»Wir wollen fortfahren unsere Augen zu Gott zu erheben, Bruder Aue

-- Raiteo, Du magst den Feranis melden daß sie uns morgen früh mit

Sonnenaufgang bei der Berathung ihrer Frage und der Untersuchung des

Gefangenen finden sollen. Heute ist der dem Herrn geweihte Tag und

nichts Irdisches, vielweniger die Privatverhältnisse eines Papisten,

sollen uns abhalten von unserer Pflicht, die wir zuerst dem Höchsten,

dann erst unseren eigenen Zuständen schulden.«

»Und die Feranis sollen wieder nach Papetee zurückgehn?« frug Raiteo,

halb mit einem Anflug von Schadenfreude in den Worten.

»Ich habe es gesagt« erwiederte Bruder Aonui.

»Und der Wi Wi soll hier oben bleiben?« setzte Raiteo mit demselben

Blick hinzu.

»Störe uns nicht weiter durch Deine nutzlosen Fragen, Bruder Raiteo«

sagte der Geistliche da mit freundlicher doch zurechtweisender Stimme,

»Du hast Deine Antwort, melde sie den Feranis, obgleich ich nicht recht

weiß wie Du dazu kommst ihr Bote zu sein.«

»Ich war gestern --«

»Ruhig -- ich will heute keine Erzählung irdischer Dinge mit anhören,

wir haben genug unserer kostbaren Zeit auf leichtsinnige Weise vergeudet

-- weshalb gehst Du nicht?«

»Ich?« sagte Raiteo -- und es war fast unmöglich bei den Worten einen

bestimmten Ausdruck für seine Züge zu finden, in denen es zuckte und zog

als er sich dazu zwang ernst und ehrbar auszusehn -- »ich? -- was

hab _ich_ weiter mit den Wi Wis zu thun -- ich habe sie den Berg

heraufgebracht weil ich mußte -- unten, wo sie nicht weiter dürfen,

stehn sie -- Jemand Anders kann sie hinunter bringen.«

»Möge sie Gott erleuchten« sagte Bruder Rowe mit einem flehenden Blick

nach oben, und in die schrillen Töne eines Psalms einbiegend, dem der

Chor gleich darauf mit lauter lebendiger Stimme folgte, wurde jede

Verhandlung über den Gegenstand vollkommen abgeschnitten und aus dem

Bereich weiterer Besprechung gebracht. Raiteo aber kauerte sich, gleich

wo er stand, auf den Boden nieder und erhob seine Stimme vor dem Herrn,

lauter und andächtiger, wenn man seinem äußeren Menschen glauben wollte,

als irgend eines der übrigen Mitglieder der Gemeinde.

Teraitane allein, der keineswegs beabsichtigte die Feranis auf solche

Weise zu behandeln, und nur noch mehr und unnützer Weise zu reizen,

verließ das Lager und stieg den Pfad hinab, ihnen die Meldung selber

zu bringen, daß die Häuptlinge beschlossen hätten heute, als an einem

Sabbath, sich in keine weltlichen Dinge zu mischen, und das Verhör und

die Untersuchung des Gefangenen auf morgen früh verschieben wollten.

Lieutnant Bertrand, der von Gouverneur Bruat selber abgeschickt war den

Gefangenen zurückzufordern, wollte sich jedoch so noch nicht abweisen

lassen, und drohte mit der Rache der Franzosen, wenn dem jungen Manne

auch nur ein Haar gekrümmt würde; hierauf aber hatte der alte Häuptling

nur einen finstern Blick und ein trotziges Lachen.

»Holt ihn Euch wenn Ihr nicht warten könnt« sagte er finster, »oder

wenn Ihr glaubt daß Ihr die Macht habt Euere Drohungen wahr zu machen.

Teraitane freut sich darauf Euch mit blutigen Köpfen wieder heim zu

schicken.«

»Du stehst mir für sein Leben!« rief da Bertrand rasch zuspringend, in

der Absicht den Häuptling als Geisel für den Freund, unter dem Lager der

Insulaner fort zu führen; Teraitane aber glitt ihm unter den Händen

hin, und wie aus dem Boden gewachsen tauchten rechts und links von ihm

bewaffnete und finstere Gestalten auf, Speere und die drohenden

Läufe der Musketen fest und zürnend auf ihn gerichtet. Bertrand riß

unerschrocken den Degen aus der Scheide, und seine Begleiter fällten

die Gewehre, einem jetzt sicher erwarteten Angriff zu begegnen, der

Häuptling aber winkte ihnen mit der Hand und sagte ernst:

»Ruhe heute am Sabbath! -- ich könnte Dich jetzt gefangen nehmen oder

tödten, Du tollköpfiger Ferani, aber ich will es nicht thun -- weniger

vielleicht Deinetwegen, als die fromme Gemeinde droben nicht noch einmal

in ihrer Sabbathfeier zu stören. Gehe zurück -- Du siehst, Du bist nicht

im Stande Deinen bösen Vorsatz auszuführen, gehe zurück und schicke

morgen wieder herauf, zu hören was die Häuptlinge über den Gefangenen

beschließen werden.«

Und sich ruhig und furchtlos von dem Feind abwendend, der aber noch

aufmerksam und mistrauisch von den übrigen Eingeborenen bewacht wurde,

schritt er langsam wieder den Pfad hinauf den er gekommen, während sich

Bertrand, unmuthig und unzufrieden mit sich selber, aber auch recht gut

einsehend daß er durch weiteres Vordringen René und sich nur schaden

aber gar nichts nützen könne, ebenfalls wieder zurück, in's Thal nieder,

wandte.

René hatte indessen in peinlicher Spannung die wie er sich recht

gut denken konnte seinetwegen gepflogenen Unterhandlungen von weitem

beobachtet, wobei ihn Raiteos Erscheinen besonders in Erstaunen setzte.

Daß ihn übrigens der Bursche keines Blickes würdigte, als er an ihm

vorüber ging, beruhigte ihn wenigstens über dessen Gesinnung gegen sich

selber. Er kannte den schlauen Gesellen gut genug, der, wenn ihm der

Gefangene gleichgültig gewesen wäre, jedenfalls ein paar Worte mit ihm

gewechselt hätte, und wenn es auch nur deshalb gewesen wäre, vor den

Eingeborenen von Tahiti mit seinem Englisch zu prahlen; das aber hätte,

meinte er es wirklich gut mit ihm, auch leicht zu einer Vermuthung

gegenseitigen Verständnisses führen und sie mistrauisch machen können,

während er dagegen, durch ein völliges Ignoriren des Fremden, Raum zu

keinem derartigen Verdacht geben konnte.

Daß der Gouverneur seine Auslieferung verlangt hatte, konnte er sich

denken, und weshalb wurde die verweigert? was wollten sie mit ihm? --

was _konnten_ sie von ihm verlangen? und woher auf einmal dies kalte

feindliche Benehmen sogar solcher der Eingeborenen gegen ihn, mit denen

er sonst auf einem ganz friedlichen Fuß gestanden? Alle die Fragen

gingen ihm wirr und in unbestimmten Bildern durch das Hirn, und das ewig

lange gleichgültige Absingen der Psalmen dazwischen, klang ihm wie Spott

in seinem Unmuth und machte ihn die Zähne fest auf einander beißen,

bittere Zornesworte zurück zu halten.

Der Gottesdienst nahm indessen seinen ungestörten Fortgang; dem Singen

folgten wieder Gebete und dem Gebete wieder geistliche Lieder, und

als die feierliche Handlung endlich mit einem langen Segen geschlossen

wurde, schieden sich die Zuhörer in ihre verschiedenen Gruppen oder

Familien, an kalten Speisen, da heute Nichts gebraten werden durfte,

ihre Mahlzeit zu halten, und sich für neue Bet-Uebungen auf den

Nachmittag vorzubereiten.

Auch die Frauen, von denen er viele kannte, hielten sich fern von ihm --

sogar Aumama, die er unter ihnen entdeckte, kam ihm nicht nah, und saß

nur ernst und schweigend auf ihrer Matte, am Fuß eines breitästigen

stehengelassenen Orangenbusches, und ließ den Blick oft lange und ernst

auf ihm haften; als er aber selber seine Stelle verlassen wollte zu ihr

hinzugehn, bedeuteten ihn seine Wächter daß er das nicht dürfe -- er sei

hier gefangen, und wenn sie ihm nicht Hände und Füße gebunden, wäre das

eine bloße Gefälligkeit. Was hätte ihm Widerstand gegen die Uebermacht

geholfen -- der konnte seine Lage nur verschlimmern.

Als letztes Aushülfsmittel verlangte er den Häuptling Utami zu sprechen,

den er gesehen hatte und mit dem er früher schon manches freundliche

Wort gewechselt; er habe ihm, wie er seinen Wächtern sagte, Wichtiges

mitzutheilen. Deren Antwort lautete dagegen ein- wie allemal: »es sei

Sabbath heute, und weder Utami noch irgend ein anderer Häuptling werde

sich mit ihm oder irgend etwas Anderem als eben der sonntäglichen Feier

befassen -- er müsse bis morgen warten.«

»Bis morgen warten -- Tod und Teufel!« die Ungeduld hätte ihn verzehren

mögen, aber wieder begannen, nach dem kurzen frugalen Mahl der Uebrigen,

die Bet- und Singübungen, und die einzige Notiz die man von ihm nahm,

war, daß ihm etwas kalte geröstete Brodfrucht und eine Cocosnuß gebracht

wurde, seinen Hunger und Durst zu stillen, und die Minuten schlichen wie

Stunden an seiner Seele vorüber. So wurde es Nacht -- das südliche Kreuz

über ihm drehte sich so langsam, als ob es Monate lang Zeit habe um

seine eigne Axe zu kommen, und die kühle feuchte Bergluft, mit der

inneren Aufregung vielleicht, schüttelte ihm die Glieder in Fieberfrost.

Endlich brach der Morgen an -- im Osten zeigte sich ein heller Schein

der rasch und mächtig wuchs, und der Morgenschuß der Uranie, der selbst

bis hierher deutlich drang, kündete die dem Meer entstiegene Sonne.

Die Eingeborenen waren aber schon vorher auf und thätig gewesen; ihre

Feuer, Steine glühend zu machen, loderten nach allen Seiten hin, und ein

reges Leben und Treiben herrschte in dem kleinen Lager.

»Utami will Dich haben« kündete da endlich ein junger Bursch

dem Gefangenen den Willen des Häuptlings -- »komm mit mir!« und

voranschreitend führte er ihn, durch die Lagerplätze der Insulaner hin,

deren keiner Wort oder Gruß für ihn hatte. Sie Alle blickten finster auf

ihn, und René, ärgerlich über den Hochmuth der »rothhäutigen Schufte«

wie er sie jetzt vor sich hinbrummend nannte, schritt mit verschränkten

Armen stolz und rasch zwischen ihnen hin -- hie und da einen auf ihn

gerichteten Blick mit keckem und herausforderndem Ausdruck begegnend.

Die Burschen sollten wenigstens nicht glauben daß sie ihn einschüchtern

konnten.

Der alte Häuptling saß auf einer Matte auf der Erde, um ihn alle die

übrigen Häupter und Aeltesten des Lagers, während sich die Eingeborenen,

obgleich in Gehörweite, doch in anständiger und ehrerbietiger Ferne von

den Richtern hielten, die über den Fremden jetzt ihr Urtheil sprechen

sollten.

René schlug das Herz lauter in der Brust, als er alle diese feierlichen

Vorbereitungen sah, aber sein leichter Sinn trug ihn rasch über den

Ernst des Augenblicks hin, und die vor ihnen kauernde Schaar, hinter der

sich die Frauen und Mädchen in dicht gedrängter Masse neugierig hielten,

mit einem flüchtigen Blick überfliegend sagte er lächelnd:

»Nun, was giebt's Ihr Männer, daß Ihr hier zu Gericht sitzt wie über

einen Missethäter? was wollt Ihr von mir, und warum habt Ihr mich

gestern den ganzen Tag und die Nacht ohne Matte selbst auf dem Boden

liegen lassen? -- Ist das Euere gerühmte Gastlichkeit? -- Ich wäre heute

selber, im Auftrag des Gouverneurs von Tahiti zu Euch gekommen, Euch

seine Vorschläge zu bringen, als mich ein Trupp Euerer Leute vorgestern

Abend überfiel und wie einen Mörder durch Dickicht und Busch in die

Berge schleppte. Was hab ich verbrochen?«

Ein leises Murmeln des Erstaunens über die kecke Rede lief durch die

Versammlung, und die meisten der Häuptlinge, besonders Aonui, Potowai

und andere schüttelten misbilligend mit den Köpfen und flüsterten mit

einander, aber Utami entgegnete ihm ernst, doch ohne Strenge oder Haß im

Ton.

»Nicht zu fragen, Ferani, sondern zu antworten bist Du hierher

beschieden -- sei aufrichtig, es ist das Beste für Dich.«

»Nun so fragt, nachher werdet Ihr ja wohl auch mir die Rede gestatten«

entgegnete René kurz.

»Was brachte Euch Feranis vorgestern Abend aus der widerrechtlich in

Besitz genommenen Stadt bewaffnet hervor, und weshalb grifft Ihr unsere

Männer an und erschluget zwei und führtet Andere gefangen fort?«

»Zuerst« erwiederte René, »gehörte ich gar nicht mit zu der

Patrouille, der ich mich nur anschloß halb müßiger Zeit wegen, halb der

Habhaftwerdung eines Verbrechers beizuwohnen, dessen Nähe dem Gouverneur

gemeldet worden, und den er zu fangen und unschädlich zu machen

wünschte. Die Patrouille hatte keinen anderen Zweck und die Insulaner

überfielen sie zuerst, die Gefangenen wieder zu befreien.«

»So hatten unsere Kundschafter doch recht und O'Fa-na-ga ist gefangen«

sagte der Häuptling, »aber was hatte er gethan?«

»Gemordet und geraubt in früherer Zeit« entgegnete René; »er ist ein

böser Mensch, und Einer der Officiere hatte ihn erkannt.«

»Ihr bringt da Anschuldigungen von denen wir nichts wissen« sagte aber

Utami -- »oft hätten wir können Einzelne von Euch gefangen nehmen, aber

wir haben es nicht gethan, wir führten keinen Krieg mit Einzelnen und

wir erwarteten dasselbe von Euch. O'Fanaga kämpfte in unseren Reihen und

stand unter unserem Schutz.«

»Dann hätte er darunter bleiben sollen« lachte René, »jetzt wird ihm

schwerlich viel Zeit mehr gegeben werden den zu beanspruchen.«

»Dann schlimm für Dich!« rief Aonui hier, zornig den Arm gegen ihn

ausstreckend -- »dasselbe Schicksal des O'Fa-na-ga unten von Deinen

Landsleuten trifft, Ferani, erwartet auch Dich.«

»Möcht' ich mir nicht wünschen« lachte René, noch immer fest

entschlossen den Insulanern gegenüber auch keinen Schein von Furcht zu

zeigen -- »haben sie ihn gefangen, so erwartet _ihn_ der Strick -- wenn

er nicht schon hängt.«

»Dann hängst auch Du!« schrie Potowai, den Arm wild gegen ihn

ausstreckend -- »O'Fa-na-ga war mein Freund.«

»Schlechte Empfehlung für Dich« sagte der unerschütterliche Franzose.

»Ruhe -- Frieden!« gebot aber Utami -- »und Du Ferani thust nicht

wohl daran die Männer noch zu reizen, die über Dich zu Gericht sitzen

sollen.«

»Dazu habt Ihr kein Recht!« rief aber, sich hoch emporrichtend der junge

Mann -- »und wehe Euch wenn Ihr es wagen solltet Hand an mich zu legen.«

»Kein Recht? -- und wer sonst?« sagte Utami ruhig zu ihm aufschauend --

»wer anders als wir, ist der rechtmäßige Eigenthümer dieses Bodens, seit

Pomare feige den Schutz bei dem Fremden suchte? Glaubst Du daß Ihr das

_Recht_ erworben habt auf dieser Insel zu herrschen, weil die Kanonen

Euerer Schiffe ihre Kugeln in die friedlichen am Ufer stehenden

Fischerhütten schleudern können? Deine Landsleute haben den Krieg in

dieses stille harmlose Land gebracht, den Namen Gottes haben sie zur

Decke gebraucht, unter der sie ihre bösen Absichten und Pläne verbargen;

ihre Landsleute, dieselben die mit ihnen einen Gott anbeten, gaben sie

vor wollten sie schützen, weil sie noch ein Stück von einem Gewissen

hatten, und sich schämten mit ihren eigennützigen, verbrecherischen

Absichten so frei zu Tag zu kommen, und hätten wir ihnen den Schutz

eingeräumt, so breiteten sie ihre Macht aus über das Land, und schon

während sie ihrer Aussage nach für ihren Gott arbeiteten, füllten sie

sich die eigenen Schiffe und legten ihre Arme über das Eigenthum eines

andern fremden Volkes. Nun wir aber ihren Priestern die Erlaubniß

gegeben hatten hier ungehindert zu predigen und gleiche Rechte mit

den unsrigen zu haben, aber nur den _Schutz_ zurückweisen den sie uns

angedeihen lassen wollen, und der in Euerer Sprache etwas ganz anderes

bedeuten muß als in der unseren, denn in der unseren heißt das, was Ihr

darunter zu verstehen scheint, _Diebstahl_, nun kommt Ihr mit Eueren

wahren Absichten zu Tag. Wie in einem Spiel der Areois habt Ihr eine

Maske vor Euerem wahren Gesicht gehabt, die Ihr jetzt abwerft, da sie

Euch nicht mehr verbirgt -- stützt Euch auf Verträge, die Ihr anders

auslegtet und benutztet als sie gemeint waren, sendet Euere Spione und

Priester in unser Land unser Volk zu verderben und abtrünnig zu machen,

und dringt zuletzt mit gewaffneter Hand in unsere Heimath, zerstört

unsere Häuser, verwüstet unsere Felder, zerschmettert mit Eueren

Kanonenkugeln unsere Cocospalmen und Brodfruchtbäume, die Stämme die uns

und unseren Kindern Nahrung geben und dringt mit gewaffneter Hand in

die Berge und Haine ein, unsere Männer zu erschlagen, unsere Weiber mit

fortzuschleppen oder zu entehren.«

»Und was hab _ich_ mit alle dem zu thun?« entgegnete René ausweichend

einer allerdings nur zu wohl begründeten Anklage gegenüber -- »gehörte

_ich_ zu den Eroberern? -- gehöre ich _jetzt_ dazu? kam ich nicht, ein

Fremder, auf Euere Inseln und wurde heimisch darauf aus freiem Willen

und mit der Zustimmung eines Euerer Häuptlinge? -- nahm ich mir nicht

ein Weib aus Euerem Stamme?«

»Und _wo_ ist die jetzt?« unterbrach ihn ruhig Utami.

»Jetzt? -- in unserer früheren Heimath hoffentlich, zu der sie mit Einem

Euerer Priester hinüberging, mich zu erwarten.«

»Dich zu erwarten« -- wiederholte leise und ernst mit dem Kopf nickend

der Häuptling -- »willst Du das ein Anrecht auf unsern Schutz machen,

daß Du die Frau wieder von Dir schickst, die an Deiner Seite bleiben

sollte, bis zu ihrem Tode? --«

René wollte heftig darauf antworten, aber er besann sich, biß die

Unterlippe und sagte finster:

»Was meine Familienverhältnisse betrifft bin ich, denk' ich, nur mir

selber die Rechenschaft schuldig.«

»Haß und Elend säet Ihr« sagte Utami ernst, fast traurig, »und verlangt

Freundschaft, verlangt Liebe dafür.«

»Nicht ich, Utami« rief René aber, von dem weichen Tone getroffen, rasch

-- »nicht ich, bei unserem Gott, und auch mir hat all das Leid was diese

Inseln jetzt durch meine Landsleute, es ist wahr, getroffen, das Herz

zerschnitten. Nicht ich billige ihr Verfahren, und hätte meine Stimme

ein Gewicht, noch heute lichteten jene stolzen Schiffe ihre Anker und

kehrten den Bug heimwärts, nie nie wieder den Frieden dieses stillen

Inselreichs zu stören. Aber zu spät kommt solch ein frommer Wunsch«

setzte er ruhiger hinzu -- »die Gier der Fremden, wie Euer eigener

Unfriede -- der Stolz Euerer Priester, vielleicht die von ihnen erst

aufgestachelte oder geweckte fanatische Wuth des Volks, sind Hand in

Hand gegangen, dem Fremden das _Recht_, das scheinbare Recht wenigstens

zu geben, auf das er jetzt sich stützt und das er mit dem Uebergewicht

seiner Waffen aufrecht erhält. Nur Blutvergießen kann noch verhindert

werden -- nur die Möglichkeit ist noch da weitere Kämpfe zu vermeiden,

die hunderten von Unschuldigen das Leben kosten und Jammer und Elend

über Euere Familien bringen müssen, und das zu vermitteln wäre ich

gestern, oder wenn Ihr es da, als an einem Sabbath, nicht annahmt, heute

dann im Auftrag des Gouverneurs selber zu Euch heraufgekommen, Euch den

Frieden zu bieten von seiner Hand.«

»Was braucht er Frieden zu bieten« rief Teraitane finster -- »er soll

unsere Bai verlassen mit seinen Schiffen und wir haben Frieden; sind

_wir_ es die den Krieg begonnen haben, die ihn fortführen?«

»Und ob Ihr Recht habt, hilft Euch das doch Nichts« sagte René ruhig --

»der Fremde hat die Macht, die Gewalt in Händen; Frankreich hat Besitz

von den Inseln ergriffen, und nur jene lügnerischen Versprechungen, die

Euch von dem Schutz und der Hülfe Englands gemacht wurden, konnten Euch

zu dem verzweifeltsten aller Entschlüsse treiben, Euch dem Mächtigeren

zu widersetzen. So nehmt Vernunft an -- bleibt thatsächlich im Besitz

Eures Landes, des Haupt ja nur den anderen Namen bekommen, und glaubt

dann nicht daß unsere Priester mit gleichem Haß gegen die Eueren kämpfen

werden, als diese es gethan. Euere Religion, Euer Glaube bleibt Euch

geschützt, wenn Ihr für den die Waffen aufgegriffen.«

»Wir kämpfen nicht für unseren _Glauben_!« rief jetzt Utami zornig und

die Hand geballt -- »wir kämpfen für unser _Land_, für unsere _Heimath_.

Der _Glaube_ liegt in des Menschen eigner Brust, und wenn wir verhindert

würden dem einen Tempel zu bauen, wählte er sich das eigene Herz. Wir

wollen für uns keine solche Mauer, uns dahinter zu verstecken, wir

wollen sie Euch aber auch nicht lassen. Offen und frei heraus sollt

Ihr sagen »wir wollen Euer Land -- Euere Brodfruchtbäume, Euere Palmen,

Euere Taro- und Patatenfelder, Euere Baien und die Fische darin, Euere

Häuser, Euere Frauen -- Euere Männer sollen für uns arbeiten und wir

wollen ihre Herren sein.« Was Glauben -- wenn Euer Gott die Macht besäße

uns den zu nehmen, hätte er nicht geduldet daß andere Priester zuerst

gekommen wären uns _ihren_ Glauben zu bringen. Friedlich unterwerfen

sollen wir uns, das ist was Ihr wollt, aber das ist zu spät. Macht die

wieder lebendig die Euere Kugeln und Bayonnette getroffen -- ruft die

wieder in's Leben zurück die kalt und bleich in der Erde jetzt liegen,

todt und blutig weil sie eben an ihrem Gott und Fürsten hingen, und

dann wollen wir von Fried und Freundschaft reden, die Erneuerung solchen

Unheils zu verhindern; jetzt nicht.«

»_Die_ Antwort soll der Häuptling der Feranis auch bekommen denn sein

Frieden heißt Knechtschaft, seine Freundschaft Schmach, Du aber bleibst

gefangen, bis uns die Männer zurückgeliefert sind, die mit halfen

unsere Berge gegen den Uebermuth Deiner Landsleute zu vertheidigen, und

geschieht ihnen ein Leides, so stirbst auch Du.«

»Der Eine von ihnen ist ein schwerer Verbrecher!« rief René unwillig

-- »er hat Menschen ermordet und beraubt -- wollt Ihr mich mit einem

solchen gleich stellen?«

»Deine Landsleute haben auch Menschen gemordet« rief Aonui heftig --

»und sind im Begriff uns Alles zu nehmen was wir haben -- selbst unsere

Bibel -- das Heil unserer Seelen.«

»Auge um Auge, Zahn um Zahn!« sagte auch Teraitane -- »jeden Gefangenen

tauschen wir ein, Mann um Mann -- für jeden Bruder den sie uns

erschlagen verlangen wir volle Bezahlung in Blut zurück -- und ehe wir

die nicht bekommen, kein Friede bis wir die Feranis bezwungen oder sie

uns.«

»Peste!« rief jetzt der junge Mann, ungeduldig werdend und mit dem Fuße

stampfend -- »was hab _ich_ mit dem Allen zu schaffen? Wenn Ihr meinen

Landsleuten nicht gutwillig Euer Land -- ich könnte fast sagen das

_unsrige_, überlassen wollt -- und verdenken mag ich's Euch nicht, was

kümmert das _mich_? _Ich_ gehöre nach Papetee, oder jetzt vielmehr,

meine Heimath wieder verändernd, nach Atiu, nicht zu den Schiffen die

hierher gekommen sind Euch zu bekriegen, und dort der Priester selber,

so finster er nach mir herüber blickt, muß mir bezeugen, daß ich mein

Weib nur vorangeschickt, weil mich eben meine eigenen Landsleute im

Verdacht hatten, _mit_ Euch gegen _sie_ mich verschworen zu haben, und

mich nicht fort lassen wollten. Der ehrwürdige Herr da ist mein Freund

gerade nicht, aber er wird eine Thatsache für mich bestätigen _müssen_.«

Mr. Rowe war schon seit einiger Zeit den versammelten Häuptlingen näher

getreten, ohne jedoch ein Wort hinein zu reden; Manche von ihnen waren

ihm keineswegs so untergeben wie er es, in Christlicher Demuth,

für nützlich und nothwendig hielt, und er wollte sich keiner neuen

Zurückweisung aussetzen. Direkt aber jetzt von dem Gefangenen angeredet,

ja gewissermaßen zum Zeugen _für_ ihn angerufen, hatte er ein volles,

und wahrscheinlich längst erwünschtes Recht zum Reden bekommen und sagte

rasch, aber mit einem tiefgeholten, wie schmerzlichen Seufzer:

»Der Ferani hätte wohl Jemanden in diesem Lager gefunden, der günstiger

für ihn sprechen könnte als ich.«

»Sie können nicht leugnen daß Sie bei unserem Abschied zugegen waren«

rief René mit blitzenden Augen.

»Mein Herz hängt nicht an weltlichen Dingen, mein Auge sieht nicht auf

irdische Handlungen, wo das Wohl und Wehe der Seele an einem dünnen

Faden über dem Abgrund des Verderbens hängt« -- sagte der Geistliche

ausweichend. »Ich weiß nicht, ob der Ferani beabsichtigt auf diesen

Inseln sein Leben zu beschließen -- Gott allein prüfet das Herz und die

Nieren -- aber ich weiß _daß er sie nie hätte betreten sollen_ und daß

die Frauen und Mädchen dieser Inseln nur Fluch und Thränen bis jetzt

geerndtet haben nach kurzer Lust, und oft ewige Reue und Verdammniß.«

»Sie wissen daß ich in Atiu als Bürger des Landes aufgenommen wurde!«

rief René.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band · 第 6 / 17 段