Malte erstaunte. »Du sagst, er habe recht?«

»Was er werden wird, ist nebensächlich. Eigentlich mag ich diese Leute

nicht. Ich kannte einige, die wuschen sich nicht genug. Aber daß Jörg

für das eintritt, wofür er die Fähigkeit besitzt, ist ehrenhaft. Du

wirst ihn auf seiner Bahn nicht aufhalten.«

Malte erstaunte noch mehr. War das nicht gegen sie gesprochen, was Jörg

da vorgebracht? Und sie achtete dessen großmütig nicht. Er empfand

diese Gerechtigkeit als ein Eintreten für seine Familie, auf die sie

immer ein wenig herabsah.

»Frauke!« sagte er dankbar und streckte die Hand nach ihr aus.

»Was ist?« fragte sie kühl. Nun, sie war jedem Gefühlsüberschwang

abhold. Augenblicke wie diese kamen, aber sie gingen schnell vorüber.

Immer hielt sie ihn auf Armeslänge von sich fern. Es ernüchterte ihn

nicht einmal mehr. Ihre Art war eben so frostig.

Er ließ die Hand, die sie nicht ergriffen, wieder sinken, aber er

begann zu ihr zu sprechen. »Ach, Frauke, es dringt jetzt zu viel auf

mich ein. Unser Vermögen stark verringert, die Brüder beide andrer

Arbeit zugewandt. Wir müssen wieder hochkommen, und ich bin allein!«

Das geringe Zeichen von Fraukes Anteilnahme öffnete ihm den Mund. Sie,

die eigentlich in einer andern Zone lebte und immer mehr betrachtend

als teilhabend auf das Treiben um sie blickte, ermunterte ihn nie.

Jetzt aber schien es Malte, als müsse er ihr als Dank geben, was jede

Frau als ihr Recht gefordert hätte.

Der Kornhandel, die Erwerbsquelle der Treß, war nicht mehr förderlich.

Die Zwangswirtschaft knebelte ihn, und das konnte noch lange andauern.

Man mußte andres versuchen. Eine Bank. Herr Häberle kannte die Art

der Geschäfte, und Onkel Rolf riet dazu. Man mußte Kenntnis haben von

dem Rinnsal des Geldes, das aus geheimen Gründen floß. Diese waren

wie Trichter, die zuzeiten alles in sich sogen und dann wieder eine

unersättliche Fülle von sich spien. Ein paar Dutzend Köpfe, vielleicht

nur drei oder einer, leiteten Flut und Ebbe, in der Völker ertranken

oder verschmachteten, die das Steigen oder Fallen der Verhängnisse

hervorriefen.

»Usadel! Julius Usadel! Hast du von ihm gehört?« Er sprach den Namen

leise und wie etwas Ehrwürdiges aus.

»Ich kenne ihn«, sagte Frauke. »Der Vater ...«

Sie vollendete nicht. Wer war er? Woher kam er? Keiner wußte es. Er war

da und herrschte. Herrschte lautlos, aber jeder sprach mit Scheu von

ihm, in Kalifornien wie an der chinesischen Mauer. Wenn es gelänge, mit

ihm anzuknüpfen! Es mußte gelingen. Freilich mußte das Haus, das er

würdigen sollte, auf breiterer Unterlage stehen.

Frauke sah verwundert auf ihren Mann, der, von seinem Gedanken

durchglüht, im Zimmer auf und ab schritt. Wie kamen ihm diese

weitreichenden Pläne? Er sah stattlich aus wie damals, als er in

Harvestehude um sie warb, seine Schönheit trug etwas Gebieterisches. So

mußten die Männer ausschauen, die die Töchter der Hanse freiten.

»Wir sprachen doch von Jörg«, sagte sie.

»Die Linie läuft hierauf aus«, entgegnete er. Er blieb vor ihr stehen,

sah sie an, und sie verstand sofort.

»Das heißt, du gebrauchst Geld für das Unternehmen?«

Er bejahte nicht, doch seine Haltung sagte alles.

»Ich werde mit meinem Vater reden!«

»Und du glaubst ...« fragte er zaghaft. Der genau bedingte Ehevertrag

fiel ihm wieder ein.

»Über mein Mütterliches habe ich freie Verfügung«, sagte sie.

»Frauke!« rief er überwallend und ergriff ihre Hand.

»Wie?« fragte sie. Sie sah ihn wieder kühl an und zog ruhig ihre Hand

zurück. Ein Schwärmer? fragten ihre Blicke. Sie neigte den Kopf ein

wenig und ging. Auf der Schwelle wandte sie sich noch um: »Du weißt,

Torheit in Geschäftswagnissen würden Vater und ich nie verzeihen.«

»Sei unbesorgt«, erwiderte er und lauschte beglückt auf das Klingen der

feinen Ringe, als sie den Arm hob, um die Perlfäden des japanischen

Türvorhangs zu spalten.

Er trat noch einmal an das Fenster und sah zum Wülflamhaus hinüber. Er

fühlte es, wie frei seine Stirn war. Ein Ausfall in seiner Berechnung!

Aber auf der Haben-Seite war ein Glücksfall zu verbuchen. Würde er die

Aussicht auf einen Erben bald danach eintragen können? --

* * * * *

Harro und Jörg gingen, um Güldenfey zu treffen. Es wehte ein herber

Wind, doch der goldene Sonnenmantel, der auf der einen Straßenhälfte

lag, wärmte angenehm. Harro war in Aufregung. »Dein Plan ist ja

verrückt. Statt ein sicheres Brot zu wählen, Musik machen und

Menschen bekehren! Diese Gesellschaft! Nun, du wirst sie bald richtig

einschätzen lernen. Und Malte hast du auch vor den Kopf gestoßen, daß

seine Pläne wanken. Aber alle Achtung! Geltend hast du dich gemacht.

Ein Treßscher Kopf bist du!«

Jörg ging neben ihm, hörte ihn an und sagte nichts. Harros Entzücken

kam schnell und brauste bald ab, das wußte man. Sie schritten an Sankt

Johannes Evangelist vorüber.

»Geh voran, Harro!« bat Jörg. »Wir treffen uns am Tor wieder.«

»Was hast du vor?«

»Entschuldige, ich muß einige Minuten allein sein.« Und er trat in die

Pforte, die zum Kreuzgang führte. Mochte Harro den Kopf schütteln, er

bedurfte der Sammlung. Das Spiel, in das er sich ganz verströmte, die

Auseinandersetzung, während der ihn die Kluft der Gegensätze nicht

minder als Malte erschüttert hatte, und jetzt ein fades Geschwätz!

Unmöglich.

Er ging unter den Arkaden des Kreuzganges auf und nieder. Der rankende

Efeu hatte das Dunkel der langen Winternächte angenommen, aber schon

reckten sich die jungen Triebe lebensdurstig auf die sonnenwarmen

Dachpfannen, und in den vier kahlen Lindenstämmen, die ihre Wurzeln

durch die Gräber namenloser Franziskanerbrüder trieben, pochte der

junge Saft des wachsenden Jahres. Nach wenigen Minuten der Stille

fühlte Jörg sich gesammelt und ging, den Bruder zu treffen.

Der stand am Tor im Gespräch mit Hans Olrogge. Er reckte seine breite

Hauptmannsgestalt, das Eiserne Kreuz am Gürtelstrich funkelte, sein

unbekümmertes Lachen scholl durch die Gasse. Die Werkleute, die zum

Mittagsmahl gingen und sich auf dem schmalen Steig an der Gruppe

vorüberzwängten, sahen mißtrauisch auf den Lauten, in dem sie den

einstigen Offizier witterten.

»Nun, Jörg, hast du dein stilles Gebet beendet?« fragte Harro, als sie

dem Hafen zuschritten.

Ob wohl in das Leben dieses Rauhen jemals etwas treten wird,

was sänftigend auf ihn wirkt? fragte sich Jörg. Vier Jahre

Landsknechtdienste in Blut und Rauch verhärteten den Besten, und nun

brauste das schartig machende Treiben der Partei auf ihn ein. Es war

schade um Harro.

Die kleinen Wellen liefen spielend gegen die Bohlenverkleidung des

Hafendammes, die Sonnenblänke lag glitzernd auf dem leise bewegten

Wasser. In der Ferne zog die Rauchfahne eines Dampfers, und einige

Fischerboote mit braunen Segeln strebten halb wider Wind auf die Stadt

zu. Eine Möwe stieß in den glänzenden Spiegel der See.

»Da kommt Güldenfey«, sagte Harro.

Sie hatte die Brüder bemerkt, und es schien, als winke sie ihnen, zu

eilen. Das Kopfsteinpflaster erschwerte das Gehen, aber Güldenfey ließ

sich davon nicht hemmen. Ihr frisches Gesicht glühte im Eifer.

»Ich habe etwas Seltsames erlebt«, rief sie. »Kommt, ihr sollt

teilnehmen; es ist so traurig.«

Und sie begann zu erzählen. Ein Schiff, aus den Ostseeprovinzen

kommend, war heute eingelaufen und hatte Deutschbalten mitgebracht.

Männer und Frauen, von allem Notwendigen entblößt, Kinder nur

notdürftig bekleidet.

»Denkt euch, die Seefahrt im Märzwind!« Güldenfeys Stimme zitterte. »O,

wie glücklich sind sie, daß sie deutschen Boden erreichten!«

Da waren zwei Frauen, mit denen hatte sie gesprochen. Sie waren den

Schrecken der Kerker entflohen. An der Grenze waren sie zurückgewiesen

aus kleinlichen Bedenken eines Formelkrämers. Wer trägt den

Geburtschein bei sich, wenn er der Gefangenschaft entweicht! Sie hatten

bei zwölf Grad Kälte die Nacht auf freiem Bahnsteig zugebracht, bis

sich ein Beamter ihrer erbarmte und sie an den nächsten Hafen brachte.

»Ich möchte ihnen gern helfen«, sagte Harro gutmütig. »Ich fürchte nur

...« Er griff dahin, wo seine Brieftasche steckte.

»Aber Harro!« sagte Güldenfey. »Es sind Damen. Die Junge ist die

Tochter des Professors Honterus; die Ältere ist ihre Tante. Sie

wissen nicht, wohin sie sollen. Jörg, hilf mir doch! Wir müssen sie

aufnehmen.« Sie hob bittend beide Hände. »Wir haben doch im Treßhof

Raum. Neben Oses Stube. Oder ...«

»Sei ruhig, Güldenfey«, sagte Jörg. »Geht es dort nicht, so bleibt noch

mein Zimmer. Wir nehmen sie sicher bei uns auf.«

Die meisten der Angekommenen, die ein kleiner Dampfer von der großen

Insel hergeführt hatte, zogen schon Quartieren zu, einige hockten

noch auf schmalen Kisten, in denen sie dürftige Reste des schnell

Zusammengerafften mit sich führten. Die beiden Frauen standen ein

wenig abseits; die ältere lehnte müde gegen den Haltstein, um den das

Schiffsseil geschlungen war. Die königliche Haltung der andern verriet

nichts von den Leiden, die sie belastet hatten. Sie hielt ein winziges

Päckchen, das man den Habelosen zugesteckt hatte.

»Ariadne!« sagte Harro.

Güldenfey eilte auf sie zu. »Meine Brüder!« erklärte sie.

Die Junge wandte sich und sah mit fragenden Augen auf die Herren.

»Ich heiße Marfa Honterus, dies ist meine Tante, Frau Staatsrat

Honterus. Wir sind auf der Flucht hierher ...« Sie sprach das wie ein

eingelerntes Sprüchlein mit etwas kläglichem Tonfall. Ungezählte Male

hatte sie das gleiche an Schaltern, Speisestätten und in Schreibstuben

gesagt, immer bittend, immer angstvoll, immer um die Antwort bangend.

»Ich hab' ihnen schon alles erklärt«, sagte Güldenfey und legte ihre

Hand mit dem Pelzhandschuh auf Marfas Arm. »O, Sie frieren, Ärmste!«

fuhr sie plötzlich fort, als sie die nicht bekleideten Hände ihrer

Schutzbefohlenen bemerkte, zog die Handschuhe ab und drängte sie ihr

auf.

»Liebes Fräulein!« sagte Marfa. Ein verirrtes Lächeln ging flüchtig um

ihren Mund. Es war in der Tat unmöglich, diese Gabe anzunehmen. Die

feingliedrige, schlanke Güldenfey und dieses Mädchen, deren Leib die

Natur mit den Formen einer Walküre ausgestattet hatte!

»Wickeln Sie sie um Ihre armen Finger«, sagte Güldenfey. »Bitte!« Wer

vermochte zu widerstehen, wenn Güldenfey bat!

»Wir haben schon alles besprochen. Sie gehen mit uns und bleiben fürs

erste bei uns. Sie müssen warm werden. Unsre alte Ose wird herrlich für

Sie sorgen, und ich auch ein wenig.«

»Liebes Fräulein!« sagte Marfa aufs neue. »Dieses Übermaß an Güte ...

Wir wissen wirklich nicht ... Sie haben Trauer ...« Ihr kleiner Mund,

der zaghaft mit dem harten Wortton der Balten das Deutsch formte,

verzog sich wie im Weinen.

Jörg trat vor. »Kommen Sie ohne Bedenken mit uns. Sie wissen nicht,

welche Freude Sie meiner Schwester machen. Wir alle freuen uns.«

Er sah sich nach Harro um. Warum schwieg der beharrlich? Harro stand

da und blickte das fremde Mädchen an. Seine laute Wortfertigkeit

versagte völlig. Der Wind nahm die Enden ihres Schleiertuches und hob

sie in die Luft. Sie griff danach und zog sie nieder. Ihm war, als

habe er sie schon einmal gesehen. Dieses dunkelbraune Haar mit den

bronzehellen Streifen, das ihr in schwerem Knoten gebunden im Nacken

lag; diese hohe schöne Stirn, die ein Paar nach innen schauende dunkle

Augen verschattete, diesen ragenden Wuchs, der den Frauen unvermischter

Geschlechter eignete. Wo lag die Stunde, aus der das Erinnerungbild

aufstieg?

Verträumtsein war Harros Sache nicht. Der Blick Jörgs rief ihn zurück.

Er besann sich auf die Pflicht als Kavalier, die er schutzlosen Frauen

schuldig war, und sagte ein paar verbindliche Worte.

Frau von Honterus war von Güldenfey die Einladung wiederholt worden.

In ihren Augen haftete das Entsetzen über das Furchtbare, das sie in

den letzten Monaten hatten sehen müssen: die Gewalttaten der zur Bestie

gewordenen Masse, die grausame Ermordung ihres Schwagers vor einem

Fleischerladen. Abels Blut schrie laut in ihrer Seele. Ihre Lippen

zitterten, da sie dankte. Güldenfey strich erbarmend über ihren Arm.

»Ihr Gepäck?« fragte Harro.

Marfa hob ein wenig das Bündelchen: »Dies und die Handtasche meiner

Tante ist alles, was wir retteten.«

»Und das Leben!« scherzte er.

»Ja, dies Leben!« entgegnete sie bitter.

Sie schritten voran. Jörg und Güldenfey, die Frau Honterus führten,

folgten ihnen. Harro machte seine Begleiterin auf die Schönheiten

der Stadt aufmerksam. Sie sah auf das, was er ihr wies, aber sie

antwortete selten mit einem Wort. Ihre Blicke gingen immer nach innen.

Er verspürte plötzlich ein starkes Verlangen, diese Seele, die sich

furchtsam in einem Winkel des herrlichen Körpers verborgen hatte,

hervorzulocken und sie in das Leben zurückzuführen.

Als Marfa in das Zimmer trat, das Güldenfey ihr bestimmt hatte, blieb

sie mitten im Raum stehen und blickte sich nicht um. Erst als das

Mädchen von außen die Tür einklinkte, fuhr sie auf, wie eine, die

ein Ton aus dem Schlaf schreckt. Da war ein Bett, da lag Wäsche

ausgebreitet, da war ein Ofen, der wärmte. Sie fiel in die Knie und

schluchzte hemmungslos. --

»Und nicht wahr, Ose,« sagte Güldenfey, »du hilfst mir für sie sorgen?

Denke nur, alles verloren. Du hättest sie sehen müssen, wie sie da so

verlassen standen! Alles vom Besten für sie.«

Die alte Schaffnerin nickte. Sie wollte dem Kind alles zuliebe tun, und

auch den armen Vertriebenen. Dieser Blick der Jungen hatte so etwas

Rührsames. Und wie gütig sie gesagt hatte: »Ich danke für Ihre Mühe,

liebes Fräulein Fink!« Was bedeutete nur dies, daß die eine Diele auf

dem oberen Flur seit heute wieder knarrte, wenn man auf sie trat?

Damals, als Güldenfey geboren wurde, war es so gewesen, und jetzt, kurz

vor der Krankheit des Herrn; sonst gab sie keinen Laut. Und nun heute

wieder. Klopfte der dunkle Bote schon wieder an? --

Als Jörg am nächsten Morgen sich anschickte, zum Bahnhof zu gehen,

erbot sich Harro, ihn zu begleiten. »Ich sollte wohl mit dir fahren,«

sagte er, »die Geschäfte der Partei werden dringlich, und sie rufen

schon nach mir. Aber ich kann nicht, weiß Gott, ich kann nicht!«

Jörg schwieg. Wenn Harro, der gewissenhaft seine Pflicht tat, sagte:

Ich kann nicht! so würde er Grund haben, zu zögern. Er spürte aber auf

dem Weg etwas Andrängendes, als wolle ihm Harro etwas sagen, für das er

nicht das treffende Wort fand.

Endlich stand er im Wagen am geöffneten Fenster und sah auf Harro

nieder, der sinnend vor sich hinblickte. Der Beamte, der das

Abfahrtzeichen geben sollte, ging vorüber.

»Wir werden uns bald wiedersehen, Jörg.«

»Schwerlich. Ich werde jetzt viel arbeiten müssen, Harro.«

Der Beamte hob die Scheibe. Die Brüder reichten einander die Hand.

»Trotzdem, mein Junge, du wirst bald wieder hier sein.«

»Warum?«

»Ich werde meinerseits Malte auch einen Strich durch seine Rechnung

ziehen. Du entsinnst dich, welchen Rat er mir gab: ich müsse eine

reiche Frau wählen. Nun, ich heirate keine andere als Marfa Honterus.

Bewahre dies noch für dich! Für den Sommer aber lade ich dich zur

Hochzeit ein.«

Er blieb lachend, winkend zurück. Der Raum zwischen ihnen wuchs. Trat

das Sänftigende so bald in Harros Leben?

Der Weg nach Heilisoe · 第 13 / 47 题