»Ja, er war mehr als das,« lachte der Gouverneur, »er war auch der

Helfershelfer des Gesellen da in früherer Zeit, und Theilnehmer selbst

des Mordes wegen dem wir diesen eigentlich zum Tod verurtheilt haben,

wobei noch der stärkste Verdacht vorliegt, daß er eine alte Frau

erschlagen hat, die man an jenem Abend mit dem Zeichen gewaltsamen

Mordes an sich und sogar gebunden in ihrer Hütte gefunden. Sie hätten

übrigens dabei sein sollen wie wir den Burschen fingen; es war wie

mit einem Lockvogel. Doch das konnte noch nicht genügend sein dieses

werthlose Leben wirklich zu guarantiren, und er will jetzt mehr thun,

er verspricht uns die Anführer der Indianer -- jene Häuptlinge die in

diesem Augenblick den meisten Einfluß auf die Eingeborenen ausüben,

zu überantworten, und _das_ wäre allerdings seinen Hals werth, denn es

würde Ströme Blutes ersparen und manchem braven Mann das Leben retten,

sowohl von unserer wie feindlicher Seite. Nun möchte ich von Ihnen

wissen, Delavigne, ob sein Plan, den er mir vorher mitgetheilt, einen

Schein von Wahrscheinlichkeit hat, oder ob es nur eben eine bloße Finte

ist ein paar Tage länger athmen zu können, was ich allerdings vermuthe.«

»Und wie glaubt er das möglich zu machen?« frug René.

»Die Ausführung beruht auf einer, morgen früh stattfindenden

Zusammenkunft, von der er unterrichtet sein will, und soll in den

Eigenthümlichkeiten des Termins begründet sein. Sind Sie mit den Bergen

hier, oberhalb der Stadt, genau bekannt?«

»So ziemlich, aber doch wohl nicht hinreichend; aber ein anderer

hier ansässiger und jetzt wieder in Französischen Diensten stehender

Landsmann, Lefévre, der lange Jahre auf Tahiti lebt, kennt dagegen, wie

ich glaube, jeden Baum um Papetee und in den nächsten Bergen. Vielleicht

wäre es zeitsparend ihn ebenfalls rufen zu lassen, seine Meinung mit zu

hören.«

Der Gouverneur klingelte, und die Ordonnanz wurde beschieden Herrn

Lefévre zu ersuchen augenblicklich sich hier einzufinden. René stattete

indessen mit leiser Stimme dem Gouverneur Bericht ab, über seine

Abenteuer sowohl, als den Erfolg den ein Friedensvorschlag auf die

Häuptlinge gehabt, und wie er in der That selber glaube, daß alle

freundlichen Vorstellungen bei den Eingeborenen auf vollkommen

unfruchtbaren Boden fallen würden. Danach erschien es also ebenfalls

nur noch wünschenswerther die einflußreichsten Häuptlinge, da sie keinem

gütlichen Vergleich lauschen _wollten_, womöglich gefangen zu nehmen,

und ihnen den Frieden dann selber diktiren zu können.

Lefévre kam endlich, und als er das Zimmer betrat flog sein Blick rasch

und wie scheu von Einem der Männer zum Andern, als ob er im Voraus

zu errathen wünsche was man von ihm wolle. Die freundliche Anrede des

Gouverneurs setzte ihn aber darüber bald außer Zweifel und nach den

nöthigsten Vorbemerkungen begann der Examen des Gefangenen.

»Woher weißt Du, Gesell, überhaupt, daß die _Häuptlinge_ an dem Tag und

zu der Stunde eine Zusammenkunft halten wollen, was hattest _Du_ mit

_ihnen_ zu thun?« frug der Gouverneur.

»Ein weißer Mann, der mit einem Gewehr umzugehen versteht, ist ihnen in

jetziger Zeit soviel als ein Häuptling« erwiederte mürrisch der Ire, dem

die vielen Zeugen nicht gerade angenehm zu sein schienen, »ich bin zu

allen ihren Berathungen gezogen.«

»Hm, das klingt wahrscheinlich -- aber weshalb wurde diese _Berathung_

auf so viele Tage hinausgeschoben -- weshalb findet sie gerade morgen

statt?«

»Am Freitag faßte man den Beschluß« erwiederte Jim, »am Sonnabend, als

an dem Sabbath, konnten und durften, ihren jetzigen Gesetzen nach, keine

Boten abgeschickt werden. Heute sind die erst nach dem Süden der Insel

hinübergegangen und vor heut Abend, ja vor heut Nacht, _können_ die

aufgeforderten Häuptlinge den Platz der Zusammenkunft nicht erreicht

haben.«

»Und weshalb findet die Berathung nicht in dem Lager selber statt?«

»Sie wollen dem Einfluß der Missionaire entgehn« erwiederte der Ire --

»ich selber habe den Antrag gestellt, weil ich die Schwarzröcke

hasse und sie den Eingeborenen, wo sie nur ihre Nase in deren innere

Angelegenheiten stecken, noch nichts wie Unheil gebracht. Utami,

Teraitane und manche Andere, gehen ihnen ebenfalls aus dem Weg wo sie

können, und Aonui wie Potowai sind nur ihre Posaunen.«

»Und wo ist der Sammelplatz?«

»Hier im oberen Thal, etwa eine englische Meile von Papetee dicht unter

dem Felsenhang auf dem oben die drei Cocospalmen stehen.«

»Kennen Sie den Platz?« wandte sich der Gouverneur jetzt zu den beiden

jungen Leuten, und Beide bestätigten es.

»Aber in welcher Schlucht?« frug Lefévre jetzt -- »es kommen da drei von

oben herunter.«

»In der mittleren« lautete die Antwort.

»Das ist die einzige die einen Ausgang hat, die andern beiden sind von

steilen Hängen abgeschlossen; und wo da?«

»Kennt Ihr den Platz wo die einzelne, jetzt von Utami bewohnte Hütte

steht?« frug der Ire den Franzosen.

»Allerdings; der Ort wäre nicht übel gewählt -- und wie viel Häuptlinge

sollen dort zusammen kommen?«

»Utami, Teraitane und Aonui von hier und Fanue und noch ein Anderer,

dessen Namen ich vergessen habe, von Tairabu der Eine, und vom südlichen

Theil der Insel der Andere, auch wurde davon gesprochen daß von dorther

ein Abgesandter von Huaheine und Bola Bola erwartet werde, und man

vermuthete daß sie zusammen eintreffen würden.«

»Ha, das wäre nicht übel« rief der Gouverneur, »aber auf welche Art

wären sie da zu fangen?«

»An dem Platz leichter als irgend wo anders« bestätigte jedoch Lefévre

die Angabe des Gefangenen -- »auf dem Rückweg ließe sich leicht ein

Vorposten hinschieben dem die Umstellten weder rechts noch links

auszuweichen vermöchten, wenn sie eben nicht fliegen können, und der

Eingang des schmalen Thales ist mit zwölf Mann vollständig zu schließen.

Wenn sich das Alles so verhält, wie es der Bursche angiebt und das

Ganze rasch und richtig angelegt und ausgeführt würde, ließe sich

ein günstiger Erfolg da schon hoffen. Keinenfalls hätte man viel zu

riskiren, da man sich rasch wieder auf die Stadt zurückziehen könnte

und es nicht anzunehmen ist daß die Eingeborenen, nach der heutigen

Niederlage, morgen schon sich so nahe heranwagen sollten. Im Gegentheil

hab' ich noch kurz vorher ehe ich hierher kam, von einem der uns

ergebenen Indianer gehört, daß die feindlichen Krieger eine weiter

zurückgelegene feste Stellung im Hautauethal einnehmen würden, sich dort

sicher verschanzt zu halten und die von England versprochene Hülfe zu

erwarten.«

»Das Sicherste wird dann jedenfalls sein« entgegnete der Gouverneur,

»ein starkes Detachement im Rücken aufzustellen, und dadurch selbst

jeder möglichen Ueberraschung zuvorzukommen. Fragen Sie einmal den

Burschen was er dazu sagt?«

Jim schüttelte aber dazu mit dem Kopf.

»Dann wirds Nichts« brummte er finster -- »sobald hier nur zwanzig

Soldaten auf einmal aus der Stadt marschiren, wissen sie's auch

oben schon in den Bergen und rüsten sich auf einen Angriff; kleine

Patrouillen sind aber bis jetzt täglich ausgezogen und selten belästigt

worden, weil eben die Eingeborenen keinen Angriffskrieg führen wollen.

Diese auch allein dürfen hoffen einen wirklichen Ueberfall auszuführen,

eine größere Abtheilung Militair nie.«

»Und wer bürgt uns für die Sicherheit solcher schwachen Patrouillen?«

frug der Gouverneur.

»Bin ich nicht selber in Euerer Gewalt und geh ich nicht mit?« sagte

Jim.

»Schlechte Guarantie das« meinte René kopfschüttelnd, »der Bursche hat

nicht einmal mehr ein Leben zu riskiren und aufrichtig gesagt, möchte

ich nicht einem einzigen Menschen an seine Versicherungen wagen; das

Ganze scheint mir wenigstens, ein abenteuerliches Märchen, seinen Hals

noch eine Zeitlang aus der Schlinge zu halten, oder gar in den Bergen in

Sicherheit zu bringen; ich würde ungemein vorsichtig zu Werke gehen.«

Die Franzosen unterhielten sich untereinander natürlich in ihrer eigenen

Sprache, und der Gefangene schaute dabei mistrauisch von Einem zum

Anderen, in dem Ausdruck ihrer Züge vielleicht die unverstandenen Worte

zu lesen.

Lefévre übrigens war _für_ den Plan; mit jenem Theil des Berges genau

bekannt, schien ihm ein solcher Ueberfall ziemlich leicht auszuführen,

dann aber lag ihm vor allen Dingen daran als wirklicher Officier in

die Armee eintreten zu dürfen, was ihm bis jetzt immer noch aus

verschiedenen Ursachen verweigert worden, ihm aber dann, wenn er

sich bei einer solchen Expedition auszeichnete, kaum entgehen konnte.

Außerdem war, Jim's Aussage nach, der alte Häuptling Fanue ebenfalls

gegenwärtig, den er noch von Tairabu her aus ganzem Herzen haßte. Hier

bot sich ihm also nicht allein die Möglichkeit einer vortheilhafteren

Stellung, nein auch zugleich die Aussicht sich an einem Feind zu

rächen, und er war fest entschlossen die Gelegenheit nicht ungenützt

entschlüpfen zu lassen.

Jim sollte übrigens heute Abend nichts Bestimmteres weiter über Annahme

oder Nichtannahme seines Planes erfahren; auf einen Wink des Gouverneurs

wurde er, als er all die nöthig scheinende Auskunft gegeben, wieder

abgeführt, und Lefévre erklärte sich jetzt bereit die Führung einer

Patrouille zu übernehmen, die, wie der Gefangene allerdings recht habe,

nur schwach sein dürfe, wenn sie nicht die Aufmerksamkeit der wachsamen

Eingeborenen erregen wolle, aber keineswegs möchte er sich auch ganz

allein mit wenigen Mann in den Wald hinein wagen, wo es doch immer

ungewiß wäre ob sie nicht auf eine stärkere Abtheilung der Feinde stoßen

könnten. Deshalb sollten mehre kleine Trupps nach einander und nach

verschiedenen Richtungen hin, wie eben zum Recognosciren, die Stadt

verlassen, und sich nach jenem Thal hinüber ziehn. Die zuerst gefeuerten

Schüsse mochten sie dann herbeirufen, denn nachdem geschossen war, blieb

es doch unmöglich ihren Plan länger geheim zu halten und dann brauchten

sie Hülfe, sich wieder zur Stadt zurück durchschlagen zu können.

Als er den Gouverneur damit einverstanden fand, beurlaubte er sich,

die noch nöthigen Vorbereitungen zu treffen, wie sich auch seine,

ihm passensten Leute selber zur Begleitung auszusuchen, und nur noch

beschlossen wurde daß Jim, natürlich gut verwahrt und bewacht, den Trupp

führen solle, dem nicht unmittelbar der Angriff galt, und der nur hinten

die etwaige Flucht der Häuptlinge abzuschneiden hatte.

»Und wollen Sie den Zug begleiten, Delavigne?« frug der Gouverneur, als

Lefévre das Zimmer verlassen und er ebenfalls im Begriff war sich zu

empfehlen.

Der junge Mann schüttelte mit dem Kopf.

»Ich will auf den Inseln leben« sagte er, und es war fast, als ob er

sich Gewalt anthun müsse für diese Antwort -- »und -- möchte Alles

vermeiden in zu feindselige Berührung mit den Bewohnern zu kommen --

wenn auch nicht meinet, doch meiner Frau wegen.«

»Aber Lefévre lebt auch hier« lachte der Gouverneur, »und genirt

sich nicht, wie Sie sehn -- er nahm die Sache mit einem ordentlichen

Feuereifer auf, und ich bin fest überzeugt, er wird sein Möglichstes

thun seinen Zweck zu erreichen.«

»Wir Menschen haben verschiedene Charaktere« erwiederte René ausweichend

-- »Lefévre denkt darin wahrscheinlich, wie in manchem Anderen auch

anders wie ich. Außerdem verspreche ich mir nicht den geringsten Erfolg

von dieser Mission -- ich fürchte die Insulaner sitzen uns näher als wir

glauben.«

»Bah« lachte der Gouverneur, »die Burschen wagen sich nicht wieder in

den Bereich unserer Kanonen, und werden sich jedenfalls mit Plänkeleien

begnügen, bis sie's satt bekommen, oder wir im Stande sind ihnen die

Rädelsführer wegzufangen; der Indianer selber ist viel zu indolent einen

Krieg aus Grundsatz zu führen. Doch dem sei wie ihm wolle« brach er

plötzlich kurz ab, »ich möchte Ihnen nicht zureden, wünsche es aber

Ihrer selbst wegen, daß Sie noch von dem unglückseligen Gedanken

zurückkommen, auf einer wüsten Insel Ihr Leben zu beschließen.«

»Wüsten Insel« sagte René, lächelnd den Kopf schüttelnd.

»Wüst für _uns_, und wenn es ein Paradies an Scenerie wäre -- wo wohnen

Sie jetzt, Delavigne?«

»Nirgend« lachte der junge Mann, »mein Haus draußen haben sie mir

abgebrannt, so hab' ich mich derweil bei Vater Conet einquartirt, der

mir ein Zimmer freundlich zur Verfügung stellte.«

»Ah, dort sind Sie gut aufgehoben, sonst hätt' ich selber Rath für Sie

geschafft; unser Krieg hat Sie geschädigt und es wird an uns sein, Ihnen

das später wieder zu vergüten. So, jetzt guten Abend, und ich hoffe Sie

morgen wieder zu sehn.«

Capitel 5.

Lefévre und Aumama.

Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen durchzogen mehrere Patrouillen

langsamen abgemessenen Schrittes die Stadt; die den Franzosen freundlich

gesinnten, oder dort auch nur geduldeten Eingeborenen waren aber viel

zu sehr daran gewöhnt, darin Außerordentliches vermuthen zu können. Die

verschiedenen Posten wurden gewöhnlich durch solche Patrouillen abgelöst

oder auch nur revidirt, und außerdem sandte der Gouverneur sogar nicht

selten kleine Trupps über die Verschanzungen hinaus, zu untersuchen ob

sich nicht feindliche Schwärme der Stadt näherten, kleine Ueberfälle zu

versuchen, in denen sie es dann selten gegen die Feranis selber, sondern

fast nur gegen die ihrer Landsleute abgesehn hatten, die es mit den

Feinden des Vaterlandes hielten. Wehe denen, wenn sie in ihre Hände

fielen, und der Feuerbrand wurde in manche solche Hütte geschleudert,

trotz den rings aufgestellten Posten und Pikets der sie schützenden

Soldaten.

Eine dieser Patrouillen war noch vor Tag, wo kein Eingeborener sich

durfte in den Straßen der Stadt sehen lassen, an den oberen Theil der

Stadt marschirt, hatte den kleinen dort aus den Bergen kommenden Bach

oder Fluß, über den die Brücke abgebrochen war, gekreuzt, und auf dem

ziemlich breiten Weg eine Strecke fortmarschirend sich rechts in das

Dickicht geschlagen, wo sie Halt machte, den Tag abzuwarten. In ihrer

Mitte aber führte sie den Iren, Jim O'Flannagan, mit auf den Rücken

gebundenen Händen, während Lefévre den Trupp anführte, der, außer drei

von ihm selber ausgesuchten Leuten, noch aus dem Bootsmann und zwei

Matrosen des Jeanne d'Arc bestand, welchen letzteren besonders

die Bewachung des Gefangenen anvertraut worden. Ein anderer, ihm

beigegebener Officier, Adolphe, sollte die zweite Patrouille erwarten,

ihre Führung zu übernehmen.

Jim ging mürrisch zwischen ihnen, und schien mit der Rolle die er dabei

zu spielen hatte nicht recht einverstanden zu sein, nichtsdestoweniger

war ihm sein Leben gesichert worden, wenn er die Häupter der Rebellen,

todt oder lebendig in die Hände der Franzosen lieferte.

Erst nach Tagesanbruch folgte die zweite Patrouille der ersten;

Marinesoldaten, wie sie zum gewöhnlichen Dienst gebraucht wurden, und

um jeden Verdacht zu vermeiden von einem jungen Fähndrich angeführt. Auf

einer besprochenen Stelle vereinigten sich die beiden und wurden jetzt

so vertheilt, daß Adolphe den Iren und seine Wache bekam, der ihn

hinter die Schlucht und dorthin führen sollte, wo sie den umstellten

Häuptlingen den Weg in die Berge abschneiden konnten, und dafür die

Hälfte der zweiten Patrouille, sechzehn Mann mit dem Fähndrich, zu

Lefévres Unterstützung zurückließ.

Dieser mußte übrigens Adolphe mit seinen Leuten größeren Vorsprung

lassen, da sie einen weit längeren Weg zurückzulegen hatten, und Jim

verlangte jetzt von seinen Wächtern sie sollten ihn losbinden, oder ihm

doch wenigstens die Hände so weit frei machen, daß er seine Arme zum

Schutz gegen die überall vorstehenden Zweige gebrauchen könne. Adolphe

wollte ihm darin auch gern willfahren, der Bootsmann traute aber dem

Burschen nicht recht, und erst nach einigem Hin- und Herreden,

und besonders dadurch bestimmt, daß Jim behauptete sie würden den

bezeichneten Platz zu spät erreichen und Alles damit versäumen, wenn er

selber nicht ein klein wenig rascher aus der Stelle rücken könne, wurden

ihm die Hände gelöst; um den oberen Theil seiner Arme aber blieb das Tau

befestigt, und der Seemann selber hielt das wie eine Art Zügel in seiner

linken Hand.

So rückten sie zwar langsam, aber vollkommen geräuschlos durch einen

Theil des Dickichts, der von den Eingeborenen, die hier in der Nähe der

Stadt ihre Hütten fast sämmtlich verlassen hatten, nur höchst selten

betreten wurde, und sie also auch nicht so leicht Entdeckung zu fürchten

brauchten. Jim schien übrigens hier mit dem Wald vollkommen vertraut,

denn er bog bald hier bald da, rechts oder links ab, kleine offene

Lichtungen oder freiere Pfade zu erreichen, denen sie einmal eine

Strecke folgen konnten, und warnte sie immer auf das sorgsamste, wenn

sie in die Nähe irgend einer Ansiedlung kamen, die oft wie eine Oase in

der Sandwüste, so hier in dem dichtverschlungenen Guiavendickicht lag.

Da endlich weit genug vorgerückt, schlugen sie jetzt wieder eine mehr

Südwestliche Richtung ein, den Hang des Berges zu, der hier in fast

abgerundeter Spitze nach dem Meer hin abdachte, und betraten jetzt zum

ersten Mal einen ziemlich begangenen und auch offenen Weg, dem sie nun

so weit rascher folgen konnten.

»Wo führt der Pfad hin, Kamerad?« frug der Bootsmann da leise, als sie

ihn eine Zeitlang schweigend und bergauf verfolgt hatten.

»Pst« war aber die einzige etwas mürrische Antwort die er erhielt,

und da der Ausdruck in des Gefangenen Zügen ebenfalls die höchste

Aufmerksamkeit und Spannung verrieth, als ob er mit jedem Schritt irgend

etwas Außerordentliches zu finden oder hören erwarte, begnügte sich

der Seemann auch für jetzt damit, und spannte seine Sinne nur selber

schärfer an, einer irgendwoher drohenden Gefahr auch rascher begegnen zu

können.

Der Weg war indessen so steil geworden, daß der Bootsmann, auf den

ungeduldigen Blick des Gefangenen hin, das Tau verlängern mußte das er

in der Hand hielt, um diesen im Fortschreiten nicht zu sehr aufzuhalten.

Wenn Jim übrigens dadurch geglaubt einen Vortheil zu erreichen, hatte

er sich geirrt, denn der Seemann trug es fest und doppelt um die

Hand geschlungen, wie man einen Spürhund etwa an langer Leine auf der

Schweißfährte hinziehen läßt, willens ihm jeden Raum eben zu lassen das

Wild zu verfolgen -- aber nicht mehr. Die Uebrigen folgten in langer,

und manchmal eben nicht ganz geräuschloser Linie, Adolphe dicht hinter

dem Bootsmann und die beiden Matrosen dicht hinter ihm, von den Soldaten

gefolgt. Die Seeleute zeigten sich auch ziemlich behend, besonders im

Vermeiden des so häufigen trockenen Gestrüpps und übergeworfener Aeste,

das nach allen Richtungen hin ihren Pfad kreuzte, die Soldaten dagegen

waren viel unbeholfener, traten auf und knackten manchen dürren Ast,

und machten den Führer oft mit finsterem warnenden Blick auf sie

zurückschauen. In der That benutzte Jim auch solche Gelegenheit nur zu

gern, sich von dem Stand und Verhalten seiner Begleiter zu überzeugen.

Der Bootsmann, als das beste und einfachste Mittel ihm anzuzeigen daß er

mit ihm zu reden wünsche, zupfte den Iren jetzt, durch ein leises Zucken

der Hand, am Tau, und dieser drehte rasch den Kopf zurück.

»Halt!« kommandirte flüsternd der Seemann.

»Was giebts« frug jener eben so zurück.

»Hier mein Officier wünscht zu wissen wie weit wir noch etwa haben,

damit er seine Leute danach rüsten kann.«

»Er soll ihnen sagen daß sie nicht einen solchen Heidenlärm machen«

brummte dieser -- »das ist alle Rüstung die sie jetzt brauchen; sonst

noch was?«

»Und wie weit haben wir noch?«

»Weit genug den Platz nie zu erreichen, wenn wir jetzt gerade gehört

würden, und nahe genug in kaum zehn Minuten vielleicht schon in Sicht

des Feindes, oder doch in Rufes Nähe zu sein.«

Der Matrose nickte zufrieden und Jim setzte seinen Weg wieder fort,

war aber noch nicht zehn Schritt höher geklettert, als er seinem Führer

winkte in dem Laube noch vorsichtiger zu sein, und sich jetzt links

gerade in das Dickicht hinein hielt. Der Bootsmann wollte ihn erst daran

verhindern und in dem offenen Pfade selber halten, es war ihm aber fast,

als ob er das Geräusch von Stimmen höre, und die ängstliche Vorsicht

sehend, mit der der Ire hier selber weiter schritt, ließ er ihn

gewähren.

Adolphe selber war mit dieser Art des Fortrückens am wenigsten

einverstanden; der Dritte in der Reihe konnte er fast Nichts hören oder

sehn, und wurden sie gerade an einer solchen buschigen Stelle von einem

Feind überrascht, so waren sie, in der Verteidigung vereinzelt, der

größten Gefahr ausgesetzt aufgerieben zu werden, und weit genug hatten

sie sich in die Berge hineingewagt, die Begegnung eines Feindes wohl

erwarten zu dürfen. Es ließ sich aber Nichts dagegen thun, und weit

konnten sie von der bestimmten Stelle ebenfalls nicht mehr sein,

so fügte er sich dann, Flüche leise in den Bart murmelnd, in das

Unabwendbare, nur jetzt bemüht seine Leute, die jeden Augenblick fast

mit den Fußspitzen in dürren Aesten hängen blieben, oder an Steinen, auf

denen sie nicht festen Halt genug genommen, ausrutschten, in Ordnung und

ruhig zu halten.

Da endlich erreichten sie eine scheinbar offene Stelle im Wald, wo

die Sonne wenigstens licht und voll durch die sonst fast für sie

undurchdringlichen Guiaven fiel, und der Seemann fand, daß sie sich

einer steilen oder wenigstens sehr abschüssigen -- er konnte das von da

wo er stand noch nicht recht erkennen -- Bergwand genähert hatten, von

der aus sie jedenfalls einen Ueberblick in das vor ihnen liegende

Thal bekommen mußten. Jim hatte sich dahinaus auch schon vollkommen

orientirt, und den Bootsmann und Officier vorsichtig zu sich

heranwinkend, zeigte er durch einen kleinen Busch, der sie nach unten zu

verdeckte, in das Thal nieder, wo Beide zu ihrem, keineswegs freudigen

Erstaunen, und auf einer Stelle wo sie Niemand erwartet hatten, einen

Trupp von etwa zwanzig oder fünfundzwanzig bewaffneten Eingeborenen

lagern fanden. Die ganze Entfernung von diesen betrug kaum zweihundert

und funfzig Schritt, und das laute Knacken eines dürren Astes hätte fast

dort gehört werden müssen -- ein lautes Wort konnte sie verrathen.

»Pest und Tod!« zischte aber Adolphe zwischen den Zähnen durch, als er

mit einem Blick die Gefahr übersehen hatte, in der sie sich befanden --

»Hund verdammter, Du hast uns auf die falsche Fährte und absichtlich von

dem Wege ab, hierher geführt. Ist das hier die Stelle eine kleine

Zahl Indianer durch einen Hohlweg oder auf einem schmalen Damme

abzuschneiden, wo eine ganze Armee rechts und links von uns

durchpassiren könnte ohne daß wir etwas von ihr zu hören oder zu sehn

bekämen?«

»Bst!« sagte Jim mit unzerstörbarem Gleichmuth aber das Gesicht

jetzt von Todtenblässe, doch mit einem Ausdruck fester tödtlicher

Entschlossenheit darin, überzogen -- »bst Mounsier, nicht so laut, denn

die Burschen da unten könnten uns hören und uns zu Gaste bitten, wogegen

ich nun allerdings nicht das mindeste einzuwenden hätte, was für die

angenehme Gesellschaft hier aber nichts weniger als wünschenswerth

wäre.«

»Wo ist die Stelle zu der Du uns zu führen versprochen?« frug Adolphe

rasch und finster, aber mit vorsichtig unterdrückter Stimme:

Jim lachte leise vor sich hin, und es lag etwas Teuflisches in dem

Lächeln das Adolphe fast unwillkürlich nach dem Griff seiner Pistolen

suchen machte; aber der Ire sagte jetzt, noch immer mit leiser, aber

fester bestimmter und wie es schien zum Aeußersten entschlossener

Stimme.

»Wenn Ihr nicht schon lange gemerkt habt, daß ich meinen Weg verfehlt,

ist das nicht meine Schuld -- laßt Euere Pistolen im Gürtel, Kamerad,

mit denen könnt Ihr keinen Menschen schrecken der den Strick um den Hals

trägt; aber hört mich jetzt an und entschließt Euch dann rasch, denn

meine wie Euere Zeit ist kostbar. Mein gutes Glück hat uns in Rufs Nähe

einer Schaar von Eingeborenen gebracht --«

»Dein gutes Glück, Schuft?« knirschte der Bootsmann mit den Zähnen,

»wage es einen Laut auszustoßen und soll mich Gott strafen, wenn ich Dir

nicht beide Hackensehnen durchschneide, oder Dich an den nächsten Ast

hänge, ehe die Schufte da unten selbst in Schußnähe sein könnten.«

Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band · 第 8 / 17 段