Da trat er neben sie. »Was geschieht denn dort?«

»Sie ist wieder da«, sagte sie und wies auf die Torfahrt, wo Harro am

Prellstein etwas Schattenhaftes zu erkennen glaubte.

»Wen meinst du nur?«

»Nun, sie, die Frau! Sie ist wieder in der Stadt, Kind.«

Harro starrte hinaus. »Wirklich, Ose? War sie schon hier? Wie denkst du

...?«

Aber Ose antwortete ihm nicht, legte den Finger an den Mund, trat

zurück und griff die Schnur der Gardine.

Güldenfey kam die Treppe herab, die von den Wohnräumen in das untere

Stockwerk führte. »Guten Abend, Jörg, guten Abend!« sagte ihre helle,

klingende Stimme. Dann erblickte sie erst die andern. Sie blieb

stehen und lehnte sich grüßend über die Brüstung. Das schwarze Kleid

der Trauer hob ihre blonde überschlanke Schönheit, die strahlenden

Blauaugen hatten durch die Tränen der letzten schmerzreichen Wochen

nichts von ihrem Glanz verloren. Wie sie da stand auf der alten

Wendelstiege aus nachgedunkeltem Holz, deren Wandung eine kunstfertige

Schnitzerhand vor zweihundert Jahren mit Bildern aus Christi Leiden

geziert, erschien sie Jörg wie das Licht jungen Tages, das spät in

verschattete Gründe steigt.

Er sagte nichts, er hob nur die Hand und ging ihr einige Schritte

entgegen. Sein linker Fuß schleifte nach. Er empfand die Behinderung,

die ihm die Verwundung hinterlassen, jetzt angesichts des lieblichen

Bildes als einen Mangel.

»Ach, Güldenfey,« sagte er, »ich wartete auf dich hier am Fenster. Es

war so schön draußen, und ich mußte, als ich die Prellsteine sah, an

unsre Jugend denken.«

Sie errötete wie eine Braut. »Du erwartetest mich? Doch das wußte ich

nicht.« Sie legte ihre Hand in seine und sah ihn zaghaft an. Jörg war

der Gespiele ihrer ersten Jahre, aber er war ihr soviel ferner gerückt

als die andern Brüder. Sie sann nach, wie es doch kam, daß sie in

diesen Tagen, da er zum Begräbnis des Vaters gekommen, immer etwas

wie Scheu in seiner Nähe empfand. Er war ernster als selbst Malte und

stiller als Harro. Hatte er viel erlebt, was er verborgen trug? Von der

Schule auf die Universität und nach dem ersten Semester in den Krieg.

Während der leidvollen Jahre war er selten daheim gewesen, und danach

hatte er wieder sein Studium aufgenommen.

»Liebe Schwester, liebe Güldenfey!« sagte Jörg.

Seine Zärtlichkeit verwirrte sie noch mehr, und sie blickte ihn

befangen an.

»Wir werden uns schon verstehen, denn du und ich, wir gehören

zusammen«, sagte er. »Hilf mir, wenn es not tut, Güldenfey.«

Sie wollte etwas entgegnen, um eine Erklärung bitten, aber da kamen die

andern, und nun war es plötzlich ein andres Zimmer. Onkel Rolf trug

unter dem Arm die schwere Aktentasche, ohne die man den Justizrat und

Ratsherrn Glöden nie sah; sein Gesicht drückte den Kummer aus, unter

dem er seit dem Kriegsausgang litt. Seine trübselige Stimmung umgab ihn

wie ein Gewölk und verfinsterte jeden Raum, den er betrat.

Malte, vollendet gekleidet, schien ernst und bleich. Keine Linie

seines Gesichts veränderte sich, als Harro ihn mit einem derben Wort

begrüßte. Er wußte genau, was er dem Ernst der Stunde schuldig war.

Und Frauke! Während sie ein paar Worte mit Güldenfey wechselte,

musterten ihre Augen, die grau wie Seewasser im Wind waren und immer

ein wenig spöttisch blickten, die andern. Nun, sie war eine Poppelmann,

Tochter des Josias Poppelmann, der Aus- und Einfuhr des amerikanischen

Warenverkehrs regelte. In Harvestehude war sie daheim und fühlte sich

in dieser kleinen Stadt, die wie eine ärmliche Stiftsdame vom Glanz der

Vergangenheit lebte, in der Fremde.

Gewiß, gewiß, die Treß waren ein ehrwürdiges Geschlecht, aber was

bedeutete das für eine Zeit, die sausende Räder an den Schuhen trug.

Das leise Rauschen ihrer seidenen Kleider, das feine Klirren der

goldenen Ringe an ihrem Handgelenk war ihr wie eine ferne Musik aus dem

verlassenen Königreich ihrer frühen Jugend.

Sie reihten sich um den langen Tisch, Onkel Rolf saß an der Stirnseite,

ihm zur Rechten Malte. Sie hatten die Schriftstücke vor sich

ausgebreitet. Auf was warten sie noch? dachte Jörg und blickte fragend

auf Frauke. Aber die saß königlich in einem hochlehnigen Sessel, hatte

den Kopf gegen die Hand gelehnt und sah abwartend vor sich hin.

Die Tür tat sich auf, und Ose trat mit zwei Mädchen ein, die auf

silbernen Platten Weinflaschen und Gläser trugen und sie vor den

Versammelten aufstellten. Malte erhob sich und füllte die Kelche

mit dem alten duftenden Traubenblut. »Liebe Geschwister,« sagte er,

»unser teurer seliger Vater hat mir aufgegeben, Sorge zu tragen, daß

wir in dieser Stunde seiner freundlich und liebevoll bei den letzten

Flaschen seines Hochzeitweins gedenken. Ich erfülle seinen Willen. Dem

Gedächtnis unsers Vaters und unsrer lieben Mutter!«

Sie hoben die Kelche und tranken andächtig. In Güldenfeys Glas fiel

eine Träne. O du Gute, Ungekannte, die sterben mußte, damit ich lebe!

dachte sie. Das Heimwehgefühl überkam sie. Sie beschloß, mit Ose einmal

wieder von der Seligen zu sprechen.

Sie hatte die Hände in ihrem Schoß gefaltet und bemühte sich,

achtzugeben auf das, was Onkel Rolf vorlas. Ihres Vaters Stimme! Ja,

war denn das seine freundliche, tiefe Stimme, die so zärtlich klang,

wenn er ihr Gesicht zu sich niederbog: Liebe, kleine Güldenfey! Das

waren trockene Formeln, Zahlen, die Onkel Rolf sehr ausdrucksvoll

betonte, und wenn er etwas Besonderes hervorhob, strich er mit

dem Zeigefinger über sein Kinn. Sie verlor, während sie auf die

Wiederholung dieser Eigentümlichkeit wartete, den Faden. Ach, warum auf

langweilige Dinge achten, die sie nichts angingen!

Harro gingen sie an und Malte, der jetzt an Vaters Stelle stand.

Sie blickte auf ihn. Er saß kerzengerade da, mit festgeschlossenen

Lippen und sehr bleich. Erregte ihn das Lesen dieses väterlichen

Vermächtnisses? Zuweilen glitten seine Blicke zu Frauke, suchend,

fragend. Aber die saß kühl und abgekehrt da, und in ihren Augen war das

Lächeln, dies seltsame fremde Lächeln.

Es fiel Güldenfey auf, wie edel das strenge, marmorweiße Gesicht ihres

ältesten Bruders war. Irgend etwas war in ihm, das sie früher und an

anderm Ort gesehen. Wo nur und wann? Sie sann nach und fand es nicht.

Aber plötzlich blieben ihre Augen an dem Bilde haften, das gerade über

Malte an der Wand hing, dem Bild des Ahnen, jenes rätselhaften Balzer

Treß, durch den der Reichtum einmal in das Geschlecht gekommen war und

der auf seltsame Weise verschollen sein sollte. Das Bild war sehr alt,

aber jetzt im scharfen Licht der Deckenkrone deutete Güldenfey in

ihm Zug um Zug aus. Sie verglich und wußte es plötzlich: in Malte war

Balzer Treß wiedergebildet.

Sie seufzte auf, als die gleichförmige Rede Onkel Rolfs jäh abbrach.

Also nun waren sie am Ende!

Maltes Hand griff hastig schlichtend in die Papiere. Er war erregt und

bemüht, es zu verbergen. Er hob das Glas an die Lippe und setzte es,

ohne daß er getrunken hatte, wieder nieder. Dann stand er auf.

»Wenn ich als Ältester zu dem Vermögensstand unsers Hauses, wie er eben

dargelegt ist, mich äußere, so spreche ich kein Urteil über unsern

Vater aus. Er trägt nicht Schuld, daß wir viel verloren. Mehr als vier

Jahre Krieg! Schlimmeres wartet unser. Aber ich verspreche euch: ich

werde unser Geschlecht wieder heben, daß es angesehen dastehen wird.

Und mit ihm unser Vaterland. Deutschlands Throne sind leergefegt. Wer

wird sie wieder besteigen?« Er machte eine Pause und hob die Hand:

»Deutschlands, Europas, der Welt Herr wird das Geld sein!«

Er wurde durch ein Geräusch unterbrochen. Jörg hatte seinen Stuhl

zurückgeschoben und bückte sich, als wolle er Herabgefallenes aufheben.

»Sagtest du etwas?« fragte Malte.

»Ich sagte nichts. Obgleich ... Aber, bitte, sprich nur weiter.«

Malte sah ihn erstaunt an, dann fuhr er fort. Die feierliche Stunde,

die Erregung, das Bewußtsein, der verantwortliche Erste dieses Hauses

zu sein, das alles ließ ihn große Worte finden.

Jörg zog ein Blatt Papier heran, nahm den Stift und begann zu

zeichnen. Er zog einige Striche hinauf und hinab, dann gestaltete sich

das Bild. In die Nacht wuchs ein schmaler Warenpalast, wie ihn die

Neuzeit aus Stein, Stahl und Glas baute. Die Vorderseite bestand nur

aus Fenstern. Rechts und links erhoben sich zwei gleich aussehende,

aber höhere Häuser. Diese drei bildeten einen ungeheuren Thron, zu

dem eine breite Treppe führte. Auf diesem Thron, der mit straffen

Geldsäcken ausgepolstert war, saß breit und prahlend ein Mann mit

feisten Gliedern. Seine Weste straffte sich um den gerundeten Leib.

Er hatte die Augen wie ein Blinder geschlossen, aber von jedem seiner

krallenartigen Finger liefen Fäden in das Dunkel. Vor der Treppe auf

dem Pflaster lag die Menge. Der Stift zeichnete Könige, die sich

bückten, Richter und Krieger, die sich neigten; Minister, Künstler

und Bürger, die niederknieten; Frauen, die sich entblößten. Es war

eine schamlose Anbetung des frech sich flegelnden Menschen auf dem

Häuserthron, der die Huldigung annahm, ohne die Huldigenden zu

beachten.

»Es ist aber nicht genug, daß eure Vermögensanteile in der Handlung

mitarbeiten«, fuhr Malte fort. »Du, Harro, freilich stehst im Dienst

einer Partei, deren Aufkommen die neue Blüte unsers Handels verbürgt.

Doch wirst du darauf denken müssen, dich mit einer Erbin zu vermählen,

damit unser Haus bald entlastet wird.«

Harro lächelte vielsagend und nickte.

»Du, Jörg ... hörst du mich denn?«

»Ich höre«, sagte Jörg, schob das Blatt zurück und sah den Bruder an.

»Du wirst bald deine Prüfung bestehen und hierher kommen. Von einem

tüchtigen Anwalt werden wir Nutzen haben. Onkel Rolf wird dich zunächst

in seine Praxis aufnehmen und will sie dir später überlassen.«

Onkel Rolf strich mit dem Finger über sein Kinn. Malte sah Güldenfey an

und wollte fortfahren. Da geschah es.

Jörg legte den Stift hart auf den Tisch und sagte: »Auf mich rechnet

nicht!« Es war etwas in dem Ton, der alle aufsehen hieß.

Maltes Stirn verschattete sich. »Was heißt das, Jörg: Auf mich rechnet

nicht?«

Doch bevor er antworten konnte, hatte Frauke die Zeichnung an sich

gezogen. »Sieh, sieh!« sagte sie lächelnd. »Ich wußte gar nicht, daß du

so geschickt zeichnest. Was stellt das denn dar?«

»Den Götzen der Welt, den Malte soeben als den kommenden König ausrief.«

Frauke begriff, sie lächelte geheimnisvoll. Die andern erhoben sich und

betrachteten das seltsame Bild. Harro lobte es: »Ganz richtig, Jörg!«

Aber Malte fand die Unterbrechung unschicklich, und sein Knöchel pochte

auf. »Erlaubt, wir sind nicht hier, um Bilder zu betrachten. Jörg, du

schuldest mir noch eine Erklärung.«

Jörg strich sich mit der flachen Hand über das Haar. »Ich habe mein

Studium bereits aufgegeben«, sagte er.

Der Weg nach Heilisoe · 第 10 / 47 题