Heilisoe

In Harro brauste plötzlich etwas vom Blut seiner Väter. Die stürmende

Welle kam aus entlegener Vorzeit, aus Tagen, da seefahrende Männer

die Frau von einer Insel raubten und ihr die Liebe und die Pflichten

des Herdes aufzwangen. Er war stets den Frauen gegenüber erhaben

aufgetreten: Bewundert mich, wie ich mit euch scherze! Mich mit einer

von euch verbinden, das liegt mir fern.

Jetzt brannte seines Lebens Saft und schuf ihm die Gewißheit, es müsse

etwas in ihm zerreißen, wenn er das fremde Mädchen nicht gewänne, das

in seinem Vaterhaus Zuflucht gesunden. Mit Wort und Blick umwarb er

sie, und die ihm selbst fremde Zärtlichkeit, die anfangs schonend auf

die hilflose Lage der Armen sah, wurde bald ein stürmischer Wettkampf.

Arbeit, Zeit und Raum waren für ihn keine Hemmungen: fast an jedem

Sonntag erschien er im Treßhof.

Und Marfa? Das Glück, aus der Hölle der russischen Gefängnisse erlöst

zu sein, nicht mehr stündlich die Hefe der Lebensbedrohung trinken zu

müssen, hatte nichts Beseligendes für sie. Sie war wie eine, die aus

der Flucht finsterer Schächte in das überströmende Licht des Mittags

tritt und die von der Blendung so überwältigt wird, daß sie für alle

Reize unempfänglich bleibt. Die bis in ihre Tiefen erschöpfte Seele

fand weder Wort noch Lächeln.

»Fräulein Fink, wie lieb Sie sind! Ach, so gut tun Sie mir, liebe

Güldenfey!« Aber das kam bewußtlos von den Lippen einer, die noch

abwesend war.

»Die Augen sehen noch rückwärts,« sagte Güldenfey, »wir müssen sie ins

Leben locken, Ose.«

»Ja, Kind, das kannst nur du. Ich saß gestern bei ihr und ließ sie ganz

in der Stille von guten Gedanken streicheln. Fragt sie plötzlich:

›Gibt es Brunnen in dieser Stadt?‹ Sah ich sie an und wußte nicht,

was sie meinte. ›Hat nicht jede deutsche Stadt fließende Brunnen?‹ Da

erzählte ich ihr, daß wir einmal auch quellende Brunnen hatten. Bei

der Apollonienkapelle, die als Sühne für den Pfaffenbrand gebaut war,

hat einer sich aufgetan, zu dem sie wallfahrteten. Aber das ist jetzt

vorbei. Fragt sie nach einer Weile: ›Ob versiegte Brunnen wohl wieder

aufwachen, Fräulein Fink? Ich meine hier drinnen?‹ Und zeigt auf ihre

Brust. Nun, da hab' ich sie trösten können. Aber was der alte Mensch

dem jungen sagt, das geht spät auf. Helfen magst du allein.«

Am Palmsonntag brach der Brunnen in Marfa Honterus auf. Sie hatte neben

Güldenfey im goldenen Präsentierteller gesessen. Pastor Thomasius hatte

machtvoll gesprochen, vom bitteren Leidensweg, auf dem sich stets einer

einstelle, der dem Gequälten das Kreuz eine Strecke weit abnehme.

Als sie die Kirche verlasen hatten, griff Marfa ihrer Gefährtin Hand.

»Ich wollte sie küssen, diese Hand, die mein Leid abnahm, doch es wäre

wohl nicht schicklich gewesen.«

»Ich?« fragte Güldenfey. »Ich?«

Da stand Harro vor ihnen. Er war früher gekommen, als er sich

angesagt hatte, und in seinem Gesicht glänzte die Freude, als er die

Überraschung der Mädchen sah. Während er mit Güldenfey sprach, blickte

er Marfa an. Eine Blutwelle färbte ihre blasse Stirn, und sie wandte

sich ab.

Was half es, daß sie sich ihm entzog und ihre Seele vor ihm floh! Was

bedeuteten alle Einwände der Vernunft: Sollte ich Mittellose mich in

das begüterte Haus drängen und Bedenken erregen? Das Schicksal hatte

längst seinen Spruch gefällt, und sie mußte gehorsamen. Harro nahm sie,

und der Frühling war sein Helfer. Noch am Abend dieses Tages sprach er

mit ihr, und zitternd, willenlos ergab sie sich. Eine Stunde später

weinte sie in Güldenfeys Schoß ihre Bangnis aus.

Güldenfeys Hände glitten leise über das braune gewellte Haar. »Warum

nur klagen?« sagte sie innig. »Es ist ja so schön, ganz wunderschön!

Wie freue ich mich, daß ich eine Schwester habe!«

»Es kam so jäh, es hat mich erschreckt.«

Die feinen Hände strichen auf und ab. In diese Stunde gehört eine

Mutter, nur sie vermochte zu sagen, für das keins das einzige Wort

fand. Wie fern lag das versunkene Grab!

»Aber ...« Güldenfey nestelte an ihrem Hals und zog den blauen

Veilchenstein am Kettlein hervor. »Den mußt du tragen diese Nacht und

wirst ruhig werden«, sagte sie. »Er ist von meiner Mutter. Es sind

heilende Kräfte darin.«

Und sie streifte Marfa das Angebinde über.

Der Brunnen brach auf. Waren wirklich Segensmächte in dem Amulett?

Löste das Ereignis verborgene, verirrte Ströme in dem jungfräulichen

Blut? Marfa ward eine andre. Ihr Blick wagte sich in das Leben, das vor

ihr lag, und fand hier und dort ein wenig Glanz. Und allmählich kam ein

schüchternes Lachen in ihr auf. Vor allem: ihre Liebe, die lange des

Anhauchs aus Menschenmund gewartet, brannte wie eine Fackel. Endlich

war gekommen, für das sie leuchten durfte, ein Zweck, eine Aufgabe

war da. Hemmungslos legte sie sich in der Gewißheit des Geborgenseins

in die werbenden Arme und wirkte an ihrer Hingabe wie an einem bunten

Teppich, den sie vor Harro ausbreitete.

Wenn die Rosen blühten, sollte Hochzeit sein, so hatte es sich Harro

gewünscht, und so geschah es. Güldenfey hatte alles vorbereitet, und

Ose sorgte wie eine Mutter. Seit dem Augenblick, da Marfa sich mit

Jawort und Kuß Harro verlobt hatte, war sie für Ose eine Treß.

Malte nahm die Mitteilung von des Bruders Entschluß schweigend auf.

Es war etwas in Harro erwacht, das jeden Einwand ausschloß. Malte

hatte Frauke um ihre Meinung befragt; Frauke hatte nur stillschweigend

die Schulter gehoben. Es lohnte nicht, feststehenden Dingen andre

Möglichkeiten zu geben.

Aber die Hochzeit! Daß Marfa sich ausgebeten, die Feier möge ganz

schlicht vor sich gehen, wollte ihm nicht gefallen. Ja doch, die Zeit

gebot Beschränkung, und was hinter der Braut lag, verlangte Stille.

Überdies war das Trauerjahr geltend. Doch dieser Zwang quälte ihn.

Gern hätte er der Welt gezeigt, daß es sich die Treß leisten konnten,

eine arme Verstoßene zu freien. Er sah von seinem Fensterplatz zum

Wülflamhaus hinüber. Wieviel Ellen flandrisches Tuch hatte der zähe

Bertram dem Ratsverbot zum Trotz von seiner Tür bis nach St. Niklas

legen lassen für seines Sohnes Hochzeitsgang?

Jörg kam, und Engelke hatte sich ausgebeten, als letzten Dienst im

Treßhof das Festmahl herzurichten. Am Tage darauf sollte sie ihr

Stübchen im Heiligen Geist beziehen.

»Und habe ich sie dort untergebracht, dann fahren wir nach Heilisoe«,

sagte Güldenfey. »Du sollst ein paar Ferientage haben, Jörg, du siehst

angestrengt aus. Wir beide streifen durch die Insel, und wenn wir bei

den verlorenen Steinen unter den Klippen sitzen, erzählst du von deiner

Arbeit.«

Die kleine Kapelle von St. Annen und Brigitten war ein Rosenhag. Gelb

und weiß und rosa und blutrot lag es auf dem Altar, wand es sich um

Sessellehnen und Empore, quoll es aus Gläsern und Behältern. Konnte der

Garten Güldenfeys diese Fülle von Rosen hergeben?

Sie lächelte, als man sie fragte. Die Herkunft der Rosen war ihr

Geheimnis. Die Schwester, die Harro heut verbunden wurde, sollte durch

eine Wolke von Duft in das neue Leben schreiten.

Frau Honterus saß wie im Traum unter denen, die des Paares harrten. Sie

hatte eine Heimat bei Verwandten im Süden des verstümmelten Deutschland

gefunden, die Kinderlose würde das Kind hier zurücklassen, mit dem sie

gemeinsam den bitteren Bodensatz des Lebens getrunken. War es Glück?

War es eine neue Stufe in tränenschwerem Läuterungsweg? Sie sahen alle

so fremd darein, diese nordischen Menschen. Freundlich waren sie, und

keiner stand hinter dem andern an Beflissenheit zurück. Und doch! Eine

sorgende Angst stieg wieder in ihr auf. Da sah sie, wie Güldenfey ihr

zunickte. Ja, es würde alles gut werden.

Nun zog das Paar ein. Jörg blickte etwas unruhig zu der alten Orgel

empor, die sich mühte, mit ihren pfeifenden Lungen und verstaubten

Zungen einen fröhlichen Hymnus anzustimmen. Aber der Anblick des

bräutlichen Paares fesselte ihn so, daß sein Ohr die Kränkung schnell

verwand. Wie gingen die beiden heiter durch den Gang, der mit Blumen

und Sonnenlichtern bestreut war! Wo du hingehst, da will ich auch

hingehen; dein Volk ist mein Volk; wo du bleibst, da bleibe ich auch!

Selbst Frauke hob das Tüchlein an ihre Augen, und Malte, der heute die

Abzeichen seines Konsulamtes trug, wurde unruhig, als Pastor Thomasius

seine Rede begann und mit warmen Worten an verborgene Saiten rührte.

Jörg mußte lächeln. Güldenfey saß so hingegeben da, als erlebe sie

ihre Vermählung voraus. Ihre Blicke hingen mit dem Ausdruck völligen

Vertrauens an dem Sprechenden, ihr Mund blühte wie aller Rosen

schönste. Wo du hingehst ... Sah sie in der Ferne schon den Faden ihres

Weges? --

Am nächsten Tag sammelte Güldenfey die frisch erhaltenen Rosen aus.

Diese bekam Telge zum Schmuck des Bootes, das Harro und Marfa nach

Heilisoe brachte; diese trug sie in das Alterstübchen Engelkes, in

das sie die Alte mit Jörg gegen Abend führte. Drunten am Binnenhafen

hinter kleinen Häuschen, vor denen Wagnergerät den Weg sperrte, lag

der Heilige Geist, ein Gewirr von spitzgiebligen Dächern, Rasenflecken

und Fachwerkgemäuer, das nach einer Seite die hohe Mauer der einstigen

Befestigung abschloß, und auf das der kleine Turm der Geistkirche

überlegen und keck herabsah. Gleich hinter dem Tor aber war der

Klosterhof, dieser stille, einsame Gang mit den hölzernen, einen Umgang

stützenden Säulen, mit den für den Ablauf des Regenwassers schräg

gelegten Steinplatten und der Doppeltreppe. Immer strich ein kühler

Wind durch diesen Hof, immer traten, sobald Schritte in ihm erklangen,

die Alten an ihre Tür.

Jörg blieb vor der Tür stehen und las, was darüber eingemeißelt war.

»Sieh doch, Engelke, du trittst aus einem alten Haus in das andere«,

sagte er. »Dort oben steht: Diese Wohnungen des Heiligen Geistes seindt

erbaut 1643. Was sagst du jetzt?«

Doch die Alte erwiderte nichts, sondern nickte nur und folgte Güldenfey

in den Säulenhof. Sie achtete auch der neugierigen Gesichter nicht,

die rechts und links erschienen, blieb vor ihrer Tür stehen, bis Jörg

umständlich aufgeschlossen hatte, und trat dann durch den halbdunklen

Vorraum in die freundlich geschmückte Stube, wo sie sich in dem

Lehnstuhl am Fenster niederließ.

»In Gottes Namen denn!« sagte sie und legte feierlich das Neue

Testament auf den Nähtisch.

»Gefällt es dir?« fragte Güldenfey, die Kammer und Stübchen

hergerichtet hatte.

»Viel zu fein für mich«, sagte sie und sah sich um. Sie behielt

den kleinen Hut mit dem ewigen Veilchenstrauß, der im Sommer den

Strohkapott und im Winter den Samtkapott zierte, auf dem Kopf, als sei

sie nur auf Besuch hier.

»Wenn ihr mich einmal hier forttragt, braucht's so viele Rosen nicht«,

fuhr sie fort und streichelte dankbar Güldenfeys Hand.

Sie mußte nun alles beschauen, was Güldenfey eingerichtet. Sie tat es,

ohne eine Miene zu verziehen. Ja, es war sehr schön, die Liebe, die

ihre Treue geweckt, würde sie hier wärmen, aber heimisch würde sie sich

nicht fühlen. Ihr Mutterboden lag da, wo der Treßhof an die Stadtmauer

stieß, wo der Blick aus dem Mansardenstübchen über die Teiche ging und

die Sperlinge in wildem Wein und Efeu lärmten. Vierzig Jahre tagaus,

tagein auf der gleichen Stelle. Wen zöge es nicht beständig dahin

zurück!

»Ihr fahrt nun nach Heilisoe?« sagte Engelke.

Ja, sie wollte auf der Insel, wo sich jetzt der Sommer auftat, eine

Woche verweilen, bis Harro und Marfa von Schweden zurückkehrten.

»Ich bin so glücklich, daß wir unser Sommerhaus in Heilisoe behalten«,

sagte Jörg. »Malte wollte auch das aufgeben.«

Engelke horchte auf. »Wollte der Konsul das? Nun, es ist gut, daß er es

nicht getan. Es wäre eine Sünde.«

»Warum Sünde?« fragte Jörg.

Sie berichtete, was Fräulein Fink ihr erzählt: Vor langer Zeit sei die

Herrschaft von Heilisoe in die Stadt gekommen. Die Vorfahren seien dort

Fischer gewesen, deshalb wären im Wappen der Herrschaft zwei Fische bis

auf den heutigen Tag.

»Aber warum sollte es Sünde sein, wenn Malte das Haus verkauft hätte?«

fragte Jörg.

Die Alte schüttelte den Kopf, als begriffe sie die Frage nicht.

Plötzlich legte sie die Hand auf das Testament. »Es ist dort eure

Heimat«, sagte sie. »Von Heilisoe seid ihr gekommen, nach Heilisoe müßt

ihr immer wieder zurück. Die Heimat darf keiner aufgeben.«

Güldenfey fiel es erst, als sie zum Aufbruch liebevoll mahnte, auf, daß

Jörg vor sich hinsann. »Er hat wieder eine Melodie gefunden«, sagte sie.

»Die schönste, Güldenfey«, entgegnete er.

Es war ein Abschied, als sollten sie sich nimmermehr wiedersehen.

Engelke stand in ihrer Tür, hatte den Mund hart geschlossen und sah den

beiden mit starren Augen nach. Da gingen sie hin, und sie blieb hier.

Sie würden wiederkommen, doch sie würde immer hier stehen und ihnen

nachblicken ...

»Wirst du mir deine Melodie vorspielen?« fragte Güldenfey.

Aber Jörg antwortete nicht.

»Nach Heilisoe müßt ihr wieder zurück. Hast du sie dabei angesehen,

Güldenfey? Sie sah aus wie eine Sybille.«

* * * * *

Telge stand am Steuerrad und lenkte das Motorboot aus dem stillen

Hafen. Es ging wieder auf Fahrt, es gab wieder zu tun. Dieser

vergangene Winter und die Krankheit des alten Herrn hatten ihn seinen

Bootsmannsberuf nicht ausüben lassen, seit er im Dezember aus dem Felde

heimgekehrt war. Diese Handlangerdienste und Notknechtsarbeiten hatten

ihm wenig behagt. Daß du die Motten kriegst! Er blickte verstohlen nach

seiner jungen Herrschaft und spie über Bord.

Mellin sagte, er habe sich das Lügen abgewöhnt, wenn er von seinen

Heldentaten erzählte: Marne, Galizien und Verdun! Was half's! Man

hatte doch etwas erlebt. Die Brocken von Volksbeglückung und sozialer

Befreiung, die durch alle Mäuler gingen und denen jeder Schwätzer seine

Weisheit beimengte, waren nicht nach seinem Geschmack. Zeigt erst, was

ihr könnt, sorgt vor allem, daß Brennstoff für den Motor da ist. Daß

ihr die Motten kriegt! Und Telge spie wieder über Backbord und strich

dann zärtlich seinen neu sprießenden Bartkranz.

»Sieh doch, Jörg!« sagte Güldenfey. »Nein, vor uns.«

Er hatte das Bild der hinter ihnen versinkenden Stadt betrachtet,

dieser trutzenden Stadt mit den gewaltigen Massen der Backsteingotik,

die Bürgerfleiß in wenig Jahren aufgetürmt hatte.

»Vor uns?« fragte er.

Ja, das Gewölk, das Güldenfey immer wieder betrachtete! Am westlichen

Teil des Sehkreises dieser ernste bläuliche Streifen wie eine drohende

Not und darüber als tröstliche Verheißung der helle Wolkenfächer,

über den die Sonne blitzende Speere schleuderte. Links tauchte schon

Heilisoe auf. Die Insel ruhte weit gestreckt wie eine Badende auf der

schimmernden Flut.

Die weißen Hütten der Fischer von Neudorf, ängstlich gegen die Winde

an den kargen Boden gepreßt und umduftet vom Würzhauch der Heide, ohne

Busch und Baum. Weiter die roten Dächer des zweiten Dorfes, und hinter

diesem das Kloster und das hoch aufschwellende Dünenland, das die

Gräber vergessener Hünen mit ihrem sagenhaften Goldschmuck barg.

Güldenfey stand vorn im Boot. Stets aufs neue empfand sie den Zauber

des Eilands, immer löste der Anblick das gleiche Entzücken in ihr

aus. »Ach, Jörg, sieh doch nur! Engelke hat recht, und du hast recht:

Heilisoe darf uns nicht genommen werden.«

Telge lachte, als er das Wort hörte, das der Wind ihm zutrug. Man hatte

im Hof schon davon gesprochen, daß der Konsul das schöne Landhaus auf

der Insel verkaufen wolle. Dann wäre er übrig gewesen. Doch wenn die

beiden jungen Herrschaften dagegen waren, war seine Stellung gesichert.

Zufrieden nickte er und ließ das Boot in kühnem Bogen an das Bollwerk

laufen.

Es war alles wohlhergerichtet im Inselhaus, das zwischen Erdwällen

im Schutz des Nadelwaldes lag. Von seinen Fenstern sah man nach drei

Richtungen die blauen Augen des Meeres leuchten, und gegen Mitternacht

harfte der Wind in den Föhren.

Aber Jörg und Güldenfey waren nicht oft im Haus, denn der Himmel war

voller Gnaden und segnete mit Sonnenschein des Eilands kurze Blütezeit,

aus deren Nächten selbst das Dunkel floh.

Wie war jetzt die Zier dieses nordisch-armseligen Pflanzenlebens

so reich! Von der Ginsterblüte ganz zu schweigen, deren Gold an

allen Hängen, in jeder Sandmulde prahlte. Aber da blühten heimlich

zwischen kriechendem Wacholder und stachligem Ölweidenstrupp die

winzigen Erdbeeren und unendlich zarte blasse Federnelken. Da, wo die

silbernen Möwen rasteten, stand starr die glänzende Strahlenkrone der

Stranddistel, und Gräser neigten ihre Rispen unter dem Flug des Windes.

Die Fetthenne lag wie ausgestreutes Gold auf dem Sand; um Hundszunge

und Natterkopf flogen winzige Schmetterlinge, blau wie Lapislazuli, und

die Schaumflöckchen der Zikaden schimmerten wie Schnee.

Vor allem aber die Rosenbüsche! Güldenfey kniete ehrfürchtig bei einem

jeden nieder, den sie in den Tälern des welligen Geländes traf. Diese

seltsamen Rosen der Steppe, die von der herben Feuchtigkeit der Seeluft

lebten und deren Duft nicht aus dem blaßroten Kelch, sondern aus den

Flächen der grünen Laubblätter stieg, sobald man an sie rührte.

»Sind sie nicht wie ein Wunder, Jörg?«

»Das Wunder der heiligen Armut«, sagte er.

Sie sah verwundert zu ihm auf. »Jörg, du sagst oft so seltsame Worte.

Hinter ihnen ahnt man immer etwas Feines oder Tiefes. Ist dies das

Geheimnis der Kunst?«

Er schwieg einen Augenblick, dann reichte er ihr die Hand zum

Aufrichten.

Sie stand vor ihm und sah ihn erwartend an, und seine Augen glitten

über das lichte Blond ihres Haares, über das schmalfließende weiße

Mädchenkleid. Du Rose! dachte er.

»Komm mit!« sagte er. »Du sollst das Geheimnis meiner Kunst wissen, du

ganz allein. Ich strebe, das zu werden, was du bist.«

»Jörg!« rief sie erschreckt.

»Höre mich an, Güldenfey! Meinst du, die Technik des Handgelenks macht

es oder der kühne Gedanke? Das kommt ganz von selbst. Aber ich muß ein

von Liebe zur Menschheit glühendes Herz haben, sonst klingt unrein

wieder, was Gott in mich hineinsprach. Eitelkeit, Ehrgeiz ersticken;

darum ist so viel Papier und Lärm in der Welt. Verstehst du das?«

Sie schüttelte ängstlich den Kopf.

»Du bist ein höherer Mensch, du bist ganz Liebe«, sagt er. »Dein Wesen

ist wunderschöne Musik. Wenn ich meine Kunst nicht mehr üben, sondern

sie wie du leben kann, dann ist sie echt.«

Güldenfey sah mit abgewandtem Gesicht über das Meer. »Und das ...?«

fragte sie.

»Das ist das Wunder der Armut«, antwortete er. »Losgelöst vom Schein

und Scheinhaften, fern von dem, was diesen kläglichen Reichtum des

Erfolgs verspricht; nur der Liebe dienen, weil sie verpflichtet.«

Sie legte beide Hände auf ihr klopfendes Herz. Sprechen konnte sie

nicht. Wie weiß er das alles? dachte sie. Wie kommt das alles in ihn?

Uns Menschen des werkenden Blutes liegt das doch fern. --

Diese Abende auf Heilisoe waren unbeschreiblich. Der Himmel war das

Spiegelbild der Zeit: eine große klaffende Wunde, und unter ihm

lagerte tiefblaues Gewölk wie eine steinerne Schale, deren Rand in

gehämmertes funkelndes Silber gefaßt ist, die feierlich das tropfende

Blut empfängt. Der Wind wellte die Wasser wie ein zartes Frauenkleid

und schrieb auf die Fläche krause Zeichen, die bald zerrannen. Dann

spaltete sich das Licht des Abends in flammendes Orangengelb und

dunkles Veilchenblau, und die Schatten verdichteten sich um die Segel

der Fischerboote, die in der Ferne wie große Vögel schwammen.

So sahen sie es von den Hünenhügeln aus, wo um die Stelle, da der

Opferstein gestanden, am Fuße eines uralten verkrüppelten Weißdorns die

Sternmiere blühte.

»Weißt du es auch, Jörg?« fragte Güldenfey leise.

»Was soll ich wissen, Kind?«

»Das von Balzer Treß, dem Fliegenden Holländer?«

»Ich habe einmal flüchtig davon gehört«, sagte er zerstreut. »Es ist

lange her. Erzähle!«

Aber Güldenfey verschloß sich. »Morgen gehen wir an das Grab der

goldenen Heiligen, dort will ich sagen, was ich von Ose darüber hörte.

Man muß gesammelte Sinne dafür haben.«

Der Hügel, den sie das Grab der goldenen Heiligen nennen, lag mitten

im bestellten Acker. Wildbirne, Ahorn und Eiche boten den Vögeln

Nistzuflucht, und gelbe Wicken wuchsen am Fuß der Erdhöhung, unter der

die besonders Erwählten der Zisterzienserbrüderschaft ruhten.

Im Schatten dieses in Stille gebetteten Gehölzes lagen sie, und dort

erzählte Güldenfey. Jörg hatte den Kopf in die Hand gestützt. Der rote

Ampfer auf dem fernen Hügel, der blaue Saum der See erregte sein Auge,

aber seine Seele fuhr mit dem Ruhelosen durch die Wüste der Meere ...

Irgend etwas gestaltete sich in ihm. Er atmete tief. Wo geht der Weg

nach Heilisoe?

»Es ist wunderbar, Güldenfey«, murmelte er.

Sie schob sich näher an ihn. »Das Wunderbare ist dies, Jörg: Malte

sieht ihm ähnlich. An dem Abend hab' ich es gefunden. Er hat auch

soviel Unruhe in sich, er will erwerben, immer erwerben. Du kennst

seine neuen Pläne. Glaubst du, daß Vorgänge in einem Geschlecht sich

wiederholen können?«

»Alles wiederholt sich.«

»O Jörg, wie furchtbar! Möchtest du nicht mit ihm einmal reden?«

Er richtete sich auf. »Ich, Güldenfey? Nein. Wir verstehen einander

nicht, besonders würde er mich nicht begreifen. Äußerlich ist ja

zwischen uns alles geschlichtet. Wir Treß halten zusammen. Doch in

seinen Augen bin ich ein Narr.«

Seit diesem Morgen war etwas über Jörg gekommen, das Güldenfey endlich

auffiel. Warum sah er sie so fragend an, als sie ihm am Strand, wo

zwischen den großen Blöcken das Wasser quirlte, den honiggelben

Blasentang wies, der sich an einen winzigen Kiesel klammerte, um diesen

als Lot und Ballast für seine Fahrt zu benutzen?

Sie fragte, was er denke.

»Ich dachte an dich, Güldenfey«, sagte er. Und als sie ihn erstaunt

betrachtete: »Ich fürchte, es könnte sich einer so an dich klammern.

Malte mag seinen Weg gehen und Harro auch. Du aber hast deine eigene

Richtung. Sie sollen dich nicht um irgendwelcher Pläne willen

herausdrängen.«

Er faßte zärtlich bittend ihre Hand. Sie verstand ihn nicht und zuckte

hilflos die Schultern.

Da sagte er ihr, daß Onkel Rolf nach dem Hochzeitsmahl in erwärmter

Stimmung Malte den Vorschlag gemacht habe, seinen Sohn Klaus, der als

abgedankter Hauptmann neue Tätigkeit suche, in die Firma aufzunehmen.

»Er sprach unumwunden aus, Klaus wolle dich heiraten.«

»Und was sagte Malte?« fragte sie.

»Malte äußerte sich vorsichtig wie bei jedem neuen Geschäft.«

Plötzlich begann Güldenfey zu lachen. Sie stellte sich Klaus vor, wie

er in seinem tadellosen Zivil durch die Straßen ging, mit verdüstertem

Gesicht sorgfältig um jede Wasserlache herumstieg. Seine schlaffen

roten Wangen, seine niedergezogenen Mundwinkel! Sah er nicht aus wie

ein Schauspieler, der in seiner Glanzrolle ausgepfiffen war und der nun

die Welt ob ihres Undanks verklagte?

»Was meinst du?« fragte er.

Sie lachte noch immer. »Laß doch das, du großer Junge! Verlohnt es sich

denn, davon zu reden?«

Er war beruhigt. »Aber ruf mich, wenn sie dich bedrängen«, sagte er.

»Die eines Geistes sind, sollen beieinanderstehen.«

Jörg ging, etwas zu holen, was er im Hause vergessen hatte. Güldenfey

sah ihm nach, wie er auf dem schmalen Steig in der Svantevitbucht die

Dünen emporklomm.

Wir, die eines Geistes sind! Ja, waren denn Jörg und sie wirklich andre

als die älteren Brüder? Hatte alle nicht ein Schoß getragen? Waren sie

vier nicht unter dem gleichen Herzschlag dem Leben zugewachsen?

Das glasgrüne Wasser spülte über die Kuppen der Blöcke und fuhr

gurgelnd um die kantigen Flächen. Wie von Riesenfäusten geschöpft, floß

der Gischt über sie hin. Die sich wider ihn stemmten, schliff er in

geduldiger Arbeit glatt, die abgewandten blieben rauh. Es war hier wie

im Menschenreich.

Sie sah auf, ob der Bruder bald wiederkehre. Das Gefühl einer

zärtlichen Verbundenheit erwärmte sie. Ja, sie und er gehörten

zusammen, sie spürte es ganz deutlich. Sie mußte ihn fragen, wie es

möglich war, daß er dieses Unterschieds sich bewußt geworden.

Doch als er kam und von andern Dingen sprach, hielt sie die Frage

zaghaft zurück. --

Und an einem Nachmittag trafen Harro und Marfa ein. Telge hatte die

große Flagge gehißt und sah bewußt auf die junge Herrschaft, die das

Boot am Bollwerk erwartete, als erwarte er besonderes Lob.

Wie hatte ihr junges Frauentum Marfa verändert! Ihre Hingabe an den

Mann prägte jedes Wort und jeden Blick, und sie ging nicht von seiner

Seite. Sie sollten im Treßhof wohnen, aber Harros Wirkungsfeld war die

Hauptstadt. Er sprach davon, daß er bald abreisen müsse. Die Angst, sie

solle ohne ihn sein, stand wie ein Gespenst hinter jeder ihrer blumigen

Stunden.

»Nicht wahr, Güldenfey, du wirst sie trösten?« fragte Harro.

»Aber ja!« sagte Güldenfey und liebkoste Marfas Hand. »Denk nur, Marfa,

er kommt oft herüber. Und jedesmal die Freude des Wiedersehens!«

»Und jedesmal ein Abschied!« sagte Marfa.

Harro war in fröhlichster Laune. Es gefiel ihm, daß er die Seele seiner

Frau ganz erfüllte, und seine Worte wurden wieder von dem lauten Ton

getragen, den während der Brautzeit ein bittendes Werben gesänftigt

hatte.

»Marfa kann jetzt richtig lachen, ich hab' es sie gelehrt«, rühmte er.

»Paßt auf, ich will es euch beweisen.«

Sie standen auf der überdachten Terrasse, Harro ging und kam bald

darauf mit Telge zurück.

»Telge wird uns den Panitzenschuhtanz vorführen«, erklärte er. »Nun,

Telge, zeigen Sie, daß Sie noch mehr können als steuern.«

Und Telge hockte nieder, sprang und sang in seiner Mundart, wobei er

fortwährend seine Schenkel schlug: »Juchhe, Panitzenschauh! Juchhe,

Panitzenschauh!«

Er war sehr komisch, und Marfas Lachen erscholl wirklich herzhaft, aber

sie blickte dabei Harro an, ob er nun zufrieden sei. --

Ein selbstverständliches Gefühl ließ Jörg und Güldenfey am nächsten

Tage weiter ihre stillen Wege suchen. Auf dem Vogeleiland, einer

Heilisoe vorgelagerten flachen Erdwelle, waren sie noch nicht

gewesen, dorthin wollten sie, bevor Jörg abreiste. Der dürre Sand

war mit bleichen Kieselbrocken durchmengt, der Wind bog das harte

Strandgras und schrieb mit den Spitzen wie mit Griffeln seltsame

Zeichen in den Sand. Strandläufer und Kiebitze schrien kläglich, und

emsige Spinnen, winzig klein, hasteten über Vogelspur und um die Reste

braungesprenkelter Eierschalen.

Soll ich ihn fragen? dachte Güldenfey. Aber auch in dieser weltfernen

Abgeschiedenheit schloß etwas, das warnte, ihren Mund.

»Ob Telge morgen zeitig genug hier sein wird?« fragte Jörg, als sie am

Strand zurückgingen. Malte hatte das Boot durch Fernspruch zur Stadt

befohlen.

»Also wirklich morgen?« sagte Güldenfey. »Jörg, ich muß ... glaub' mir,

ich ~muß~ dich etwas fragen.«

»So frag' doch, kleine Güldenfey.«

»Es ist etwas, das nur dich angeht, aber nach diesen herrlichen Tagen

der Gemeinsamkeit ... Und glaub' mir, ich hüte es heilig.«

Sie waren bei den verlorenen Steinen angelangt, zwischen denen farbige

Algen schwammen.

»Ich habe kein Geheimnis vor dir«, sagte Jörg. »Laß uns niedersitzen.

Was willst du wissen?«

Güldenfey faltete die Hände um ihre Knie. »Du bist für die Musik

bestimmt, Jörg. Doch da ist noch etwas andres in dir, das, was du die

große Liebe nanntest, das, was den meisten, auch in unsrer Familie,

fremd ist. Mutter hat es gehabt. Wie aber hast du es in dir gefunden?«

Er sah lange auf das Meer, als suchten seine Augen ein Bild, das in

weiter Ferne lag.

»Es ist mein größtes Erlebnis«, sagte er endlich innig und ungewöhnlich

zart. »Es war, als es mich draußen haschte. Die andern waren

zurückgeflutet oder tot. Ich war in eine Sandmulde gekrochen. Seltene

purpurrote Blumen standen in der Dürre, große Steine lagen umher. Wie

hier. Mein zerrissenes Bein brannte wie im Feuer, die Sonne stach.

Meine Sinne vergingen und wachten wieder zur Klarheit auf. Dann spürte

ich Hunger und den fürchterlichsten Durst. Ich versuchte, mich

fortzubewegen -- es war unmöglich. Die Nacht mit ihren Kälteschauern

brachte keine Erfrischung. Als die Sonne wieder aufging, wußte ich,

daß ich, von allen verlassen, sterben sollte. Noch deckte mich der

Schatten einer fernstehenden Baumgruppe. Aber ich glaubte, daß die

Sonnenstrahlen, wenn sie mich erreichten, den letzten Rest von Kraft

aus mir saugen würden.«

Güldenfey rührte ihn an. »Jörg, Jörg! Und hier tranken wir und aßen wir

und haben das nicht gewußt.«

»Plötzlich bäumte sich alles in mir gegen den Tod auf. Leben, um jeden

Preis leben! Ich hatte ja noch viel zu tun, ich wollte den ungesungenen

Liedern nachgehen! Da sah ich unter den Bäumen einen Mann stehen;

hinter ihm hing die Sonne ihren Strahlenmantel auf. Ich weiß nicht

mehr, wie er gekleidet war: anders, als wir uns kleiden, war er und

doch nicht fremdartig. Ich wollte ihm winken und konnte nicht, und kein

Ruf kam mir vom Mund. Ich bemerkte, daß er mich nicht sah. Er blickte

über mich hin. Als ich den Kopf in die Richtung wandte, sah ich auf

dem Stein neben mir einen andern sitzen, den schaute der Mann an. Der

andre sah aus ... hast du meine Zeichnung von dem Götzen des Geldes

gesehen? Das war er! Als ich den andern betrachtete, redete er mich an:

›Du willst leben? Wohlan, sage zum Stein, daß er Wasser gebe. Er wird

es tun, sobald du mir deinen Hunger und Durst verpfändet hast.‹ -- Nimm

hin! wollte ich rufen; aber in der Fülle meiner leiblichen Qual empfand

ich doch die Warnung: Du gibst Unwiederbringliches hin. Was sollte ich

tun? Ich blickte mich nach dem Mann unter dem Baum um, als müsse mir

Rat von ihm kommen, und mir war, als sage sein Blick: Was wärest du

ohne Hunger und Durst! Ich schüttelte den Kopf.

›Du willst nicht‹, sagte der andre. ›Aber Ehre für deine Tapferkeit

willst du ernten. Ich verspreche dir Unsterblichkeit, wenn du mir

erlaubst, dein Gewissen umzubringen. Es ist eine Kleinigkeit!‹ -- Ich

fühlte es heiß in mir ringen. Da blickte ich auf den stillen Mann, der

wiegte langsam das Haupt. -- ›Geh!‹ rief ich den andern an, aber er

ging nicht, er stand nur auf.

›Ich sehe, dir ist es um Glück zu tun‹, sagte er und machte eine

herrische Gebärde. ›Alles Glück verschaffe ich dir -- nur erlaube, daß

ich dort, wohin du Tag und Nacht vergebens geschaut hast, einen winzig

kleinen leeren Raum schaffe. Nur so groß wie ein Stecknadelkopf, aber

völlig leer.‹ -- Als ich sein starres Lächeln sah, da ... ich weiß

nicht, was ich tat. Ich glaube, ich habe mich aufgerichtet und nach dem

Mann unter den Bäumen meine Arme weit ausgebreitet. Der kam ruhevoll

auf mich zu. Als ich im Feldlazarett erwachte, sah ich meinen Weg vor

mir liegen und wußte, daß ich ihn gehen würde.«

Die Wellen spülten an den Strand. Sie saßen beide am Saum der

Unendlichkeit und schwiegen.

Endlich seufzte Güldenfey tief auf. »Ja, du sollst ihn gehen, Jörg, und

ich halte zu dir. Aber erkläre mir ...«

»Heute nicht mehr, Kind.«

Er deutete den Strand hinunter: da kamen Marfa und Harro, und der neben

ihnen ging, war das nicht Malte? Er war es, sein Gesicht war bleich

und völlig verschlossen. Harro schien sehr erregt und hieb einige Male

heftig durch die Luft.

»Habt ihr es gehört, das Schändlichste, was je die Hölle ausgeheckt?«

rief er schon von weitem. »Wir sind verurteilt ohne Verteidigung,

vergewaltigt, hingerichtet, für alle Zeit geschändet.«

Was war geschehen? Was sollten sie gehört haben? Seine Erregung schlug

wie ein Lavaausbruch in die Stille.

»Malte hat die Nachricht gebracht. Sie haben unserm Volk die

Bedingungen diktiert, unter denen wir leben, was sage ich! verrecken

dürfen. Mit gebundenen Händen mußten wir es anhören. Maul zu, oder wir

schlagen! Gekreuzigt und verlästert, um endlich erstochen zu werden.«

So hatte Harro noch keiner gesehen. Aber in der Glut dieses flammenden

Zorns erschien er schön und von allem Schlackenhaften seiner Art

gereinigt. Marfas Hände umschlossen seinen Arm. Wie sie ihn anblickte,

schien es, als fürchte und liebe sie ihn zugleich.

»Malte, sag' es ihnen. Ich will es wieder und wieder hören. Mein Haß

ist gefräßig und soll satt werden.«

Malte war sachlich, er zählte das Schandregister auf: Entmannung,

Überwachung, Aussaugung, diese zerquälende Folge der den

Menschheitgesetzen hohnsprechenden Gewalttaten, dieses Saatbeet der

Angeberei, des Verrats, der niedersten menschlichen Triebe.

Der Wind war aufgekommen, der die Wellen heftig gegen den Strand warf.

Es war ein wildes Schäumen um die Blöcke. Tat die Natur ihren Mund auf,

um wider die sich zerfleischende Menschheit zu zeugen?

»Man weiß nicht, was das Ärgste darin ist!« stöhnte Harro, als Malte

geendet hatte.

»Das weiß man wohl«, sagte Jörg. »Daß wir die Lüge, die wider uns

ersonnen ist, als Wahrheit ausgeben sollen.«

Güldenfey trat plötzlich mit erhobener Hand vor: »Jörg, das ist es, was

du erzählt hast: der Mord des Gewissens.«

»Halt, Güldenfey, sag' das noch einmal!« rief Harro. »Mord des

Gewissens. Das will ich mir merken. Ich hab' es mir zuweilen gewünscht,

daß es hier innen still sei. Es gibt Dinge ... Einmal lag ich morgens

draußen in einem Loch. Da kam einer von drüben, der sich im Nebel beim

Essenholen verlaufen hatte. Er sang laut vor sich hin. Ich ließ ihn,

Gewehr im Anschlag, näher kommen; dann fiel der Schuß. Er hatte einen

leichten Tod. Wie viele in meinem Feuer lagen, das weiß ich nicht, will

es auch nicht wissen. Aber dieser eine Mann macht mir oft Unruhe. Es

ist unbequem, aber es ist doch wohl gut.«

»Quält dich die Erinnerung auch jetzt noch?« fragte Marfa.

»Seit ich dich habe, nicht mehr«, sagte er. »Malte, was können wir

jetzt tun?«

»Tätig sein«, erwiderte Malte knapp.

Er war während der Erzählung des Bruders zur Seite getreten. Jetzt zog

er die Uhr. »Ich bin nur gekommen, weil ich dachte, die Nachricht sei

sehr wichtig für dich. In einer Stunde fahre ich.«

»Natürlich«, sagte Harro. »Man wird mich in Berlin erwarten.«

Er war so erregt, daß er nicht daran dachte, mit Marfa sich zu

besprechen. Es war ja alles aufs beste geregelt: sie blieb im Treßhof,

ihn forderte das Leben.

»Ich fahre mit ihnen«, sagte Jörg zu Güldenfey.

»O Jörg! So enden unsre schönen Tage!«

Aber sie erkannte, daß, nachdem dieser Schlag gefallen war, auch auf

den Dünen von Heilisoe kein Platz für die Freude mehr sei.

Die überstürzte Abreise der Brüder glich fast einer Flucht. Die

beiden Frauen standen am Bollwerk und winkten dem Boot mit matten,

hoffnunglosen Händen nach.

In der Ferne tauchte die siebentürmige Stadt auf. Jörg stand vorn

am Steven und nahm das Bild in sich auf. So blickten einst die

heimkehrenden Hanseaten stolz der Heimat entgegen, wenn sie von

reichen Fahrten zurückkamen. Was sie heimbrachten, sollte der Stadt

Zierde sein, der Heimat Ruhm. Heute? Die Jetzigen dachten nur an

Selbstbereicherung. Das war der Weg zur wahren Freiheit nicht. Aber wo

war der zu suchen, der Rückweg nach Heilisoe?

Der Weg nach Heilisoe · 第 14 / 47 题