Hand -- die Erinnerung an jene Zeit gab ihm, er wußte selbst nicht
recht warum, einen Stich durch's Herz. Der Brief selber aber bot ihm
Gelegenheit das Gespräch nach anderer Richtung hin zu wenden.
»Unangenehme Geldangelegenheiten, Adolphe« sagte er endlich, ihm den
offenen Brief hinüber reichend, »da lies selbst.«
Adolphe nahm den Brief, durchflog ihn und sagte achselzuckend:
»Das läßt sich denken; die treiben jetzt daheim mit Deinem Geld was
ihnen gutdünkt. Wär ich wie Du, ich ging auf's nächste Schiff und
regulirte dann zu Haus die Sache selbst. Selbst ist der Mann, Du magst
hier schreiben und schreiben so viel Du willst, eine einzige Woche an
Ort und Stelle richtet mehr aus, als eine Jahre lange Correspondenz.
Ueberdies ist die Sache gar nicht unbeträchtlich und schon eine solche
Reise werth; und das nicht allein, Du schlägst zwei Fliegen gleich mit
einem Schlag, denn, René, verhehle Dir nicht selber wie es mit Deiner
Wunde steht; ohne die größte Vorsicht und Pflege kannst Du möglicher
Weise einen steifen Arm Dein ganzes Leben hindurch behalten, und jetzt
noch ist es vielleicht Zeit, durch die Dir empfohlenen warmen Bäder dem
vorzubeugen. Du hättest dabei jetzt gerade die beste Gelegenheit, mit
demselben Fahrzeug zu gehn, auf dem Brouards sich einschiffen.«
René sprang, von dem Gedanken getroffen, von seinem Sitze auf, und ging
ein paar Mal mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Zurück nach
Frankreich? -- er selber? -- mit --«
»Nein, nein« rief er plötzlich in ängstlicher Hast, als ob er selber
fürchte der Versuchung nicht widerstehen zu können, die ihm so
entsetzlich lockend vor die Seele trat; »zurück nach Frankreich? nein,
nein, das ging nicht an -- und wenn nur zum Besuch? Sadie -- Sadie«
murmelte er leise und wie beschwörend vor sich hin.
»Und was würde Dich hindern Deine Frau mitzunehmen?« sagte Adolphe, dem
das leise geflüsterte Wort nicht entgangen, nach kurzer Pause -- »es
wäre zugleich eine Art Probierstein für Dich für spätere Zeiten.«
»Nein Adolphe, nein« sagte aber René nach kurzem Sinnen, seinen Platz
am Fenster wieder einnehmend, denn der Arm fing ihn an zu schmerzen vom
vielen hin- und hergehn -- »nie im Leben würde sich Sadie dort glücklich
fühlen -- noch ich mit ihr. Wie eine Treibhauspflanze, ihrem heimischen
Boden entrissen, müßte sie verkümmern und -- so lebensfrisch sie hier
im Schatten ihrer Palmen blüht, untergehn. Und dann zugleich mit --
Brouards.«
»Es wäre eine so schöne Gelegenheit, wie Du sie Dir nur wünschen
könntest.«
»Ja -- Du hast recht und doch -- es geht nicht; auch gäbe Sadie nie ihre
Einwilligung dazu -- und die Reise mit dem Kind.«
»Bah, bah, das sind Kleinigkeiten wenn man sonst nur will« lachte
Adolphe, »doch das mache mit Dir selber aus; wichtig genug ist es aber
jedenfalls es Dir genau zu überlegen, und Dir bleibt dabei nicht einmal
viel Zeit, denn heute Morgen schon wurde ein Schiff signalisirt das, wie
man allgemein glaubt, die =Reine blanche= ist.«
»Die =Reine blanche=? -- schon jetzt?« rief René rasch und Adolphe sagte
lachend:
»Nun, das ist nicht übel -- seit drei oder vier Wochen wird sie stündlich
fast erwartet und dumpfe Gerüchte gingen schon, daß sie irgendwo
vielleicht gar in einem Typhoon zu Schaden gekommen, und Du sagst »schon
jetzt?« Dir muß die Zeit ungeheuer rasch verflogen sein. Doch ich muß
fort, René« brach er, nach der Uhr sehend ab, »der Gouverneur hat mich
rufen lassen; gegen Abend seh ich Dich wieder und -- überleg Dir's.«
René schüttelte langsam und ernst den Kopf, während Adolphe mit
freundlichem Gruß das Zimmer verließ, und gleich unten an der
Thür Lieutnant Bertrand traf, der langsam mit ihm die Straße
hinabschlenderte.
Das signalisirte Schiff war in der That die =Reine blanche=, die zwei
Stunden später etwa, unter dem grüßenden Donner der Kanonen, in den
Hafen einlief. Der Admiral kam aber an diesem Tag gar nicht an Land,
sondern empfing nur die von Frankreich für ihn eingegangenen Depeschen
und schrieb bis spät in die Nacht hinein. Am anderen Morgen hatte er
eine lange Konferenz mit dem Gouverneur, und die Jeanne d'Arc bekam
Ordre sich auf den nächsten Tag segelfertig zu halten. Zu seinem
Erstaunen aber bekam René eine Einladung an Bord des Admiralschiffs zu
kommen, wo =Du Petit Thouars= ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu
sprechen wünschte. Er ging um die bestimmte Zeit und fand dort,
außer dem Gouverneur Bruat, Monsieur Belard und Brouard, und mehre
französische Officiere; unter ihnen Adolphe und Bertrand.
»Lieber Capitain Delavigne« redete ihn der Admiral gleich nach seinem
Eintreten freundlich an -- »ich habe einen Auftrag für Sie -- einen
wichtigen Auftrag, an dessen geschickter und ehrlicher Ausführung mir
viel liegt, und zu dem ich mir hier in Tahiti einen passenden Mann
suchen wollte. Diese Herren hier haben mir Alle einstimmig Sie
vorgeschlagen, und auf so gute und ehrenvolle Empfehlung hin glaub' ich
in Sie denn auch mein volles Vertrauen setzen zu können. Was sagen Sie
dazu?«
»Ich erwarte Ihre Befehle zu hören« sagte René, wirklich jetzt
neugierig, auf was das Alles hinauslaufen sollte.
»Ich habe Sie zu meinem Gesandten nach Paris ausersehn« sagte der
Admiral lächelnd -- »wollen Sie gehn?«
»Herr Admiral!« rief René überrascht, fast erschreckt.
»Ich will ganz aufrichtig mit Ihnen sein« fuhr aber =Du Petit Thouars=,
ohne ihn weiter zu Wort kommen zu lassen, fort, »denn ich habe mich
schon selber gegen die Herren hier ausgesprochen. Nach den hier auf
Tahiti stattgehabten Vorfällen läßt es sich denken, daß nicht allein die
Protestanten in Europa, sondern auch manche Leute, die mir gerade
nicht freundlich gesinnt sind, die Sache so weit zu unserem Nachtheil
ausbeuten werden, wie nur irgend möglich. Wir werden den friedlichen
Naturkindern gegenüber als Barbaren und Gott weiß was sonst noch
hingestellt werden, und besonders zweifle ich nicht daran, daß die uns
feindlich gesinnten Missionaire das ihrige nach besten Kräften thun
werden, unsere Thaten recht schwarz und entsetzlich anzustreichen. Dem
zu begegnen brauche ich einen Mann, der Zeuge des Ganzen gewesen und
die Verhältnisse hier kennt, der aber auch, wie Sie, unabhängig und
unbetheiligt, bis Ihnen die Notwendigkeit und Selbsterhaltung die Waffen
in die Hand zwang, dem Kampfe zugesehn, und ich verlange nichts weiter
von Ihnen, als daß Sie der französischen Regierung meine Depeschen
überbringen, und dort Alles so, der Wahrheit treu, schildern, wie Sie es
hier gefunden.«
»Dieser so ehrenvolle Auftrag --« stammelte René und der Admiral fiel
ihm in's Wort.
»Bietet Ihnen zugleich die Gelegenheit sich von ihrer Wunde, die,
wie ich gehört habe, keineswegs so ganz harmloser Natur ist, wieder
vollständig zu erholen; Sie bleiben unter der Behandlung Ihres
bisherigen Arztes, der natürlich mit seinem Schiffe geht und haben,
glaub' ich, wenn ich recht unterrichtet bin, ganz angenehme Gesellschaft
unterwegs, eine Seereise von vier Monat etwa, schon erträglich zu
machen.«
»Lieber Delavigne« nahm jetzt Monsieur Belard das Wort -- »es wird
Ihnen hier eine Auszeichnung geboten, die sogar mit den vorteilhaftesten
Umständen für Ihre eigene Gesundheit zusammentrifft, und manchen Anderen
unendlich glücklich machen würde -- ich glaube Ihnen gratuliren zu
dürfen.«
»Aber meine Frau« rief René, »so ehrenvoll Ihr Vertrauen für mich ist,
Herr Admiral, und mit so großem innigen Dank ich versuchen würde ihm zu
entsprechen, so hab' ich doch Pflichten hier zu erfüllen, die ich nicht
vernachlässigen _darf_, wenn ich nicht in Ihrer eigenen Achtung sinken
wollte.«
»Ich weiß, Sie haben ein Indianisches Mädchen zur Frau genommen«
lächelte der Admiral -- »sie ist auf einer der Nachbarinseln? machen Sie
sich keine Sorge deshalb, die zehn oder zwölf Monate die Sie abwesend zu
sein brauchen, wenn Sie wirklich so rasch wieder zurück kommen _wollen_,
soll sie unter unserem Schutze stehn.«
»Aber sie weiß kaum daß ich verwundet bin -- erwartet mich
wahrscheinlich mit jedem Tag, und ich _dürfte_ nicht eine solche Reise
unternehmen, ohne sie vorher nicht wenigstens noch einmal gesehn,
gesprochen zu haben.«
»Auch das ließe sich vereinigen« erwiederte der Admiral, dem daran
gelegen schien, gerade den jungen Mann für seine Mission zu gewinnen --
»sagten Sie nicht Atiu hieß die Insel, Monsieur Belard?«
»Atiu ist der Name.«
»Gut; bei einer Reise von so viel Monaten kommt es nicht auf einen
einzelnen Tag und ein paar Seemeilen an; die Jeanne d'Arc mag Atiu
anlaufen und kann dort vielleicht gleich noch eine Parthie süße
Kartoffeln und Brodfrucht mit an Bord nehmen, die doch hier jetzt nicht
so leicht zu bekommen sind. Ist der Wind nur einigermaßen günstig, so
behalten Sie da jedenfalls ein paar Stunden Zeit Ihrer Frau Adieu zu
sagen. Hat das Ihre letzten Zweifel beseitigt?«
»Ihre Güte Herr Admiral.«
»Schön, schön -- ich will Sie auch nicht drängen; die Sache ist
allerdings wichtig für Sie, und ich gebe Ihnen, ohne jetzt irgend ein
Versprechen von Ihnen zu verlangen, zwei Stunden Frist; bis dann _muß_
ich aber eine entscheidende Antwort haben. In zwei Stunden also --« er
nahm seine Uhr heraus und sah nach der Zeit, »etwa drei Viertel auf zwei
Uhr -- wir wollen zwei Uhr sagen, erwarte ich Sie wieder hier und dann
können Sie gleich mein Gast zu Tisch sein; also auf Wiedersehn bis
dahin;« und dem jungen Mann wie den Uebrigen freundlich mit der Hand
winkend, nahm er Capitain Sinclairs Arm und zog sich mit ihm in seine
Privatcajüte zurück.
»Triumph!« rief Adolphe, als er mit René und Bertrand wieder im Boote
saß, und rasch dem Lande zuruderte, »Triumph René -- Mensch, wenn Du
Dir Alles beim lieben Gott bestellt hättest, konnte es nicht besser
ausgefallen sein -- die zwei Stunden Bedenkzeit sind eine wahre Ironie.«
»Was _soll_ ich thun?« sagte, tief aufseufzend, René.
»Was Du thun sollst?« wiederholte Bertrand erstaunt -- »zugreifen mit
Lust und Wonne, und Gott auf den Knieen dafür danken. Mir füllt es die
Brust mit unbeschreiblicher Seligkeit, daß wir die Fahrt jetzt wieder
heimwärts lenken, und Du stehst noch da und sinnst und überlegst. René,
René, wenn Du Dir diese Gelegenheit entschlüpfen läßt, bereust Du's
sicherlich -- die kehrt nicht wieder.«
»Ich weiß auch gar nicht, ob ich's mit meinem Arm wagen darf eine so
lange Reise zu unternehmen« sagte René jetzt sinnend. »Ich muß doch
jedenfalls erst den Arzt darüber fragen?«
»Gehst Du jetzt zu Hause?« frug Adolphe.
»Bald wenigstens.«
»Gut, dann schick ich ihn Dir in einer halben Stunde etwa; ich weiß wo
er sich in diesem Augenblick aufhält, und komme selber später vielleicht
Dich wieder abzuholen, höre jedenfalls Deinen Entschluß und kann Dir
dann vielleicht noch mit dem oder jenem helfen. So ade und erleuchte
Dich Gott, Du kannst's brauchen« lachte der Freund, und seinen Arm in
den Bertrands schiebend, gingen die beiden jungen Officiere, lebhaft das
eben Geschehene besprechend, die Straße nieder.
Monsieur Belard war indessen mit seinem eigenen Canoe an Land gerudert
und schon zu Haus als René, der noch eine Zeit lang in peinlicher
Unentschlossenheit die Straße auf und ab gelaufen war, langsam die
Treppe hinaufstieg. Er hörte dabei daß sich die beiden Eheleute eifrig
und laut mitsammen unterhielten und wollte sich, ohne sie zu stören, auf
sein Zimmer schleichen, denn der Kopf schwindelte ihm von all den wild
auf ihn einstürmenden Gedanken und Plänen, aber Monsieur Belard hatte
ihn kommen sehn, und ließ ihm keine Zeit zu ruhigem Ueberlegen.
»Und Sie wollen uns jetzt wirklich desertiren, Delavigne?« rief ihm die
kleine Frau schon auf der Schwelle, traurig mit dem Kopf schüttelnd,
entgegen, »und Susanna auch zu gleicher Zeit, und Brouards -- Himmel, das
wird eine förmliche Einöde werden hier in Papetee. Aber bis wann denken
Sie zurück zu sein?«
»Ich weiß noch wahrlich nicht einmal ob ich überhaupt gehe -- ob ich
gehen _darf_« sagte tief aufseufzend der junge Mann -- »noch habe ich
zwei Stunden Zeit zur Entscheidung.«
»Die arme Sadie wäre freilich übel d'ran« sagte traurig die junge Frau
-- »das würde ihr einen rechten Schnitt durch's Leben geben -- o Ihr
Männer seid doch grausame rücksichtslose Menschen.«
»Aber lieber Gott« entschuldigte ihn hier Belard -- »er bleibt ja doch
keine Ewigkeit fort, und Geschäftsreisen gehen nun einmal dem häuslichen
Leben vor, weil dieses nur eben wieder durch das Geschäft bestehen kann.
Wenn René _nicht_ selber nach Frankreich geht, so bin ich fest überzeugt
daß er nach dem Brief, von dem mir Lieutnant Adolphe gesagt, das dort
stehende Geld entweder ganz verliert, oder doch wenigstens bedeutend in
Gefahr bringt, bis er am Ende doch noch hinüber muß. Dann aber kann er
schweres Geld für die Reise bezahlen, während er sie jetzt im Gegentheil
honorirt bekommt, und die angenehmste Gesellschaft von der Welt dabei
hat. Susanna war schon ganz glücklich wie sie es hörte. Außerdem aber
ist es auch nicht ganz einerlei, denk' ich, ob der junge Herr, wenn er
hier bleibt, lebenslänglich mit einem steifen Arm herumläuft, oder sich
jetzt in einem Bad zu Hause ordentlich auscuriren kann.«
»Ist wirklich die Gefahr vorhanden?« frug Madame Belard besorgt. René
zuckte mit den Achseln.
»Gott nur weiß es« sagte er, tief Athem holend, als ob er sich ein
Gewicht von der Brust wälzen wolle -- »mir aber schnürt es das Herz
zusammen in Angst und Sorge -- ich _kann_ nicht gehn. Mag mir der Arm
gelähmt bleiben für Lebenszeit -- mag ich das Geld verlieren daheim
-- Beelzebub gesegn' es ihnen; sie haben mich genug schon geärgert und
gequält damit, aber ich darf Sadie, darf mein Kind _so_ nicht verlassen.
Wenn ihnen nun etwas geschähe während ich fort bin, könnte ich je wieder
des Lebens froh werden, je wieder dem Himmel da droben klar ins Auge
schauen?«
»Sie haben recht« seufzte Madame Belard, Monsieur Belard aber sagte:
»Unsinn -- jagen Sie sich die Grillen aus dem Kopf; erstlich legt Ihr
Schiff da an, und dann werde ich selber im nächsten Monat nach den
Gesellschaftsinseln und der Cooksgruppe hinüber gehn, meine Einkäufe zu
machen -- dann verspreche ich Ihnen daß ich dort vorfahren will, und hat
Sadie Lust, ei so bring ich sie mit zu uns herüber, und sie mag bei uns
bleiben bis Sie zurückkehren. Meine Frau wird sich doch für jetzt einsam
genug fühlen, wenn Sie Alle fort sind.«
»Sie kommt nicht her zu uns« sagte die kleine Frau, mit dem Kopf
schüttelnd -- »ihr ist nicht wohl bei fremden Leuten und ich wäre die
Letzte, die Delavigne zureden würde einen solchen Schritt zu thun; er
muß es selbst am besten wissen -- und so ganz ohne Abschied.«
»Papperlapapp -- mach Du ihm nun auch noch das Herz schwer« rief aber
Mr. Belard dazwischen -- »ich will ihm auch nicht zureden, aber er soll
sich die Sache selber und ruhig überlegen.«
»Ruhig überlegen« sagte René tief aufseufzend -- »ruhig überlegen, wo
mir das Herz zerrissen ist -- ich _kann_, ich _darf_ nicht fort -- doch
ich störe Sie hier« setzte er rasch, seinen Hut wieder aufgreifend,
hinzu -- »ich will hinüber in mein Zimmer gehn -- wenn der Arzt kommen
sollte, bitte -- schicken Sie ihn wieder fort -- ich werde ihn heute
Abend selber aufsuchen.«
Und rasch sich abdrehend, seine Bewegung zu verbergen, suchte er sein
eignes kleines freundliches Gemach, und warf sich hier den Kopf gesenkt
in einen Stuhl, indeß die Augen trüb und sorgenschwer den Boden suchten.
Wohl eine Stunde hatte er so gesessen, die ihm gegebene Frist war bald
abgelaufen und noch kämpfte sein Herz unentschlossen an gegen alles
das, was ihm verführerisch lockend vorgehalten wurde, als ein leichter
Schritt selbst in seinem Zimmer ihn rasch aufschauen machte, und er mit
freudigem Schreck jenes wunderherrliche Mädchenbild erkannte, das seine
Träume gefüllt und Tage lang ihm das Herz mit nagender Reue gefoltert
hatte.
»Susanna!« rief er, halb flehend, halb abwehrend, und er mußte gewaltsam
an sich halten, das Gefühl jetzt zu bergen, das in ihm tobte.
Er hatte sie noch nie so schön gesehn; das volle, kastanienbraune Haar
konnte kaum in seinen reichen üppigen Massen von einem lichtblauen
seidenen Netz gehalten werden, und quoll und drängte aus jeder Masche
hinaus in's Freie; den schlanken Körper umschloß ein einfach dunkles
Seidenkleid, das dem makellosen Teint nur noch höhern Reiz verlieh, und
in den dunklen Augen lag heute ein so eigener, wunderbarer Schmelz, ihn
schwindelte hinein zu sehn in dieser Sterne Tiefe.
»Ich hatte mich so gefreut« sagte sie endlich mit leiser, aber sonderbar
bewegter Stimme, einer Mischung von Unmuth und Schmerz, von getäuschter
Hoffnung sowohl, wie gekränkter Eitelkeit, dem sogar das Bittere im
Ton nicht fehlte -- »daß wir Reisegefährten auf so langer, sonst so
langweiliger Fahrt werden sollten -- aber wie mir Marie jetzt sagt
haben Sie sich anders besonnen, und können sich nicht auf die paar Monat
trennen von Atiu.«
»Oh Susanna« rief René bittend -- »sein Sie nicht grausam -- haben Sie
Mitleid, wenn nicht mit mir, doch mit Sadie.«
»Mitleid?« sagte das junge schöne Mädchen kalt -- »Sie scherzen wohl,
Herr Delavigne, in welcher Art sollte ich Mitleid mit der -- Indianerin
haben? _Mitleid_« wiederholte sie mit sonderbar bewegter Stimme -- »das
ist das falsche Wort -- wer hat Mitleid mit -- doch was steh' ich da
und schwatze;« brach sie rasch, fast ängstlich ab, während ein leichtes
flüchtiges, wie krankhaftes Roth ihre Wangen für einen Moment färbte,
und dann eben so rasch verschwand -- »ich habe noch so viel zu thun --
will aber auch nicht böse auf Sie sein« setzte sie freundlicher hinzu
-- »ich habe Ihnen schon früher versprochen Ihre Briefe für Sie nach
Frankreich zu schreiben -- Sie sollen mir dieselben heute Abend, wenn
Marie zu Hause kommt, die jetzt Madame Brouard packen hilft, diktiren.
Wie geht es heute Ihrem Arm?«
»Gut -- sehr gut« hauchte René.
»Sie werden mich doch wohl in den ersten Tagen manchmal vermissen« sagte
das schöne Mädchen, halb von ihm abgewandt -- »und das ist einigermaßen
eine Genugthuung mir das zu denken -- ich bin nicht im Stande Sie anders
zu strafen.«
»Susanna.«
»Schon gut -- es ist Alles vorbei -- heute Abend erwarte ich Sie drüben
zu unserer Correspondenz -- ich muß jetzt fort.«
»Susanna.«
»=A revoir, monsieur Delavigne=« sie winkte ihm leicht mit der Hand und
verließ, sich rasch abwendend, das Gemach.
René blieb, die Augen fest und krampfhaft mit der Hand bedeckt, viele
Minuten lang im Zimmer stehn; seine Pulse schlugen -- seine Stirn
glühte, seine Glieder zitterten in Fieberfrost, und wie bewußtlos
endlich griff er seinen Hut auf und stürmte in's Freie -- an den Strand
hinunter -- dort lag ein Boot.
»Gerade zur rechten Zeit, Monsieur!« rief der Bootsmann der Jeanne
d'Arc, dessen rasch aufgeworfene Hand die eben eingetauchten Riemen
seiner Leute zurückhielt.
»Mr. Bertrand befahl mir, Sie hier bis zwei Uhr zu erwarten -- es
ist zwei vorbei und ich wollte eben hinüber fahren an Bord des
Admiralschiffs, weitere Befehle einzuholen.«
René erwiederte kein Wort -- er sprang in das Boot und wurde an Bord
gerudert.
»Nun Delavigne!« rief ihm Bertrand, der mit dem Lieutnant der =Reine
Blanche= auf dem Quarterdeck auf und ab ging -- »das ist brav, daß Du
kommst -- der Admiral hat Dich schon mit Schmerzen erwartet. Und Du bist
der unsere?«
»Ich bin's« sagte René leise und des Freundes Jubelruf nicht
beantwortend und ihm nur die gebotene Hand fest und leidenschaftlich
drückend -- verschwand er die Cajütstreppe hinab in den inneren Raum.
* * * * *
Ueber die See heulte der Sturm; vor dicht gereeften Segeln peitschte
die Jeanne d'Arc gegen die bäumenden zürnenden Wogen an, bis in den Kiel
erzitternd vor den gewaltigen Stößen, mit denen sich die See seinem Bug
entgegenwarf. Alle Luken waren fest verschlossen, und die von Papetee
mitgenommenen Passagiere lagen, mit Ausnahme eines einzigen, halbtodt an
Seekrankheit in ihren Coyen.
Den linken gesunden Arm um eine der Besahnwanten geschlagen, stand an
der Luvseite des Quarterdecks, den stieren glanzlosen Blick fest auf die
zackigen Kuppen einer aus der Ferne eben sichtbar vorschimmernden Insel
geheftet, René Delavigne -- neben ihm, das Telescop in der Hand, und
den linken Arm, sich zu sichern, um eine der Pardunen gelegt, Capitain
Sinclair.
»Sie sehn, Delavigne« sagte er endlich, nachdem er lange und aufmerksam
durch das Glas geschaut, und dieses wieder von den Augen nahm, »der
Sturm will nicht nachlassen, und ich bin nicht im Stande, so leid es mir
selber thut, die Insel anzulaufen. Ja thät ich es selbst, in dieser See,
was ich Ihnen gar nicht zu sagen brauche, könnte nicht einmal ein Boot
leben. Außerdem bin ich hier in einem, mir vollkommen fremden und von
verborgenen Klippen bedrohten Fahrwasser. Sie wissen wie wir gestern
fast nur durch ein Wunder dem Korallenriff entgingen, und wir wären
_Alle_ verloren gewesen wenn wir das trafen.«
»Sie haben schon weit mehr gethan, Capitain Sinclair« sagte René mit
ruhiger, aber fast tonloser Stimme, »als ich je gewagt hätte von Ihnen
zu erbitten -- mehr fast als sie verantworten können. Ich sehe ein
daß es unmöglich ist Atiu zu erreichen, ja daß wir selber hier mit
einbrechender Nacht vielleicht gefährdet würden länger zu kreuzen. Ich
bitte Sie, thun Sie Ihre Pflicht.«
»Lieber Delavigne« sagte der Capitain gerührt, »ich fühle ganz das
Bittere Ihrer Lage, aber trösten Sie sich auch wieder mit einer baldigen
Rückkehr. Was sind die paar tausend Seemeilen herüber und hinüber, wie
bald trägt uns das gute Schiff an die heimische Küste. -- Gingen Sie
aber jetzt nicht lieber hinunter? -- wenn ich das Schiff vor dem Wind
abfallen lasse, können wir wohl ein paar Seeen hinten über bekommen,
ehe die Segel ordentlich gefaßt haben; die See geht gerade nicht so
ungeheuer hoch eine Gefahr zu befürchten, aber es ist doch unangenehm.«
»Ich danke Ihnen« sagte der junge Mann leise -- »wenn ich Ihnen hier
nicht im Wege bin, möchte ich oben bleiben, bis wir -- den anderen Cours
liegen -- es ist so bald Abend.«
»Wie Sie wollen, Delavigne -- bleiben Sie nur da stehn wo Sie sind. --
Monsieur Roland« wandte er sich dann zu dem zweiten Lieutnant, der auf
der Leeseite des Quarterdecks indessen auf und ab gegangen war -- »wir
wollen die Marssegel lösen -- lassen Sie dann Süd Süd Ost anliegen.«
»Zu Befehl, Monsieur.«
Der schrille Pfiff des Bootsmann gellte über Deck; wie die Katzen liefen
die Leute an den Wanten hinauf auf die Marsraaen, die Reefknoten zu
lösen und die Segel auszuschütteln, und gleich darauf stiegen die Raaen
unter dem Chor der singenden Matrosen, die sich nach dem Tackt mit
dem ganzen Gewicht ihres Körpers in das Tau legten, empor. Der Bug des
Schiffes fiel vor dem Winde ab, die Raaen wurden fast vierkant gebraßt
und der stolze Bau, der bis jetzt mühsam gegen die schweren Wogenmassen
angekämpft, flog, von den nachpressenden noch gedrängt und geschoben,
pfeilgeschwind über die rauschenden, zischenden, schäumenden, stürzenden
Wogen hin, die Insel, der er den ganzen Tag vergebens zugestrebt, gerade
hinter sich lassend.
Düsterer wurde es jetzt auf dem Wasser, die Sonne neigte sich dem
Horizont und dichte Wolkenschatten sammelten sich mit der einbrechenden
Nacht. René stand noch immer, jetzt an dem Heck des stattlichen
Schiffes, hinter dem die spritzenden schäumenden Wogen dreinstürmten,
die Augen fest und unverwandt auf das mehr und mehr in düsterer Ferne
verschwimmende Land geheftet, das Alles barg, was ihm einst diese
Erde zum Paradies geschaffen -- Alles -- Alles, und das, ein Punkt, am
Horizont verschwand.