1. [Illustration]

Ruhig, mit einem ganz kleinen Lächeln um den feinen, klugen Mund,

blickte Beate ihrem aufgeregt im Zimmer herumgehenden Vater nach.

Sie war sich ihrer Sache gewiß, und es stand fest bei ihr, daß sie ihr

Vorhaben auf jeden Fall auch ausführen wollte! Halb hatte sie ja den

Vater schon bekehrt; der erste Ausbruch seiner Erregung war bereits

vorüber -- was er jetzt sagte, war nur noch ein schwacher Versuch zum

Widerstand.

»Du bist ja verrückt, Beate!« Herr Haßler schüttelte den Kopf und blieb

vor der Tochter stehen, die bequem in einem Schaukelstuhl lag, die Hände

im Nacken verschränkt.

»Aber warum, Vater?« lautete ihre gleichmütige Frage. »Ich sehe die

Berechtigung dieses Ausspruchs nicht ein!«

»Ach was! Larifari,« brummte er, »jeder vernünftige Mensch wird mir

recht geben, wenn ich dir kurzerhand verbiete, zu studieren! Ich ärgere

mich schon genug, daß ich dir nachgegeben habe darin, ein Gymnasium zu

besuchen -- wenn ich geahnt hätte --«

»Aber, Vaterchen,« unterbrach sie ihn in schmeichelndem Ton, »aber,

Vaterchen, hat dich denn mein glänzend bestandenes Abiturium nicht

gefreut?«

»Das wohl, Mädel, und ganz kolossal! Aber ich dachte, damit wäre der

Unsinn endgültig vorüber.«

»Nein, jetzt soll es erst recht beginnen.« Sie breitete die Arme weit

aus. »Ach, du glaubst nicht, wie ich mich darauf freue, weiter zu

lernen!«

»Noch mehr lernen? Ich meine, du hättest gerade genug unnützes Zeug in

deinen Kopf gepropft! -- Was dir nun noch fehlt, das kannst du hier bei

Mutter am besten lernen! Bekümmere dich jetzt mal um die Küche und das

Haus -- ich glaube, davon verstehst du weniger als ein zehnjähriges

Mädchen!«

Beate lachte. »Da magst du schon recht haben, Vaterchen, aber dennoch

verspüre ich zu derartigen prosaischen Beschäftigungen durchaus keine

Lust -- andernfalls würde ich schon schnell hinter die Geheimnisse von

Mamas Walten und Wirken kommen! Denn was ich will, das kann ich auch.«

Bei diesen Worten trat ein Ausdruck in ihr Gesicht, daß man nicht gut an

deren Wahrheit zweifeln konnte.

Sie stand auf und legte schmeichelnd die Arme um den Hals des Vaters.

Bittend sah sie ihn mit den schönen klugen Augen an. »Nicht wahr, alter

Herr, du bist lieb und erfüllst mir meinen Herzenswunsch! Ach, du

glaubst ja nicht, wie ich damit verwachsen bin -- es würde für mich ein

Aufgeben aller Lebensfreuden bedeuten, wenn du mir das verwehren

wolltest!«

Sie zog ihn zu sich aufs Sofa. »Komm, setzen wir uns, und höre mir mal

ruhig zu, wie ich mir so alles gedacht habe.«

Etwas ängstlich war Frau Rechtsanwalt Haßler, eine freundliche, sehr

gütig blickende Dame, dem Wortgeplänkel des Gatten und der Tochter

gefolgt. Sie saß am Fenster des Wohnzimmers mit einer feinen Handarbeit

beschäftigt. Für sie war Beates Wunsch keine Überraschung mehr; denn am

Morgen schon hatte das junge Mädchen zu ihr davongesprochen, und jetzt

nach dem Nachmittagsschläfchen war auch dem Vater die Eröffnung darüber

gemacht.

Die erste Aufregung und der erste Widerstand waren vorüber, und Beate

sah, daß der Vater jetzt ihren Erklärungen zugänglicher war. Sie erfaßte

deshalb ihren Vorteil. »Siehst du, alter Herr. Du kannst doch nichts

dagegen haben -- als Jurist weißt du genau, daß du gar keine

stichhaltigen Gründe hast, mich zurückzuhalten! -- Ja, wenn ich mich zu

dem Studium der Rechtswissenschaft entschlossen hätte, könnte ich das

begreifen, denn Konkurrenz läßt man nicht gern neben sich aufkommen.«

Sie lächelte bei diesen Worten und sah ihm schelmisch ins Gesicht. Er

zupfte sie am Ohrläppchen. »Mutter, sieh nur diese eingebildete Person,

dies Küken!«

»Siehst du, Vater,« fuhr Beate fort, »da ich aber Ärztin werden will,

hat das doch keine Gefahr für dich! Ich lasse mich hier bei euch nieder;

Ihr räumt mir das erste Stockwerk ein, und wenn euch etwas fehlt, habt

ihr den Arzt gleich im Hause!« Sie bat und schmeichelte; auf alle seine

Einwendungen hatte sie die schlagendsten Erwiderungen -- er mußte

schließlich seiner Tochter, auf deren Klugheit er nicht wenig stolz

war, nachgeben. Ihre Art, zu bitten, war unwiderstehlich; außerdem war

sie sein Abgott; sie konnte viel bei ihm erreichen!

»Alles, Kind, was du da vorbringst, ist ja recht schön und gut, und wenn

einmal dein Herz so daranhängt, will ich dir durchaus nicht mehr

entgegen sein! Aber, kurz herausgesagt, du bist mir zu schade, Mädel,

daß du deine schönsten Jahre so in der Arbeit verbringen willst. Andere

tanzen und amüsieren sich in deinem Alter, und du --«

»Ja, daran habe ich eben keine Freude -- _de gustibus non est disputandum_

-- lasse mich nach meiner Fasson selig werden! Glaube aber darum nicht,

daß ich etwa ein Blaustrumpf oder ein verdrehtes Frauenzimmer werde;

nein, ich will dennoch meine Jugend genießen.«

Da mischte sich zum erstenmal Frau Haßler ins Gespräch. »Warum nur so

viel Aufregungen? Ich denke, daß du über kurz oder lang doch heiraten

wirst!«

»Heiraten, ich, Mutter? Ich denk nicht daran; wenigstens vorläufig noch

nicht. Dahin komme ich noch früh genug, wenn es einmal sein muß. Jetzt

will ich noch lernen.«

»Aber dein ganzes Streben und Arbeiten wird dich niemals so beglücken

können wie das Bewußtsein, einem geliebten Mann anzugehören! Ich habe

bisher geschwiegen, um alles zu hören, was du dir in deinem Köpfchen

zurechtgelegt hast. Aber auf das eine, woran Vater noch nicht gedacht

hat, möchte ich dich noch aufmerksam machen: Du beraubst dich selbst der

reinsten, heiligsten Freuden, die dir durch nichts ersetzt werden

können, wenn du auf deinem abenteuerlichen Vorsatz beharrst.«

»Weißt du denn das so genau, du Liebe, Gute? Ich will gar nicht

endgültig darauf verzichten, in einer Ehe glücklich zu werden. Wenn mir

jemand begegnet, dem ich gut sein kann und der mich heiraten möchte,

dann können wir immer noch darüber reden; und wer weiß, ob ich nicht gar

schon an jemand denke? Jetzt aber will ich vor allem selbständig sein

und mir einen Beruf schaffen, daß ich allen Möglichkeiten gegenüber

gewappnet bin. Wenn ich nun alte Jungfer werde? Das ist doch auch nicht

ausgeschlossen! Das Leben ist so ernst, die Zeiten sind so schwer, daß

man nicht so in den Tag hineinleben kann. Und was unser guter Monsieur

Adolf kostet, wissen wir zu genau.«

»Na und ob!« Ein hörbarer Seufzer begleitete diese Worte des

Rechtsanwalts. »Der Junge treibt's auch manchmal zu toll! Aber deshalb,

mein Töchterchen, ist doch für dich gesorgt, und auch ganz anständig.

Nun möchte ich endlich meinen Kaffee haben; von dem vielen Reden ist mir

ordentlich der Mund trocken geworden. Und meine Pfeife gibst du mir wohl

mal 'rüber! Was man an seinen Kindern für Überraschungen erleben muß!«

Flink und gewandt hatte ihm Beate die »Friedenspfeife«, wie sie

scherzend bemerkte, gestopft und angebrannt, aus der er jetzt die ersten

Züge tat, und es war, als kam da eine gewisse Behaglichkeit über ihn.

Der Kaffeetisch war bereits gedeckt, und Beate bediente die Eltern. Der

Mutter trug sie die Tasse nach dem Fenster, weil diese zu ihrer Arbeit

das volle Tageslicht brauchte. »Hier alter Herr, zur Beruhigung!«

lächelte sie dem Vater zu. »Ist genügend Sahne und Zucker daran? Und

hier Kuchen -- Mutters Osterkuchen winkt so verlockend.«

Er nahm ein Stück davon und versuchte den Kaffee. »Alles richtig

getroffen.«

Lächelnd sah sie ihm zu, während sie mit dem Löffel in ihrer Tasse

rührte.

Rechtsanwalt Haßler war einer der beliebtesten und meistbeschäftigtsten

Anwälte der Stadt. Er war ein Mann in guten Verhältnissen. Zwei Kinder

nannte er sein eigen, einen Sohn von fünfundzwanzig Jahren und Beate,

die Tochter, die neunzehn Jahre zählte. Sie war ein außerordentlich

begabtes Kind, sodaß die Eltern ihren Bitten nicht hatten widerstehen

können, ein Gymnasium zu besuchen. Dort hatte sich immer mehr der Wunsch

in ihr befestigt, zu studieren. Es dünkte sie herrlich, immer weiter in

den Born des Wissens zu tauchen, in die Geheimnisse der Wissenschaft

einzudringen.

Und heute stand sie am Ziel ihrer Wünsche; die Eltern hatten

nachgegeben!

»Rate, Beate, wer jetzt über die Straße kommt?« sagte da Frau Haßler, in

den Fensterspiegel blickend.

»Kläre Brückner?«

»Nein, ganz jemand anders! Doch du wirst sicher nicht darauf kommen.«

Die Hausglocke schlug hell an, und wenige Minuten später meldete das

Mädchen: »Herr Doktor Scharfenberg.«

Ein freudiges Rot überflog da Beates Gesicht. »Soll 'reinkommen!« rief

der Rechtsanwalt gemütlich.

»Ist schon da!« Eine schlanke Männergestalt stand im Rahmen der Tür und

eilte dann auf das Ehepaar zu. »Tag, Onkel! Tag, Tantchen! Wie gehts

euch denn? Und da ist auch Bea -- Mädel, bist wohl noch gewachsen?«

Freudestrahlend blickte er sie an, während er ihr herzlich die Hände

drückte.

Endlich war die Wiedersehensfreude zu Ende, sowie die übrigen Fragen

nach dem Befinden. »Bei euch ist's immer noch so gemütlich! Wie heimelt

mich doch das Wohnzimmer hier gerade an, Tante Christine,« sagte er

herumblickend, »dort in jener Ecke hinter dem Ofenschirm haben wir so

oft gesessen, Adolf und ich, und die gebackenen Pflaumen und Birnen

verspeist, die wir dir so fein aus deiner Vorratskammer zu stibitzen

verstanden hatten --,« man lachte, und er fuhr fort: »und neue Gardinen

hat Tantchen, sogar ganz moderne -- Brises-Brises -- oder wie die

neumod'schen Dinger heißen -- Mutter hat ja auch welche -- darum habe

ich dich gar nicht sehen können, Tante, so sehr ich auch nach deinem

Fenster gespäht.«

»Für mich ist das aber umso günstiger! Dann kann ich beobachten, was auf

der Straße vorgeht, ohne gesehen zu werden!«

»Fängt Tantchen auf ihre alten Tage noch an, neugierig zu werden? Ei,

ei, das ist ein Fehler, den ich noch gar nicht an ihr bemerkt habe,«

scherzte er, »sollten die Jahre dich verändert haben?«

Er hatte eine so kindlich-fröhliche Art, die unwillkürlich die Herzen

für ihn einnahm. »Nun sag' erst einmal, Schorschchen, hast du Adolf

gesehen? Er schrieb, daß er keinen Urlaub habe bekommen können.«

»Nur flüchtig hab' ich ihn gesprochen; ich hatte in letzter Zeit rasend

zu tun, und er war dienstlich ebenfalls sehr in Anspruch genommen. Im

übrigen geht es ihm gut; er ist wieder etwas magerer geworden. Pfingsten

hofft er fünf Tage herauszuschlagen!«

»Das freut mich! Ohne den Jungen hab' ich gar kein richtiges Fest!«

meinte Frau Haßler. »Trinkst du vielleicht ein Täßchen Kaffee mit uns?

Es gibt heute frischgebackenen Quarkkuchen.«

»Der ja deine Spezialität ist. Da kann ich nicht widerstehen.«

Beate bediente ihn; sie goß ihm Kaffee ein und bot ihm Kuchen an. Mit

Entzücken ruhten Georgs Blicke auf dem schönen Mädchen, dessen

Bewegungen von großer Anmut und Ruhe waren. »Wann bist du gekommen?«

fragte Herr Haßler.

»Heute morgen. Ich bin die Nacht durchgefahren, um einen Tag zu sparen.

Übrigens viele Grüße von Mutterchen. Sie ist sehr glücklich, daß ich es

so gut mit meiner Stellung getroffen habe. Assistenzarzt bei Professor

Brause wird so leicht nicht jeder -- aber der Herr hält große Stücke auf

mich ...«

»Noch eine Tasse Kaffee gefällig, Schorschchen?«

»Ja, bitte, Bea, wenn es dir keine Mühe macht --« und dann mit

bewunderndem Blick: »Wie du dich verändert hast in den zwei Jahren, die

wir uns nicht gesehen haben.«

»Wundert dich das so, Schorsch? Aus Kindern werden Leute.«

»Und aus Mädchen Bräute,« scherzte Herr Haßler.

Ein jähes Erschrecken zuckte über Georgs Gesicht. »Bräute? Wie soll ich

das verstehen? Bist du verlobt, Beate, und --«

»Aber nein, Schorschchen, ich denk' ja nicht daran -- Papa spaßt nur.«

»Nun, zu verwundern wäre es gerade nicht. Du bist doch in dem Alter.«

»Kaum die Schule verlassen und schon Braut -- nein, so eilig hab ichs

doch nicht.«

»Na, lieber wäre es mir schon, als daß sie ihre verrückte Idee

verwirklicht und studiert,« brummte der Rechtsanwalt.

»Was, Bea, du willst studieren? Ist das denn wirklich wahr?«

Ein so großes Staunen klang aus seinen Worten, daß sie etwas pikiert

fragte: »Und warum sollte ich nicht? Traust du mir die Fähigkeit nicht

zu?«

Sprachlos sah er sie an.

Sie lachte: »Da staunst du, wie? Sogar vergißt du, deinen Kaffee

auszutrinken.«

»Ja, ja, Schorschel,« nahm der alte Rechtsanwalt das Wort, »kämpfe du

gegen diesen Dickkopf an! Sie pocht auf ihr glänzend bestandenes

Abiturium und will durchaus auf die Universität! Wer weiß, wer ihr all'

das dumme Zeug in den Kopf gesetzt hat -- studieren! Als ob es nichts

anderes zu tun gäbe!«

»Aber, Bea, das ist ja verrückt, glatt verrückt!« fuhr es dem jungen

Arzt heraus.

»Hab ich auch schon gesagt, ganz dasselbe,« meinte Papa Haßler vergnügt,

einen Beistand gefunden zu haben.

»Du bist ja sehr höflich, mein Freund, das muß ich sagen,« entgegnete

das Mädchen ruhig, »doch läßt es mich sehr kalt, wie du mein Vorhaben

beurteilst. Ja, ich will studieren, und zwar Medizin!«

»Auch das noch!«

»Du fürchtest wohl die Konkurrenz, Georg? -- Vorläufig hast du das nicht

nötig,« lächelte sie ein wenig spöttisch. »Du bist mir ja so viele

Semester voraus.«

»Wie bist du nur auf die unglückliche Idee gekommen, Beate? Es ist doch

blanker Unsinn! Du und studieren!«

Sie zuckte ein wenig ungeduldig die Achseln und hielt sich die Ohren zu.

-- »Ach geht, ihr werdet nachgerade langweilig mit eurem Staunen! Wie

ich auf die Idee gekommen bin? -- Ganz von selbst, da ich einen meinen

Neigungen passenden Beruf ergreifen will.«

»Aber gerade Medizin! Beate, Mädel, hast du denn keine Ahnung, wie

schwer das für ein Weib ist -- welche Selbstüberwindung das kostet?«

Ihre schönen dunklen Augen ruhten spöttisch auf seinem Gesicht. »Mein

lieber Herr Doktor, Krankenschwester ist auch nicht viel anders als

Ärztin: auch sie hat mit Sachen zu tun, die vollste Selbstüberwindung

verlangen, und wie sehr wird gerade dieser Beruf als der weiblichste

gepriesen!«

»Na, erlaube mal, das ist doch ganz etwas anderes. Aber deine

Frauenlogik --«

Mit einer Handbewegung schnitt sie ihm das Wort ab: »Lieber Schorsch,

spare dir deine Mühe, mir mein Vorhaben leid zu machen. Deine Ansicht

darüber hast du ja genügend gekennzeichnet mit den Worten »glatt

verrückt!« Das erübrigt mir alles andere! Gewiß, ich verhehle mir

keineswegs, daß ich schwere Jahre vor mir habe, aber glücklicherweise

gehöre ich ja nicht zu den Schwächsten meines schwachen Geschlechts. Ich

habe Kraft, noch viel mehr zu überstehen! Du scheinst sehr gering von

meinem Können zu denken!«

Mit einem langen, schmerzlichen Blick sah er auf das schöne Mädchen, das

er als halbes Kind schon geliebt. Und heute war er mit so großen

Hoffnungen gekommen, heute, da er ihr eine gesicherte Zukunft bieten

konnte. Hatte sie denn ganz vergessen, in welcher Weise sie vor zwei

Jahren Abschied genommen hinten im Garten in der Geißblattlaube, wo er

sie geküßt und sie seinen Kuß auch erwidert hatte?

Kühl blickten jetzt ihre dunkelbraunen Augen, und ihre Worte klangen

herbe; sicher hatte er sie verletzt. »Verzeihe, Beate,« entgegnete er

daher, »ich hatte dich nicht kränken wollen, trage mir nicht nach, was

ich gesagt habe! Es erscheint mir nur gar so unfaßlich, daß du deine

Jugend und Schönheit in solch unnützem Streben verbringen willst.«

»Unnütz? Verzeihung, mein Freund, du bist aber nicht sehr glücklich in

der Wahl deiner Entschuldigungen. Ich hoffe, daß ich einmal ein sehr

nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werde! Du scheinst

wirklich zu denken, daß ich nur als Sport betreiben will, was mir

sehnlicher Wunsch und Bedürfnis ist.«

»Da höre einer das Mädel an! Gib dir keine Mühe, Schorsch, es ist doch

vergebens! -- Stecke dir lieber 'ne Zigarre an, da drüben stehen sie --

die nicht, die kleine Kiste -- so --« sagte Herr Haßler. »Beate muß nun

mal ihren Willen haben! Na, meinetwegen! Ich bin nur neugierig, wenn sie

die Sache satt kriegt! Denn ich kann es nicht glauben, daß sie

durchhalten wird. Wenn sie erst am Seziertisch steht, wird ihr die Lust

bald vergehen.«

»Meinst du, Vater?« fragte sie, und ihre Augen blitzten. »Das wirst du

niemals erleben; ein Umkehren gibts für mich nicht -- nie!«

»Und wo willst du studieren, Beate?«

»Zuerst in Zürich, dann in Berlin! Ich nehme mein Studium durchaus

ernst und will dahin gehen, wo man am wenigsten auffällt.«

Wie ein Schatten war es auf Georgs Fröhlichkeit gefallen, und bekümmert

blickte er auf Beate, die ihm in ihrer kühlen Sicherheit so fremd

erschien. Um von dem ihm so unsympathischen Thema abzulenken, fragte er

sie nach ihrer Gymnasialzeit. Voller Stolz zeigte sie ihm da ihre

tatsächlich hervorragenden Zeugnisse. -- Georg lobte sie sehr.

»Weißt du, Bea, wenn du weniger wüßtest, wäre es mir schon lieber,«

versuchte er zu scherzen.

Sie gab ihm einen leichten Schlag auf die Hand. »Ja, Schorschchen,

darnach gehts aber nicht! Hast du nicht selbst den Grund dazu gelegt?

Denke doch an die Stunden, in denen du mir Griechisch und Lateinisch

beibrachtest und niemals ungeduldig wurdest,« entgegnete sie in gleichem

Tone. Lächelnd hielt sie ihm die Hand hin: »Na, wollen uns wieder

vertragen!«

Georg Scharfenberg war der einzige Sohn von Rechtsanwalt Haßlers bestem

Freunde, der vor einigen Jahren gestorben war. Zwischen den beiden

Familien hatte stets ein reger Verkehr stattgefunden, der durch die

Nachbarschaft der Häuser noch erleichtert wurde. Georg Scharfenberg und

Adolf Haßler waren in gleichem Alter und besuchten das Gymnasium

zusammen -- nur mit dem Unterschiede, daß Georg stets einer der Ersten

und Adolf einer der Letzten war.

Dieser war ein liebenswürdiger, ziemlich leichtsinniger Sausewind, dem

so leicht niemand böse sein konnte, während Georg ernster und

schwerfälliger veranlagt war. Beate, das schöne, begabte Kind wurde von

allen verzogen. Und Georg besonders opferte seine meiste freie Zeit

dafür, ihren nie zu besiegenden Wissensdurst zu stillen; er führte sie

in die Geheimnisse der griechischen und lateinischen Sprache ein, und er

war erstaunt über die ungeheuer leichte Auffassungsgabe des Kindes.

Dann bezog er die Universität, während Adolf in das Heer eintrat.

Kam er in den Ferien nach Hause, wurde er von Beate mit jubelnder Freude

begrüßt. Sie hing sehr an dem älteren geduldigen Freunde und lernte

unter seiner Leitung weiter, das in Privatstunden Gelernte wiederholend.

Und vor zwei Jahren, als er sie wiedersah, war er betroffen, zu welch

lieblicher Mädchenblüte sich der halbwüchsige Backfisch während seiner

Abwesenheit entwickelt hatte. Im ganzen Reiz ihrer holden Siebzehn stand

Beate vor ihm: er konnte sich nicht satt sehen an ihrer jungen

Schönheit. Und die Zuneigung, die er immer schon für das Kind gehabt,

verstärkte sich bald zu einer tiefen, innigen Liebe.

Wenn er ihr auch nichts davon gesagt, so mußte sie es doch fühlen,

ahnen; denn der gute Mensch konnte sich nicht verstellen; seine Blicke

sprachen zu deutlich. Und am Tage seiner Abreise, als er sie im Garten

wußte, suchte er sie dort auf, um Abschied zu nehmen.

Wie es dann gekommen, wußten beide selbst nicht -- er hatte den Arm um

sie gelegt, ihren zarten roten Mund geküßt und leise gesagt: »Liebe,

süße Bea!« Weiter nichts. Sie hatte seine Liebkosung still hingenommen,

und seit jener Zeit lebte die Liebe stark und mächtig in ihm und der

Gedanke, sobald als möglich in die Lage zu kommen, der Geliebten eine

sichere Existenz bieten zu können; vorher wollte er nicht sprechen; sie

verstanden sich auch so.

Daß sie nun dennoch das Gymnasium besuchte, war durchaus nicht nach

seinem Sinn. Er tröstete sich aber in dem Bewußtsein, daß das auch ein

Ende haben würde. Darum wirkte heute doppelt schmerzlich die Eröffnung

auf ihn, daß sie studieren wollte. Denn er hatte von einem andern Berufe

für sie geträumt; von dem einer liebenden und geliebten Frau, die

Sonnenschein und Behaglichkeit in seinem Heim verbreitete!

Hätte er sie nur erst allein gesprochen! Seine ganze Beredsamkeit wollte

er aufbieten, sie von ihrem törichten, ungesunden Vorhaben abzubringen.

Wenn sie ihn liebte, mußte sie ihm auch folgen. Er hatte sie zu sich

herangebildet, mit seinen Idealen und Anschauungen ihr Herz erfüllt, und

nun wollte sie andere Wege gehen, fern den seinigen, wo sie beide doch

zusammengehörten!

2.

Doktor Georg Scharfenberg hatte am andern Tag Beate Haßler ausgehen

sehen. Eilig stürmte er ihr nach und hatte auch das Glück, sie

einzuholen. Etwas außer Atem fragte er sie: »Tag, Bea! Wie gehts? Darf

ich mich dir anschließen?«

Freundlich reichte sie ihm die Hand. »Wenn es dir Vergnügen macht,

Schorschchen; ich habe für Muttchen einige Besorgungen zu machen.«

Glücklich schritt er neben dem geliebten Mädchen einher, das ihm

unsagbar lieblich und anmutig erschien. Beate trug ein enganliegendes,

dunkelblaues Kostüm, das die Vorzüge ihrer schlanken, gut gewachsenen

Gestalt vorteilhaft zur Geltung brachte.

Ihr kluges, schmales Gesicht mit den etwas zarten, aber gesunden Farben

wurde ungemein belebt durch die großen dunkelbraunen, fast schwarzen

Augen, die im Verein mit den dunklen Wimpern und Brauen in

wirkungsvollstem Gegensatz zu dem köstlichen aschblonden Haar standen.

Ihr Mund war sehr schön geschnitten, etwas herb und streng im Ausdruck,

wenn sie schwieg, aber reizend beim Lächeln.

Unbefangen plauderte sie von diesem und jenem, während er im stillen

nach einem Anfang suchte, von dem zu reden, was ihm auf dem Herzen lag,

jetzt aber noch klug vermeidend, das Gespräch auf den Gegenstand von

gestern zu bringen.

Obwohl es noch ziemlich früh im April war, hatte der warme Sonnenschein

der letzten Tage die Knospen wach geküßt, und wie ein zarter, grüner

Schleier in helleren und dunkleren Abtönungen, so lag nun das junge Grün

auf den Sträuchern.

»Heut' ist's doch köstlich-richtiges Osterwetter,« sagte Beate, »sieh

nur, Schorschchen, wie reizend die gelben und lila Krokus dort auf dem

Beet, und da die ersten Kastanienblätter -- wie schüchtern sie aussehen!

Ich freue mich immer so über das Auferstehen der Natur, und deshalb ist

mir gerade Ostern das liebste von allen Festen!«

»Wie herrlich muß es jetzt im Pfaffenbusch sein,« bemerkte Georg, »ein

Gedanke, Bea, -- Du hast doch Zeit? Wollen wir mal hingehen? Weit ist's

ja nicht.«

Bereitwillig stimmte sie zu, und nicht lange danach befanden sie sich in

dem Gehölz, das unmittelbar an die Stadt grenzend ein beliebter

Spazierort war.

Heute traf man nur ganz vereinzelte Spaziergänger an, was Georg sehr

recht war. Denn das, was er jetzt mit Beate zu reden hatte, konnte nur

in der Stille geschehen.

»Wie schön, Schorsch,« sagte das junge Mädchen, tief Atem holend, »hier

offenbart sich die Schöpferkraft der Natur so herrlich; im Walde halte

ich meine Kirche, da bin ich immer so gläubig und fromm.«

»Und sonst nicht, Bea?« fragte er eindringlich.

»Wie du es vielleicht meinst, nicht, Georg! Es ist alles so von allein

gekommen, und je mehr man nachdenkt, desto mehr bröckelt von dem alten

Kinderglauben ab.«

»Beate, so sieht es in dir aus?«

»Ja, Schorschchen -- und wundert dich das so sehr? Übrigens, wie du

denkst, weiß ich ganz genau, auch wenn du mir gerade davon nie

gesprochen hast.«

»Weil es kein Thema war, dies mit dir zu erörtern. Aber wer weiß, was du

alles für Bücher gelesen hast, die gar nicht für dich geeignet sind, und

naturgemäß verwirren sich --«

»Erlaube, Georg,« unterbrach sie ihn lebhaft, »erlaube, was ich mir zu

lesen auserwähle, ist nie ungeeignet für mich! Und wenn du mich bei

guter Laune erhalten willst, dann betrachte mich nicht immer noch als

halbes Kind, dessen Meinung und Ansichten man gutmütig belächelt und

nicht für voll ansieht,« eine leise Gereiztheit klang aus ihrer Stimme.

Begütigend faßte er ihre Hand und blieb stehen. »Nicht doch, Bea -- das

liegt mir ganz fern! -- ich habe etwas ganz anderes auf dem Herzen.«

Er schwieg einen Augenblick, und erwartungsvoll sah sie ihn an. Sie

wußte offenbar nicht, wo er hinaus wollte. Schwer atmend fuhr er da

fort, ihre Hände an seine Brust führend: »Bea, du hast mir eigentlich

noch gar nicht recht Willkommen gesagt, so wie man es sich nach dem

Abschied sagt, den wir damals genommen haben.«

Ein lichtes Rot überflog ihre feinen Züge und sie suchte ihre Hände zu

befreien; er ließ sie aber nicht. »Weißt du es nicht mehr, Bea? -- In

eurer Laube am Pfingsttag war es! -- Sag', Mädchen, hast du noch daran

gedacht?« fragte er weich.

Statt aller Antwort hob sie die dunklen Augen zu ihm empor, und was er

darin las, mochte ihn wohl dazu ermutigen, seinen Arm um die holde

Gestalt zu legen und einen innigen Kuß auf ihren Mund zu drücken. »Mein

Herzlieb,« flüsterte er in tiefer Bewegung, »hast du mich noch ein

bißchen lieb?«

Sie schmiegte sich fester an ihn. »Ja, Schorsch, nicht bloß ein

bißchen, sondern viel, viel mehr als du alter Schulmeister es eigentlich

verdienst,« entgegnete sie innig.

Da beugte er sich nieder, und ihren Lippen wurde süßer Lohn zuteil für

diese Antwort. Gern überließ sie sich seinen starken Armen, in denen es

sich fest und sicher ruhte. »Du lieber Schorsch,« sagte sie leise und

küßte ihn zart und innig wieder.

Sie liebte den treuen Freund ihrer Kindheit mit der tiefen Zuneigung,

deren ihre Natur fähig war, und wenn auch bis jetzt noch kein Wort von

Liebe gesagt war zwischen ihnen, so war es doch ein stillschweigendes

Bewußtsein gewesen, daß sie beide zusammengehörten. Sie schritten

langsam weiter durch den Wald, und doppelt reizvoll erschien ihnen jetzt

das erste sprossende Grün, der lichtklare, blaue Himmel.

Georg hatte seinen Arm um die Geliebte gelegt und sprach ihr davon, wie

er stets nur an sie gedacht, und wie er nun glücklich sei, ihr jetzt

eine gesicherte Zukunft bieten zu können. Er hoffe, daß sie nächstes

Jahr um diese Zeit schon seine kleine Frau sei.

Da blieb sie stehen. »Aber nein, Schorschchen, so bald nicht, das ist

doch unmöglich.«

»Aber warum? Ich hab doch mein schönes Gehalt, dazu die Zinsen von

meinem Kapital, freie Wohnung -- da läßt es sich doch bei nicht allzu

großen Ansprüchen ganz gut leben.«

»Ach, daran habe ich nicht gedacht! -- Nein, Schorsch, erst muß ich doch

meinen »Doktor« machen. Du vergißt wohl ganz, daß ich studieren will?«

»Aber Bea, das kann doch dein Ernst nicht mehr sein, jetzt, wo wir uns

gefunden haben,« sagte er, unangenehm von ihrer Äußerung überrascht.

Sie löste sich aus seiner Umschlingung und blickte ihm ruhig und gerade

in die Augen. -- »Doch, es ist mein Ernst!«

»Aber Beate, das ist ja Unsinn! Dann liebst du mich nicht, wenn du daran

noch denken kannst,« rief er ganz aufgeregt.

»Denkst du denn so ausschließlich an mich? Hast du denn nicht deinen

Beruf, der deine ganzen Kräfte, dein ganzes Interesse in Anspruch

nimmt?« fragte sie kühl. --

»Beate, sieh doch ein, daß das etwas anderes ist -- ich bin doch ein

Mann!«

Da lachte sie kurz auf. »Ja, natürlich, das ist etwas ganz anderes --

ein Mann! Und ich als Weib muß mich fein demütig bescheiden, muß meine

innersten Wünsche und Neigungen verleugnen, wenn es dem Mann nicht paßt.

Aber das darfst du niemals verlangen -- du weißt doch ganz genau, daß

ich eine selbständige Natur bin.«

»Ja, das weiß ich, und ich will dich auch gar nicht anders haben! Nur

lasse ab von der unglückseligen Idee, zu studieren! Ich bitte dich

herzlich darum! Was hast du denn davon, du vertrauerst deine schönsten

Jahre, die du ganz anders ausnützen könntest.«

»Bitte, Georg, darüber habe ich eine andere Ansicht, und von der lasse

ich mich auf keinen Fall abbringen.«

Es war merkwürdig, wie kühl ihre Stimme klang und ihre Augen blickten;

die Weichheit und Herzensgüte, die sonst daraus strahlte, war mit

einemmale verschwunden. Sie schüttelte ein wenig den Kopf. »Wirklich,

Georg, ich hätte dich für großgeistiger gehalten. Aber ihr Männer seid

euch darin alle gleich.«

Er faßte ihre Hand. »Beate, hast du mich wirklich lieb?« fragte er

eindringlich.

Noch einmal wollte er versuchen, sie umzustimmen. Er kannte gar wohl

ihren harten Kopf, glaubte aber durch eine Berufung auf ihre Liebe

schließlich doch den Sieg zu gewinnen. Sie mußte ja ein Einsehen haben.

Innig ruhten ihre klaren Augen auf ihm, als sie sagte: »Ja, Georg, ich

hab dich lieb, und ich bin glücklich, daß du mich zu deiner Gefährtin

erwählt hast. Ich denke es mir herrlich ein Leben an deiner Seite.«

Ein Freudenstrahl huschte über sein kluges Gesicht, und beglückt zog er

sie an sich. »Meine geliebte Braut, mein guter Kamerad, du --«

»Ja, eben das will ich auch sein -- im wahrsten Sinne des Worts!«

unterbrach sie ihn. »Ich will dir in deinem Berufe ganz zur Seite sein

-- ich will dich bis ins kleinste verstehen, und deshalb, Georg, bitte

ich dich, hindere mich nicht in meinem Vorhaben, ich bitte dich darum,

um unser Glück!« Und süßflehend schaute sie ihn an.

Der Freudenschimmer auf seinen Zügen erlosch jäh, und eine tiefe Falte

grub sich zwischen seine Augenbrauen. »Um unser Glück!« wiederholte er

bitter. »Mein Glück verlangt es wirklich nicht, daß du als ausgebildete

Ärztin und Kollegin an meiner Seite lebst, nein, ich will dich als

meinen guten Kameraden, als mein geliebtes Weib, Bea, bei dem ich mich

von den Anstrengungen meines Berufes ausruhen kann.«

Eine heiße Zärtlichkeit klang aus diesen letzten Worten, und heftig

drückte er ihre Hand.

»Und als meine Haushälterin, vergißt du hinzuzusetzen, die da nachsieht,

ob alle Knöpfe gut angenäht sind,« entgegnete sie ironisch. »Denn das

gehört ja mit zu dem Bilde, wie du dir deine Ehe ausmalst. Aber dazu,

Georg, habe ich durchaus kein Talent, das sage ich dir vorher!«

»Doch oft sichern angenähte Knöpfe das Glück einer Ehe mehr als die

gelehrtesten, geistreichsten Gespräche es vermögen, wenn sonst der

Haushalt vernachlässigt wird,« antwortete er mit grimmigem Humor. »Du

bist auf einem ganz falschen Wege, Beate, wenn du so denkst! Und du hast

wirklich nicht zu befürchten, daß ich dich auf das Niveau einer bloßen

Haushälterin herabdrücken will, nein, Bea, gerade so wie du bist, will

ich dich haben: mein schönes, kluges Weib, gegen das ich mich

aussprechen kann, das mich versteht, auch ohne daß es gerade vom

Doktortitel geschmückt wird, den du ja von mir bekommst.«

»Den aber aus eigener Kraft zu erreichen, der Traum meines Lebens ist!

-- Gib dir keine Mühe, Georg, was du auch vorbringen wirst, ich gebe

nicht nach, zu tief ist der Plan mit meinem Innersten verwachsen.«

»Du denkst dir alles so ideal, komme aber erst in die Wirklichkeit und

sieh, wie schwer es ist, Beate, Mädchen! Du hast ja keine Ahnung, was es

zu überwinden gibt, wie die Anstrengungen dich aufreiben werden, dir

deine Schönheit, deine köstliche Jugend und Frische nehmen -- und dann

all der Ekel und der Jammer!«

»So schlimm, wie du es schilderst, ist es ja doch nicht, Georg, du

kannst mich nicht abschrecken, weil ich mir alles selbst schon gesagt

habe. Und siehst du, mich jammern gerade die armen kranken Kinder so;

denen möchte ich so gerne helfen! Wie oft hast du mir früher gesagt, daß

das dein Wunsch ist, gerade Kinderarzt zu sein!«

»Ja, Beate, und an meiner Seite hättest du da die beste Gelegenheit,

dich in dieser Vorliebe zu betätigen -- als meine Frau in meiner

Klinik.«

Doch eigensinnig schüttelte sie den Kopf. »Ich will, wie ich will,

Georg! Bitte laß uns nicht weiter darüber sprechen und uns den schönen

Tag verderben! Meine Absicht steht fest. Ich sehe nicht ein, warum sich

mein Studium mit meiner Heirat nicht vertragen sollte! Die paar Jahre

werden bald vergehen, ich bin jetzt zum Heiraten noch viel zu jung.«

Ein Zug ernster Entschiedenheit trat da in sein Gesicht. »Nun denn,

Beate, wenn du meinen Bitten, meinen berechtigten Einwendungen und

Gründen durchaus kein Gehör schenken willst, muß ich es dir entschieden

verbieten.«

»Du mir verbieten? Und mit welchem Recht?« Sehr erstaunt klang diese

Frage, und ebenso erstaunt sah sie ihn an.

»Mit dem Recht als dein Verlobter! Nimmer werde ich zugeben, daß du eine

Universität besuchst. Du gehörst jetzt mir! Niemand kann zween Herren

dienen!«

»Ah, ist es das, mein Freund?« gab sie kalt zurück. »Dann wisse, daß ich

nicht gewillt bin, so über mich verfügen zu lassen. Ich tue, was mir

beliebt, und du hast kein Recht, in solcher Weise bestimmend auf mich

einzuwirken. Ich lasse mich nicht tyrannisieren! Und kurz: ich gehe nach

Zürich.«

Er wurde bleich bis in die Lippen bei ihren mit großer Entschiedenheit

gesprochenen Worten. »Beate, ist das dein letztes Wort?«

»Mein letztes!«

»Treibe es nicht bis zum äußersten! Denke an unsere Liebe, an unser

Glück! Wollen wir uns das durch eine Laune zerstören lassen? Beate, sei

doch vernünftig! Wenn ich nur eine Zweckmäßigkeit, eine Notwendigkeit

deines Studiums einsehen könnte! Aber so! Beate! --« Seine Stimme bebte

doch, und erwartungsvoll waren seine Augen auf ihr Gesicht gerichtet,

eine Sinnesänderung darin zu lesen. Sie konnte doch nicht so starrköpfig

sein, wo es sich um beider Lebensglück handelte.

Doch vergebens. Kein Zug in ihrem Antlitz veränderte sich. Es blieb kalt

und unbeweglich. »Du kennst meinen Entschluß, er ist unwiderruflich!«

sagte sie dann, und wie ein Eiseshauch wehte es ihn an aus ihren Worten.

Er sah, daß sie wirklich ihr letztes Wort gesprochen; fremd und kühl

begegnete sie seinem bittenden Blick -- da griff er nach seinem Hut.

»Dann lebe wohl, Beate! Mögest du nie bereuen, so auf deinem Eigensinn

beharrt zu haben.«

Ohne ihr die Hand zu geben, verneigte er sich und ging davon. In wenigen

Augenblicken war er durch eine Wegbiegung ihren Blicken entschwunden.

War er das wirklich, ihr allzeit nachgiebiger Freund, der heute so starr

war und nicht einen Schritt zurückwich, trotz ihrer Bitten?

Beate stand noch da, die Hand unwillkürlich auf ihr Herz gepreßt, in dem

es einen so wunderlichen Stich gab, als die hohe Gestalt des

Jugendfreundes ihren Blicken entschwand. Und stieg es da nicht wie warme

Tropfen in ihren Augen auf? Ach Unsinn! Und ärgerlich über sich selbst

schüttelte sie den Kopf.

Sie konnte doch froh sein, daß sich die Sache noch so gewendet, nachdem

sie gesehen, daß Georg ebenso egoistisch und kleinlich denkend wie

andere Männer war. Und wie hatte sie es sich schön gedacht, als sein

Weib tatkräftig und verstehend an seiner Seite zu schaffen!

Da hieß es denn auf diesen Traum verzichten und von jetzt an für sich

allein bleiben -- in angestrengter Arbeit Ersatz für das Aufgegebene zu

suchen!

Vielleicht war es auch besser so; denn er hatte ja selbst gesagt:

»niemand kann zween Herren dienen«, -- entweder also die Wissenschaft

oder die Liebe, und da es nur eins sein konnte, wählte sie eben die

Wissenschaft, die ihr nun alles geben mußte!

Aber ein häßlicher Schatten war doch über ihre Osterfreude gefallen, und

traurig und gedankenvoll schritt sie dem Heimweg zu.

3.

Es war erreicht!

»Fräulein Dr. med. Beate Haßler«, hieß es seit mehr als einem Jahr!

Die Studienzeit war vorüber. Die Examina hatte Beate glänzend bestanden,

und mit Stolz konnte sie auf ihre Erfolge blicken. Ein Jahr hatte sie

schon praktisch in einem großen Krankenhause gearbeitet, und man rühmte

ihr große Sicherheit und Tüchtigkeit nach. Mit vieler Liebe hingen die

kranken Kleinen auf der Kinderstation an ihr, und großer Jubel herrschte

unter ihnen, wenn die »gute Tante« kam -- jedes wollte von ihr genommen

und gepflegt sein.

Und es war wirklich wunderbar, wie das ernste Gesicht der jungen Ärztin

sich aufhellte, wenn sie mit den Kleinen scherzte und ihnen gut

zuredete. Welch weiche, linde Töne da ihre klare Stimme fand, welch'

Leuchten in ihre Augen trat -- sie hatte dann wirklich etwas

Unwiderstehliches an sich.

»Wissen Sie, Fräulein Doktor, was ich Ihnen wünschte?« sagte eines Tages

Schwester Therese zu ihr, als beide damit beschäftigt waren, bei einem

reizenden zweijährigen Kinde, das sich arg verbrüht hatte, den Verband

zu erneuern.

»Nun, da bin ich wirklich neugierig,« lächelte Beate in ihrer

gewinnenden Weise, um dann gleich darnach das Kind zu beruhigen, das

anfing zu weinen.

»Ich wünschte Ihnen, daß Sie selbst solch herziges Wesen Ihr Eigen

nennten! Sie hätten heiraten müssen, Fräulein Doktor,« meinte die

Schwester warm, indem sie einen bewundernden Blick auf das schöne

Mädchen richtete, das bei diesen Worten tief errötete. »Wer so mit

Kindern umzugehen versteht ...«

»Sie können das wohl nicht, Schwester?« entgegnete Beate. »Schließlich

liegt doch in jedem weiblichen Wesen das Muttergefühl, und mein Beruf

gibt mir genug Gelegenheit, ihm nachzugeben! Das ist doch nichts

besonderes an mir!«

»Ja, wenn auch, Fräulein Doktor, aber gerade Sie -- --«

Schwester Therese hielt es jetzt doch für geratener, nicht weiter zu

sprechen; denn sie sah, wie Beates Gesicht einen abweisenden Zug

angenommen hatte; vielleicht rührte man da unbewußt an eine wunde

Stelle. Und sie hatte mit dieser Annahme wohl nicht ganz unrecht. Beate

hatte den teueren Jugendfreund nicht vergessen können. Noch immer

glaubte sie seine mit so schmerzlichem Ausdruck auf sie gerichteten

Augen zu sehen, wie er damals von ihr ging, als sie das nachgebende

Wort, das er so sehnlich erwartete, nicht gesprochen!

Dann hatte er dennoch noch einmal geschrieben, warm und eindringlich,

aber sie hatte auf ihrem Willen beharrt, und von der Zeit an hatte er

vermieden, je wieder mit ihr zusammenzutreffen; sie sahen sich nicht

mehr.

Desto mehr hörte aber Beate von ihm, er war die rechte Hand von

Professor Brause in S., der ihm das Zeugnis eines äußerst geschickten,

tüchtigen Chirurgen ausstellte. Alles das erzählten ihr die Eltern, und

mit Herzklopfen lauschte sie darauf. Aber was hätte es für Zweck gehabt,

sich in unnütze Träumereien zu verlieren?

Mit um so größerem Eifer stürzte sie sich in ihre Arbeit, und mit der

ihr eigenen Energie und Geschicklichkeit überwand sie alle

Schwierigkeiten. Wie oft mußte sie an Georgs Worte denken, als er ihr

das Studium so schwer geschildert -- wie manchmal drohte der Ekel sie zu

überwältigen -- aber sie biß die Zähne zusammen -- und es ging!

Mit stolzer Freude stand sie dann am Ziel ihrer Wünsche, und ein

Hochgefühl erfüllte ihre Brust; sie hatte ihm beweisen können, ihm und

den anderen, daß es für sie nichts Unerreichbares gab.

Nun war sie schon sechsundzwanzig Jahre und eine Erscheinung, die nicht

zu übersehen war. Wohl war die erste Jugendblüte entschwunden; aber die

intensive Geistesarbeit und ihr reiches Innenleben hatten ihrem Antlitz

seine Spuren aufgedrückt; hohe Intelligenz und Klugheit, gepaart mit

echt weiblicher Herzensgüte, leuchteten nur so daraus hervor, daß man

dem Zauber ihrer Persönlichkeit sich nicht zu entziehen vermochte. Ihre

Gestalt war sehr elegant, von schlanker Fülle, und Beate verstand auch,

sich anzuziehen. Stets war ihre Kleidung geschmackvoll, wenn auch

einfach und unauffällig.

Gegen ihre männlichen Kollegen war sie von einer liebenswürdigen

Zurückhaltung. Manch einer hätte die schöne Beate gern sein Weib genannt

-- doch ein gewisses Etwas in ihrem Wesen hielt jeden davon ab, ihr auch

privatim näher zu treten, sie war und blieb unnahbar.

In ihrem Beruf war sie unermüdlich fleißig und tätig, schließlich aber

doch ihre Kräfte überschätzend, bis die versagten. Sie hatte sich keine

Ruhe gegönnt; stets auf ihre eiserne Natur pochend, hatte sie sie zu

ihrem Willen gezwungen, bis es eben nicht mehr ging. Ohnmächtig brach

sie an einem Krankenbett zusammen. Ein heftiges typhöses Fieber warf sie

darnieder.

Nachdem sie viele Wochen gelegen und auf das sorgsamste gepflegt worden

war, ging sie zur gänzlichen Erholung auf einige Zeit nach Hause, zu den

Eltern, die ihren Liebling mit großer Freude begrüßten und im stillen

hofften, daß Beate endgültig bei ihnen bleiben würde.

Aber daran schien sie doch nicht zu denken, denn mit großer Liebe und

vielem Interesse sprach sie von ihrem Beruf, die Zeit herbeisehnend, ihn

wieder ausüben zu können. --

Es traf sich gut, daß sie noch zu Hause war, als nach dem Manöver ihr

Bruder Adolf in Begleitung eines Freundes für zehn Tage auf Urlaub kam.

Mehr als zwei Jahre hatte sie ihn nicht gesehen. Beate war zu Hause

geblieben, nach dem Rechten zu sehen, auf diese Weise der Mutter die

Freude ermöglichend, den Sohn mit von der Bahn abzuholen. Sie hatte den

Tisch hergerichtet, ihm mit frischen Blumen ein festliches Aussehen

gegeben und war nun mit allen Vorbereitungen fertig.

Wunderbarerweise hatte sie der Aufenthalt im Elternhause gelehrt, an

kleinen wirtschaftlichen Anordnungen und Handreichungen Freude zu

empfinden. -- Die Hausklingel ertönte, ein Zeichen, daß man von der Bahn

zurückkehrte. -- Schnell begab sich Beate hinaus, den Ankommenden

entgegenzugehen.

Mit aller Lebhaftigkeit, die ihm eigen war, begrüßte Adolf die

Schwester. Er schloß sie in die Arme und küßte sie herzlich auf beide

Wangen. »Mädel, Bea, ich freue mich kolossal, dich wiederzusehen, und in

deiner Würde als »Fräulein Doktor!«« --

»Ja, ja, Rolf,« wandte er sich an seinen Freund, »nun komm' erst mal her

und lasse dich bekannt machen mit meiner gelehrten Schwester.«

Der schlanke, schöne Offizier verneigte sich tief. »Adolf hat mir so

viel von Ihnen erzählt, daß ich schon längst begierig darnach war, Sie

kennen zu lernen, gnädiges Fräulein.«

Ein helles Auflachen Adolfs unterbrach ihn. »Gnädiges Fräulein,«

parodierte er, »mein Freund, das ist wohl nicht die rechte Anrede für so

ein gelehrtes Haus.«

»Aber, so lasse doch, Adolf,« mahnte Beate, »ich bitte dich.«

Rolf von Hagendorf war rot geworden. »Pardon, Fräulein Doktor, ich war

-- ich hatte --,« stotterte er.

Freundlich gab sie ihm die Hand.

»Hören Sie nicht auf Adolf! Wie ich sehe, ist er noch immer der alte

geblieben, dem es Spaß macht, seine Mitmenschen zu necken.«

»Na, Mutting, nun dürfen wir uns wohl erst den Reisestaub abschütteln,

und dann gibts sicher etwas zu essen, ich muß gestehen, ich habe einen

Mordshunger. Rolf übrigens auch! Und bei dir duftet es schon so

verführerisch, so nach Rebhühnern mit Sektkraut; Fränze, das alte

Faktotum, wird schon ihr möglichstes getan haben, wenn so hoher Besuch

kommt!«

»Jawohl, Herr Oberleutnant.«

Die alte Köchin war soeben aus der Küche gekommen, den Sohn des Hauses

zu begrüßen, und sie hatte die letzten Worte gehört. Sie wischte sich

die Hände erst noch einmal an der Schürze ab, ehe sie ihre Rechte etwas

zaghaft in die Hand Adolfs legte, der sie dann freundschaftlich auf die

Schulter klopfte.

»Nicht wahr, Fränze, wir zwei beide, wir verstehen uns, was?«

»Na, und ob, Herr Ad..., Herr Oberleutnant« -- sie strahlte über das

ganze gute Gesicht! Er war doch immer noch derselbe geblieben, stets

lustig und guter Dinge. Wie oft hatte sie ihn vor dem elterlichen Zorn

und vor Strafe in Schutz genommen, wenn er als Junge Zuflucht bei ihr

gesucht, und wie eine Henne ihre Küken schützt, so hatte sie ihn gegen

den väterlichen Rohrstock verteidigt. Beate war ihr fremder geblieben;

sie konnte es ihr nicht verzeihen, daß sie nicht heiraten wollte,

besonders wo sie, Fränze, es doch für eine ausgemachte Sache gehalten,

daß Beate und Scharfenbergs Georg mal ein Paar würden!

Kaum eine Viertelstunde später befand man sich bei Tisch. Die Herren

ließen es sich gut schmecken; sie taten dem wirklich vorzüglichen Essen

alle Ehre an. Mit einigen sehr warmen Worten dankte Rolf von Hagendorf

den Eltern seines Freundes nochmals herzlich, daß sie ihm

Gastfreundschaft gewähren wollten; es tue ihm so unendlich wohl, einmal

wieder in Familie zu sein und wahres Familienleben zu genießen, was er

eigentlich gar nicht kenne, da er als kleiner Junge schon ins

Kadettenhaus gekommen sei und dort auch meistens die Ferien verbringen

mußte!

Behaglich fühlte sich Rolf gleich in der ersten Stunde bei Rechtsanwalt

Haßlers; ein Gefühl des Fremdseins war gar nicht in ihm aufgekommen. Das

wäre auch wunderbar gewesen; denn niemand konnte es seinen Gästen

traulicher machen, als Frau Haßler durch ihre liebe, gütige, mütterliche

Art.

Noch lange saß man in anregendem Gespräch bei Tisch, und im stillen

bewunderte Rolf von Hagendorf die Schwester seines Freundes. Nach dessen

Erzählungen hatte er sich unter Beate eine emanzipierte, auf ihr Wissen

eingebildete Person vorgestellt und war nun aufs höchste überrascht,

eine junge Dame von auffallender, ja rassiger Schönheit vor sich zu

haben. Es gewährte ihm einen eigenen Reiz, sie zu beobachten. Sie schien

das zu fühlen; mehr als einmal hob sie wie magnetisch angezogen den

Blick, und jedesmal begegnete sie Rolfs kecken, grauen Augen, die in so

deutlicher Bewunderung auf ihr ruhten.

Sie wurde ärgerlich darüber; seine Art verletzte sie fast, sie war doch

nicht gewöhnt, so lediglich als Weib angesehen zu werden. Aber sie

konnte sich nicht verhehlen, daß der junge Offizier durch seine

persönlichen Vorzüge wohl imstande war, auf junge unbehütete Herzen eine

große Macht auszuüben. Er hatte etwas Hinreißendes, Zwingendes an sich;

lag es im Lächeln seines Mundes, im Blick seiner heißen Augen, der ihr

sagte: du entgehst mir nicht, wenn ich nur will; sie wußte es nicht! --

»-- Ihr habt doch gewiß auch gehört,« bemerkte da Adolf, »daß Georg

Scharfenberg so gut wie verlobt ist --«

»Nein, keine Ahnung davon, du mußt dich irren, Adi,« entgegnete Frau

Haßler aufs höchste erstaunt -- »nein -- sonst müßten wir es doch

wissen.«

»Ja, eben --«

Beate war um einen Schein blasser geworden, und sie preßte die Lippen

fester zusammen, daß ihr kein unbedachter Ausruf entfuhr.

»Doch, Mutterle, ich hörte es für ganz bestimmt sagen. Ich wollte ihn

immer schon selbst fragen, traf ihn aber nicht -- hab ihn überhaupt

lange nicht gesehen!«

»Ihr kommt wohl nicht mehr zusammen?« fragte Beate.

»Selten nur noch! Denn es sind doch so ganz andere Interessen und

Kreise, die jeder von uns hat -- er ist ein kolossaler Streber

geworden.«

»Was du nicht sagst! -- Das glaube ich aber doch nicht,« meinte Papa

Haßler, »er war stets fleißig, woran sich andere ein leuchtend Beispiel

nehmen könnten.«

»Ja, ei ja -- das weiß ich längst.« Lachend hielt Adolf sich die Ohren

zu. »Ich wundere mich überhaupt selbst, daß ich es noch so weit gebracht

habe! Da hätte mir Beate von ihrem unheimlichen Wissen gern abgeben

können. Ihr hätte es nicht geschadet und mir ungeheuer genützt. Weißt

du, Mädel,« und lustig zwinkerte er mit den Augen, »weißt du, ich hatte

immer gedacht, daß aus dir und Schorsch mal ein Paar werden würde. Ihr

waret ja unzertrennlich, ihr beide -- die reinen Inseparables.«

Interessiert blickte da Rolf Hagendorf auf Beate; er sah das Zucken in

ihrem Gesicht und das gezwungene Lächeln, mit dem sie antwortete: »Adi,

deine Kombinationsgabe war immer sehr schwach! Denke daran, daß sie dir

einmal zwei Stunden Karzer eingebracht hatte! Und die »vier« in

Mathematik vergißt du wohl ganz? Sehr kühn und großartig waren deine

Voraussetzungen stets, beruhten aber auf falscher Grundlage, wie in

diesem Falle! Was sollte Schorsch wohl mit einer gelehrten Frau

anfangen?«

»Wer ist denn seine Auserwählte?« unterbrach Frau Haßler das

Wortgeplänkel der Kinder -- »das wirst du doch sicher wissen?«

»Ich hörte die Tochter von Professor Brause, in dessen Familie er ja so

ganz heimisch ist.«

»Ist sie hübsch?« fuhr es Beate heraus, die aber sofort über diese echt

weibliche Frage errötete, besonders, als der Bruder sie lächelnd

fixierte und dann sagte: »Hm, so hübsch wie du, Bea, freilich nicht, dir

kann überhaupt keiner ...«

»Ach, laß doch die dummen Scherze,« wehrte sie ärgerlich ab, »ich bin

doch kein Backfisch mehr, auf den so etwas Eindruck macht,

hauptsächlich, wenn es ein Leutnant sagt.«

»Danke, Schwesterlein! Also, Marianne Brause ist ein sehr hübsches und

gescheites Mädel, das muß ihr der Neid lassen, nicht wahr, Rolf?«

Der Angeredete nickte zustimmend, während sein Blick beständig Beates

Auge suchte: er las in dem stolzen Gesicht etwas, das ihm zu denken

gab. War es Schmerz und Kränkung über verschmähte Liebe? Denn Doktor

Scharfenbergs Verlobung ging ihr bestimmt näher, als alle anderen ahnen

mochten, als sie sich selbst eingestehen wollte! Rolf Hagendorf war ein

erfahrener Frauenkenner, der auch in den sprödesten, verschlossensten

Herzen lesen konnte.

»Das ist aber unrecht von Georgs Mutter, daß sie mir das verheimlicht

hat,« ereiferte sich Frau Haßler.

»Nicht doch, Mutterle, sie weiß vielleicht gar nichts darüber. Erst kurz

vor meiner Abreise hörte ich davon sprechen -- allerdings mit großer

Bestimmtheit. Und so dumm wäre das gar nicht von Schorschchen -- er käme

da in ein gemachtes Bett! Professor Brause ist ein schwerreicher Mann,

Marianne das einzige Kind, man bezeichnet ihn jetzt schon als die rechte

Hand des Professors, der ihn ungemein schätzt und hochhält, wäre ihm das

schließlich so zu verdenken?«

»Nein, durchaus nicht,« sagte Beate mit seltsam tonloser Stimme und

trank hastig ihr Glas leer.

Ihre Hand zitterte, als sie es auf den Tisch stellte, und einen Moment

schloß sie die Augen. Als sie die Wimpern wieder hob, blickte sie

gerade in Rolfs forschende Augen, und sie hatte das Bewußtsein: er ahnt,

was in dir vorgeht! O, nur das nicht! Gerade er durfte nicht wissen, wie

unglücklich sie sich in diesem Augenblick fühlte -- daß sie verschmäht

wurde, da, wo sie doch noch im stillen liebte und hoffte!

Sie zwang sich zur Heiterkeit und ging lachend auf die Scherze des

Bruders ein. Aber die Wangen brannten ihr vor innerer Aufregung, und sie

sehnte die Stunde herbei, in der sie endlich allein in ihrem Zimmer war.

Dort saß sie dann mit gefalteten Händen auf dem Rande ihres Bettes und

starrte vor sich hin. An ihrem Schmerz fühlte sie, wie sehr sie Georg

noch liebte, wie tief in ihrem Innersten der Gedanke an ihn gelebt, wie

sie gehofft, ihn durch ihre Erfolge doch noch zu überzeugen, daß er ihr

unrecht getan mit seiner Forderung, auf das Studium zu verzichten; jetzt

wäre sie gerne sein Weib geworden und hätte Hand in Hand mit ihm

gearbeitet; welch köstlich Leben wäre das geworden, und nun nahm er eine

andere!

Brennende Tränen traten in ihre Augen, und in Grübeln und Sorgen

verbrachte sie die Nacht.

4.

Acht Tage waren vergangen, in denen Adolf Haßler und sein Freund das

Haus mit frischem, fröhlichem Leben erfüllt hatten. Immer gab es etwas

anderes; die beiden hielten alle in Atem, und wider Willen fast wurde

Beate mit fortgerissen. Sie machte Ausflüge mit ihnen und lachte und

scherzte wie wohl nie zuvor in ihrem Leben. Sie mußte sich ja

beherrschen und durfte nicht ahnen lassen, was in ihr vorgegangen war;

denn sie fühlte, wie Rolf von Hagendorf sie beständig beobachtete. Er

war der ritterlichste, aufmerksamste Gesellschafter, den sie sich denken

konnte, und in der zartesten Weise brachte er ihr seine Huldigungen dar.

Beate beherrschte seine Sinne vollständig -- ihre eigenartige Schönheit

hatte ihn gefangen genommen. Und wiederum war er sich seiner Macht über

die Frauen vollkommen bewußt, und hier in diesem Falle nutzte er sie

weidlich aus. Er wollte für sich in Beate ein wärmeres Gefühl erwecken;

sie interessierte ihn, wie nie ein Weib zuvor, und es dünkte ihn süß,

von diesen spröden, stolzen Lippen Tribut zu nehmen. Mit Freuden sah er,

wie Beate manchmal unter seinem Blick und Händedruck errötete. Er

deutete das zu seinen Gunsten; wie in einen weichen Schleier hüllte er

sie mit seiner Verehrung ein!

Da hatte Rolf das Unglück, sich eine Hand zu verstauchen; er war in dem

spiegelblank gebohnten Treppenhaus ausgeglitten und gefallen. Adolf

betrachtete diesen kleinen Unfall von der besseren Seite.

»Du Glücklicher!« meinte er, »nimmst einfach noch einige Tage Urlaub!

Den Arzt haben wir ja auch gleich im Hause! Nun zeig mal, Mädel, was du

kannst, ob das teuere Lehrgeld nicht vergebens bezahlt ist?!« lachte er

die Schwester neckend an, die mit weicher, geschickter Hand die

verletzte Rechte des jungen Offiziers verband.

Erleichtert aufseufzend ließ sich Rolf in den bequemen Stuhl fallen, den

ihm Adolf gebracht hatte. »Mensch, du hast ein unverschämtes Glück -- na

ja, wie immer,« meinte er gemütlich, indem er dem Freunde eine Zigarette

in Brand setzte, »ich muß übermorgen abdampfen, und du kannst hier bei

den Fleischtöpfen Ägyptens bleiben.«

Rolf widersprach; er könne doch der verehrten Familie nicht noch länger

zu Last fallen, aber da kam er bei Mama Haßler schön an. Er solle

sofort schweigen, wenn er sie nicht ernstlich erzürnen wolle. Zuerst

müsse er gesund werden, dann dürfe er ans Reisen denken. Er fügte sich

schließlich, im Herzen wohl zufrieden. Das Verwöhntwerden tat ihm so

gut! Den ganzen Tag fast waren die Familienmitglieder um ihn besorgt,

und die alte Fränze konnte sich nicht genugtun, ihm die feinsten

Leckerbissen zurechtzumachen. Denn in wortreichem Jammer gab sie sich

selbst die Schuld an dem Unfall des Herrn Leutnants; sie hätte auch mit

dem Bohnern noch einige Tage warten können.

Der letzte Tag von Adolfs Urlaub war da; morgen in aller Frühe hieß es

abrücken. Rolf hatte einige Tage Nachurlaub erhalten. Behaglich lag er

heute zur Mittagsruhe schon ausgestreckt, als Adolf nach ihm sah. »Na,

Rölfchen, bleibst du hier, oder willst du mit 'rauf kommen? Nein? Glaub'

ich dir auch! Die alte Dame hat ja schönstens für dich gesorgt. Dann

kann ich beruhigt gehen und ebenfalls eine Stunde pennen,« er gähnte und

streckte sich, »na, schlaf schön, alter Junge.«

Der junge Offizier war allein. Er lag in der Veranda, die an das

Eßzimmer stieß. Die Tür zum Garten stand weit offen; denn es war ein

wundervoller Tag, und die Sonne lachte fast sommerlich warm vom blauen

Himmel. So still war es um ihn her; auch Adolfs Eltern hatten sich

zurückgezogen, und Beate, die Einzige, war ebenfalls nicht zu sehen.

Wie ihn nach dem Mädchen verlangte! Er schloß die Augen und dachte an

sie; zum greifen deutlich stand sie in ihrer lebensvollen Schönheit vor

ihm. Noch nie hatte ein so interessantes Geschöpf seinen Lebensweg

gekreuzt; die Frauen, die er kannte, waren alle anderer Art.

Gerade die Unnahbarkeit, die über Beate lag, reizte ihn. Er wollte

ergründen, was ihre schöne Hülle barg, ob nicht auf dem Grunde ihrer

Seele etwas Geheimnisvolles schlummerte, wovon ihre Augen ihm so viel

verrieten, diese wunderschönen dunklen Augen! Die laue Luft hatte ihn

doch müde gemacht und eingeschläfert.

Wie lange er geschlafen, wußte er nicht; er erwachte durch das Geräusch

von Schritten auf dem Kies des Gartens. Unwillkürlich richtete er sich

etwas auf, und da sah er Beate, wie sie von einem Rosenstock einige

Blüten abschnitt. Er beobachtete sie, und mit Entzücken ruhten seine

Augen auf dem angebeteten Mädchen. Als sie weitergehen wollte, sprang

er hastig auf und rief sie -- »Fräulein Doktor.«

Sie wandte sich um; als sie ihn in der Verandentür stehen sah, ging sie

bis zu deren Stufen. »Warum schlafen Sie nicht, Herr von Hagendorf?« Ein

leiser Vorwurf klang aus ihrer Stimme.

»Ich kann nicht.«

»Und warum nicht? Haben Sie Schmerzen?«

»Ja, die Hand tut mir doch recht weh.« Ein verstecktes Lächeln lag da in

seinen Mundwinkeln; aber er hatte erreicht, was er gewünscht: Beate kam

herauf und untersuchte den Verband seiner Hand.

»Ich begreife aber nicht, Herr von Hagendorf, es ist doch alles in

Ordnung, nun, und die Schmerzen sind doch für einen Soldaten zu

ertragen!« Sie schüttelte leicht den Kopf.

Er seufzte. »Ja, wenn man so allein sitzt, Fräulein Doktor, da bildet

man sich mancherlei ein -- ich bin ein komischer Kauz -- ich mag nicht

gern allein sein.«

»Ah, Adolf schläft wohl? Ich glaubte, er würde Ihnen Gesellschaft

leisten.«

»Nein, so weit geht seine Freundschaft doch nicht, die geliebte

Mittagsruhe zu opfern, und wie ich ihn kenne, pflegt er sie so lange

wie möglich auszudehnen, aber Sie, Fräulein Beate, haben Sie denn nicht

geruht?«

»Nein, ich habe etwas gelesen und wollte nun hier im Garten den schönen

Tag genießen! Sicher sind uns in diesem Jahre nicht mehr viele so schöne

Tage beschieden.«

»Da hab' ich Sie nun in Ihrem Vorhaben gestört -- ah, und die schönen

Rosen, köstlich.«

»Mögen Sie sie?« Schnell tat Beate die Blumen in eine Vase, die sie auf

das Tischchen neben dem Liegestuhl Rolfs stellte. »So, Herr von

Hagendorf, nun sollen Sie auch noch Freude an den Rosen haben! Und jetzt

ruhen Sie noch ein wenig; ich verordne es Ihnen! Sie wissen, seinem Arzt

muß man stets gehorchen.« Eine reizende Schelmerei klang aus ihren

letzten Worten.

»Ja, ich will es tun, wenn Sie mir eine Weile Gesellschaft leisten,

Fräulein Beate, ich bitte Sie.«

Sie errötete ein wenig; dann -- mit einem schnellen Entschluß -- zog sie

einen Stuhl zu sich heran. »Gern, Herr von Hagendorf. Sie sollten aber

eigentlich schlafen.«

Er nahm seinen früheren Platz wieder ein. »Schlafen? Nein, Fräulein

Beate! Ich bin glücklich, wenn Sie mir armen Sterblichen die Gunst Ihrer

Anwesenheit schenken.«

Lachend nahm sie neben ihm Platz. Bequem lehnte sie sich in den weiten

Korbsessel zurück, die Arme auf dessen Lehne legend. »Aber Herr von

Hagendorf, wenn Sie unsere Unterhaltung so beginnen, vertreiben Sie mich

in der nächsten Minute wieder! Sie dürfen nicht so billige Phrasen

machen.«

»Verzeihung, ich vergaß --« er lächelte, was ihm einen hinreißenden

Ausdruck verlieh, »ich vergaß, daß Sie, Fräulein Beate, mit einem

anderen Maßstab -- nein, nein, Sie brauchen mich nicht so strafend

anzusehen; ich schweige schon, aber doch das denkend, was ich nicht

sagen darf!«

Er machte eine kleine Pause, während er sie lächelnd ansah. Unbefangen

hielt sie seinem Blicke stand, und er fuhr fort: »Nicht wahr, ich bin

gehorsam, Fräulein Beate? -- Wie war ich im Anfang um eine Anrede

verlegen! »Gnädiges Fräulein« ist für Sie viel zu banal, und »Fräulein

Doktor« geht mir bei so viel Schönheit und Anmut doch nicht so recht

über die Lippen, und so nenne ich Sie einfach bei Ihrem Vornamen, ich

darf doch? Er ist so schön, so eigenartig, ich spreche ihn gern aus.

Beate, meine Seligkeit -- das hab' ich aus dem Lateinischen noch behalten

-- oder ist's doch nicht ganz richtig?«

Sie errötete leicht. Er hatte eine Art an sich, die sie manchmal

verwirrte.

So hatte Georg Scharfenberg nie zu ihr gesprochen. Immer hatte er sie

schulmeistern, bevormunden wollen, ihre Persönlichkeit unterdrücken, und

hier offenbarte sich ihr eine fast schrankenlose Bewunderung. Sie war

doch so viel Weib, um das angenehm zu empfinden; es umschmeichelte sie,

und vielleicht war es nicht ganz ohne Reiz für sie, ihre Macht zu

erproben.

Mehr als einmal hatte sie, besonders jetzt, daran denken müssen, wie

Georg Scharfenberg ihr gesagt, ihre Schönheit ginge in ihrem

anstrengenden Beruf verloren. Es mußte aber doch wohl nicht so gewesen

sein; denn mit dem feinen Instinkt der Frau fühlte sie, daß sie dem

jungen Offizier gefiel, ja, daß sie ihm nicht gleichgültig war. Seine

Augen führten eine zu beredte Sprache, die sie gar wohl verstand, und

sie konnte sich auch nicht ganz dem Reiz entziehen, der von diesem

ungewöhnlichen Beisammensein ausging; die Mittagsstunde umspann sie

unmerklich mit ihrem Zauber.

»Darf ich Sie etwas fragen, Fräulein Beate?« unterbrach er die Stille

mit seiner schmeichelnden weichen Stimme, indem er sich zu ihr neigte,

»aber nicht böse sein; wenn ich vielleicht ein wenig neugierig bin; ich

habe so viel über Sie nachgedacht: weshalb haben Sie eigentlich nicht

geheiratet? Denn bei Ihren Vorzügen müssen Sie doch sicher der Frage

näher gestanden haben.«

»Sehr einfach, Herr von Hagendorf, weil ich nicht wollte, weil mein

Beruf mir volle Befriedigung gibt«, sagte sie lächelnd, frei seinem

forschenden Blick begegnend, wenngleich ihr bei dieser unvermuteten

Frage doch das Herz etwas klopfte -- sie mußte an Georg denken!

»Wirklich?« --

»Ja, weshalb zweifeln Sie daran? Es war doch mein freier Wille, Ärztin

zu werden; mich hat niemand dazu gezwungen. Im Gegenteil, nach vielen

Kämpfen erst habe ich es durchgesetzt. Doch Sie wissen ja alles, und

warum Längstgesagtes wiederholen? Ich werde nicht gern an jene Zeit

erinnert.«

»Und doch ist es schade,« sagte er leise.

»Wieso? ich verstehe Sie nicht.«

»Nun, -- es ist schade, daß so viel Schönheit und Anmut, wie Sie

besitzen, Fräulein Beate, in Ihrem anstrengenden Berufe vergehen

sollen, wie sehr würden Sie einen Mann damit beglücken können, der in

Ihnen sein Höchstes sieht, sein alles.« Heiß kam das von seinem Mund,

und leidenschaftlich ruhten seine Augen auf ihr.

Ihre Brust hob sich in schnellen Atemzügen, und die Farbe kam und ging

auf ihrem Antlitz. Er verwirrte sie mit seinen heißen, werbenden Worten,

so daß sie nicht wußte, was entgegnen. Sie senkte die Augen vor seinen

verzehrenden Blicken. Da griff er nach ihrer Hand: »Beate!«

»Nicht doch, Herr von Hagendorf, nein.« Hastig sprang sie auf, dunkelrot

im Gesicht, und er erhob sich ebenfalls.

Er trat dicht hinter sie und flüsterte ihr ins Ohr: »Beate, süßes,

angebetetes Weib, ahnen Sie denn nicht, wie es in mir aussieht, wie Sie

meine Gedanken so ausschließlich beherrschen, daß nichts anderes mehr

Raum in ihnen hat?« Dabei legte er seinen Arm um ihre schlanke Hüfte,

zog sie unwiderstehlich an sich und suchte ihren Mund in heißem Kusse.

Sie war wie betäubt. Halb hingebend, halb widerstrebend duldete sie

seine Liebkosung. »Nun bist du mein,« frohlockte er und preßte sie von

neuem an sich.

Da kam sie zur Besinnung. Sie suchte sich aus seiner Umschlingung zu

befreien; er ließ sie nicht; und da sah sie zu ihrem größten Schrecken

den Bruder in der Tür stehen. Der hatte die Arme in die Seiten gestemmt

und blickte aufs höchste überrascht von einem zum andern. Da überkam sie

eine große Trostlosigkeit, und matt ließ sie die zum Widerstand

erhobenen Hände wieder sinken.

»Na, Kinder, hört mal!« rief Adolf, nachdem er sich von der ersten

Überraschung erholt. »Na, das ist -- mir fehlen einfach die Worte, ich

bin baff!«

»Du hast doch längst gewußt, alter Junge, wie sehr ich deine Schwester

verehre,« sagte Rolf warm.

»Natürlich! Aber daß Beate -- im Ernst, das hätte ich nicht geglaubt!

Wieder mal ein Beweis, daß du wirklich Hans im Glück bist!«

»Deshalb, lieber Adi, wirst du uns hoffentlich deinen Glückwunsch nicht

versagen?«

»Nee, Kinder, meinen Segen habt ihr.« Halb gerührt, halb lachend umarmte

er die beiden. »Wenn du aber jetzt denkst, daß ich um die

Verlobungsbowle kommen soll, bist du sehr im Irrtum, ich telegraphiere.

Einen Tag gebe ich zu, den darf mir der Alte nicht vorenthalten,

umsomehr, da es meine Familie ist, aus der ihm der Zuwachs ins Regiment

kommt. Und was für einer! Fast könnte ich dich beneiden, wenn es nicht

meine Schwester wäre! Nun aber schnell ein paar Flaschen Sekt aufs Eis,

das frohe Ereignis zu begießen! Was werden die alten Herrschaften sagen!

Entschuldigt, wenn ich euch noch einige Minuten allein lassen muß.« Er

zwinkerte mit den Augen, ehe er davon eilte, die beiden in drückendem

Schweigen zurücklassend.

Beate stand da, leichenblaß im Gesicht, und zwei große Tränen tropften

langsam aus ihren Augen. Ihr Anblick rührte ihn; er trat auf sie zu und

faßte ihre Hand. »Beate, können Sie mir verzeihen?« fragte er leise. Sie

zuckte unter seiner Berührung zusammen und wandte sich ab.

Er wußte wohl, daß er sie mit seiner stürmischen Werbung überrumpelt

hatte, und daß sie bei ruhiger Überlegung nicht so schnell oder

vielleicht gar nicht die Seine geworden wäre.

Dieses Bewußtsein gab ihm etwas Niederdrückendes, Unfreies und verdarb

ihm die Freude, daß Beate jetzt ihm gehörte. »Beate, ich kann ja selbst

nichts dafür; eigentlich bin ich ja furchtbar glücklich. Aber wenn ich

Sie so traurig dastehen sehe, weil Adolf uns so schnell miteinander

verlobt hat, wird mir das Herz schwer. Wollen Sie nicht versuchen, mir

nur ein wenig gut zu sein?«

Er brachte das Du nicht über die Lippen, obwohl sie nun seine Braut war.

Die Situation war ihm äußerst ungemütlich; er hatte sich auch zu schnell

hinreißen lassen. Sie schwieg noch immer; nur ein unterdrücktes

Schluchzen verriet, was in ihr vorging.

Da fühlte er sich gekränkt. »Ja, wenn ich Ihnen so widerwärtig bin,

Beate, dann machen Sie doch ein Ende. Aufdrängen will ich mich Ihnen

nicht, und die Schuld liegt lediglich an mir.« Er nagte an seinem

hübschen, dunklen Bärtchen und blickte verdrießlich vor sich hin.

Sie schüttelte heftig den Kopf und in halberstickten Tränen rang es sich

von ihrem Munde: »Es war nur alles so schnell, so plötzlich, und nun muß

ich doch meinen Beruf aufgeben.«

Um Gottes willen, Rolf durfte ja nie ahnen, daß es nur die große Scham

war, die sie so unglücklich sein ließ, die Scham darüber, daß sie

vielleicht durch ihr halbes Entgegenkommen einem Manne den Mut gemacht,

sie zu küssen. Und Beate Haßler küßt nur den Mann, dem sie sich fürs

Leben zu eigen geben will! Um diesen Punkt drehten sich alle ihre

Gedanken.

Bei ihren Worten atmete Rolf erleichtert auf. Wenn es nur das war, was

sie so bekümmert sein ließ, dann war es ja nicht schlimm. »Ja, das

allerdings, Beate,« entgegnete er ernst. »Aber ich denke, daß es Ihnen

nicht gar zu schwer sein wird. Meine Liebe soll Ihnen alles ersetzen,

was Sie aufgeben. Ich will Sie glücklich machen, Beate, soviel in meinen

Kräften steht, nur wissen muß ich, ob Sie mich lieb haben.« Er war ganz

nahe zu ihr getreten; sie fühlte seine Nähe, die sie beängstigte,

verwirrte, und tief senkte sie den blonden Kopf.

»Beate«, er faßte sie mit der gesunden Hand an der Schulter und zwang

sie, ihn anzusehen, »warum sprechen Sie denn nicht?« Ärgerlich klemmte

er die Unterlippe zwischen die Zähne, und seine Stirn furchte sich.

»Haben Sie doch Nachsicht mit mir!« flehte sie.

»Alles, Beate -- nur sagen sollst du mir, ob du mich lieb hast!« rief er

ungestüm.

»Ja!«

So leise sie es gesagt, sie mußte es ja tun, er hatte es doch

verstanden. Mit einem Male war der Bann von ihm gelöst. Keinen

Augenblick zweifelte er an ihrem Wort, und mit einem Jubelruf schloß er

sie in seinen Arm. Ihren stillen Widerstand hielt er für mädchenhafte

Scheu, für Stolz und Trotz, daß sie wider Willen so schnell die Seine

werden mußte, und wie ein Rausch überkam es ihn, dieses seltene Geschöpf

an seinem Herzen zu halten. Er preßte seine Lippen auf ihr schimmerndes

Haar, auf ihre Augen, auf den blühenden Mund und flüsterte ihr zwischen

seinen Küssen die zärtlichsten Liebkosungen zu, und sie ließ sich von

der Gewalt seiner Leidenschaften mit forttragen, denn denken durfte sie

ja nicht!

Natürlich war bei Papa und Mama Haßler die Überraschung groß, als Adolf

ihnen mitgeteilt, daß er soeben Zeuge von Beates Verlobung mit Rolf von

Hagendorf gewesen war. Als Beate die Eltern kommen hörte, riß sie sich

aus den Armen des Verlobten und flüchtete auf ihr Zimmer -- o, nur eine

kurze Zeit der Sammlung!

Halb verlegen trat Hagendorf ihnen entgegen; er suchte nach Worten, eine

offizielle Werbung vorzubringen. Doch zu seiner Erleichterung wurde

flüchtig darüber hingegangen; man begnügte sich mit der vollzogenen

Tatsache und hieß ihn herzlich in der Familie willkommen. Er war doch

kein Fremder mehr. Durch Adolf wußte man, daß er in glänzenden

Verhältnissen lebte; er war eine sogenannte »gute Partie«, um die man

Beate sicher beneiden würde.

Am meisten freuten sich die Eltern darüber, daß die Tochter nun

endgültig daran denken mußte, ihren Beruf aufzugeben, der ja nie nach

ihrem Sinn gewesen war.

Beate lag in ihrem Zimmer vor ihrem Bett, das Gesicht tief in die Kissen

gewühlt, um das Schluchzen zu unterdrücken, das ihren Körper schüttelte.

Was in ihr vorging, war unbeschreiblich. So streng ging sie mit sich ins

Gericht und klagte sich an, durch ihr Verhalten Rolf Hagendorf zu seinem

kecken Vorgehen ermutigt zu haben; er war nicht der Mann, der eine Blume

an seinem Wege ungebrochen ließ, und nun mußte sie jene einzige Minute

so bitter büßen!

Ihr ganzes, schönes, arbeitsfreudiges Leben lang! Denn eher wäre sie

gestorben, als zuzugeben, daß sie sich in einer verliebten Laune hatte

küssen lassen.

Wenn sie auch Rolf ganz gern hatte, so genügte dieses Gefühl doch nicht,

ein Leben an seiner Seite ihr wünschenswert erscheinen zu lassen. Dazu

hatten sie viel zu wenig Berührungspunkte und gemeinsame Interessen. Sie

war eine zu ernst und tief angelegte Natur, um das nicht schmerzlich zu

empfinden. Rolf war ein glänzender Schmetterling, der über die

schwierigen Fragen des Lebens gaukelte, sie mit einem Lächeln abtuend.

Wie anders war dagegen Georg Scharfenberg! »Streber« hatte ihn Adolf

genannt -- nein, das war er sicher nicht -- aber ein Mann, dessen

Lebenszweck ein immer weiteres Forschen nach Erkenntnis war. So gut

begriff sie ihn; keine wohl verstand ihn wie sie, und doch hatte er

jetzt sein Herz einer anderen zugewandt! Die war wohl fügsamer,

nachgiebiger, als die Jugendgeliebte, die aus gleichem Holz wie er

geschnitzt war. Bei dem Gedanken an ihn kam es wie ein stiller Trotz

über sie; er hatte sie verschmäht, sich nie wieder um sie gekümmert; nun

war es ganz gut, wenn er sah, daß sie trotzdem noch begehrenswert war,

sogar für einen Mann, der zu den Begünstigten seines Geschlechtes

gehörte!

Endlich raffte sie sich auf, damit ihr Fernbleiben nicht unliebsam

auffiel. Sie kühlte die brennenden Augen und ordnete ihr zerzaustes

Haar; auch legte sie ein anderes, festlicheres Kleid an.

Mit Ungeduld wurde sie schon unten erwartet.

»Meine liebe Beate, Kind, wie hast du uns überrascht und erfreut.« Mit

Tränen umarmte Frau Haßler ihre Tochter, die sich wie ein müdes,

verflattertes Vögelchen an sie schmiegte.

»Na, Mädel, endlich mal was Gescheites, was du getan, freue mich

unbändig, daß du noch rechtzeitig hinter das alte Wort gekommen bist: es

ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.«

Etwas lauter noch als sonst und etwas geräuschvoller sprach Herr Haßler,

wohl um die Rührung, die ihn überkam, zu unterdrücken. Er faßte ihre

Hände und preßte sie heftig, mit feuchten Augen in ihr schönes Gesicht

sehend. Dann führte er sie zu Rolf: »Hier mein Junge, haben Sie sie, und

machen Sie mir mein Mädel, meine Einzige, recht glücklich, sie

verdient's.«

Blaß vor innerer Erregung sah Rolf auf die Geliebte, und mit seiner

unverletzten Hand zog er sie an sich. Er drückte einen Kuß auf ihre

klare Stirn: »Meine Bea,« flüsterte er innig.

Währenddessen hatte Adolf, dem die allgemeine Rührung ungemütlich wurde,

mit geübter Hand eine Flasche Sekt geöffnet und goß das schäumende Naß

in die Kelche. »Auf euer Glück, Freund und Schwesterchen,« und in einem

Zuge trank er das Glas leer.

Still beglückt saß Rolf neben der Braut, die er immer von neuem entzückt

betrachtete. Nun war sie sein, die stolze, kluge Beate! Und wie schön

war sie mit ihren großen, leuchtenden Augen in dem zarten,

durchgeistigten Gesicht und der schweren Haarkrone darüber. Er konnte

sich mit ihr sehen lassen!

Seine Verlobung würde wie eine Bombe in die Gesellschaft von S.

schlagen, das wußte er, und ebenso, daß seine Erwählte die schärfste

Kritik über sich ergehen lassen mußte -- aber »Doktor Beate« stand über

allen, und dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit Hochgefühl. -- --

Rolfs erbetener Nachurlaub war zu Ende. Noch vor seiner Abreise wurde

die Hochzeit festgesetzt, die im März stattfinden sollte. Beim Abschied

drückte er seine Braut heftig ans Herz. »Lerne mich lieben, Beate, ich

bin eifersüchtig, wenn deine Gedanken nicht ausschließlich mir gehören,«

bedeutungsvoll sah er sie an; sie verstand die stumme Mahnung und senkte

den Kopf.

War ihr Inneres denn so durchsichtig für ihn, hatte sie sich so wenig in

der Gewalt, daß er doch gemerkt, welches Interesse sie noch immer für

Georg Scharfenberg hegte?

Rolf hatte an jenem Tage zu ihr davon gesprochen, als sie erfahren, daß

der Jugendfreund doch nicht verlobt war. Der Erwählte von Marianne

Brause war ein Freund von Georg, ein Marinearzt, und durch seine

Vermittlung hatten die heimlich Verlobten miteinander korrespondiert. An

dem Gerede sei kein wahres Wort, hatte Georgs Mutter erzählt, und

hinzugefügt, daß ihr Sohn überhaupt nicht ans Heiraten denke, sondern

sein Leben lediglich der Wissenschaft widmen wolle.

Da war es, als ginge ein Stich durch Beates Herz, und ein Gefühl sagte

ihr, daß es nur ihretwegen sei.

Da fragte Rolf seine Braut, der er ihre Bewegung wohl ansah, nach Georg.

Offen gestand sie ihm zu, daß sie Scharfenberg wohl geliebt, aber doch

aus tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten auf ein Leben an seiner Seite

verzichtet habe.

»Aber du denkst dennoch noch an ihn, Beate -- und in Liebe?« -- Einen

Augenblick zögerte sie mit der Antwort, ehe sie sagte: »Wohl habe ich

öfter seiner gedacht, ob aber in Liebe? Er ließ mir damals die Wahl

zwischen seiner Liebe und der Wissenschaft -- wie du weißt, wählte ich

das letztere.«

»Und jetzt?«

»Jetzt, Rolf, bin ich deine Braut, und da erübrigt sich wohl alles

andere,« entgegnete sie ernst. -- Ungestüm umschloß er sie. »Ja, ja

Geliebte! Aber doch ist es mir, als stünde er zwischen uns, ich weiß es,

du hast noch viel für ihn übrig.«

»Das ist wohl begreiflich, Rolf, da mich so viele Erinnerungen mit ihm

verbinden. Wir haben zusammen gespielt; er war mein geduldiger Lehrer,

dem ich viel zu verdanken habe, und dennoch habe ich ihm sehr wehe

getan. Wir haben uns nie wiedergesehen. Doch lassen wir das, Rolf, wozu

alte Erinnerungen heraufbeschwören.«

So ganz zufrieden war er aber doch nicht mit dieser Erklärung,

wenngleich er sich hütete, weiter zu forschen. Beate war ein eigenes

Geschöpf, das anders als die andern behandelt sein wollte. Er begriff

das und richtete sich darnach. Denn er liebte seine Braut

leidenschaftlich und sehnte den Tag herbei, der sie ihm ganz zu eigen

gab. Auch war etwas wie verletzte Eitelkeit in ihm, daß sie ihm so ruhig

zugab, einst den Jugendfreund geliebt zu haben, ohne ihm dann aber zu

versichern, daß er, Rolf, jetzt ihr alles sei, das wurmte ihn -- sie

sollte nur allein noch an ihn denken!

Zur Kräftigung ihrer Gesundheit brachte Beate den Januar im Süden zu,

nachdem sie sich noch von ihren Verbindlichkeiten gelöst. Es war ihr

doch sehr schwer geworden, sich von der Stätte der liebgewonnenen

Tätigkeit loszusagen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie

Abschied von den Kollegen nahm, die ihr in herzlichsten Worten Glück

wünschten.

So lag dieser Abschnitt ihres Lebens endgültig hinter ihr.

5.

Mehr als ein halbes Jahr war Dr. Beate Haßler nun schon Frau

Oberleutnant v. Hagendorf und wegen ihrer Schönheit und Klugheit sehr

gefeiert. Sie hatte es verstanden, sich durch ihr Auftreten eine

Stellung zu schaffen, wenngleich anfangs von einigen Seiten sehr gegen

sie intrigiert wurde; man hatte es dem »Fräulein Doktor« übel vermerkt,

den Liebling der Gesellschaft für sich eingefangen zu haben; wer weiß,

ob sie es verstand, ihn glücklich zu machen! -- Eine Studierte als

Hausfrau -- undenkbar!

Aber selbst die aufmerksamsten Beobachter vermochten nicht, in dem

Haushalt Beates die kleinste Unregelmäßigkeit zu entdecken; es ging

alles am Schnürchen; sie repräsentierte mit ruhiger Würde, und nach der

tadellos verlaufenen ersten Gesellschaft, vor der ihm doch ein wenig

gebangt, schloß Rolf Hagendorf sein junges Weib stürmisch in die Arme;

es hatte alles vorzüglich geklappt, und in den anerkennendsten Worten

hatte ihm die gestrenge und gefürchtete Kommandeuse ihre Befriedigung

über den »so genußreichen Abend« und über seine reizende »Frau Doktor«

ausgesprochen, der sie, offen gesagt, solch' hausfrauliches Talent gar

nicht zugetraut habe. -- -- -- -- --

Hagendorfs bewohnten eine kleine Villa für sich allein, die Beate mit

dem ihr eigenen gediegenen Geschmack eingerichtet hatte. Es hatte ihr

schließlich doch Freude gemacht und ihr in etwas über die quälenden

Zweifel hinweggeholfen, denen sie manchmal zu unterliegen meinte. Aber

ein Zurück gab es für sie nicht mehr, sie war gebunden für ihr ganzes

Leben, und klar lag ihr Weg nun vor ihr, wenn er auch anders war, als

sie einst geträumt!

Sie wußte ja, daß ihr Gatte ihr geistig nicht ebenbürtig war, daß er

leicht über Fragen des Lebens hinwegging, die sie so gern mit ihm

besprochen hätte. Daß er so oberflächlich war, wie er ihr sich jetzt

zeigte, hatte sie aber doch nicht gedacht, und seufzend mußte sie den

Gedanken aufgeben, Rolf nach ihrem Sinn zu modeln; Dienst, Sport und

tausend Nichtigkeiten des Lebens bildeten sein Hauptinteresse -- sie

waren zwei ganz verschiedene Naturen, die sich innerlich niemals

näherkommen konnten; Beate war im Grunde eine einsame Frau!

Sonst konnte sie sich aber keineswegs über den Gatten beklagen; denn mit

größter Liebe und Aufmerksamkeit umgab er sein junges Weib. Der Sommer

war Beate ganz erträglich vergangen; aber vor dem Winter graute ihr, der

sie in ein gesellschaftliches Leben hineinziehen würde, das ihrer ganzen

Geschmacksrichtung entgegen lag. Sie fürchtete sich vor den ewigen,

großen, steifen Abfütterungen, auf denen man immer dieselben Gespräche

hörte. Sie konnte sich aber nicht ausschließen, ohne Anstoß zu erregen.

Außerdem wünschte es Rolf; er fühlte sich wohl in dem gesellschaftlichen

Strudel, und sie gab nach.

Bisher hatte Beate Georg Scharfenberg nicht gesehen, und es war ihr auch

recht so. Durch Adolf hörte sie manchmal von ihm, auch daß er letzthin

Professor und selbständiger Leiter der Klinik von Professor Brause

geworden war, der sich aus Gesundheitsrücksichten zurückgezogen hatte.

-- Für heute abend hatten Hagendorfs eine Einladung zu Hauptmann

Bertholds. »Schon wieder,« seufzte Beate ein wenig, während sie vor dem

großen Spiegel in ihrem Ankleideraum stand und letzte Hand an ihre

Toilette legte.

Hellgrüne Seide mit duftigen Spitzeneinsätzen schmiegte sich in weichen

Falten um ihre schöne Gestalt und hob die zarten Farben ihres Antlitzes

aufs vorteilhafteste; bildschön sah sie aus, und sie konnte gar wohl mit

ihrem Spiegelbild zufrieden sein.

Es klopfte an der Tür, und Rolf trat herein im Waffenrock mit blitzenden

Epaulettes. »Bist du fertig, Schatz?« fragte er.

»Ja -- nur die Handschuhe noch, gib sie mir bitte. Dort auf dem

Toilettentisch liegen sie mit dem Fächer.«

»Weißt du, Bea, es ist eigentlich eine großartige Eigenschaft von dir,

daß du stets fertig bist!«

»Und im Grunde auch immer noch schneller als du,« lachte sie fröhlich.

»Und wie du wieder aussiehst, zum Küssen!« Er trat auf sie zu und wollte

sie an sich ziehen.

Fräulein Doktor: Roman · 第 6 / 14 题