Martina lachte. »Nein, liebster Professor, wenn Sie jemand so sähe!«

»Dann wäre es nicht das erstemal -- die Kinder in meiner Klinik, und

seien es die kleinsten, sie kennen mich alle.«

Beate wurde blaß. Sie vermied seinen Blick; denn sie wußte, sie fühlte

es förmlich -- er dachte jetzt dasselbe wie sie, daß sie ihm einst

gesagt, wie es ihr Wunsch sei, ihm in seiner Klinik als getreue Helferin

zur Seite zu stehen, und nun war doch alles anders gekommen! Sie war

eine glänzende Offiziersdame geworden, die ihr Leben in geschäftigem

Müßiggang verbrachte; daß aber ein solches Dasein der einst so

tatenfrohen Beate zusagte, konnte er nicht recht begreifen.

Etwas hastig sagte sie da: »Es wird Zeit, daß ich gehe. Mein Mann ist

sicher schon daheim und wartet auf seine unpünktliche Frau.«

Georgs Nähe brachte ihr Verwirrung; die alten Erinnerungen waren zu

mächtig. Es dünkte sie Unrecht an dem Gatten, deshalb wollte sie fort.

»Bleibe doch noch einen Augenblick, Beate, du nimmst mir ja die Ruhe

mit! Hagendorf wird noch nicht zu Hause sein.«

»Das glaube ich auch nicht, denn als ich auf dem Wege nach hier war, sah

ich Herrn von Hagendorf mit den Maltenschen Damen gerade ins

Promenadencafe gehen«, meinte Georg.

Die junge Frau verfärbte sich etwas. Also hatte Rolf sie belogen, und

sie dadurch die Freundin; wie peinlich für sie, ein eisiges Gefühl

durchrieselte ihre Adern. »Halte mich nicht mehr, Tina; ich komme heute

abend dafür etwas früher. Karl Friedrich muß jetzt auch trinken; es ist

seine Zeit.«

Sie reichte Scharfenberg zum Abschied die schlanke, kühle Hand, die

leicht bebend in der seinen lag. »Auf Wiedersehen, Herr Professor, heute

abend.«

»Sie hätten vielleicht lieber nicht sagen sollen, daß Sie Hagendorf mit

den Maltenschen Damen gesehen haben --« bemerkte Martina nach Beates

Weggang.

»Ja, mein Gott, warum nicht?« lautete seine erstaunte Frage.

»Wissen Sie nicht, ach nein, wir haben ja nie davon gesprochen, und der

Klatsch ist Ihnen so fremd. Also -- Hagendorf macht der Schwester Frau

von Maltens in auffallender Weise den Hof und reitet täglich mit ihr

aus. Frau Beate scheint davon nichts zu wissen, auch kein Wunder, denn

sie geht kaum aus und lebt nur für ihr Kind. Kurz vorher, ehe Sie kamen,

hatte sie den Gatten aus anderen Gründen entschuldigt.«

Er sprang auf. »Das ist mir aber peinlich, ganz außerordentlich

peinlich,« rief er erregt aus.

»Nun, nun,« begütigte Martina, »so schlimm ist es ja nicht, was Sie

verbrochen haben. Übrigens will mein Mann morgen oder übermorgen dem

Hagendorf mal die Leviten lesen, daß er nicht zu sehr vergißt, was er

seiner Frau schuldig ist. Ich möchte ihr jede Unannehmlichkeit ersparen;

denn ich habe sie sehr lieb, sie ist eine prächtige Frau, diese Beate

mit ihrem klugen, hochstrebenden, vornehmen Sinn. Doch zu wem sage ich

das? Sie kennen sie ja von früher her, wissen das ebenso gut wie ich.«

Er bejahte durch ein Kopfnicken. Da sagte Martina Berthold in ihrer

impulsiven Art: »Wissen Sie, lieber Freund, woran ich oftmals gedacht?

Weshalb Sie und Frau Beate eigentlich kein Paar geworden sind!«

Er fuhr auf. Beschwichtigend legte sie ihre Hand auf seinen Arm. »Aber,

lieber Professor, ist einem Freunde nicht ein offenes Wort gestattet?

Wäre das denn so unnatürlich gewesen? Nachbarskinder, täglich beisammen,

da kommt so etwas von selbst, und, offen gestanden, Sie hätten doch viel

besser zu der geistvollen Frau gepaßt, als der im Grunde herzlich

unbedeutende Hagendorf, der wohl ein schöner Mann ist, aber auch nichts

weiter als das! Ich glaube, lieber Professor, da haben Sie über Ihren

Büchern und Ihrem Wissensdrange ganz übersehen, daß aus dem Kinde, das

Sie unterrichtet und belehrt haben, ein liebenswürdiges Weib geworden

war. Vielleicht hätten Sie jetzt das trauliche Heim, das Ihr Wunsch ist,

wie Sie immer sagen, wenn Sie sich eher dazugehalten hätten!«

Während ihrer halb neckenden, halb vorwurfsvollen Rede hatte er am

Geburtstagstisch gestanden, die Photographie Beates mit ihrem Kinde in

die Hand genommen und sie sinnend betrachtet. Bei Martinas letzten

Worten wandte er sich hastig um. »Wissen Sie denn so genau, daß ich das

nicht getan habe? Daß ich wirklich so blind war?« kam es halb erstickt

aus seinem Munde, und er strich mit der Hand über die Stirn, wie um eine

schmerzliche Erinnerung hinwegzuscheuchen.

»Um Gottes willen,« erschreckt heftete die Frau ihre klugen Augen auf

sein tief erregtes Gesicht, »um Gott, verzeihen Sie, liebster Professor,

wenn ich da in so wenig zarter, allein mir selbst unbewußter Weise an

eine wunde Stelle in Ihrem Inneren gerührt habe.«

Er schüttelte trübe den Kopf. »Ich werde Ihnen ein andermal erzählen,

Frau Martina, warum Ihr Freund ein einsamer Mann geblieben ist. Jetzt

lassen Sie mich gehen!«

Die schlanke Frau legte ihre blassen, durchsichtigen Hände auf seine

Schultern und sagte leise: »Jetzt begreife ich alles. Wer eine Beate

geliebt hat, kann nach ihr so leicht keine andere finden.«

Er nickte; dann drückte er einen Kuß auf Martinas Hand und ging.

Teilnahmsvoll sah sie ihm nach. Jetzt war ihr so vieles klar, daß er

keinen Besuch in Villa Hagendorf gemacht, sein sichtliches Fernhalten

von der Familie mit der Begründung, daß ihm der junge Offizier nicht so

viel Sympathie einflöße, um in ihm den Wunsch zu erwecken, mit ihm zu

verkehren. Armer Mann! Er wollte sich nur nicht die unnütze Qual

auferlegen, die Geliebte als die Frau des anderen zu sehen.

Aber daß Beate -- sie schüttelte verwundert den Kopf. Welch seltsam Ding

ist doch das Frauenherz!

Kurze Zeit danach kam Hauptmann Berthold nach Hause. Zärtlich umfing er

seine Gattin. »Nun, mein liebes Geburtstagskind, du siehst so erregt

aus, hast doch wohl Besuch gehabt?«

»O, nur Beate. Und dann kam auch noch Scharfenberg.«

»Das sind dir ja liebe Leute! Doch jetzt schnell mit meiner Neuigkeit

vom Herzen, die dich sehr verwundern wird. Du mußt die Tischordnung

umstoßen. Plessow hat mich soeben gebeten, ihm auf jeden Fall Fräulein

Düsing als Tischdame zu geben. Er hat sich gestern mit ihr verlobt.«

»Gottlob, nun wird doch Hagendorf endlich zur Besinnung kommen,« sagte

Martina mit wahrhaft erleichtertem Aufatmen, »ob er es schon weiß?

Scharfenberg hat ihn vorhin erst mit ihr und der Malten im

Promenadencafe gesehen.«

»Auf keinen Fall werden sie schon davon gesprochen haben, denn es soll

eine große Überraschung für die Gesellschaft sein. Man hat geplant, daß

bei uns die Verlobung bekannt gegeben werden soll, und zwar erst nach

zwölf, also morgen; denn da feiern Maltens ihren siebenjährigen

Hochzeitstag -- aus diesem Grunde wollten sie warten, wie Plessow

sagte.«

»Und auch besonders darum, weil Viola Düsing die Sensation liebt. Sie

will selbst Zeuge von der Überraschung sein, die ihre Verlobung

hervorrufen wird; sie will die erstaunten Gesichter aller sehen,

besonders Hagendorfs, mit dem sie in unverantwortlicher, wirklich

frivoler Weise kokettiert hat. Ich bewundere nur Plessow, wie er das so

ruhig mit hat ansehen können.«

»Der gute Philipp! Übrigens ist er ganz unheimlich glücklich; er kann

die Zeit kaum erwarten, bis die Düsing vor aller Welt seine Braut wird;

er strahlte förmlich vor Seligkeit, als er mir die Mitteilung machte.«

»Möge es ihm nur gut bekommen! Von Herzen wünsche ich es ihm. Ich

allerdings bin von diesem Zuwachs des Regiments nicht sonderlich erbaut.

An einer Düsing haben wir gerade genug! Doch wollen wir nun sehen, wie

wir die Plätze verteilen. Haffner sollte ursprünglich die Düsing führen.

Er wird sehr enttäuscht sein! Und dann möchte ich dir auch etwas von

unserem Professor sagen -- nein, jetzt nicht, nach Tische -- komm,

Schatz.«

Sie nahm seinen Arm, und beide schritten nach dem schon festlich

hergerichteten Speisesaal, um dort die gewünschte Änderung

vorzunehmen.

7.

Mit den widerstreitendsten Empfindungen war Beate Hagendorf nach Hause

gekommen. Nichts war ihr peinlicher als das Bewußtsein, eine Lüge

ausgesprochen zu haben, wenn sie auch selbst im guten Glauben geredet;

was mußte Martina denken! Wie konnte Rolf ihr das antun! Alles wegen

dieser Malten!

Einem Blitzstrahl gleich flammte da in ihr die Erkenntnis auf, daß Rolf

sie schon mehrmals belogen, und ein Argwohn erfüllte sie, der ihrer

vornehmen Seele bisher fremd gewesen war. Ihr Gatte hatte Heimlichkeiten

hinter ihrem Rücken -- er spielte falsches Spiel mit ihr. Dies und jenes

fiel ihr ein, worüber sie sonst gar nicht nachgedacht, was sich aber zu

einer Kette von Beweisen verdichtete; wie Schuppen fiel es jetzt von

ihren Augen. Seine täglichen Spazierritte, sein häufiges Ausgehen, seine

Launenhaftigkeit und Verdrossenheit gegen sie, alles das hatte einen

tieferen Grund -- und der war Viola Düsing! Jetzt war ihr alles klar.

Ein bitteres Lächeln zuckte um ihren Mund; sie empfand aber gar keinen

Schmerz darüber, und daran fühlte sie, daß ihr Gatte ihr vollkommen

gleichgültig war. War sie aber besser als er? Fast scheu sah sie sich

um, als habe jemand ihr diese Worte laut zugerufen. Nein, sie war nicht

besser, gab sie sich in grausamer Selbsterkenntnis zur Antwort; denn

auch sie liebte einen andern! Aber sie kämpfte wenigstens ehrlich gegen

diese Liebe, die kein Sinnenrausch war, sondern nur die Erkenntnis, daß

sie von Anbeginn zu dem andern gehörte, denn sie war Geist von seinem

Geist: gleiche Gedanken wie er hegte auch sie -- ihre Seelen waren

wahlverwandt und wunderbar auf einen Akkord gestimmt. Und sie selbst

hatte in törichter Verblendung diese Harmonie zerrissen -- und nun war

es zu spät zum Glück für sie.

Diese Selbsterkenntnis ließ sie Rolfs Verhalten milder beurteilen; sie

war ja auch schuldig, aber die Unwahrheit durfte er nicht sprechen; denn

nichts haßte und verachtete sie mehr als die Lüge, die sie als

Verteidigungsmittel feiger, kleinlicher Seelen verdammte.

Rolf war natürlich noch nicht zu Hause. Lange hatte sie mit dem Essen

warten müssen, bis er mit vom Wein geröteten Gesicht endlich erschien.

»'n bißchen lange geworden, Beate. Du weißt, Plessow ist ein Sumpfhuhn,

ebenso wie Bünau und Malten; man kann kein Ende finden, will auch nicht

gleich aufstehen, um nicht in den Verdacht zu kommen, daß man unter dem

Pantoffel steht,« suchte er sein spätes Heimkommen zu entschuldigen.

Beate war über diese offenbare Lüge empört. »Warum sagst du mir

eigentlich nicht die Wahrheit, Rolf?« Groß und ruhig blickte sie ihn

dabei an.

»Was fällt dir ein, an meinen Worten zu zweifeln?« rief er heftig, »wenn

ich dir sage, daß ich bis jetzt mit den Kameraden im Kasino war, so muß

dir das genügen! Im übrigen habe ich nicht nötig, dir über mein Tun und

Treiben Rechenschaft abzulegen. Fange nur so an, dann ist es recht.«

»Das verlange ich gar nicht. Sage dann aber lieber nichts, als daß du

mich belügst. Denn ich weiß, daß du nicht im Kasino warst, sondern im

Promenadencafe mit Frau von Malten und ihrer Schwester.«

Er biß sich auf die Lippen und zerrte nervös an seinem Schnurrbart. »Ah,

du hast mir nachspioniert?« lachte er gezwungen auf, »weshalb fragst du

erst, wenn du es doch schon weißt? Das ist ja niedlich, daß man wie ein

Schuljunge auf Schritt und Tritt bewacht wird. Du bist wohl gar

eifersüchtig, meine Teure?«

Da richtete sie sich zu ihrer vollen Größe auf und ein stolzer Blick

flammte über ihn hin. -- »Nein! Und auf eine Viola Düsing am

allerwenigsten,« sagte sie kalt.

»Du scheinst sehr hoch von dir zu denken, daß du einen Vergleich mit ihr

wagen willst,« entgegnete er hohnvoll.

»Oder vielleicht auch von meinem Gatten, daß er sich nicht zum

Gegenstand ihrer berechnenden Koketterie machen läßt.«

Klar und groß ruhten ihre Augen auf ihm; er konnte deren Blick nicht

erwidern, sondern starrte ingrimmig vor sich hin. Sie legte die Hand auf

seine Schulter. »Rolf, ich bitte dich um deinetwillen, ziehe dich von

Maltens zurück, ehe du dich zum Gespött machst.«

Beate hatte sich aber doch in ihren Worten vergriffen. Er schleuderte

ihre Hand zurück. -- »Was fällt dir ein?« rief er heftig in tief

verletzter Eitelkeit. »Willst du mich schulmeistern? Ich sage dir, damit

hast du kein Glück! Wissen möchte ich aber doch, wer dich auf einmal so

gut unterrichtet hat!«

»Dein auffallend intimer Verkehr mit Maltens, trotz meiner Abneigung,

hat mir stets zu denken gegeben. Und daß du dich hinter Unwahrheiten

verschanzest, gibt mir die Gewißheit, daß dein Gewissen nicht rein ist!

-- Weshalb gestandest du mir nicht zu, daß du im Promenadencafe warst,

überhaupt Absicht hattest, dahin zu gehen? Dann wäre mir das peinliche

Bewußtsein erspart geblieben, bei Martina dein Fernbleiben mit einer

Unwahrheit zu entschuldigen.«

»Ah, und dort hast du auch erfahren --«

»Ja, allerdings.«

»Und von wem, wenn ich fragen darf?«

Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort; dann sagte sie ruhig:

»Professor Scharfenberg hat dich gesehen; er kam ebenfalls zum

Gratulieren.«

Da lachte er auf, ein böses, höhnisches Lachen. »Ah, der famose

Professor! Der allerdings wird eine besondere Freude gehabt haben, dir

das mitzuteilen!«

»Inwiefern?« erstaunt sah sie ihn an.

»Na, tue nur nicht so, Beate! Der »geistvolle, kluge Mann« versteht dich

ja viel besser als dein simpler Gatte. Ihr seid beide sehr schlau, daß

ihr euch bei deiner gefälligen Freundin so ungestörte Stelldicheins

gebt -- hahaha -- in der Tat, sehr bequem.«

Sie wurde leichenblaß. »Pfui, Rolf! Komme doch zu dir! Ein weiteres Wort

habe ich nicht -- denn mir scheint, daß du -- betrunken bist, und mit

solchen Leuten rechtet man nicht.«

Damit stand sie vom Tisch auf und ging hinaus, ohne ihren Gatten eines

Blickes zu würdigen.

Sie sah ihn erst wieder, als sie zu Bertholds fuhren. Am liebsten wäre

sie zu Haus geblieben; aber Martinas wegen, deren Geburtstagsfeier sie

nicht fernbleiben konnte, mußte sie sich bezwingen, wenngleich sie sich

sehr elend fühlte. Rolfs Worte hatten das Heiligste in ihr besudelt, in

den Staub gezogen, und ihr war, als könne sie niemals wieder freundlich

zu ihm sein. Und ihm war sehr unbehaglich zu Mute, während er neben

seiner Frau im Wagen Platz nahm. Ihr blasses, kühles Gesicht veränderte

sich nicht, als er eine Unterhaltung anfangen wollte; es blieb genau so

steinern und unbeweglich wie heut Mittag, als sie das Zimmer verlassen

hatte.

Teufel, er hatte sich doch wohl zu sehr hinreißen lassen mit seinen

Worten, die ihm im Grunde gar nicht ernst gewesen waren. Aber ihre Art

hatte ihn gereizt, daß er nicht überlegte, was er sagte, und außerdem

hatte Viola ihn mit ihrem Übermut gequält, gepeinigt und auf seine

gelehrte »Frau Dr. med.« gestichelt, daß er ganz aus dem Gleichgewicht

gebracht war. Er meinte, das rotblonde Mädchen zu hassen und fieberte

doch darnach, sie wieder zu sehen. Ihre Gegenwart schien ihm

Lebensbedürfnis, und freudig strahlten seine Augen auf, als er sie in

Bertholds Salon erblickte -- Maltens waren schon da.

Wie raffiniert sie wieder angezogen war, eine schwarze, tief

ausgeschnittene Chiffontoilette, die einen wirkungsvollen Gegensatz zu

der leuchtenden Haarfarbe und dem blendenden Nacken bildete -- berückend

sah sie aus! In ihrer temperamentvollen Art hatte sie einen Kreis von

Herren um sich geschart, von denen sie sich auf Tod und Leben den Hof

machen ließ, und als man bei Tische saß, klang mehr als einmal ihr

lautes, vergnügtes Lachen durch den festlichen Raum. Sie trug überhaupt

ein sehr siegesbewußtes, übermütiges Wesen zur Schau.

Zu Rolfs Verwunderung war ihr Tischherr der lange Philipp Plessow, mit

dem sie sehr vertraut tat; beide sahen sich tief in die Augen, wenn sie

miteinander anstießen, und lächelten sich in auffallender Weise an.

Martina Berthold hatte für Leutnant Hagendorf den Platz so gewählt, daß

er Viola Düsing gar nicht oder nur sehr schlecht sehen konnte, womit sie

ihm eine Qual auferlegt hatte. Er vernachlässigte seine Tischdame fast

bis zur Unhöflichkeit, was aber Professor Scharfenberg, der zu ihrer

Rechten saß, in etwas gut zu machen suchte -- um Beates willen! Denn er

sah ihr an, daß sie sich mit etwas quälte; ihm entging so leicht keine

Veränderung in dem geliebten Antlitz. Heimlich bewunderte er sie. Sie

sah so anmutig, fast mädchenhaft in dem weißen Kleid aus, und im stillen

verglich er ihre keusche Schönheit mit der so aufdringlich wirkenden der

andern.

Beate beobachtete den Gatten, der ihr schräg gegenüber saß; sie sah, wie

ihn die innerliche Ungeduld fast verzehrte, sah, wie er vergebens einen

Blick mit Viola auszutauschen versuchte und bemerkte auch das

erleichterte Aufatmen Rolfs, als endlich die Tafel aufgehoben wurde.

Während er Viola »Mahlzeit« wünschte, sah er ihr bei seinem feurigen

Handkuß in die Augen.

»Mein gnädiges Fräulein, ich beklage mich sehr über die Grausamkeit,

daß Ihr entzückender Anblick mir bis jetzt entzogen wurde.«

»Warum beklagen Sie sich da bei mir? Ich kann nichts dafür -- das lag

doch an der Tischordnung,« entgegnete sie etwas schnippisch. Er wollte

darauf erwidern; aber in diesem Augenblick trat der lange Plessow zu

ihnen. Mit verliebtem Blick sah der auf Viola und schob seinen Arm unter

den ihrigen. »Will meine holde Tischdame mir etwa untreu werden? Das

gibts nicht!«

Rolf war wütend. Was fiel dem Kerl ein -- diese Dreistigkeit gegen Viola!

Er hatte wohl gar schon zu viel getrunken? Unmutig schlenderte er umher.

Dabei sah er, wie der Kommandeur lange mit Beate sprach und wie dessen

wetterharte scharfe Gesichtszüge sich zu einem wohlwollenden Lächeln

verzogen.

Nachher sagte der zu ihm, ihn wohlwollend auf die Schulter klopfend:

»Wissen Sie, Hagendorf, um Ihre gelehrte Frau sind Sie wirklich zu

beneiden -- Sie sind ein wahrer Glückspilz! Kann's sonst nicht leiden,

wenn die Weiber gar so gescheit sind -- 's ist nicht mein Fall -- sind

sie aber nebenbei so hübsch und interessant wie Ihre kleine liebe Frau,

dann drückt man gerne beide Augen zu bei so vieler Gelehrsamkeit.«

Rolf klappte die Hacken zusammen und verneigte sich, einige dankende

Worte murmelnd.

Da sah er Viola Düsing in der Tür stehen. Sie blickte gerade zu ihm hin

-- er vermeinte, darin eine direkte Aufforderung zu lesen, ihr zu

folgen. Man hatte sich in den eleganten, künstlerisch ausgestatteten,

lichtdurchfluteten Räumen zerstreut. Die Damen saßen plaudernd im Salon,

die Herren bei dem jetzt gereichten Bier im Rauch- und Spielzimmer, und

so konnte Hagendorf dem jungen Mädchen folgen, ohne daß es auffiel. Ihr

Tischherr, Plessow, war jetzt vom Kommandeur in Beschlag genommen, der

anscheinend sehr gute Laune hatte -- gemütlich unterhielt er sich mit

dem langen Oberleutnant und lachte wiederholt. Für eine Weile war also

Viola von der lästigen Gegenwart ihres Tischherrn befreit, und diese

Spanne Zeit wollte Rolf nützen.

Er fand das junge Mädchen im Wohnzimmer der Hausfrau. Viola stand an dem

Tisch, auf dem die Geburtstagsgeschenke Martinas aufgebaut waren, und

hielt eine Photographie in ihren Händen. Sie hörte ihn eintreten. Bei

dem Geräusch wandte sie sich um. -- »Ah, Sie, Herr von Hagendorf, mein

Gott, wie haben Sie mich erschreckt.«

Sie waren allein. Das Zimmer war nur schwach erhellt und durchflutet von

süßem Blumenduft. Es lag im ersten Stockwerk und gehörte nicht mit zu

den Gesellschaftsräumen, die sich im Erdgeschoß befanden. Er trat auf

sie zu, und sie empfand einen prickelnden Reiz, mit ihm hier zusammen zu

sein.

»Wie haben Sie sich hierher verirrt?«

»Ich wollte Sie sprechen, Viola.«

»Das können Sie doch unten ebenso gut! Ich wollte mir Frau Bertholds

Geburtstagstisch ansehen und entdeckte darauf -- raten Sie -- das Bild

Ihres Jungen, ich finde es wunderhübsch! Ihre Frau »Doktor« ist

ebenfalls gut getroffen -- und Karl Friedrich ist einzig, wie sind Sie

aber nur auf den feierlichen Namen gekommen? -- Rolf wäre doch viel

hübscher gewesen! Ich bin dem Kinde wirklich gut,« plauderte sie

unbefangen mit ihm.

Da faßte er ihre Hand mit seinen heißen, bebenden Fingern. »Viola, viel

glücklicher würde es mich machen, wenn Sie seinem Vater auch gut wären

-- ein klein wenig.«

Sie bog den blonden Kopf zurück und sah ihn mit einem seltsamen Blick

aus den halbgeschlossenen Augen an.

»Was hätte das wohl für Zweck, Herr von Hagendorf?«

»Fragen Sie doch nicht, Viola, ich denke nicht, ich weiß nur, daß ich

Sie liebe, Sie anbete«, flüsterte er leidenschaftlich. »Sie haben mich

ganz toll gemacht.«

Sie lächelte -- jetzt hatte sie das Bekenntnis seiner Liebe, nach dem

sie verlangt -- sie hatte den elegantesten Offizier des ganzen Regiments

zu ihren Füßen gezwungen, und ein triumphierendes Gefühl erfüllte sie.

Wenn seine hochmütige Frau das ahnte! Sie würde nicht mehr so

herablassend auf das junge Mädchen blicken, das keine große

Gelehrsamkeit, aber was mehr ist, Schönheit aufweisen konnte!

Alle diese Gedanken flogen durch ihren Kopf, als sie abwehrend sagte:

»Herr von Hagendorf, ich darf Sie nicht hören, nein --« und doch

lauschte sie seinem heißen Werben; sie duldete, daß er seinen Arm um

ihre Taille legte und blickte ihn an, süß und verheißend, ihm dadurch

das letzte Restchen Besinnung raubend. Wild preßte er sie an sich.

»Viola, holdes, berauschendes Mädchen --« und seine Lippen suchten

ihren Mund in heißem Kusse, den sie ihm ebenso zurückgab. Da

überschüttete er sie mit seinen Liebkosungen.

»Nein, nein, lassen Sie mich --« es war, als erwache sie aus ihrer

Selbstvergessenheit -- sie suchte sich jetzt aus seinen Armen zu

befreien, doch er umschlang sie fester. Sie stemmte ihre Hände gegen

seine Brust.

»Noch einmal sage ich, lassen Sie mich, oder ich rufe.«

Die Situation würde sonst noch gefährlich für sie, -- nun war es genug

-- ihr Triumphgefühl war gesättigt, ihre Macht genügend erprobt! Da

hörte sie jetzt auch Schritte und sah, wie die Tür sich öffnete.

»Ist denn niemand, der mich von dem Wahnwitzigen befreit?« rief sie

halblaut, daß die soeben Eintretenden es hören mußten.

In diesem Augenblick erkannte sie in ihnen Malten und Plessow. Mit einem

letzten Kraftaufwand stieß sie Rolf zurück und flog auf die beiden zu,

die wie erstarrt dastanden.

Violas Augen füllten sich mit Tränen, und ihr Atem ging heftig. »Was ist

das?« fragte Plessow herrisch.

Malten schwieg; er sah seine Schwägerin nur mit einem eigentümlichen

Blick an. Da er sie sehr genau kannte, wußte er sich die Sachlage recht

gut zusammenzureimen.

»Nun, Herr von Hagendorf, weshalb bleiben Sie mir die Antwort schuldig?«

»Und ich frage Sie, Herr von Plessow, mit welchem Recht Sie sich in

meine Angelegenheiten mischen.«

Rolf war auf das äußerste durch die herausfordernde Art des andern

gereizt. Die Adern schwollen dick an auf seiner Stirn. Er biß die Zähne

zusammen und ballte die Hände. Der reichlich genossene, schwere Wein

machte sich bei beiden geltend, und dazu kam noch die gegenseitige

Abneigung.

Plessow lächelte höhnisch. »Erstens mit dem Recht, jeder von einem

Aufdringlichen belästigten Dame zu Hilfe zu kommen --«

»Herr --« fuhr da Hagendorf auf. »Sie werden unverschämt.« Er hatte alle

Besinnung verloren und machte eine Bewegung, als wolle er sich auf den

andern losstürzen.

»Meine Herren, ich bitte -- um Gotteswillen,« rief Malten aufs höchste

erschrocken aus, indem er zwischen die beiden trat -- »Mäßigung!«

Aber es war zu spät. Plessow sagte kalt: »Sie werden mir für Ihre Worte

Genugtuung geben.« Zustimmend, mit kurzer, knapper Verbeugung verneigte

sich Rolf. Ehe er aber etwas sagen konnte, fuhr der andere fort:

-- »Und zweitens habe ich doch wohl das Recht, meine -- Braut gegen Sie

zu schützen.« Dabei legte er seinen Arm um das Mädchen.

Wie vom Blitz getroffen stand Rolf da. Er war kreidebleich geworden, und

seine Züge hatten sich förmlich verzerrt, zu jäh und niederschmetternd

war ihm die Eröffnung gekommen. Er warf einen langen, unbeschreiblichen

Blick auf Viola. Ein neugieriges, grausames Lächeln spielte um ihren

üppigen Mund, und in ihren Augen glitzerte ein kaltes Licht, während sie

sich an ihren Verlobten lehnte und mit den roten Nelken an ihrem Kleide

spielte. Sie hatte jetzt ihre Sensation!

»Ich werde meinen Schwager, Herrn Oberleutnant Haßler, beauftragen, das

Weitere zu verhandeln. Ich stehe jederzeit und in jeder Weise zu

Diensten.«

Er hatte seine Selbstbeherrschung wiedergefunden. Stolz richtete er sich

auf, grüßte steif und ging festen Schrittes hinaus, ohne Viola noch

eines Blickes zu würdigen.

Mit leichtem Vorwurf in der Stimme wandte sich da Malten zu ihr. »Wir

haben dich schon überall gesucht, Viola! Es ist gleich zwölf Uhr. Eure

Verlobung soll jetzt bekannt gegeben werden, und zwar will der

Kommandeur das selbst tun -- und die Hauptperson fehlt!«

Er war sehr erregt über den vorangegangenen Auftritt, der aber die

beiden andern gar nicht weiter zu rühren schien. Wie ein

Schmeichelkätzchen schmiegte sich Viola an den Verlobten, um ihn schnell

darüber wegzubringen. Sie wollte unnütze Fragen vermeiden, und der lange

Plessow war zu verliebt, um von ihrer Zärtlichkeit nicht beglückt zu

sein.

Unmutig entgegnete sie ihrem Schwager: »Hat dir denn Ilse nicht gesagt,

daß ich mir Frau Bertholds Geburtstagstisch ansehen wollte? Sie war doch

mit oben -- und ich war eben im Begriff zu gehen, als Hagendorf kam. Ich

kann doch nichts dafür --«, auf keinen Fall durfte es den Anschein

haben, als ob ihr Zusammensein mit Hagendorf doch nicht ganz so zufällig

war.

»Er soll es mir büßen, daß er dich in solcher Weise belästigt hat,«

sagte Plessow ingrimmig. »Längst hat es mich verdrossen, daß er wie dein

Schatten war. Ich werde ihm einen gehörigen Denkzettel geben. Nun komm,

damit unser Fernbleiben nicht auffällt.« Er zog ihren Arm durch den

seinen und sie begaben sich zu der Gesellschaft zurück, ohne daß sie nur

ein Wort der Angst und Sorge äußerte, wie das Duell wohl für den

Verlobten ausfallen würde.

Wie vorauszusehen war, hatte das Bekanntgeben der Verlobung Viola

Düsings mit Philipp v. Plessow ungeheures Aufsehen erregt. Lächelnd

stand das Brautpaar da und nahm die Glückwünsche der Anwesenden

entgegen. Unwillkürlich mußte Beate zu dem Gatten hinübersehen, der mit

düster glühenden Augen dastand, und sie bemerkte, daß viele das gleiche

taten.

Wie mußte seine Eitelkeit leiden unter dem Gaffen der Menge, die um

seine Vorliebe für jenes kokette, kaltherzige Mädchen gewußt, das nun so

siegessicher seinen letzten Trumpf ausgespielt, ihn damit wirklich dem

spöttischen Mitleid der anderen preisgebend! Und das große Erbarmen

ihrer echten, edlen Weibesnatur erwachte. Sie vergaß, was er ihr

angetan, sie fühlte nur, daß ein längeres Verweilen für ihn unerhörte

Qual bedeuten mußte, wenn es auch klüger war. Aber so wurde geredet und

so auch; da blieb es sich schließlich gleich.

Sobald es möglich war, verließen sie unauffällig die Gesellschaft, und

Martina hielt sie auch nicht zurück, es war ihr selbst lieber so.

Rolf war seiner Frau von Herzen dankbar, daß sie ihm die Gelegenheit

dazu gegeben, ihm in ihrer feinfühligen, verstehenden Art entgegenkam.

Ihre Worte über Viola fielen ihm ein. Wie hatte sie recht in ihrem

Urteil gehabt, und eine tiefe Scham erfüllte ihn, daß er um ein solches

Geschöpf sein hochherziges Weib vernachlässigte, und die Erkenntnis

tauchte in ihm auf, spät genug freilich, was er in seinem Leichtsinn

aufgegeben.

In plötzlicher Aufwallung küßte er die Hand seiner Frau. »Beate, ich

danke dir,« sagte er gepreßt.

»Warum? ein guter Kamerad soll dem andern immer helfen.«

»Auch wenn der ein schlechter war?« fragte er leise.

»Ja, immer!« sagte sie einfach. Aber ihre Stimme klang traurig, und ihre

Augen blickten trübe vor sich hin.

8.

Ein trüber Novembertag. Es wollte nicht hell werden; grau und

undurchdringlich hing der Himmel über der herbstlichen Erde, und ein

feuchter Nebel ging nieder. Es war ein Wetter zum Traurigwerden, das

sensible Naturen drückte und ängstigte.

Beate fröstelte. Ein unbestimmtes Gefühl der Angst und Sorge erfüllte

sie; eine innere Unrast trieb sie von einem Zimmer ins andere, kaum, daß

sie bei ihrem Kinde Ruhe fand. Sie konnte sich diesen Zustand nicht

erklären, der ihr sonst fremd war. Vielleicht ließen die Ereignisse der

letzten Tage sie so nervös sein.

»Herr Oberleutnant Haßler!« meldete der Diener, sie im Kinderzimmer

aufsuchend. Verwundert blickte sie auf und ging ins Wohnzimmer, in dem

der Bruder ihrer harrte. Er stand am Fenster und hatte ihr den Rücken

zugedreht.

»Guten Morgen, Adolf. Was führt dich so früh schon zu mir?«

Langsam wandte er sich ihr zu, und sie blickte in ein tiefernstes

Männerangesicht, aus dem jede Spur fröhlichen Humors hinweggewischt war.

»Morgen, Bea!« Und er preßte fast heftig ihre Hand.

»Adolf!« rief sie da erschreckt, »du siehst aus wie jemand, der nichts

Gutes bringt.«

»Du hast recht,« sagte er leise.

Ihr Herz begann heftig zu klopfen. Sie drückte beide Hände darauf und

holte tief Atem. »Was? Was -- ist's? Etwas mit den Eltern? Nein? Dann

mit Rolf? Schnell, schnell!«

Er faßte teilnehmend ihre Hand. »Fasse dich, Bea, sei stark! Man bringt

dir deinen Gatten -- verwundet ins Haus.«

»Verwundet? Wie kam das?« Dann in plötzlichem Verstehen: »Im Duell

verwundet?«

Adolf nickte.

»Aber mit wem denn? Um Gottes willen!«

Angstvoll hingen ihre Augen an seinen Lippen.

»Mit Plessow.«

»Und um die Düsing?«

»Um die Düsing!«

Beate stöhnte auf. Daher auch sein verändertes weiches Wesen gestern,

das sie an die erste Zeit ihrer jungen Ehe erinnerte!

»Man wird ihn sogleich bringen; ich bin vorausgeeilt. -- Mut, meine

starke Schwester!«

»Er ist tot!« schrie sie da auf. »Verhehle mir nichts!«

»Nein, nein, Beate, aber schwer verwundet. So hat es Plessow doch nicht

gewollt.«

Sie raffte sich auf, und mit Adolfs Hilfe richtete sie schnell das

Nötigste her zum Empfange des Kranken. Der Wagen hielt, der ihn brachte.

Ganz behutsam trug man Rolf ins Haus und legte ihn auf sein Bett.

Er hatte die Augen geschlossen und röchelte leise. Mit Jammer im Herzen

sah Beate auf den todwunden Gatten und beobachtete den Arzt, der sich um

ihn bemühte. »Kann ich Ihnen helfen?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, nichts. Wenn wir nur die Kugel finden

könnten.«

Sein Gesicht war tiefernst. Er wußte es, daß keine Hoffnung war, den

Verwundeten am Leben zu erhalten, und auch Beate sah mit ihrem geübten

Auge, daß er auf den Tod darniederlag. Für sie gab es nicht die

tröstende Ungewißheit, es kann doch noch besser werden -- ein Wunder

kann kommen, sie mußte der grausamen Gewißheit ins Auge sehen: seine

Stunden sind gezählt! Denn dieser Schuß durch die Brust mußte durchaus

tödlich sein. Und sie konnte ihm nur noch sein Sterben erleichtern.

Fast übermenschlich bezwang sie sich. Klagen und Weinen hatten keinen

Zweck. Die Augen brannten ihr von zurückgehaltenen Tränen, und das

Mitleid, den so lebensvollen Mann so vor sich zu sehen, ein Bild des

Jammers, drohte ihr das Herz zu brechen. Mit linder Hand schaffte sie

ihm die Erleichterungen, die er noch haben konnte. Sie wischte ihm den

Schweiß von der Stirn und achtete angstvoll auf jede Bewegung.

Der Stabsarzt sah, daß er hier überflüssig war. Sein Patient war ja in

den besten Händen. »Ich gehe, gnädige Frau. Sollten Sie mich nötig

haben, dann telephonieren Sie, bitte,« sagte er leise.

»Sie wissen doch genau, Herr Doktor, daß das nicht mehr der Fall sein

wird.«

Ihre Stimme klang seltsam heiser und tonlos.

Er konnte nichts darauf erwidern, sondern drückte ihr nur stumm die

Hand. Sie wich nicht von dem Lager des todwunden Mannes. Lange, bange

Stunden vergingen. Sie sah die Veränderung in seinem Gesicht, wie die

Schatten des Todes darüber fielen. Da öffnete er die Augen, und sie las

darin wiederkehrendes Bewußtsein.

»Ich bin bei dir, Rolf. Kennst du mich, -- deine Bea?« flüsterte sie mit

weicher Stimme, die schon so vielen Kranken Beruhigung gebracht hatte.

Seine Lippen suchten einige Worte zu formen, sie neigte sich über ihn

und hauchte einen Kuß auf seine Stirn. »Mein lieber Mann!« Wie der

Schein eines Lächelns flog es über sein Gesicht; dankbar und groß

blickte er sie noch einmal an, dann fielen die Lider wieder schwer über

seine Augen.

Eine Stunde noch -- und dann war alles vorbei. Weinend lag Beate an der

Brust des Bruders, der im Nebenzimmer still gewartet.

Die Spannung der letzten Stunden legte sich jetzt in einem heftigen

Weinkrampf, ihre Nerven versagten. Adolf ließ sie sich ausweinen, damit

sie Erleichterung bekam. Mit sanften Worten suchte er die ihm so teure

Schwester zu trösten. Er selbst stand tief erschüttert an dem

Sterbelager seines liebsten Freundes und Schwagers, dessen junges Leben

einem tückischen Verhängnis zum Opfer gefallen war -- und der Laune

eines koketten Weibes.

Beate hatte den Abschiedsbrief des Gatten gelesen, in dem er sie um

Verzeihung für alles Ungemach gebeten und ihr zugleich für das gedankt,

was sie ihm gewesen; jetzt, vielleicht an der Schwelle des Todes

stehend, erkenne er alles und sehe, wie er in törichter Verblendung

gefehlt. In rührenden Worten hatte er geschrieben, und sie war tief

ergriffen davon. Sie kniete an seinem Bette, und ihr blonder Kopf lag

auf seinen erkalteten Händen.

Was in ihr vorging, war unbeschreiblich. Sie wußte jetzt den

Zusammenhang, aber vergab ihm alles, ohne Bitterkeit im Herzen. Mit

seinem Tod hatte er gesühnt. Sie hätte wer weiß was gegeben, wäre es ihr

gelungen, ihn dem Leben zu erhalten, das er so sehr geliebt. Nun hatte

er die sonnigen Augen für immer geschlossen, und er hatte sie so früh

zur Witwe gemacht, und ihr blieb nichts als ihr Sohn.

* * * * *

Mehr als zwei Jahre waren vergangen. Beate von Hagendorf hatte in dieser

Zeit ganz zurückgezogen gelebt und sich nur ihrem Kinde gewidmet, an dem

sie mit abgöttischer Liebe hing. Der kleine Karl Friedrich war ein

bildhübscher Junge geworden; er sah seinem Vater sehr ähnlich. Martina

Berthold verzog ihn auf die erdenklichste Weise, so daß Beate manchmal

schelten mußte. Der Verkehr der beiden Frauen miteinander hatte noch an

Innigkeit zugenommen, und selten verging ein Tag, an dem sie sich nicht

sahen.

Viola Düsing war seit einem Jahr verheiratet. Plessow sowohl als auch

Malten waren aber versetzt, nachdem ersterer seine Festungshaft abgebüßt

hatte. Die beiden Damen waren wenig im Regiment beliebt; dazu kam noch

der unglückselige Zwischenfall mit Hagendorf, dessen tragisches Geschick

die allgemeinste, wärmste Teilnahme hervorgerufen -- genug, es war ihnen

selbst ungemütlich geworden, so daß sie um Versetzung eingekommen waren.

Martina suchte die junge Witwe langsam dem Leben zurückzugewinnen. Beate

hatte den Gatten tief und innig betrauert; aber diese Trauer war jetzt

einer stillen Wehmut gewichen; und sie kam den Bestrebungen der Freundin

entgegen. Sie lehnte deren Einladung nicht mehr ab, wenn sie wußte, daß

Gäste bei Bertholds waren. Ihr lebhafter Geist brauchte Anregung, die

sie in jenem auserwählten Kreise in reichstem Maße fand. Sie gehörte

jetzt mit zum Vorstand des Frauenvereins und hatte reichlich

Gelegenheit, ihre werktätige Menschenliebe auszuüben. Allmählich war es

gekommen, daß sie regelmäßig den Jugendfreund bei Bertholds traf, wenn

sie die Mittwoch- und Sonntagabende dort zubrachte. Sie hatte sich daran

gewöhnt und war ihm nicht mehr wie im Anfang scheu ausgewichen. Offen

gestand sie sich sogar ein, daß sie sich freute. Er war von einer zarten

Rücksichtnahme gegen sie, die sie tief rührte, und ihr Gefühl sagte ihr

ganz richtig, daß er sie noch mit derselben Zuneigung wie früher liebte

-- er war eben beständig und treu!

Längst wußte ja Martina von Georg um seine früheren Beziehungen zu

Beate, die aber, sonst nicht verschlossen, sich über diesen Punkt nie

zur Freundin geäußert. Und Martina erwähnte auch nicht, daß sie etwas

wußte; sie tat vollkommen arglos, um der Freundin nicht die

Unbefangenheit zu rauben; sie wollte die zarten Fäden, die sich da unter

ihren Augen anspannen, nicht zerstören. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte

die kluge Frau.

Es war Mittwoch abend -- der Abend, an dem Beate und Georg Scharfenberg

stets Gäste bei Bertholds waren. Der Professor war etwas enttäuscht, und

man sah ihm das auch an, daß er Beate heute nicht traf. »Ja, lieber

Freund,« sagte Martina lächelnd, die seinen suchenden Blick aufgefangen

hatte, »ja, Sie müssen heute abend mit unserer Gesellschaft fürlieb

nehmen; Frau Beate hat abgesagt.«

»Aber warum?« --

»Der Junge ist nicht wohl, und Sie wissen, sie ist sehr ängstlich. Er

habe etwas Fieber, ließ sie sagen. Ich will morgen früh gleich nach ihm

sehen.«

»Hoffentlich ist's nichts Ernstliches. Frau von Hagendorf versteht ja

als Dr. med. die Sache zu beurteilen,« lächelte er.

Nachdem man gegessen, begab man sich in das Wohnzimmer der Hausfrau, wie

es sonst auch immer der Fall war. Es war aber, als fehle den dreien

etwas, und schließlich sprach der Hauptmann das auch aus. »Weiß Gott,

wie man sich an einen Menschen gewöhnen kann; ich vermisse wirklich Frau

Beate, wir vier gehören einmal zusammen,« und seine Gattin stimmte ihm

zu.

Der Professor saß stumm da und blickte gedankenvoll in die Glut des

Kaminfeuers. Langsam strich er den sorgfältig gepflegten Bart, und

unwillkürlich seufzte er ein wenig auf. »O, lieber Freund, das kam aber

weit her -- und ich wette, daß ich auch weiß, wohin es ging,« scherzte

Berthold.

Georg errötete etwas.

»Nun? Doch sicher zu einer gewissen blonden Frau, die --«

»O nicht doch, Berthold.«

»Na, na, warum denn streiten, was wir längst wissen«, meinte er

begütigend, »und warum sollen wir nicht davon sprechen, woran wir doch

denken! Wäre es denn nicht das Gescheiteste, Sie heirateten, und zwar

jene Frau, die uns allen heute so fehlt? Und für Sie ist es höchste

Zeit, daß Sie heiraten; denn immer können Sie sich schließlich doch

nicht an fremder Leute Kamine wärmen, womit ich aber durchaus nicht

gesagt haben will, daß Sie uns etwa nicht mehr willkommen wären. Ich

spreche nur in Ihrem Interesse; Sie müssen mich richtig verstehen,

eigener Herd ist Goldes wert.«

Der Professor war aufgesprungen, und ging erregt im Zimmer auf und ab.

Unablässig glitt seine Hand durch den Bart. Endlich blieb er vor den

beiden stehen. »Berthold, lieber Freund, das alles habe ich mir schon

hundertmal überlegt, aber wenn es nun wieder nichts ist -- was dann?«

»Ach was, wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Und diesmal -- ich wette --

wird Frau Beate nicht wieder auf ihrem Trotzkopf beharren.«

»Mein Mann hat vollkommen recht, lieber Professor; nicht verzagt und

kleinmütig sein! Zögern Sie nicht zu lange, sich Ihr Glück zu sichern.

Keine andere paßt so gut zu Ihnen, wie Beate. Und sie sieht Sie gern und

hört gern von Ihnen sprechen, das will ich Ihnen verraten. Sie hat in

ihrer Ehe eine große Enttäuschung erlebt; es war nicht alles, wie es

sein sollte. Wenn sie auch nie zu mir davon gesprochen hat, so weiß ich

es dennoch,« so sagte die warmherzige Frau, ihm Mut und Vertrauen

zusprechend.

Längst hatte er sich ja mit dem Gedanken getragen, um Beate zu werben,

aber eine gewisse Scheu hatte ihn noch zurückgehalten; sie war ihm

gegenüber stets von einer zu gleichmäßigen Freundlichkeit! Er hatte ihr

auch einen Besuch gemacht und war sehr liebenswürdig aufgenommen worden;

aber er glaubte die Wärme zu vermissen, die auf mehr als nur

freundschaftliche Gefühle schließen läßt. Georg konnte ja nicht ahnen,

daß sie seiner in Liebe und Sehnsucht gedachte, daß sie auf das

erlösende Wort von ihm wartete, und so war er in einem Zwiespalt der

Gedanken, der ihm manche schlaflose Nacht verursachte.

Gleich am anderen Morgen erkundigte sich Martina Berthold nach dem

Befinden des kleinen Karl Friedrich. »Er gefällt mir gar nicht, Tina«,

entgegnete Beate gedrückt, »die ganze Nacht habe ich bei ihm gewacht.

Er fieberte stark und war sehr unruhig. Ich fürchte sehr --

Diphtheritis.«

Martina tröstete, so gut es ihr möglich war; aber sie konnte die eigene

Besorgnis nicht verbergen, als sie das Kind sah, das sie mit den großen,

fieberglänzenden Augen so verständnislos anblickte. Als sie gegen Abend

wiederkam, teilte ihr Beate mit, ihre Befürchtung sei eingetroffen --

Karl Friedrich habe Diphtheritis.

Nun folgte eine schwere Zeit für Beate. Sie rieb sich fast auf in der

Sorge um den Knaben, in dem Kampfe mit der tückischen Krankheit. Treu

hielt Martina zu ihr; sie litt mit der Freundin und konnte es nicht mehr

mit ansehen, wie sie sich aufopferte. »Du mußt noch einen Arzt nehmen --

es geht so nicht weiter.«

»Er kann auch nichts anderes tun, als was ich tue! Es ist ja nur ein

leichter Fall, aber doch sorge ich mich! Wieviel schlimm

diphtheriekranke Kinder habe ich schon behandelt.«

»Aber nicht ein eigenes! Man ist doch ein schlechter Arzt, wenn die

Muttergefühle in Betracht kommen! Und ich sage dir, der Professor kommt

her«, bestimmte Tina kategorisch, »es ist nicht Mangel an Vertrauen zu

deinen Kenntnissen, sondern Mitleid mit dir. Mein Mann will es auch.

Wenn du uns nicht böse machen willst, bist du gehorsam.«

Und Beate war es auch. Sie war so müde von der Sorge und dem Herzeleid,

wie sie ihr blühendes Kind so leiden sehen mußte.

Der Professor kam. Nach der Untersuchung des Knaben sagte er: »Ich kann

Ihre Anordnungen nur gutheißen; mir bleibt nichts zu tun, gnädige Frau.«

»Ich darf Sie aber dennoch bitten, wiederzukommen; ich bin um vieles

ruhiger, Herr Professor,« fügte sie leise, mit niedergeschlagenen Augen,

hinzu. In tiefem Mitleid ruhten seine Blicke auf dem schmalen, blassen

Frauengesicht, das so deutlich die Spuren durchwachter Nächte und banger

Sorge trug. »Sie machen mich glücklich mit dieser Bitte --

selbstverständlich werde ich Ihrem Wunsche nachkommen.«

Die leichte Besserung in Karl Friedrichs Befinden, die eingetreten war,

hielt nicht lange an. Nach wenigen Tagen mußte Beate eine

Verschlimmerung feststellen; das Kind kämpfte mit den heftigsten

Erstickungsanfällen. Angstvoll telephonierte sie dem Professor, der

sofort kam. Mit ernstem Gesicht hatte er die Untersuchung beendet. »Es

bleibt uns nichts anderes übrig, als den Luftröhrenschnitt zu machen,«

sagte er leise.

Sie erbleichte tief bei seinen Worten, und heiße Tränen drängten sich in

ihre Augen. Aber sie bezwang sich; sie mußte ja tapfer sein, sein

getreuer Assistent, wie er es verlangte. -- -- -- --

Die Operation war glücklich verlaufen und Karl Friedrich gerettet; aber

an seinem Bette saß jetzt eine Pflegeschwester. Beate hatte auf

dringendes Anraten des Professors auch an sich denken müssen; ihre

Kräfte waren vollständig erschöpft; sie war am Zusammenbrechen, so daß

sie die Pflege des Kindes nicht mehr allein tragen konnte. Außerdem war

nach menschlicher Voraussicht die Gefahr für den Knaben vorüber; so

konnte sie sich wenigstens die langentbehrte Nachtruhe gönnen.

Gewissenhaft befolgte sie die Anordnungen, die Professor Scharfenberg

ihr gab. Er kam noch fast täglich in ihr Haus, um nach seinen beiden

Patienten zu sehen, und er konnte sehr energisch und bestimmt sein, wenn

man nicht ganz gehorsam gewesen war. Das Kind hatte ihn schnell lieb

gewonnen und freute sich, wenn der »Onkel Doktor« kam. Mit wehmütigen

Gefühlen betrachtete Beate den Professor, wenn er so liebevolle Töne

für Karl Friedrich fand und so kindlich mit ihm zu reden wußte. Ja, das

war ganz der alte, treuherzige Georg, ihr geduldiger, stets

hilfsbereiter Jugendfreund -- und mehr als je erstand die vergangene

Zeit vor ihr.

Sie konnte es sich nicht mehr verhehlen, daß sie auf sein Kommen wartete

und glücklich darüber war, wenn sie ihn sah und seine beruhigende Stimme

hörte! Und für ihn war es eine Feierstunde, wenn er bei Beate sein

durfte. Er sah sie in ihrem hausfraulichen Walten, lernte sie in ihrer

ganzen reichen Gemütstiefe kennen, und immer heißer wurde der Wunsch in

ihm, sie die Seine zu nennen -- die alte Jugendliebe schlug in hellen

Flammen empor, nun kein Hindernis mehr war. -- --

Manche Stunde verplauderte er bei ihr. Und jetzt konnte sie auch

unbefangen von der früheren Zeit mit ihm reden, sie hatten ja so viele

gemeinsame Berührungspunkte. Sie erzählte ihm von ihren Studienjahren,

von ihrer Tätigkeit, ihrem Fleiß und gab ihm auch ihre Doktordissertation

zu lesen, deren klare, lichtvolle Durcharbeitung er aus ehrlichem Herzen

loben konnte, worüber sie sehr erfreut war. Und zuletzt sprach sie von

ihrer Stellung als Assistenzärztin am Krankenhause in D., die sie mit

vollster Befriedigung erfüllt habe. -- --

»Und haben sie dennoch so leicht aufgegeben, um zu heiraten! Verzeihung,

Beate, doch ich muß es Ihnen sagen, wie sehr ich damals über Ihre

Verlobung verwundert war. Sie hatten mir damit sehr, sehr wehe getan,«

fügte er leise hinzu. Sie errötete tief und neigte den Kopf auf die

feine Stickerei, die sie in den Händen hielt. Wußte er denn, daß es ihr

so leicht geworden, dem geliebten Beruf zu entsagen? Er konnte nicht

wissen, wieviele Tränen es sie gekostet, mit welchem schweren Herzen sie

in die Ehe getreten war! Konnte sie ihm denn sagen, daß es nur war, weil

sie ihn gebunden glaubte? Daß da dem Ärger und dem Trotz über das

Vergessensein ein flüchtiger Zufall zu Hilfe gekommen und sie einem

anderen in die Arme getrieben hatte? -- Er wartete auf Antwort.

Glücklicherweise wurde sie dem überhoben, denn Karl Friedrich klopfte

sehr vernehmlich an die Tür, die ihm Georg öffnete. »Na, du kleiner

Mann,« scherzte er, »bist du dem Fräulein wieder davongelaufen? Du

siehst mir ganz so aus.« Liebevoll hatte er sich zu ihm geneigt. Da

schlang Karl Friedrich seine Ärmchen um Georgs Hals. »Ja, Bubi will

beim guten Onkel Doktor bleiben.«

Der hob ihn hoch empor und setzte ihn dann auf seine Knie. Beate sah

lächelnd auf die beiden. Nach bescheidenem Anklopfen trat da das

Kinderfräulein ein. »Gnädige Frau, ist Karl Friedrich hier? Er ist mir

davongelaufen.«

»Das höre ich nicht gern, Bubi! Aber dennoch wollen wir ihm heute mal

verzeihen.«

»Aber er hat seine Milch nicht trinken wollen!« warf das Fräulein ein.

Beates lächelnde Miene wurde ernsthaft. »Das ist allerdings schlimm!

Wenn du nicht gehorsam bist und deine Milch sofort trinkst, darfst du

nicht bei Onkel Doktor bleiben, Bubi! Geh sofort mit Fräulein. Onkel

Doktor und Mutti mögen nur artige Kinder leiden.«

An der Mutter Gesicht sah der kleine Kerl, daß es nicht ratsam war, zu

widersprechen. Betrübt, aber gehorsam trabte er mit dem Fräulein ab,

doch nicht, ohne vorher wichtig zu versichern: »Bubi kommt aber gleich

wieder.«

Lächelnd blickten ihm beide nach, und Beates Gesicht war förmlich vom

Mutterglück verklärt. »Ein prächtiger Knabe,« sagte er, »und so

gehorsam.«

»Ja, so klein er noch ist, merkt er doch, daß es Widerspruch bei mir

nicht gibt,« entgegnete sie. »Wie froh bin ich, daß ich ihn so gesund

wieder habe! Was hätte aus mir werden sollen, wenn ich ihn hätte

hingeben müssen -- mein Einziges, mein Kleinod« -- und in einer

leidenschaftlichen Aufwallung des Dankes streckte sie ihm beide Hände

entgegen. »Ach, Georg, wie soll ich Ihnen das jemals danken können, daß

Sie ihn mir neu geschenkt haben.«

Er sprang auf und faßte die schönen schlanken Hände fest mit den

seinigen. Mit heißer Zärtlichkeit in seinen guten, klugen Augen sah er

sie an, und bebend vor innerer Erregung sagte er: »Dadurch, Beate, daß

Sie mir vergönnen, diese beiden Hände immer zu halten -- für ein ganzes,

reiches Leben!« Einen Augenblick war ihr, als stocke ihr der Herzschlag

-- hatte sie denn recht gehört?

Fräulein Doktor: Roman · 第 8 / 14 题