Blick fest auf ihn geheftet, fort, als er schwieg und das Blut wieder in
seine Wangen zurück kehrte; -- »nein, ich glaube nicht. Sie _darf_ sogar
nicht sehr lange wegbleiben, denn sie hat noch manches vor ihrer Abreise
zu besorgen.«
»Sie kehrt nach Europa zurück?« sagte René, aber so leise, daß sie die
Worte kaum verstehen konnte.
»Mit dem ersten Französischen Kriegsschiff -- Herr Brouard wird mit
seiner Frau ebenfalls Tahiti verlassen und Susanna will sich ihnen
anschließen; der Admiral hat ihnen schon früher die Erlaubniß dazu
ertheilt -- ich wollte ich könnte mit.«
»Und geht das so bald?«
»Das ist noch unbestimmt; es hieß zuerst die Uranie würde segeln, jetzt
glaubt man übrigens daß die Jeanne d'Arc als ein schnelleres Fahrzeug
den Vorzug bekommen soll; aber es kann noch immer einige Wochen dauern.
Doch fehlt Ihnen etwas Delavigne? Sie sprechen so gedrückt? -- haben Sie
wieder Schmerzen? vielleicht kann ich Ihnen den Verband lindern. Lassen
Sie das gut sein« fuhr sie lächelnd fort, als er langsam mit dem Kopf
schüttelte, »ich bin gar kein so ungeschickter Chirurg, wie Sie bald
finden sollten.«
»Ach beste Madame Belard« sagte René da seufzend -- »wie tief bin ich
nicht auch außerdem schon in Ihrer Schuld, und wie soll ich Ihnen das je
danken können? -- Sie haben mich hier aufgenommen und gepflegt --«
»Bst -- bst -- bst« rief aber Madame Belard erröthend und ihre kleine
Hand auf seinen Mund legend -- »erstlich sollen Sie eigentlich gar
Nichts reden, und dann noch viel weniger solchen Unsinn. Sie sind mir
in Nichts verpflichtet, denn es versteht sich von selbst, sogar in der
_Heimath_, daß der Bürger in Kriegszeiten Einquartirung bekommt, wie
viel mehr also in einem so wilden Land wie hier. Halten Sie sich nur
recht ruhig, daß Sie uns bald wieder gesund werden, oder doch wenigstens
aus dem Bett können, denn Ihren Arm werden Sie wohl in den ersten
Monaten noch nicht wieder brauchen können.«
»Wenn ich nur -- wenn ich nur nach Atiu schreiben könnte« sagte René
endlich zögernd, und mit einem kaum unterdrückten Seufzer.
»Hinüber dürfen Sie nicht, Delavigne« sagte Madame Belard ernst, »daran
brauchen Sie nicht zu denken; ich habe auch schon mit Lieutnant Adolphe
darüber gesprochen, denn wenn sich auch Ihre Wunde bis jetzt ziemlich
gut angelassen hat, verlangt sie noch immer, wie mir der Doktor gesagt,
die sorgfältigste ärztliche Pflege, und so gut Sie Sadie, und vielleicht
besser als wir hier, pflegen würde, so wenig ist sie im Stande dem zu
genügen. Außerdem ist gar nicht mit dem Schuß zu spaßen, und wer weiß ob
nicht selber schon der Transport die schlimmsten Folgen haben könnte.«
»Wenn es nur anginge« sagte René schüchtern und schwieg wieder, als ob
er sich scheue auszureden, Madame Belard aber, die leicht seine Gedanken
errieth, sagte freundlich. -- »Sadie hier herüber zu bekommen? nicht
wahr, das meinen Sie?«
»Aber nicht weil ich etwa glaube daß ich in Ihren Händen weniger gut
aufgehoben wäre« rief der Verwundete schnell, »halten Sie mich nicht
auch noch für undankbar, Madame Belard.«
»Nein, nein, lieber Delavigne« sagte die kleine Frau gerührt, »ich denke
gar nicht daran, und Sie haben vollkommen recht; Sadie soll herüber
kommen, so bald wir sie nur herüber bekommen können, und ich will heute
noch an sie schreiben, daß der Brief bei erster Gelegenheit fertig ist.
Wo aber kann man sich nach einer solchen erkundigen?«
»Im Hauptquartier und im Missionsgebäude« sagte René, »ich glaube aber
fast daß in dem letzteren die erste Gelegenheit sein wird, denn die
Missionaire unterhalten eine ziemlich regelmäßige Verbindung mit jener
Gruppe.«
»Mein Mann soll noch heute Morgen die genausten Erkundigungen einziehn
-- sind Sie nun beruhigt?«
René streckte der kleinen freundlichen Frau mit einem dankenden Lächeln
die Hand entgegen, die sie nahm und herzlich drückte, dann aber sagte
sie, sich gewaltsam bezwingend, denn ein eigenes Weh dem sie nicht
Worte geben konnte und wollte, schnürte ihr die Brust zusammen, »nachher
schick ich Ihnen meinen Mann ein wenig, Delavigne, der mag Ihnen von
dem Kampfe erzählen -- er hat auch in der That von weiter noch Nichts
gesprochen die ganze Zeit -- das wird Sie unterhalten und zerstreuen und
-- regt Sie auch eben nicht so besonders auf. Aber da seh ich den
Doktor kommen -- nun erhalten Sie frischen Verband, und ich werde heute
Susannas Stelle bei Ihnen vertreten.«
Der Doktor öffnete gleich darauf die Thür und grüßte Madame Belard
freundlich.
»Ah Madame, sehr erfreut Sie hier zu sehn -- und wie geht es unserem
Kranken? -- nun Monsieur? -- guten Morgen, wie haben Sie geschlafen,
und wie geht es unserem rechten Flügelknochen. Aber ha« -- rief er etwas
bestürzt aus, als er das Gesicht des jungen Mannes erblickte -- »Sie sehn
echauffirt aus, und haben sich jedenfalls, gegen meinen sehr strengen
Befehl dahin, durch irgend etwas aufgeregt. Haben Sie Schmerzen?«
»Ja -- ein Stechen in der Wunde -- ich fühle den Pulsschlag so
deutlich --«
»Da haben wir's, das Blut in Wallung; nun lassen Sie uns einmal
untersuchen wie die Sache heute Morgen aussieht -- hoffentlich nicht
schlechter als gestern -- wir dürfen nun nicht wieder zurück gehn, wir
müssen machen daß wir vorwärts kommen.« Und während er noch sprach den
Verband vorsichtig ablösend, hatte er kaum einen Blick auf die Wunde
geworfen, als er auch schon sehr bedenklich mit dem Kopf schüttelte, und
endlich seinem Unmuth in Worten Luft machte.
»Das ist nicht wie es sein sollte, die Entzündung ist eher schlimmer
wie besser geworden, und wir müssen uns ungeheuer hüten daß wir keinen
Rückfall bekommen. Ruhe ist aber dazu das Haupterforderniß, unbedingte,
durch Nichts gestörte Ruhe, und wenn Sie Ihren Patienten bald wieder auf
den Beinen sehn wollen, Madame, so müssen Sie mir dafür besonders
mit Sorge tragen helfen. Ruhe ist ihm jetzt die beste Kur und je
vollständiger er die genießen kann, desto eher wird sich seine
jugendliche, kräftige Natur schon selber wieder Bahn brechen.«
Er gab dann noch mehre Verordnungen, bat Madame Belard keinen seiner
Freunde, ohne Ausnahme welchen, wenn sie nicht unmittelbar bei
der Verpflegung beschäftigt wären, zu ihm zu lassen, und versprach
Nachmittag noch einmal vorzukommen und zu sehn ob sich nicht vielleicht
bessere Symptome eingestellt hätten.
Es vergingen übrigens volle acht Tage, ehe wirklich eine wesentliche
Besserung in dem Stand der Wunde eintrat; der Kranke hatte sich in der
ganzen Zeit musterhaft gehalten und Monsieur und Madame Belard waren
fast die Einzigen gewesen die Zutritt zu ihm gehabt, während sich
indeß der Gouverneur sowohl wie alle übrigen Officiere täglich nach ihm
entweder selber erkundigten oder erkundigen ließen.
Nach Atiu war noch immer keine Gelegenheit gewesen, doch sollte jetzt
in etwa drei Tagen der Missionscutter hinüber gehn, und Madame Belard
wartete nur auf die Ankunft des Geistlichen, der sich seit längerer Zeit
in dem Lager der Eingeborenen im Hautauethale aufgehalten, diesem den
Brief selber zu übergeben und seiner Sorgfalt zu empfehlen. Sie hatte
René darüber beruhigt und ihm versichert, daß er seine Frau dann bald
hier erwarten dürfe. Ein Zimmer für sie war schon hergerichtet worden.
Am andern Morgen kam Madame Belard früher als sonst zu dem Kranken,
seinen Verband zu wechseln, was sie jetzt immer selbst besorgt, und
sagte freundlich, aber mit einer gewissen ängstlichen Besorgniß im
Blick:
»Delavigne, ich bringe Ihnen heute lieben Besuch -- werden Sie sich
kräftig genug fühlen ihn zu empfangen.«
»Fräulein Lewis?« sagte René mit leiser fragender Stimme, und er fühlte
wie ihm das Blut in die Wangen stieg.
»Susanna ist schon seit gestern wieder zurück -- die Jeanne d'Arc sollte
übermorgen segeln, hat aber heute wieder Gegenordre bekommen und
soll bis zur Ankunft der =Reine blanche=, die wir täglich von den
Marquesas-Inseln her erwarten, liegen bleiben, wahrscheinlich Depeschen
des Admirals mit nach Europa zu nehmen. =Du Petit Thouars= scheint zu
Hause gern den Sieg über die Eingeborenen zugleich anzeigen zu wollen,
und das hartnäckige Volk will sich noch immer nicht besiegen lassen,
und hält sich unverdrossen in den Bergen in einer fast uneinnehmbaren
Position.«
»Und Fräulein Lewis?«
»Kann doch unmöglich so lange hier im Haus bleiben« fuhr Madame Belard
mit einem freundlichen Lächeln fort, »ohne sich selber von Ihrer
Besserung zu überzeugen -- wollen Sie ihr erlauben?«
»Madame, wie können Sie so grausamen Spott mit mir treiben« rief René,
»erlauben -- drängt es mich denn nicht ihr selber für ihre Theilnahme
danken zu können?«
»Gut, ich schicke sie Ihnen, ich muß überdieß einmal hinüber zu Brouats,
die jetzt in einem prächtigen Zustand leben; Alles gepackt und jeden
Augenblick erwartend an Bord gerufen zu werden, existiren sie jetzt fast
auf Indianische Weise, und ich habe ihnen nur indessen wenigstens das
Nothdürftigste geborgt, damit sie noch essen, trinken und schlafen
können.«
»Und Susanna?«
»Wird gleich erscheinen, aber -- halten Sie sich hübsch ruhig --
sprechen Sie so wenig wie möglich, und lassen Sie die junge Dame lieber
erzählen; das wird Ihnen die Zeit vertreiben. Außerdem, wenn Sie etwas
nach Europa zu schreiben haben, können Sie ihr diktiren -- es wird
jedenfalls die nächste Gelegenheit sein. Ich habe meine Briefe auch
schon fertig. Doch nun ade, in einer Stunde, denk' ich, bin ich wieder
bei Ihnen.«
Sie verließ rasch das Zimmer und René lag mit klopfendem Herzen und
ängstlich schlagenden Pulsen, die Ankunft des Mädchens zu erwarten, das,
er konnte es sich nicht mehr verhehlen, einen so gewaltigen Eindruck
auf ihn gemacht. Mit jedem Tage hatte er dabei ihre Rückkehr sehnlicher,
heißer erhofft, je mehr er alle diese Gefühle in seinem Inneren
verschließen mußte, ja fast _gefürchtet_, indem er sich nach und nach
alles dessen bewußt wurde, was Pflicht und -- Ehre -- er wagte kaum noch
die Liebe zu nennen -- ihm entgegenstellten.
Sadie -- oh hätte er nie Tahiti betreten, nie in diese Augen geschaut,
die jetzt den _vergifteten_ Pfeil in seiner Brust zurücklassen mußten,
ob sie sich selber gleich von ihm abwandten auf ewig. Sadie -- er barg
das bleiche Antlitz fest in der linken Hand und bitterer Vorwurf füllte
ihm mit unendlichem Weh das Herz. Und dennoch, dennoch kämpfte das
zauberschöne Bild dagegen an, und rang sich dort Bahn das Heiligste zu
stürzen, das er so sorgsam, so freudig in tiefster Brust einst gepflegt.
Sadie -- arme Sadie; -- aber noch war Rettung möglich; noch wenige
Wochen, Tage vielleicht und das Schicksal selbst, das ihn -- die eigne
Brust hatte da keinen Vorwurf -- dem machtlos in die Bahn geschleudert,
was er gefürchtet, was er meiden wollte -- trennte ihn wieder von jenem
kalten, schönen Bild und hob den Zauber -- gab ihn wieder frei. Er
kehrte dann zurück nach Atiu, abgeschlossen lag hinter ihm die Welt,
und in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht, wollte er vergessen daß er ein
Leben weggeworfen an einen Traum -- so schön der auch gewesen. Und die
Erinnerung? -- doch was sich nutzlos quälen mit zukünftiger Zeit -- die
Erinnerung _dann_ war Gegenwart _jetzt_, und wenn -- ha, ein leichter
Schritt auf der Verandah draußen -- das klopfende Herz drohte ihm die
Brust zu zersprengen, der Thürgriff drehte sich leise im Schloß -- aber
noch öffnete sich die Thür nicht und die Sekunden wurden zu Minuten.
Er wollte rufen, aber er vermochte es nicht; die Zunge klebte ihm am
Gaumen, und als er die Augen schloß, und bleich und erschöpft auf sein
Kissen zurücksank, fühlte er mehr als er hörte daß Jemand das Zimmer
betrat, und sich fast geräuschlos seinem Bette näherte.
Es war Susanna -- schüchtern und ängstlich nahte sie dem Lager, und ihr
Blick haftete in Schmerz und Mitleid auf den weh durchzuckten Zügen des
Leidenden.
»Er schläft« flüsterte sie vor sich hin, und wollte sich, so geräuschlos
wie sie jetzt gekommen, wieder zurückziehn als er die Augen öffnete, und
sein leises »Susanna« sie an die Stelle bannte auf der sie stand.
»Monsieur Delavigne.«
Der junge Mann streckte schweigend die Hand nach ihr aus, und sie
reichte ihm die ihrige.
»Und haben Sie sich so lange meinem Dank entzogen?« sagte er endlich,
mit sanftem Vorwurf im Ton und mühsam den Seufzer zurückpressend, der
ihm die Brust heben wollte, »war das recht von Ihnen?«
»Wie ist Ihnen jetzt, fühlen Sie sich leichter, wohler?« frug die
Jungfrau ausweichend -- »Sie sehen noch recht bleich und angegriffen
aus!«
»Mir ist wohl jetzt, unendlich wohl« rief der Kranke -- »und doch auch
wieder recht weh« setzte er dann mit leiserer Stimme hinzu -- »die Wunde
sitzt zu tief.«
»Die Zeit wird sie heilen, René« hauchte Susanna, und wandte das Antlitz
halb ab von ihm, die eigene Bewegung zu verbergen; aber ihre Hand
zitterte in der seinen. René schüttelte langsam mit dem Kopf -- er
wollte reden, aber er fürchtete dem Gefühl Worte, Ausdruck zu geben.
Noch hielt ein schwacher Damm die mächtig in ihm glühende Leidenschaft
zurück, noch schlummerte das gefährliche Geheimniß, ob auch von Beiden
gekannt, doch unausgesprochen in ihren Herzen -- den Damm einmal
durchbrochen und die Folgen waren nicht mehr zu berechnen, die Fluth
dann nicht mehr zurück zu drängen.
Susanna fühlte das ebenfalls, und wenn sie auch früher in fast
muthwilliger Lust der Bande gespottet hatte, die den jungen Mann, für
den sie kaum ein flüchtiges Interesse fühlte, an ein Wesen fesselte das
schon, ihren angewurzelten Begriffen nach, in seiner Abstammung so
tief unter ihnen Beiden stand, so schien es als ob jetzt ein reineres,
besseres Gefühl die Oberhand gewinnen sollte. Sie hatte gesiegt
-- vollständiger als sie es je erwartet, sich je bewußt gewesen zu
erstreben, aber auf das _eigene_ Herz dabei vergessen, der eigenen
Stärke zu viel vertraut, und mit dem Wunsch dem Freunde Schmerz zu
sparen, mischte sich jetzt die Furcht der eigenen Schwäche.
»Sie sind Capitain geworden« lächelte das Mädchen endlich, das zuerst
die Fassung wieder gewann, mit einer eigenen Mischung von Stolz
und Schmerz, und fest entschlossen dem Gespräch jetzt eine andere,
gleichgültigere Richtung zu geben. -- »Sie müssen aber auch wirklich mit
einer ordentlich rasenden Tapferkeit gefochten haben. Monsieur Bertrand
konnte uns nicht genug davon erzählen.«
»Bertrand ist mein Freund« lächelte René, dem sich mit der Wendung des
Gesprächs eine Centnerlast von der Brust wälzte -- »es hat ihm selber
Freude gemacht etwas Günstiges über mich zu sagen, und da mag er wohl
übertrieben haben. Ich that nicht mehr als alle Kameraden.«
»Dem ist doch wohl nicht so; man behauptet sogar, nur Ihrem ungestümen
Angriff sei es zu danken, daß man im Stande gewesen wäre die Wilden von
der Erstürmung des Arsenals abzuhalten, dessen Resultat dann furchtbar
hätte sein müssen, da die Eingeborenen, mit keiner Idee von der
entsetzlichen Wirkung und Macht des Pulvers, jedenfalls auf das aus
trockenem Bambus bestehende Gebäude gefeuert hätten.«
»Toll genug wären sie dazu gewesen« lächelte René -- »aber hat man keine
weitere Nachricht von ihnen? ich habe doch heute Morgen wieder schießen
hören -- was bedeutet das?«
»Ihre Landsleute beabsichtigten heute einen neuen Angriff auf ihre
Befestigungen« erwiederte Susanna, »aber man verzweifelt hier selber
an dem Erfolg, denn durch die früheren Verluste gewitzigt, haben die
Insulaner jetzt eine Stellung eingenommen die fast unnehmbar scheint,
und sicherlich noch viele Leben kosten wird, wenn nicht ein günstiger
Zufall vielleicht, oder Verrath, die Schlüssel dazu in ihre Hände
spielt. Sie sehen aber recht angegriffen aus, Delavigne, Sie brauchen
Ruhe und ich fürchte ich habe Sie durch -- mein Schwatzen nur mehr
aufgeregt. Ich lasse Sie jetzt allein, aber so lange ich noch hier bin
-- und bis nicht liebere Hände kommen mir das Amt abzunehmen« -- setzte
sie leiser hinzu -- »gestatten Sie mir wohl wieder daß ich Ihre Pflege
übernehmen darf. Es ist ja doch nur noch so kurze Zeit die wir zusammen
sind, und ich möchte wenigstens mit der Beruhigung von hier scheiden,
daß Sie Ihrer Genesung rasch entgegen gehn.«
»Die Fleischwunde wird heilen« sagte René düster.
»Und mit der erstarkt auch der Geist« fiel rasch Susanna ein; »glauben
Sie mir, René, so lange der Körper nicht gesund ist, scheint uns die
Sonne selbst matt und trüb, und das Leben oftmals eine Last; doch mit
dem gesunderen Blut kehrt Muth und Freudigkeit in unser Herz zurück. So
schlafen Sie wohl jetzt, und mögen freundliche Träume ihrem Geist die
Stimmung geben die er braucht -- wenn Sie sich gestärkt haben, kehr ich
zu Ihnen zurück -- gute Nacht!« und mit freundlichem Kopfnicken die Hand
ihm entziehend, die sich leise wieder der seinen gefügt, glitt sie aus
dem Zimmer, den Kranken sich selber und seinen Gedanken, seinen Träumen
überlassend.
Susanna übernahm jetzt wieder das Amt als Renés Wärterin, jede Stunde
fast die Ankunft der Reine-Blanche erwartend, die dann in kurzer Zeit
die vollständig zum Auslaufen bereite Jeanne d'Arc entsenden konnte;
aber sie vermied von da an allein mit dem Kranken zu sein, und was sie
zusammen reden konnten betraf nur gleichgültige Gegenstände. Auch einen
Brief hatte René mit Adolphes Hülfe, dem er ihn diktirte, nach Atiu
geschrieben, Sadie von seinem Unfall in Kenntniß gesetzt, und sie
gebeten den rückkehrenden Missionscutter zu benutzen und mit dem Kind
zurück nach Papetee zu kommen, wenn sie sich seinetwegen ängstige;
aber es gehe besser mit ihm und er hoffe selber doch, wie ihm der Arzt
gesagt, spätestens in drei bis vier Wochen dessen Sorge entbehren und
hinüber zu können, wo ihn der Gattin Pflege bald wieder herstellen und
gesund machen würde. Er entschuldigte sich dann auch, trotz Adolphe's
Kopfschütteln, bei Sadie, daß er selber die Waffen aufgegriffen
gegen ihre Landsleute; aber sie hatten ihn dazu gezwungen, es war in
Selbstvertheidigung gewesen, und er blieb nicht Soldat, sondern kehrte
nach Atiu zurück.
Mit dem Brief wurde ein junger Bursch in das Missionshaus geschickt,
einen der Ehrwürdigen Herren dort, der gerade nach Atiu hinüberging,
zu bitten ihn richtig zu besorgen, und womöglich die junge Frau selber,
jedenfalls aber eine Antwort zurück zu bringen.
Mr. Rowe, der sein früheres Amt wieder aufgenommen, und eben im Begriff
stand sich nach Atiu einzuschiffen, erhielt Brief und Botschaft.
»An Madame _Sadie_ Delavigne« sagte er, mit zusammengezogenen Brauen die
Adresse des Schreibens lesend -- »und der Brief wurde Dir für _mich_ von
Herrn Delavigne gegeben?«
»Für den Mitonare der nach Atiu ging« sagte der Bursch etwas bestürzt;
»wenn es nicht recht ist nehm ich ihn wieder mit.«
»Es ist recht« sagte der Geistliche ruhig nach kleiner Pause, »der Brief
ist in guten Händen -- und ist der Verwundete bald wieder hergestellt?«
»=Ai ta vau i ite, mi to na re=« antwortete der Insulaner achselzuckend
-- »er liegt noch im Bett -- böse Wunde.«
Der Geistliche nickte nur mit dem Kopf und der Eingeborene, der schon
deshalb eine gewaltige Furcht vor dem Protestantischen Missionair
hatte, weil er selber in einem katholischen Hause lebte, und sich seinen
Landsleuten in den Bergen nicht angeschlossen, ließ sich den Abschied
nicht zweimal gesagt sein, und schoß wie der Blitz zur Thür wieder
hinaus und in's Freie.
* * * * *
Zwei Wochen waren solcher Art vergangen; René's Wunde hatte sich so weit
gebessert, ihm das Aufsein wieder zu gestatten, aber die stattgehabte
Entzündung seinen Arm so gelähmt, daß er noch nicht im Stande war ihn
wieder zu gebrauchen. Die Kugel war ihm durch den, gerade zum Hieb
ausholenden rechten Oberarm in die Schulter gedrungen, und dabei, wenn
auch das Schultergelenk nicht verletzend, doch, ehe sie um den Oberarm
herum ging, diesen so stark berührt, daß sie neben der gefährlichen
Wunde noch eine Gehirnerschütterung hervorrief, die ihn so lange
bewußtlos auf's Lager warf, und seine Heilung dann so sehr erschwerte.
Er trug deshalb auch den Arm noch in der Binde und der Arzt, dem der
Verlauf der Wunde gar nicht recht zu gefallen schien, hatte ihn schon
einige Male versichert er bedauere Nichts mehr, als daß der junge Mann
nicht jetzt die vaterländischen Bäder besuchen könne, die ihm gewiß von
großem Nutzen sein würden. Er hoffe allerdings auf eine vollständige
Herstellung, aber er könne allerdings nicht dafür einstehn, und müsse
ihm von vornherein und ganz aufrichtig erklären, daß sich die Sache, im
allergünstigsten Fall, als sehr langwierig herausstellen würde.
Zu gleicher Zeit war der Missionscutter von Atiu zurückgekehrt, hatte
aber nur einen der Eingeborenen Mitonares von einer anderen Insel der
Cooksgruppe und sonst nicht einmal einen Brief von Sadie mitgebracht,
deren Schweigen sich René nicht zu erklären vermochte, und das ihn
beunruhigt haben würde, wenn er nicht selber beabsichtigt hätte jetzt
bald selber dorthin zurück zu kehren. Ihm blieb keine andere Wahl und
er fing schon an, die Zeit herbei zu sehnen, die ihn endlich der jetzigen
Qual entheben und Ruhe -- o so heiß ersehnte Ruhe bringen solle.
In diesen Tagen wurde ein Dampfer, von Osten kommend, signalisirt --
noch an dem nämlichen Abend lief er in dem Hafen ein und brachte die
Post von Frankreich -- Briefe aus der Heimath.
Briefe aus der Heimath -- oh wie der Klang dem Herzen des fremden,
wegemüden Wanderers so wohl thut; Briefe aus der Heimath. -- Die lieben,
so lang entbehrten, und doch so oft herbeigewünschten Züge theuerer Hand
-- die herzlichen Worte derer, von denen wir so lange geschieden, und
die noch mit so inniger Liebe unserer gedenken -- die wieder und wieder
ausgesprochene Bitte heimzukehren -- heim in offene Arme, an treue
Herzen. Und dann die heimischen bekannten Namen, die wie der Klang von
Kirchenglocken uns ernst und feierlich die Brust durchziehn -- ach es
ist ein frohes, ein seliges Gefühl, und selbst die fremde Welt die uns
gerade umgiebt, nimmt in dem Augenblick der Heimath Farben an, und glüht
und lacht, als ob daheim die Sonne, ein Frühlingsgruß dem Heimgekehrten,
auf vaterländische Matten ihre milden Strahlen werfe.
Wie freudig blitzten an dem Tage die Augen aller der Glücklichen denen
ein Brief geworden; wieder und wieder wurde er gelesen, geküßt und
wieder gelesen, und der Inhalt dann ausgetauscht mit Anderer Reichthum.
Nur Einer, von alle diesen saß still und in sich gekehrt, unzufrieden
und schwermüthig auf seiner Stube, den Kopf sorgenvoll in die Hand
gestützt, das Auge starr und bewußtlos auf die wehende Palme geheftet,
die vor dem Fenster stand, und unbeachtet ihr silbern melodisches
Rauschen in das stille Gemach flüsterte.
Es war René -- einen offenen Brief vor sich auf dem Schooß, und mit
ernsten, finsteren Gedanken das Herz erfüllt, Gedanken denen selbst der
Heimath Gruß das Bittere nicht rauben konnte.
»Daß die verdammte Kugel nicht einen Zollbreit tiefer traf, wie Adolphe
sagt« murmelte er dabei leise vor sich hin -- »jetzt wär's vorbei --
drunten im kühlen Grund läg ich still und friedlich, einer anderen
Welt entgegen zu träumen und Sadie -- beweinte mich, wie man den
Hingeschiedenen beweint und lebte glücklich unter ihren Palmen fort.
Arme Sadie -- der alte wackre Osborne hatte recht, nur daß die Warnung
damals zu spät für uns Beide kam. Da steh ich denn jetzt am Ziel von
Allem, was ich in früherer Zeit erstrebt, und bin ich glücklich? --
elend bin ich, elend. Wie das edle Rennpferd an haferstrotzender
Krippe mit zerschnittenen Flechsen liegt, das fröhliche Wiehern
der vorbeistürmenden Kameraden hört, und kein Ziel mehr hat dem es
entgegenstreben _darf_, so lieg ich hier. Vorbei die Zeit, wo es die
breite starke Brust dem Strom entgegenwarf, vorbei die frohe Zeit, wo's
mit dem Wind wetteifernd, donnernden Hufs entlang die Steppe flog --
vorbei, ein warmer Stall, eine weiche Streu, das süße Futter im Trog und
-- die Flechsen zerschnitten -- nicht einmal sterben kanns.«
»Hallo René, so trüb und traurig hier allein?« rief eine fröhliche
Stimme und Adolphe stand vor ihm -- »böse Nachrichten im Brief? Du
machst ja bei Gott gerade wieder ein solch Gesicht, als wir zusammen
vorn auf der Back des Delavare standen; willst wieder desertiren?«