Das Volk in Not

Was für ein Treiben begann jetzt im Haus am Markt? Die Herren vom Rat

staunten, man sprach bei den sonntägigen Zusammenkünften im alten

verräucherten Weinkeller davon; die Olrogges machten runde Augen. Der

alte Aldermann des Schneidergewerks wartete nach einer erregten Sitzung

im Vorsaal auf Onkel Rolf, um ihn zu begleiten.

»Herr Justizrat, ist es wahr, was ich hörte? Ihr Neffe wird eine Bank

eröffnen?«

»Sie sind recht berichtet, Herr Hofmeister.«

Der weißbärtige Herr schüttelte den Kopf: »Sehr schön, Herr Justizrat,

ich bewundere Malte Treß. In dieser Zeit, da keiner weiß, was uns

widerfahren kann, wie sich alles auswirkt ...«

»Ich bewundere ihn auch. Ich habe immer etwas übrig für Leute, die den

Kopf in Zeiten der Not hoch tragen. Jetzt erst recht! Wir Alten sind

mürbe geworden und verstehen das nicht mehr.«

Als er seinen Weg allein fortsetzte, verdüsterte sich sein Gesicht

wieder. Er würde es keinem sagen, daß er Malte doch ernstlich abgeraten

hatte.

Maltes Mund war fester geschlossen als bisher, die Züge seines Gesichts

waren gestrafft, seine Blicke gingen immer, wenn er sprach, über den

Angeredeten fort. Herr Häberle hatte den Eindruck, als sähe sein Chef

auf einen Punkt, den er unter keinen Umständen aus dem Auge verlieren

dürfe. Nur wenn jemand etwas sagte, das entfernt einer Warnung vor

allzu kühnen Wagnissen glich, konnte er den Sprecher so erstaunt

anblicken, daß dieser jeden Einwand aufgab.

Die Schreibstuben waren in den Treßhof verlegt. Im unteren Stockwerk

des Hauses am Markt klopften und hämmerten Maurer und Zimmerleute. Das

Vorderhaus war neuzeitlich, aber von dem einstigen Giebelhaus ragte

in den Hof noch der alte Flügel mit den Kemladen, jenen Gemächern im

Halbdunkel, zu denen man über unzählbare Stufen, hinauf und wieder

hinab, gelangte. Alles wurde jetzt nutzbar gemacht.

Malte trieb die Arbeitenden an, da der Umbau mit dem Ausgang des

Winters beendet sein mußte, doch bei ihnen stieß sein fieberndes

Eilen auf eine starre Wand. Er mußte verdrossene Worte hören, und die

verwundert-gebieterischen Blicke prallten wirkunglos ab.

»Herr Häberle, die Leute arbeiten zu langsam!«

Häberle rückte seine Brille gerade. Verstand denn der Chef die Zeit so

wenig? »Herr Konsul, die Menschen können sich nicht an den Gedanken

gewöhnen, daß wir arm sind und Arbeit unser einziges Kapital bleibt.

Sie glauben an den großen Wechsel in ihrer Tasche.«

Malte zuckte die Schultern. Sein Beispiel mußte sie anstecken, er würde

sie schon mit sich reißen. Er selbst arbeitete unermüdlich. Ausruhen?

Wozu? Nach wenigen Stunden Schlaf lag er doch wach, und im Dunkel und

in der horizontalen Lage arbeiteten die Gedanken ungestümer denn je.

Erholung? Bah, er war aus altem Holz geschnitzt! Der Weg vom Markt zum

Treßhof, vier-, sechsmal am Tage, genügte ihm vollauf.

Die in den Schreibstuben saßen, mußten mit. Sie stöhnten, sie schalten,

aber sie fügten sich. Wer nicht mitlaufen konnte, wurde abgelohnt. Es

waren genug brotlose Leute da. Zehn für einen.

Auch Herr Häberle stutzte. Arbeit wurde ihm so leicht nicht zuviel,

aber er vermißte den Ausblick auf die Weite des Weges, den der junge

Chef eingeschlagen. Warum tat der so geheimnisvoll? Er versuchte zu

erkennen.

Malte besprach einmal mit ihm ein Vorhaben. Häberle riet ab.

»Warum fehlt Ihnen seit einiger Zeit das Vertrauen?«

»Herr Konsul, diese ungeheuren Wertmassen, die auf dem Papier stehen,

deren Verzinsung allein den Geldvorrat der Welt übersteigt, werden uns

in eine Sackgasse jagen, aus der keiner herausfindet.«

»Wollen Sie gegen den Strom schwimmen?«

»Nein, aber ich denke an unsern Namen. Die Valuta beruht auf dem

Glauben, daß der Schuldner einlösen kann. Das muß mehr als eine Annahme

sein, es wird aber allmählich zum Begriff.«

Er machte sich an seiner Brille zu schaffen. Malte überlegte und stand

plötzlich auf.

»Sie haben recht, Herr Häberle. Aber wir tragen keine Verantwortung,

denn wir müssen mitmachen. Gedulden Sie sich noch ein wenig, und Sie

werden sehen, daß ich in dieser Wirrnis erkannte, was zu tun nötig

war.« --

Endlich waren die Werker im Haus am Markt fertig, und die Schreiber und

Rechnungführer hielten in die Räume, in denen es nach Kalk, Farbe und

frischem Holz roch, ihren Einzug.

Frauke kehrte zurück, Frauke, die vor dem Lärmen der Hämmer nach

Hamburg geflüchtet war. Sie war fast während des ganzen Winters dort

gewesen, und nur in den Weihnachttagen hatte Malte sie besucht.

Natürlich, er war zu Hause unentbehrlich gewesen, aber es litt ihn

auch sonst dort nicht lange. So gern er auch die alte Hansestadt

aufsuchte und seine Brust in ihrer Luft weiten mochte -- war er dort,

zog es ihn wieder heimwärts. O ja, man begegnete ihm freundlich im

Hause Poppelmann, man schätzte seine ruhig wägenden Urteile; der alte

Poppelmann mit den scharf geschnittenen Zügen schien ihn zuweilen

auszeichnen zu wollen, und doch -- nirgendwo als in diesem Luftkreis

fühlte Malte so stark, wie fern ihm seine Frau war. Zu Hause hatte sie

schließlich nur ihn. In Hamburg lebte sie in einer ihm fremden Zone,

ihr Denken drehte sich in fernen Kreisen. Er war Gast in ihrem Hause.

Frauke also kehrte heim, und Malte erwartete sie auf dem Bahnhof. Als

sie aus dem Portal auf die Straße traten, stand da ein funkelnd neuer

Kraftwagen, dessen Schlag Malte ihr öffnete.

Sie blickte ihn verwundert an. Der Mann am Steuerrad grüßte. Das war ja

doch Telge!

»Mein Geschenk für dich«, sagte Malte.

Der Weg nach Heilisoe · 第 15 / 47 题