retirirenden Landsleute und zog sich mit diesen, nicht weiter als durch
einzelne harmlose Schüsse behindert, auf Papetee zurück, die andere aber
kam wenig über die nächste Umgebung der Stadt hinaus, denn ein dort im
Hinterhalt liegender Schwarm von Eingeborenen, der jedenfalls schon von
ihren Bewegungen vorher Kunde gehabt, griff sie in wilder ungebändigter
Wuth an und zwang sie, von dem Terrain und seiner Ortskenntniß
begünstigt, sich mit dem Verlust einzelner ihrer Leute, die sie nicht
einmal im Stande waren mit fortzunehmen, auf die Stadt zurück zu ziehen.
Die kleine Garnison wurde natürlich durch diesen halben Angriff
vollständig alarmirt. Die Wälle waren besetzt, die Kanonen geladen
und gerichtet, und marschfertige Patrouillen zogen hin und wieder, die
verschiedenen Punkte zu revidiren und Hülfe zu bringen wo sie Noth thun
sollte.
In dem Caffeehaus des Franzosen Victor waren eine Anzahl Officiere
versammelt, die von den verschiedenen Punkten eben Nachricht eingeholt
und ihr frugales Mittagbrod mit einem, schon selten gewordenen Glase
Claret würzen wollten. Auch René hatte sich hier eingefunden, saß aber
still und allein, die Arme auf der Brust verschränkt, das kaum berührte
Glas vor sich, und schien nur halb der lebendigen Beschreibung Adolphes
zu lauschen, der seine Abenteuer an dem Tage, das Ende des Piraten und
den von den Feinden so oft und hartnäckig bestrittenen Rückzug erzählte.
»=Diable=!« rief da Einer der älteren Officiere, »die Burschen machen
bei Gott Ernst, und wir mögen nur immer unseren Wein austrinken, denn
wer weiß ob uns nicht in der nächsten Minute die Lärmtrompete schon
wieder an unsern Posten ruft. Die Soldaten werden knapp, aber mit
den Officieren gehts noch knapper, und wenn sie noch ein paar von uns
wegputzen, können wir uns nur Unterofficiere zu dem Geschäft abrichten.«
»Wißt Ihr schon daß die Jeanne d'Arc in diesen Tagen, wenigstens in
nächster Zeit, ebenfalls segeln wird?« frug Bertrand.
»Das fehlt auch noch« riefen Andere, »dann doch sicher nicht, bis
sie uns andere Schiffe zum Ersatz geschickt; wenn man nicht hier sich
wenigstens den Rücken frei wüßte, möchte der Teufel einer ganzen Insel
voll gut bewaffneter Indianer die Stirn bieten. Springen sie uns einmal
über die Wälle und wir haben kein Schiff hier das ein paar Kugeln
herüber werfen und uns im schlimmsten Fall an Bord nehmen kann, so sind
wir alle zusammen verloren.«
»Wein her, Victor, Wein! aber rasch -- es wird uns nicht mehr viel Zeit
bleiben der Ruhe zu pflegen« rief ein junger Artillerie-Officier, der
eben das Zimmer betrat, seine Mütze auf den Tisch und sich selber
in einen Stuhl warf, »Tod und Teufel, ich glaube die Burschen machen
Ernst.«
»Was giebt's Luçon?« frugen fünf, sechs Stimmen auf einmal -- »neue
Nachrichten? -- ist Lefévre zurück?«
»Nichts zu hören von ihm und zu sehen, möchte nicht in seiner Haut
stecken« rief der Neugekommene, sich ein Wasserglas rasch voll Wein
schenkend, daß es über und auf den Tisch spritzte -- »aber einen
Gefangenen haben sie eben eingebracht, der hier in Papetee herum
spionirte und von Rüstungen spricht, die an Point Venus wie an der
östlichen Seite von hier statt finden sollen. Wir selber haben jetzt
Spione nach beiden Richtungen abgeschickt und sobald die zurückkommen
und das Ausgesagte betätigen giebt's jedenfalls Arbeit.«
»Was fehlt Dir nur heute, René?« sagte Adolphe, der sich jetzt zu ihm
gesetzt hatte und seine Hand ergriff -- »Donnerwetter Kamerad reiß Dich
heraus aus den Grillen und sei endlich einmal wieder ein Mann, denn seit
ich Dir heute von Belards erzählt, kommst Du mir wahrhaftig vor wie ein
liebesieches Mädchen. Warum hast Du überhaupt das Haus gemieden? -- sie
scheinen Dich dort lieb zu haben und es würde Dich zerstreuen.«
»Es ist vergebene Mühe, Kamerad« lachte Bertrand jetzt, der zu ihnen
an den Tisch trat, und wahrscheinlich glaubte, Adolphe habe ihm wieder
zugeredet französische Dienste zu nehmen -- »er hat den Geschmack am
Handwerk verloren, das wenigste zu sagen, und wird hier ruhig sitzen und
zusehn, während wir uns draußen mit dem Feind herumschlagen müssen, nur
unser Leben und das Dach zu vertheidigen unter dem wir schlafen.«
»So weit wird's nicht kommen« lächelte René -- froh dem Gespräch eine
andere Wendung geben zu können -- »die Eingeborenen sind gutmüthiger
Natur, und wenn Ihr ihnen nur selber Raum zum Athmen gestattet, lassen
sie Euch gern in Frieden.«
»Ja das hast Du wohl auch gemerkt?« lachte Bertrand -- »die Eingeborenen
sind gut genug, dagegen hab' ich Nichts, wenn wir eben nur allein mit
denen auch zu thun hätten; die aber, die hinter ihnen stecken, die ihnen
fortwährend in die Ohren schreien daß der liebe Gott in Gefahr wäre von
den verdammten Baptisten geschändet zu werden, und ihnen schreckliche
Geschichten vorerzählen von den Gräueln, denen ihre Seelen entgegen
gingen, wenn sie dem Feind das »Feld des Glaubens« überließen, _das_
sind die Hetzer, das die Feuerbrände, die die Gluth immer und immer
wieder auf's Neue schüren. Und wenn es _Männer_ wären, denen man mit dem
Schwert entgegengehen könnte, sollte es gehn, aber es sind _Weiber_ in
langen Röcken, straf mich Gott, die mit den salbungsvollen langweiligen
Gesichtern und den weißen Läppchen unter dem Kinn herumlaufen, und ihr
fades nüchternes Gewäsch wie eine Sündfluth um sich her ausgießen, daß
Einem ordentlichen Kerle schwach und weh wird. Demüthig und erbärmlich
thun sie dabei, verdrehen die Augen und falten die Hände, und sehen so
weich und schwammig aus, als ob ihnen Butter nicht im Mund zerginge,
aber gieb ihnen einmal die Gewalt, laß sie sich nur oben schwimmend
glauben mit einer »gläubigen Schaafheerde« unter sich, und sieh wie
ihnen der Kamm wächst. »Christliches Bewußtsein« nennen sie's dann und
noch anders, und Gesetze schreiben sie vor und Befehle; keine Kirche
ist prächtig, keine Pfründe reich genug, keine weltliche Herrschaft soll
über sie gebieten können, und keine weltliche Herrschaft giebt es dabei
in die sie nicht hinein reden möchten in all ihrer christlichen Demuth.
-- Giftkröten!« rief er mit einem leise gemurmelten Fluch, und leerte
das gefüllte Glas auf einen Zug.
»Hahahaha!« lachte ein Anderer, »Bertrand hat sich in die frommen
Männer ordentlich verliebt -- Dir haben sie's angetan mit ihrer
unverbesserlichen Liebenswürdigkeit.«
Bertrand murmelte eine Antwort zwischen den Zähnen, indeß er sich sein
Glas wieder füllte, und ging dann mit raschen ärgerlichen Schritten im
Zimmer auf und ab.
»Sie sind es auch, die die Eingeborenen immer in böse Händel verwickeln«
rief Adolphe, »und hast Du mir nicht selber erzählt, René, daß ohne
Deines wunderlichen Atiuer Freundes Hülfe, von dem ich immer noch nicht
herausbekommen kann, ob er ein Schuft oder ein ehrlicher Kerl ist -- der
Häuptling Aonui Dein Blut vergossen hätte? -- wie man aber hier überall
hört, ist gerade jener Aonui ein reines Werkzeug der Missionaire,
den weit milderen und vernünftigeren Rathschlägen Utamis gerade
entgegenarbeitend.«
»Zum Teufel, ja!« sagte René, die Stirne runzelnd in der Erinnerung
an die, so knapp gemiedene Gefahr, »des Schuftes Aonui Schuld war's
wahrlich nicht, daß ich jetzt hier noch bei einem kühlen Glas Claret
sitze, und ich glaube er war wüthend genug über meine Flucht. Wenn eins
mir auch den Degen noch einmal in die Hand drücken könnte gegen die
Indianer, wär' es die Hoffnung dem schleichenden Hallunken zu begegnen,
und ihm die Todesangst zurück zu zahlen.«
»Wer weiß, Delavigne, ob wir nicht Ihre Hülfe noch früher in Anspruch
nehmen« sagte der junge Artillerielieutnant -- »wir sind so schwach an
Mannschaft, daß wir bei einem allgemeinen Sturm der Eingeborenen
die Wälle gar nicht ordentlich besetzen, die Geschütze nicht gehörig
bemannen können, und Sie werden sich wahrlich nicht ruhig in's
Kaffeehaus setzen und ihren Wein trinken wollen, während wir draußen
nicht Arme und Köpfe genug finden können die Stadt und die Weiber und
Kinder vor dem Einbruch der wilden, und dann auch gewiß blutdürstigen
Horden zu sichern. Selbst die Herren Belard und Brouard haben heute
Morgen, von unserem prekären Stand und der Gefahr in der wir schweben
in Kenntniß gesetzt, dem Gouverneur ihre Hülfe anbieten und ihn bitten
lassen, über sie ganz zu disponiren, wie er es für gut finden würde. Sie
werden sich nicht wollen von Monsieur Brouard ausstechen lassen.«
»Ist es denn wirklich so arg?« rief René -- »ich habe nur immer
geglaubt, Bertrand und Adolphe redeten mir so zu mich wieder zum Dienst
zu bringen. Es versteht sich von selbst daß ich mich der Vertheidigung
der Stadt nicht entziehe, wenn ich einmal darin bin, selbst wenn es
nicht gälte meine eignen Landsleute mit vertheidigen zu helfen. Wird es
da nöthig sein mich erst beim Gouverneur zu melden?«
»Gewiß« sagte der Artillerielieutnant, »aber wenn Sie das wollen kommen
Sie mit mir, ich gehe in diesem Augenblick zu ihm, und weiß daß wir ihm
Freude damit machen.«
»Dann laß Dich nur mit zu mir einrangiren!« rief Adolphe, »und wär' es
nur der alten Zeiten wegen.«
»Und Atiu?« flüsterte René leise.
»Läuft Dir nicht fort« lachte der Freund, der die Worte gehört --
»Mensch, danke Gott daß er Dir die Gelegenheit förmlich in den Schoos
wirft Dich auszuzeichnen, und Dir eine Stellung hier auf den Inseln,
wenn Du denn nun einmal Dein Leben darauf beschließen _willst_, zu
erringen. Frankreich braucht solche Männer wie Dich zu seinen Colonieen,
aber suche den _Zweck_ Deines Lebens dann auch nicht blos in einer
Bambushütte und in den Armen einer hübschen Dirne -- ich bin auch kein
Kostverächter, aber ich will ein Ziel haben zu dem ich _auf_schauen
muß, eines das mir die Nerven und Adern mit Stolz und Freude füllt, dann
freut mich auch ein häuslich Glück daheim, und wahrlich nur in solchen
Verhältnissen kann ich es mir denken.«
»Ich kenne René gar nicht mehr« sagte Bertrand, »und glaube doch am Ende
die Missionaire haben's ihm angethan.«
»Hahahaha« lachten Andere, »das wäre kein übler Spaß, wenn Delavigne
Mitonare auf einer der Inseln drüben würde, und die Heidenkinder mit dem
heiligen Wasser wüsche.«
»Gar nichts so Unmögliches« sagte Bertrand, »da sind schlimmere und
wunderbarere Sachen vorgekommen in der Welt, und wenn er so fortliefe im
alten Gleis, ständ ich ihm bei Gott für Nichts.«
»Er wird Euch zeigen ob er noch fechten kann« rief aber René jetzt, dem
das Blut in Schaam und Aerger in die Schläfe stieg -- »daß ich nicht
muthwillig gegen die Eingeborenen fechten _wollte_, dafür hat ich den
guten und mir selber genügenden Grund, ich bin in anderen Verhältnissen
an diese Küsten geworfen als Ihr; aber treiben sie mich dazu, wie's mir
jetzt fast scheint, denn ihrer Güte verdank ich's nicht daß ich noch
athme, ei, dann bin ich auch meiner Verbindlichkeiten quitt und ledig,
gegen die Herren von Tahiti, und so lange ich hier noch auf der Insel
wohnen bleibe, will ich sie mir wenigstens mit helfen vom Leibe halten.
Ob ich mich dabei wie ein Mitonare oder wie ein Franzose benehmen werde,
mögen die Herren mir nachher bezeugen.«
»Bravo Delavigne -- bravo!« rief es von allen Seiten und die meisten der
jungen Offiziere sprangen auf ihn zu und schüttelten ihm die Hand; in
dem Augenblick aber tönte draußen ein Horn -- das Alarmsignal, das die
beurlaubten Officiere zurück auf ihre Posten rief, und Mützen und Waffen
aufgreifend, wurden die Gläser noch rasch voll geschenkt und geleert,
und fort stürmten sie Alle mit flüchtigem Gruß neuen Kämpfen, neuen
Gefahren, aber so sorglos entgegen, als ob sie zu irgend einem fröhlichen
Feste den lustigen Reihen, und nicht schon arg zusammenschmolzene
Schaaren dem unermüdlichen und ihnen an Zahl so weit überlegenen Feind
entgegenführen sollten.
Der Aufstand der Eingeborenen war aber in der That nicht bloßes Gerücht
gewesen, und René behielt kaum Zeit dem Gouverneur, der ihn freudig
begrüßte, als Freiwilliger vorgestellt und bestätigt zu werden, als von
Point Venus her die neue Botschaft kam, daß sich die Insulaner dort in
einer Verschanzung festgesetzt und von da hereinbrechend einzelne Häuser
der den Franzosen freundlich gesinnten Indianer niedergerissen, und die
sich ihnen entgegenstellende Patrouille zurückgeworfen hätten.
Selbst auf die Gefahr hin Papetee für den Augenblick zu sehr von Truppen
zu entblößen, mußten die Feinde aus dieser Stellung, die sie in
der unmittelbaren Nähe der Stadt hielt, vertrieben werden, und mit
wirbelndem Trommelschlag und schmetternden Trompeten sammelten sich die
Franzosen in der Nähe des Missionsgebäudes, und rückten dann in dichten
Colonnen dem Feind entgegen.
Der Platz wo sich die Eingeborenen diesmal festgesetzt, hieß Harpape und
es schien fast, als ob sie durch diese Stellung die verhaßten Feranis
nur eben aus ihren festen Verschanzungen herauslocken wollten, um sie
desto wirksamer auf ihrem eigenen Terrain bekämpfen zu können. So
hatten die Franzosen gerade die Missionsstation von Harpape erreicht
und passirt, und die ersten Colonnen waren eben in dem dicht dahinter
liegenden Orangenhain auf ihrem Weg, dem Fort der Eingeborenen zu,
verschwunden, als überall aus dem Dickicht heraus das Feuern der
Eingeborenen begann, deren Absicht jedenfalls gewesen war, die Feinde
hier zu trennen und zu zerstreuen, und dann gemeinsam zu überfallen
und zu vernichten. Das aber gelang ihnen allerdings nicht; ein scharfes
Feuer wurde auf den Busch gerichtet, der den schlauen Feind verbarg, und
von See aus warf ebenfalls ein kleiner Französischer Dampfer, der dort
auf und nieder fuhr, die Bewegungen des Militairs zu unterstützen, Kugeln
in alle Dickichte die ihm der Sammelplatz der Eingeborenen schienen.
Wild fuhren diese dann manchmal auseinander, wenn ganz unerwartet, von
einem ungesehenen, ungeahnten Feind geschleudert, eine Kugel hinein
schmetterte, mitten zwischen sie, oder wie das nicht selten geschah, den
Stamm einer gewaltigen Palme traf und splitterte, und der fruchtschwere
riesige Wipfel dann prasselnd und krachend niederbrach über die
Entsetzten.
Das Missionsgebäude lag hier mitten im Feuer, und war besonders den
Kugeln des Dampfers ausgesetzt; zwei der Missionaire deshalb, die sich
zu dieser Zeit gerade im Inneren desselben befanden, die Brüder Brower
und Mac Kean traten auf die Verandah hinaus, um die Leute an Bord
wenigstens wissen zu lassen wer sich hier aufhalte. Der Dampfer
respektirte auch das Haus der Missionaire und glitt geräuschlos vorbei,
erst auf der anderen Seite wieder sein Feuer eröffnend.
Gefährlicher schien für die beiden Männer, die in einer merkwürdigen
Verblendung, ob aus Neugierde, ob aus Furcht, oder in der That weil
sie hofften dadurch die Kugeln am sichersten von sich abzulenken, nicht
allein in dem gefährdeten Haus, sondern auch auf der Verandah desselben
blieben, das Kleingewehrfeuer der Truppen zu werden, die sich zuerst
vor den Gebäuden gesammelt hatten und nun zu einem förmlichen Angriff
rüsteten. Kaum hatten sie aber den Orangenhain wieder betreten, als auch
von dort aufs Neue ein scharfes Feuer auf sie eröffnet wurde, und
ein Theil der Truppen sprang in die Umzäunung der Kapelle oder des
Bethauses, aus dieser, die aus aufgerichteten Cocosplanken bestand,
eine zeitweilige Brustwehr zu bilden und den erwarteten Sturm der
Eingeborenen besser und nachdrücklicher abweisen zu können. Diese
kamen aber nicht, sondern begnügten sich nur mit der Vertheidigung des
Dickichts, dem Feinde nicht die Vortheile des freien Feldes zu gönnen,
und die Franzosen, des Plänkelns müde, bei dem sie nur Leute einbüßten
und dem Feind auch nicht den geringsten, wenigstens sichtbaren Schaden
zufügten, sammelten sich wieder in kleinen Colonnen, die versteckten
Insulaner jetzt ernstlich aus ihren grünen Bollwerken heraus zu treiben,
und auf ihr Hauptlager in Harpape zurückzuwerfen.
Gouverneur Bruat selber, der indessen am Missionshaus stillgehalten,
hatte die beiden Missionaire gewarnt sich dem Zufall einer
schlechtgezielten Kugel solcher Art auszusetzen, und sie zogen sich
demnach in die Hinterzimmer des Gebäudes zurück; Rufen und Schreien
draußen und das schärfere Schießen lockte sie aber auf's Neue vor, und
erst als mehre Kugeln in das Dach und die Fenster des Gebäudes selber
schlugen, wollten sie sich wieder zurückziehn -- aber zu spät. Mr.
Mac Kean hatte sich eben zum Gehn gewandt, da traf ihn eine von den
Insulanern selber abgefeuerte Kugel in den Hinterkopf, und als ihn
Mr. Brower taumeln und sinken sah und zuspringen wollte ihn zu halten,
stürzten Beide auf den Boden der Verandah nieder. Mr. Brower zog ihn
allerdings nun in das Gemach hinein und versuchte Alles ihn wieder in's
Leben zurückzurufen, aber die Kugel war tödtlich gewesen -- er athmete
noch ein paar Mal leise und -- war nicht mehr.
Die Soldaten indessen, sich wenig darum kümmernd was in der Verandah des
Missionsgebäudes vorging, warfen sich in kalter Entschlossenheit auf
den versteckten Feind, trieben ihn aus dem Schutz der Büsche hinaus
und stürmten seine Schanzen, daß er, seine Todten und Verwundeten
aufraffend, in wilder Flucht sein Heil suchen mußte. Gern hätte der
Gouverneur sie nun auch weiter verfolgt, wären ihnen nicht zu gleicher
Zeit die von Papetee herüber donnernden Kanonenschläge eine ernste
Mahnung gewesen dorthin zurück zu kehren. Aus dem Hautauethal nieder
hatten nämlich die Eingeborenen, nachdem sie Lefévre mit seiner kleinen
Schaar erschlagen, von dem leichten Siege trunken, einen tollen Angriff
gewagt, und als das Commando von Point Venus zurückkehrte, kam es eben
nur noch zur rechten Zeit, die schon zum Aeußersten erschöpfte Besatzung
von den immer und immer wiederkehrenden wüthenden Angriffen der
Insulaner zu befreien, die nur zurückgeschlagen schienen, um mit
doppelter Wuth und ungeschwächten Kräften ihre Ueberfälle zu erneuern.
Selbst der Untergang der Sonne setzte dem erbitterten Kampfe noch kein
Ziel, und die Indianer suchten besonders unter dem Schutz der Dunkelheit
einige der am schwächsten besetzten Punkte zu überrumpeln, bis ein paar
zwischen sie abgefeuerte Raketen und über sie geworfene Leuchtkugeln sie
erschreckt zurücktrieb in ihren sicheren Wald.
René hatte sich mehrfach an diesem Tag ausgezeichnet, auch ein paar
leichte Streifwunden bekommen, aber ungeschwächt dadurch dem Kampfe
Stand gehalten. Das herzliche Betragen seiner neuen Kameraden dabei
that ihm wohl; es erweckte wieder die alten fröhlichen Erinnerungen aus
früheren Tagen, früheren Zeiten, und mit dem Bewußtsein dazu, wie er
den Kampf nicht muthwillig gesucht, und eben sein eigenes Leben nur mit
vertheidigen helfe, das ihm noch gefährdet sein mußte, wäre er wieder
in die Gewalt Aonuis oder jener fanatischen Parthei gefallen, kam wieder
all der fröhliche Jugendübermuth in seine Seele, und er horchte mit
blitzenden Augen den Plaudereien der Erzählenden, von Kampf und Sieg,
Avancement und Orden -- Orden in blutiger Schlacht mit dem Säbel in der
Faust gewonnen, und nicht im Frieden behaglich eingeknöpft.
Die strengsten Patrouillen mußten aber die ganze Nacht hindurch die
Außenwerke begehn; die Posten wurden unaufhörlich revidirt, und die
Truppen warfen sich in ihren Kleidern, die blanke Waffe zum raschen
Dienst bereit, auf ihre Matten, der Nacht ein paar Stunden Schlaf
abzustehlen, und zum frischen Kampf am nächsten Morgen, an dessen Beginn
keiner von Allen zweifelte, wieder bereit zu sein.
Sie hatten sich auch nicht geirrt; mit dem dämmernden Morgen
schmetterten die Alarmhörner und wirbelten die Trommeln, das
Kleingewehrfeuer von dem, den Schanzen gegenüberliegenden Dickichten
begann schon wieder, und der Donner des schweren Geschützes von den
Wällen brach prasselnd hinein in Guiavenbusch und Orangenhain, und trieb
den Rauch in schwerfälligen Massen in der Niederung hin, sie mit dichten
Schwaden füllend.
Die Franzosen hatten die Wälle so gleichmäßig als möglich besetzt, und
der kleine Dampfer unterstützte sie dabei nach besten Kräften von der
Seeseite.
Nichtsdestoweniger gelang es mehrmals den verschiedenen Trupps bis
in das Innere der Verschanzungen zu brechen, wo sie manche der den
Franzosen ergebenen Häuptlinge und andere Insulaner erschlugen, und das
Französische Missionshaus zu stürmen suchten. In wildem unerschrockenem
Trupp, das Feuer der Geschütze wie die in ihren Reihen angerichtete
Verwüstung nicht achtend, warfen sie sich dem ihnen an Kriegskunst und
Waffen weit überlegenen Feind trotzig entgegen, und die Alarmsignale der
Französischen Truppen mußten in solchen Fällen Hülfe herbeirufen nach
den am meisten bedrohten Punkte. Glücklicher Weise für die Besatzung
versäumte der Feind solche Angriffe, obgleich zehnmal zurückgeworfen,
weil sie fast die ganze Macht der Gegner im Widerstand fanden, an mehren
Punkten zugleich zu unternehmen, Papetee wäre sonst unrettbar verloren
gewesen; hartnäckig nur blieben die Eingeborenen bei ihrer alten Art des
Angriffs und -- konnten ihr Ziel nicht erreichen.
Aber auch hierdurch wurde die kleine Besatzung mehr und mehr entkräftet;
die ewigen Stürme bald hier bald da, immer mit gleicher Wuth geführt,
während die Insulaner, Tod und Wunden nicht scheuend immer nur danach
zu trachten schienen den Feind zu treffen und zu schwächen, rieben
sie nicht allein auf, sondern verminderten auch schon merklich ihre
vertheidigungsfähige Mannschaft, und hie und da war schon der Wunsch
unter den zum Tod erschöpften Leuten, den die Officiere Mühe genug
hatten zu unterdrücken, aufgetaucht, daß sie den Dampfer heranrufen und
an seinen Bord wenigstens ihr Leben sichern sollten, bis französische
Schiffe mit Mannschaft und Provisionen ankämen und so nöthige Hülfe
brächten. Lauter wurde der Wunsch, je wilder der unermüdliche Feind
ihre Wälle stürmte, und mancher Blick der armen verwundeten und zum Tod
erschöpften Truppen suchten den fernen Horizont nach so heiß ersehnter
nöthiger Hülfe.
»Ein Segel!« wie ein elektrischer Schlag ging der Ruf durch das ganze
Lager -- »ein Segel am Horizont« -- ein Kriegsschiff das uns Hülfe --
das Verstärkung bringt -- ein Kriegsschiff das schon mit dem Namen den
kecken und übermüthigen Feind einschüchtert und zurück in seine Berge
jagt, der bis jetzt zu glauben schien die wenigen Truppen seien allein
zurückgelassen, die Insel im Besitz zu halten, und wenn sie die wieder
vertrieben oder erschlügen, wären sie auf's Neue die Herren ihres Landes.
Die Europäer mochten ihnen in der That etwas derartiges vorerzählt
haben, als aber das fremde Schiff am Horizont auftauchte, oder vielmehr,
um die östliche Landspitze her, schon in gar nicht mehr so großer
Entfernung sichtbar wurde, hielten die Eingeborenen es ebenfalls für
ein ihnen günstiges Omen, denn wenn die Franzosen hier wirklich allein
zurückgelassen waren, konnte das neueinkommende Fahrzeug kein anderes
als ein englisches sein, und einen Wetteifer galt es jetzt, die Feinde
zu werfen und zu vertreiben, ehe fremde Hülfe selber gekommen sei.
Die beiden wichtigsten Anführer der Insulaner an diesem Tag waren aber
der wilde Häuptling Fanue, und Pompey der Afrikaner, dem seine prächtige
Hautfarbe wie riesige Kraft diese Auszeichnung verschafft hatte. Pompey
besonders, während der Indianer mehr eine stille, mehr hartnäckige
Tapferkeit entfaltete, rief die ihm blind folgenden Krieger immer mit
einem wahren Jubelschrei zu neuem Angriff, und zehnmal zurückgeschlagen
und aus vielen Wunden blutend, schien ihm das Alles nur ein leichtes
fröhliches Spiel, dem er mit Singen und Lachen wieder entgegenflog.