Seitwärts führte in die Kirche des St. Niklas eine kleine Tür, durch
die die Treß zum Gottesdienst gingen. Sie war von eigenartiger
Schönheit. Als der Vogt sie aufschloß, um die Herrschaften einzulassen,
blieb Frauke Treß stehen und bewunderte das feine Maßwerk, das ein
Spitzbogen in erhabener Arbeit krönte. Auch Malte sah flüchtig hin.
Er hatte wenig Zeit und war nur gekommen, um vor den andern als
gerechtfertigt dazustehen. Von der Musik verstand er nichts, und er
betrachtete die Stunde, die er darangab, als ein Opfer.
»Was ist das?« fragte er und deutete flüchtig auf die Figuren in den
beiden oberen Winkelfeldern, die gegeneinander die Posaunen hoben.
»Irgendwelche Wesen, die Musik machen«, erwiderte Frauke leichthin.
Er glaubte die Geringschätzung zu hören, die die Poppelmanns für alles
empfanden, was nicht zu den führenden Handelshäusern zählte. Schmuck
des Lebens, o ja! Aber wer ihn darbot, stand auf andrer Stufe. Und sein
leiblicher Bruder! Wohlan, er mochte spielen! Wie Malte urteilen würde,
stand bei ihm.
Pastor Thomasius war da, der feine Redner und gewinnende Mensch, der
anläßlich des Todesfalls allen nahegetreten war. Als er die Geschwister
begrüßt hatte, bat er um die Erlaubnis, dem Spiel lauschen zu dürfen.
Er sagte nicht, daß Jörg am vergangenen Abend bei ihm gewesen war; er
gab sich, als wäre er zufällig gekommen.
Seine Anwesenheit war Malte nicht willkommen. Er fürchtete, man möchte
voreilig von Jörgs Plänen sprechen. Doch Thomasius' Worte verrieten
nicht, daß er darum wußte, und schließlich war man hier bei ihm zu Gast.
Sie betraten den Treßschen Kirchenstuhl am Lettner, der im Volksmund
der goldene Präsentierteller hieß. Er lag der Kanzel gegenüber. Der
silberne Präsentierteller an der andern Seite des Altars war der Sitz
der Olrogges.
Das hohe Mittelschiff war vom Sonnenlicht durchgossen. Die
Säulenbündel, der buntbemalte Umgang, das hohe Chor mit dem funkelnden
Altarschnitzwerk, die Barockfiguren, die in gezierter Haltung den
Laienaltar umstanden, die Ambone, alles war von den fröhlichen
Strahlengarben belichtet und beglänzt, die der Frühling einer blut- und
tränengesättigten Erde schenkte.
Inmitten dieses heiteren Lichtspiels erschien die dunkle Menschengruppe
in Trauerflor und schwarzem Tuch wie eine düstere Mahnung des
Unvergeßlichen. Wären nur die strahlenden Augen Güldenfeys nicht
gewesen! Thomasius, der im Hintergrunde saß, beachtete, mit welchem
Entzücken diese Augen die reiche Fülle in sich tranken.
Auf dem Chor, wo die ihrer blanken Pfeifen beraubte Orgel türmte, regte
sich nichts.
Malte wurde ungeduldig. »Ich hoffe, er wartet nicht auf Onkel Rolf. Ob
er überhaupt hier ist?« wandte er sich an Harro.
Dieser antwortete mit einer Gebärde und blickte zur Orgel auf. In
diesem Augenblick setzte das Spiel ein. Ein Schrei, vor dem die Wolken
barsten, und noch einmal und noch einmal, hallend wie Gottes Stimme.
Und darauf die Antwort der Gründe, aufbrausend, sich überschlagend,
ein Donner in Tiefen, wo entfesselte Brände heulend die Felsenbande
sprengten.
Pastor Thomasius beugte sich vor und raunte den Namen des Tonstückes.
Niemand verstand ihn. Harro zog die Brauen in die Höhe. In Fraukes
Gesicht, das in seiner kühlen Gelassenheit gleichgültig dreingeschaut,
trat ein gespannter Zug. Güldenfeys Augen weiteten sich und wurden
ganz von ihrer Seele ausgefüllt. Sie sahen hilflos drein, als das
ungeheuerliche Widerspiel der Stimmen begann: das Auf und Nieder, die
Empörung und ihre Bewältigung, das brausende Halleluja des Sieges.
Malte stand auf, sprach einige Worte zu Frauke. Ihm war eingefallen,
daß er den Prokuristen, Herrn Häberle, mit den dringendsten
Unterschriften bestellt hatte. Er hatte in bezug auf Jörg seinen
Entschluß gefaßt.
Als seine Schritte verhallten, begann droben das Spiel aufs neue. Jetzt
war es etwas durchaus andres. Eine schmerzliche Klage ohne heldenhaften
Schwung. Die wehreiche wunde Zeit öffnete ihren Mund, das deutsche
Leid tat sich kund. Güldenfey preßte die Hand gegen die Brust: alles,
was sie während des verflossenen Winters empfunden, sprachen die Töne
aus. Die schmerzhafte Spannung bedrängte sie. Da quoll es von andern
Stimmen dagegen: O Lamm Gottes unschuldig, tröstlich beschwichtigend.
Sie weinte. Plötzlich fragte sich Güldenfey: Ist das wirklich Jörg,
der dort oben spielt? Ja, sie hatte ihn gehört, wenn er am Flügel
saß und stundenlang phantasierte, doch dies war mehr als Spiel. Sie
reckte den Kopf, doch der Spieler war von hier aus nicht sichtbar. Kurz
entschlossen verließ sie das Gestühl, ging leise im Seitenschiff bis
zum Orgelchor, die Treppe empor, tastete sich über Stufen bis an die
Ecke des Gehäuses und spähte.
Da saß Jörg, die Arme zu den Tasten erhoben, die Augen in eine
Ferne gerichtet. Er spielte, ohne auf die Noten zu sehen, und unter
seinen Fingern schwoll jetzt lauter der Bittgesang an, das =Agnus
Dei=. Eine süße Freude erfüllte sie. Sie war nie hier oben gewesen
und blickte nun scheu in die Fülle der Säulen, Bogen und Wölbungen.
War es nicht, als erwache unter den Klängen alles da unten, was in
steinernem Schlaf ruhte, die starren Heiligenbilder, die Kapitelle
und Schmuckstücke, die Grüfte in den Seitenkapellen und die gezierten
Altäre? Wer so hoch, dem Licht und dem Klang so viel näher, weilte, dem
mußte das Leben anders erscheinen.
Erbarme dich unser! Gib uns deinen Frieden!
Kränzten nicht die Strahlen den mißhandelten Leib des Herrn, der
am Triumphkreuz über dem Lettner schwebte? Hob nicht alles, was
Menschenhand drunten geformt, die Hände zu ihm empor? O ja, Güldenfey
verstand jetzt ganz. Sie hatte sehen wollen, ob Jörg diese Tonfülle
wirklich hervorrufen konnte, aber sie hatte mehr empfunden: sie hatte
einen Blick in seine Seele getan. Langsam kehrte sie zu den andern
zurück.
»Malte bittet euch, daß ihr zu uns kommt«, sagte Frauke, als Jörg die
Treppe verließ und zu ihnen trat.
»War Malte auch hier?«
»Er saß bei uns. Sahst du uns nicht?«
»Nein. Ich habe niemand gesehen. Ich habe eigentlich nur für mich
gespielt, Frauke.«
Sie entgegnete nichts. Harro äußerte seine Anerkennung in lauten
Worten, aber Jörgs Gesicht drückte Abwehr aus. Da schwieg auch
Thomasius.
Güldenfey hielt ihres Bruders Hand: »Du Lieber! -- Soll ich mit euch
gehen? Ich hätte wohl für Engelke noch etwas zu besorgen, aber wenn sie
dich nun bestürmen ...«
»Warum solltest du?«
»Du sagtest gestern, ich sollte zu dir stehen.«
»Bin ich dessen sicher?«
Sie nickte ihm zweimal bedeutsam zu.
»Dann geh ruhig deinen Weg, kleine Güldenfey. Mit alledem werde ich
schon allein fertig«, sagte er herzlich.
Pastor Thomasius schickte sich an, Güldenfey zu begleiten, und die drei
traten in das Haus am Markt.
In dem unteren Stockwerk, wo die Schreibstuben lagen, war ein
gedämpftes lebhaftes Treiben. Der alte Chef war begraben, es wehte
frischer Wind. Zwar bot die Zeit des Geschäftlichen nicht allzuviel.
Man stand abwartend, mit geneigten Köpfen da: Gesetze wurden über Nacht
aus der Erde gestampft, und hinter besetzten Grenzen plante feindlicher
Sinn das Verderbliche. Dennoch zitterte die Erregung in jedem Wort und
Tritt.
Malte entließ Herrn Häberle, als die Brüder eintraten. Er war sehr
freundlich und führte sie hinauf. Die Zimmer lagen im Sonnenlicht, das
sich durch die Spalten der resedenfarbenen Vorhänge schob. Malte zeigte
sich als der liebenswürdigste Wirt.
»Nein, setz' dich hierher, Jörg, dieser Stuhl ist bequemer! Und du,
Harro? So, du hast schon gewählt. Wollt ihr etwas genießen?«
Harro, der ewig Durstige, schien nicht abgeneigt, aber Jörg sagte so
bestimmt nein, daß er keinen Wunsch äußerte.
»Also reden wir zuerst!« fuhr Malte fort. »Dein Spiel! Es war einfach
packend, mein Junge. Ich versteh' nicht viel davon, aber das erste
Stück, das ich leider nur hörte, überzeugte mich, daß du etwas kannst.
Was war es denn?«
»Die =D-Moll-Tokkata=«, sagte Jörg.
»Wir wußten es ja, daß er etwas darin leistet!« bemerkte Harro.
»Doch das erwartete ich nicht. Woher hast du das nur?«
Harro strich mit den flachen Händen über die Armlehnen seines Stuhls.
»Mutters Erbteil!«
»Angenommen, ja! Aber dennoch ...« Malte erging sich weiter in lobenden
Worten.
Jörg saß still und hörte ohne ein Zeichen befriedigten Stolzes
zu. Ein Abglanz von der Ergriffenheit, die ihn während des Spiels
durchschüttert, war noch auf seiner Stirn. Er wartete auf das, was
kommen würde. So leicht gab Malte seinen Vorsatz nicht auf. Und es kam.
»Wir geben zu, lieber Junge, daß du in dir trägst, was dich zum
Künstler befähigt. Ich nehme auch den Zweifel zurück, daß es dir an
technischer Fertigkeit mangle. Ja, ich glaube, du besitzt beides. Aber
das wird jetzt nicht gefordert. Die bedrängte Zeit fordert Arbeit,
rechtschaffene Arbeit, die man in Verruf getan. Von Menschen deiner
Art aber, die sich in glücklicheren Tagen zu ihrer und andrer Freude
ausleben durften, fordert sie Opfer. Jeder, auch ich soll es bringen.
Von dir fordere ich es ebenfalls.«
Jörg hatte auf das Spiel der Stäubchen im Sonnenstrahl geachtet,
solange Malte sprach. Es waren gute Worte, die an ihn gerichtet waren;
sie machten ihm die Antwort schwer.
Jetzt richtete er sich auf und sah den älteren Bruder gerade an. Es
war, als wolle er sein Innerstes vor ihm aufschlagen. »Danke, Malte. Du
versuchst mich zu verstehen, das freut mich. Das Opfer, das ~du~
forderst, kann ich nicht bringen. Morgen kehre ich nach Schlesien
zurück, aber nicht zum Jus. Ich studiere Musik.«
»Ist das deine ganze Erklärung?« fragte Malte.
»Nein, Malte! Ich werde dir erklären, warum ich so handle. Versuch'
auch das zu verstehen. Auch ich will Deutschland helfen. Ich will aber
nicht, daß, wie du prophezeitest, das Geld der kommende Herrscher
wird. Dagegen werde ich wirken mit aller Kraft, denn das machte unsern
Untergang gewiß.« Er richtete sich herrisch auf. »Deutscher Geist unter
der verknöchernden Faust des Mammons! Wer beide kennt, sagt: Das ist
undenkbar! Jedoch ... Ich will dem deutschen Menschen zu seiner Seele
verhelfen. Weil er sie verlor, darum ist das alles über ihn gekommen,
diese Hetze, diese Verlassenheit, dieses Elend.«
»Hör' einmal!« rief Harro. »Warum wirst du nicht Theologe?«
Malte machte eine Bewegung, die ihm Einhalt gebot.
»Ich tu' es auf die Art, die mir gemäß ist«, fuhr Jörg fort.
»Wahrhaftigkeit, Einfachheit lehrt die alte Musik, sie wird von den
Leuten auch so verstanden. Mit meinen Mitteln will ich ihnen predigen.«
Malte stand auf, ging einige Schritte und setzte sich wieder. »Wie
kamst du eigentlich auf diese Idee?« fragte er.
»Darauf muß ich dir die Antwort schuldig bleiben. Das ist ein Erlebnis,
das mir sehr teuer ist.«
Etwas erschütterte Malte, etwas, über das er sich nicht Aufschluß geben
konnte. Es war nicht der Widerstand. Ein Treß ohne den eisernen Willen
wäre ihm undenkbar gewesen. Aber dieser Gegensatz! Diese bis in die
äußersten Wurzelfasern andre Art! Seit vierhundert Jahren sann man im
Treßhof auf Erwerb und Mehrung des Besitzes, und jetzt kam einer, der
von der deutschen Seele sprach. Kaufleute waren sie und als Nebenreiser
waren Seefahrer, Soldaten, Juristen dagewesen, aber nie Bücherhocker
und Phantasten.
»Deine Zeichnung bezog sich wohl auch auf meine Worte von Deutschlands
Zukunft?« fragte er.
Jörg nickte.
»Und du meinst, wir sollten arm bleiben?«
»Wir sollen mit Stolz tragen, was uns das Schicksal gab. Aber lieber
arm als unfrei.«
Wieder spürte Malte die Kluft vor seinen Füßen. Wie geriet der fremde
Geist in dieses Haus! Ob der Vater das geahnt hatte? Gewisse Anzeichen
deuteten darauf hin.
In diesem Augenblick trat Frauke ein. Sie blieb auf der Schwelle stehen
und sah kühl über die Brüder hin. Es war etwas in ihrer Erscheinung,
was Jörg reizte. Ihr seidig umrauschter Gang? Ihr nicht schönes,
aber in seiner Unbeweglichkeit sphinxhaftes Gesicht? Die unbeirrbare
Sicherheit ihres Auftretens? Er wußte nicht, was es war, er fühlte nur
bei ihrem Anblick, daß etwas in ihm sich angrifffreudig erhob.
»Ich glaubte, ihr wäret fertig«, sagte Frauke.
Malte ging ihr entgegen. »Noch nicht ganz. Aber, bitte, bleib hier!«
Er rückte ihr ritterlich den Stuhl. »Wir geraten in einen Streit über
die soziale Frage«, fuhr er fort. »Bleiben wir bei der Sache! Deinen
Standpunkt in Ehren, Jörg, doch ich sage dir, ein Treß kann nicht
Künstler sein. Ich bitte dich: gib es auf.«
Wie kommt ihm jetzt, da Frauke hier ist, dieser andre Ton? dachte Jörg.
Deckt er erst sein Innerstes auf, oder erstickt der Respekt vor seiner
Frau das brüderliche Verstehen?
»Nachdem ich dir Grund und Ziel meines Entschlusses dargelegt, ist es
unrecht, das geringzuachten, was ich sein will«, sagte er. »Du willst
mich bereden, daß ich mir untreu werde.«
»Du kannst deinen Idealen in jedem Berufe leben«, entgegnete Malte
knapp.
»Nein!« Jörg stand auf und reckte sich unwillkürlich. »Sag' es doch
getrost, Malte, es ist der ›Künstler‹, der dich ärgert.«
»Nun also, ja!«
»Danke! Du bist eben von den Ansichten deines Standes beengt. Wärst
du das nicht, würdest du wissen, daß der Name Treß vielleicht gerade
dadurch in eine höhere Rangklasse aufrückt.«
Harro lachte auf, auch um Maltes ernsten Mund glitt der Schein eines
Lächelns.
»Verzeiht, das soll kein Dünkel sein,« sagte Jörg, »doch ihr rubriziert
nun einmal, und darum sag' ich euch dies: Wir Künstler, die wir unserm
Beruf folgen und das Göttliche offenbaren, sind doch die Könige auf
Erden. Lacht bei euren fetten Suppen über unsre Wunderlichkeiten!
Schreit uns mit euren Autohupen an: Platz für uns! Laßt uns in Lumpen
hinter den Hecken verkommen! Wir sind doch die Träger dessen, was ihr
Kultur nennt. Keiner von euch kann uns unsre Würde entreißen, solange
wir dem Heiligen in uns treu bleiben.«
Er war wieder in den Sonnenstreifen getreten, sein Gesicht war von
außen und von innen durchleuchtet. Er trug in Wahrheit eine Krone.
Fraukes Augen staunten, Malte schien bewegt.
»Morgen in der Frühe fahre ich. Werden wir uns noch sehen?« Jörg war zu
ihm getreten und streckte ihm die Hand hin: »Ich weiß, du hast wenig
Zeit.«
Malte wußte jetzt: hier sind Worte übrig. Man sprach noch von
gleichgiltigen Dingen, etwas, das den Abgang vermittelte und
Unwiderrufliches abseits ließ. Dann gingen die Brüder. --
Malte stand am Fenster und blickte auf den mittaglich hellen Platz.
Drüben in der Reihe der Staffelgiebel die schwarzrötlichen Zacken des
Wülflamhauses. Hatte er nicht schon als Knabe geträumt, das Erbe dieses
trotzigen Geschlechts antreten zu wollen? Nicht einmal den störrigen
Knaben von zweiundzwanzig Jahren konnte er zur Vernunft bringen.
Er fühlte sich unterlegen wie noch nie. Die Kluft im Blut? Die neue
Zeit? Nein, da war noch etwas andres, ein Geist, den er bisher nicht
gekannt, der plötzlich Gestalt angenommen hatte. Wir sind doch die
Könige! Wir tragen allein das, was ihr Kultur nennt.
»Es ist ja Unsinn!« sagte er laut.
Ein Lachen kam aus dem Zimmer hinter ihm. Er wandte sich überrascht um.
Da saß Frauke, die Hand an die Wange gelehnt. Er hatte sie vergessen.
»Ich dachte, ich sei allein. Verzeih!«
»Es ist Unsinn,« sagte sie, »aber recht hat er doch!«
»Du meinst Jörg?«
»Ja, an ihn dachtest du doch.«