einen solchen Angriff zurückgeschlagen, bei dem in der That nur ein
glücklicher Kartätschenschuß den Ausschlag gegeben, der den dicksten
Haufen der Feinde traf, und furchtbare Verwüstung zwischen ihnen
anrichtete. So vollständig waren sie dadurch überrascht worden, daß sie
selbst ihre Todten auf dem Platze ließen, so schnell als möglich
die Büsche wieder zu erreichen. René und Adolphe hatten hier
zusammengekämpft, und der erstere besonders sich mit so kalter
Todesverachtung dem Feind entgegengeworfen, und mit so unübertroffener
Tapferkeit gefochten, daß ihm Gouverneur Bruat, der von einem Platz
zum anderen galoppirte die Vertheidiger anzufeuern und etwa nöthige
Anordnungen zu treffen, selber das Kreuz der Ehrenlegion auf die
Brust heftete und ihn zum Capitain, an die Stelle seines gefallenen
Vorgesetzten, avancirte.
»Du bist nun einmal ein Glückskind, René« lachte Adolphe, ihm auf die
Schulter klopfend, »und Fortuna scheint Dich besonders ausersehen zu
haben.«
»Fortuna ist ein Weib, Adolphe, und unbeständig, wer kann sagen wie mich
die nächste Stunde findet und -- ich weiß wahrhaftig nicht ob ich mich
über mein unverhofftes, ungesuchtes Avancement freuen oder -- oder
ärgern soll.«
»Aergern?« lachte Adolphe -- »Gott sei Dank, das wär' eine Ursache vom
Zaun gebrochen. Aber Du hast's auch verdient, denn ich schlage _mein_
Leben auch nicht gerade so übermäßig hoch an, doch mich solcher Art
mitten zwischen die tollsten Haufen der Feinde und in Bayonnet und Speer
gerade hinein zu werfen, fiele mir nicht ein -- und ich bin _nicht_
verheiratet.«
Am anderen Ende der Stadt begann in diesem Augenblick, und ehe René
etwas erwiedern konnte, ein scharfes unregelmäßiges Schießen, dem die
Französischen Signalhörner antworteten. -- Der Gouverneur selber kam
in diesem Augenblick zurückgesprengt, und den Platz erreichend wo die
beiden Freunde standen, rief er schon von weitem:
»Herr Hauptmann Delavigne, mit ihrem Trupp vor so rasch Sie können;
unser Missionshaus ist schon genommen und es gilt jetzt, den Feind
wieder zurückzuwerfen, oder Papetee ist verloren!« -- und an den
Schanzen hinunter sprengte er, Hülfscorps noch abzuziehn, wo sie sich
irgend entbehren ließen, den bedrängten Platz zu entsetzen, während
René im Sturmschritt, die wirbelnde Trommel voran, dem bezeichneten
Kampfplatz zueilte. Und es war die höchste Zeit, denn ein wilder
Schwarm, den alten Fanue an der Spitze, hatte die Schanzen schon
genommen, die Umzäunung des erst kürzlich errichteten Katholischen
Missionshauses niedergerissen und dieses gestürmt und in Brand gesteckt.
Bertrand, der nach dem Tod des ersten Lieutenants der Jeanne d'Arc
zu dessen Stelle avancirt war, kommandirte hier, war aber durch die
wirkliche Todesverachtung der Masse, jeden Fußbreit Boden mit Schwert
und Bayonnet vertheidigend, zurückgedrängt worden, denn die ganze Macht
der Insulaner schien sie wieder auf diesen einen Punkt zusammengerafft
zu haben, während der größte Theil der Französischen Besatzung noch von
dem letzten Angriff her an der Ostseite Papetees stand.
Hoch auf loderte die Flamme aus dem, aus leichtem Fachwerk gebauten
Missionshaus in die stille Luft, und leckte und nagte an den, wie
ängstlich die langen Blattarme zurückwerfenden Palmen, deren Kronen
sie dörrte; und hinein in das Prasseln des Holzes und das Wirbeln der
Trommeln, hinein in das Knallen des Kleingewehrfeuers und Schmettern der
Signalhörner, mischte sich das Jubelgeschrei der Eingeborenen, die hier
von Pompey auf der rechten, von Fanue auf der linken Flanke geführt,
während Utami selber das Centrum befehligte, in wildem Siegestaumel
die Feinde aus einer Hecke der Gärten in die andere trieben, und wie es
schien, sich zu dem Platz durchschlagen wollten, wo die Feranis eine Art
Arsenal angelegt, und einen ziemlichen Vorrath von Munition und Waffen
aufgestellt hatten.
Dicht vor dem Arsenal, in dem Grundstück eines der eingeborenen Richter,
der sich auf Seiten der Feranis erklärt, hinter einem festen Zaun von
gespaltenem Holz, der ihnen als Brustwehr diente, hielten die Franzosen
wieder Stand und vertheidigten sich mit verzweifelter Tapferkeit gegen
die Uebermacht. Viele der Eingeborenen, wie Ule der Richter selber,
fochten in ihren Reihen, denn sie wußten recht gut daß gerade sie zuerst
verloren gewesen wären, wenn die Insulaner die Feranis schlugen. Da
brach Fanue von der Rechten zuerst durch den Zaun; von zwei Bayonnetten
getroffen schlug er die Feinde trotzdem zu Boden, und auf Ule
zuspringend, während die Seinen nachpreßten und die Aufmerksamkeit der
Soldaten von ihm ablenkten, faßte er, seine Waffe fallen lassend, den
verrätherischen Richter um den Leib, und trug den jetzt laut um Hülfe
rufenden mit einem Triumphgeschrei in seinen Trupp hinein. Seine Absicht
war dabei wohl gewesen ihn als Gefangenen mit in die Berge zu führen,
aber die Wuth der Seinen dachte nicht an Aufschub ihrer Rache und sein
Flehen nicht achtend warfen sie sich, selbst trotz der Einsprache
des Häuptlings, in gellendem Jubelruf auf den Gestürzten, ordentlich
wetteifernd, wer Beil oder Speer, Degen oder Bayonnet zuerst in seiner
Brust begraben solle.
Dadurch war aber ihre Aufmerksamkeit zu sehr von dem Angriff selber
abgelenkt worden; die Franzosen hatten sich wieder gesammelt und mit
Bertrand an der Spitze räumten sie noch einmal die Umzäunung. Neue
Massen preßten jedoch heran, und die wenige Mannschaft hätte den Platz
nicht länger behaupten können, wäre nicht in diesem Augenblick René
mit seiner kleinen Schaar dem schon siegestrunkenen Feind muthig in die
Flanke gefallen.
Das neue Angriffsignal von einer anderen Seite machte sie stutzen und
sie wichen dem jetzt erneuten Angriff Bertrands, nicht vielleicht im
Rücken von einer stärkeren Macht umzingelt und abgeschnitten zu werden.
Der rechte, von Pompey geführte Flügel sammelte sich aber rasch, und der
Neger erkannte kaum den Führer des kleinen Corps, als er sich ihm auch
selber entgegenwarf, mit dessen Vernichtung dem Trupp das Haupt zu
nehmen.
»Hierher, Kanakas!« schrie er mit seinem kecken gellenden Lachen, die
schwarzen nackten muskulösen Arme emporwerfend -- »hierher und der Sieg
ist unser!« und der gleich darauf gegen den jungen Franzosen mit einem
riesigen Pallasch geführte Streich hätte diesem jedenfalls verderblich
werden müssen, wenn René nicht mit einem raschen Seitensprung dem
furchtbaren Hieb entgangen wäre. Ehe sich der Coloß aber zu einem neuen
Schlage zusammenraffen konnte, und wie er eben den Arm dazu hob, fuhr
ihm die scharfe Klinge des geübten Fechters durch die Achselhöhle in die
Brust, und nachspringend faßte René in demselben Augenblick, die eigene
Klinge fahren lassend, die Hand des tödtlich Verwundeten und entwand ihr
den Pallasch, ihn jetzt blitzesschnell auf die Häupter der ihm nächsten
Feinde richtend.
So rasch und gewandt war die That ausgeführt, daß die ihm nächsten
Eingeborenen ihren Verlust erst begriffen, als der riesige schwarze
Körper vor ihnen zusammenbrach, und das kleine Häufchen der Franzosen
mit einem donnernden Hurrah und gefälltem Bayonnet wüthend auf sie
einpreßte.
Der rechte Flügel wich, und fröhliches Jubelgeschrei der Franzosen
füllte zugleich die Luft, denn aus der Bai herüber donnerte ein
Kanonenschuß, die schwere mächtige Kugel schwirrte über ihre Köpfe und
traf einen starken Brodfruchtbaum dicht unter den Wipfel, seine
breiten gewichtigen Aeste auseinanderreißend, während zugleich der Ruf
=L'Uranie, L'Uranie!= neue Hoffnung den Bedrohten brachte. Das fremde
Schiff war in die Bai eingelaufen und von seinem Heck flatterte frisch
und frei in der Brise die dreifarbige Fahne.
Nichtsdestoweniger konnte die Hülfe von dort noch immer zu spät kommen,
denn wenn auch der rechte Flügel, durch den Tod des Führers bestürzt
gemacht, dem muthigen Angriff des Feindes wich, hielt Utami noch wacker
Stand und drängte sogar mit Fanue zu gleicher Zeit auf's Neue vor, jetzt
Alles daran setzend, das Arsenal zu erreichen und ebenfalls anzuzünden.
Bertrand kam hierbei zwischen die beiden Colonnen, und der alte tapfere
Utami, seinen schweren Säbel fast eben so viel als Keule wie als scharfe
Waffe brauchend, arbeitete sich, von dem Kern der Seinen und fünf oder
sechs gut bewaffneten Europäern dabei unterstützt, mehr und mehr nach
dem Führer der Feranis durch, dem Kampf durch dessen Niederlage mit
einem Schlag ein Ende zu machen. Kleine Trupps der Franzosen langten
indessen zu gleicher Zeit auf dem Kampfplatz an, aber einzelne
zerstreute Trupps der Eingeborenen empfingen sie auch überall,
ihr Vorrücken aufzuhalten und der Hauptmacht Zeit zu gönnen das
beabsichtigte Ziel zu erreichen; René nur, jedes Hinderniß besiegend,
hatte sich endlich bis zu dem arg bedrohten Französischen Picket Bahn
gehauen, und entdeckte hier kaum den alten Häuptling, dessen Einfluß auf
die Insulaner er gut genug kannte, als er das Aeußerste daran zu setzen
beschloß, ihn gefangen zu nehmen. Kein wirksameres Mittel gab es dann,
den Frieden von den Eingeborenen zu erzwingen.
Bertrand gewahrte ebenfalls den alten greisen Indianer, der den Seinen
voran, todesmuthig seinen Weg sich freischlug, und in ihm jedenfalls
eine vorragende Persönlichkeit vermuthend, preßte er ihm entgegen und
war im Begriff einen Stoß nach ihm zu führen, als ein vor ihm liegender,
gestürzter Indianer sein Bein ergriff und ihn mit sich in demselben
Augenblick zu Boden riß, in dem der greise Utami vorsprang und den
schweren Pallasch in der Luft schwingend einen Hieb nach ihm führen
wollte.
René sah die Gefahr des Freundes, und noch während er einen der
Insulaner, der sich ihm in den Weg stellen wollte, zu Boden schlug,
schrie er in Todesangst:
»Halt Utami -- hierher Deinen Schlag -- hier der Feind!« und dem nach
Bertrands Haupt geführten Hieb in demselben Moment parirend, warf er
sich mit voller Gewalt gegen den Häuptling und schlang, seinen rechten
Arm mit der Waffe empordrängend, den linken um seinen Körper.
Ein jäher Schmerz durchzuckte ihn in dem Augenblick -- er hörte dicht
neben sich den Knall eines Pistols -- er fühlte wie der Gefangene
seinem Arm entglitt, sah, schon halb bewußtlos, die schützend über ihn
gehaltenen Bayonnette der Seinen, und brach dann besinnungslos zusammen.
Capitel 7.
René und Susanna.
Als René wieder zum Bewußtsein kam und die Augen aufschlug, lag er unter
einem hohen Mosquitonetz in einem halbdunklen Zimmer auf einem weichen
Bett und hörte, -- aber auch nur noch wie in einem Traum -- daß sich
Zwei in dem Gemach leise flüsternd mitsammen unterhielten. Er fühlte
sich dabei merkwürdig schwach und wollte, wenigstens zu sehn wo er sich
eigentlich befand, rasch den rechten Arm heben, das Mosquitonetz bei
Seite zu schieben, als ihn ein furchtbar stechender Schmerz durchzuckte,
daß er mit einem halblauten Schrei fast besinnungslos wieder auf sein
Lager zurücksank.
Das Netz wurde jetzt zurückgeschoben, Jemand nahm seine Hand, fühlte
seinen Puls und sagte nach kleiner Pause:
»Der Puls geht regelmäßiger, Mademoiselle; ich hoffe das Beste für
unseren Freund.«
»Ist er erwacht?« sagte in diesem Augenblick eine Stimme, die dem
Kranken das Blut in Fieberschnelle durch die Adern jagte, daß der
Arzt, der noch die Hand in der seinen hielt, bedenklich mit dem Kopf
schüttelte, und das Netz weiter zurück schob, die Gesichtszüge des
Verwundeten erkennen zu können.
»Hallo« rief er aber, als er hier in die Augen des forschend zu ihm
Aufschauenden blickte -- »unser Patient hat wirklich ausgeschlafen,
und sieht sich frisch und munter wieder in der Welt um. Wie geht es,
Monsieur Delavigne -- wie ist Ihnen jetzt? haben Sie Schmerzen?«
»Schmerzen? -- nein -- ja -- hier in der Schulter -- aber mir ist so
wunderbar zu Muthe -- wer ist noch im Zimmer?«
»Ihre Pflegerin, Monsieur, der Sie zu großem Dank verpflichtet sind,
denn Sie haben uns die letzten elf Tage viele Sorge gemacht.«
»Letzten elf Tage?« wiederholte René erstaunt, »aber wer ist hier?«
»Halten Sie sich ruhig, Herr Delavigne« sagte da eine leise, oh ihm nur
zu gut bekannte Stimme und wieder schoß ihm das Blut zum Herzen zurück
und ein Stich, den es ihm durch die Schulter gab, machte ihn die Zähne
fest aufeinander beißen.
»Susanna« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme vor sich hin, und ein
glückliches Lächeln legte sich über die bleichen Züge. Aber die
Erregung war auch zu stark gewesen für den geschwächten Körper, und mit
geschlossenen Augen brauchte er viele Minuten Zeit seine Kräfte wieder
zu sammeln, seine Sinne, die noch in traumhaften Bildern herüber und
hinüber zuckten, der Gegenwart fest zu halten.
Als er die Augen wieder aufschlug war er allein im Zimmer mit dem Arzt,
und dieser hob warnend den Finger, als er die auf ihn gerichteten Blicke
bemerkte und sagte freundlich:
»Sie müssen sich, wenigstens heute, noch Alles Redens enthalten,
Monsieur Delavigne; Sie sind viel zu schwach und angegriffen und können
sich durch jede Aufregung den größten Schaden thun --«
»Aber lieber Doktor --«
»Ruhe« lächelte dieser -- »ich kann mir etwa denken was Sie fragen
wollen, und werde Ihnen deshalb, um Ihre wohl verzeihliche Neugierde
zu befriedigen, einen kurzen Umriß alles dessen geben, was während den
letzten elf Tagen, die Sie nun da eingeschachtelt liegen...«
»Elf Tagen?«
»Ja wohl, heut' ist der elfte Tag --, was also in dieser Zeit
vorgegangen ist, und Sie werden manches Neue zu hören bekommen. Vor
allen Dingen, und um Sie darüber zu beruhigen, ist unsere Position hier
vollkommen gesichert und befestigt worden; noch an demselben Morgen,
an dem Sie verwundet wurden, worauf Sie sich auch wohl noch besinnen
können, kam die Uranie ein und schickte ihre Boote an Land, mit deren
Hülfe wir den Feind bald wieder zurück in die Berge trieben. Am nächsten
Tag liefen noch zwei andere Kriegsschiffe, eins von den Marquesas, eins
von Valparaiso kommend, ein und brachte Verstärkung, wie die so
nöthigen Provisionen. Die Insulaner wurden dann aber auch ohne weiteres
angegriffen und in die Berge, oder doch wenigstens aus der Nähe von
Papetee gejagt, und sie haben sich jetzt in mehren entfernteren Orten
wie Papeneeo und besonders im Hautauethale verschanzt, bis wir einmal
Zeit bekommen sie auch von dort zu verjagen.«
»Und ist Utami gefangen?« frug René.
»Utami? -- der Anführer der Rebellen? ah, das ist wohl derselbe den Sie
gefaßt hatten, als sie den Schuß bekamen? -- nein, Gott bewahre, der hat
sich tüchtig herausgehauen und Ihrem Freund Bertrand ebenfalls noch ein
Andenken über den Schädel hinterlassen, an dem er wohl noch ein
paar Monat mit verbundenem Kopf tragen wird. Schlimmer ist
Lefévre weggekommen -- von seinem kleinen Trupp ist nicht ein Mann
zurückgekehrt, und ihre Leichen lagen oben zerstreut in den Bergen; nur
von Lefévres Leiche war nicht die Spur zu finden, er müßte denn in einem
frisch aufgeworfenen und mit Blumen geschmückten Grab liegen, das wir
mitten auf dem Kampfplatz, wo die kleine Schaar überfallen worden,
entdeckten, wenn man auch nicht recht begreift, wer sich die Mühe
gegeben haben sollte, _ihn_ gerade so sorgfältig zu bestatten, während
die Uebrigen liegen geblieben waren, wie sie gefallen.«
»Aumama« flüsterte René und ein tiefer schmerzlicher Seufzer hob seine
Brust.
»Für heute haben Sie aber Aufregung genug gehabt« sagte der Arzt, seinen
Hut aufgreifend -- »jetzt schlafen Sie ein paar Stunden, sich wieder
zu erholen und ich werde gegen Abend zurück kommen und den Verband
erneuen.«
»Aber wo bin ich verwundet?« frug René mit schwacher Stimme.
»Fragen Sie wo Sie _nicht_ verwundet sind« lachte der Arzt, »Schrammen
und Beulen haben Sie am ganzen Körper, nur die Hauptsache ist der letzte
Schuß in die Schulter; doch er hat Nichts zu sagen« fügte er lächelnd
hinzu, »halten Sie sich nur ruhig und besonders fern von jeder geistigen
Aufregung -- denn körperlich bewegen können Sie sich ohnedies nicht --
und wir werden Sie bald genug wieder zusammen flicken.«
Er verließ nach kurzem Gruß das Zimmer, während René in einen leichten
unruhigen Schlaf fiel und die freundliche Hand nicht sah, die an seinem
Lager ihm Kühlung zufächelte und seinen Schlummer bewachte.
Als er die Augen wieder aufschlug war es Nacht -- ein mattes Licht
brannte im Zimmer, und neben seinem Bett hörte er die schweren
regelmäßigen Athemzüge eines schlafenden Wärters. Ihn dürstete aber
sehr und er streckte seinen linken gesunden Arm aus den Schlummernden zu
wecken.
»Hallo!« rief dieser von dem Lehnstuhl in dem er gesessen,
emporspringend, als ihn die Hand kaum berührte, »René, bist Du munter --
wie ist Dir, mein wackerer Bursch?«
»Adolphe!« rief der Kranke, »das ist freundlich von Dir bei mir zu
wachen.«
»Wie mir scheint hab' ich geschlafen« lachte der Freund -- »aber
bedarfst Du etwas?«
»Ich bin durstig.«
»Hier ist Dein Trank -- frische Cocosmilch und Himbeerwasser, das wird
Dir gut thun; und wie fühlst Du Dich jetzt?«
»Gut, sehr gut« lächelte René, »und es freut mich herzlich Dich bei mir
zu sehn.«
»Alle Deine Kameraden haben abwechselnd bei Dir gewacht« erwiederte
Adolphe, »sie haben Dich alle lieb, und die Dich noch nicht kannten,
deren Herzen gewannst Du Dir durch Deinen tollkühnen Muth. Mensch, Du
hast ein Glück das in's Aschgraue geht, und ich glaube Du könntest von
einem Kirchthurm herunter springen und kämst gesund auf Deine Füße.«
»Nennst Du den Schuß ein Glück?« frug René kopfschüttelnd.
»Wenn ich dadurch das schönste Mädchen das je mein Auge gesehn zur
Krankenwärterin bekäme, ließ ich mich hinschießen wohin Du willst«
lachte Adolphe, »und die kleine niedliche Madame Belard ist auch mehr in
Deinem Zimmer hier, wie in ihrem eignen gewesen.«
»So lieg' ich hier bei Belards?«
»Nun versteht sich, die Dich aufgenommen und gepflegt haben, als ob
Du ein Kind vom Hause wärest. Monsieur Belard hat übrigens selber mit
gefochten« fuhr Adolphe mit mehr unterdrückter Stimme und heimlichem
Lachen fort -- »oh, da sind kostbare Sachen vorgefallen, doch das Alles
erzähle ich Dir einmal später, wenn Du Dich wieder herzlich auslachen
und schütteln darfst; jetzt möcht es Dir weh thun. Schmerzt Dich Deine
Wunde?«
»Nicht sehr, aber ich kann den Arm nicht regen -- er ist doch nicht
gebrochen?«
»Nein, darüber kannst Du Dich beruhigen; doch war's ein böser Schuß und
hätte nicht dürfen einen Zoll tiefer kommen.«
»Wer weiß« seufzte René leise und schloß die Augen wieder.
Adolphe glaubte er wolle schlafen, schattete das Licht und setzte sich
leise wieder auf den Stuhl nieder, als René seinen Namen rief.
»Bist Du fort, Adolphe?«
»Nein, sicher nicht -- willst Du etwas?«
»Hast Du mit dem Arzt über meine Wunde gesprochen?« frug der junge Mann
mit leiser Stimme.
»Allerdings; ich kann Dich fest versichern daß sie, wenn auch vielleicht
ein wenig langwierig, keineswegs lebensgefährlich ist.«
René lag wieder eine ganze Weile ruhig, ohne zu antworten und frug dann
langsam:
»Und wann glaubt er daß ich werde nach Atiu hinüber geschafft werden
können?«
»Nach Atiu?« wiederholte Adolphe verwundert -- »Mensch, hast Du ein
Fieber daß Du jetzt an Atiu denkst, wo Dir der Arzt noch kaum vom Lager
darf? Wenn Dir die Fahrt auch dorthin nichts schadete, vorausgesetzt daß
ruhiges Wetter bliebe, wie wolltest Du Dich dort ohne ärztliche Hülfe
wieder erholen? -- Atiu -- ich begreife Dich nicht.«
»Aber Sadie wird sich um mich ängstigen« sagte René.
»Ich habe daran gedacht« erwiederte ihm Adolphe, »und wollte ein paar
Zeilen hinüber schreiben, es ist aber noch keine Gelegenheit dazu
gewesen, die ganze Zeit, und erst in acht Tagen, glaub' ich, soll der
Missionscutter wieder hinüber gehn.«
»Ich danke Dir, Adolphe« nickte ihm der Freund zu -- »und nun will
ich schlafen -- ich bin doch recht matt und angegriffen, und der Kopf
schwindelt mir von all dem Denken.«
* * * * *
Die Sonne stand schon hoch am nächsten Morgen, als er erwachte, und
einen inländischen Knaben an seinem Bett fand, ihm das Frühstück zu
reichen. Der Arzt war, wie ihm der junge Bursche sagte, schon dagewesen,
hatte ihn aber nicht stören wollen und versprochen, in einer Stunde etwa
wieder zu kommen.
René fühlte sich heute viel wohler und frischer als gestern; der Schlaf
hatte ihn gestärkt, und auch die Schulter schmerzte ihn nicht so sehr
wie gestern Abend.
»Darf man herein?« rief da eine fröhliche klare Stimme, als er schon
etwa eine halbe Stunde in dem wohlthuenden Gefühle schmerzloser Ruhe
gelegen und die durch die offenen Fenster strömende kühle balsamische
Morgenluft eingeathmet hatte.
»Madame Belard« rief René freudig, und die kleine muntere Frau kam mit
leichten, immer noch vorsichtigen Schritten in's Zimmer und zum Bett
des Kranken, der ihr mit einem freundlichen, dankbaren Lächeln die Hand
entgegenstreckte.
»Meine gute Madame Belard --«
»Ja, gute Madame Belard« lachte die kleine Frau halb besorgt halb
zürnend, und doch auch wieder mit ihrem herzlichen Ausdruck im Ton --
»das ist eine Wirthschaft die Einen freuen könnte. Zuerst nimmt der
junge Herr Abschied, als ob es für's Leben wäre, und wenn man da ein
paar Tage nachher noch ganz angegriffen und alterirt ist, läuft er so
lange munter und vergnügt in der Stadt herum, ohne den Fuß noch einmal
über die Schwelle zu setzen, bis er das Bischen Besinnung, was ihm
eigentlich hätte sagen sollen wo seine _besten_ Freunde wohnen,
verliert, und leblos und zerhauen und zerschossen in's Haus _getragen_
wird.«
»Sie haben recht, vollkommen recht, beste Frau« seufzte René -- »und
doch -- wie gern wär' ich zu Ihnen gekommen -- aber...«
»Ja, _doch_ und _aber_, das sind Ihre Entschuldigungen -- Sie sind
übrigens jetzt in keinem Zustand, ordentlich ausgezankt zu werden,
das verspar' ich mir, bis wir Sie wieder vollkommen wohl haben, denn
geschenkt ist es Ihnen nicht. -- Aber was Sie uns wieder in dieser Zeit
für Sorge und Noth gemacht haben kann ich Ihnen gar nicht sagen; ich
möchte nur wissen, was _Sie_ noch einmal für ein Ende nehmen.«
»Liebe Madame Belard --«
»Und Susanna hat glühende Kohlen indessen auf Ihr Haupt gesammelt; dem
Vater laufen Sie davon, und die Tochter wacht Tag und Nacht fast an
Ihrem Bett.«
Ein stechender Schmerz zuckte durch Renés Schulter -- er biß die
Unterlippe zwischen die Zähne, und wurde leichenblaß.
»Um Gott, fehlt Ihnen etwas? -- Sie haben wieder Schmerzen?« rief
Madame Belard rasch, das Mosquitonetz mehr zurückwerfend, sein Gesicht
deutlicher sehn zu können.
»Es ist Nichts -- es geht gleich vorüber« sagte René, die Augen
schließend und den Kopf halb abgewandt -- »es zuckt mir nur manchmal in
der Wunde; vielleicht liegt der Verband nicht ordentlich -- der Doktor
kommt ja nachher.«
Madame Belard nickte tief aufseufzend mit dem Kopf, erwiederte aber
Nichts und der Kranke lag mehre Minuten schweigend auf seinem Lager.
Endlich sagte er leise:
»Ich habe Fräulein Lewis eigentlich noch gar nicht gesehn, nur gehört
gestern, wie ich zu mir kam. Sie ist doch nicht krank? --«
»Krank? -- nein, aber verreist.«
»Verreist?« frug René rasch, den Kopf nach der Redenden umwendend,
»verreist? wohin?«
»Sie hat schon lange einmal wieder nach Imeo hinüber gehen wollen,
wohin ihre Freunde von Papara, der dort ausgebrochenen Unruhen wegen,
zeitweilig übergesiedelt sind; aber sie mochte Sie auch nicht allein
hier liegen lassen, so lange wir noch Nichts Gewisses über Ihren Zustand
wußten, und darüber beruhigt, und da sich heute Morgen gerade eine
Gelegenheit mit einem Französischen Dampfer bot, benutze sie dieselbe,
und hat mir jetzt nur viel herzliche Grüße für Sie aufgetragen.«
René erwiederte kein Wort und Madame Belard fuhr nach längerer Pause mit
lebendigerem Tone fort.
»Mein Mann hat auch mit gefochten, Monsieur, Sie hätten ihn nur sehn
sollen, Delavigne, mit dem langen Schleppsäbel und der doppelläufigen
Jagdflinte; er war aber wahrhaftig Feuer und Flamme und soll sich sogar
bei derselben Affaire, wo Sie die Wunde bekamen, ebenfalls ausgezeichnet
haben. Selbst Monsieur Brouard hatte sich bewaffnet und wie ich jetzt
höre, sind wir allerdings nur mit genauer Noth, und Dank Ihrer aller
Tapferkeit, dem traurigen Schicksal entgangen, von den Insulanern
besiegt und dann auch jedenfalls gemordet zu werden, denn an jenem Tage
hätten sie sicherlich keine Gnade geübt. Es ist eine seelensgute Nation,
so lange man sie in Frieden läßt und in Freundschaft mit ihr lebt, aber
furchtbar wenn gereizt, und blutdürstig glaub' ich, wie noch in den
alten heidnischen Zeiten.«
»Und wird sie lange bleiben?« frug René, noch immer den Kopf der Wand
zugedreht.