»Nein!« sagte Güldenfey. »Nein, Klaus.«
Klaus zupfte an seinen Handschuhen und sah verlegen zu Boden. »Warum
nein? Weißt du denn, was ich will?«
»Ich weiß es. Bitte, sprich nicht mehr.«
Sie saßen in Güldenfeys Zimmer, das voll warmen herbstlichen
Sonnenscheins war. Des Mädchens Augen wanderten über die glänzend
gebohnerten Möbel aus hellen Hölzern, die schon in der Mutter
Mädchenstube gestanden. Was sagten diese lieben Biedermeierdinge zu
dem, was hier gesprochen wurde, diese Säulenuhr unter dem Glassturz,
deren Pendel emsig die Sekunden zählte, der Rundtisch mit dem
vierfachen Fuß, dieser kleine Spiegelschrank, der die Sammlung alter
Seltsamkeiten barg, und das mit Fadeneinlagen gezierte Sofa? Alles,
alles hatte für sie Laut und Stimme, wenn sie allein hier war. Warum
schwieg denn jeder Gegenstand heute?
Als Güldenfey noch hängende Zöpfe trug, hatte sie sich zuweilen die
bunte Stunde ausgemalt, die ihr den ersten Antrag brachte. Jetzt war
sie da. Was sollte sie sagen? Keiner half, und sie wollte doch nicht
weh tun.
»Nun denn: ja, ich kam, dich um deine Hand zu bitten, Güldenfey. Warum
soll es nicht gesagt werden?«
»Ich hätt' es dir gern erspart«, entgegnete sie. Ihre Hände strichen
zart über die Lehnen ihres Stuhls.
»Was? Die Abfuhr? Nun, man hat ja schon allerlei erlebt«, fuhr er fort.
»Aber vielleicht hast du die Güte, deine Ablehnung zu begründen. Ich
habe fast fünfzehn Jahre vor dir voraus, denkst du. Das ist richtig.
Ich glaube kaum, daß mir die Rolle des jugendlichen Liebhabers
sehr liegt.« Er schwieg und machte eine bedauernde Gebärde. Sein
vollwangiges Gesicht war noch tiefer gerötet als gewöhnlich.
Güldenfey wehrte ab. Nein, das war es nicht. Er durfte sie nicht erst
daran mahnen, daß sein Haar an den Schläfen ergraute und das Wohlleben
seinem Körper die Beweglichkeit vorzeitig genommen hatte. Sie wollte im
Mann das Väterlich-Behütende finden, nicht das Stürmisch-Begehrende.
Wie hatte Jörg jüngst an sie geschrieben? »Wenn man einen Menschen
liebt, findet man nur Liebenswertes an ihm.« Sie mußte plötzlich an die
Worte denken, die Jörg auf Heilisoe gesprochen. Sie stellte ihn sich
vor, wie er mit aufzehrendem Eifer arbeitete. Und der dort ...?
»Gründe, sagst du?« sagte sie leise. »Es ist nur einer, Klaus. Willst
du wirklich, daß ich ihn nenne?«
»Ich bitte, Güldenfey.«
»Ich kenne nur zwei Arten des Menschen«, fuhr sie fort. »Die einen
wollen, daß das Leben ihnen diene; die andern dienen dem Leben, nicht
nur mit Hingabe, sondern auch mit Opfern.«