sie zu thun haben -- ich sollte nicht an ihrer Stelle sein.«
Die regelmäßigen raschen Schritte von Europäern kamen vom Wasser herauf
-- es war der Bootsmann mit seinen Leuten der das Schießen gehört. Kaum
hatten diese aber die kleine Gruppe erreicht, als dicht vor ihnen
auch wieder ein anderer Trupp Indianer hereinbrach und wahrscheinlich
geglaubt hatte, den am Haus befindlichen Franzosen den Rückzug
abzuschneiden. Diese wurden aber warm von der Bootsmannschaft empfangen,
und noch im Kampf sah René wie sich der Gefangene vom Boden aufrichtete.
»Lauf« dachte er bei sich selber, »wenn Du weiter nichts verbrochen
hast« und nicht unmittelbarer Zeuge zu sein, trat er ein paar Schritte
in das Dickicht, das jetzt geladene Gewehr in der Hand, hinein, als er
sich plötzlich gefaßt und zu Boden geworfen fühlte und gleich darauf
gellte ein wilder Jubelruf an sein Ohr. Rings um ihn her brachen und
rauschten die Büsche -- Schüsse fielen und wilde halbnackte Gestalten
sprangen über und neben ihm hin. Aber nicht halten konnten sie sich
gegen die Uebermacht -- von dem Haus zurück stürmte jetzt Bertrand mit
den Seinen, dem Kampfplatz zu, und René hörte wie die Insulaner sich
ebenfalls zur Vertheidigung sammelten. Er wollte um Hülfe rufen, aber
seine Stimme wurde von dem, ihn umtobenden Lärm übertäubt -- er wollte
sich aufrichten, aber vier kräftige Arme umschlangen ihn, und während er
die Kugeln der Freunde konnte um sich her einschlagen hören, trugen ihn
die Sieger weiter in das Dickicht hinein, wohin ihnen die Europäer jetzt
gar nicht mehr wagen durften zu folgen. Weiter und weiter entfernte sich
der Lärm der Kämpfenden, denn die Insulaner folgten den sich jetzt nach
Papetee zurück ziehenden Franzosen auf dem Fuß, sie wenigstens noch so
viel als möglich zu belästigen, und verhallte endlich in der Ferne. Erst
dann ließen ihn die Eingeborenen wieder auf den Boden nieder, und er
wurde jetzt mit ziemlich barscher Stimme bedeutet, ihnen in die Berge zu
folgen.
Capitel 3.
Das Lager der Insulaner.
René befand sich in der keineswegs angenehmen Lage, mit auf den
Rücken gebundenen Händen durch ein Dickicht in völliger Dunkelheit zu
marschiren, wo man am hellen Tage seine Bahn kaum finden konnte. Die
Guiaven wurden hier auch wirklich so dicht, daß die Insulaner selber
nicht mehr darin fortkamen, wenigstens ihren Gefangenen nicht weiter
bringen konnten, und deshalb beschlossen, da, wo sie sich gerade befanden
zu lagern; erst am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ihr Lager in den
Bergen zu erreichen. Sie schienen auch keineswegs zu befürchten hier von
Feinden überrascht zu werden, denn sie rieben sich Feuer an, räumten
bei dessen Schein einen kleinen Platz in dem Dickicht frei, wo sie sich
ordentlich ausstrecken konnten, und während Einzelne zum Fouragiren
abgeschickt waren, und etwas später mit allen möglichen Früchten und
sogar einem Ferkel zurückkamen das sie, Gott weiß wie, im Dickicht
überrascht hatten, wurden Steine glühend gemacht und Einer ihrer
gewöhnlichen Bratofen gegraben, um den sie sich bald, rings von kleinen
Qualmfeuern umgeben die Mosquitos abzuhalten, sammelten, und nun an zu
lachen und zu erzählen fingen, als ob sie sich mitten im Frieden und
nicht auf einem Streifzug befänden, der ihnen jeden Augenblick wieder
Speer oder Musketen die Hand drücken konnte.
René hatte Anfangs gehofft er werde unter der Schaar wenigstens einen
oder den anderen Bekannten finden, es schienen aber lauter Eingeborene
von der anderen Seite der Insel, ja vielleicht gar von Imeo, von wo
schon einzelne Canoes mit Kriegern heimlicher Weise gelandet waren, den
Brüdern auf Tahiti im Kampf gegen ihre Feinde beizustehn, was auf keiner
Insel so wirksam ausgeführt werden konnte, wie gerade hier.
Mit lauter fremden Gesichtern um sich her, machte er dann auch gar
keinen Versuch die Leute zu überzeugen, wie er gerade mit der ganzen
Sache am wenigsten zu thun gehabt, suchte sich einen warmen Platz an
einem der Feuer, wo er sich unter den Rauch legen konnte, und bat dann
Einen der Eingeborenen ihm die Hände los zu binden da er schlafen wolle,
und das auf diese Weise nicht möglich machen könne.
Der Insulaner sah ihn erst erstaunt an; er hatte wahrscheinlich gar
nicht geahnt, daß der Wi Wi so fertig ihre Sprache spräche, willfahrte
ihm dann aber, da keine Gefahr war daß er sich ihnen durch die
Flucht entziehen könne, und nachdem René noch gesehen, wie Wachen in
verschiedenen Richtungen ausgestellt wurden, einem wenn auch nicht
wahrscheinlichen, doch möglichen Ueberfall zu begegnen, schob er sich
einen daliegenden Stein unter den Kopf, warf sich auf die rechte Seite
und war bald, unbekümmert um das Lachen und Lärmen um ihn her und
die Gefahr in der er sich vielleicht selber befand, sanft und süß
eingeschlafen.
Am nächsten Morgen weckte ihn in der That erst der Morgenschuß der
Fregatte, der voll und dröhnend zu ihnen herüberbrach, und sein
schmetterndes Echo in den Bergen fand. Eine Dämmerung existirt in diesen
Breiten gar nicht, der Tag beginnt faktisch erst mit der Sonne, und
Phöbus überrascht die Nacht, wenn er mit seinem leuchtenden Gespann dem
Meer entsteigt.
Die Insulaner hatten sich indeß schon zum Aufbruch gerüstet, man gab
ihm ein Stück kalte geröstete Brodfrucht und ein paar Bananen, und der
kleine Trupp setzte sich dann, den Gefangenen in die Mitte nehmend,
wieder in Bewegung, bald darauf das Thal erreichend in dem das Lager
sich befand, und wo sie einen schmalen Fußpfad trafen, dem sie mit
geringerer Anstrengung folgen konnten. Seine Hände hatte man ihm
übrigens nicht wieder gebunden -- er hätte auch den flüchtigen Söhnen
dieser Wälder im Leben nicht hier entspringen können.
Nach stündigem Marsch etwa, bei dem sie sich übrigens langsam
fortbewegten, erreichten sie die ersten ausgestellten Vorposten der
Eingeborenen, mit Musketen und Seitengewehren bewaffnet, die sich eifrig
nach den Vorgängen des verflossenen Abends, von denen sie schon gehört
zu haben schienen, erkundigten. Sie hielten sich aber nicht bei ihnen
auf, sondern stiegen jetzt mit schnelleren Schritten das schmale Thal
hinan, hie und da von einzelnen, rings an den steilen Wänden und hinter
Felsstücken wohl verdeckten Posten angerufen, die auch durch Zeichen und
einen eigenthümlich ausgestoßenen Schrei ihre Ankunft weiter meldeten.
Endlich öffnete sich das Thal etwas, die Bergwand lief hier weniger
steil zum Wasser nieder und bildete eine Art Kessel, in dem René einfach
aufgeworfene Schanzen zu finden erwartete, sich aber hier zu seinem
Erstaunen plötzlich in einer förmlichen kleinen Colonie sah, in
der Hütten ringsum errichtet, die Guiaven und anderen Sträucher
niedergehauen und mit ihrem Holz zwar nicht sehr hohe, aber sicherlich
sehr feste und schwer zu überwindende Barrieren errichtet waren. Kanonen
hatten sie hier nicht zu fürchten, für die zuerst eine vollständige
Straße hätte ausgehauen werden müssen, und einem Angriff von
kleinem Gewehrfeuer, gegen das sie auch noch überdies ein im Inneren
aufgeworfener niederer Erddamm schützte, konnten sie hoffen mit Erfolg
zu begegnen.
Was aber René vor allem Anderen überraschte war die vollkommene Ruhe die
in dem kleinen Lager herrschte -- man hörte weder Singen noch Schreien,
sah weder tanzende noch lachende Gruppen, und nur hie und da standen
einzelne kleine Trupps zusammen, sich leise mit einander unterhaltend.
Das Rauschen der mächtigen Baumwipfel unterbrach kaum die feierliche
Stille.
Es war Sabbath -- der Sabbath der Eingeborenen wenigstens, und selber
der Gefangene wäre nicht weiter beachtet worden, hätte nicht René Viele
der hier Versammelten gekannt und auf sie zugehend sie begrüßt.
Die aber, die ihm sonst freundlich die Hand geschüttelt und ihm das
herzliche Joranna entgegengerufen, wandten sich theils ab, ihn nicht zu
sehen, theils nickten sie einfach mit dem Kopf und drückten sich dann
langsam aus seiner Nähe, nicht weiter mit ihm in Berührung zu kommen. Es
war augenscheinlich daß sie ihn vermeiden wollten, und René fühlte das
kaum, als ihm das Blut auch schon in Zorn und Unmuth in die Schläfe
stieg und er sich finster, die Arme auf der Brust verschränkt, an einen
mächtigen Mapebaum lehnte, das Resultat seiner Gefangennahme ruhig
abzuwarten.
Er hatte noch nicht lange so gestanden, als eine kleine Glocke läutete
und die Insulaner, die wie René zu seinem Erstaunen jetzt sah, gar keine
Waffen zu haben schienen, alle dem entfernteren Ende des Lagers zuzogen,
wo roh von Steinen gebaut eine Art Rednerstand aufgerichtet und ein
schlanker danebenstehender schwacher Baum abgekappt und mit einem Bret
darauf befestigt war, gewissermaßen zur Kanzel zu dienen.
»Auch eine Predigt?« murmelte René erstaunt vor sich hin -- »Wetter
nocheinmal, die Burschen haben sich hier so häuslich eingerichtet, als
ob sie gar nicht wieder zum Wasser hinunter zu ziehn gedächten, und kein
Gewehr zu sehn, kein Degen, kein Speer, womit, zum Henker, wollen sie
sich denn vertheidigen, wenn sie hier angegriffen werden? -- Ha, Mr.
Rowe« unterbrach er sich aber wirklich überrascht, als der finstere Mann
aus einer kleinen, gar nicht so weit von ihm entfernten Hütte trat, und
fast dicht an ihm vorüber, ohne den Blick aber nur ein einziges Mal zu
ihm aufzuheben, der wunderlichen Kanzel zuschritt.
Die Insulaner hatten sich indessen Alle um ihn versammelt, nur vier
ausgenommen, die dem jungen Franzosen augenscheinlich als Wache
beigegeben waren. Es dauerte auch nur wenige Minuten länger, so begann
der religiöse Gesang, irgend eine von den Missionairen in's Tahitische
übersetzte Hymne nach der Melodie eines alten Englischen Volksliedes,
deren sie sich wunderbarer Weise am meisten bedienten[5] und Vers nach
Vers zog sich monoton und bleiern durch eine volle Stunde tödtend hin.
[5] Die Missionaire, von denen wohl wenige musikalisch sein mochten,
hatten in früheren Jahren den Indianern zu ihren Hymnen keine anderen
Melodieen bringen können, als die, die ihnen noch vom alten Vaterland
im Gedächtniß waren, meist Volkslieder, denen sie den frommen Text
dann anpassen mußten.
»Das wird langweilig, meine Burschen« sagte René endlich, der jetzt wohl
einsah daß ihm nichts anderes übrig blieb, als den Gottesdienst ruhig
und geduldig auszuhalten, und der sich indessen die Zeit durch ein
Gespräch mit seinen Wächtern zu kürzen hoffte, »treibt Ihr's hier alle
Tage so, oder blos am Sabbath?«
»Bst!« sagte aber der älteste der Eingeborenen mit einem verdrießlichen
Kopfschütteln -- »bst -- nicht sprechen, Ferani; heute ist Sabbath,
heute darf Nichts gethan werden wie beten. Du mußt still sein.«
»Das hat mir noch gefehlt« brummte René mit einem tief aufgeholten
Seufzer -- »Hunger und Beten -- heut' werd ich ein richtiger Büßer und
kann einen Theil meiner Sünden los werden.« Wohl wissend aber daß mit
den Wilden in dieser Hinsicht nichts anzufangen war, und auch nicht
gesonnen sich hier oben, nun doch einmal in ihrer Gewalt, vielleicht
noch mehr Feinde zu machen, wenn er ihre Andacht auf eine oder die
andere Art störte, warf er sich unter den Baum, drehte der frommen
Versammlung den Rücken zu, und versuchte zu schlafen.
»Könnte Dir auch nichts schaden wenn Du ein Bischen zuhörtest und
was lerntest« sagte der Eine wieder leise zu ihm -- »Miti Aue ist ein
tüchtiger Mann und weiß Alles ganz genau was einmal geschehen wird.«
»Ich wollte er könnte mir dann sagen wo ich morgen um diese Zeit bin«
lachte René.
»Bst« sagte der Eingeborene wieder rasch und erschreckt -- »nicht so
laut -- wenn Du auch kein Christ bist, kannst Du doch Frieden halten.«
René biß sich auf die Lippen, aber er erwiederte Nichts weiter und
lehnte sich zurück zum Schlafen. Der Gesang hatte jetzt aufgehört und
die Predigt begonnen, und der junge Mann hörte in einer Art Halbtraum
die scharfe gellende Stimme des ehrwürdigen Mr. Rowe, die in klappernder
monotoner Weise, die einzelnen Sätze schroff von einander gerissen,
diesen Kindern des Südens die starren Dogmen der christlichen Religion
erklärte, und sie vor dem Antichrist warnte, der mit scharfen Krallen
vor ihrer Thüre läge und sie drohe zu verschlingen, wie sie die Schwelle
überträten.
»Christen _nannten_ sie sich, jene Menschen, die das Volk verführten,
ihre Religion und ihren Sabbath mit Füßen traten, ihre Regierung
stürzten, ihre Männer erschlugen, ihre Frauen entehrten, und von den
sicheren Schiffen aus die tödtlichen Kugeln in friedliche Wohnungen
und Hütten schleuderten. Christen _nannten_ sie sich, aber sie
_verleugneten_ den Herrn, sie verleugneten sein Wort und ihre Priester;
anstatt im Sack und in der Asche Buße zu thun, gingen in Gold und Silber
blitzenden Gewändern einher, ein Greuel dem Herrn und jedem frommen
Christen. Aber Gottes Donner schlief _nicht_, seiner Rache Blitz lag
gerichtet schon in der gehobenen Hand, und seine unendliche Langmuth
nur verzögerte noch den Wurf, der Verderben niederschleudern sollte
und mußte auf die Verräther und Feinde dieses Insellands. Wehe den
Strafbaren, wehe den Meineidigen -- wehe den Mördern -- wehe den
Gotteslästern und Bibelschändern -- wehe allen die sich schuldig wußten
in der letzten Stunde des Gerichts, denn des Herren Rache würde sie
treffen in das siebente und zehnte Glied, und ihren Saamen vertilgen von
der Erde!«
Wilder und drohender hallte die Predigt von des geifernden Mannes
Lippen, seine Rede war eine Rede des Zorns und der Rache; sie machte
das Blut kochen in den Adern, bei Freund und Feind, und die Hand suchte
unwillkürlich eine Waffe dem zornigen ingrimmigen Wort die That folgen
zu lassen zu Haß und Blut.
René konnte es zuletzt nicht mehr ertragen; er sprang auf von
seinem Lager und ging mit raschen Schritten und fest über die Brust
geschränkten Armen auf dem kleinen Raume hin und wieder, von seinen
Wächtern mistrauisch dabei mit den Augen verfolgt. Aber er dachte nicht
an Flucht, und nur die Scheu den Gottesdienst dieses Volkes als Katholik
zu stören, und dem Missionair noch mehr Ursache zu geben wider ihn und
seine Landsleute zu eifern, hielt ihn ab, nicht mitten in die feindliche
Predigt hinein zu springen und dem fanatischen Priester den Lug und Trug
seiner Rede in's Gesicht zu schleudern.
Die Predigt hatte sich endlich mühsam und krampfhaft dem Schluß
zugewandt; das letzte Gebet folgte, die Eingeborenen wandten sich,
der Sitte der Methodisten nach, ab von dem Geistlichen, ihr Gebet zu
verrichten, und ein stiller heiliger Friede schien, mit dem Verhallen
der rauhen feindlichen Worte, über den Betenden zu ruhen.
Ein Schuß!
Wie durch Zauberei änderte sich das Bild -- die Schaar der Frommen, auf
die Knie niedergeworfen in brünstigem Gebet -- keine Waffe zu sehn, die
den feindlichen Charakter dieses Lagers in der Wildniß hätte verrathen
können, kein Laut zu hören wie das dumpfe Murmeln der zu ihrem Gott
erhobenen Stimmen. Da hinein brach der Knall des in geringer Entfernung
abgefeuerten Gewehrs, die Männer schnellten im Nu empor, und nach allen
Seiten auseinander stiebend enthüllte jeder Stein fast, und jeder Busch,
jede wie nachlässig hingeworfene Matte, jeder Streifen zusammengereihter
Pandanusblätter, der zum Bedachen irgend einer neuen Hütte verwandt
werden sollte als der Sabbath die Arbeit unterbrach, einen Haufen
Gewehre oder Lanzen, Speere, Patrontaschen, Säbel, Messer und Beile,
und die wirbelnde Trommel rief die verschiedenen Trupps zu ihren, schon
vorher bestimmten Sammelplätzen, den Feind zurück zu weisen, der es
wagen sollte, sie in dieser festen Stellung anzugreifen.
René war mit staunender Bewunderung Zeuge der fabelhaften Schnelle
gewesen, mit der sich die Kirche hier vor seinen Augen, und wie nach der
Berührung eines Zauberstabes, in ein trotziges Kriegslager verwandelte,
und der ehrwürdige Mr. Rowe allein schien regungslos bei dieser
plötzlichen Metamorphose seine Stelle behauptet zu haben. Nur mit
erhobenen Händen und Augen stand er da, Vergebung niederflehend von dem
Herrn der Heerschaaren für das Häufchen der Gläubigen, die durch den
rücksichtslosen Feind gezwungen wurden doppelte Sünde zu begehen, den
Sabbath zu brechen und vielleicht noch gar Bruderblut zu vergießen, und
die Frauen und Mädchen schaarten sich in ängstlicher Erwartung um ihn
her, mit jeder Secunde das jetzt gekannte und gefürchtete Pfeifen der
Kugeln und das Prasseln des Kleingewehrfeuers zu erwarten, das wieder
Viele der ihrigen, vielleicht Väter, Brüder und Gatten niederschmettern
sollte in ihr frühes, freudloses Grab.
Aber es kam nicht -- Alles blieb ruhig, und wohl zehn Minuten standen
die Krieger in gespannter, peinlicher Erwartung. Ein einzelner Indianer
wurde zuletzt von den Wachen angezeigt, der langsam den Pfad herauf kam
und mit seinem Tuche winkte. Die Posten kannten ihn, René aber konnte
einen Ausruf des Staunens nicht unterdrücken, als er in dem Boten, denn
als solcher wies er sich aus, seinen alten Freund oder Feind, wie die
Sache gerade stand, von Atiu, als er Raiteo in ihm erkannte.
Raiteo hatte auch ihn jedenfalls gesehn und erkannt, denn ein eignes
zweideutiges Lächeln zuckte um seine Lippen, aber er drehte weder den
Kopf nach ihm um, noch kümmerte er sich im mindesten um ihn, sondern
schritt gerade hindurch durch die ihm bereitwillig Platz machenden
Krieger, direkt auf den Missionair zu, der sein Gebet jetzt ebenfalls
beendet zu haben schien und ihn mit fragenden finsteren Blicken
erwartete.
»Wer hat geschossen? -- wer hat den Frieden unsers Sabbaths gestört?«
-- frug der Geistliche streng, als ihm der Indianer gegenüber stand, und
eine derartige Anrede erst wirklich erwartet zu haben schien -- »sind
unsere Gesetze, die Gesetze Gottes nicht streng genug solchen Frevel zu
verhüten oder, wenn geschehen, zu bestrafen? -- wo kommst Du her jetzt,
Bruder Raiteo und was bringst Du? -- antworte wenn ich Dich frage, denn
meine Zeit ist kostbar, und jede Minute wird dem Heiligsten, Höchsten
dieser sündhaften Erde abgezogen und ist unwiederbringlich verloren.«
»Wer geschossen hat weiß ich nicht,« entgegnete Raiteo vollkommen
ruhig, und wenig bekümmert wie es schien um die harten Worte seines
Vorgesetzten -- »es wird wahrscheinlich einer von den Schildwachen
gewesen sein, die das Signal gaben, als sie die Franzosen den Berg
herauf kommen sahen.«
»Die Wi Wis?« riefen die ihm nächst stehenden Indianer rasch -- »wo sind
sie -- wie viel -- haben sie Kanonen mit.«
»Sie bringen eine Botschaft von Papetee« fuhr Raiteo aber, gegen den
Geistlichen gewandt, fort.
»Was wollen sie von uns?« frug dieser finster -- »heute ist kein Tag
mit ihnen zu verhandeln -- der Sabbath ist heilig und darf nicht
_ihret_wegen gebrochen werden.«
»Wenn Du eine Botschaft von den Feranis bringst, Bursche, so hast Du
Dich damit an _mich_ zu wenden und an Niemand anders!« unterbrach in
diesem Augenblick eine ernste tiefe Stimme das Gespräch der beiden, und
der alte wackere Häuptling Utami, einen Tapamantel um seine Schulter
geschlagen, der nur den rechten mit einem langen Europäischen
Pallasch bewehrten Arm frei und nackt ließ, trat aus einer Gruppe von
Eingeborenen vor und dem Boten gegenüber.
»Bruder Utami« sagte Mr. Rowe mit etwas scharfer zurechtweisender
Stimme, »ich verkündete in diesem Augenblick das Wort des Herrn an
heiliger Stätte, und es war richtig, glaub ich, _meiner_ schwachen
Meinung nach, daß sich der Bote, noch dazu ein junger Diener des
Höchsten durch unsern schwachen Beistand, an _mich_ wandte, die
Entweihung des Sabbaths zu entschuldigen.«
»Bringst Du Botschaft über irgend etwas das mit Gottes Wort in
Verbindung steht?« frug der Häuptling finster, ohne auf den Einwurf
weiter zu achten.
»Botschaft von den Feranis unten, Utami.«
»Dann hast Du das Wort auch an _mich_ zu richten, als den Häuptling
und an niemand Anders« lautete die barsche Antwort, die das Blut in die
Wangen des Priesters jagte, aber er wagte doch nicht dem ernsten
Mann entgegen zu treten, und die Finger falteten sich wieder wie
unwillkürlich in einander und die Augen suchten den Himmel -- es war ein
Blick der Versöhnung, der aber an Utami leider total verloren ging.
»Wer feuerte den Schuß?« frug jetzt der Häuptling wieder und sah den
Insulaner forschend an.
»Einer der Posten glaub ich, als sie die Wi Wis den Berg heraufkommen
sahen, und wahrscheinlich glaubten es kämen mehr hinterdrein.«
»Wie viele sind es ihrer?«
»Drei blos, als Abgeschickte.«
»Und was wollen sie von uns?«
»Daß Du den gestern gefangengenommenen Wi-Wi frei gebest und mit ihnen
zurückgehen lassest in's Lager. Er gehörte nicht mit zu den Soldaten und
wäre ganz aus Versehn gestern gefangen genommen.«
»Und ist das ein Grund unsere Sabbathfeier zu unterbrechen?« rief aber
jetzt Bruder Rowe die Hände in Staunen und Entrüstung zum Himmel gehoben
-- »sollen wir, eines gefangenen Katholiken wegen, der gastlich an
dieser Küste aufgenommen, sein Weib von sich gestoßen und die Hand
gegen die Kinder dieses Bodens, ein zweiter Kain, aufgehoben hat, den
Gottesdienst so vieler frommer Christen unterbrechen, denen vielleicht
nur der heutige Tag noch gegeben ist ihre Sünden zu bereuen und zu
Gott umzukehren, während sie vielleicht morgen schon vor ihrem Richter
stehen?«
»Singe Du weiter, Mi-to-na-re« sagte der Häuptling ernst -- »wir Führer
dieser Schaar wollen berathen was zu thun -- Raiteo, Du magst hier
meiner Antwort harren« -- und mit langsamen Schritten, den ihm nächsten
Häuptlingen winkend ihm zu folgen, schritt er der am entferntesten Theil
des Lagers errichteten Berathungshütte zu, wo er sich, bald von den
andern umgeben, auf einer der dort überall ausgebreiteten Matten
niederließ.
Die Hauptführer der Eingeborenen waren aber leider nicht Alle hier
versammelt; Tati, der mächtigste derselben fehlte, mit ihm Paofai
und Paraita -- die letzteren beiden lebten sogar in Papetee, unter
französischem Einfluß und wie es hieß, von ihm gewonnen, während sich
Tati, den Missionairen und ihrer Parthei wie den Feranis in ihrem
Uebermuth zürnend, nach Papara zurückgezogen hatte. Nur Utami -- von
denen die den Vertrag unterschrieben der Einzige, der edel und kühn
genug war den begangenen Fehler einzusehn und dem Volk mit dem Schwert
in der Faust bewies, daß er nie daran gedacht es zu verrathen und
sich geirrt als er nach dem Feind des Vaterlands die Hand um Hülfe
ausstreckte -- hatte sich mit den Seinen in die Berge zurückgezogen,
fest entschlossen ihre Unabhängigkeit und Freiheit zu wahren, so lange
ihnen Gott die Kräfte dazu lassen würde.
Außerdem waren hier oben versammelt Aonui, der rechte Arm der
Missionaire, und Potowai, Teraitane, Kahauha und Taaniri, die von den
Franzosen als Rebellen erklärten Führer der Eingeborenen, mit vielen
Anderen vom südlichen Theil der Insel, und dem östlichen, und auch
Fanue wurde mit seinen Streitern von Tairabu erwartet, von wo aus er
herüberkommen und sich dem Hauptstamme anschließen sollte, wenn es Noth
that einen gemeinschaftlichen, und Hauptschlag gegen die in Papetee
jetzt ziemlich zusammengedrängten Feranis zu unternehmen, und dem Krieg
dadurch vielleicht ein Ende zu machen.
Die Berathung der Häuptlinge dauerte nicht lange, schien aber gegen
Utamis Willen entschieden zu haben -- der alte Häuptling sprach finster
und heftig gegen die Mehrzahl der Uebrigen und seine Stimme drang
manchmal, wie das dumpfe drohende Rollen der Brandung zu der Versammlung
herüber. Diese wurde indeß durch den Geistlichen in ununterbrochenem
aber schwerlich andächtigem Gebet gehalten, zu dem jetzt die Waffen
nicht mehr passen wollten, und das sie stören mußten, hätte nicht das
eigene Interesse an den Verhandlungen schon ohnehin ihren Geist dort
hin, und von dem Inhalt ihrer Andacht abgelenkt.
Utami blieb, als die Uebrigen aufstanden, in düsterem Brüten auf seiner
Matte zurück, während Aonui, mit einem heiteren und milden Ausdruck in
den Zügen, einem Theil der Uebrigen voran, von denen sich die meisten
gleich wieder unter die Betenden mischten, zu Bruder Rowe halb, halb zu
Raiteo gewandt sagte: