»Ich wollte es dem Vater ersparen, Malte. Es ist ja auch gut, daß ihn
mein Entschluß nicht mehr beunruhigt hat. Er ist unabänderlich.«
»Du willst Kaufmann werden?«
»Nein. Ich will nichts werden, sondern nur sein, was ich bin: ein
Musiker oder, wenn das besser klingt, ein Künstler in der =musica
sacra=.«
Er sagte es völlig ruhig. Von seiner Linken, wo Güldenfey saß, spürte
er eine tastende Hand. Er nahm sie und drückte sie im Dank.
»Wenn ich dich recht verstehe,« sagte Malte, »so willst du Organist
werden. Nun, du bist musikalisch, aber ungeachtet, daß dazu doch
vermutlich etwas mehr gehört -- ein Treß sitzt nicht auf der
Orgelpritsche und spielt Choräle.«
Es ballte sich irgend etwas zusammen, etwas, das quälend und
ängstigend war. Güldenfey zog den Amethyst, den sie wie ein Amulett
an feinem Kettlein immer bei sich trug, hervor und drückte den Stein
an die Lippen. Harro musterte starr die beiden Bildnisse, die ihm
gegenüber an der Wand hingen: Behrend Treß, Oberst im schwedischen
Gyllenstiernaschen Regiment, und Karl Heinrich, den Major bei den
Bohuslehnschen Schützen. Nein, wirklich, das ging nicht! Jörg war im
Felde Offizier geworden, und jetzt Tastenschläger?
Jörg schien das, was sich um sein Haupt zusammenzog, nicht zu berühren.
Er stand auf, war Malte gerade gegenüber, fast so groß wie der, und
völlig gesammelt. »Malte,« sagte er, »ein Treß tut das ganz, was er
einmal vor seinem Gewissen verantworten muß. Wenn du aber meinst, ich
hätte nicht das Zeug dazu, so kann ich ja den Beweis erbringen. Ich
lade euch auf morgen vormittag zehn Uhr, in St. Niklas mir zuzuhören.«
Onkel Rolf legte seine Hand breit auf den Tisch. »Ihr Treß seid
allesamt Hartköpfe. Ihr wollt euch die Schädel aneinander einrennen.
Muß das just in dieser schlimmen Zeit geschehen?«
Aber Malte legte die Hand auf seinen Arm. »Es ist jetzt nicht die
Stunde, davon zu handeln. Gut, Jörg, wir kommen! Und danach reden wir
davon in meiner Wohnung.«
Der Zwischenfall war erledigt. Malte fuhr fort, Vorschläge zu machen.
Man müsse daran denken, Einschränkungen sich aufzuerlegen. Vaters
Motorboot könne verkauft werden. Schließlich könne man das Fährschiff
benutzen, wenn man nach Heilisoe fahren wolle. Damit wäre auch Telge,
der Bootsmann, erübrigt.
Er sah plötzlich zu Frauke hinüber. Hatte sie nicht eine Bewegung
gemacht? Aber Frauke saß still und unbewegt da, die Hand an der Wange.
Und dann der Garten hinter der Mauer! Er trug nichts, es war in ihm
nur ein kurzes sommerliches Blühen. Hans Olrogge hatte jüngst anfragen
lassen, ob er feil sei.
»O meine Armen!« sagte Güldenfey und hob beide Arme, als müsse sie
diesen lieben Fleck Erde verteidigen. Wieviel Freude wuchs in ihm!
Wenn Güldenfey mit ihrer Gartenschere durch seine Beete und Büsche
ging, um aus seinem Blütenreichtum Sträuße für die alten Frauen des
»Räucherbodens« zu binden, war ihre Seele ganz sommerlich hell. Ihr
Taschengeld reichte nie für die Bedürfnisse der Darbenden aus, und in
ihren Sträußen trug sie stets einen feinen Duft in die engen Gelasse.
»Wir wollen es erwägen, Güldenfey«, sagte Malte und nickte ihr
beruhigend zu.
»Aber Engelke bekommt doch ihren Stiftsplatz im Heiligen Geist!« rief
sie. »O, sie kann nicht mehr. Vierzig Jahre hat sie auf dem kalten
Estrich unsrer Küche gestanden und für uns alle gekocht. Der Vater
hatte es ihr versprochen. Ist Engelke im Testament nicht genannt?«
Harro sprach ein paar Worte leise zu Malte. Dieser nickte. »Sei
unbesorgt, Güldenfey. Wenn auch wir uns manches versagen müssen, für
unsre treuen Dienerinnen wird gesorgt. Engelke soll ihre wohlverdiente
Ruhe haben und später auch unsre alte Ose.«
Güldenfeys Augen glänzten. Nun ging sie alles andre nichts mehr an.
Sie hörte kaum noch auf das, was Malte sagte, sie war gewiß, daß sie
auch ihren Garten behalten dürfe. Auch bei dem gemeinsamen Essen, das
man nach der langweiligen geschäftlichen Aussprache oben einnahm,
merkte sie nichts von der gehaltenen Art, in der die Geschwister
untereinander redeten. Ein Stuhl stand leer am Tisch; aber es war nicht
die Rücksicht auf den, der auf ihm gesessen, die alle veranlaßte, die
Worte vorsichtig zu wählen. Einmal fiel ihr ein: Jörg! Doch als sie zu
ihm hinübersah, fand sie ihn, wie er unbekümmert mit Frauke sprach. Was
war nur mit ihm? Ob er wirklich etwas Besonderes leistete? Ob Malte
nachgeben würde?
Nach dem Essen verabschiedeten sich, die nicht im Treßhof wohnten.
Malte und Frauke gingen in ihr Haus am Markt, Onkel Rolf hatte noch in
seiner Schreibstube zu tun; Harro wollte ihn begleiten.
Güldenfey lief, noch früher, als die Tür sich hinter den Fortgehenden
geschlossen hatte, zu der alten Köchin, die in ihrer Bibel las. Sie
setzte sich neben sie und faßte die beiden arbeitrauhen Hände, ehe
diese die Hornbrille von den Augen heben konnten.
»Engelke, es ist ganz gewiß, die Stelle im Heiligen Geist ist frei, und
du kannst hinein, wann du willst.«
Engelke nahm die Brille ab, legte das Lesezeichen in das Bibelbuch und
klappte dieses zu. Sie sah Güldenfey an, schüttelte langsam den grauen
Kopf und fing an zu weinen.
»Du, du!« Güldenfey strich an ihr auf und nieder. »Ich freue mich so
darauf, es dir zu sagen, und du weinst.«
Nun, da das ersehnte Ziel erreicht war, ängstete die Alte der Abschied.
Was sollte im Treßhof ohne sie werden? Man wußte ja, wie die Mädchen
der neuen Zeit waren: frech und üppig traten sie einher, von Treue
wußten sie wenig.
»Laß nur, Engelke, wir werden schon fertig werden, und geht es nicht,
so kommst du und siehst ein. Denk' jetzt an die niedlichen warmen
Stübchen, deren Fenster auf den Säulenhof sehen. Wenn ich dich dort
besuche und wir Kaffee trinken, während der Regen fällt! Und der Weg zu
deinen Gemeinschaftabenden ist von dort so kurz!«
Ja, das war ein Trost. Die Stunden in der Winkelgemeinschaft waren
Engelkes heimliche Freude, sie glaubte an die nahe Wiederkehr des
Herrn: alle Zeichen dieser bösen Zeit deuteten darauf hin. Aber daneben
war doch der Gedanke an Güldenfey und Jörg. Wenn der in die Ferien kam,
wer würde ihm die Kartoffelkuchen recht backen!
Jörg! Güldenfey fiel es plötzlich schwer auf das Herz. Sie wollte doch
noch mit ihm reden. Über ihrer Freude hatte sie ihn vergessen. Sie
drückte der Alten die Hand und lief durch die Zimmer.
Aber Jörg war nicht mehr da. Er hatte hinterlassen, er gehe zum
Kirchenvogt, um mit ihm alles wegen morgen zu besprechen. Nun, da kam
er bald wieder, und Güldenfey konnte schnell noch einmal zu Mellins
hinuntersteigen.
Der alte Packmeister des Treßhofes -- er erschien Güldenfey alt, weil
er einen langen Bart hatte, der ihm über die Brust bis zum zweiten
Rockknopf herabhing -- gehörte zum Hof wie Ose zur Familie. Es wird
erzählt, daß er dem Freier der einzigen Tochter, einem übrigens
erwünschten Beamten in ansehnlicher Stellung, in fast einstündiger
Sitzung erklärt habe, welche Ehre ihm widerfahre, daß er gewissermaßen
in das Haus Treß einheirate.
Es war da unten so viel Geheimnisvolles zu sehen: ein Glasschrank mit
gläsernen Hirschen und Schweizerhäuschen, Klingelschnüre aus silbernen
Perlen, Tassen mit verblichenem Goldrand und gefühlvollen Widmungen und
uralte Ostereier voll wunderlicher Schnörkel. Und über allem ein leiser
Duft nach Holländer Knaster und Anis.
Mellins hatten einen Brief von Marie bekommen und besprachen
umständlich die Vorgänge im Tageslauf der Tochter, als Güldenfey
eintrat. Sie mußte ihren Ehrenplatz einnehmen im geblümten Lehnstuhl
mit den vielen Kissen, vor dem der silbergraue Kater Murr schlief; sie
mußte die Nachrichten von Mariechen und ihren Kindern hören. Mellin
wollte seine Pfeife ausgehen lassen, wie er immer tat, wenn Güldenfey
auf Besuch kam, aber sie duldete es nicht. Nein, sie mußte nach oben
und Jörg erwarten. Der Gedanke an ihn ließ sie heute nirgendwo seßhaft
werden. Sie sagte, sie sei müde, und wünschte gute Nacht. --
Ose war im Eßzimmer und zählte das Silber ab. Güldenfey stellte sich an
das Fenster und sah in den Hof, wo in den Lichtschein des Mondes die
gezackten Schatten der Speicher glitten. Der Kastanienbaum füllte sich
mit jungem Saft, leise trat hinter die Nächte, denen der Reif noch das
glitzernde Kleid schenkte, der fröhliche Lenz.
Jörg kam noch immer nicht.
»Kind, du bist blaß vor Müdigkeit«, sagte Ose. »Komm, ich helfe dir
beim Auskleiden.«
»Ach, Ose, wenn ich ihn heute nicht mehr sehe! Und ich sollt' ihm doch
helfen und weiß nicht wie!« Ihre Stimme lallte schwer wie die eines
schlaftrunkenen Kindes.
Ose faßte mütterlich ihre Hand. »Siehst ihn ja morgen, ich sag's ihm,
wenn er heimkommt.«
Aber als Güldenfey die Decke ihres Lagers über sich zog, war alle
Müdigkeit verflogen. »Ose, ich muß es dir sagen von Jörg, ich habe
sonst keine Ruhe. Er will Künstler werden. Morgen in der Kirche spielt
er. Malte ist dagegen.«
Die Alte saß auf dem Stuhl am Bett und faltete die Hände. »Wird Malte
nichts nützen. Wenn Jörg sagt: Ich will!, so wird es. Er hat es von
deiner Mutter, Kind. In ihr war lauter Klingen. Es ist seltsam um die
Erbschaft des Blutes. Wem sie zufällt, muß sie antreten.«
»Wie wenig fiel mir von ihr zu!« Güldenfey seufzte und fühlte den
Stein, den sie am Halse trug.
»Dir? Kind, du hast doch ihre Art geerbt: wie sie mußt auch du
jedermann Liebes tun. Als sie dir den Namen gab ...«
»Ose, bitte, erzähl' es mir.«
Und die Alte erzählte aufs neue, was sie wohl tausendmal schon
berichtet hatte. »Als du geboren warst, sah ich, daß ihre Kraft
zerging, und sie wußte es auch und war ganz still und gefaßt. Dein
Vater lag an ihrem Bett auf den Knien, und ihre Hand strich über sein
Haar. Dann wandte sie plötzlich den Kopf: ›Bringt mir das Kind!‹ Da
nahm ich dich, weiß gebündelt wie du warst, legte dich in ihren Arm,
und sie sah dich lange an. Dann sagte sie mit ganz hoher Stimme, so
wie du immer sprichst: ›Güldenfey, liebe, kleine Güldenfey, lebe!‹ Ich
wußte nicht, was sie meinte, und sah sie verwundert an. ›Ist sie nicht
wie eine kleine goldene Fee?‹ Und sie sagte zu deinem Vater: ›Otto, ich
weiß, daß die erste Tochter in jeder Generation der Treß Myrrha genannt
wird, und wenn du willst, mögt ihr sie mit dem Namen ins Kirchenbuch
eintragen lassen, aber ihr Name ist Güldenfey, und so soll sie genannt
werden!‹ -- Siehst du, Kind, und dann hing sie dir das Kettlein mit
dem Stein um, etwas mühsam, denn Gottes Engel winkten schon, aber ich
half ihr. Und als ich dich in die Wiege gelegt hatte und mich wieder
umwandte, da winkten sie wieder, und sie ging mit ihnen.«
»O du Liebe, Süße!« sagte Güldenfey. Sie hatte den Stein an ihrem Mund
und küßte ihn andächtig.
»Du hast ihr Wesen geerbt und Jörg ihre Musik. Beide habt ihr das
Beste von ihr. Ich sage dir, sie konnte singen! Nicht so laut und
mit verzerrtem Gesicht wie die Frauen, die sich am Flügel aufstellen
und tun, als wollten sie auf der Stelle sterben, sondern leise und
lächelnd. Und immer ganz seltsame Melodien. Als sie Jörg trug, hab' ich
nebenan beim Wäscheordnen oft lange stillgestanden und ihr zugehört.
Mir wurde dann ganz sehnsüchtig um das Herz.«
»Und Harro und Malte? Haben die nichts von ihr?«
»Die sind Tresse, Kind! Harro ist Soldat, Seefahrer wie der Oberst bei
den Gyllenstiernaschen Söldnern.«
»Und Malte?«
»Ja, Malte!« Ose zuckte die Schultern.
In diesem Augenblick fiel es Güldenfey ein, wie sie ihn unter dem alten
Bild von Balzer Treß gesehen, wie sein schönes blasses Gesicht Zug um
Zug dem des Ahnen geglichen hatte. »Malte ist Balzer, dessen Bild unten
hängt!« rief sie.
»Der fliegende Holländer? Gott bewahr' uns, Kind!«
Güldenfey richtete sich auf. »Der fliegende Holländer? Heißt er so? Was
ist's mit ihm?«
Der Alten Lippen wurden schmal und herbe, als müßten sie etwas
verschließen. »Nichts ist mit ihm. Ich weiß nichts!«
Sie erhob sich und trat an das Fenster. Die Teiche, die die Stadt
umgürteten, lagen im Mondlicht. Der Duft der lenzenden Erde floß um die
alten Weiden.
»Es ist hell draußen, und unter den Bäumen nebelt es. Du sollst jetzt
schlafen, Kind.«
»Ach, Ose, erzähle, bitte!«
»Was? Die Unglücksgeschichte? Die bringt müden Menschen den Schlaf
nicht.«
»Ich finde vorher doch nicht Ruhe.«
Wer konnte widerstehen, wenn Güldenfey bat! Die Alte schüttelte den
Kopf, setzte sich am Bette wieder nieder und begann.
»Die Treß sind von Heilisoe als Fischer in die Stadt gekommen und
haben den Handel angefangen. Es ging recht und schlecht mit ihnen,
und ihr Wohlstand wuchs, und sie bauten die Kornspeicher. Aber dem
Balzer, der nach hundert Jahren aufkam, ging das In-die-Höhe-Kommen
nicht schnell genug. Damals war schon der Neid auf die Olrogges und
deren Mißgunst gegen uns. Der Balzer fing also den Handel mit Holland
an. Das alte Abenteurerblut brauste in ihm, er rüstete eine Kogge aus
und fuhr selbst nach Amsterdam. Er hatte, ich weiß nicht wie viele,
Söhne und Töchter zu Hause, aber das Goldfieber gewann solche Macht
über ihn, daß er nur selten heimkam. Der Reichtum floß ihm zu, und er
leitete ihn her, aber er verfiel der Gier mit Leib und Seele. Immer
neue Besitztümer raffte er an sich. Aber als er nun so viel besaß,
daß er es kaum noch übersah, da packte ihn das Heimweh in der fremden
Stadt. Er belud eine neue schöne Kogge und segelte heimwärts. Er fuhr
und fuhr und kam doch nicht an sein Ziel. Es war nicht stürmisch,
doch er konnte die Einfahrt in den Sund bei Heilisoe nicht finden.
In Häfen und auf der Fahrt fragte er stets aufs neue: ›Wo geht der
Weg nach Heilisoe?‹ Sie beschrieben ihn dem Frager, doch er fand ihn
nicht. Sein Kompaß wies ihn in die Irre. Seitdem fährt er rastlos durch
die Meere bei Tag, bei Nacht, in Wintern und Sommern, immerfort. Sie
nennen ihn den fliegenden Holländer. Viele haben seine Kogge mit der
Glücksfee, die ein goldenes Füllhorn ausschüttet, als Gallion gesehen;
auch mein Vater, der als Kapitän oft bis ans Nordkap fuhr. In stillen
Nächten hört man auch den Anruf: ›Wo geht der Weg nach Heilisoe?‹ Dann
werfen sie das Schiff nach Steuerbord herum, denn von Backbord gleitet
es immer auf sie zu. Können ihm ja den Weg doch nicht weisen, und wenn
schon -- den Kurs findet der fliegende Holländer nicht.« --
Güldenfey lag ganz still. Ose glaubte, sie sei eingeschlafen. »Kind,
schläfst du?«
»Ach nein, Ose. Wie sagtest du, das Gallion der Kogge sei eine Fee mit
goldenem Füllhorn?«
»Ja, so erzählt man.«
»Ob das Mutter wußte, da sie mich Güldenfey nannte?«
Die Alte stand auf und strich über die gefalteten Hände. »Nein, nein,
was hat sie mit dem alten Spuk zu schaffen! Du heißt so ... Ja, es ist
seltsam, vielleicht kannst du ihn erlösen.«
»Und fährt noch heute ruhelos durch die Meere?«
»Ist ja nur eine Sage, Kind. Gott weiß alles, und bei ihm ist
Vergebung. Schlaf jetzt!«
Güldenfey lag noch lange wach und sah das Mondlicht in das Zimmer
gleiten. Sie hörte Jörg heimkehren und später Harro, aber ihre Gedanken
waren bei dem Ahn draußen auf der See, der den Weg nach Heilisoe suchte
und nicht fand.