»Arme Sadie« hauchte er leise, und mit der Gewißheit des Verlustes

empfand er erst -- zum ersten Mal vielleicht seit langer Zeit, nicht was

er verlor, nein, was er muthwillig fort von sich geworfen, und wie er das

Bild sich ausmalte, seines armen verlassenen Weibes, wie sie geduldig

seiner harrend mit dem Kind -- dem süßen, lieben herzigen Kind auf

jener, oh so wohlbekannten Stelle stand, da Tag nach Tag, und Woche nach

Woche verstreichen sah in stets vergebenem Harren und nur der stille

Seufzer, keine Klage, kein Vorwurf über ihre Lippen kam, da brach

ihm fast das Herz, und da zum ersten Mal auch füllten Thränen, heiße

brennende Thränen der Reue seine Augen.

Und drüben am Horizonte verschwand indeß das Land -- noch ein dünner

Streifen jetzt, wie ein blauer schmaler, kaum erkennbarer Wolkensaum,

wie der dunkle Schattenrand des dämmernden Meeres selber -- und jetzt --

das Auge fand ihn nicht mehr -- Joranna -- Joranna hauchten die Lippen

und der starke trotzige Mann barg weinend das kummerschwere Haupt in

seiner Hand.

Capitel 8.

Schluß.

Auf Tahiti vertheidigten sich indessen die Insulaner mit

unerschütterter, ungebrochener Tapferkeit gegen den täglich wachsenden,

ihre Insel mit einer Kette von Bollwerken umziehenden Feind. Nicht

Monate mehr, Jahre lang hielten sie sich in den, in den Bergen

errichteten und befestigten Lagern und wiesen jeden Sturm und Angriff

kaltblütig und unerschrocken zurück. Neue Schiffe kamen aber, mehr

und mehr Truppen wurden auf den Kampfplatz geworfen, der den Indianern

selber keinen Entsatz zu bringen vermochte, und das Resultat konnte

zuletzt nicht zweifelhaft bleiben. Dennoch wäre es vielleicht noch so

viel Jahre länger unentschieden geblieben, hätte ihnen nicht Verrath die

Schluchten der Berge geöffnet.

Durch die Missionaire fortwährend in der thörichten Hoffnung gehalten,

daß ihnen England doch noch, und zwar in kürzester Frist Hülfe schicken

würde, zerstörte diesen Wahn zuerst der wackere Capitain des Englischen

Dampfers Salamander, Capitain Hammond, der ihnen unumwunden und

aufrichtig erklärte, so viel er wisse beabsichtige die Englische

Regierung nicht sich in ihren Streit zu mischen, er selber habe

wenigstens nicht den geringsten, dahin lautenden Auftrag bekommen,

und sie möchten sich deshalb nicht falschen, betrügerischen Hoffnungen

hingeben, die sie nur über ihre eigenen Vertheidigungsmittel irre

führen, und zu unüberlegten, ihre Stellung verschlimmernden Schritten

treiben müßten.

Pomare blieb an Bord der Basilisk, bis eine Englische Fregatte, der

Carysford, von Lord William Paulet befehligt, am 17. Juli 1844 in

Papetee eintraf, und nach vorhergegangener Besprechung mit Gouverneur

Bruat, die Königin nach Barbara auf Imeo, wo Tabara, ihr erster

Gemahl wohnte, hinüberbrachte, dort die Entscheidung der Mächte ruhig

abzuwarten.

England hatte indeß die Behandlung seines Consuls nicht so ganz

ungeahndet können hingehn lassen, während die Französischen Klagen

gegen ihn auch wohl durch zu viel Beweise bekräftigt wurden, sie ganz zu

verwerfen. Die Französische und Englische Regierung deshalb, nicht

einer so trostlosen Sache wegen einen Europäischen Krieg zu beginnen,

vereinigte sich dahin, daß die erstere den Admiral =Du Petit Thouars=,

der bei seiner Rückkehr in Toulon von dem jungen Volk enthusiastisch

empfangen und mit einem Ehrensäbel beschenkt wurde, trotz seiner

Vertheidigung das Kommando entzog; die Englische Regierung dagegen

versprach Mr. Pritchard, der sich den Französischen Interessen zu

feindlich gezeigt, nie wieder nach Tahiti oder einer von den Franzosen

in Besitz genommenen Inseln zu senden.

Am 19. Juni 1847 erließen die beiden Großmächte England und Frankreich

ebenfalls eine Deklaration, in welcher sie die Unabhängigkeit der Inseln

von Huaheine, Raiatea, Bola Bola etc. -- erklärten, wie zugleich unter

§. 3 bestimmten, daß »kein Häuptling von Tahiti zu ein und derselben

Zeit über jene Inseln regieren könne.«

Nicht allein daß die Macht der Pomaren auf Tahiti und Imeo gebrochen

war, sondern die ihnen bis jetzt wenigstens tributpflichtigen Stämme

wurden, um die Franzosen fern zu halten, ihrer Oberherrschaft jetzt

ebenfalls entzogen, und der Königsstamm der Pomaren sah seinen Stern

untergehn auf ewig.

Ueber den Schluß des Krieges, den die Eingeborenen mit so wackerem Muth

und fabelhafter Ausdauer gegen die, ihnen an Waffen und Kriegskunst so

weit überlegenen Fremden führten, sagt ein Missionsbericht vom Januar

1847 das folgende:

»Etwa Anfang December des vorigen Jahres entdeckte ein Eingeborener von

Atiu über dem Hautaualager (dessen Thal unmittelbar hinter Papetee

liegt und eine Passage durch das Innere zu den beiden anderen Lagern

eröffnete) einen gangbaren Pfad eine Klippe hinauf, wo die Feinde eine

Position nehmen konnten, das unter ihnen liegende Lager zu beherrschen.

Er war von den Eingeborenen desertirt, und erbot sich in Papetee die

Feinde für eine besonders bestimmte Belohnung -- ich glaube 200

Dollar -- dort hinauf zu führen. Nicht lange nachher marschirten fast

sämmtliche Truppen das Thal hinauf, die Hauptmasse formirte sich in

Schlachtordnung auf der gewöhnlichen Passage, wie im Begriff einen

neuen, schon so oft abgeschlagenen Sturm zu versuchen, und der Zweck

wurde auch dadurch vollkommen erreicht, denn die Eingeborenen, von denen

eine starke Abtheilung sogar fouragiren geschickt war, richteten ihre

ganze Aufmerksamkeit auf die Vertheidigung des einen Passes. Unter

der Zeit schlich der Atiuer mit etwa dreißig den Franzosen ergebenen

Eingeborenen und vierzig Soldaten, zu dem ihm wohlbekannten Pfad, und

ließ von dort ein mitgenommenes Seil nieder, an diesem eine feste und

schon zu dem Zweck bereit gehaltene Strickleiter aufzuziehn. Auf dieser

folgten nun nach und nach die übrigen Soldaten, bis sie Alle die Klippe,

und später den etwa 1000 Fuß hohen Abhang erreicht hatten, wo sie die

Eingeborenen unmittelbar über ihrem Lager bedrohten, und furchtbare

Verwüstung hätten unter ihnen anrichten können. Die Insulaner sahen auch

bald daß weiterer Widerstand vergeblich war, streckten die Waffen und

wurden als Kriegsgefangene in die Stadt gebracht.«

»Die Einnahme dieses Lagers öffnete den Franzosen jetzt den Weg zu den

beiden anderen befestigten Plätzen; ihnen lag aber keineswegs daran

die Insulaner zu bekämpfen, sie wollten sie sich nur unterwerfen,

und entließen ihre Gefangenen augenblicklich wieder, sobald sie das

Französische Protektorat anerkannt. Einer der entlassenen Häuptlinge

wurde dann nach Buaania, der schwächsten Befestigung, als Parlamentair

abgesandt sie zur Uebergabe aufzufordern, oder mit einem Angriff zu

drohn. Diese ebenfalls, als sie hörten wie die Sachen doch nun einmal

standen, unterwarfen sich, und streckten dort allein 250 Gewehre.«

»Das Lager von Papeeneo ergab sich zuletzt; die Vertheidiger zögerten

mehrere Tage, endlich aber fügten auch sie sich der Uebermacht und

marschirten, gerade am Neujahrstag, in die Stadt, wo sie ihre Waffen

nieder legten. Sie kamen in langer Procession -- die Häuptlinge voran,

dann die Krieger, und die Frauen und Kinder zuletzt. Noch etwa hundert

Schritt von den Französischen Truppen entfernt machten sie Halt, knieten

nieder und beteten, dann erhoben sie sich zusammen und marschirten in

die Stadt. Indessen waren von den Franzosen schon ihre eingeborenen

Richter ernannt worden, diese empfingen sie mit freundlichem Gruß,

bewillkommten sie als Brüder und führten sie nach dem Gouvernementshaus,

wo sie ihre Waffen förmlich niederlegten und das Protektorat

anerkannten. Eine allgemeine Amnestie (ohne Ausnahme) wurde dann

verkündigt, alle Fehltritte wurden als vergessen betrachtet, und den

Leuten angedeutet sich ruhig und unbesorgt wieder in ihre Heimath zu

verfügen.«

Die geflüchtete Königin kehrte erst im Februar nach Tahiti zurück, wo

sie von Gouverneur Bruat empfangen und von ihm, als dem Repräsentanten

Frankreichs, in alle ihre Rechte und Privilegien als Königin von Tahiti

und Morea, _unter Französischem Protektorat_ anerkannt wurde. Ein

aufgestelltes Musikchor spielte ein Französisches Nationallied und ein

Salut von ein und zwanzig Schüssen donnerte seinen Segen dazu.

Ihre Majestät bekam von da an einen förmlichen Gehalt von der

Französischen Regierung; etwa in derselben Art wie die abgesetzten

Indischen Fürsten auf Java von den Holländern erhalten und bezahlt

werden, als Mittelspersonen gewissermaßen zwischen den Eingeborenen,

für die sie zu haften haben, und der fremden Regierung. Pomare erhält

jährlich 5000 Dollar, und außerdem noch eine nicht unbeträchtliche Summe

als Landzins, für Beamtenstellen etc. -- so daß die ganze Summe fast

8000 Dollar betragen mag. Jeden Verkehr Ihrer Majestät aber mit Fremden,

die auf Tahiti wohnten oder es besuchten, behielt sich das Protektorat

vor, und eine gewünschte Audienz mußte vier und zwanzig Stunden vorher

angezeigt und der Grund der gewünschten Zusammenkunft gegeben werden --

wahrscheinlich um weiteren Aufreizungen zuvor zu kommen und sie von vorn

herein unmöglich zu machen.

So war der _Titel_ den Pomaren erhalten, aber sie hatten aufgehört zu

regieren.

Die katholische Religion breitete sich dabei ebenfalls mehr und mehr

aus; ein Bischof war von Frankreich herüber gekommen, und ein großer

Theil der Indianer wandte sich der neuen Religion zu. Andere verharrten

in ihrem Glauben, und sehr Viele »überlegten sich« die Sache; sie waren

stutzig geworden auf dem eingeschlagenen Weg -- ihr einfacher Verstand

begriff die Spitzfindigkeiten der verschiedenen Sekten nicht, und

bald dieser bald jener sich neigend, leben sie gleichgültig in den Tag

hinein; ein geringer gebotener Vortheil kann sie der einen oder anderen

Religion leicht gewinnen.

Es war Frieden in Tahiti; die Partheien hatten sich vereinigt, Paofai

und Utami, Tati, Hitoti und Paraita waren Richter des Volks geworden,

und die Sonne lachte so freundlich auf die blitzenden Uniformen der

Französischen Soldaten nieder, die beim Parademarsch alle jungen

Leute der Umgegend um sich sammelten zu heiterer Lust, als sie auf die

Tapatücher von deren Voreltern nieder geschienen. Die zerschossenen

Brodfruchtbäume und Palmen waren entfernt, und andere schon wieder

an ihrer Stelle gewachsen, große steinerne Gebäude aufgeführt, breite

Straßen angelegt, Brücken gebaut und -- Straßenlaternen standen auf

behauenen Corallblöcken am Strand des Hafens von Papetee.

* * * * *

Im November des letzten Jahres kam ein Schiff durch die Straße von

Tahiti und Imeo eingesegelt und wurde da von Windstille befallen.

Während es noch mit schwerfällig gegen den Mast schlagenden Segeln, mit

der Gegenströmung eher wieder seinen Cours zurückgehend, dort lag, lief

ein kleines, von zwei Eingeborenen gerudertes Boot von Morea herüber an

ihnen vorbei, und wurde von Deck aus angerufen.

Ein Passagier wünschte mit an Land zu fahren, und da er ihre Sprache

vollkommen gut verstand, einigten sie sich bald darüber. Das Boot legte

sich an die Seite des Schiffs, die Fallreepstreppe wurde über Bord

gehangen, und der Fremde stieg rasch hinab, wo er ohne Weiteres seinen

Sitz im Heck des Bootes und der Steuerruder nahm.

»Gerad' da hinüber wohin Ihr den Bug jetzt gedreht habt liegt die

Einfahrt der Bai« sagte der eine Indianer, als sie das Schiff verließen

und rasch über das vollkommen ruhige Wasser dahin glitten.

»Ich weiß es« erwiederte der Europäer, ohne die Augen jetzt von dem,

vor ihnen ausbreitenden Ufer fort zu nehmen, und die Indianer ruderten

schweigend weiter. Durch die Einfahrt glitten sie, von der Fluth

begünstigt, rasch hinein und am Ufer hinauf, vermieden die hie und

da verborgenen Corallenriffe, deren Lage der fremde Mann zu dem

unbegrenzten Erstaunen der beiden Insulaner vollkommen gut kannte, und

landeten endlich in Matavaibai an dem Fuß eines ziemlich gut gehaltenen

Gartens, in dem oben eine der gewöhnlichen großen Bambushütten, wie sie

die wohlhabenderen Eingeborenen bewohnen, stand.

Woher kannte der Fremde den Platz so genau? und doch erinnerte sich

keiner der Beiden, die hier seit ihrer Kindheit wohnten, ihn je

gesehn zu haben. Es war ein schlanker kräftig gebauter Mann, und seine

Bewegungen hätten fast jugendlich genannt werden können, nur daß dem

das schon stark ergraute Haar und die tiefen Furchen seines Angesichts

widersprachen.

Neun Jahre hatten René Delavigne zum Greis gemacht, so daß selbst zwei

seiner alten Nachbarn ihn nicht wieder erkannten.

Er sprang an Land, und als er den festen Grund betrat, denselben Platz

wo einst seine eigene Heimath gestanden und er vor neun Jahren Abschied

von -- Er durfte den Gedanken nicht ausdenken, denn er wollte den

Insulanern die Aufregung nicht verrathen in der er sich befand; aber er

brauchte in der That mehre Minuten, ehe er sich so weit gesammelt hatte

sie wieder anzureden, und frug endlich ruhig, wem das Haus hier gehöre

und wer es bewohne.

»Dies hier? Mitonare« -- sagte der Eine von ihnen.

»Was für ein Mitonare? -- ein Ferani oder Kanaka?«

»Kanaka -- gewiß« erwiederte der Eingeborene lachend, »Kanaka Raiteo

-- da sitzt er« fügte er dann mit leiserer Stimme hinzu, als er mit dem

Fremden den schmalen Weg hinauf und am Haus vorbei der Straße zu ging,

und René erkannte die Gestalt seines alten _Feindes_ oder _Freundes_,

wie es sein Nutzen eben nur erheischte, der, sein bewegtes Leben mit

einem gottseligen vertauscht, ausruhend vor seiner Thür unter einem

schattigen Orangenbusch saß und, die aufgeschlagene Bibel neben sich

auf einem Tisch, die Hände über einem ansehnlichen Bauch gefaltet,

mit unbeschreiblicher Behaglichkeit die Last seiner Existenz zu tragen

schien. Er war in Frack, Weste und Halstuch, so unbequem als möglich

gekleidet, aber darunter nur in den Pareu, denn seine Landeskrankheit,

die unter den älteren Eingeborenen ungemein häufige Elephantiasis,

erlaubte ihm nicht, der ansehnlich geschwollenen Beine wegen, in

Hosen zu fahren. Die Unbequemlichkeit abgerechnet hat diese wunderbare

Krankheit aber weiter gar keine üblen Folgen, sondern verleiht

im Gegentheil dem Träger eher noch ein würdiges achtbares Ansehn,

wenigstens in den Augen seiner Landsleute, und die damit Behafteten

werden alt und grau.

Als Raiteo den Fremden erblickte rief er ihm sein gastliches =Haremai,

haremai= entgegen, und lud ihn durch Winken mit der Hand ein näher zu

treten.

»Wollen wir nicht hin gehn? -- Mitonare winkt« sagte der eine Insulaner,

der ihn noch bis zu da, wo oben seine Hütte stand, begleitete -- René

zögerte auch fast unwillkürlich, aber er wandte sich wieder ab, grüßte

mit der Hand nach dem würdigen Mann hinüber, und schritt rasch vorbei.

Langsam und allein verfolgte er, als ihn der Eingeborene verlassen

hatte, seinen Weg, die jetzt breite und bequem ausgegrabene Straße

entlang nach Papetee. Sein Blick flog dabei unwillkürlich von einer der

gemachten Verbesserungen und Neuerungen zur anderen, ohne aber lange

darauf zu haften; er schritt theilnahmlos an den Kasernen und Kapellen,

an den Gouvernementsgebäuden und Befestigungen vorüber, bis er die

kleine, wohlbekannte Gartenpforte erreichte, die zu Monsieur Belards

Hause führte. Seine zitternde Hand legte sich auf den Drücker, als sein

Blick auf eine kleine Porcellaintafel fiel, die einen fremden Namen

trug.

Durch den Garten kam, die Hände in den Taschen seiner weiten

Nankinghosen, und ein fröhliches Lied pfeifend, ein behäbig aussehend

alter Herr von unverkennbar Englischem Ausdruck.

»Verzeihen Sie mein Herr« redete ihn René in dieser Sprache an --

»bewohnte nicht dieses Haus in früherer Zeit ein -- Monsieur Belard?«

»In früherer Zeit allerdings« erwiederte jener -- »ich habe es von ihm

gekauft.«

»Und Monsieur Belard?« frug René rasch.

»Ist vor zwei Jahren etwa zurück nach Frankreich gegangen.«

»Zurück nach Frankreich? -- allein?«

»Mit seiner Frau.«

»Und er nahm -- er nahm sonst keine Dienerschaft -- keine Begleitung

mit?«

»Niemand, so viel ich weiß; wir waren bis zur letzten Stunde noch

zusammen.«

»Ich muß Ihre Zeit noch einen Augenblick in Anspruch nehmen« fuhr René

nach kurzer Pause fort -- »können Sie mir vielleicht Auskunft geben,

ob Schiffe oder Fahrzeuge manchmal von hier nach den leewärts gelegenen

Inseln gehn?«

»Selten, die Missionsfahrzeuge ausgenommen; aber wenn Sie Fracht dorthin

haben sollten, so liegt gleich da unten ein kleiner Cutter, kaum größer

wie eine Schiffsbarkasse, dessen Eigentümer ihn mir erst heute Morgen zu

irgend einer Fahrt offerirte; den könnten Sie jeden Augenblick miethen.

Sie sind wohl erst ganz kürzlich von Frankreich herübergekommen?«

»Nein Sir; ich habe Frankreich schon mehre Jahre verlassen.«

»Aber Sie sind Franzose?«

»Allerdings.«

»Das dacht ich mir -- doch wir stehn hier so in der Thüre, wollen Sie

nicht näher treten?«

»Ich danke Ihnen herzlich« sagte René, dem es ein unheimliches Gefühl

war _die_ Schwelle gerade bei fremden Menschen wieder zu überschreiten

-- »ich habe dann keine Zeit zu verlieren und erkundige mich lieber

gleich nach den Bedingungen. Wissen Sie vielleicht zufällig wo ich den

Eigenthümer finden kann?«

»Er ist ein Landsmann von ihnen und wenn Sie ihn nicht an Bord finden,

können Sie ihn jedenfalls bei Viktor erfragen -- er fährt aber nicht

selber, sondern schickt seine Indianer. Sie gehn dazu die erste

Querstraße hier hinauf in die sogenannte Broomroad, und dann rechts

hinunter bis Sie --«

»Ich danke Ihnen, ich kenne den Platz.«

»Ah, desto besser« und mit freundlicher Verbeugung trennten sich die

Männer.

Der frische Ostpassat blähte die Segel, das wackere kleine Schiff warf

schäumend die schimmernden Wellen zurück, die hinter ihnen her tanzten

und sprangen, und in wilder Lust ihre Häupter schüttelten, daß die

klaren blitzenden Perlen davon absprühten, und der Himmel spannte sich

klar und rein über das tiefblaue, wie mit einem durchsichtig goldenen

Netz überzogene Meer.

Gerade vor dem Bug des Cutters, dem er mit schwellender Leinwand

entgegen strebte, zeigte sich Land -- über den Horizont auf stiegen die

wunderlich gezackten blauen Kuppen einer kleinen Insel, und hoben

sich höher und höher, jetzt die einzelnen Conturen der Schluchten und

Berghänge klarer abzeichnend, jetzt den zackigen Baumwuchs selbst, auf

dem oberen Kamm der Hügel deutlich unterscheidend, während rechts

und links schon ein schmaler, dünner, blauer Streifen -- das niedere

Palmenland, das die Hügel umgab, ablief, und der Fluth gleichsam

entquoll, als sich das scharfgebaute flüchtige Boot mehr und mehr dem

Ufer näherte.

»Mein Atiu!« flüsterte René, als er vorn auf der Back des kleinen

Fahrzeugs stand, wo die am Bug aufspritzenden Wogen unter seinen Füßen

schäumten, »mein liebes Atiu -- und dort der Hügelhang, der unvergessene

mit seinen rauschenden flüsternden Palmen, den stillen Zeugen meines

schönsten Glücks -- da drüben das schmale schattige Thal mit den

duftenden Blumen, dort oben die runde Kuppe, die das Ihiamoea trägt --

dorthin das Joch, das sich hinüber spannt nach jenem Berg, über den mich

Sadie führte in jener Nacht; und da unten -- ha, dort kommt schon

das helle friedliche Dach des Mitonares mit seinem Orangenhain und

Bananengarten, seinem lauschigen Platz unter dem breitästigen Hibiscus

und dem murmelnden Quell am Haus, über dem die Palme liegt. Es ist noch

Alles so wie ich es verließ« setzte er tief aufseufzend hinzu, als das

kleine schmale Fahrzeug der Einfahrt in die Riffe zu strebte, und wieder

nach langen Jahren die stille so wohl bekannte Bai die waldigen Arme

ausstreckte ihn zu begrüßen -- »Alles, nur in der eigenen Brust ist es

todt, und am Herzen nagt es und wühlt in Schmerz und Reue.«

Das Segel fiel -- der kleine Cutter hatte den seichten Corallengrund

erreicht, und drei von den vier Eingeborenen, die seine Besatzung

bildeten, kamen nach vorn, den leichten Anker über Bord zu werfen. Wie

er sank und den Grund faßte, schwang das leichte Fahrzeug vor der Fluth

herum, und die kleinen Fluthwellen kräußten in dem sonst hier vollkommen

stillen Wasser an seinem Ankertau und Bug.

Sie lagen kaum dreißig Schritt vom Land entfernt, konnten aber, der

hier überall auszweigenden Corallen wegen, nicht näher hinan kommen und

mußten von dort ein Canoe oder Boot herbei rufen. Am Ufer hatten

sich indessen eine Menge Mädchen und Frauen und Männer gesammelt, den

ungewohnten Besuch zu empfangen und zu besprechen, und René harrte mit

ängstlich klopfendem Herzen des Augenblicks, der ihn an Land -- der ihn

unter jene Gruppen wieder bringen sollte, dort zu erfahren was er nicht

den Muth gehabt, in eines Menschen Auge hinein auf Tahiti zu erkunden.

Wer hätte auch dort ihm Nachricht geben sollen von der fernen Insel.

Jetzt stieß ein Canoe vom Strand -- zwei alte Insulaner saßen darin,

und das leichte schlanke Fahrzeug glitt pfeilschnell zwischen den

hier überall aufragenden Corallenblöcken hin auf sie zu und legte sich

langseits.

»Joranna, Joranna!« riefen die fröhlichen Menschen, »Joranna bo-y --

komm an Land Fremder, komm an Land -- wir haben Cocosnüsse für Dich und

Brodfrucht -- komm an Land!«

Wie das Joranna dem fremdgewordenen Mann durch die Seele schnitt -- er

kannte die beiden Männer, die manche Nacht in seiner Hütte geschlafen

und von seiner Brodfrucht gegessen -- und ihn kannte keiner. Und hatte

er sich denn gar so sehr verändert, und Zeit und Gram sein Antlitz so

entstellt, daß ihn selbst alte Freunde und Nachbarn nicht mehr kannten?

es war das ein wehes, schmerzliches Gefühl. Aber männlich kämpfte er

jetzt gegen jede solche Regung an; er wollte sich nicht verrathen, ehe

er nicht gewisse Kunde von dem erhalten, was wie die Ahnung nahenden

Verderbens auf seiner Seele lastete.

Das freundliche Joranna leise erwiedernd, stieg er in's Boot hinüber,

die Ruder fielen ein und wenige Minuten später raschelten die Korallen

unter seinen Füßen.

»Und Sadie?« -- der Name lag auf seinen Lippen, aber der Mund wagte

nicht ihn auszusprechen, und unwillkürlich suchte der scheue Blick unter

den lachenden munteren Gruppen die theuren bekannten, und jetzt doch

fast gefürchteten Züge der Geliebten. »Sadie«, oh wie das Wort ihm durch

die Seele klang, und die Erinnerung in tausend und tausend lieben nie

vergessenen Bildern alle die seligen Stunden wieder auf beschwor, deren

Schauplatz der Boden hier gewesen.

»Er versteht unsere Sprache nicht« sagten die Insulaner dabei unter

einander -- »er weiß nicht wohin er gehen soll, wir wollen den Mitonare

rufen.« Und ein paar sprangen dem Hause zu, während Andere seine Hände

ergriffen, und ihm durch Zeichen jetzt, und mit einzelnen abgebrochenen

Worten, begreiflich zu machen suchten, daß in dem Haus da drüben ein

Europäer wohne, der sich freuen würde ihn zu sehn.

Mitonare -- was für freundliche Scenen das eine Wort in seine Seele

rief, und unwillkürlich fast suchte sein Auge die Gestalt des kleinen

würdigen Mannes in der offenen Thür. Dort aber trat ihm in der That ein

weißer Mann entgegen, und René erkannte mit freudigem Staunen den alten

trefflichen Mr. Nelson, der, den Fremden erblickend, freundlich auf ihn

zu kam und ihn frug, womit er ihm dienen könne. Auch dieser ahnte in dem

ergrauten Fremden mit tiefgefurchten Zügen den jungen lebenskräftigen

Mann nicht mehr, der damals in strotzender Jugendkraft wild und trotzig

hinein in's Leben stürmte.

»Nur einer Frage wegen komm ich her, ehrwürdiger Herr« sagte René mit

leiser Stimme, als ob er schon fürchte sich nur im Klang der Worte

zu verrathen -- »lebt hier noch -- wohnt noch auf Atiu --?« -- Wieder

stockte er -- er brachte den Namen nicht über seine Lippen.

»Wen meinen Sie?« sagte der Geistliche, ihm still und freundlich in's

Auge sehend.

»Sonst wohnte Bruder Ezra hier im Haus« stammelte René endlich, der

fühlte, daß er wenigstens eine Antwort geben müßte.

»Bruder Ezra« wiederholte der Geistliche, leise und nachdenkend dabei

mit dem Kopfe nickend -- »Bruder Ezra, ja ja, das war in früherer Zeit

-- jetzt existirt der freilich nicht mehr.«

»Ist er todt?« rief René schnell und erschreckt.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band · 第 15 / 17 段