in den Gossen, die

Straßenlaternen bildeten gelbe Lichtflecke in dem trüben Dunst.

Güldenfey tat einen alten Mantel um, setzte ein verschrobenes Hütchen

auf und ging zu Ose hinauf.

»Jetzt geh' ich, Ose, und du leistest also Frau Doktor Gesellschaft.

Aber, bitte, erzähle ihr keine gruseligen Geschichten.«

Ose stand schon bereit. »Frau Doktor will immer solche Geschichten

hören«, sagte sie.

»Aber nicht wieder von Mariakron, wo sie im Klostergrund die

Kinderskelette fanden«, bat Güldenfey.

»Gut, gut!« sagte Ose. »Du gehst also wirklich?«

»Natürlich, Ose.«

Die Alte schüttelte den Kopf. »Diese Winkelfrommen! Nimm doch einen

Schleier, daß dich nicht jeder erkennt.«

Aber Güldenfey winkte ihr nur zu, öffnete eine Tür, um Marfa noch einen

Gruß zuzurufen, und ging.

Das Pflaster der Straßen war feucht und von einer dünnen Schicht

klebrigen Schmutzes bedeckt. Einzelne Menschen liefen hastig durch das

Dunkel der kaum erhellten Häuserzeilen, als strebten sie, so bald als

möglich unter Dach zu kommen. Der Nebel dämpfte jeden Laut. Die Sirene,

die im Hafen zuweilen aufschrie wie ein hungerndes Wüstentier, schien

ihren Ruf aus entlegenen Weiten zu senden. Die Glockenschläge der

Kirchen klangen gedämpft.

Zuweilen wurde die Tür eines Hauses geöffnet, die Steinstufen herab

huschte eine Gestalt, die über die Straße lief, um jenseits im Schatten

einer Beiwacht, eines Hauswinkels wieder zu verschwinden. Es lag etwas

Gespenstisches in diesem lautlosen Eilen schweigsamer Menschen, deren

Geschlecht, Alter und Art unkenntlich war, und Güldenfey mußte an Oses

Erzählung von den Schatten vergangener Geschlechter denken, die durch

die lichtlosen Straßen der Stadt irren, weil sie die Tür von St. Niklas

zur Mitternachtmesse nicht geöffnet finden.

Vom Binnenhafen drang der Geruch im Wasser faulenden Unrats. Die

Fenster der Schenken, hinter denen das Lärmen der Zecher und die

Klänge einer Harmonika durcheinanderbrausten, waren vom Niederschlag

menschlicher Dünste getrübt. Eine heisere Stimme rief hinter Güldenfey

drein.

Endlich hatte sie den Heiligen Geist erreicht. Engelke stand schon

bereit.

»Mein altes Herz hat in Angst um dich geschlagen. Dieses Wetter! Ich

hätte dir den Gang doch nicht vorschlagen sollen.«

Güldenfey beruhigte sie, und sie gingen, gingen durch Winkel und

Gäßchen, von deren Vorhandensein Güldenfey nichts wußte.

»Wo sind wir eigentlich, Engelke?«

Die Alte murmelte etwas, was Güldenfey nicht verstand. Es gab hier

Mörderstraße und Diebsteig; warum das Kind erschrecken!

Endlich standen sie vor einem schmalen Vorstadthäuschen, aus dessen

Pforte ein Mann trat. Engelke begrüßte ihn, und er geleitete sie die

Stiege empor auf einen Flur, wo er ihnen beflissen eine Tür öffnete.

»Es wird gleich beginnen«, sagte er leise. »Hier rechter Hand ist noch

Platz.«

Sie betraten einen länglichen, mäßig großen Raum, der schwach

beleuchtet war. An der einen Schmalseite standen ein Rednerpult und

ein Harmonium; die hell getünchten Wände waren kahl. Auf hölzernen

Bänken und Stühlen saßen die Angehörigen dieser Gemeinschaft, Männer

mit harten Arbeiterhänden, Frauen mit welken Gesichtern, Mädchen, die

mit der Nadel oder im Hausdienst erwarben, ein paar Burschen; aber alle

waren mit sauberer Schlichtheit gekleidet, ernst und gesammelt.

Es kamen noch einige. Die Art, wie sie die schon Anwesenden begrüßten,

hatte etwas Eigenes. Es lag im Blick, den sie tauschten, im Neigen

des Kopfes nichts Steifes, Hergebrachtes, sondern der Ausdruck

gegenseitigen Verstehens und Gelobens. Diese Menschen, die aus ihrer

Tagesnot hier Entlastung suchten, erschienen Güldenfey wie die Glieder

der ersten römischen Gemeinden in den Katakomben, wie die Gottsucher,

die vor dem Zorn der Kirche flüchten mußten.

Seltsam! Keiner musterte sie mißtrauisch oder neugierig. Jeder schien

ohne weiteres ihre Zugehörigkeit anzuerkennen.

Und da waren ja auch Bekannte. Unter den schlichten Leuten saß schlicht

und unscheinbar Oberst Helf, der Kriegsverstümmelte, und etwas

schamhaft im Winkel Frau von Ebel, die ihre drei Söhne verloren hatte

und deren Augenlicht durch Tränenströme fast erloschen war.

Güldenfey sah sich freier um. Sie wurde sogar gegrüßt und dankte

mit einem gewissen Stolz. Kannte dieser junge Beamte von einem der

zahllosen neuen Ämter sie wirklich wieder? Sie hatte seine freundliche

Art einmal in der Amtsstube laut gerühmt, um die aufgeblasenen

Unehrerbietigen zu strafen, die grob mit den verängsteten Rat- und

Hilflosen verfuhren.

Die Tür war wieder geöffnet und ein Mann eingetreten, der sich durch

nichts auszeichnete. Er trat hinter das Pult auf eine Erhöhung, legte

ein Buch auf den Pultdeckel und neigte für kurze Zeit den Kopf.

»Das ist er!« flüsterte Engelke.

Also das war er! Vielleicht ein einstiger Beamter, vielleicht auch ein

Geistlicher, den es im Schatten der Kirche nicht gelitten hatte.

Er hob das Gesicht, seine Blicke wanderten über die Harrenden dahin.

Jeden schien er zu prüfen; jeden schien er zu fragen: Was gebe ich dir?

Was verlangst du von mir? Dieser Mann bot den Eindruck unbegrenzter

Freiheit, die sich durch nichts, was Menschen schreckt, beirren läßt.

Er nannte ein Lied, das gesungen werden sollte. Eine junge Lehrerin

saß am Harmonium. Eine Weise, feierlich-getragen und doch seltsam

rhythmisch bewegt, ward angestimmt. Alle sangen mit. Dem Oberst reichte

eine Hand das geöffnete Buch. Güldenfey lauschte. Sangen so nicht die

verfolgten Gläubigen auf den russischen Strömen, wenn sie am Abend auf

verankerten Flößen saßen?

Das Lied war verklungen.

»Was jeder dem Vater an Not der Sorge oder der Schuld zu sagen hat, das

tue er jetzt und entlaste sein Herz.«

Stirnen senkten sich, Hände suchten sich; zuweilen klang eines halb

erstickten Seufzers Laut durch den Raum.

Und wieder ging das Fragen der Augen da vorn von Gesicht zu Gesicht.

Sie waren bereit, und er begann zu reden.

Vor sechseinhalb Jahren, sagte er, sei er das letzte Mal an einem

warmen Juniabend durch diese Stadt gegangen, die voll fröhlicher

Reisenden war. Gesang, Gelächter, Musik, auf dem Balkon des Artushofes

bunte Lampen und Gläserklirren. Aber hinter diesem glänzenden Vorhang

habe eine dämonische Macht unheimlich gelauert: sechs Wochen später

hätten wir die Kriegserklärung gehabt.

Der Oberst hob witternd den Kopf. Ja, damals!

Heute sei er wieder durch die Stadt gegangen. Winterliches Dunkel,

Schweigen, Nebel auf den Dächern wie ein Deckel auf dem Sarg, eilige

stumme Menschen. Und wieder habe er hinter dünner grauer Wand eine

dämonische, menschenfeindliche Macht lauernd stehen sehen: die bange

Sorge.

Güldenfey spürte einen kühlen Hauch im Nacken, als sie an die Schauer

ihres Weges dachte. Ja, so war es! Die Sorge.

»Aber Krieg und Sorge sind die Namen des Dämons nicht, der jetzt

die Welt beherrscht, es sind nur Geißeln, mit denen er zuschlägt.

Die Menschen haben Gott verlassen, aber da sie ohne einen Herrscher

nicht sein wollen und nicht leben können, haben sie sich einen

Beherrscher des Abgrunds gewählt, der viel verspricht, aber dafür seine

Untergebenen peinigt und quält.«

Er sah wieder über die Reihen hin.

»Schon vor fast zweitausend Jahren ist von diesem Dämon geweissagt

worden. Hört, was das Wort von ihm sagt!«

Er schlug das Buch, das auf dem Pult lag, auf. Es war eine Stelle, die

auf den letzten Blättern verzeichnet war.

»Ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, und der ganze Erdboden

verwunderte sich des Tieres und betete es an und sprach: Wer ist dem

Tier gleich, und wer kann mit ihm kriegen? Und es tat seinen Mund auf

zur Lästerung gegen Gott. Und ihm ward Macht gegeben, zu streiten mit

den Heiligen und sie zu überwinden. Und es macht, daß die Kleinen und

Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Knechte sich ein Mal

geben an ihre rechte Hand oder Stirn, daß niemand kaufen oder verkaufen

kann ohne dieses Mal des Tieres oder die Zahl seines Namens.«

Er hielt bedeutsam inne und fuhr dann lauter fort: »Hier ist Weisheit

not! Wer Verstand hat, der überlege des Tieres Zahl, denn es ist eines

Menschen Zahl.«

Der Mann schloß das Buch. Die Augen, die sich auf ihn richteten, waren

heiß und voll Begehren.

»Freunde, soll ich euch jetzt noch den Namen nennen, vor dem die

Welt im Staube liegt? Kennt ihr die dämonische Macht, die allen, die

Liebe und Glauben fortwerfen, Glück verheißt, die der Inbegriff des

Unpersönlichen und Niedrigen ist? Es ist das Geld! Ihr alle kennt den

Namen des Tieres.«

Es ging ein Aufatmen durch die Versammlung: Ja, so ist's! Geld hat den

Krieg entfesselt, Geldsucht der Erpresser schafft diese Not. Güldenfey

horchte angespannt. Würde der Mann ihrem Herzen Antwort geben?

Er sagte: »Das ist das Erniedrigende, Vertierende dieser unheimlichen

Gewalt, daß sie mit einem gemeinen Betrug wirkt: Ich mache dich zum

Herrn. Jawohl, Herr der Dinge, aber ihr unentronnener Knecht. Das Geld

besitzt den, der sich ihm unterwirft, eher, als er das Geld besitzt.

Die Gier, zu besitzen, ist das Knechtmal.«

Wie füllte sich die Stimme des Sprechenden mit Glut und Gewalt, die

seine Hörer aus diesem Haus entrückten! Er war in dem großen Erdteil

jenseits des Ozeans gewesen, wo das Tier aus dem Wasser stieg. Vor 425

Jahren hatte Europa seine Schiffe ausgesandt, einen Seeweg, ein Land zu

entdecken. Da fanden sie das Tier, den Fluch Gottes, und unterwarfen

sich ihm.

Wie ein Magnet zog es die Menschen an und vertierte sie. Die

eingesessenen Völker mit Schwert und Branntwein ausgerottet! Das von

Blut und Frevel dampfende Land an sich gerissen! Dann die Hetzjagd nach

Besitz! Man betete das Tier an, das seinen Mund gegen Gott auftat und

sein Werk lästerte.

Dann kam es über das Meer nach Europa. Man wollte es hier denen da

drüben gleichtun. Ein Volk entriß dem andern den Vorrang: Holland den

Spaniern, England den Holländern. Dann fiel die Gier Deutschland an;

das Volk mit der Kindesseele warb um das Mal des Tieres an der Stirn,

kaufen und verkaufen zu können. Da stand Gott auf und gebot Halt. Und

wir verloren den Krieg.

Mein Gott! dachte Güldenfey. Mein Gott! War es so? Hatte die glitzernde

Bahn des Verderbens diesen Verlauf genommen? Sahen das nur wenige,

waren die andern mit Blindheit geschlagen?

Wo hatte sie schon Ähnliches gehört, gesehen? Balzer Treß, der

fliegende Holländer, der die Heimat verspielte. Und dann Jörgs Bild von

dem ungeheuerlichen Menschen auf den Geldsäcken. Ja, die wußten darum.

Sie zwang sich, der Rede weiter zu folgen. Was war das, was er soeben

sagte? Wir sind noch nicht am Ende, wir haben die letzten, bittersten

Hefen noch nicht getrunken? Was käme uns noch?

Der Sprecher war völlig hingenommen von dem, was er aus seiner Seele

schleuderte. Er glich einer steil steigenden Flamme.

»Wir sind so der Starre verfallen, daß wir Wahrheit und Notwendigkeit

nicht mehr kennen«, rief er. »Wir haben das, was wir gewannen, mit dem

Verlust unsrer Seele bezahlt. Erst wenn uns das Grauen anwandelt über

das, was wir verloren, werden wir erkennen, werden wir umkehren.«

Ein Seufzer stieg irgendwo wie eine wortlose Klage auf. Ein Mütterchen

fuhr mit dem Handrücken über nasse Augen. Ach, sie erkannten; sie

wollten nur ihre stillen abseitigen Wege gehen. Wann endeten sie nur?

Es war, als hätte sie die Gründe der Seufzenden erschaut. Diese alle

waren doch gekommen, Trost zu hören. Und dann die Irrenden, die wie

der fliegende Holländer durch die Wildnis der Wasser fuhren. Es waren

so viele, von denen sie wußte, daß sie Deutschland den Geist, der dort

drüben regierte, einblasen wollten. Malte hatte erst jüngst davon

gesprochen. Malte! Sie sah ihn vor sich, sein ernstes, blasses Gesicht.

War seine Schöpfung, diese neuen Räume am Markt, diese vielen Tische

mit den Lichtkreisen, das Bild der Fieber, die ihn verzehrten?

Eine plötzliche Angst überfiel sie und jagte eine heiße Blutwelle in

ihre Stirn. Wußte der Mann dort um das Tier, so mußte er auch um die

Rettung vor ihm wissen. Warum schwieg er davon?

Sie wußte nicht, was sie tat, aber sie stand plötzlich.

Engelke sah seitwärts an ihr hinauf und zupfte sie verlegen.

Der Redner dachte wohl, sie wolle den Saal verlassen; er sprach weiter.

Doch die Dringlichkeit, mit der sie ihn ansah, beirrte ihn. Er zögerte,

fuhr wieder fort und brach plötzlich ab.

»Wünschen Sie etwas zu bemerken?« fragte er.

Alle Gesichter wandten sich ihr zu, sie fühlte sich unwillig angesehen.

Das Blut in ihren Ohren brauste, vor ihren Augen drehte sich ein

Kaleidoskop, und die Kniee lähmte eine seltsame Schwäche.

»Wo ist der Weg nach Heilisoe?« fragte ihre flackernde Stimme.

War der Nebel vor ihren Augen, oder floß er um den Mann? Aber sie sah

doch, daß er sie freundlich anblickte.

»Ich verstehe nicht ganz«, sagte er.

»Ich meine die Hilfe«, sagte sie. »Was sollen wir tun?« Ihre Stimme war

jetzt hell.

Der Sprecher lächelte. »Ich danke Ihnen, liebes Fräulein«, sagte er.

»Ich wollte darüber eigentlich erst morgen sprechen, aber vielleicht

sind Sie dann nicht hier. Sie haben recht. Ich werde sogleich auf Ihren

Wunsch eingehen.«

Er sprach einige überleitende Worte und öffnete dann sein Buch.

»Ich las in dem gegebenen Text ein Wort nicht, das auf die ängstliche

Frage Antwort gibt. Hört es jetzt: So jemand ins Gefängnis führt, der

wird in das Gefängnis wandern; so jemand mit dem Schwert tötet, der muß

mit dem Schwert getötet werden. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen

not.«

Güldenfey saß wieder und lauschte.

»Alle ihr, die ihr die tägliche Notdurft höher schätzt als die

Anhäufung des Reichtums, die ihr eure Hand von Wucher rein hieltet und

unrecht Gut nicht nehmt, ihr seid frei vom Mal des unsauberen Tieres.

Aber ihr müßt Not und Schuld eures Volkes mittragen in Glauben und

Geduld. Keine Gewalt! Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert

fallen. Glaube und Geduld!«

Und die Erlösung? dachte Güldenfey. Es muß doch eine Erlösung sein.

Seine Worte schlugen wie Hammerschläge. Die Hörenden packte es wie ein

Schauer, in dem sie fröstelten.

»Gelobt ihr, euch frei zu halten von der Befleckung des Ungerechten und

das Gebot eures Königtums zu erfüllen?«

Er blickte sich fragend um. Die Menschen hatten die Köpfe gesenkt.

»Sagt, daß ihr es wollt!«

Der Weg nach Heilisoe · 第 23 / 47 题