daß die Verbindung mit einer Tochter des Landes zwischen einem Papisten
und einem Mitglied unserer heiligen Kirche gegen die Gesetze
dieses Landes, gegen die Gesetze Gottes und meine deutlich danach
ausgesprochenen Worte waren. Ich will nichts weiter wissen -- ich habe
all das Unrecht das mir selbst darob geschehen, vergessen und vergeben,
wie es einem Christen geziemt -- ich begreife nur nicht wie ein _Bürger_
des Landes dann in die Gesellschaft der Feranis kam, die einen Trupp
seiner »Landsleute« wenn er ein Bürger des Landes war, überfiel, zwei
tödtete und zwei Andere, Freunde derselben in Gefangenschaft schleppte
-- ich sage ich _weiß_ das nicht« setzte er rasch hinzu, als er sah
daß ihm René darauf entgegnen wollte, »kümmere mich auch nicht um die
weltliche Gerechtigkeit, die ihren Gang haben muß durch die Häuptlinge
und Richter des Landes.« Und langsam sich abwendend schritt er der
kleinen, für ihn besonders errichteten Rohrhütte zu, hinter deren
Thürmatte er verschwand.
René wollte in der That anfänglich, und in heftigen Worten darauf
erwiedern, aber er besann sich eines Besseren und nur die Unterlippe
einbeißend, daß das Blut daraus zurückwich, sah er dem frommen Mann mit
einem finstern verächtlichen Lächeln nach und schien jetzt kein Wort
weiter zu seiner Vertheidigung verlieren zu wollen.
Die Häuptlinge beriethen indessen eifrig und mit leiser Stimme mit
einander, waren aber noch zu keinem Beschluß gekommen, als ein Läufer
von draußen die Ankunft mehrerer Feranis meldete, die den anführenden
Häuptling dieses Postens zu sprechen verlangten. Andere ausgesandte
Spione meldeten zu gleicher Zeit daß mehre Abtheilungen Französischer
Soldaten wieder im Anzug wären, und jedenfalls einen Sturm auf ihr Lager
beabsichtigten.
Da die Insulaner ihre Vertheidigungsmittel nicht zu verrathen wünschten,
beschloß man die Fremden nicht heraufzulassen, sondern ihnen Utami
entgegenzuschicken, der ihre Absicht von ihnen erfahren und ihnen
gleich Antwort darauf ertheilen konnte. Den Gefangenen war man fest
entschlossen nur gegen die beiden Engländer wieder einzutauschen, von
deren beabsichtigten Flucht sie natürlich Nichts wußten, und von denen
sie O'Flannagans Hülfe und Waffen, wie seinen Unterricht nicht so leicht
ersetzen konnten. War denen aber ein Leid geschehn, dann sollten die
Feranis sehen, daß sie Gleiches mit Gleichem vergelten konnten und
die Rache der Fremden, doch einmal zum Aeußersten entschlossen, nicht
fürchteten.
Capitel 4.
Die Flucht.
René befand sich übrigens durch solchen Entschluß der Insulaner in
einer höchst gefährlichen Lage, denn wenn auch Jack durch seine Hülfe
entsprungen war, und jetzt vielleicht an der Küste auf eine Gelegenheit
zu entkommen paßte, hatte Jim O'Flannagan, wenn wirklich gefangen, nur
geringe Hoffnung der gerechten Strafe zu entgehn, und Gouverneur Bruat
würde nie daran gedacht haben ihn wieder auszuliefern. Konnten sich dann
die, von dem Missionair vielleicht noch gar darin bestärkten Insulaner
nicht doch am Ende hinreißen lassen ihre Drohung wahr zu machen? -- von
Mr. Rowe hatte er das Schlimmste zu fürchten, so viel wußte er recht
gut, und er verdachte es dem würdigen Manne nicht einmal, wenn er
die endlich gebotene und gewiß lang genug erwartete Gelegenheit auch
ergriffen hätte.
Flucht wäre das einzige Mittel gewesen und die war unausführbar, denn
den einzigen gangbaren und so schmalen Pfad hielten die Insulaner an
verschiedenen Stellen besetzt, während andere Schleichwege durch den
Wald nur eben ihnen bekannt waren. Wer in den zerrissenen Schluchten
nicht jeden Stein kannte wurde überall durch Abgründe oder Felswände
aufgehalten, die es ihm Tage gekostet hätte zu umgehn, und wie leicht
war er da von den flüchtigen und der Berge kundigen Insulanern wieder
eingeholt.
Seine einzige Hoffnung blieb jetzt noch auf die neuerdings abgeschickten
Gesandten -- von dem erwarteten Angriff wußte er noch Nichts -- schlug
deren Botschaft fehl dann -- doch beim Teufel, was lag ihm am Leben? --
Ob sie ihn nur einschüchtern wollten mit ihrer Drohung, oder ob es ihnen
Ernst war mit seinem Tod, wenn dem gefangenen Iren ein Leid geschehen,
was lag daran? -- sie sollten ihn weder weich noch ängstlich finden, und
_mußte_ es sein, so wollte er dem Tod so keck und leicht in's Auge sehen
als je --
_Als je?_ -- ein eigenes, wunderbares Gefühl durchzuckte ihm das Herz;
-- _als je?_ In verzweifelter Angst hatte seine Seele mit ihren feinsten
Fasern und Gedanken am Leben fest geklammert als der Tod, oder so
Schlimmes, als die Gefangenschaft auf seinem Schiff, ihn wieder seinem
kaum gewonnenen Glück auf Atiu entreißen wollte. Das Leben war ihm so
lieb -- so theuer da gewesen und entmannt fast hatte ihn die Furcht
es da zu verlieren, wo ihm eben erst das Heiligthum gezeigt war das er
betreten konnte, und von dessen Schwelle selbst ein tückisches Geschick
ihn schleudern wollte. Alles, Alles hatte er nachher erreicht, was
er erhofft in seinen schönsten, kühnsten Träumen -- den Gipfel seiner
Wünsche erstiegen und eine Heimath gefunden in dem Paradies, das ihn
umgab -- und jetzt? -- Was war es, das ihn _jetzt_ gleichgültig machte
gegen den Tod? was war geschehn -- verloren daß er sich der tödtlichen
Gefahr so kalt und keck entgegenstellen mochte? -- und Sadie? -- Er
barg das Antlitz in den Händen und preßte die fieberglühende Stirn, die
Gedanken hinauszuscheuchen, die wirren, quälenden Gedanken, denen er
nicht Raum gönnen wollte da oben. Nicht jetzt -- nicht jetzt sollten sie
nahen diese Schatten, die er nicht kennen nicht fühlen mochte und die
ihm doch die Seele peinigten mit unsichtbarem aber desto gewaltigerem
Pfeil -- _Sadie_ -- wie ein Traum lag die Zeit, die schöne Zeit hinter
ihm, und der Tod sollte ihn jetzt davon trennen. Der _Tod_? -- _sollte_
ihn davon trennen? -- Nein, nein fort mit dem verführerischen Bild
das sich ihm jetzt, jetzt nicht entgegenstellen durfte -- er war nicht
schuldig -- rein und treu konnte sie sein Angedenken wahren in ihrer
Brust, und dem Kinde des Vaters Namen nennen im Gebet. -- Hinweg mit
allem Schmerz, hinweg mit der Thräne, die sich ihm leise in's Auge
stehlen wollte -- er war nicht schuldig -- und weshalb _wünschte_ er
sich da den Tod?
Schüsse knallten und Trompeten schmetterten -- hoch empor aus seinen
Träumen zuckte er, und so hinein hatte er sich wieder in die Gedanken
der Vergangenheit gelebt, daß er erschrak als er aufsah und die
bewaffneten Wächter neben sich erkannte.
Auf ihn zu schritt da Aonui, der finstere fanatische Häuptling, und
grimmigste Feind den die Feranis unter den Führern der Eingeborenen auf
den Inseln hatten, und das tückische Blitzen seines Auges verrieth was
in ihm glühte und hinausdrängen wollte in's Freie. Dicht hinter ihm, mit
einem ernsten, aber ziemlich gleichgültigen Gesicht, hielt sich Raiteo,
der vorher schon eine lange und eifrige Unterhaltung mit ihm gehabt, und
schien dazu bestimmt die Befehle seines Oberen auszuführen. Aonui galt
als die rechte Hand des ehrwürdigen Mr. Rowe, und die Eingeborenen
hielten ihn in hohen Ehren und fürchteten ihn, denn er war gerecht aber
streng, und sein fanatischer Eifer, durch irgend einen Bibelspruch in
irgend eine Bahn gelenkt, riß ihn oft mit sich fort zu Gutem oder Bösem.
»Deine Gehülfen kommen Dich zu befreien« sagte er finster, »aber sie
werden zu spät den Hügel erreichen -- wir hatten ihnen die Möglichkeit
Deiner Auslieferung gestellt -- sie haben sie verworfen und wollen uns
jetzt mit frechen Drohungen einschüchtern -- wende Deine Seele noch zu
Gott, denn Dir sind die Minuten zugezählt.«
Renés Auge blitzte in Trotz und Zorn zu ihm empor und eine feindliche
Entgegnung lag auf seinen Lippen, da traf ihn Raiteos Blick und der
schlaue warnende Ausdruck darin machte ihn stutzen. Des Burschen ganzes
Benehmen deutete auf irgend einen Plan, und sein verstohlenes rasches
Blinken schien ihn ängstlich aufzufordern dem Verlangen zu folgen und
nicht durch Eigensinn den ruhigen Gang der Ereignisse vielleicht zu
stören. Aonui sah daß sein Blick auf irgend einem Gegenstand hinter
ihm haftete und schaute sich um, sein Auge traf aber nur das ruhige
gleichgültig kalte Antlitz seines Begleiters und René, jetzt fest
überzeugt daß er des Atiuers Beistand auf seiner Seite habe, sagte
finster doch leidenschaftslos:
»Thut was Ihr wollt und was Ihr verantworten könnt, aber bedenkt daß
Euch meine Landsleute zu furchtbarer Rechenschaft ziehen werden. Nicht
mehr der freundlose Seemann, der entblößt von Allem auf eine fremde
Insel sprang stehe ich jetzt zwischen Euch -- die Regierung eines
mächtigen Staates hält ihre Hand schützend über mich, und wehe Euch,
wenn Ihr die mächtige erst zur Rache reizt. Bis jetzt schütztet und
vertheidigtet Ihr nur Euer Land -- Ihr hattet recht -- entweiht die gute
Sache nicht durch Mord!«
»Nicht Dich zu hören bin ich gekommen, sondern Dich zu richten« sagte
der Häuptling finster und mürrisch, und horchte einen Moment dem jetzt
wieder beginnenden Schießen, das, der Richtung nach, den aufgestellten
und an verschiedenen Plätzen stationirten Vorposten galt, auch näher
und näher kam. »Bete zu Deinem Gott« sagte er dann, sich wieder zu dem
Gefangenen wendend, »denn Du hast nur noch eine Viertelstunde zu leben.«
»_Beten_« -- rief René -- unwillig mit dem Fuße stampfend -- »beten --
Nichts als beten; -- den Namen Gottes kaut Ihr den ganzen Tag und denkt
dabei an Haß und Mord -- _beten_!«
»Du willst _nicht_ beten?« sagte Aonui rasch.
René sah das unwillige Zucken in Raiteos Gesicht und frug ausweichend:
»Wie lange Zeit ist mir noch gewährt?«
»Der Schatten dieses Baumes darf keine Handbreit mehr zur Seite weichen«
erwiederte der fanatische Häuptling -- »die Schläge Deines Herzens sind
gezählt.«
»Es ist gut« erwiederte René aber seine Hände waren frei, und nicht
gesonnen als ein geduldiges Opfer zu fallen, suchten seine Augen nach
einer Waffe, deren er sich zu geeigneter Zeit bemächtigen könnte.
»Soll ich ihn in das Haus zum Beten führen?« sagte jetzt Raiteo leise zu
dem Häuptling gewandt -- »die Feranis beten nie im Freien.«
Aonui nickte bejahend mit dem Kopf und Raiteo, des jungen Mannes Arm
ergreifend sagte laut:
»Komm Wi Wi -- Du sollst nicht sagen daß wir Dich gezwungen haben
Deinen Gott in anderer Art zu verehren als Du es gewohnt bist -- komm«
flüsterte er dabei leise und führte ihn der Hütte zu, während seine
Wächter, die von Aonui jetzt einen neuen und wie es schien unerwarteten
Befehl bekamen, ihm zögernd, und rasch und leise mit einander redend,
folgten, dann aber vor dem Eingang des kleinen mit Matten verhangenen
Platzes, die Bayonnette gefällt, ihren Posten wieder einnahmen.
Wilder Lärm tobte indessen im Lager -- die Franzosen hatten die
Vorposten zurückgeworfen und ihre Kugeln trafen schon, über den Damm
hin, in die Wipfel der Bäume, ohne freilich bis jetzt noch einen
der Eingeborenen verwundet zu haben. Diese standen aber, an ihren
verschiedenen Posten in der Verschanzung vertheilt, den jetzt von allen
Seiten fast schmetternden Trompeten, die überall den Feind vermuthen
ließen, auch nach jeder Richtung hin die Stirn zu bieten. Die Franzosen
nämlich, den alten Plan verfolgend, hatten, um den Feind irre zu führen,
kleine Detachements mit Signalisten nach rechts und links abgeschickt,
das Lager in einer Entfernung zu umzingeln und dann von allen Seiten
vorzudringen und zu feuern. Dadurch beunruhigten sie nicht allein
die Besatzung und schüchterten sie ein, da sie den Feind viel stärker
vermuthen mußten als er wirklich war, sondern sie hatte auch auf dem
Punkte, wo sie den Hauptangriff machten, nicht den Widerstand der
jetzt überall hin vertheilten Besatzung zu befürchten, und konnten eher
dadurch hoffen den vortrefflich bewaffneten und von dem Terrain so sehr
begünstigten Feind aus seiner festen Stellung hinauszuwerfen. Wenn
damit dann auch kein Hauptschlag geschah, denn den Rückzug in die dicht
bewaldeten Berge waren sie nicht im Stande ihnen abzuschneiden, wurden
sie doch aus der zu großen Nähe von Papetee, auf das sie von hier aus
immer leicht Streifzüge und Ueberfälle unternehmen konnten, vertrieben,
und das Wichtigste von Allem, ihr Vertrauen zu sich selbst, das nach
der Schlacht von Mahaena nur noch mehr gestiegen, in etwas wieder nieder
gedrückt.
Außerdem feuerte auch Renés Gefangennahme den Gouverneur an, Alles zu
thun die Insulaner für etwas zu züchtigen, dessen Recht er ihnen unter
keiner Bedingung zugestehen wollte. Einen seiner Nation nämlich zu
halten oder gar zu richten. Bedingungen durfte er sich daher auch, von
solchem Grundsatz ausgehend, keine vorschreiben lassen, und die Waffen
mußten den Kampf entscheiden.
Um René wäre es aber freilich schlecht gestanden, wenn er von daher
auf Hülfe hätte rechnen sollen, und Utami selber konnte oder wollte
ihn nicht schützen. Der Franzose der freundlich und gastlich von ihnen
selbst in ihre Familien aufgenommen worden, und dann sich doch gegen sie
wandte -- wie er nicht anders glauben konnte -- verdiente härtere
Strafe als der, der gleich mit den Waffen in der Hand und in offener
Feindschaft an ihr Ufer sprang. Der letztere trat nur ihre Rechte mit
Füßen, der andere auch ihre Herzen.
Anders dachte Raiteo, und von dem Protestantischen Missionair mit
herüber nach Tahiti genommen, hatte er in einer starken Hinneigung
zum Christenthum sich eine Menge Vortheile erwachsen sehn, die er als
einfacher Insulaner einer abgelegenen Insel nie im Leben erreicht haben
würde. Raiteo war ehrgeizig, und der schon in früheren Jahren von dem
Wallfischfänger erhaltene und so schlecht verdiente Lohn hatte, mit dem
Beginn eines Vermögens, auch das Streben und Verlangen nach mehr und
größerem in ihm erweckt. Als Mitonare öffneten sich ihm dazu, wie er
recht gut wußte, zahlreiche Quellen, und er wäre jedenfalls nicht säumig
dabei gewesen sie zu benutzen, sobald sich nur die Gelegenheit dazu
geboten. Als er aber die Verhältnisse in Tahiti näher kennen lernte
und die Macht, die von den Feranis entwickelt wurde, wie daneben die
Gleichgiltigkeit der Englischen Schiffe sah, stiegen Zweifel in ihm
auf der Ausführbarkeit seiner Berechnungen wegen, und er fing an die
Vortheile zu überschlagen die der Segen der Katholischen Religion
vielleicht auf sein geistiges wie körperliches Wohl haben könne. Die in
die Berge gedrängte Lage der Eingeborenen gefiel ihm auch nicht, und
mit der Ueberzeugung war ihm auch der Entschluß gekommen einen
entscheidenden Schritt zu thun und -- ein anderer Mensch zu werden.
Die erste Gelegenheit hierzu bot die Flucht der beiden Seeleute, die er
begünstigte und die, so schlecht für den andern Theil, so vortrefflich
für ihn selber ausgeschlagen war. Nur die Feranis wollten ihm nicht
gleich auf sein ehrlich Gesicht glauben, daß er es treu und ehrlich
mit ihnen und ihrer Sache meine, und schickten ihn deshalb, seine
Nutzbarkeit auf die Probe zu stellen, mit dem zum ersten Mal abgesandten
Officier als Führer und Unterhändler. Der ungünstige Erfolg dieser
Sendung machte ihn aber besorgt seine Sicherheit gleich hinterher den
Franzosen wieder anzuvertrauen, und da er sein Geld gut verwahrt wußte,
beschloß er lieber eine bessere Gelegenheit abzuwarten, sich seinen
neuen Gönnern nicht allein wirklich zu empfehlen, sondern auch
vielleicht einen neuen Nutzen daraus zu ziehn. Diese bot sich ihm jetzt.
Der junge Franzose war, wie er sich vorher zu erkundigen gewußt, reich,
und ihm, wie er sich fest überzeugt fühlte, auch noch von früherher
verpflichtet; die Eingeborenen von Tahiti _konnten_ auf die Länge der
Zeit nicht siegen -- als Bewohner von Atiu fühlte er auch eben
kein besonderes Interesse für sie -- und wer weiß was dann aus den
Protestantischen Missionairen wurde -- deshalb schien es ihm weit
zweckmäßiger das Gewisse für das Ungewisse zu nehmen -- und danach
handelte er.
Kaum fiel deshalb die Matte hinter ihnen, die sie den Blicken der
Außenstehenden und Wartenden entzog, als Raiteo vorsprang, ein Geflecht
von Pandanusblättern aufhob und damit zwei blanke Cavalleriesäbel den
Blicken des jungen Mannes enthüllte. René that keine Frage, aber er
mußte an sich halten einen Jubelruf zu unterdrücken, und rasch die eine
Waffe aufgreifend, während sein Führer die andere nahm, sah er nur noch
eben wie dieser die Blätter der Rückwand von einander schob und hindurch
schlüpfte und folgte ihm, ohne nur eine Frage über das wie und wohin zu
thun.
Die Hütte stand dicht an der Verschanzung, nach rechts und links von
kleinen Trupps der Eingeborenen bewacht, dicht hinter ihr war aber
ein Raum von vielleicht zwanzig oder dreißig Schritt Breite, da eine
Felswand gerade dahinter ziemlich steil niederdachte, freigelassen, und
diese Stelle hatte sich der schlaue Bursche zu ihrer Flucht ausersehn.
Wohl wurden sie augenblicklich entdeckt, sowie sie nur auf die Schanze
sprangen, und eine Eidechse hätte kaum ungesehn darüber kommen können,
ehe aber die mit Schießwaffen wenig vertrauten Insulaner zum Schuß
fertig waren, oder sich überhaupt von dem Erstaunen über den kecken
Fluchtversuch erholen konnten, hatte Raiteo des jungen Mannes Hand
ergriffen und ihn nach vorn reißend glitten sie schon im nächsten
Augenblick mit Blitzesschnelle den steilen schlüpfrigen Hang hinunter
in ein Dickicht niederen Grases, von hochstämmigen Guiaven, die hier gar
gedeihlichen Boden gefunden, überwachsen.
Keineswegs aber waren sie hier schon jeder Gefahr enthoben, denn nicht
allein wurden ihnen von oben mehre Schüsse nachgefeuert, und sie hörten
die Kugeln rings um sich einschlagen, sondern fünf oder sechs Indianer,
und unter ihnen die von Aonui angefeuerten Wächter, folgten ihnen ohne
weiteres Säumen mit wirklich kecker Entschlossenheit, und durch das
Dickicht aufgehalten wäre René gar nicht im Stande gewesen ihnen
so rasch zu entgehn. Sein Leben wenigstens so theuer als möglich zu
verkaufen wandte er sich deshalb auch schon, die blanke Waffe in der
Faust, gegen sie um, als dicht hinter ihm die befreundeten Signalhörner
tönten, und die Eingeborenen im ersten Schreck an Stamm und Busch
klammerten, dem hier gar nicht vermutheten Feind nicht in die Hände zu
fallen.
Den Moment benutzten die Flüchtigen der Richtung zuzuspringen, in der
sie die Hörner gehört, und den Verfolgern blieb Nichts weiter übrig
als ihnen ihre Kugeln nachzusenden und sich so rasch als möglich
wieder zurückzuziehn, nicht vielleicht gar von den möglicher Weise
nachdrängenden Feinden abgeschnitten zu werden. Die Kugeln blieben
übrigens erfolglos, eine ausgenommen, die Raiteos Oberschenkel traf und
durch das dicke Fleisch desselben fuhr, ihn aber keineswegs in seiner
Flucht aufhielt sondern dieselbe eher noch, wenn das überhaupt möglich
gewesen wäre, beschleunigte.
Das Feuern sowohl, wie der Lärm den sie in den Büschen machten, hatte
aber schon das kleine Piquet, das aus einem Dutzend Matrosen von der
Uranie und dem Signalisten, von einem Seecadet angeführt, bestand, ihnen
in den Weg gebracht, und René, auf sie zuspringend, wollte sich ihnen
jetzt, in Zorn und Unmuth über die erlittene Behandlung und der eben
kaum entgangenen Todesgefahr, augenblicklich wieder anschließen, das
Lager mit gewaffneter Hand erstürmen zu helfen; Raiteo aber merkte das
kaum, als er erklärte mit der erhaltenen Wunde nicht allein weiter gehn
zu können, und den jungen Franzosen ernstlich aufforderte, ihn, der ihm
eben erst das Leben gerettet und seinetwegen gerade den Schuß erhalten,
jetzt nicht hülflos im Walde liegen zu lassen, daß er vielleicht gar
wieder in die Hände der Tahitier fiele.
René konnte und wollte das allerdings nicht und wünschte den Verwundeten
von einem der Matrosen geleiten zu lassen; der Seecadet hatte aber dazu
keine Ordre, und Raiteo selber weigerte sich mit einem Fremden zu gehn,
der erstlich seine Sprache nicht verstünde, dann keine Verbindlichkeit
gegen ihn hätte, und ihn möglicher Weise hinter dem nächsten Dickicht
sitzen ließ. René durfte ihn nicht verlassen und nur deshalb dem
Seecadet seinen Namen nennend, wobei er ihn bat, es sobald als möglich
dem kommandirenden Officier wissen zu lassen, daß er der Gefangenschaft
glücklich entkommen sei, führte er den jetzt immer erschöpfter werdenden
Insulaner bergab in's Thal nieder, dem gar nicht so sehr entfernten
Papetee zu, fest entschlossen so rasch er könne zurück zu kehren und an
dem Kampfe noch womöglich Theil zu nehmen.
Das aber lag keineswegs in Raiteos Plan, dessen Wunde ihn wenig genug
genirt haben würde, wenn er eben allein hätte gehen _wollen;_ erstlich
aber mußte er in Papetee einen Zeugen für sich haben, wenn er auf einen
günstigen Empfang rechnen wollte, und dann war ihm der junge Franzose
jetzt zu großem Dank verpflichtet. Lief der aber gleich wieder zurück,
und wurde vielleicht vor den Kopf geschossen, so war für ihn jeder von
seiner That erhoffte Nutzen verloren, und er hatte nicht allein Nichts
verdient, sondern die Eingeborenen wie besonders seinen Missionair,
ohne den geringsten Vortheil davon für sich selber zu haben, auf das
grimmigste erbittert, und gegen sich aufgebracht. Das zu verhindern
war jetzt seine Aufgabe, und er stöhnte und ächzte so langsam den Berg
nieder und mußte sich so oft setzen und ausruhen, daß sie eben den Wall
von Papetee erreichten, als das Schießen oben aufhörte, und kurze Zeit
darauf die schmetternden Hörner der rückkehrenden Franzosen diese
als Sieger kündete. In der That hatten sie auch mit dem Bayonnett die
Eingeborenen aus ihren Schanzen hinausgetrieben und in die Berge gejagt,
und erst als sie sich dort nach allen Richtungen wieder sammelten, und
aus dem Dickicht heraus einen Angriff drohten, bei dem die nicht mit dem
Wald vertrauten Fremden vielleicht übel gefahren wären, zogen sie sich
zurück, mit dem Erfolg ihrer Expedition vollkommen befriedigt, und auch
nicht gerade mit zu viel Verlust.
René brachte nun, in Papetee wieder glücklich angelangt, vor allen
Dingen Raiteo, der ihm allerdings diesmal einen wichtigen Dienst
erwiesen, in gute Pflege, damit er sich rasch von seiner Wunde erholen
könne, die auch bald darauf Einer der dortigen Militärärzte untersuchte
und als ziemlich unbedeutend, jedenfalls völlig gefahrlos erklärte. Das
beendet aber suchte er auch ungesäumt den Gouverneur auf, ihm Bericht
zu erstatten über sein Abenteuer sowohl, wie über den sehr ungewissen
Erfolg den er von gütiger Ausgleichung zu hoffen habe.
Den Gouverneur fand er gerade mit dem Verhör des Mannes beschäftigt, der
fast die Ursache seines eigenen Todes gewesen wäre, mit Jim O'Flannagan
und ließ sich nur anmelden, um seine glückliche Rückkunft anzuzeigen
und zu passenderer Zeit wiederzukehren, wurde aber augenblicklich hinein
beschieden und ohne Weiteres vorgelassen.
»Sie kommen mir wie gerufen, Delavigne!« rief ihm der Gouverneur schon
von weitem entgegen -- »Ihre erlebten Abenteuer sollen Sie mir nachher
erzählen, aber wir haben hier einen Burschen, der Alles verspricht was
man von ihm fordert, seinen Hals nur aus der Schlinge zu retten in der
er sich festgefahren, und dem ich durch Jemand mit dem Land Vertrauten
möchte einmal auf den Zahn fühlen lassen.«
Jim O'Flannagan befand sich in der unangenehmsten Lage von der Welt:
mit auf dem Rücken gebundenen Händen zwischen zwei Marine-Soldaten mit
gezogenen Säbeln und eines Verbrechens überführt, das ihm die Raanocke
vollkommen sicher in Aussicht stellte. Er schien auch seine Situation
vollkommen zu begreifen, denn er sah todtenbleich aus und die Augen
lagen ihm tief und düster in den Höhlen; aber um den Mund zuckte doch
noch immer der alte Trotz, und die Stirn gerunzelt, blickte er finster
und mistrauisch auf den neuen Ankömmling, gleich aus seinem ersten
Erscheinen zu errathen ob er ihm nützen oder schaden könne.
»Hier der Bursche« fuhr der Gouverneur dann fort, als er dem jungen Mann
herzlich die Hand gedrückt, »thut Alles in seinen Kräften stehende,
das muß man ihm lassen, sein allerdings den Gesetzen verfallenes
verbrechenreiches Leben zu retten. In ihm ganz würdiger Weise hat er
uns auch schon gestern seinen eigenen Kameraden wieder in die Hände
geliefert.«
»Den entsprungenen Matrosen?« rief René rasch und erstaunt.