»Nein, nein« lächelte Mr. Nelson, »das gerade nicht; im Gegentheil

erfreut er sich eines ganz besonders gesegneten Wohlseins; aber er hat

nur den »Bruder Ezra« und den »Mi-to-na-re« abgeworfen und ist, wenn

auch nicht gerade anerkannt zum alten Heidenthum, doch von unserer

christlichen Gemeinschaft zurückgetreten. Der arme kleine Mann konnte

die vielen, in ihm von so verschiedenen Seiten wachgerufenen Zweifel,

nicht länger bekämpfen, und übersprang sein Ziel. Anstatt zu prüfen

und das Beste zu behalten verwarf er Alles, und lebt nun ziemlich

gleichgültig, aber anscheinend ganz zufrieden in den Tag hinein.«

»Und wo ist seine Wohnung?«

»Nicht sehr weit von hier; gleich über jenem niedern Hügelhang. Wenn Sie

den Pfad wüßten --«

»Ich will Dich führen, Wi Wi« sagte da eine leise Stimme an seiner Seite

und als sich René rasch dorthin wandte, sah er sich einer schlanken,

ziemlich abgemagerten Frau gegenüber, die ihre Augen fest und forschend

auf ihn gerichtet hielt.

»Aia!« rief er überrascht aus, aber die Frau ergriff seine Hand und ihn

mit sich fortführend sagte sie:

»Komm -- ich weiß wohin Du willst, und kenne den Weg fast so gut wie

Du.«

»Herr Delavigne!« rief aber auch jetzt der Geistliche, der ihn ebenfalls

erstaunt erkannte -- »mein Gott, wie haben Sie sich verändert.«

»Nicht wahr?« sagte René mit dumpfer düsterer Stimme, »ich bin nicht

jünger geworden in den neun Jahren.«

»Komm, komm!« rief aber die Frau, ungeduldig ihn mit sich fortziehend --

»wir Alle nicht -- unser Fleisch ist weich geworden, unser Haar grau

-- nur die Erinnerung ist noch frisch und jung;« und den, ihr jetzt

willenlos folgenden durch den Garten, den lieben bekannten Pfad

hinführend, schritt sie mit ihm durch einen Wald von Guiaven, der

hier erst später entstanden zu jenem Hügelkamm hinauf, auf dem Sadiens

Lieblingsplätzchen lag.

»Du hast Wort gehalten« sagte sie dabei, still und unheimlich in sich

hinein lachend -- »Du bist uns gefolgt -- Du bist gekommen -- Sadie hat

es immer behauptet.«

»Sadie --«

»Bst -- bst -- jetzt noch nicht« flüsterte die Frau -- »Du hast wirklich

Atiu nicht ganz vergessen, und _bist_ wiedergekommen -- nur ein

wenig spät -- ein wenig _zu_ spät; und Dein Haar ist so dünn und grau

geworden, Wi Wi, in der kurzen Zeit« fuhr sie, plötzlich stehn bleibend

und einen Schritt von ihm zurücktretend fort, »und was für Furchen Dir

das böse Gewissen in Stirn und Wangen gegraben. -- Hm, hm, hm« setzte

sie kopfschüttelnd hinzu -- »das war doch eine trübe Zeit für Alle --

und hab ich es Euch nicht vorher gesagt?«

»Zu spät, Aia?« rief René mit zitternder Stimme -- »sagtest Du zu spät?«

»Bst, bst« wiederholte aber die Frau, und schritt auf's Neue rasch voran

-- »kannst es jetzt auf einmal nicht erwarten, und hast Dich die langen

Jahre nicht um sie bekümmert? Du kommst zeitig genug dorthin, Wi Wi.«

Sie sprach von jetzt an kein Wort mehr, und den Hügelhang hinan sprang

sie mit flüchtigen Sätzen, daß ihr René kaum zu folgen vermochte, bis

sie plötzlich oben sich wandte, und den Ferani erwartend zur Seite trat.

Aber René folgte ihr nur langsam nach; -- jeder Schritt, jeder Fußbreit

hier, traf ihn wie scharfer Messerstich in's Herz, denn so gepflegt, als

ob sie nie den Platz verlassen und sorgsam die kleinste Pflanze gewahrt,

lag der Pfad hier, wo der Hügelhang selbst begann und die sorgende Hand

verrieth, die ihn gehalten. Und war das _seinet_ willen etwa geschehn?

-- Jetzt sah er schon die Wipfel seiner Palmen, die freilich höher

geworden waren in der langen Zeit, jetzt erreichte er das kleine

Orangendickicht, das den lauschigen Platz so treulich abschloß gegen der

Menschen Blick von unten her, und jetzt -- heiliger Gott -- Sadie -- ein

jäher Schlag traf ihn durch Herz und Mark und wie vor einer Erscheinung,

zusammengeschmettert von dem furchtbaren Augenblick, sank er in die Knie

und blickte zweifelnd, staunend, seinen eigenen Sinnen nicht trauend,

auf das was sich ihm bot. Dort stand sein Weib -- dort stand Sadie

so schön und wunderhold, so wild, so jugendfrisch als je; die dunklen

flatternden Blumen durchflochtenen Locken, die freie offene Stirn, das

dünne Schultertuch den nackten Leib umfliegend, den Arm ausgestreckt

gegen ihn und die zarten Lippen halb und eben weit genug geöffnet, die

Perlenzähne dahinter zu verrathen. --

»Sadie!« rief er und barg die Augen in der Hand, um sich dort auf kurze

Zeit wenigstens das holde Bild zu wahren, das, wie er nicht anders zu

glauben wagte, vor seinem äußeren Blick doch gleich zusammenschwinden

mußte -- »Sadie, Du arme -- verrathene Sadie!« -- und was der Schmerz

jetzt in jahrelanger nagender Qual fast nicht vermocht, gegen was er

angekämpft mit all seinem hartnäckig männlichen Trotz, das brach der

eine Augenblick -- das schmolz ihm die Rinde von dem starren Herz. Wie

der wild erregte Strom an seinem Damme wühlt und leckt und wäscht, und

unermüdlich arbeitet Tag und Nacht, bis er sich endlich die freie Bahn

gerissen und nun unaufhaltsam hindurch drängt, und in seinem Sturz

die Schranken alle vor sich niederwirft, die ihn bis dahin immer noch

gehalten, den furchtbaren, so drängte sich jetzt seiner Thränen so lang

und krampfhaft gedämmter, nun aber entfesselter Quell hinaus in's Freie,

hinaus aus den brennenden Augenhöhlen -- »Sadie« und die Stirn in den

kühlen duftenden Fern pressend, der den Boden deckte, schluchzte er

laut.

»Was fehlt dem fremden Mann? -- ist er krank? und woher kennt er meinen

Namen?« frug eine sanfte oh so wohl bekannte Stimme, und seinen

Sinnen selbst mistrauend zuckte der Unglückliche empor und schaute, in

krampfhafter Hast sich die wirren Haare aus der Stirn streichend, auf

das liebliche holde Kind, das immer noch ruhig und freundlich vor ihm

stand.

Aber auch Aia's Zorn war gewichen, als sie den Reuigen zerknirscht,

vernichtet am Boden liegen sah, und während auch über ihre abgehärmten

Züge die klaren schweren Thränen nieder tropften, sagte sie leise und

mit unendlicher Weiche im Ton:

»Die Du rufst, falscher, treuloser Wi Wi -- die liegt unter Dir in dem

kühlen Grab, das wir, ihrer Bitte nach, ihr hier gegraben auf ihrer

Lieblingsstelle. Der kleine flache blumengeschmückte Hügel vor Dir deckt

das arme Herz, das hier zuletzt den Frieden fand den Du geraubt, und

kalt und rücksichtslos unter die Füße getreten. Es hat Dich mehr geliebt

als Du verdienst, mehr als Du je geahnt, und noch im Tode Dir vergeben

und Gottes Segen auf Dein Haupt herabgefleht. -- Kennst Du Dein Kind

nicht mehr?«

»Mein Kind? -- Sadie?« rief René, vom Boden aufspringend und die Arme

nach der scheu zu ihm aufblickenden Jungfrau ausstreckend -- »Sadie --

mein armes, armes Kind.«

»Ist das mein Vater, Aia?« frug da mit schüchterner Stimme das holde

Kind -- »der Vater, um den die Mutter hier so oft geweint, und für den

ich jeden Abend beten mußte, wenn dort die Sonne hinter der Hügelspitze

sank?«

Aia konnte nicht sprechen, das Herz war ihr selber zu voll, aber sie

nickte langsam mit dem Haupt und Sadie, auf den Vater zutretend und ihr

Köpfchen vertrauungsvoll an seine Brust schmiegend, während er sie mit

leidenschaftlicher Heftigkeit umschlang und an sich preßte und ihre

Stirn mit heißen Küssen bedeckte, sagte leise:

»Wir haben Dich so lang erwartet, Vater. Du bist recht lang geblieben,

und Mutter hatte Dich so lieb.«

»Mein Kind, Du brichst mir ja das Herz« flehte der sonst so starke Mann,

den der Schmerz jetzt zu bewältigen drohte -- »mein liebes -- liebes

Kind.«

»Komm -- fort von hier!« rief aber jetzt Aia, die es nicht länger

ertragen konnte, seinen Arm ergreifend -- »komm, Ihr quält Euch und mich

und die Schlafende da unten unter den Blumen. Komm mit hinunter, Wi Wi,

zu Ahiahi, den Du sonst Bruder Ezra nanntest, daß wir uns Alle fassen

und vernünftig werden -- mir hat's die Adern bald aus der Stirn

gebrannt.«

Und seine Hand nicht lassend, während das junge Mädchen, von dem Arm des

Vaters umschlungen ihr Haupt an seine Brust gelehnt hielt, schritten

sie langsam den Hügelhang an der anderen Seite hinab, wo hin ein

neuer bequemer Pfad gebahnt war. Er führte zu der jetzigen Wohnung des

Mitonares -- wie ihn die Insulaner doch noch immer, trotz seinem dagegen

ankämpfen nannten -- nieder.

Mitonare saß vor seiner Thür, noch behäbiger und runder aussehend

vielleicht wie vor neun Jahren; ganz auch wieder in seiner zwar

heidnischen, aber jedenfalls bequemen und natürlichen Tracht, hatte er

nur den weiten luftigen Pareu um die breiten Hüften geschlagen, und mit

einem breitrundigen Strohhut auf dem Kopf -- dem einzigen, das er von

der fremden Mode beibehalten -- trug er den Oberkörper nackt, auf dem

die blauen zierlichen Linien der früheren Tattowirungen scharf und

deutlich hervortraten. Ziemlich gleichgültig hatte er auch wohl bis

jetzt die Schritte der Nahenden gehört, als sein Blick auf die ihm

verhaßte Europäische Tracht des Fremden fiel, und er schon staunend

und überrascht aufschaute über solch ungewohnten und auch wohl

unwillkommenen Besuch. Wie er aber die Gruppe erkannte, sein Pflegekind

im Arm des fremden Mannes, da durchblitzte ihn auch im Nu die Wahrheit

des Ganzen.

»Der Wi Wi!« rief er, von seinem Stuhle aufspringend und dem Fremden

fast wie unwillkürlich die Arme entgegenstreckend, dann aber, als ob er

sich plötzlich besann, ließ er sie wieder sinken, fiel auf seinen Stuhl

zurück und starrte, die Hände auf seinen Knieen gefaltet, mit erstaunten

Blicken auf den einstigen Freund, der jetzt so ganz verändert, ein alter

Mann geworden, vor ihm stand.

»Mitonare -- Joranna -- Joranna!« rief aber René, dicht vor ihm stehn

bleibend und ihm die linke Hand zum Gruß entgegenstreckend -- »hab ich

mich so verändert, daß selbst Du, mein alter Freund, mich nicht mehr

erkennst? dann muß es freilich arg sein, und ich darf es den Anderen

nicht verdenken.«

Mitonare veränderte aber seine Stellung nicht, noch nahm er die gebotene

Hand; nur in die schmerzdurchzuckten gefurchten Züge des Zurückgekehrten

aufschauend sagte er leise, und fast mehr mit sich selber als zu dem

Fremden redend.

»Das war die Strafe für begangene Sünde von _dem_ da oben, wie er auch

eben heißt -- das war das einzige Gute was noch in dem falschen und

leichtsinnigen Wi Wi stak, _das Gewissen_. Das bohrte und stach und

mahnte und ließ nicht nach, ließ nicht Ruhe und trieb den Wi Wi wieder

herüber über das große Wasser, die Stelle noch einmal zu sehn, wo er

seinen ersten Meineid geschworen gegen den Allmächtigen.«

»Mitonare« flehte René, dem die Worte das Herz zerrissen.

Der kleine Mann schüttelte mit dem Kopf.

»Bah, bah« sagte er, »Mitonare steckt da drinn in den Kalebassen -- da

Frack, da Halstuch und Weste -- da dicke Buch, und da Schuh und Hemd --

Ahiahi ist ausgezogen, hat Bruder Ezra und Mitonare in den engen Nähten

gelassen und der heißen schwarzen Tapa, und ist jetzt wieder ein _Mann_

geworden, der sich nicht mehr fürchtet, und die Sache abwarten will wie

es einmal wird. Ahiahi hat Zeit, und kommt dann mit Vater und Großvater

zusammen -- einerlei wo.«

»Ahiahi ist böse auf Dich weil Du die Mutter verlassen hast« sagte da

Sadie, traurig zu dem Vater aufschauend, »er hat sie _so_ lieb gehabt.«

Mitonare hatte wahrscheinlich recht ernst und böse bleiben wollen, die

Töne aber schnitten ihm in's Herz, und des Mädchens Hand ergreifend,

winkte er ihr und Aia fortzugehn. Aia sah daß er mit dem Wi Wi allein

bleiben wollte, schlang deshalb ihren Arm um deren Schulter und zog sie

leise von dem Vater fort in den Wald hinein, der die Hütte rings umgab.

»Da bist Du nun wieder auf Atiu, René« sagte der Mitonare endlich mit

leiser, schmerzbewegter Stimme, das peinlich werdende Schweigen brechend

-- »da bist Du nun wieder, und wie ist Dir jetzt zu Muthe? -- bös, bös

-- recht bös und weh -- und wie weh erst hast Du allen denen gethan die

Dich so lieb gehabt.«

René barg sein Antlitz in den Händen aber erwiederte kein Wort, und der

Mitonare fuhr leise fort:

»Die erste Zeit war die Schlimmste -- wie wir so Monat nach Monat saßen

und Deiner harrten, und Fahrzeug nach Fahrzeug ankam von Tahiti, ohne

auch nur einen Gruß zu bringen an die arme Frau, da hat Sadie viel

geweint, und Tage und Nächte lang da oben gesessen, wo sie jetzt ausruht

von ihrem Schmerz, um hinauszuschauen nach nahendem Segel -- immer,

immer wieder vergebens.«

René hatte rasch und erschreckt aufgesehen, und sagte jetzt mit vor

innerer Angst und Aufregung fast erstickter Stimme:

»Und hat sie meinen Brief von Tahiti nicht bekommen, wie ich so schwer

dort verwundet lag? -- den Brief den der Missionscutter selber mit

herüber gebracht und den der Missionair -- ich weiß nicht welcher --

versprochen hatte in ihre Hand zu geben und sie selber, und wenn nicht

das, doch wenigstens Antwort mit zurück zu bringen?«

»Einen Brief? -- der Mitonare?« sagte der kleine Mann kopfschüttelnd --

»und wann war das?«

»Nur wenige Wochen nachdem sie mich verlassen« erwiederte René schnell.

»Da war Bruder Rowe selber hier« sagte der Kleine kopfschüttelnd,

»und wußte von Nichts -- hat kein Wort gesagt, keinen Brief -- keine

Nachricht gehabt für uns --«

»Und auch von Frankreich kam kein Brief hier an?« frug René in immer

wachsender Angst.

Der Mitonare schüttelt aber traurig mit dem Kopf und sagte:

»Keiner -- kein Brief, keine Nachricht -- bis -- bis der Mitonare zum

letzten Mal zu Sadie kam -- da hat er viel gesagt, und dann --« setzte

er mit tief bewegter, kaum hörbarer Stimme hinzu -- »dann war's vorbei.«

»Allmächtiger Gott, so sind meine Briefe verloren oder unterschlagen«

rief René zerknirscht, »und Sadie hat glauben müssen ich hätte nie

wieder ihrer gedacht.«

»Nie wieder ihrer gedacht?« sagte der Mitonare finster, »bah, bah, was

hätte der Brief geholfen, wenn der Wi Wi selber fortblieb, und den hat

doch Niemand vergessen können als er selber.«

»Arme, arme Sadie« stöhnte René.

»Ja wohl arme Sadie« sagte der Mitonare traurig -- »und wie der finstere

Mann erst einmal eine lange lange Zeit weggeblieben, und drüben gewesen

war über dem großen Wasser, und wie er zurück kam und von dem Wi Wi

erzählen konnte, daß er ihn drüben gesehn --«

René wurde aufmerksam und schien dem kleinen Mann die furchtbaren Worte

von den Lippen rauben zu wollen, so fest hafteten seine Augen daran.

»Als er von dem großen Haus sagte in dem er dorten wohnte --« fuhr

Mitonare immer heimlicher fort, wie jetzt selber schüchtern, als ob

die Verstorbene noch einmal die Kunde hören könne, die ihr damals den

Todesstoß gegeben -- »und daß er -- daß er sich wieder eine andere Frau

genommen -- das schöne weiße Mädchen das drüben auf Papetee gewesen, und

mit dem er fortgefahren sei in einem Schiff, -- da -- da war's aus. Da

brach ihr das Herz und -- sie lebte wohl noch eine ganze Woche lang, und

küßte ihr Kind viel und betete mit ihm, -- aber -- aber das Gift hatte

gewirkt, und am nächsten Sabbath« -- der kleine Mann konnte nicht mehr.

Bis hierher hatte er sich, seinen Schmerz in der Gegenwart des Mannes

der der Urheber all dieses Leids gewesen verbeißend, ruhig gehalten und

wenn auch oft mit zitternder Stimme, doch selbst ohne Thräne im Auge

forterzählt, die Erinnerung an das herbe Leid aber das ihn betroffen, in

solcher Art wach gerüttelt, nahm auch ihm den letzten Halt, die letzte

Festigkeit, und den Kopf auf die Knie niederbeugend, daß der Wi Wi die

Thränen nicht sehen sollte, die er nicht mehr zurückhalten _konnte_,

stützte er den Kopf in die Hände und schluchzte laut.

René wagte nicht das Schweigen zu unterbrechen -- er stand da,

erschüttert und vernichtet, und die gefalteten Hände vor sich nieder

streckend, das Kinn auf die Brust gebeugt, starrte er mit todtbleichen

Zügen und thränenlosen Augen vor sich nieder, bis der Mitonare sich

endlich gewaltsam bezwang, die Thränen aus den Augen wischte und mit

lebendigerer Stimme fortfuhr.

»Nachher kam Bruder Rowe wieder zu uns; die Mutter war fertig --

wollte nun an der Tochter anfangen -- kam wieder mit »Bruder Ezra« und

»Mitonare«, Oros Zorn über ihn; kam mit dickem Buch und dem stachlichen

Stock da hinten -- aber Ahi-ahi ist nicht so schwach -- Bruder Rowe

kommt nicht wieder über den Hügel -- da hinaus flog er, glaubte er hätte

Arm und Bein gebrochen. -- Jetzt ist Alles wieder gut,« setzte er dann

mit ruhiger Stimme hinzu, »Ahiahi lebt zufrieden und glücklich -- lernt

keine Bibelverse mehr und kein kleines dünnes Buch, braucht Nichts mehr

herzusagen und sich nicht mehr mit =iti iti kanaka= zu ärgern. Aber --«

setzte er plötzlich rasch und erschreckt hinzu, als Sadie mit Aia

zurückkehrten zum Haus, und ein neuer Gedanke sein Hirn durchzuckte --

»was willst _Du_ jetzt wieder hier auf Atiu -- Wi Wi -- bist Du gekommen

die Mutter zu suchen oder -- oder willst Du -- Dein Kind mit Dir nehmen

in die fremde kalte Welt hinaus?«

Renés Blick haftete mit unendlicher Wehmuth auf den lieben Zügen des

holden Mädchens, das die letzten Worte gehört und sich schüchtern zu

ihrem Pflegevater wandte.

»Fort von Dir, Vater?« sagte sie dabei -- »fort von Aia -- von

Mutters Grab? -- ich darf nicht -- ich habe ihr versprochen ihr

Lieblingsplätzchen da oben zu halten wie es ist.«

»Ja« setzte der kleine Mann finster, und doch mit angstgepreßter Stimme

hinzu -- »ja -- Du kannst sie jetzt fortnehmen mit Dir -- Du hast

vielleicht das Recht dazu, und -- sie ist auch jetzt fast so alt wie

ihre Mutter damals war -- gerade alt genug um auch draußen die Sprache

der Wi Wis und der Beretanis zu lernen, und fremde Kleider zu tragen und

sich elend zu fühlen -- wie ihre Mutter. Hier hat sie freilich Nichts

anderes getrieben als Tapa machen und singen und tanzen und fröhlich

sein, und beten Abends wenn sie dem Grab der Mutter gute Nacht sagte;

sie weiß Nichts weiter, als was wohl einen der jungen Burschen hier auf

der Insel glücklich machen könnte -- und sie dann vielleicht auch.

-- Aber nimm sie nur mit, bis sie ihr draußen auch das Herz gebrochen

haben, _wie_ ihrer Mutter, dann schick sie mir wieder, und Ahiahi wird

ihr dann das Bett machen neben -- neben der Anderen.«

»Nein, nein!« rief aber René, dem der nur zu gerechte Vorwurf tief in

die Seele schnitt -- »nein, Mitonare, ich habe schwer genug gesündigt an

Euch hier; -- nicht mehr -- nicht mehr. Behalt Sadie, und wahre sie vor

dem Fluch der ihrer Mutter Glück zertrümmerte -- halte ihr Herz rein und

gut, laß sie nie hinaus über das Rauschen ihrer Palmen, über das Donnern

ihrer Brandung, und _mir_ den Trost wenigstens zu glauben daß _sie_,

mein Kind, hier glücklich lebt.«

Der Mitonare stand eine ganze Weile vor ihm, bald ihn, bald das Kind

betrachtend, endlich ergriff er langsam des Mannes Hand und sagte leise

und mit tief bewegter Stimme.

»Armer Wi Wi -- armer René -- Du bist recht alt geworden in den wenigen

Jahren -- und gewiß nicht glücklich, wie Du vielleicht geglaubt.« René

schüttelte heftig und abwehrend mit dem Kopf und der kleine Mann fuhr,

sich abwendend fort -- »Die Menschen wissen's gewöhnlich nie wenn sie's

sind -- wollen Andere glücklich machen und machen sie, und manchmal auch

sich selber elend. Dein Volk hat unserem Lande viel Schmerz gebracht. --

Aber wie willst Du's haben?« setzte er dann ruhiger, freundlicher hinzu,

dem Vorwurf vielleicht ein Wort des Trostes beizumischen -- »ich weiß

nicht, ob Du das Kind mir lassen willst, oder ob ihr vielleicht der

_weiße_ Mitonare, der sie schon oft hat haben wollen, _die_ Sachen

lehren soll, die sie bei mir nicht lernen kann?«

»Nein Mitonare, nein!« rief aber René rasch und bewegt -- »kein Segen

wäre das hier für sie, auf der stillen Insel, und Du selber hast Dir das

größte Recht auf sie erworben. In lieblicher Unschuld ist das Mädchen

aufgeblüht -- wahre Du sie fortan, wie Du's bis jetzt gethan. Doch ich

bin reich; ich will Dir Geld zurücklassen, daß Du --«

»_Geld?_« unterbrach ihn aber der Mitonare rasch und zornig -- »Geld?

willst Du selber den Fluch wieder säen auf Atiu, der unser Volk schlecht

gemacht hat und geizig? Geld -- fort damit, fort -- es ist Gift darin

und Haß und Neid, und sie wachsen mit den häßlichen runden Stücken.

Siehst Du die reife Frucht da am Brodfruchtbaum? siehst Du das klare

Wasser hier? -- brauchen wir mehr? -- Wir nicht, aber wer anders braucht

davon; -- die schwarzen Mitonares wollen Geld -- immer nur Geld -- denen

gieb es wenn Du so viel hast; Ahiahi gönnt es ihnen -- nicht uns hier;

hast uns weh genug gethan; aber Du meinst es nicht so schlimm« setzte

er ruhiger hinzu -- »wußtest es nur nicht besser. Doch es ist Zeit für

Dich, Sadie -- die Sonne sinkt; komm Aia -- laß die Beiden zusammen gehn

-- das Gebet dort oben am Hügel wird ihnen wohl thun. Gehst Du mit ihr,

René?«

René barg sein Angesicht in den Händen und stand still und sprachlos,

viele Secunden lang; endlich ermannte er sich. Als er die Hände fort

nahm, war sein Antlitz fast todtenbleich, und er ging langsam auf den

Mitonare zu, ergriff und schüttelte seine Hand, und küßte den darüber

etwas verlegenen kleinen Mann auf den Mund; auch Aias Hand, die sie ihm

willig überließ, nahm er und drückte sie, und sein Kind dann an sich

ziehend, schritt er mit ihm langsam den kleinen Hang hinauf, dem Grab

der Gattin zu.

* * * * *

Lange schon war die Sonne im Meer gesunken und tiefe Dunkelheit deckte

das Land und den Ocean, noch immer aber saß der kleine Mitonare vor

seiner Hütte, Vater und Tochter zu erwarten, und fing schon an unruhig

zu werden über das gar so lange Ausbleiben der Beiden. Endlich erhob

er sich, und wollte sich eben aufmachen ihnen entgegen zu gehn, als er

leichte Schritte im Laub hörte, und gleich darauf Sadie -- allein -- vor

ihm stand.

»Und wo hast Du den Wi Wi?« frug der Mitonare rasch und eine dunkle

Ahnung zuckte ihm durch's Herz; Sadie aber schmiegte sich an seine

Brust, und während er fühlte wie die heißen Thränen ihren Augen

entquollen flüsterte sie:

»Er ist fort, Vater -- fort, und wird _nie_ wieder kehren.«

»Fort?« rief der Mitonare erschreckt -- »mitten in der Nacht? --

wohin? --«

»Fort mit seinem Boot« sagte die Jungfrau, das liebe Antlitz mit den

Händen deckend --

»Durch die Corallenriffe bei Nacht?«

»Wir haben lange auf Mutters Grab gebetet, und er mit mir, wie's Mutter

mich gelehrt; alle die alten Gebete hab' ich ihm gesagt, und -- oh er

hat geweint, als ob ihm das Herz brechen müßte an der theueren Stätte.

Dann hat er mich an sich gezogen und mich geküßt, und wieder geküßt,

und seine Sadie, sein liebes armes Kind genannt, und dann gesagt, er sei

nicht werth zu leben, wo er uns Alle unglücklich gemacht. Da bat ich ihn

bei uns zu bleiben und schlang meine Arme um ihn, aber er riß sich los

von mir, und floh den Hang hinab, und als ich trauernd zurückblieb und

ihm nach schaute, konnte ich das kleine Schiff erkennen, wie es den

Anker hob, das Segel setzte -- und mit der frischen Brise die heut

Abend weht, glitt der dunkle Schatten des Fahrzeugs von sicherer Hand

gesteuert durch die Riffe hin, der Einfahrt zu, durch die es bald

verschwand.«

Der Mitonare erwiederte kein Wort; er küßte das Mädchen und ging hinein

in sein Haus und blieb dort allein, den ganzen Abend.

Als sich die Sonne am anderen Morgen aus dem Meere hob, blickten die

Insulaner vergebens nach dem kleinen Cutter aus -- kein Segel war am

ganzen Horizont zu sehn.

* * * * *

Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig.

Fußnoten

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Offensichtliche Fehler

wurden korrigiert; eine Liste der vorgenommenen Änderungen befindet sich

hier am Buchende, die Änderungen bei Satz- und Anführungszeichen sind

dort nicht aufgeführt.

Änderungen

Seitenangabe

originaler Text

geänderter Text

Seite 9

lachte Adlophe. »Wetter mein Bursche

lachte Adolphe. »Wetter mein Bursche

Seite 10

Doch es fällt mir nicht ein ihre Partei zu ergreifen

Doch es fällt mir nicht ein ihre Parthei zu ergreifen

Seite 16

rief Leférre mit einem wilden Fluch

rief Lefévre mit einem wilden Fluch

Seite 17

wenigstens meinen Spaß mit Ihr gehabt

wenigstens meinen Spaß mit ihr gehabt

haben Sie sich so leicht von Ihrer Frau trennen konnen?

haben Sie sich so leicht von Ihrer Frau trennen können?

lachte Leferre -- »wenn es ihr nicht mehr

lachte Lefévre -- »wenn es ihr nicht mehr

Seite 20

gleicher Zeit wurden an dem einen passensten Hügelhang

gleicher Zeit wurden an dem einen passendsten Hügelhang

Seite 21

mit dem Lieutenant der Jeanne d'Ark

mit dem Lieutenant der Jeanne d'Arc

Seite 25

jeder seiner eigenen Beqemlichkeit folgend

jeder seiner eigenen Bequemlichkeit folgend

Seite 31

Colonnen anrucke, und sich, wie es schien,

Colonnen anrücke, und sich, wie es schien,

zum Sturm ruste auf das Fort

zum Sturm rüste auf das Fort

Seite 34

erwarteten sie den immer noch hinausgezogerten Angriff

erwarteten sie den immer noch hinausgezögerten Angriff

Seite 35

Für die Bibel! fur die Bibel!

Für die Bibel! für die Bibel!

Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band · 第 16 / 17 段