Vom St.-Niklas-Turm fielen drei helle Glockenschläge. Gleich darauf
antworteten aus der Ferne Maria zum Rosenhag und der Heilige Geist.
Dann war es wieder still. Das Abendgeläut, das um diese Zeit über
Märkte und krumme Gassen wogte, setzte nicht mehr ein. Der Lobgesang,
in den St. Jakob, St. Jürgen am Strande, die Katharin und der
Evangelist Johannes einzustimmen pflegten, schwieg, seit der Krieg den
Türmen die erzenen Zungen ausgerissen hatte.
Jörg stieß den Fensterflügel weit auf und lehnte sich hinaus. Der
Abendhimmel war von hellstem Grün und wie von Silber durchflossen;
hinter den Giebeln im Osten stand wohl schon der wachsende Mond. Vom
Meer herüber drang ein Geruch, wie er dem März eigentümlich ist, wenn
das angeschwemmte Seegras zu sprießen beginnt. Der ganze Treßhof,
den fast zu einem Viertel die alte Kastanie mit dunklem kahlem Geäst
überbreitete, war von diesem herben Ruch erfüllt.
Der alte Treßhof! Ein zärtlicher Blick des jungen Mannes umfing dies
alte backsteinerne Vätererbe. Von den abgewetzten Prellsteinen war
die kleine Güldenfey in seine geöffneten Arme gesprungen. Rechts der
Kellervorbau, der zu Mellins Wohnung führte und der einer kleinen
Kapelle glich; links die überdachte Treppe. In der Tiefe aber, aus
der er ausschaute, das alte Wohnhaus, das die stolze Inschrift trug:
Treßhof. 1525. Balzer Treß hatte es zwar erst etwa hundert Jahre später
gebaut, aber der Handelshof selbst war damals gegründet, als die Hanse
schon von ihrem guten Ruf und nicht mehr von Taten zehrte. Was tat
das! Er hatte vier Jahrhunderte und eine Wallensteinsche Belagerung
überdauert und würde auch durch diese Elendszeit kommen.
Die Sperlinge lärmten noch in dem dürren Rankelgewächs, das bis in die
vermoosten Dachpfannen hinaufwuchs. Aus dem verblassenden Grün der
Himmelswiese wuchsen die ersten Sterne. Jörg schloß das Fenster.
Gleichzeitig wurde die Tür geöffnet, und die alte Schaffnerin trat
mit Harro ein. Der Raum war plötzlich in grelles Licht getaucht, der
lange Beratungtisch, die tiefen braunen Stühle an seinen Seiten, der
Schreibtisch, auf dem seit des Vaters Tod nichts verändert war, alles
schimmerte blank und gepflegt.
»Sieh, du bist hier, Jörg!« Und Harro begann in seiner etwas lauten Art
sofort auf ihn einzureden. Ob Malte und Frauke noch nicht hier seien.
Und Onkel Rolf. Es sei gleich sechs Uhr. Onkel Rolf lasse sich immer
Zeit, wenn er gerade einen Klienten bei sich habe.
Man spürte ihm die Unruhe an. Warum nur? dachte Jörg. Eine
Testamentsverlesung ist doch ein feierlicher Vorgang. Aber Harro
redete immer, als ob er seine Mannschaft zum Sturmangriff riefe und
das Knattern des Feuers überschreien müsse. Vielleicht war ihm dies in
seiner Tätigkeit als Rufer im Parteienstreit von Nutzen.
Er wartete eine Antwort Jörgs nicht erst ab, sondern ließ sich gleich
von etwas anderm fesseln. Die Alte war um den Tisch gegangen und hatte
Papier und Bleifedern ausgelegt. Jetzt trat sie an die Fenster, um die
Vorhänge zu schließen, und spähte eine Weile angestrengt hinaus.
»Was ist, Ose? Kommen sie?« fragte Harro.
Sie schüttelte den Kopf, schwieg und blickte wieder aus.