»ich selber aber hätte nichts Besseres verdient, wenn ich eine so
kostbare und nie im Leben wiederkehrende Gelegenheit jetzt unbenutzt
vorübergehen ließe. _Noch_ bin ich in Euerer Gewalt und Ihr könnt mich,
ehe meine Beschützer herankommen, tödten, soll das aber Jemand fürchten,
der jetzt die Wahl hat zwischen einem raschen Tod und dem Galgen? --
bah, soviel für Euere Macht --« und er schnalzte mit dem Finger. »Doch
Dienst gegen Dienst« fuhr er dann fort, als er sah daß der Bootsmann das
Tau das ihn hielt nur rascher und entschlossener packte -- »Ihr seht daß
Ihr, wenn entdeckt, diesem hier vor uns lagernden Trupp nicht entgehen
könnt, während ein einziger Schuß, hier abgefeuert, neue Feinde
vielleicht noch von jeder anderen Seite herbeiruft, die Euch den Weg
nach Papetee zurück mit leichter Mühe abschneiden und Euch ohne große
Gefahr für sich selber, aus dem Dickicht heraus einzeln wegschießen
könnten.«
»Und wenn sie mir die Glieder stückweis vom Leibe rissen« knirschte der
Bootsmann zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch -- »erst seh ich
_Dich_ hängen Bestie, und dann mögen sie machen mit mir was sie wollen.«
»Noch habt Ihr einen Ausweg« sagte Jim ohne sich im Mindesten aus seiner
Fassung bringen zu lassen -- »Dienst um Dienst; laßt mich frei, und ich
verspreche Euch, daß ich hier still und regungslos liegen bleiben will,
bis Ihr außer jeder Gefahr die Wälle von Papetee sicher und unbelästigt
wieder gewonnen haben könnt.«
»Daß sie nachher in Papetee mit Fingern auf uns wiesen« zischte Adolphe
mit fest zusammengezogenen Brauen -- »thue Dein Schlimmstes Schuft, aber
beim ewigen Gott, ehe ich Dich lebendig aus meinen Händen ließ, hing ich
Dich selber an die nächste Guiave hier. Und nun zurück von da oben, wir
haben ohnedies schon Zeit genug versäumt, und hältst Du Dich ruhig, will
ich Dir versprechen mein Möglichstes in Papetee zu versuchen Deinen Hals
frei zu bekommen; aber kein Wort weiter und jetzt marsch.«
»Das Anerbieten ist freundlich genug« sagte Jim, »aber da weiß ich ein
Besseres --« und ehe der Bootsmann, der das Tau noch fest in der Hand
hielt, nur eine Ahnung davon hatte, warf sich der Gefangene, das ganze
Gewicht seines Körpers in den Sprung legend, durch den Busch hindurch,
den steilen Abhang, an dessen Rand er stand, hinunter. Er würde auch
jedenfalls seinen Zweck und den Boden unten erreicht haben, wo er
höchstens von den kaum sehr gefährlichen und ihm sicher gleichgültigen
Kugeln auf kurze Zeit bedroht blieb, denn der Seemann, der einen Sprung
dort hinunter für ganz unmöglich gehalten, stand keineswegs fest genug
sich dagegen zu stemmen und wurde im Nu von dem Gewicht des schweren
Mannes zu Boden gerissen; aber das Tau das er um die Hand trug hakte
glücklicher Weise in eine der dort gerade vorragenden starren und zähen
Guiavenwurzeln, und der Ire fand sich im nächsten Augenblick, an den
Armen aufgehangen, schwebend an der Klippe.
»Hülfe -- Hülfe!« gellte dabei, jetzt zum Aeußersten getrieben, sein
wilder Schrei durch den Wald, und die dort gelagerten Eingeborenen
sprangen, ihre Waffen aufgreifend, rasch in die Höh' und heran --
»Hülfe! Hülfe!«
»Teufel verdammter!« schrie aber Adolphe, sein Pistol aus dem Gürtel
reißend und an den Rand der Schlucht springend, während der Bootsmann,
der durch das Gewicht des Gefangenen niedergeworfen war, das Tau aber
immer noch fest um die linke Hand hielt, es mit der rechten jetzt
ebenfalls zu erreichen suchte, dem fast ausgerenkten Arm Erleichterung
zu verschaffen. Dieser sah aber kaum die Absicht seines Officiers als
er, unbekümmert um sich selber ausrief:
»Nein, nein Monsieur -- halt -- hier Jean, hier Petit -- faßt das hier
-- weiter vorn -- so -- haltet fest -- sacrrrr, ob mir der Hallunke
nicht bald den Arm mit der Wurzel herausgerissen hat, und nun herauf mit
ihm, daß ich seinen Hals bekommen kann.«
»Dort stürmen die Eingeborenen schon herbei!« rief Adolphe.
»S'ist nun doch einmal einerlei« rief der Bootsmann trotzig, »ob sie uns
hier oder funfzig Schritt weiter unten einholen, ja im Gegentheil, hier
können wir ihnen erst eine Salve geben; aber ich gehe nicht eher vom
Fleck bis ich den Schuft nicht gehangen habe.«
»Hülfe -- Hülfe -- Hülfe« gellte der Schrei des Gefangenen, der
vielleicht kaum sechs Schritt von der Erde entfernt, seine Kräfte
in wilder Verzweiflung anstrengte dem Tau zu entgehn, oder die oben
Stehenden mit sich nieder zu reißen. War es ihm aber mit dem ersten Wurf
nicht gelungen, so blieb es nachher für ihn ganz unmöglich, denn die
beiden Matrosen hatten, unbekümmert um den rohen Feind und nur dem
Befehl ihres Bootsmanns gehorchend, rasch die Gewehre nieder geworfen
und das Tau gefaßt, an dem sie den sich mächtig aber umsonst dagegen
Sträubenden mit einem lauten und trotzigen »Ahoyho -- ahoy-y« emporzogen
-- es war eine neue fast fingerstarke Hanfleine und hätte zwei solche
Burschen getragen.
»Top! -- avast da!« rief der Bootsmann jetzt, als er den Kragen des
Iren erreichen konnte, indem er ganz kaltblütig aus dem anderen Ende des
Taues das er in der Hand hielt, eine Schlinge machte -- »haltet einen
Augenblick, und Einer von Euch schnüre ihm einmal wieder die Hände auf
den Rücken -- oh hol der Teufel die Kugel, kehr Dich nicht daran Jean,
so --«
»Hülfe -- Hülfe!« tobte der Gefangene indessen in Todesangst, der
jetzt eine Ahnung von dem bekommen mochte, was seine Henker mit ihm
beabsichtigten, »Hülfe -- Hülfe!«
»Strample nur Bestie -- wirst gleich fertig sein« brummte der Bootsmann
zwischen den Zähnen durch, zwischen denen er jetzt sein Messer hielt.
Wilde Ausrufe tönten nun von rechts und links herüber, und die ersten
der Insulaner erkannten kaum die Gestalten von Europäern auf dem Abhang
als sie auch schon, -- unbekümmert ob Freund ob Feind dadurch getroffen
würde, ihre Gewehre dorthin abfeuerten. Eine der Kugeln schlug an den
Fels an, an dem der Gefangene sich sträubend hing, eine andere zischte
dicht an des Bootsmanns Kopf vorbei; vollkommen ruhig aber legte der
Seemann die fertige Schleife um den Hals des jetzt laut aufkreischenden
Iren, und einen Theil des Taues dann mit seinem Messer trennend, das
Ende mit der Schlinge gleich darauf mit einem Seeknoten um den nächsten
Guiavenstamm zu schlagen, rief er, indem er das Messer in die Scheide
zurückstieß:
»Jetzt bete, Schuft, Deine Zeit ist abgelaufen, bis ich zwölf zähle bist
Du eine Leiche.«
»Laßt mich los -- nein, zieht mich hinauf!« schrie der Unglückliche in
Todesangst -- »ich will Euch zurückführen -- sicher nach Papetee -- ich
weiß Schleichwege dorthin -- ich muß -- ich muß dort -- gehangen sein.«
»Bete während ich zähle!« rief der Seemann -- »eins, zwei, drei, vier,
fünf.«
»Ich will Alles gestehen -- ich habe noch einen Mord verübt den ich
bekennen muß! um Gotteswillen.«
»Sechs, sieben, acht, neun, zehn.«
»Hülfe -- Hülfe!« kreischte mit gellender Stimme der Mann und der
Angstschweiß troff ihm in schweren Tropfen von der Stirn nieder. --
Wieder wurden dabei zwei Schüsse auf sie abgefeuert, und die eine Kugel
traf sogar den Stamm, der bestimmt war den Verurteilten zu tragen.
»Elf, zwölf! --« zählte aber der Bootsmann, unbekümmert um Alles was um
ihn her vorging, weiter -- »so mein Bursche, die Zeit war vorüber, und
was Deine Morde betrifft, die Du auf dem Gewissen hast, so zweifle ich
gar nicht daran, daß Du Dir mit dem Erzählen derselben eine ganze Woche
Frist gewinnen könntest -- aber das ist zu spät jetzt -- so nieder mit
ihm, meine Jungen, und dann vielleicht eine Salve über sein Grab auf die
rothen Schufte da unten, wenns Ihnen recht ist, Monsieur. -- Laßt los!«
Ein gellender Aufschrei folgte dem Befehl, aber der Todeskampf des
Verbrechers machte dem rasch ein Ende, und während die Matrosen ihre
Gewehre wieder aufgriffen, kommandirte Adolphe, der sich schaudernd von
der Execution abgewandt hatte, sie aber auch nicht verhindern wollte,
Feuer.
Einzelne der Eingeborenen hatten sich indessen schon ziemlich nahe
herangewagt, zu sehen was es eigentlich hier mitten im Dickicht gebe,
und was die tollkühnen Wi Wis so keck und zuversichtlich sowohl in
den Wald geführt, als auch was der furchtbare Hülferuf Eins der ihren
bedeute; die ziemlich sicher gezielten Kugeln trieben sie aber rasch
wieder zurück, ihre Schaar zu sammeln und zu einem ernstlichen Angriff
auf die Feinde zu ordnen.
Für den kleinen Trupp war es jedoch ebenfalls die höchste Zeit sich
zurückzuziehn, und den Kamm des Abhangs rasch zwischen sich und die
Feinde bringend, wenigstens für jetzt vor ihren Kugeln geschützt zu
sein, machte der Bootsmann den Vorschlag, den vor kurzer Zeit erst
verlassenen Pfad zu verfolgen, und dann vielleicht mit der anderen
Patrouille wieder zusammenzustoßen und sich zu verstärken. Adolphe aber,
von seinen früheren Jagden her gewohnt die Richtung zu beachten, der er
im Walde folgte, wollte davon Nichts hören; sie kamen auf dem Pfad
nur immer weiter vom Strand ab und in die Berge hinein, und durch das
Schießen aufmerksam gemacht, durften sie jetzt wohl erwarten noch
mehr Verfolger auf ihre Fersen zu bekommen, ehe sie Papetee wieder
erreichten, als ihnen lieb war. So die kleine Schaar um sich sammelnd,
ließ er sie wieder gegen den Abhang vorrücken, die Gegner wenigstens
auf kurze Zeit vielleicht damit zu täuschen, daß sie diese Position
behaupten wollten; es war aber keiner von den Eingeborenen mehr zu
sehen. Während sich der Bootsmann jetzt noch einmal zu dem Gerichteten
nieder bog, zu untersuchen ob der Bursche da unten todt sei, rief das
Kommandowort des Officiers die Soldaten in Reih und Glied, und als sich
der Seemann wieder, völlig befriedigt, emporrichtete, marschirte der
kleine Trupp, zu dem die Matrosen den Nachtrab bildeten, über den
schmalen offenen Raum der Richtung zu, nach der sie den Pfad wußten,
brach sich dort durch die Büsche Bahn, und folgte dem gefundenen offenen
Weg endlich in einem kurzen Trab, aus der Nähe der Feinde zu kommen.
Diese waren indessen aber auch nicht müßig gewesen, und mit dem Wald
vertraut, den gehaßten Fremden schon weit genug vorgeeilt sie zu
belästigen und in ihrem Marsch aufzuhalten. Einzelne Schüsse fielen aus
dem Dickicht, von denen eine Kugel sogar Adolphe in der Seite streifte,
und einige Mal brach und raschelte es in den Büschen nach allen
Richtungen, daß der Officier schon, einen allgemeinen Angriff
gewärtigend, die Seinen halten und sich sammeln ließ. Augenscheinlich
wollte der Feind dabei nur Zeit gewinnen, denn Boten waren sicher schon
nach Verstärkung abgesandt, den kleinen Trupp der Fremden förmlich
aufzuheben, und erst als sie sahen daß diese sich eben nicht aufhalten
ließen und näher und näher wieder der Stadt zurückten, tönte plötzlich
von allen Seiten ihr gellendes Kampfgeschrei und wie ein Rudel Wölfe
fielen sie, dem Tod trotzend über die sie ruhig erwartenden Europäer
her.
Wohlgezielte Schüsse empfingen sie aber hier, und die kleine Schaar
wies den Angriff so muthig zurück, daß der Feind, seine Todten und
Verwundeten aufgreifend, wieder im Dickicht verschwand und die Feranis
eine Strecke lang ihre Bahn ruhig verfolgen ließ. Diese aber hatten auch
einen schwer Verwundeten, der eine Matrose war durch den Leib getroffen
und mußte jetzt von zweien getragen werden; doch die Leute wechselten
unverdrossen mit einander ab, sich zur Vertheidigung stellend so wie sie
die Feinde kommen hörten und ihre Flucht fortsetzend, sobald ihnen ein
Augenblick Zeit gelassen wurde, bis ihnen, gar nicht weit entfernt, und
auch schon ziemlich in der Nähe der Stadt, ein französisches Signalhorn
neue Hoffnung brachte. Ihr Signal antwortete dem, und vielleicht zehn
Minuten später rückte eine starke Colonne Marinesoldaten, zur Hülfe
nachgesandt als ausgeschickte Spione die Kunde von dem gehörten Schießen
nach Papetee gebracht, auf der Straße heran.
Von der, unter Lefévre abgegangenen Schaar hatte man ebenfalls Schießen
gehört und eine andere Compagnie war ihr zur Hülfe nachgesandt, der
Erfolg jedoch natürlich noch nicht bekannt.
* * * * *
Lefévre hatte indessen, mit dem Wald und allen Schleichpfaden um die
Stadt herum vollkommen gut vertraut, auch ziemlich sicher daß sie gerade
nach der gestrigen Niederlage der Eingeborenen nicht gleich wieder einen
Angriff von ihnen befürchten durften, seinen Weg sehr rasch, aber auch
etwas unvorsichtig verfolgt. Ein jahrelanger Aufenthalt auf den Inseln
mußte ihn allerdings mit dem ganzen Leben und Wesen der Eingeborenen
vollkommen vertraut gemacht haben, und er hielt sich ihnen an Schlauheit
im Walde noch für überlegen; er hatte die Eingeborenen aber nie
kennen lernen wie sie sich jetzt zeigten -- gereizt und tapfer, dem
eroberungssüchtigen Feind gegenüber, und vertraute dabei vielleicht zu
viel auf das Uebergewicht, was ihm die bessere Führung der Schießwaffe
jedenfalls geben sollte.
Wenig sich deshalb an das Geräusch kehrend, das sie etwa machten,
rückten sie vorerst, so schnell ihnen das Dickicht den Fortgang
erlaubte, durch die schon mehrfach erwähnte Guiavenniederung, in der sie
sich jedoch mehr rechts hielten als Adolphe mit seinem Trupp, bis sie
mit dem Fuß der Berge auch die Grenze der Guiaven oder diese doch hier
so vereinzelt fanden, ihnen weiter kein Hinderniß mehr in den Weg legen
zu können. Hochstämmige Mape- und Wibäume, Aitos, die Tiairis, mit
einzelnen Brodfruchtbäumen, den prächtigen Tamanu oder Ati, der
immergrünen =callophyllum inophyllum= und der Beringtonia Speciosa
bildeten hier den herrlichsten Hochwald, den nur hie und da kleine
Dickichte von Guiaven oder Citronen und Orangen füllten, während da
und dort einzelne wehende Palmen mit ihren weit und zierlich gezackten
Kronen selbst über die höchsten Wipfel dieser mächtigen Stämme
hinausragten -- die Könige der Wälder.
Hier hielten sie einen Augenblick; Lefévre selber, ehe sie das Thal
betraten, wollte erst recognosciren ob sich vielleicht in dem, darin
niederführenden und sonst sehr betretenen Pfad frische Spuren erkennen
ließen und wohin sie gingen; es war aber Nichts zu sehn und nach dem,
in letzter Nacht gefallenen Schauerregen noch kein Fuß wieder bergab
gekommen -- ihre Bahn lag frei. So wieder zurück zu den Seinen gehend,
ermahnte er sie jetzt, da sie doch gewissermaßen feindliches Gebiet
beträten, zu Vorsicht, besonders nicht mehr Geräusch im Gehn zu machen,
als unumgänglich nöthig war, und setzte sich dann mit dem kleinen Zug
wieder in Bewegung, das Thal hinauf und dem Lauf des kleinen Stromes,
der hier klar und rauschend aus den Bergen nieder kam, folgend.
Eine Viertelstunde mochten sie so langsam in dem schmalen Thale
fortgeschritten sein, dann und wann den Bergbach, der sich herüber
und hinüber warf in seinem Bett, kreuzend, weil schroffe Felswand oder
schlüpfriger steiler Hang ein Fortrücken an ein und demselben Ufer
unmöglich machte, als der Seecadet, ein junger Bursch von vielleicht
dreizehn Jahren, der hinter dem Zuge eine kleine Strecke zurück
geblieben war, weil er mit dem An- und Ausziehen seiner Stiefeln beim
Wasserdurchwaten nicht so rasch fertig werden konnte, eilig, und
jetzt an kein Ausziehn mehr denkend, nachkam, an der kleinen Schaar
vorbeiglitt und dem Führer mit etwas ängstlicher und erschreckter Miene
meldete, daß er eben ziemlich fest überzeugt zu sein glaube, die Gestalt
eines Eingeborenen in dem von den hohen Laubbäumen dicht überschatteten
Thalgrund gesehn zu haben.
»Ein Gespenst haben Sie gesehn« lachte aber Lefévre, »Sie sehen ja
todtenbleich aus, mein junger Herr -- und die Hosen und Stiefel bis hoch
hinauf naß -- die Gestalt hat Ihnen wohl Beine gemacht?«
»Ich gebe Ihnen mein Wort daß es ein Indianer war -- Mann oder Frau
konnte ich natürlich nicht erkennen, denn sie gehen Beide ziemlich
gleich gekleidet« erwiederte aber der junge Bursch jetzt mit fester
und etwas beleidigter Stimme -- er war nicht feige und die halbe
Anschuldigung solcher Schwachheit machte ihn hoch erröthen.
»Und was that er dort, =mon enfant=?« lächelte der Führer.
»Das weiß ich nicht, Monsieur; als ich ihn zuerst sah, stand er aufrecht
an einem Baume, im nächsten Augenblick aber, ob er nun bemerkt haben
mochte daß er entdeckt sei oder aus sonst einem Grund, schien es mir als
ob er sich auf den Boden niederdrücke, oder sich bücke, aber er blieb
verschwunden, und ich stand etwa fünf Minuten vergebens da, sein
Emporrichten wieder zu erwarten.«
»Er wird Lichtnüsse gesammelt haben« lachte Lefévre, »die liegen dort in
Masse im Wald herum; oder er hat sich zum Schlafen niedergekauert. Und
sind Sie hingegangen um zuzusehn was aus ihm geworden?«
»Nein, Monsieur,« sagte der junge Mann, »ich wollte nicht ohne Ordre den
Pfad verlassen, und Ihnen vor allen Dingen die Meldung machen.«
»Es ist gut -- haltet hier einen Augenblick -- ich will selber mit
zurückgehn und sehn was es war -- wir sind gleich wieder da« und dem
Cadetten einen Wink gebend, der ihm rasch voranschritt, suchte er mit
ihm die vielleicht zweihundert Schritt entfernte Stelle wieder auf, wo
der junge Mann behauptete den Insulaner gesehn zu haben. Dieser fand
auch die Stelle ohne Schwierigkeit wieder, bezeichnete dem Führer ihrer
kleinen Schaar den Platz, und kroch dann selbst voran durch die Büsche
dem Stamm zu, an dem die Gestalt gestanden haben sollte. Lefévre folgte
ihm, vorsichtig dabei rings umhorchend, ob sie nicht doch vielleicht
den schlauen Feind in der Nähe hätten, und auf dem Boden zugleich nach
frisch eingedrückten Spuren suchend. Der Grund war hier weich und dicht
mit Laub und Moos bedeckt, und an manchen Stellen von den silbergrauen
Tutuinüssen[6], der Frucht welche die Eingeborenen als Lichter brennen,
wie überstreut. Hier ließen sich auch in der That die Eindrücke eines
Fußes erkennen, ein Verfolgen derselben war aber, noch dazu in dem
düsteren Schatten des Hochwaldes, wenn nicht unmöglich, doch sehr
schwierig, und würde ihnen hier nutzlos viel Zeit gekostet haben; davon
glaubte aber Lefévre überzeugt zu sein, daß die Fährten gerade
dorthin zurückliefen, von wo sie herkamen und es blieb deshalb viel
wahrscheinlicher daß der einzelne Wilde, den sie hier vielleicht
überrascht hatten, scheu und erschreckt Bewaffneten zu begegnen, sein
Heil in der Flucht gesucht und ihnen dann schwerlich mehr lästig fallen
würde, als daß es ein ihnen auflauernder Spion gewesen. Keinenfalls
ließ sich jetzt etwas an ihrem einmal gefaßten Plan ändern, und der
Zwischenfall hatte wenigstens das Gute, Lefévre aufmerksam auf die doch
möglichen Gefahren gemacht zu haben, die ihrer noch hier warteten.
[6] Der Kern der Tutui- oder Tuituinuß hat große Aehnlichkeit mit
unserer Wallnuß, ist aber eher noch öliger und brennt; ebenso wie auch
der Kern unserer Wallnüsse ein ziemlich helles Licht verbreitet.
Rasch holten sie jetzt den kleinen Trupp wieder ein, der sich indessen
in dem kühlen Schatten eines mächtigen Mapebaumes gelagert, und
aufsprang, als die Officiere zurückkehrten. Die Entfernung zu der
bezeichneten Schlucht war aber nun auch gar nicht mehr so weit, und
die zur Landmark dienenden Palmen konnten sie schon deutlich auf dem
Felsenkamm erkennen.
Hier lag das Thal noch ziemlich breit; über losgerissene und schon wild
genug umhergeworfene und oft rund und glatt gearbeitete und gewaschene
Felsstücken hin kam der Waldbach wohl funfzehn bis achtzehn Schritt
breit, toll und sprudelnd hernieder gesetzt in gewaltigen Sprüngen,
den weißen Schaum aufwühlend aus cristallenem Grund, und nach dem Moos
aufspritzend und daran zerrend, das sich der felsige Uferdamm wohl seit
langen langen Jahren aufgesetzt, und die Schulter jetzt gegenstemmt
gegen den muthwilligen, seinen Hauptschmuck zu wahren. Hier an einer
steilen, schroffen Wand niederwaschend, von deren verwitterten Seiten
bunte Farn- und Schlingpflanzen niederhingen und ihre Spitzen in der
Fluth kühlten und tränkten, brach er sich wieder, als ob des Spieles
müde, durch den felsigen Thalboden freien Weg zu dem anderen Hügelhang,
hier sich eine mächtige Wurzel losspühlend und hin- und herreißend in
seinem Strom, dorten sich selber einen Stein in das Bett rollend, den
kecken Sprung hinüber zu thun, von dem sich die kleinen Wellen dann
plätschernd und lachend erzählten, wenn sie die wieder frei gewordene
Bahn blitzesschnell und das Sonnenlicht mit ihren Armen fangend,
niederglitten, bis drüben ein anderer Fels ihrem Ansprung die breite
Stirn bot und sie auf's Neue dem finsteren Nachbar hinüberschickte. Und
Blumen und Früchte aus einem kälteren Klima nieder, weit oben aus den
starren wild zerrissenen Schluchten trugen sie in's sonnige Thal,
und spühlten sie leise an die moosige Uferbank; seltsam geformte, mit
faserigem Netz überzogene Nüsse, phantastisch gezeichnete und gezackte
Blätter und Blumen, von wunderbarem Farbenschmelz und Duft, sonderbar
gewundene farbige Schlinggewächse, wie sie das wärmere Thal nicht
erzeugte, und das badende Mädchen unten am Meeresstrand fing sie auf,
schmückte sich damit, und dankte heimlich, aber ganz heimlich daß es
um Gott die finsteren Mi-to-na-res nicht erfuhren, den freundlichen
Geistern dafür, die ihm die Blumen oben von unwegsamer Klippe gepflückt
und niedergesandt, in dem murmelnden Strom.
Und hoch und gewaltig thürmten sich die Bergmassen an beiden Seiten in
steilen, von einander gerissenen Wänden[7] empor, als ob ein Gott den
Berg gefaßt und zersplittert mit Riesenfaust, und dann seinen grünenden
wehenden, blüthendurchwebten Mantel darüber geworfen hätte. Rankige
Lianen flochten sich da von Klippe zu Klippe hin, in schwingenden
Festons die Brücke bildend zwischen Baum und Wand und buschige
Blumentrauben nieder schaukelnd in Moos und Farrenkraut. Palmen gediehen
hier oben fast gar nicht mehr, oder standen nur spärlich und zerstreut;
hoch aber auf der einen Wand, die sich viel hundert Fuß ein einziger
schroffer aber dicht mit Moos und Kraut überzogener Fels gen Himmel
streckte, standen am äußersten Rand, schüchtern in die schwindelnde
Tiefe schauend, über der ihre Wipfel hingen, drei einzelne schlanke
Palmen, an deren zähen Stämmen schon mancher wilde Sturm seine Kraft
versucht, aber die mächtigen Bäume, je toller er an ihnen gerüttelt,
nur um so tiefer und fester in den Boden gewurzelt hatte. Grad' an ihnen
vorüber aber, und selbst aus ihrer Mitte heraus, sprang mit _einem_
kecken Satz, sein moosiges Bett hinter sich lassend, wie der
Wanderbursch die stille freundliche Heimath, ein wilder funkelnder
schäumender Bergquell, mitten hinein in das helle rosige Licht, das ihn
mit seinen buntesten schimmernsten Farben übergoß, während die Luft
ihn in ihren Armen fing und den tobenden wilden Gesell in tausend und
tausend blitzenden Perlen faßte und ein funkelnder Regen in das Thal
hernieder sprühte.
[7] In keinem Lande, auf keiner Insel der Welt, ist es so
augenscheinlich wie hier, daß furchtbare Erderschütterungen die Berge
in früheren Zeiten auseinandergerissen, und dadurch jene tiefen
schroffen Thäler gebildet haben, die sich, Abgründen gleich, Meilen
weit ausdehnen und deren Hänge in den meisten Ländern durch Zeit und
Stürme abgerundet und zu selbstständigen verschiedenen Theilen wurden.
Hier aber liegt noch die Kluft, wie sie jene geheimnisvolle Kraft der
Tiefe mit furchtbarer Gewalt auseinander gesprengt, und wenn auch der
üppig vorquellende Pflanzenwuchs solch fruchtbar vulkanischen Boden
nicht mochte lange unbenutzt liegen lassen und die schroffen Hänge und
Felsen selbst, bis in die höchsten und ungangbarsten Wände hinein, mit
Busch- und Schlinggewachs mit Farrenkraut und Waldung selbst überzog,
hat die Natur doch noch nicht Zeit genug bekommen jene scharf
abgerissenen, durch den gewaltsamen Auswurf erzeugten Conturen wieder
auszugleichen, und die Umrisse _der_ Wände, trotz der tiefen
eingebrochenen Schlucht dazwischen, zeigen deutlich und unverkennbar,
wie sie früher _ein_ Ganzes gebildet, in Bruch und Einschnitt die
Riesenkraft verrathend die hier thätig gewesen.