Malte nickte zufrieden. Sie konnten den Wagen hier nicht betrachten.
Schon sammelten sich die Gaffer.
»Ich danke dir!« sagte sie. Und der freudige Ton schien ihm Lohns genug.
Frauke war froher denn je. Ja, diese Vorfrühlingstage an der Alster,
die so eigen waren, wenn das Eis brach! Aus den Fleten stieg dann ein
ganz besonderer Duft, und der herbe Wind, der über die Elbe strich,
trug bis in die Gassen am Gänsemarkt etwas mit sich, das es nirgendwo
gab: Geruch von der Erdkraft der Lüneburger Heide, Rauchduft vom Reisig
niedersächsischer Herde.
»Willst du gleich die Geschäftsräume sehen?«
Ja, sie wollte. Die Köpfe der Emsigen fuhren in die Höhe.
»Bitte die Herren, sich nicht stören zu lassen!«
Und die Stirnen senkten sich über die Tischplatten, auf deren weiße
Buchblätter die grünumschirmten Lampen helle Kreise warfen. Federn
scharrten leise, Papiere knisterten, die Luft war erfüllt vom Atem der
Arbeit.
Frauke stand auf der Stelle, von wo sie die Flucht der geschaffenen
Räume überschaute. Ihre Nasenflügel witterten. Etwas Helles
durchlichtete sie und trat in ihre Augen. Sie war stolz auf ihren Mann;
ihre abwägende Vorsicht schwieg.
Unumwunden drückten es ihre Worte aus, als sie und Malte oben am
Teetisch beisammen waren. »Du sprachst einmal von anzuknüpfenden
Verbindungen.«
»Ich bin auf dem besten Wege, Frauke. Noch ein paar Monate, und alles
wird geregelt sein.«
»Ich habe gestern noch einmal mit Vater gesprochen.«
»Ich bin dir sehr dankbar, Frauke. Kann ich mich, sobald es not tut, um
Rat an ihn wenden?«
»Er rät ungern. Du kennst ihn ja: Selbst ist der Mann! Doch empfiehlt
er dringend Vorsicht bei Abschlüssen von Verbindlichkeiten auf lange
Dauer. Er sagt, die Zukunft sei undurchdringlich.«
War das alles? Ja, mehr hatte er nicht gesagt. Malte rückte auf seinem
Sitz. Jawohl, selber ist der Mann.
»Also Güldenfey geht es gut, und Marfa erwartet ein Kind? War Harro oft
hier? Und der Benjamin Jörg?«
Malte berichtete. Über kurze Andeutungen, die Familie betreffend,
war er in den eiligen Briefen, die nach Hamburg geflogen, nicht
hinausgegangen. Gottlob, sie waren ja alle gesund.
»Klaus ist jetzt im Geschäft?«
Ja, darüber war mancherlei zu sagen. Malte erzählte.
Klaus war gekommen und hatte gesagt: Hier bin ich, gib mir zu tun.
Malte hatte ihn aufmerksam betrachtet. Er trug sich selbst auch
gewählt, doch nicht in der Weise, daß er die Sonderung betonte. Hier
aber: Lackschuhe, Gamaschen, das feinste Tuch und über allem der Duft
teurer Blumenseife. Klaus hatte sich draußen tapfer gezeigt, war
wochenlang im Sud versumpfter Gräben gelegen. Weibisch-Verderbtes lag
seinem mannhaften Wesen fern. War dies das Dürsten nach Kultur, das
sich übersteigerte? Viele konnten sich jetzt im Ausleben nicht genug
tun und verloren das Maß.
»Du willst also arbeiten?«
»Gewiß will ich das.«
»So komm! Ich werde dir das Gefüge des Betriebs erklären.«
Klaus hatte gut achtgegeben, vernünftige Fragen getan, sich
aufnahmefähig erwiesen.
»Dein Platz ist hier, gegenüber von Herrn Häberle. -- Herr Häberle, Sie
leiten freundlichst Herrn Hauptmann an!«
Eine Stunde später war Klaus bei ihm eingetreten. »Hör' mal, Malte,
einen andern Platz mußt du mir anweisen.«
»Blendet die Sonne oder zieht es dort?«
»Nein, aber unter den jungen ungedienten Leuten kann ich nicht sitzen.
Und dann: Häberle gibt mir ja richtige Schulaufgaben. Auszüge aus dem
Kurszettel. Ich dachte doch, ich gehöre ins Chefzimmer.«
»Du bist ein Lernender. Hier muß ich allein sein, und keiner kann dich
so gut einführen wie Häberle. Sei zufrieden!« --
»Und er ist dort geblieben?« fragte Frauke. »Nun, mich wundert, daß er
sich fügte. Ist es ihm ernstlich um Güldenfey zu tun?«
Malte bejahte. Klaus selbst hatte es angedeutet. Er konnte sein Heil
versuchen. Malte war damit einverstanden.
»Baue darauf keinen Plan«, sagte sie. »Du wärst ein übler
Menschenkenner, nähmst du an, Güldenfey finde sich dazu bereit.«
»Unser williges Kind, Frauke!«
Sie machte eine bedauernde Gebärde und erhob sich. »Du wirst noch
hinabgehen wollen, ich habe die Jungfer für das Auspacken bestellt.«
War die heimliche Stunde schon verstrichen? Geschwätz von Geschäften
und Familie? Mußte nicht noch etwas Besonderes kommen?
»Frauke!« sagte er und streckte beide Hände nach ihr aus. »Hätten wir
uns heute nichts mehr zu sagen?«
»Was nur?« fragte sie. Als er schwieg, blickte sie ihn prüfend an und
errötete leicht.
»Ich war lange allein, Frauke.«
»Es ist ja nun gut. Im Sommer will ich mit dem Vater und Johns auf Sylt
zusammentreffen. Bis dahin bleibe ich hier.«
Sie neigte die Stirn gegen ihn, daß er sie mit den Lippen berühre;
dann ging sie. Er blieb stehen und lauschte entzückt auf das feine
metallische Klingen der Reifen an ihren Handgelenken, das durch das
Nebenzimmer läutete und sich in der Ferne verlor. Dann atmete er
glücklich auf. --
Klaus schlenderte durch die Bechermeistergasse der unteren Stadt zu. Es
war noch nicht Zeit, zum Essen zu gehen, und er bedurfte der frischen
Luft. Das Hocken in dem abgesperrten Raum, diese Zahlen, die von Mund
zu Mund flogen und denen er keine Teilnahme abgewann, ermüdeten ihn.
Er hatte Herrn Häberle etwas von einer Verabredung gesprochen und war
gegangen.
Die Hauptstraße vermied er; dort konnte ihm Malte begegnen. Der nahende
Lenz spürte sich auch in der engen Gasse, die so schmal war, daß
Sperrbalken die einander gegenüberliegenden Häuserwände absteiften und
die Gangsteine nur für einen Gehenden Raum boten. Der Entgegenkommende
mußte zur Seite treten.
Eigentlich seltsam, dieses Leben! Wie oft war er vor dem Kriege durch
die Straßen dieser seiner Heimatstadt geritten, den Burschen auf
dem zweiten Pferd hinter sich, nach rechts bald und bald nach links
grüßend. Als einziger Sohn des vermögenden Ratsherrn Glöden hatte er
eine bevorzugte Stellung eingenommen. Und jetzt? Der beste bürgerliche
Anzug ersetzte nicht die Uniform, und er zwängte sich durch die
Bechermeistergasse, um seinem Vetter aus dem Wege zu gehen. Warum war
er nicht wie tausend andre draußen geblieben, irgendwo eingescharrt?
Jetzt mit fünfunddreißig Jahren Kaufmann! Es war so sinnlos.
Er war bis zur alten Sachsenbastion gekommen, da erblickte er plötzlich
Güldenfey. War sie krank? Ihr Gesicht war seltsam gespannt, und ihr
federnder Gang trug eine Hemmung.
»Güldenfey!«
Sie blieb stehen und reichte ihm die Hand. Im Arm trug sie ein großes
Paket. Er machte Miene, es ihr abzunehmen.
»Nein, nein«, wehrte sie. »Ich gehe zu Engelke. Hier ist es schon.«
Er zeigte ein enttäuschtes Gesicht. »Aber du bleibst ja nicht lange«,
sagte er. »Ich werde dich erwarten und begleite dich nach Hause.«
Sie wäre viel lieber allein geblieben, doch sie besann sich, daß sie
ihn bei dem letzten Sonntagskaffee unfreundlich behandelt hatte und
deshalb von Gewissensbissen geplagt war. Sie wollte wieder gutmachen.
»Wenn du Geduld hast --«
Nun, die Geduld wollte er beweisen. Und während er auf und nieder
ging, überlegte er, wie er gefällig erscheinen konnte. Von seiner
Kupferstichsammlung mochte sie nichts hören. Hat man in dieser Zeit
wirklich etwas für so kostspielige Liebhabereien übrig? hatte
sie einmal gefragt und ihn eigentümlich angesehen. -- Du mußt den
onkelhaften Ton aufgeben, wenn du mit Güldenfey sprichst, hatte sein
Vater geraten. Es ist nicht gut, deinen Vorsprung an Jahren zu betonen.
Gut, gut; also kameradschaftlich!
Er eilte ihr freudig entgegen als sie erschien; ihn freute im
besonderen, daß sie das gräßliche Paket nicht mehr im Arm hielt.
Merkwürdig, Güldenfey sah so gut aus und hatte bei aller Natürlichkeit
viele Reize, aber auf solche entstellenden Dinge achtete sie nicht.
»Du besuchst wohl eure Engelke oft?« begann er. »Ich fürchte, das
strengt dich an. Du siehst nicht so wohl wie früher aus.«
Sie lächelte ein wenig.
»Fühlst du dich krank?« fragte er besorgt. »Ich begreife nicht ...
Aber Malte bemerkt ja jetzt überhaupt nichts mehr außerhalb seiner
Geschäftsräume. Ich werde mit ihm reden.«
»Bitte, nicht«, sagte sie. »Wozu das? Es würde ihn beunruhigen. Ich bin
nicht krank, ich leide nur.«
»Ist das nicht dasselbe? Oder kränkt, benachteiligt man dich?«
»Mich? Ach, Klaus!«
Ja, was dann? Klaus war am Ende und blickte sie ratlos und bekümmert
an. Sie lächelte wieder. Was hinter diesem in Gesundheit geröteten
Gesicht lebte, wußte wohl nichts davon. Trotzdem wollte sie es sagen.
»Ich leide an dieser furchtbaren Zeit, schon lange, seit jenem Tage
in Heilisoe, da Malte uns die Schreckensnachricht brachte. Es ist
entsetzlich!«
Klaus machte eine zustimmende Bewegung. Ja, natürlich entsetzlich.
Diese zerbrochenen und verkrüppelten Existenzen, diese Vergewaltigung
dessen, das zu Besserem bestimmt war.
Güldenfey merkte, wie ihn seiner Enttäuschungen Bitternis überkam.
Sie schwieg, in ihr verkroch sich etwas ängstlich. »Das wäre wohl
das geringste Übel«, sagte sie endlich leise. »Aber das andre, die
Verderbnis, der Hunger.«
Sie blieb stehen, ihr Arm machte eine weite kreisende Bewegung. Die
Vorübergehenden blickten verwundert auf sie.
»Komm doch!« sagte Klaus. Es war ihm peinlich, in dieser Weise
Aufmerksamkeit zu erregen. Er redete weiter, heftig, hastig, sein Ärger
gegen alle, die er für die Verderber hielt, entlud sich in starken
Worten. Hätte er gewußt, wie weit er sich von ihr fortredete!
Güldenfey hörte ihn nicht mehr. »Wohin sind wir gegangen?« sagte sie
und sah sich um. »Ich wollte zu bestimmter Zeit zu Hause sein. Ich muß
die Bahn benutzen.«
Sie hatte erwartet, daß er sie jetzt verlassen würde: sie redete ihm
zu, daß er um ihretwillen nicht seinen Spaziergang verkürze. Er bestand
darauf, sie begleiten zu wollen. Als der elektrische Wagen vor ihnen
hielt, bestieg er ihn nach ihr.
Die Plattform war um diese Zeit von Fahrenden leer. Die Schaffnerin
kam und reichte ihnen die Scheine. Klaus machte eine gleichgiltige
Bemerkung, Güldenfey wollte antworten. Plötzlich fuhr sie zurück. Das
Gesicht der Frau, die die grüne Dienstmütze trug, näherte sich dem
ihren und blickte sie dreist, mit einem häßlichen Lächeln an.
»Nun, schönes Fräulein Güldenfey! Einen vergnügten Spaziergang gemacht?«
»Verzeihen Sie, ich kenne Sie nicht«, stammelte Güldenfey erschrocken.
Die Frau lachte rauh. »Das will ich glauben. Es ist lange her, seit wir
beide unter einem Dach wohnten.«
Güldenfey erbebte. Was war das für ein unangenehmer Geruch, den die
Frau ausströmte? »Ich weiß nicht --«