Es war ein wunderherrlicher Morgen und der Thau, der noch im kühlen

schattigen Thal in glitzernden Perlen auf der dichten Moosdecke lag,

spiegelte in einzelnen zuckenden schillernden Lichtern den Sonnenstrahl

wieder, der sich mühsam seinen Weg durch dichtbelaubte, eng in einander

gereckte Zweige gebrochen, und wunderliche Schatten über das gelbe

feuchte Laub am Boden warf. Und die kleine blaue Eidechse mit den klaren

klugen Augen schaukelte sich auf dem schwanken Halm herüber und hinüber,

und hei wie rasch sie sich in das raschelnde Laub hinunter fallen ließ

und mit blitzschnellen Füßen über das weiche thauige Moos hinschoß, als

sie die Menschen in ihrer Nähe gewahrte, eine schmale dunkelgrüne Spur

auf die, mit schimmernden Tropfen besetzte Moosdecke ziehend. Hoch oben

aber in den Lüften, still und wie fest gebannt in der klaren ätherreinen

Luft mit den scharf und kühn geschnittenen Flügeln stand einer jener

schlanken prächtigen Fischadler, den die Seeleute den =man of wars

bird=, oder den Kriegsschiffvogel mit wirklich bezeichnendem Ausdruck

nennen, als ob er verlangend in das sonnige Thal hernieder sähe und doch

nicht wage, so keck und zuversichtlich er auch da oben durch die Lüfte

strich und sich seine Beute mit kühnem Stoß selbst aus der klaren

Fluth heraus holte, in das ihm fremde Element von Busch und Baum und

Felsgestein einzutauchen.

Lefévre hatte seinen kleinen Trupp hier wieder halten lassen; er schien

noch nicht ganz fest davon überzeugt zu sein, daß die andere Patrouille

auch den Rückwechsel erreicht habe, und die ganze Expedition hätte in

dem Fall ja scheitern können. Nach einer Viertelstunde endlich, selber

ungeduldig sein Ziel zu gewinnen, brachen sie wieder auf, ohne auch nur

dem mindesten Verdächtigen zu begegnen, und erreichten so den Eingang

des von Jim bezeichneten schmalen Thales, das hier gewissermaßen die

Abzweigung des Gebirgs in einer engen Schlucht durchbrach, und auf

dieser wie jener Seite ausmündete. Oben darin, und gegen den hier durch

ziehenden Passat durch einen breiten Felsvorsprung, wie ein vollkommen

verwachsenes und kaum durchdringbares Orangendickicht geschützt, stand

eine kleine Hütte und es hieß daß sie sich in letzterer Zeit, seit er

Papetee und die Französische Sache verlassen, Utami zu seinem Aufenthalt

gewählt habe, um von hier aus gewissermaßen die Operationen in beiden

Thälern überwachen und leiten zu können.

Hier, als sie den Bergstrom wieder durchschritten, ließ Lefévre seine

Leute auf den rollenden Felsmassen hin, die keine Spur bewahrten, einen

Theil noch weiter aufwärts rücken den Eingang zum Thal vollkommen zu

beherrschen und, falls ja ein einzelner Indianer oder ein Trupp hier

vorüber ziehen sollte, sie irre zu leiten, und befahl ihnen dann, sich

abseits vom Pfad so lange still und verborgen zu halten, bis er entweder

selber wieder zurückkehre oder ihnen das Zeichen zum raschen Vordringen

durch einen abgefeuerten Pistolenschuß gebe. Die größte Vorsicht, denn

sie hatten es mit einem schlauen Feind zu thun, machte er ihnen dabei

zur Pflicht, und er selber schlich sich dann, dem Fähndrich indessen das

Commando überlassend, auf ihm vollkommen gut bekannten Pfaden, am Berge

aufwärts, oben das Orangendickicht zu erreichen und von dort aus den

verrathenen und umzingelten Feind zu beobachten. Seine Maßregeln konnte

er dann leichter und sicherer danach nehmen.

Den steilen Hang der die Thäler von einander trennte, kletterte er so,

mit dem gespannten Pistol in der Faust, einem etwa gelegten Hinterhalt

nicht allein gerüstet entgegentreten zu können, sondern auch zugleich

das Zeichen zum Herbeistürmen der Seinen zu geben, langsam und

vorsichtig hinan; aber nicht das Mindeste ließ sich hören -- der Omaomao

flötete hier im Blüthenbusch so ruhig und ungestört, als ob noch nie der

Fuß des Fremden seinen Frieden gestört, das Heiligthum seines stillen

Waldes entweiht habe, und die schnelle raschelnde Eidechse im Laub, mit

dem Summen der Grillen oder eines einzelnen schimmernden Käfers, war

der einzige Laut, der sein Ohr traf, sein Auge aber immer rasch und

vorsichtig der Richtung zulenkte. So hatte er endlich den ersten Abhang,

der wie eine Art Terrasse an dem jetzt steil und unersteigbaren Felsen

hinlief, erreicht, und ein hartbetretener, mit bröckliger Lavamasse

gefüllter Pfad schlängelte sich hier entlang, der die Verbindung des

Hauptthals mit dem Osten der Insel unterhielt.

Rasch folgte er diesem, von keinem hindernden Dickicht mehr belästigt,

um den Rand des vielleicht noch dreihundert Schritt entfernten

Orangenhains zu erreichen, als ein kaum unterdrückter Schrei seine

Lippen trennte, denn dicht vor ihm, bis dahin aber von einem vorragenden

Felsen, an dem sie gelehnt, gedeckt, stand die Gestalt einer Frau

-- stand _Aumama_ -- sein _Weib_ und auch sie preßte erschreckt und

todtenbleich beide Hände auf das, oh wohl so ängstlich pochende Herz als

sie den Mann erkannte, der ihr das größte, schwerste Leid gethan.

»Aumama« flüsterte Lefévre bestürzt, und das Blut schoß ihm in vollen

Strömen in Stirn und Wangen, »was, zum Henker, treibst Du hier, Mädchen,

daß Du im Wald Versteckens spielst? -- wo kommst Du her und was thust

Du hier allein? oder ist noch Jemand bei Dir?« setzte er rasch, einen

forschenden Blick dabei ringsum werfend, hinzu.

»Also Du -- Du bist es« seufzte aber die Frau aus tiefster Brust,

und wehmüthig dabei mit dem Kopf nickend, ohne eine seiner Fragen zu

beantworten, ja ohne sie vielleicht gehört zu haben, »Du, der sich mit

der Waffe in der Mörderfaust in unsere Berge schleicht, neues Unheil zu

bringen dem armen, schon überdies mishandelten Lande? -- Oh was haben

wir Dir denn gethan?« setzte sie rascher und bewegter hinzu, »daß Du uns

so unablässig verfolgst -- ist es nicht genug daß Du die Ueberzeugung

mit Dir nimmst _ein_ Wesen elend gemacht zu haben auf der Welt?«

»Unsinn, Unsinn Aumama« sagte Lefévre kopfschüttelnd, »was fehlt Dir

heute Mädchen, daß Du so tolles Zeug schwatzest, Du wirst Dich ohne mich

so wohl befinden, wie Du es vielleicht nie mit mir gethan hast; aber

sprich nicht so laut, mein Herz, denn ich bin hier allein im Wald und

möchte nicht gern einem Schwarm Deiner Landsleute begegnen; sind deren

in der Nähe?«

»Was suchst Du hier? -- was willst Du bei uns? --« frug aber jetzt das

Weib, sich mit fester Hand die Locken aus der Stirn werfend und den

dunklen, thränenschweren Blick forschend auf ihn geheftet -- »was trieb

Dich mit der gespannten Feuerwaffe in der Hand hier her, wo ich, ein

schwaches unbewehrtes Weib ungehindert und furchtlos gehe? -- war es

das böse Gewissen das Dich hinaus jagte aus den sicheren Wällen Deiner

Freunde? -- ha dem entgehst Du nicht, und die Kugel, die sich tückisch

und unheilvoll in dem kleinen Rohr verbirgt -- schützt und rettet Dich

nicht vor dem.«

»Ich habe mich verirrt, Aumama« sagte Lefévre, das Pistol dabei in

Ruhe setzend und in seinen Gürtel zurückschiebend -- »ich bin vom Wege

abgekommen.«

»Du Dich verirrt? verirrt an einer Stelle« sagte die Frau ungläubig, ja

fast zornig mit dem Kopf schüttelnd, »wo wir hundert Mal zusammen

den Berg erstiegen und in das wundervolle Thal hinab, auf die weite

sonnenblitzende See hinausgeschaut? -- Es ist aber doch möglich daß Du

den Weg vergessen« setzte sie dann mit leiserer weicher Stimme und

fast wie traurig hinzu -- »vergaßest Du doch alles Andere was Du damals

gesprochen.«

»Und wohnt jetzt wirklich Utami in der alten Hütte oben, Aumama?« frug

Lefévre, der nicht allein jene Erinnerungen zu vermeiden wünschte,

sondern dem auch daran lag, jetzt zu erfahren was er wissen mußte,

wollte er nicht die Zeit hier leichtsinnig und nutzlos verstreichen

lassen.

»Was hast Du mit dem alten Haus?« sagte Aumama aber finster -- »was

kümmerts Dich, ob es bewohnt ist oder leer steht. Nein, kehre zurück

Mann in Deine Stadt -- kehre zurück zu den Deinen -- ich und die Kinder

haben Dir verziehn -- Gott hat es so gewollt, doch laß uns _unseren_

Frieden. Ich wollte mich rächen einst an Dir -- die Zeit ist jetzt

vorbei, und während ich gerade dachte daß an solcher Stelle, die der

Erinnerungen so viele und -- so wehe für mich hat -- der Zorn und Haß

die Ueberhand gewinnen müsse, stimmt es mich weich und weibisch -- gehe

fort.«

»Utami wohnt jetzt in dem Haus -- ich weiß es -- ist er allein? -- ich

möchte ihn sprechen wenn es irgend geht --« sagte Lefévre, der dem Weibe

wohl ansah daß sie mehr wußte als sie eigentlich sagen wollte.

»Du möchtest ihn sprechen? und weshalb?«

»Vielleicht bring ich ihm Frieden.«

»Oh, wer Dir trauen dürfte« sagte die Frau, tief aufseufzend -- »aber« --

setzte sie dann rascher hinzu -- »willst Du allein zu ihm gehen?«

»Ich habe nur noch einen Knaben bei mir, den ich zurückließ und erst

dann holen will.«

»Nur einen Knaben?« frug die Frau und ihre Augen hafteten scharf und

forschend auf dem scheu sie meidenden Blick des Feranis. »_Nur_ einen

Knaben? und weshalb ließest Du den zurück? hattet Ihr nicht Beide Platz

im Pfad?«

»Ist Utami allein?«

»Nein, noch ein anderer Häuptling ist bei ihm.«

»Kennst Du seinen Namen?«

»Fanue!«

»Von Tairabu« -- rief Lefévre schnell, »und hat ihn Niemand hierher

begleitet?«

»Wen wolltest Du noch?« frug Aumama lauernd, und die Augen blitzten Haß

und Eifersucht auf den Verräther.

Wäre Lefévres Auge nicht dem Blick des Weibes ausgewichen, er hätte

sich die Frage ersparen können, so aber sagte er mit erzwungener

Gleichgültigkeit, und dabei mit dem Heft seines Pistols spielend.

»Ich meinte nur ob Nahuihua, das spröde wilde Ding von Tairabu

vielleicht mit herüber gekommen wäre Dich zu besuchen.«

»Ja -- sie ist da« hauchte Aumama, und die Unterlippe leicht zwischen

die beiden Reihen ihrer perlenreinen Zähne gepreßt, die Augen fest und

forschend auf den Fragenden geheftet, stand sie da, halb abgewandt von

ihm, als ob sie fliehen wolle und doch nicht von der Stelle könne --

dürfe.

»Sie ist da?« rief aber Lefévre rasch und unbedachtsam mit

freudestrahlenden Blicken, und unwillkürlich fast machte er eine

Bewegung nach vorwärts, aber sich besinnend setzte er hinzu -- »doch

einerlei -- ich darf auch meinen Begleiter nicht im Stich lassen und muß

den holen -- leb wohl Aumama -- doch vielleicht sehe ich Dich nachher

noch wieder und -- und Mädchen, wenn Du etwas brauchen solltest -- wenn

Dir irgend etwas fehlte, was ich Dir schaffen kann -- laß mich's wissen

in Papetee, und wenn's in meinen Kräften steht, sollst Du's haben.«

Aumama erwiederte Nichts, und sah ihn lange schweigend an; wie er ihr

aber freundlich zunickte und sich wandte, den Pfad wieder zurück zu

gehn, rief sie ihm nach und sagte leise:

»Bleib hier, Lefévre -- gehe nicht wieder hinunter in's Thal. Willst

Du wirklich mit Utami sprechen und will Dein Mund Frieden bringen und

Freundschaft, so komm mit mir -- allein, wie Du da stehst und gehst. Ich

gebe Dir mein Wort, sicher sollst Du die Hütte betreten, sicher Papetee

wieder erreichen -- mit meinem eigenen Blute hafte ich Dir für das

Deine. -- Komm und ich will Dich führen, wie in früherer Zeit, und kein

Groll soll in meinem Herzen Raum haben für Dich, kein Schlag desselben

soll gegen Dich gerichtet sein.«

»Ich danke Dir Aumama, wenn ich auch Deinen Vorschlag jetzt nicht

annehmen kann; ich weiß Du bist immer gut und freundlich gewesen« sagte

Lefévre, »und es freut mich jetzt daß Du ruhig geworden und vernünftig.

Sieh, wir haben das ja auf den Inseln auch in hundert anderen Beispielen

und Fällen, daß ein Mann seine erste Frau verlassen und die jüngere

Schwester derselben zum Weib genommen hat. Wenn Du ihr nicht mehr

abredest, wird sie sich auch nicht länger sträuben, und vernünftig

sein.«

»Wer?« sagte Aumama, aber so leise, daß Lefévre wirklich nur an der

Bewegung ihrer Lippen errieth daß und was sie gesprochen.

»Nahuihua, närrisches Kind« lachte er, leise ihre Wange streichelnd,

aber sie fuhr von der Berührung zurück, als ob er ein Messer auf sie

gezückt hätte -- »willst Du ihr zureden?«

»Ja« hauchte die Frau.

»Und es soll auch Dein Schade nicht sein, Aumama« flüsterte der Mann --

»nun, nun, hab' keine Angst vor mir -- fürchtetest Dich doch sonst nicht

wenn ich Dir nahe kam. Aber ich muß fort« -- setzte er rascher hinzu,

»und meinen Kameraden holen -- sage indessen nicht daß Du mich gesehen

hast -- ich will sie überraschen.« Und mit flüchtigen Sätzen, innerlich

jubelnd über den leichten Doppelsieg dem er entgegenging, sprang er den

Pfad zurück, den er gekommen, die Bewohner der Hütte noch nicht

durch einen Schuß zu alarmiren, sondern seine kleine Schaar selber

heraufzuholen, und dann vielleicht jeden Widerstand gleich von vorn

herein unmöglich zu machen. Es war viel besser wenn das Ganze friedlich

und ohne Blutvergießen beendet werden konnte, denn die Insulaner

kämpften manchmal, besonders wenn zum äußersten getrieben, wie Rasende.

Aumama blieb allein zurück, und als seine Schritte hinter der nächsten

Felswand, um die sich der Pfad zog, verklungen waren, barg sie ihr

Antlitz in den Händen und schien den Schmerz, der ihr in wilder Qual

die Brust zu zerreißen drohte, zurückbannen zu wollen mit aller Kraft in

seine alte Veste. Aber es ging nicht -- zu viel -- zu viel war dem armen

Herzen angethan und zugemuthet, zu viel, die Thränen mußten sich Bahn

brechen endlich, hinaus in's Freie, und zwischen den zarten Fingern

quollen sie hell und perlend vor und tropften heiß und brennend nieder

auf das kühle Moos, das sie gierig auftrank, die Gramesboten.

Aber fort -- fort mit _den_ Gedanken -- mit einem Wurf ihres Hauptes

schleuderte sie die Locken aus der Stirn, die Thränen von den Wimpern,

und sich hoch und stolz emporrichtend blickte sie wild und zornig umher.

Er war fort -- fort die Genossen zu holen in feiger Hinterlist, wie

schon die ausgesandten Boten lang vorher gemeldet, und mit flüchtigem

Fuß floh sie den Pfad hinauf, der Hütte zu, von der aus jetzt rechts

und links bewaffnete Krieger hinausschlüpften -- hier an dem Hang hin,

hinter niedergestürzten Stämmen oder dichten Büschen sich bergend,

dort den Orangenhain füllend mit ihrer Schaar, und einzelne mit scharf

geladener Waffe in die Felsen vertheilt und Klippen der Bergeswand --

regungslos wie selber aus Stein gehauen, und nur in den Augen das wilde

trotzige Leben verrathend, das in ihnen kochte und trieb.

Jetzt krachten die Zweige unten, als die Schaar der Feinde leichtfüßig

und rasch den weichen Berghang emporsprang, sicherem Sieg entgegen, und

auf der Bergesspitze wieder wie vorher stand Aumama, die Hände fest

und krampfhaft auf der Brust gekreuzt, das Auge stier und thränen-, die

Wangen von Blute leer -- und jetzt? -- die Feranis stutzten und horchten

dem fremden Laut.

»=Uupa -- uupa=!« klang es leise von Kluft zu Kluft.

»Ha, die Turteltauben rufen, ein gutes Zeichen« lachte Lefévre, den

Degen aus der Scheide reißend, »und dort auch steht Aumama, ihres Wortes

getreu -- ich bringe Besuch, mein Schatz.«

»Er ist willkommen« entgegnete das Weib mit eisiger Kälte, aber ihre

Stimme drang kaum zu dem Ohr des Führers, als es ein anderer, herberer

Laut begrüßte. Ein gellender Schrei brach aus Waldesschlucht und Berg

-- das ganze Thal schien einzustimmen in den furchtbaren Ton und

mit scharfem tödtlichen Krach prasselte eine unregelmäßige Salve

Kleingewehrfeuer drein.

»Verrath!« schrie Lefévre und sprang, die blanke Waffe in der Faust,

auf Aumama zu; aber eine wilde Gestalt flog ihm in den Weg, sein Degen

splitterte an einem vorgehaltenen, seinen Hieb parirenden Büchsenlauf,

und im nächsten Augenblick traf ihn selbst das schwere Eisen an die

Stirn, daß er mit dumpfem Todesschrei zusammenbrach.

Ha, wie sie flohn -- den Berg hinab durch Busch und Strauch, ihre Waffen

lassend, wenn sie ein Busch faßte und hielt, blind und taub in den Strom

hinein, dessen schlüpfriger Grund ihnen die Füße fortriß und sie gegen

die schleimigen glatten Felsblöcke warf, bis sie sich halten konnten --

halten, um den jubelnden halbnackten Wilden am Ufer stehn zu sehn, wie er

den Speer mit gellendem Lachen in der Faust schwang und schüttelte, und

zum Todeswurf ausholend erbarmungslos in ihr Herz sandte, der Fluth die

Leiche überlassend. Nach rechts und links stoben die wenigen Menschen,

wie ein Volk aufgescheuchte Hühner auseinander -- in Verzweiflung

suchten sie an der steilen Wand emporzuklimmen, die sie zurückwarf in

die Arme der Rächer, oder den Pfad entlang mit flüchtigen Sohlen dem

flüchtigeren Feinde zu entgehn -- umsonst; Speer oder Kugel traf sie

ehe sie den dichteren Busch erreicht, oder wild tättowirte Gestalten

tauchten auch wohl, wie dicht vor ihnen aus dem Boden auf, und schlangen

mit gellendem Jubelruf ihre Arme um sie, die Entsetzten niederreißend

mit sich, bis des Verfolgers Waffe das zuckende Leben hinaustrieb mit

scharfer Wehr.

Nur Einer, von all den Anderen floh nicht und stand, den Säbel in der

schwachen Faust, die Linke drohend ein Pistol gespannt, den Rücken gegen

einen Fels gepreßt, noch ernst und trotzig da, dem Schlachten, das er

nicht verhindern konnte, keck die Stirne bietend. Es war jener Knabe,

den Lefévre erst vorher gehöhnt, und zwar mit Zügen, aus denen jeder

Tropfen Bluts gewichen war, aber keck und entschlossen blitzenden Augen,

die nur zu deutlich eher den Tod als Schande suchten.

Drei der Eingeborenen sprangen jetzt gegen ihn an, ihm die Wehr zu

entreißen und seine noch feine klare aber feste Stimme warf ihnen ein

trotziges »zurück« entgegen.

»Schont ihn!« bat Aumama, die auf ihn zu eilte, ihn zu schützen -- »es

ist nur ein Kind!«

»Aber ein ausgewachsenes!« schrie der eine Wilde, der schon Blut

gekostet -- »ergieb Dich!« und mit jähem Schwung hob er den gewichtigen

Kolben zum jedenfalls verderblichen Schlag -- da blitzte aus der

aufgeworfenen Hand des jungen Burschen ein scharfer Strahl, dem der

dumpfe Knall der Feuerwaffe folgte, und mit dem Blitz fast knickte die

riesige Gestalt vor ihm zusammen, die Waffe stürzte prasselnd auf den

steinigen Boden nieder und der Körper taumelte schwerfällig -- eine

Leiche -- den steilen Hang hinunter. Aber zu viel der Feinde waren für

die junge Hand; wohl schleuderte er dem nächsten mit glücklichem Wurf

das Pistol gerade in's Gesicht, sich dessen auf kurze Frist erwehrend,

wohl hieb die scharfe Klinge mit sicherer Hand geführt, tiefe Wunden

in den nackten Leib des Anderen, und hätten sie Alle gefochten wie das

Kind, manch Indianische Mutter würde an dem Abend ihre Wehklagen haben

singen müssen über den Körpern der Erschlagenen; doch die Kräfte gaben

aus, und wie Aumama vorsprang und der Waffen nicht achtend mit ihrem

eigenen Körper den Knaben decken wollte, traf ein Speer, von sicherer

und gewaltiger Hand geführt, die Brust des Unglücklichen, der todt

zusammenbrach, und nicht Einer von dem ganzen Trupp kehrte zurück, die

Schrecken jener Stunde zu erzählen.

»=A hi a nu=!« ein wilder Siegesschrei gellte durch die Berge und die

dunkle Schaar sammelte sich unten im Thal; von allen Seiten rannten sie

nieder, die Waffen in der Faust, und hohe trotzige Gestalten führten sie

an zum neuen Kampf. »Nach Papetee« jubelte ihr Kriegeslied in einer der

alten heidnischen Weisen -- »nach Papetee, den Feind jetzt zu treffen

mit scharfer Waffe -- nach Papetee!« und die Erschlagenen zurücklassend

wo sie ihr Geschick erreicht, zog die Schaar, anwachsend aus jeder

Schlucht, wo andere Trupps in Versteck gelegen, das Thal hinab, dem

einstmaligen Sitz der Pomaren zu, den Feind hinaus zu treiben oder zu

vernichten.

Und bei den Todten allein blieb Aumama, das arme junge Weib; mit leisem

scheuen Gang schritt sie zwischen den Erschlagenen hin -- schaudernd

wenn das warme Blut ihre Sohle netzte, und die Augen mit der Hand

bergend vor dem entsetzlichen Anblick -- zu der Stelle zurück, wo der

Mann lag der ihr einst Treue geschworen, und deren Bruch mit seinem Tod

gezahlt.

Todt -- allmächtiger Gott wie lag das Haupt jetzt zerschmettert, das sie

auf ihrem Schoos so oft gewiegt -- und diese Lippen, die sie tausend und

tausend Mal geküßt, so blutig -- so kalt und blutig. Arme, arme Aumama,

mit dem Tod des Mannes war auch der Haß, die Rache hingestorben, und

bitter klagend saß sie bei der Leiche -- sich selbst beweinend und die

armen, verlassenen Kinder.

Mit der gebrochenen Waffe des Geliebten grub sie dann ein Grab; sie

stach die lockere Erde auf und warf sie, mühsam und beharrlich mit den

Händen hinaus -- Stunde nach Stunde, und ohne Klagelaut. Von duftigem

Fern pflückte sie dann ein Lager, weich und reinlich, und breitete es

aus in der schmalen Gruft, und ihre Thränen flossen heiß darauf, und wie

die letzte Ruhestätte ihm, der sie so unsagbar elend gemacht, bereitet

war, trug sie, die letzten Kräfte anspannend, allein die Leiche hinein

in ihr einsam Bett, deckte das blutige entstellte Antlitz mit ihrem

Schultertuch und breitete Blumen und Blüthen über den Entschlafenen.

Unten vom Strand aus donnerten die Feuerschlünde der Feranis, und der

Schall brach sich dröhnend sein Echo aus den steilen Schluchten, aber

sie hörte es nicht; an dem offenen Grab saß sie, in Schmerz versunken

und dachte der schönen Zeit zurück, die sie mit dem Gerichteten verlebt

-- was er gefehlt, was er verbrochen -- sein Tod hatte das Alles

gesühnt; mit dem Blut war die Schuld fortgewaschen von seiner Seele und

nur der Geliebte lag ihr noch da, der Hingeschiedene -- der Vater ihrer

Kinder, das Ein, das Alles des armen Weibes. Oh wie hatte sie ihn so

glühend gehaßt als er sie verließ der eigenen Schwester wegen, wie hatte

ihr Herz so heiß und wild nach Rache gedürstet, an dem Verräther --

und jetzt? der Haß war hingeschmolzen wie der Brandung Welle am starren

Riff, hoch drohend und Verderben sprühend in ihrem Anprall, und das

Ziel erreicht -- zerfließend wieder in klare ruhige Fluth mit tausend

blitzenden Thränenperlen nur auf der glatten Fläche.

Arme, arme Aumama -- und wie sie sich über das Grab hinüberbog sang sie

mit leiser Stimme die Todtenweise ihres Stammes, das letzte Joranna dem

Hingeschiedenen.

»Die Sonne blitzt auf Dich herab,

Und Du bist todt.

Sie scheint Dir in das offne Grab

Und Du bist todt.

Die Vögel singen rings im Laub --

-- Du hörst sie nicht -- Dein Ohr ist taub

Joranna, Lieb, Joranna.

Ich ruhte einst in diesem Arm,

Und Du bist todt.

Ich lag an diesem Herzen warm,

Und Du bist todt.

Du hast mich schwer, ach schwer betrübt,

Doch heißer hab ich Dich geliebt

Joranna, Lieb, Joranna.«

Capitel 6.

Der Angriff auf Papetee.

Durch das Absegeln zweier Kriegsschiffe nach den Marquesas-Inseln war

die französische Macht in Papetee sehr geschwächt worden, und in der

That fingen auch an Provisionen zu fehlen, da die feindlich gesinnten

Eingeborenen nicht allein keine Produkte mehr einbrachten, sondern

auch die den Feranis freundlich gesinnten daran verhinderten, und nicht

selten Einfälle selbst in die Stadt machten, ihre Häuser zu zerstören

und ihre Fruchtbäume nieder zu schlagen oder zu tödten. Die Befestigung

von Papetee selber war ziemlich gut und stark, aber zu ausgedehnt für

die jetzt schwache Besatzung; die verschiedenen Bastionen konnten nicht

alle gleich stark vertheidigt werden und es war hier wirklich mehr die

Furcht die der Eingeborene vor den Kanonen der Feranis hatte, auf die

sich der kecke Leichtsinn, ja die Tollkühnheit derselben verließ, mit

wenigen hundert Mann, nicht einmal aller Bewohner in Papetee sicher, dem

Angriff der ganzen Insel begegnen und ihren keineswegs so unbedeutenden

Waffen Trotz bieten zu wollen.

Ein Handstreich war möglich, und zwar durch die Gefangennahme der

Häuptlinge, denn in dem Volke selber lag kein rechter Trieb zum

Widerstand, -- wie sie gleichgültig die fremde Religion angenommen,

würden sie es auch mit der Regierung gethan haben, wären die Eroberer in

den einzelnen Stellen nicht eben zu schroff aufgetreten, und hätte die

zugleich bedrohte Religion nicht durch ihre Priester stacheln helfen,

dem sich der Häuptlingsstolz dann beigesellte. Eine wirkliche Schlacht,

wo sie nicht unbedingt nöthig war, mußten die Franzosen aber jetzt

sorgfältig vermeiden, denn jeder Mann den sie verloren schwächte ihre

kleine Garnison um einen wichtigen Theil, und gab den Feinden größeren

Muth und Selbstgefühl; ja der Gouverneur bereute schon fast die

Expedition hinaus gesandt zu haben, selbst solchen Zweckes wegen, und

sandte in einer Zeit, wo er glauben konnte daß sie ihr Ziel erreicht

haben mußten, und die Aufmerksamkeit der Insulaner vielleicht noch

mehr dadurch von ihnen abgelenkt wurde, zwei stärkere Trupps nach, die

Patrouillen in ihren Bewegungen zu unterstützen, oder ihren Rückzug

wenigstens zu decken.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band · 第 10 / 17 段