Doch sie wehrte ihm: »Du zerdrückst mir ja meine Robe.«

»Das tut nichts -- dann bekommst du eine andere!«

»Du bist ja riesig freigebig; die Rechnung für diese hab' ich ja noch

nicht mal.«

»Einer -- seiner schönen Frau gegenüber muß man stets galant sein!« Dann

faßte er ihre Hand. »Sag, mir eigentlich, Schatz, wo du doch so riesig

gescheit bist, viel, viel mehr als ich, bist du noch immer mit mir

Durchschnittsmenschen zufrieden? Manchmal hab ich eine Heidenangst, wenn

man dich so herausstreicht, du könntest mir eines Tages davongehen.«

So scherzhaft er sprach, es klang doch ein leiser Unterton der Sorge

heraus, den sie gar wohl verstand. »Bist du mir noch gut, Bea?« Ein

lichtes Rot trat in ihr Gesicht; warm ruhten ihre Augen auf dem Gatten,

und sie schmiegte sich innig an ihn.

»Ja, Rolf, ich bin dir gut!« sagte sie leise, und dankbar küßte er ihre

Hand.

Beate sprach die Wahrheit. Sie liebte ihren Gatten herzlich, wenn es

auch nicht jenes Gefühl war, das sie einst für Georg Scharfenberg

gehegt. Sein stetes Werben um sie hatte sie gerührt, und jetzt, wo sie

seit kurzem die Gewißheit hatte, daß ihr das süßeste Glück erblühen

würde, war sie nicht mehr so unglücklich über das böse Verhängnis, das

sie in Rolfs Arme getrieben. Sie zwang sich, nicht mehr über vergangene

Dinge nachzudenken; unnützes Grübeln hatte keinen Zweck -- fortan lebte

sie nur dem Kommenden, und das verlieh ihr eine gewisse Freudigkeit und

schöne Sicherheit.

* * * * *

Man war bei Hauptmann Bertholds angekommen. Plaudernd stand man im Salon

umher, und mehr als einmal flogen die Blicke der Gastgeber nach der Tür;

augenscheinlich wurde noch jemand erwartet. Sonst waren die Geladenen

schon vollzählig versammelt. Es war nur ein kleiner aber auserwählter

Kreis. Die intimen Abendessen bei Hauptmann Berthold waren berühmt, und

man hielt es für einen großen Vorzug, von ihm dazu eingeladen zu

werden.

Die Frau des Hauses stammte aus einer bekannten Künstlerfamilie und war

schöngeistig veranlagt. So war es sehr begreiflich, daß sie gerade für

die schöne und gelehrte Dr. Beate von Hagendorf eine große Vorliebe

gefaßt hatte. Endlich meldete der Diener: »Herr Professor Scharfenberg

--« und im selben Augenblicke trat der Gemeldete ein.

Einen Herzschlag lang stockte Beate der Atem; das hatte sie doch nicht

erwartet! Er entschuldigte sich wegen der unbeabsichtigten Verspätung

und begrüßte die Herrschaften.

Als ihn die Hausfrau Beate von Hagendorf vorstellen wollte, sagte die

junge Frau verbindlich: »Ich kenne Herrn Professor schon, und sicher

länger als Sie, gnädige Frau, -- wir waren ja Nachbarskinder, nicht

wahr, Herr Professor? oder erinnern Sie sich nicht mehr?« Und

liebenswürdig reichte sie ihm die Hand, die er an seine Lippen führte.

Es war das Beste und Vernünftigste, ihre Stellung gleich von vornherein

klarzulegen -- nach mehr als sieben Jahren standen sie sich jetzt zum

ersten Male gegenüber, und wer weiß, wie er über jene Episode seiner

Jugendzeit noch dachte! »O doch, gnädige Frau! Die Erinnerung an die

froh verlebte Kindheit mit ihren kleinen Freuden und Leiden ist noch

stets eine Feierstunde für mich gewesen,« lautete seine Erwiderung.

»Ah, denken Sie auch so, Herr Professor?« meinte Frau Hauptmann

Berthold, eine weniger schöne als interessante, sehr schlanke

Erscheinung mit lebhaften klugen Augen in dem etwas streng geschnittenen

Gesicht -- »ich bin glücklich, Sie so sprechen zu hören! Wie wenige gibt

es doch heutzutage, die das fühlen; für die meisten ist es unnützer

Ballast! Dann kann ich überzeugt sein, daß Sie gern mit Frau von

Hagendorf bei Tische weiter darüber plaudern! Frau Doktor ist ja Ihre

Tischdame, ich war überzeugt, daß Ihnen unsere gelehrte Freundin am

meisten von uns armen Sterblichen genügen wird.«

»Sie sind wirklich die Güte und Bescheidenheit selbst, meine liebe

gnädige Frau --« er verneigte sich vor der Frau des Hauses und bot dann

Beate den Arm, da soeben das Zeichen zum Beginn der Tafel gegeben wurde.

Mit eigenen Empfindungen ging er an ihrer Seite. Er hatte ja vorher

gewußt, daß er sie heute abend hier treffen würde, und mit Herzklopfen

diesem Augenblick entgegen gesehen. Denn er hatte Beate Haßler nie

vergessen können -- sie war der Traum seiner Jugend gewesen, und

ihretwegen nur blieb er einsam!

Der Abschluß ihrer kurzen Tätigkeit als Ärztin, das so schnelle

Aufgeben ihres vorher doch mit so großer Hartnäckigkeit erkämpften

Berufes als Braut eines Offiziers hatte ihn befremdet und sein Herz mit

schmerzlicher Bitterkeit erfüllt. So war sie auch nicht anders als die

anderen, ein echtes Weib, das sich von einem hübschen Gesicht, einer

glänzenden Außenseite blenden ließ!

Anscheinend war sie glücklich und vollbefriedigt in ihrer Ehe mit Rolf

Hagendorf, den er als gutmütigen, aber sehr leichtsinnigen und leicht zu

beeinflussenden Mann kannte, ganz wie Adolf Haßler, Beates Bruder, mit

dem er jetzt nur selten noch zusammen kam. Sein Beruf führte ihn andere

Wege, in andere Kreise, und so war es ganz von selbst gekommen, daß sich

die Bande der Jugendfreundschaft gelockert hatten.

Die Unterhaltung bei Tische war sehr anregend und frei von allem Zwang.

Beates anfängliche Befangenheit schwand ihr vollständig, da sie sah,

welchen Gleichmut, welche Ruhe Georg Scharfenberg ihr zeigte. Sie

beobachtete ihn. Er hatte sich recht verändert. Die Gestalt war breiter

geworden, und der dunkle, zugespitzte, sorgfältig gepflegte Bart gab ihm

ein fremdes Aussehen -- er stand ihm gut, fand sie.

Seine sonst so warm und gütig blickenden Augen hatten einen kühlen,

prüfenden Ausdruck, und in der Unterhaltung vermied er jede persönliche

Note. Man hatte ja auch so viele andere Berührungspunkte; außerdem saß

Frau Hauptmann Berthold ihnen gegenüber, die sich in ihrer lebhaften Art

an dem Gespräch beteiligte. Beate mußte sich gestehen, daß sie sich seit

langem nicht so gut unterhalten hatte; von früher her wußte sie ja noch,

daß Georg ein geistvoller Plauderer war, wenn er aus sich herausging.

Rolf Hagendorf war von seiner Tischdame, Ilse von Malten, der jungen,

lebhaften Frau eines Kameraden, sehr in Anspruch genommen; unaufhörlich

lachte und plauderte sie mit ihm, und bereitwillig folgte er ihr. Doch

trotzdem beobachtete er seine Frau, und mit Befriedigung stellte er bei

sich fest, daß sie die Schönste in diesem Kreise war. Wenn seine Blicke

sich mit den ihren trafen, hob er grüßend das Glas gegen sie, und

freundlich lächelnd nickte sie ihm zu.

Professor Scharfenberg hatte das beobachtet und daraus den Schluß

gezogen, daß sie glücklich sei. Warum auch nicht? War ihr Gatte doch der

eleganteste, schneidigste Offizier des Regiments! Ihr stolzer, trotziger

Charakter mußte sich aber vollständig geändert haben, denn damals hatte

sie trotz des Bekenntnisses ihrer Liebe für den Jugendfreund doch ein

herbes »nein« gehabt, als es sich um das Aufgeben ihres Planes, zu

studieren, handelte. Doch weg mit diesen Erinnerungen, die nur trübe

stimmen konnten.

Beate war die Frau eines anderen, und ihm war sein Lebensweg klar

vorgezeichnet. Er hatte auf das Glück durch ein Weib verzichtet, seit

sie sich von ihm losgesagt. Sein Beruf mußte ihm dafür alles geben; er

fand volle Befriedigung darin, und sein Name wurde bereits rühmend

genannt -- alles konnte man eben nicht haben!

Die Tafel war zu Ende und im Salon wurde der Kaffee gereicht. In

anregendem Gespräch wußte die Hausfrau Professor Scharfenberg an ihre

Seite zu fesseln, ebenso auch Beate Hagendorf, die sie in ihr Herz

geschlossen hatte. Sie fühlte eine starke Sympathie für die

liebenswürdige kluge Frau und zeigte sie ihr auch ganz offen. Im Fluge

verging die Zeit, und mit Bedauern, daß der genußreiche Abend so

schnell seinen Abschluß gefunden, trennte man sich.

Auf dem Heimweg war Beate ziemlich schweigsam; in Gedanken durchlebte

sie noch einmal die verflossenen Stunden, und wider ihren Willen trat

Georg Scharfenberg in deren Vordergrund. Fortan würde sie ihm öfter

begegnen; denn wie sie heute abend erfahren, war er ein guter Freund von

Hauptmann Berthold. Ob das aber für ihren inneren Frieden gut war? Sie

hatte sich nach vielen Kämpfen dazu hindurchgerungen und wollte ihn

nicht gern wieder einbüßen -- aber die Erinnerung an ihre erste Liebe

war doch zu lebendig.

»Du bist so still, Beate«, unterbrach Rolf ihren Gedankengang, indem er

seinen Arm unter den ihren schob. Fast wurde sie durch seine Anrede

erschreckt.

»Ich bin müde, Rolf, und ein wenig abgespannt.«

»Wir sind ja gleich daheim! Hast du dich diesmal gut amüsiert?« Er

betonte das Wort diesmal etwas auffällig und sah sie forschend an.

»Ja,« entgegnete sie unbefangen, »ich bin gern mit Frau Berthold

zusammen, bei ihr ist alles so harmonisch, und mit ihr kann man sich

wenigstens auch mal über etwas anderes unterhalten als mit den meisten

anderen Damen.«

»Nun ja, Schatz, du schraubst deine Ansprüche gar zu hoch -- die kleine

Malten beklagte sich fast bei mir, daß du ihr gegenüber zu zurückhaltend

bist.«

»Ich mag sie nicht, Rolf, und kann mich auch nicht verstellen.«

»Ja, aber warum nicht? Sie ist doch sehr liebenswürdig.«

»Das bestreite ich gar nicht; ihre Liebenswürdigkeit ist aber nicht

echt; außerdem ist sie mir wirklich zu oberflächlich.«

»So gründlich gebildet wie du kann allerdings nicht jede sein und den

Doktortitel haben, Gott sei Dank, möchte man da beinahe sagen! Und da

sich die anderen dir unmöglich anpassen können, dürftest du ihnen wohl

gern ein wenig entgegenkommen.«

»Das tue ich genügend, Rolf, wie du ganz gut weißt! Aber gerade Frau von

Malten ist mir direkt unsympathisch. Sie ist auch nicht aufrichtig, und

wenn ich dieses Gefühl von jemand habe, kann ich nicht herzlich sein.

Übrigens ist mir ihr Horizont zu beschränkt; über Toiletten und Flirt

geht er nicht.«

»Freilich, einen so guten Lehrer wie du in Doktor Scharfenberg hat sie

nicht gehabt,« entgegnete er mit leisem Spott.

Verletzt zog sie ihren Arm aus dem seinen. »Ah, willst du da hinaus?

Dann konntest du dir die Vorrede sparen.«

»Du warst ja so sehr in die Unterhaltung mit ihm vertieft, daß es

allgemein auffiel.«

»Mit »allgemein« kannst du sicher nur Frau von Malten meinen, deren

boshafte Zunge ich längst kenne; ich wundere mich aber nur, daß du dich

so von ihr beeinflussen läßt.«

»Und du warst sicher glücklich, endlich deinen Jugendfreund

wiedergesehen zu haben.«

Beate blieb stehen. »Willst du mich durchaus kränken, Rolf? -- ich habe

dir keine Veranlassung dazu gegeben! Du weißt um meine Jugendfreundschaft

mit ihm, weißt auch, was ihr ein Ende gemacht hat. Frau Berthold hätte

uns nicht als Tischnachbarn bestimmt, wäre ihr das bekannt gewesen -- für

diesen Zufall bin ich nicht verantwortlich.«

»Anscheinend war er dir aber nicht unangenehm?« Rolf war in eine etwas

gereizte Stimmung geraten, deren Grund er sich selbst kaum erklären

konnte.

War es die Anwesenheit Scharfenbergs bei Bertholds, oder eine boshafte

Bemerkung Frau von Maltens über Beates Gelehrsamkeit -- genug, er wußte

es nicht, und die ruhigen Entgegnungen seiner Gattin reizten ihn fast,

daß er sich zu seinen mißtrauischen Fragen hinreißen ließ. »Wenn du mich

fragst, Rolf, nein« -- entgegnete sie gelassen, »seine Unterhaltung im

Verein mit der Frau Bertholds war mir in der Tat eine angenehme

Abwechslung -- ich hörte einmal etwas anderes reden, als daß die

Glockenröcke so ungeheuer schick seien, aber doch sicher bald wieder

unmodern würden.«

Ein leiser Sarkasmus klang aus ihrer Stimme -- sie wollte durchaus keine

Szene und ging ruhig weiter, nahm aber den angebotenen Arm des Gatten

nicht an.

Rolf sah an ihrem Gesicht, daß es nicht ratsam war, weiter zu sprechen.

Durch seine Worte, die ihm vielleicht von einer gewissen Eifersucht

diktiert waren, hatte er ihr die Stimmung verdorben, und in etwas

ungemütlichem Schweigen legten sie den Rest des Weges zurück. -- -- --

Beate von Hagendorf lebte jetzt sehr zurückgezogen, und sie war froh,

einen Grund dazu zu haben. Nur mit der ihr so lieben Frau Hauptmann

Berthold verkehrte sie, und durch sie hörte Beate auch noch manchmal von

Professor Scharfenberg. Sie hatte ihn einmal kurz nach dem Abend ihres

Wiedersehens auf der Straße getroffen. Er hatte grüßend den Hut gezogen

und war stehen geblieben, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Es

waren gleichgültige Worte gewesen, die man gewechselt, und doch war

Beate in einen Zustand der Unruhe versetzt worden.

Nein, es war nicht gut, daß sie mit ihm zusammenkam; es schaffte ihr nur

unnütze Aufregung und brachte sie aus dem schönen Gleichmaß ihrer Seele,

zu dem sie sich hindurchgerungen. Sie durfte auch Rolf das nicht antun,

sich so viel in Gedanken mit dem Jugendfreund zu beschäftigen -- denn

ihr Gatte trug sie jetzt förmlich auf Händen; er konnte sich in

Aufmerksamkeiten nicht erschöpfen. -- -- --

Und als die Rosen blühten und die Erde in herrlicher Blütenpracht

prangte, hatte Beate dem Gatten einen Sohn geschenkt. Seine Freude war

unbeschreiblich. Bebend vor innerer Bewegung kniete er an ihrem Bette

und küßte ihre Hände voll heißer Dankbarkeit. Beate hatte schwer

gelitten; sie konnte sich trotz ihrer kräftigen Natur lange nicht

erholen. Wochenlang war sie bettlägerig, und die Sorge wich nicht von

ihrem Lager.

Als sie zum ersten Male wieder aufstehen durfte, zeigte die Natur schon

herbstliche Färbung, und mit etwas wehmütigem Lächeln schaute die junge

Frau in den Garten, auf dessen wohlgepflegten Wegen die Amme den

Kinderwagen schob und mit dem Kleinen tändelte. Tränen feuchteten ihre

Augen. Ihr Kind! Was hatte sie bis jetzt davon gehabt, und wie innig

sehnte sie sich nach ihm! Wenn sie nur nicht gar so schwach noch und

elend wäre!

Prüfend flog ihr Blick nach dem Spiegel. Sie war bloß noch ein Schatten

ihres früheren strahlenden Selbst -- um Jahre gealtert kam sie sich vor.

Das Gesicht war so bleich und abgezehrt, um den Mund lag ein müder Zug,

und die Fülle der Gestalt war geschwunden. Schmerzlich seufzte sie. Sie

war doch genug Weib, um das nicht bitter zu empfinden.

Beate erhob sich vom Diwan, auf den man sie gebettet, und machte mit

Anstrengung einige Schritte nach der Balkontüre, um nach dem Kinde zu

rufen. Da sah sie auf dem Wege zwei sommerlich gekleidete Gestalten

daherkommen, die jetzt am Kinderwagen Halt machten und sich darüber

neigten, seinen Inhalt in Augenschein zu nehmen. »Du kleiner Kerl,

kennst du mich denn nicht? Ich habe dich doch schon öfter begrüßt! Nicht

weinen, du, du, ich bin doch die gute Tante,« hörte Beate ganz deutlich

die etwas scharfe, helle Stimme der Frau von Malten zu sich

heraufschallen, »sieh nur, Viola, er ist doch gar zu goldig -- und wie

klug er schon guckt.«

Da trat Rolf ziemlich hastig ins Zimmer. »Ausgeschlafen, Bea? Fühlst du

dich noch so wohl wie am Mittag? Das ist ja herrlich« -- er küßte sie

flüchtig auf die Stirn -- »du siehst auch brillant aus, ganz brillant.

Da bist du sicher imstande, Frau von Malten mit ihrer Schwester zu

empfangen.«

»Rolf!« weiter sagte sie nichts.

Er verstand den stummen Vorwurf in dem Blick der großen Augen. Etwas

verlegen fuhr er sich durch das Haar. »Ich bin selbst untröstlich,

Schatz, aber es geht nicht anders. Abweisen kannst du sie nicht. Heute

morgen begegnete sie mir, fragte mich natürlich nach deinem Befinden,

und als ich ihr erzählte, daß du zu meiner großen Freude aufstehen

wolltest, stellte sie mir ihren Besuch in Aussicht.«

»Warum hast du mir nichts davon gesagt?« fragte sie vorwurfsvoll.

»Weil ich es selbst noch nicht recht geglaubt, nachdem ich schon früher

einigemale abgewinkt! Sie war in jeder Hinsicht so aufmerksam, daß es

direkt ungezogen gewesen wäre; sieh, jetzt kommen sie schon die Treppe

herauf, eine Abweisung ist unmöglich,« sagte er dringend, schon im

Hinausgehen begriffen.

Draußen hörte sie lautes Lachen, lebhaftes Begrüßen, und wenige

Augenblicke später betraten die beiden Damen das Zimmer. Als Beate sich

aus dem bequemen Stuhl, in dem sie jetzt ruhte, erheben wollte, um ihnen

entgegen zu gehen, eilte Frau von Malten auf sie zu, sie daran zu

hindern.

»Nein, nein, Liebste, Beste, das geht nicht! Sie bleiben hübsch sitzen,

wenn Sie nicht wollen, daß wir gleich wieder gehen!«

Sie küßte Beate auf beide Wangen -- »wie bin ich glücklich, Sie so wohl

zu sehen. Gott, wie hab' ich mich um Sie gesorgt -- wir alle, nicht

wahr, Viola? Nun bringe ich Ihnen so ohne weiteres mein Schwesterlein,

das darauf brennt, die berühmte »Doktorin« kennen zu lernen. -- Sie sind

mir doch nicht böse, Liebste, daß ich so bei Ihnen eindringe? Aber Ihr

Gatte meinte, es sei durchaus keine Störung; im Gegenteil, Sie müßten

etwas Zerstreuung haben, und mir ließ es keine Ruhe, seitdem ich wußte,

daß Sie auf sind, und diese Rosen hier, die letzten Kinder des Sommers,

sollen meinen Wunsch begleiten, Sie recht bald in unserer Mitte, gesund

und vergnügt zu sehen!« Dabei legte sie den Strauß köstlicher Rosen, den

sie bisher in der Hand gehalten, in Beates Schoß und setzte sich neben

sie.

Die junge leidende Frau war von dem Redeschwall der andern förmlich

betäubt, und fast mechanisch hieß sie Viola Düsing willkommen, die schon

seit längerer Zeit bei Maltens zu Besuch war. Sämtliche Herren

schwärmten von ihr, auch Rolf nicht ausgenommen.

Sie war eine auffallende Erscheinung, Mitte der Zwanzig, mehr pikant als

schön mit dem stark rotblonden Haar, den dunkelgrauen Augen und dem

üppigen, ein wenig aufgeworfenen Munde in dem frischen, sehr gepuderten

Gesicht. Ihre Gestalt war tadellos, aber ein wenig zur Fülle neigend.

Der Schick, mit dem sie gekleidet, hatte schon die Grenzen

überschritten, die einer Dame in der Wahl ihrer Toilette gezogen sind;

Beate war fast befremdet darüber. Viola Düsing kam der fein

empfindenden, maßvollen Frau wie eine Soubrette, eine Varietéprinzessin

vor; sie konnte sich dieses Gefühls nicht erwehren.

Rolf hatte sich mit dem jungen Mädchen in ein lebhaftes Gespräch

vertieft, während die beiden Frauen über den kleinen Karl Friedrich

sprachen, wieviel er zunahm und was dergleichen Fragen mehr sind, die

Mütter interessieren.

Da wandte sich Viola zu Beate. »Gnädige Frau, Ihr Bub' ist herzig -- ich

habe ihn vorhin so bewundert; kaum konnt' ich mich von ihm trennen, er

ist einzig süß, und wie gleicht er so ganz seinem Vater, einfach süß,«

wiederholte sie und warf einen sprechenden Blick auf Rolf, der fast

verlegen über die ihm so offensichtlich dargebrachte Schmeichelei seinen

Schnurrbart drehte. Mit tiefem Befremden hörte Beate diese Worte. Vergaß

das junge Mädchen so ganz seine gute Erziehung, um in einer solchen

Weise einem Herrn entgegenzukommen?

Es war, als ahne Frau Ilse Malten Beates Gedanken, denn sie sagte:

»Viola schwärmt ja so sehr für kleine Kinder -- sie sind ihr ganzes

Entzücken. Ich habe den ganzen Tag zu schelten, weil sie mir meine

beiden Jungen in Grund und Boden verwöhnt und verzogen hat; sie tobt

wie ein Kind mit ihnen, und die Buben wissen genau, an wem sie Rückhalt

haben! In der Zeit ihrer Anwesenheit hat sie das Haus förmlich auf den

Kopf gestellt! Und ebenso wild reitet sie. Ich habe manchmal Angst, daß

sie mir nicht mit heilen Gliedern nach Hause kommt, und ich bin froh,

wenn sie mir meinen Mann gesund abliefert!«

»Na ja, dein Otto ist 'ne Schlafmütze,« lachte Viola und ihre Zähne

blitzten; dann schlug sie sich wie erschrocken auf den Mund -- »o bitte

um Verzeihung wegen dieses unparlamentarischen Ausdrucks; er entfuhr mir

nur so! Aber der gute Otto! Der Sonntagsreiter! Was ich unter Reiten

verstehe, ist etwas ganz anderes: über Sturzäcker reiten, Gräben und

Zäune nehmen, das ist nach meinem Sinn -- an mir ist ein Kavallerist

verloren,« -- ihre Lippen waren halb geöffnet, und ihre Brust hob sich

in tiefen Atemzügen, als genösse sie dieses Vergnügen ihres wilden

Reitens.

Entzückt ruhten Rolfs Augen auf dem lebensvollen Geschöpf -- das war

etwas nach seinem Sinn! »Ganz meine Ansicht, gnädiges Fräulein«,

entgegnete er lebhaft, »auch ich fühle mich als ein anderer, wenn ich

auf einem Gaul sitze.«

»Sie haben Ihren Herrn Gemahl gewiß immer begleitet,« wandte sich Viola

an Beate, »das muß köstlich gewesen sein!«

»Sie irren, Fräulein Düsing! Ich habe nie ein Pferd bestiegen; auch muß

ich gestehen, daß ich diesem Sport sehr gleichgültig gegenüberstehe«,

entgegnete Beate etwas steif; ihr mißfiel das Wesen des Mädchens immer

mehr.

Rolf ärgerte sich in diesem Augenblick über seine Frau. Sie kam ihm

spießbürgerlich und schulmeisterhaft vor, richtig pedantisch, während

die andere voll frischen, heiß pulsierenden Lebens war, fröhlich und

unbekümmert, so, wie er es liebte!

»Ah«, machte da Viola auf Beates letzte Bemerkung, und sehr erstaunt und

ungläubig, fast ein wenig geringschätzig, blickten ihre grauen Augen,

und ganz leicht schüttelte sie den Kopf, als sei ihr unbegreiflich, was

die andere gesagt.

»Du darfst nicht vergessen, Kind, daß Frau von Hagendorf ganz andere

Interessen hat,« meinte Ilse Malten in leicht verweisendem Tone, »du

weißt doch, daß sie studiert und den Doktortitel errungen hat; da

fehlte die Zeit für derartigen Sport!«

»Ach ja, liebe, gnädige Frau, bitte erzählen Sie doch von Ihrer

Studienzeit, das muß doch furchtbar interessant gewesen sein, das

flotte, freie Burschenleben -- »'s gibt kein schöner Leben, als

Studentenleben, wie es Bacchus und Gambrinus schuf« -- ach, bitte,

erzählen Sie --« und wie ein Kind klatschte sie in die Hände,

erwartungsvolle Augen machend.

Ein leichtes, ironisches Lächeln zuckte um Beates Mundwinkel. »Ein

solches Studentenleben, wie Sie denken, Fräulein Düsing, habe ich nicht

genossen. Ich hatte mein Studium ernst und nicht als Sport genommen. Da

hieß es arbeiten, um vorwärts zu kommen. Amüsieren und flirten gab es da

nicht! Und doch habe ich Stunden reinsten Glücks und vollster

Befriedigung gehabt, wie es nur die kennen und mir nachfühlen, die

ernste Arbeit zu ihres Lebens Ziel und Inhalt machen. Ich denke sehr

gern an jene Zeit zurück.«

»Das alles haben Sie aber aufgegeben, als der Rechte kam! Gestehen Sie,

Liebste, die Ehe ist doch das einzig Richtige für uns, nicht wahr? Da

vergißt man alles, die ganze Gelehrsamkeit, den Durst nach Ruhm und

Erfolg,« meinte Frau Ilse in leicht neckendem Tone, sich vorbiegend und

in Beates ernste Augen sehend.

»Ich muß Ihnen recht geben, wenn die Ehe eine ehrliche Kameradschaft für

das Leben ist und die Ehegatten sich gegenseitig ergänzen und verstehen

-- und man ein lieb Kind sein eigen nennt,« schloß Beate mit leiser

weicher Stimme.

Rolf küßte ihre Hand. »Ja, meine Bea, du sprichst mir aus dem Herzen.«

Es war ihm, als müsse er etwas gut machen; denn er sah, wie sie sich nur

mühsam aufrecht erhielt. Der Besuch der beiden Damen griff sie doch noch

zu sehr an. Spöttisch lächelnd beobachtete Viola diese kleine Szene.

Rolf bemerkte das und wurde rot.

In plötzlicher Schwäche schloß Beate die Augen. Frau von Malten sah das.

Sofort sprang sie auf. »Ist Ihnen nicht gut? O, verzeihen Sie, daß wir

so lange verweilt haben! Doch verplaudert sich die Zeit so schnell bei

Ihnen, Liebste! Nun wollen wir aber gleich gehen, Viola, und Sie, liebe

Frau Beate, legen sich sofort zu Bett! -- Also auf Wiedersehen! Nächste

Woche dürfen wir doch wiederkommen?« Sie küßte Beate auf die Wangen,

und nach wortreichem Abschied entfernten sich die beiden.

Rolf von Hagendorf geleitete sie hinaus. In gut gespieltem Bedauern

meinte da Ilse Malten: »Gott, Hagendorf, unser Besuch hat doch Ihrer

lieben Frau nicht etwa geschadet? Sie sah übrigens nicht so gut aus, wie

Sie dachten! Ihr Männer habt dafür gar keine Augen, wenn man wirklich

krank ist. Ihr seid Barbaren! Hoffentlich wird es nicht zu lange dauern,

bis Frau Beate ihre vielbewunderte Schönheit wieder bekommt: sie ist

richtig alt geworden! Du mußt nämlich wissen, Viola, daß unseres

Freundes Frau die schönste Dame des Regiments war, -- nein, nein, kein

Widerspruch aus Galanterie, lieber Hagendorf. Sie wissen es doch ganz

genau selbst. Und wie ist ihr Haar dünn geworden! Gegen dessen frühere

Pracht, Viola, würde selbst dein schönes Haar nicht aufgekommen sein!«

Rolf warf einen bewundernden Blick auf die rotgoldene Haarfülle des

jungen Mädchens -- »das weiß ich doch nicht, Gnädigste, ob Sie da nicht

zu viel sagen: dieses Tizianblond ist einzig, köstlich.«

Viola sagte gar nichts darauf, sondern lächelte ihn nur in seltsam

berückender Weise an. Ilse schlug scherzend nach ihm.

»Glaube ihm nicht, Kind -- hüte dich vor ihm -- er ist ein gefährlicher

Mann! Nun komm, Herz, sonst wird schließlich Diavolo ungeduldig -- er

muß heute noch geritten werden!«

»Wenn ich Sie einmal begleiten dürfte, gnädiges Fräulein, würde ich sehr

glücklich sein,« bat Rolf.

»Ich habe nichts dagegen! -- ob aber Ihre Frau Gemahlin es Ihnen

erlauben wird --?« Etwas herausfordernd blickten ihre hübschen, kecken

Augen ihn an.

Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. »Pardon, meine Gnädigste,

sehe ich aus, wie ein Pantoffelheld?«

Sie schwieg einen Augenblick, wobei sie ihn ungeniert musterte; dann

sagte sie achselzuckend: »Je nun, Sie kennen doch die Antipathie Ihrer

Frau Gemahlin gegen das Reiten -- meinetwegen sollen Sie sich nicht in

Gefahr begeben!«

Ihre Art hatte etwas Aufreizendes für ihn. »Ich will Ihnen beweisen, daß

ich keine Gefahr scheue,« rief er stürmisch, »es ist überhaupt ganz

widersinnig, von Gefahr zu reden. Bitte, bestimmen Sie einen Tag, an dem

Ihnen meine Begleitung angenehm ist.« Erwartungsvoll sah er sie an.

»Gut, sagen wir, morgen in acht Tagen«, entgegnete sie überlegend.

»Dann erst? Warum nicht schon früher? Ich bin wirklich begierig, Ihr

Kavalier zu sein, da Ihnen Malten so wenig genügt,« und dringlich

blitzten seine hübschen Augen sie an, »bitte, seien Sie barmherzig.«

»Ich kann es wirklich noch nicht bestimmen! Sie werden durch Otto

Bescheid bekommen, Herr von Hagendorf,« meinte sie leichthin, dann

blickte sie sich suchend um. »Ach, Ihr Bubi ist nicht mehr hier --

schade, ich hätte das goldene Kerlchen gern noch mal gesehen -- nun,

komm, Ilse, sonst wird es zu spät!«

Sie reichte ihm die Hand, die er mit feurigem Druck an seinen Mund

führte. »Auf Wiedersehen, Herr Oberleutnant!«

»Das war also die berühmte, schöne Doktor Beate Hagendorf,« meinte Viola

zu ihrer Schwester, als sie heimgingen, »so ein Bildungsprotz, einfach

gräßlich! Sie ist genau so langweilig und feierlich wie ihr Name. Beate,

da muß ich an meine Großmutter denken! Sie paßt nicht im geringsten zu

dem Mann.«

»Nein, da hast du recht. Siehst du, liebe Viola, den hatte ich für dich

im Sinn,« entgegnete Ilse, »wenn du vor zwei Jahren auf meine dringliche

Einladung gekommen wärst, könntest du Frau von Hagendorf sein. Ich hatte

mir schon alles so schön gedacht und ihm von dir vorgeschwärmt. Aber die

Reise nach Budapest war dir damals wichtiger, und doch hast du nicht

erreicht, daß du die Gräfin Hohenfels geworden bist!«

Ein böses Licht glimmte in Violas Augen auf, und ein Zug trat in ihr

Gesicht, der es recht gewöhnlich aussehen ließ.

»Und wer trägt daran die Schuld? Du! Ihr! weil Papa notwendig die großen

Zahlungen für euch leisten mußte,« sagte sie heftig. »Du hast stets das

meiste Geld bekommen, und ich habe das Nachsehen gehabt! Was ist für

mich denn aus dem Gutsverkauf übrig geblieben?« Sie schnippte mit den

Fingern. »So gut wie nichts, alles ihr, und was wird aus mir?«

»Ereifere dich doch nicht, Viola«, begütigte die andere, »es war doch

nichts anderes zu machen. Papa hat ebenfalls viel Schuld mit an allem!

Doch laß uns nicht mehr darüber reden; es hat keinen Zweck mehr!

Übrigens brauchst du dich nicht um deine Zukunft zu sorgen; du hast

hier die besten Chancen, unterzukommen -- da ist z. B. der lange

Plessow, der ist toll verliebt in dich, sagt Otto, fabelhaft reich dabei

-- eine bessere Partie könntest du gar nicht machen!«

»Ach, geh' mir mit dem«, meinte die Schwester geringschätzig, »der ist

ja wie Milchsuppe! Da ist mir Hagendorf doch lieber, in dem steckt

Rasse, Temperament.«

»Aber Viola, was redest du da! Er ist doch verheiratet, und ein Flirten

mit ihm hat gar keinen Zweck.«

»Und warum nicht? Schon um seine famose Frau zu ärgern, die mir mit

ihrem Vortrag über ihr Studentenleben verschiedene Stiche versetzt hat;

na, ich hätt's anders gemacht! Himmel, der Mann muß doch bei so viel

Gelehrsamkeit Angst bekommen! Sie hatte wohl viel Geld?«

»Ja, das wohl! Doch hat er nicht nötig gehabt, darauf zu sehen, da er

selbst reich ist! Ich gebe dir nochmals den guten Rat, Viola, sei

vorsichtig.«

»Ja, ja, du kannst überzeugt sein, daß ich trotz allem meinen Vorteil

nicht aus dem Auge lasse; den langen Plessow kann ich jetzt schon um den

Finger wickeln, der ist mir sicher, deshalb will ich mich noch

amüsieren! -- Übrigens, die Hagendorf hatte einen schicken Schlafrock

an, wo kauft sie? Hier doch nicht.«

»Nein, sie bezieht durch Vermittlung der Berthold, ihrer Busenfreundin,

sämtliche Garderobe aus Wien.«

»Ach, die lange Bohnenstange mit ihren ewigen Reformkleidern? Na, die

beiden passen ja zusammen!« Sie schüttelte den Kopf. »Wie kann nur ein

Mann wie Hagendorf an der Frau Gefallen finden, die ihn sicher den

ganzen Tag mit ihrer Gelehrsamkeit langweilt. »Fräulein Doktor«, sie

konnte nur bei ihrem Berufe bleiben.«

»Das sage ich auch! Immer sucht sie zu imponieren -- sie will alles

besser wissen.«

»Nur das eine weiß sie nicht, wie man einen Mann fesselt.« Bei diesen

Worten lächelte Viola vor sich hin. Ihre Schwester sah sie von der Seite

an; welche Gedanken mochten da in diesem kapriziösen Köpfchen spuken?

Ilse konnte aus ihr nie klug werden.

6.

Als Rolf Hagendorf ins Zimmer zu seiner Frau zurückkehrte, fand er sie

mit geschlossenen Augen auf der Chaiselongue liegen, bleich und

abgespannt aussehend. Mit forschendem Blick betrachtete er sie. Weiß

Gott, die Malten hatte recht, ihm war das nur nicht so aufgefallen;

Beate war sichtlich alt geworden; von der Nase zum Mund zogen sich zwei

scharfe Falten, die ihr einen alten, leidenden Zug gaben, und die Hände,

die schönen, schlanken, weißen Hände, die er früher so oft in seiner

Verliebtheit geküßt, wie waren sie mager und gelb geworden; doppelt hob

sich das von der dunkelseidenen Decke ab, auf der sie nervös hin und her

glitten. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Wie hatte er die

Schönheit seiner Frau geliebt, wie war er stolz darauf gewesen! Er

dachte nicht daran, daß sie noch zu leidend war, um schon wieder so gut

wie früher auszusehen, und unwillkürlich drängte sich Violas

lebensvolles Bild in seine Vorstellung.

Beate hob die Wimpern und sah ihn an; es war, als hätte sie den Blick

seiner Augen gefühlt. Kosend strich er über ihr Gesicht. »Na, Maus, nun

ist das auch überstanden! Recht, daß du dich ein wenig gelegt hast«,

meinte er leichthin.

»Möchtest du, bitte, klingeln? Ich will doch lieber gleich zu Bett

gehen, der Besuch hat mich sehr angegriffen.«

»Nun, so lange haben sich die Damen doch nicht aufgehalten. Frau von

Malten wollte dir gern ihre Schwester vorstellen.«

»Sie hätte ruhig damit warten können. So bald möchte ich beide nicht

wiedersehen.«

»Aber Beate, ich begreife dich einfach nicht, zwei so liebenswürdige

Damen,« ein leiser Unmut klang aus seiner Stimme.

»Wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Ich habe gesehen, daß Martina

Berthold wirklich recht hat. Viola Düsing ist keine Dame, sie hat etwas

vom Varieté an sich.«

Mit Mühe bezwang Rolf seine Ungeduld, seinen Unwillen über diese

Äußerung Beates. Er sagte gar nichts, sondern war ihr behilflich, ins

Schlafzimmer zu gehen. Dann zog er sich um und ging fort, einen Bummel

nach der Stadt zu machen, um dort vielleicht Bekannte zu treffen.

Durch Beates lange Krankheit war manches anders geworden. Rolf hatte

allmählich seine Junggesellengewohnheiten wieder angenommen und fühlte

sich sehr wohl dabei. Er ging alle Tage aus. Was sollte er auch zu Haus?

Die verheirateten Kameraden bekümmerten sich um ihn; sie luden ihn in

ihre Häuslichkeit ein, und die Damen nahmen herzlich teil an Beates

Leiden. Frau von Malten tat sich besonders hervor; sie hatte eine

Schwäche für den liebenswürdigen Offizier und sah ihn gern bei sich. Sie

fühlte wohl die geringe Sympathie, die Beate für sie hegte; jedoch

kümmerte sie sich weiter nicht darum, im Gegenteil, sie befleißigte sich

der größten Aufmerksamkeit gegen die gefeierte, kluge Frau, da sie

durchaus mit ihr verkehren wollte, aus Berechnung! Im Grunde nämlich

erwiderte sie Beates Antipathie aus vollem Herzen.

Sie hatte es gut verstanden, Rolf nach sich zu ziehen, und der beste

Magnet war ihre Schwester. Viola, ein rassiges, temperamentvolles

Geschöpf, die ihm ein starkes Interesse einflößte. Doch daraus war jetzt

mehr geworden! Rolf schmachtete in ihren Banden. Mit raffinierter

Koketterie hatte sie es dahin gebracht. Er durfte sie auf ihren

täglichen Spazierritten begleiten; und nicht lange dauerte es, so war

das Paar ein Gegenstand lebhaften Gesprächs geworden, und man bedauerte

sogar schon die arme junge Frau Hagendorfs. Viola, in ihrer stark

ausgeprägten Eigenart, kümmerte sich wenig um ein Gerede, das sich mit

ihrer Person beschäftigte, und auch Rolf war es gleich; sein einziger

Gedanke war jetzt nur noch das üppige, rotblonde Mädchen, und glühende

Eifersucht erfüllte ihn auf den Oberleutnant Plessow, von dem sich Viola

ebenfalls stark den Hof machen ließ. Sie war unberechenbar: heute war

sie von abstoßender Kälte, morgen von unvergleichlicher

Liebenswürdigkeit, und das machte ihn fast toll.

Beate litt sehr unter seinen jetzt so wechselnden Stimmungen; sie wußte

ja nicht, mit welch widerstreitenden Empfindungen er kämpfte. Ihre

Genesung hatte, da ihre kräftige Natur endgültig die Oberhand gewonnen,

sehr schnelle Fortschritte gemacht. Die Gestalt rundete sich wieder; ihr

Gang und ihre Haltung bekamen die frühere Elastizität und Frische; sie

war ganz die alte geworden, wie Martina Berthold mit Freude feststellte.

Diese war ein fast täglicher, gern gesehener Gast bei Beate; die beiden

so gleichgestimmten Frauen wurden durch eine treue Freundschaft

miteinander verbunden.

Professor Scharfenberg verkehrte viel bei Bertholds; zu jeder Tageszeit

war er willkommen in dem gastfreien Hause. Mit einem leisen Gefühl des

Neides hörte Beate die Freundin oft von den anregenden Stunden erzählen,

die ihr durch den Verkehr mit dem geistvollen Professor zu teil wurden.

Wie anders war es jetzt dagegen bei ihr! Sie war fast jeden Abend

allein, da Rolf stets etwas vor hatte. Und blieb er mal zu Haus, war er

zerstreut, unruhig, sprach von dem ewigen Ärger im Dienst, daß er es

»satt bis oben 'ran« hätte, von Rennen und ähnlichen Dingen.

Brachte Beate das Gespräch auf etwas anderes, Tieferes, dann wurde er

ungeduldig: »Ach, laß mich mit dem Quatsch in Ruhe; du weißt doch, daß

ich nun mal nichts davon verstehe, hab' auch gar kein Interesse dafür;

habe meinen Kopf so voll!« Dann las er flüchtig seine Sportzeitung,

gähnte einigemal recht vernehmlich und ging dann schlafen.

Die feingebildete, ruhige Beate langweilte ihn; er mußte Abwechslung

haben, und dazu hatte ihn Viola gebracht, sie war so ganz anders als

seine Frau -- sie hätte viel besser zu ihm gepaßt! Wenn er ahnte, daß

Beate gar nicht so ruhig war, wie es ihm schien, daß hinter ihrer weißen

Stirn rebellische Gedanken wohnten! Mehr als ihr lieb war, mußte sie an

Georg Scharfenberg denken, mehr und mehr sah sie ein, daß ihre Ehe ein

grenzenloser Irrtum war. Das bißchen Scheingefühl, das sie im Anfang

gehabt, war verflogen; sie fühlte sich tief unglücklich an Rolfs Seite.

Aber niemand bekam Einblick in diese stolze Frauenseele; still trug sie

ihr Geschick für sich.

Ihr lebhafter Geist brauchte Anregung oder wenigstens Verständnis und

Entgegenkommen, wenn sie geistig nicht verkümmern sollte, und das

gesellschaftliche Leben, in dem Rolf sich so wohl fühlte, genügte ihr

gar nicht. Sie mußte ihre geistigen Fähigkeiten rühren, und mit ihrer

zunehmenden Kräftigung war auch der alte Tatendrang in ihr erwacht. Sie

kehrte zu ihrer Wissenschaft zurück. Sie hatte ja so viel Zeit.

Aufmerksam verfolgte sie alle Neuerscheinungen darin, worüber Rolf sie

manchmal auslachte oder, in schlechter Stimmung, sich diese

Emanzipationsgelüste verbat, die sich gar nicht für eine Offiziersdame

schickten; er wolle sich außerdem bei seinen Kameraden nicht lächerlich

machen lassen.

Auf solche Ausfälle erwiderte sie gar nichts, sondern suchte Halt bei

ihrem Kinde, an dem sie mit abgöttischer Liebe hing. Wenn sie das nicht

gehabt hätte! Und doch vermochte der kleine Karl Friedrich die

grenzenlose Öde und Leere in ihr nicht auszufüllen. Aber nachdenken

durfte sie nicht!

»Komm, Bubi, mein Liebling, mein Einziges, wir wollen uns fein machen,

und Tante Martina zum Geburtstag gratulieren!« Beate kleidete das Kind

um; sie wurde kaum damit fertig; denn immer von neuem freute sie sich

über sein rundes, festes Körperchen, herzte und küßte es, ihm tausend

Liebkosungen gebend. Endlich war er fertig und lag in dem eleganten,

hellen Kinderwagen. Sie legte die Blumen und eine Photographie, die Bubi

bringen sollte, auf dessen seidengestickte Decke. »Fahren Sie immer zu,«

sagte sie dann zu der Amme. »Bleiben Sie aber in der Sonne, ich komme

gleich.«

Ihre Toilette nahm nicht so lange Zeit in Anspruch, und bald war sie in

ihr resedafarbenes Promenadenkostüm umgekleidet, das ihr vorzüglich

stand. Sie sah sehr gut aus; jede Spur der Krankheit war verschwunden.

Ihre mädchenhafte schlanke Figur ließ sie jünger erscheinen als sie war,

und die frische, klare Herbstluft, man schrieb den 10. November, färbte

ihr zartes, durchgeistigtes Antlitz mit lichter Röte und vertiefte den

Glanz der ernsten, schönen Augen. Nur ihr Gatte schien das nicht zu

sehen; sein Blick war zerstreut, und unruhig glitt er über sie hin, als

sie sich begegneten; er kam gerade vom Dienst, und in der Haustüre

trafen sie zusammen.

»Ah, Rolf, das ist gut, daß du schon kommst. Da kannst du mich ja

begleiten, Martina zu gratulieren.« Er blickte an sich nieder auf die

schmutzigen Stiefel, den bestaubten Rock. »In diesem Aufzug? Unmöglich,

Kind!«

»Nun, du bist doch schnell umgezogen, und ich warte gern.« Er hatte aber

keine Neigung dazu.

»Bertholds haben sich doch für den Vormittag Besuch verbeten, da heute

abend so wie so großer Zauber ist.«

»Mit uns ist das doch etwas anderes: Martina wird sich sicher sehr

freuen, wenn du mitkommst.«

»Es geht nicht, Beate! Hab' es überdies Bünau und Malten versprochen,

nachher schnell zu einer Besprechung ins Kasino zu kommen. Wir hatten

heute morgen manchen Ärger: der Alte war mal wieder eklig geladen. Sag'

also deiner Freundin vorläufig meine herzlichsten Glückwünsche. Heute

abend werde ich sie wiederholen.« Sein Blick vermied den ihren, und

sichtlich strebte er fort.

»Ich will dich dann nicht weiter aufhalten. Du bist doch pünktlich zum

Mittagessen wieder da? Hast du Bubi gesehen? Nein? Schade, er sah so

lieb aus. Adieu, Rolf.« Flüchtig küßte er ihre Hand.

»Adieu, Beate.«

Sie streifte die zartfarbigen Handschuhe über, als sie durch den Garten

nach der Pforte ging.

Immer Malten! Als ob es niemand anders mehr gäbe! Doch sie sagte gar

nichts mehr darüber; denn Rolf nahm trotz ihrer Abneigung gegen diese

Familie keine Rücksicht darauf; darum ließ sie ihn willfahren,

wenngleich sie sich sehr wunderte.

Martina Berthold stand zufällig am Fenster, als sie die Freundin mit dem

Kinde kommen sah. Sie eilte ihr entgegen; herzlich gratulierte Beate und

nahm dann den kleinen Karl Friedrich aus dem Wagen. »Da, Tina, Bubi will

dir auch Glück wünschen.«

»Du lieber, kleiner Kerl.« Frau Martina nahm ihn auf den Arm, und mit

ihm tändelnd und scherzend schritt sie die Treppe hinauf nach dem

Wohnzimmer. »Du kommst doch gleich mit hier in mein Reich, du mußt doch

meinen Geburtstagstisch sehen; nun schnell deine Blumen ins Wasser tun,

die köstlichen Rosen, und, was sehe ich? Bea, du mit dem Jungen? Das

erste Bild von euch beiden! Du Böse, hast mir nichts gesagt, daß du

beim Photographen warst.«

»Es sollte doch eine Überraschung sein.«

»Die dir glänzend gelungen ist! Und wie gut du getroffen bist! Vielen,

vielen Dank! Eine größere Freude konntest du mir gar nicht machen!

Denke, wenn mir auch solch Kleinod beschert wäre,« eine leise Wehmut

klang aus ihrer Stimme, und verstohlen wischte sie sich eine Träne aus

dem Auge.

Herzlich drückte ihr Beate die Hand; sie kannte den Schmerz der

kinderlosen Frau; wie reich kam sie sich in diesem Augenblick vor gegen

Martina, der sonst nichts zu wünschen übrig blieb vom Leben!

Fröhlich plauderten sie miteinander. Beate entschuldigte Rolf wegen

seines Fernbleibens, da er im Kasino erwartet würde. Martina warf da

einen eigentümlichen Blick auf die junge Frau; die sah ganz unbefangen

aus, schien also nicht zu ahnen, in welcher Weise über Rolfs Verkehr bei

Maltens gesprochen wurde. Es war jetzt hohe Zeit, daß Hauptmann Berthold

einige ernste Worte als Kamerad zu dem jüngeren Kameraden sprechen und

ihn auf das Unbedachte seiner Handlungsweise aufmerksam machen mußte,

ehe Beate von anderer Seite erfuhr, daß er Viola Düsing in einer Weise

huldigte, die für einen verheirateten Mann nicht passend war.

Mitten in ihr Plaudern hinein meldete das Mädchen: »Herr Professor

Scharfenberg.«

»Bitten Sie Herrn Professor, sich sogleich nach oben zu bemühen.«

Martina ging dem Eintretenden entgegen, ihm beide Hände

entgegenstreckend. »Herzlich willkommen, lieber Freund.« Nachdem er

seine Glückwünsche dargebracht hatte, begrüßte er Beate, die er seit

Monaten nicht gesehen. Sie hatte das Kind gerade auf dem Arm und drückte

dessen Köpfchen süß beschwichtigend an ihre Brust; denn bei dem Eintritt

der fremden Person wollte es anfangen zu weinen. Wehmütig ruhte sein

Auge auf der heimlich geliebten Frau, die ihm so hold und weich in ihrer

jungen Mutterwürde erschien.

»Nun, was sagen Sie, lieber Professor, zu dem kleinen Hagendorf? Habe

ich Ihnen zu viel vorgeschwärmt? Sehen Sie sich ihn getrost in der Nähe

an«, scherzte Martina arglos; denn sie ahnte ja nichts von dem, was

diese beiden ihr so werten Menschen einst miteinander verbunden hatte.

»Nehmen Sie ihn mal einen Moment, und Sie werden sehen, was für ein

Prachtkerl er ist -- da« -- --

Ohne weiteres nahm sie ihn der hocherrötenden Beate vom Arm und gab ihn

dem Professor. Der neigte sich tief über das Kinderköpfchen, damit man

ihm das mächtige Gefühl nicht ansah, das ihn bewegte.

»Allerdings, Sie haben recht, liebe Freundin«, sagte er dann mit leicht

bebender Stimme, und zu Beate: »Ich beglückwünsche Sie zu dem Kind,

gnädige Frau.«

»Er hat mir bis jetzt auch -- unberufen -- noch keine Sorgen gemacht«,

meinte sie, etwas befangen.

»Nun ja, wer eine wirkliche Doktorin als Mutter hat -- Spaß! Die

versteht doch alles aufs genaueste,« scherzte Martina.

Mittlerweile hatte er das Kind in den Wagen gelegt. Karl Friedrich war

ganz zutraulich geworden. Mit den großen dunklen Augen -- es waren die

der Mutter -- sah er zu dem fremden Mann auf und faßte nach dessen

Uhrkette, die er nicht loslassen wollte.

Fräulein Doktor: Roman · 第 7 / 14 题