Jim wollte sich, mit einem wild ausgestoßenen Fluch wieder von seinem

Lager emporrichten, den Iren zu zwingen seinem Befehl Folge zu leisten,

Mrs. Tot aber, weniger vielleicht dem Gast zu Gefallen als indignirt daß

Mr. Murphy überhaupt Jemandem wagen konnte zu widersprechen, hinkte

auf den kleinen, in seinen warmen Rock eingeknöpften Mann zu, riß dem,

trotzig seinen Platz Behauptenden das Buch, das er auf den Knieen hielt,

aus der Hand und es hinter sich schleudernd fuhr sie mit einer solchen

Fluth von Schimpfwörtern über ihn her, denen die immer heftiger

werdenden Bewegungen noch etwas viel Schlimmeres beizugeben drohten,

daß sich Murphy endlich, wie ein bissiger Hund der gefürchteten Peitsche

gegenüber, langsam und rückwärts von seinem Stuhl hinunter und der

Thüre zu zog, durch die er gleich darauf, dem Befehl Folge zu leisten,

verschwand.

»Hol die unnütze tagdiebische Bestie der Henker« geiferte die Alte aber

noch hinter ihm her -- »sitzt da den lieben ausgeschlagenen Tag auf

seinen faulen Knochen und --«

»Na laß das Knurren Alte!« rief sie aber der Ire jetzt ungeduldig an,

»ich bin gerade nicht in einer Stimmung Dein Geschwätz anzuhören -- Du

mein Bursche da springst indessen nach dem Wasser hinunter, und siehst

ob unser Canoe in Ordnung ist, daß wir mit Dunkelwerden hier fortkommen,

denn nach dem Abendschuß patrouilliren die Boote in der Bai, und Du

Mütterchen schaffst uns schnell etwas zu essen herbei, ich bin fast

verhungert und brauche Stärke.«

»Mensch, wie seht Ihr aus und wo wollt Ihr hin?« rief aber die Alte

dagegen, sich vor ihn hinstellend und ihn aufmerksam betrachtend, »Ihr

habt eher Pflaster in Euer Gesicht wie in den Magen nöthig; wer hat Euch

denn so zugerichtet.«

»Ein Schuft, dem ich's vielleicht später noch einmal gedenken kann«

fluchte der Ire, »jetzt aber wird mir der Platz hier zu warm, und ich

muß machen daß ich fortkomme. Das lumpige Indianervolk kann sich doch

nicht auf die Länge der Zeit gegen die Franzosen halten, und nachher,

wenn sie Alle leer ausgehn, möchte die Geschichte auf mir hängen

bleiben. Ich habe überdies mein Theil ab, und könnte auch doch nicht

mehr mit schlagen und da oben in den feuchten Bergen sitzen zu bleiben

und Feis[3] zu fressen, dazu gebricht mir die Lust. Ich will wieder in

See!«

[3] Wilde Bananen

»In See? an Bord eines Kriegsschiffs?« frug die Alte erstaunt.

»Nein, hinüber nach -- übrigens wird's wohl einerlei sein ob Ihr's wißt

oder nicht -- Schwatzen hat schon Manchen gereut, Schweigen selten. Wo

der blatternarbige Schuft nur bleibt mit der Cocosnuß -- gieb mir einen

Schluck Brandy indessen Alte, den Aerger hinunter zu spülen.«

»Mit den Wunden auf Euch?« rief Mrs. Tot kopfschüttelnd, »wenn Ihr jetzt

Brandy tränkt, trocknete Euch das Fieber die Adern aus, und schnürte

Euch das Herz zusammen.«

»Herz -- pah -- nur nicht den Hals, Mütterchen, nur nicht den Hals --

weiß der Teufel, seit mich gestern der Schuft am Kragen hatte und mich

mit fortschleifen wollte, bin ich auf einmal so furchtbar besorgt um

meine Luftröhre geworden -- s'ist auch eine nichtswürdige Erfindung

einen Menschen _daran_ aufhängen zu wollen -- Brandy, Alte, Brandy; zum

Teufel was geht Dich mein Fieber an.«

»Schrei doch nicht so« sagte Jack jetzt, während Mrs. Tot kopfschüttelnd

und innerlich murrend und schimpfend dem Befehle Folge leistete --

»Du wirst uns noch einen Besuch auf den Hals ziehn, ehe wir wieder

Salzwasser unter dem Kiel haben. Wetter noch einmal, mir wird's auch

unheimlich an Land jetzt, und das zerschossene Gesicht von dem Officier

will mir nicht aus dem Sinn; nun, ich hatt's ihm lange zugeschworen und

er hat's tausendmal an mir verdient.«

»Ich wollte Du hättest den -- Anderen so getroffen, das wär für uns

Beide besser.«

»Seh ich nicht ein« brummte Jack, -- »für Dich vielleicht -- aber bis

es für uns _Beide_ gut würde, könnten wir noch manche Ladung Pulver

gebrauchen. Nein, fort, ich habe das Leben satt, und gäbe jetzt Gott

weiß was darum, wenn mich der Teufel nicht geplagt hätte, gerade auf

dieser vermaledeiten Insel zu entwischen, wo sie uns beinah gefangen

hätten wie die Ratte in der Falle. -- Entwischen, als ob ich überhaupt

schon entwischt wäre; wer konnte sich aber auch denken daß die

Eingeborenen solchen Skandal anfingen.«

»Hah, das thut gut« sagte Jim, sich den Mund wischend, nachdem er das

ihm gereichte Glas Brandy auf einen Zug geleert und jetzt ein paar

Bissen der hinzugelegten Brodfrüchte förmlich verschlang, von der er

sich auch zugleich einen Theil in die Tasche steckte -- »das gießt

ordentlich wieder Feuer durch die Adern und giebt den Gliedern neue

Stärke.«

»Weißer Mann!« sagte in diesem Augenblick die vorsichtig gedämpfte

Stimme des Indianers, der den Kopf zur Thür herein steckte -- »ist Alles

in Ordnung -- Canoe flott und dunkel wird's auch bald -- in kleiner Zeit

können wir auf Wasser sein -- kein Boot in Sicht.«

»Gut -- komme gleich« sagte Jim, der sich das Glas noch einmal voll

geschenkt hatte, aufstehend und es wieder leerend -- »bleib draußen

am Weg wo ich Dir gezeigt habe, und wenn Jemand kommt weißt Du das

Zeichen.«

»Alles fertig« sagte Raiteo erstaunt -- »weshalb warten?«

»Weiß schon -- weiß schon, komme gleich -- mach schnell« erwiederte aber

der Ire ungeduldig und der Indianer zog sich zurück.

Jack war indessen zu Jim hinangetreten, und ein paar Worte mit ihm

wechselnd, griff er seine Waffe auf und ging zur Thür, während Jim, den

Mütterchen Tot indeß etwas mistrauisch beobachtet hatte, sich zu dieser

wandte und mit freundlicher Stimme -- wenn in den rauhen Laut überhaupt

ein freundlicher Ton gelegt werden konnte -- sagte:

»Hör, Mütterchen -- ich habe noch eine rechte Bitte an Dich, ehe wir

gehn -- wirst Du sie erfüllen?«

»Bitte? -- Bitte?« knurrte aber die Alte -- »was hab' ich mit Bitten

zu thun -- hab noch in meinem Leben Nichts von einem anderen Menschen

erbeten -- Alles bezahlt. Wo nur der Schuft von Schuster jetzt bleibt

bis spät in die Nacht hinein -- na komm Du mir zu Hause -- und meinen

Rock hat er auch mit -- heh Murphy -- Mur-_phy!_« Sie betonte die letzte

Sylbe des Wortes mit ihrer scharfen kreischenden Stimme, und der Laut

drang gellend durch den Wald.

»Alle Wetter, Mütterchen, was Du noch für eine helle Stimme hast« sagte

Jim, unruhig nach Jack zurück schauend, »aber laß das Schreien einmal

sein jetzt und beantworte mir eine Frage -- ich werde Dich sobald nicht

wieder incommodiren.«

»Und was giebt's? -- was wollt Ihr von mir?« rief die Alte mürrisch --

»Eueren Brandy habt Ihr auch noch nicht bezahlt.«

»So? nun, wir machen das dann zusammen ab« sagte Jim, während ein

spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte; »aber um wieder auf meine

Bitte zu kommen, Mütterchen, so bin ich wahrhaftig für den Augenblick in

Geldverlegenheit, und Du mußt mir auf ein paar Monat zweihundert Dollar

borgen?«

»Zweihundert Dollar? -- mußt?« rief aber die Alte, mehr erzürnt fast als

erschreckt über die Forderung -- »ist das etwa Euere _Bitte_, heh? --

_mußt_ zweihundert Dollar borgen, als ob ich die hundert Dollars nur so

unter den Matten herumliegen hätte, und sie vorzuholen brauchte, wenn es

irgend einem Vagabunden einfiele zu mir zu kommen und danach zu fragen.

Mußt mir zweihundert Dollar borgen -- heh Mur_phy_, ob ich den Schuft

nicht bei den Beinen aufhänge, wenn er wieder zurückkommt, die feige,

nichtsnutzige faule Canaille, die sich in den Wald und unter einen

Busch draußen drückt, wenn sie zu irgend einer Arbeit aufgerufen wird --

Mur_phy!_«

»Mütterchen Du _mußt_ sie mir borgen« sagte aber Jim jetzt, ihr näher

tretend mit unterdrückter Stimme, der man es jedoch wohl anhörte, wie

er sich nur gewaltsam Mühe gab den in ihm auflodernden Zorn noch zu

dämpfen. »Ich habe Alles Geld was ich bei mir führte bei unserem letzten

Kampf verloren, und nicht einen Franc mehr im Vermögen, und an der

Stelle, wo ich ein kleines Capital früher einmal vergraben, haben mir

die verfluchten Franzosen gerade ein Fort darauf gebaut daß ich jetzt

auch nicht dazu kann. Ich muß später wieder hierher zurück, das zu

heben, und Dein Geld ist Dir sicher.«

»Aber ich _habe_ kein Geld zum Verborgen« schrie die Alte, vielleicht

absichtlich mit lauter Stimme und mehr von seiner Annäherung

zurückweichend -- »was Ihr für mich gearbeitet, hab' ich Euch baar

bezahlt, höher bezahlt wie ich es eigentlich vor Gott und meinem

Gewissen verantworten konnte, und das Bischen Nutzen was ich durch den

Verkauf der Sachen hätte haben können, lief in Euere Taschen, eh' ich

den Spunt geöffnet.«

»Wenn Du nicht aufhörst zu schreien« zürnte sie der Ire jetzt mit

tödtlich blitzenden Augen an, »so _sag'_ ich Dir, wo Du Dein Geld hast

-- hörst Du mich? -- wirst Du jetzt Vernunft annehmen und schweigen?«

»Sagt _Ihr_ mir wo ich mein Geld habe?« rief aber die Alte, die

todtenbleich wurde und sich erschreckt umschaute -- »was wollt Ihr von

mir, Mensch? von einer alten schwachen Frau, die kaum ihr Leben noch

fristen kann in Noth und Dürftigkeit, bei diesen entsetzlichen Zeiten?«

»Ihr werdet da herum trödeln bis die Alte uns die ganze Nachbarschaft

über den Hals geschrieen hat« knurrte aber jetzt Jack von der Thür

aus -- »es wird dunkel Jim, wir müssen wahrhaftig machen daß wir

fortkommen.«

»Was habt Ihr -- was wollt Ihr?« rief aber jetzt die Alte, der zum

ersten Mal die wirkliche Absicht der beiden Buben klar zu werden schien

-- »ich habe nicht einen Franc im Hause, so wahr ich selig zu werden

hoffe -- Murphy -- Murphy!«

»Schreist Du jetzt noch einmal nach dem verdammten Schuft« zischte

ihr Jim aber da, ihren Arm ergreifend, den sie ihm vergebens wieder

zu entreißen suchte, in's Ohr -- »so thu ich etwas, das mich nachher

gereuen könnte; und nun genug Firlefanz um eine so einfache Sache. Ich

muß 200 Dollar haben, und wenn Du die so rasch und willig als möglich

herausgiebst, so schwör ich Dir hier, daß wir Dir nichts thun, Dir

nichts weiter anrühren werden, und das Geld sollst Du, sobald ich es

irgend wieder erschwingen kann, oder im Stande bin das hier auf der

Insel vergrabene auszuheben, wiederbekommen.«

»Ich habe kein Geld -- nicht einen Penny.«

»Daß Dich die Lüge ersticke, Bestie« schrie aber Jim jetzt, selber

die Geduld verlierend -- »soll ich die Calabasse unter der Lampe dort

ausgraben, und Dir die vier oder fünf andern Stellen zeigen an denen

Du noch Geld eingescharrt? heh? -- oder willst Du selber Rath schaffen?

Schnell jetzt denn wir haben nicht fünf Minuten Zeit mehr und schon viel

zu lange getrödelt.«

»Die Calabasse unter der Lampe?« schrie aber die Alte jetzt in Schreck

und Entsetzen laut auf -- »ha, Teufel die Ihr seid -- Hülfe! Mörder!« --

Die eiserne Faust des Iren lag an ihrer Kehle und erstickte jeden

weiteren Laut.

»Hier Jack« sagte der Räuber dann ruhig zu dem herbeispringenden

Genossen -- »nimm mir einmal die Alte ab, halt sie aber ruhig, indeß ich

das Geld heraufhole.« --

»Na das hätten wir vor einer Viertelstunde schon eben so bequem haben

können« fluchte der Matrose, den Mund der Alten, die sich in des Iren

Griff wand, mit einem Tuch bedeckend und verschließend -- »so Madame,

nur für ein klein Weilchen, wenn der Herr Gemahl zurück kommt, kannst Du

ihm dann die ganze Geschichte weitläufig auseinander setzen -- wird sich

unmenschlich freuen wenn er es hört. Hast Du's, Jim?«

»Noch nicht« sagte sein Kamerad, der die Lampe ohne weiteres bei Seite

geworfen hatte und die darunter befindliche lockere Erde mit seinem

großen Messer aufstach und mit den Händen hinauswarf -- »Teufel noch

einmal, das Ding steckt tiefer wie ich glaubte.«

»Weißt Du aber auch gewiß daß das der Platz ist?«

Jim lachte ohne darauf zu erwiedern und grub eifrig weiter, die

Frau aber, die sich jetzt wieder zu erholen anfing, verdoppelte ihre

Anstrengungen los zu kommen, und Jack hatte wirklich Mühe sie unter zu

halten.

»Hol der Teufel die Alte« brummte er dabei -- »sie wird es sich selber

zuzuschreiben haben, wenn sie zu Schaden kommt.«

»Da ist er« rief aber auch in diesem Augenblick Jim, die aufgestochene

Erde rasch und freudig auswerfend -- »ich hab' ihn schon mit dem Messer

gefühlt; so, jetzt wird unsere Reisecasse gleich in Ordnung sein.«

»Mach schnell Jim, ich kann die Alte wahrhaftig nicht länger halten«

rief aber auch Jack, »ich muß ihr sonst die Kehle allen Ernstes

zuschnüren -- was auch eben kein großer Verlust wäre.«

»Nein -- halt!« rief aber Jim, ohne jedoch seine Arbeit zu unterbrechen

-- »thu' ihr Nichts zu Leide, Jack, Mütterchen Tot und ich sind viel zu

gute alte Bekannte, als daß ich die Ursache ihres Todes sein möchte --

kannst Du ihr nicht die Arme und Füße binden?«

»Ich habe alle beide Hände voll zu thun, ihr nur eben den Mund

zuzuhalten« knurrte Jack.

»Hier ist der Beutel!« rief Jim und das Klirren des Geldes, das auch

wahrscheinlich an das Ohr der Eigenthümerin drang, trieb diese zu neuen

rasenden, aber doch vergebenen Anstrengungen.

»So komm wenigstens her daß Du mir sie binden hilfst« rief Jack jetzt

zwischen den, fest aufeinander gebissenen Zähnen durch -- »allein bring'

ich's nicht zu Stande.«

»Kann nicht einmal ein altes Weib bändigen« lachte der Ire, dem Rufe

jedoch nichtsdestoweniger Folge leistend. Jack hatte, wie fast jeder

Matrose, die Taschen voll dünner Seilen und kurzen Enden Tau und die

Alte lag bald, unfähig sich weiter zu bewegen, gebunden und geknebelt

auf ihrer Matratze und dem im Kampf heruntergerissenen Mosquitonetz.

»So, nun aber fort« rief Jim, »denn Murphy kann jeden Augenblick wieder

zurück kommen und besser ist besser. Da Jack, vergiß Dein Gewehr nicht

und nimm unsere beiden Bündel, ich trage das Geld -- wir haben genug!«

und mit heiserem Lachen sprang er, von dem Kameraden gefolgt, aus der

Thür, den schmalen Pfad entlang der nach dem Wasser führte, und sich

eben noch in dem dunklen Schatten erkennen ließ. Kaum aber hatten sie

die Hütte zehn Schritt hinter sich, als das gellende Angstgeschrei der

Alten, die sich gewußt hatte von ihrem Knebel zu befreien, an ihr Ohr

schlug, und beide erschreckt halten machte.

»Der alte Drachen wird den ganzen Wald rebellisch machen« rief Jim mit

dem Fuße stampfend -- »weißt Du denn noch nicht einmal einen Knebel

einzudrehn?«

»Ach laß sie schreien« brummte Jack, »in zehn Minuten sind wir auf dem

Wasser und in der Dunkelheit finden sie doch unsere Spur nicht.«

»Nein, nein« rief aber Jim ängstlich, »wir können nicht gerade im See

halten und müssen erst lange Strecke an den Riffen hin -- wenn der

Alarm gegeben wird, kommen uns doch am Ende die Boote in den Weg. Spring

zurück und drück ihr den Knebel wieder ein, aber mach rasch, ich bringe

indeß das Geld in Sicherheit -- Du kennst ja mein Zeichen.«

»Wart lieber hier, ich könnte mich verirren« rief aber der, mit dem

Walde gar nicht vertraute Jack, »hol der Teufel die Bäume, einer sieht

wie der andere aus.«

»So mach rasch« rief Jim -- »Raiteo wird auf uns warten.«

Jack sprang in das Haus zurück und Jim horchte einen Augenblick, bis

der Kamerad hinter den Guiaven verschwunden war, sprang aber dann mit

flüchtigen Sätzen dem Strande zu, Raiteo zu treffen.

Dieser befand sich jedoch keineswegs auf der bezeichneten Stelle,

sondern war ein sowohl sehr überraschter, als erstaunter Zeuge der

letzten Scene gewesen. Stutzig gemacht nämlich, durch den barschen

Befehl das Haus zu verlassen, und mistrauisch gegen die beiden Männer,

fiel ihm auch zugleich wieder das unter den Insulanern bestehende

Gerücht ein, Mütterchen Tot sei steinreich und habe ihre ganze Hütte mit

Silberstücken gepflastert, über die nur eben wieder dünne Erde gestreut

wäre. Vor der Habgier der Eingeborenen schützte sie freilich auch der

Ruf ihres Einverständnisses mit bösen Geistern (Murphy las deshalb auch

nur immer in der Bibel, diese von sich abzuhalten), aber mit den Weißen

war das etwas anderes und er fand denn auch, wie er sich nur vorsichtig

hinter die Bambusstäbe gedrückt, seinen schlimmsten Verdacht gar bald

bestätigt.

Als Jack nach dem Hause zurücksprang, lag der Insulaner, nicht fünf

Schritt von den beiden versteckt, in dem dichten Unterbusch, unschlüssig

was zu thun, und erst als er den einen, _mit_ dem geraubten Gelde dem

Strande zu fliehen sah, folgte er diesem -- sein Vortheil lag da, wo er

das Geld wußte.

Einen Augenblick hielt aber selbst Jim in seinem Lauf ein als ein

gellender wilder Angstschrei von der Hütte her an sein Ohr schlug.

Dann war Alles ruhig -- todtenstill, und nur einen Fluch in den Bart

murmelnd, setzte er seinen Weg fort und hatte eben den Rand des kleinen

Flusses und damit eine schmale offene Lichtung erreicht, wo gerade

Raiteo seiner harren sollte, als er es rechts und links in den Büschen

rascheln hörte und bestürzt stehen blieb, des Geräusches sicher zu sein,

ehe er sich dem offenen Platz anvertraute.

»Raiteo!« rief er dabei mit leiser, vorsichtig gedämpfter Stimme, und

gab das verabredete Signal -- aber kein Raiteo antwortete, denn dieser,

obgleich dicht hinter ihm, hatte ebenfalls etwas vernommen das da nicht

hingehörte, und wollte jedenfalls erst wissen was es sei, ehe er selber

durch irgend eine Antwort seine Gegenwart verriethe.

Alles war todtenstill, als plötzlich ein wilder, wirrer Lärm von der

Richtung wo er hergekommen zu ihnen herübertönte, und gleich darauf ein

Schuß fiel.

»Tod und Teufel, das war Zeit« lachte Jim in sich hinein -- »sollte mich

gar nicht wundern wenn Jack in einen warmen Platz gerathen ist; jetzt

aber auch fort --« und mit ein paar Sätzen die Lichtung überfliegend,

begrüßte er mit einem Freudenruf das dort versteckt gehaltene Canoe. --

Noch aber hatte sein Fuß es nicht berührt als es wieder an beiden Seiten

in dem Dickicht raschelte und brach, und zwei dunkle Gestalten plötzlich

daraus vorsprangen.

=»Hell and damnation!«= schrie der Verbrecher, der kaum Zeit behielt

das geraubte Geld in einen Busch hinein fallen zu lassen und sein Gewehr

aufzugreifen, als sich auch der Eine der Männer gegen ihn anwarf, dessen

Gesicht er nur zu wohl erkannte.

»Haben wir Dich, Kamerad!« rief der Bootsmann der Jeanne d'Arc, als er,

den kurzen Cutlaß[4] in der Faust, unerschrocken gegen die vorgehaltene

Waffe des Iren ansprang -- »ergieb Dich, denn Du bist mein Gefangener.«

[4] Kurze Degen an Bord von Schiffen gebrauchlich.

»Noch nicht« zischte aber der zur Verzweiflung getriebene zwischen den

Zähnen durch, und die abgefeuerte Kugel riß dem Feind die linke Backe in

demselben Moment auf, als sein Cutlaß das Bayonnett zur Seite schlug.

Im nächsten Moment war aber auch der andere Matrose an seiner Seite, und

sich auf den Iren werfend, umfaßte er diesen mit seinen sehnigen Armen

und riß ihn mit sich zu Boden. Jim O'Flannagan lag, wenige Minuten

später, überwunden und gebunden in der Gewalt seiner Feinde.

»So -- das war abgemacht« sagte der Bootsmann ruhig, der sich jetzt die

verwundete Backe hielt, und das Blut zu stillen sucht. -- »Peste, wie

mich der Schuft jetzt zugerichtet hat, und es war gut gemeint -- aber

den Andern werden sie wohl auch erwischt haben. Der kleine rothhaarige

Schuft hatte doch recht, daß er uns hier herum zu Wasser schickte, und

wie ich nur das Canoe sah wußt' ich daß wir ihn abfangen würden. Aber

hallo, was ist das?«

»Indianer, bei Gott!« sagte der andere Matrose, nachdem sie eine kurze

Weile einem neu beginnenden Lärm und Schreien gelauscht, dem gleich

darauf das Knattern eines förmlichen Kleingewehrfeuers folgte.

Jim horchte hoch auf -- da war Hülfe möglich -- wenn ihn die Insulaner

hier entdeckten hätten sie ihn jedenfalls befreit, und er stieß jetzt

plötzlich mit lauter gellender Stimme den oft gehörten Schlachtschrei

derselben aus!

»Brav gemacht mein Junge« lachte aber der Bootsmann, mit dem Kopfe

nickend -- »recht brav für Dein Alter, schade nur, daß Du deine Lunge

so ganz umsonst anstrengst« -- und dann seine Pfeife an die Lippen

bringend, that er einen kurzen scharfen Pfiff, dem gleich darauf durch

die regelmäßigen Ruderschläge eines heranschäumenden Bootes geantwortet

wurde.

»Hier den Burschen in's Boot und vier mit ihm zurück, so rasch Ihr könnt

nach Papetee -- Ihr Anderen mit Eueren Waffen her zu mir.«

Dem Befehl ward augenblicklich Folge geleistet, der sich aus allen

Kräften sträubende Verbrecher in's Boot geworfen, und wie der größte

Theil der Mannschaft an Land gesprungen war, glitt das scharfgebaute

Fahrzeug geräuschlos wieder zurück in die Fluth und verschwand gleich

darauf unter dem dichten Schatten der überhängenden Uferbäume;

die Matrosen aber folgten still und schweigend dem ihnen rasch

voranschreitenden Bootsmann dem Schauplatz des Kampfes zu, der jetzt

wieder heißer zu entbrennen schien.

Ueber den Platz aber, als ihn Alle verlassen, glitt die dunkle Gestalt

des Insulaners, des schlauen Raiteo, der in seinem Versteck ein stiller

Zeuge des Ganzen gewesen. Das Boot mit seinem Gefangenen, übrigens wie

der forteilende Trupp der Seeleute, schien ihn wenig zu interessiren --

er horchte nur aufmerksam einen Augenblick nach beiden Seiten hin,

ob auch wirklich Alle den Platz verlassen und keiner von ihnen

zurückkehrte, ihn zu stören, und als er sich davon überzeugt, schlich er

sich geräuschlos zu der Stelle hin wo das Canoe angehangen lag, und Jim

O'Flannagan von den vorspringenden Seeleuten überrascht war. Die schon

stark eingebrochene Dämmerung ließ ihn gerade noch erkennen was er

suchte, den dort eingeworfenen Sack mit Geld, und während sich ein

höchst selbstzufriednes vergnügtes Lächeln über seine Züge stahl,

verschwand er mit seinem so ohne alle Anstrengung erbeuteten Schatz in

der Dickung.

* * * * *

Jack hatte indessen seinen Auftrag rasch und vollständig ausgeführt,

als er aber die Hütte wieder verließ sah er todtenbleich aus und sein

stierer Blick starrte wild und mistrauisch umher.

»Jim!« rief er, als er mit flüchtigen Sätzen den Pfad hinabspringend den

Kameraden nicht auf der alten Stelle fand. »Jim -- wo zum Teufel steckst

Du -- ist das auch der rechte Weg?« rief er dann sich bestürzt und

unsicher umschauend -- »hier der Baum lag doch vorher hier nicht -- na

_das_ fehlte mir jetzt« und mit ausbrechender Angst floh er die wenigen

Schritte zum Haus zurück, dort zu sehn ob noch irgend ein anderer Pfad

nach dem Wasser hin auszweige.

»Hier ist er -- halt ihn -- steh Schurke!« rief es in dem Moment von

drei vier Seiten -- Jack, mit einem Angstschrei zusammenfahrend, griff

sein Gewehr auf, aber der Finger berührte zu früh den Drücker und der

Schuß ging in die Luft, während sich von drei oder vier Seiten die

Soldaten auf ihn warfen, ihn entwaffneten und seine Hände banden.

»So mein Bursch'« sagte Bertrand, der an ihn hinangetreten war und ihn

erkannt hatte -- »haben wir Dich wieder? -- wo ist Dein Kamerad?«

»Schenkt mir das Leben ich will Euch Alles gestehn!« schrie der

Unglückliche in Verzweiflung in die Knie brechend.

»Untersucht das Haus erst ob Ihr nicht den Andern darin findet -- der

größte Hallunke fehlt noch immer« rief aber der Lieutenant ohne auf

das Gewimmer des Mannes zu achten. »Tod und Teufel wenn er uns wieder

entgangen sein sollte. Ha, was ist das da?«

Er hatte Ursache zu fragen, denn vier oder fünf Schüsse fielen in diesem

Augenblick aus dem Dickicht, und wilde Zurufe antworteten sich herüber

und hinüber.

»Die Insulaner!« rief René, das Gewehr aufgreifend, daß der Gefangene

hatte fallen lassen -- »alle Wetter, Bertrand, wenn wir einen Trupp der

Burschen über uns bekommen, können wir uns gratuliren.«

»Bleib Du bei den Gefangenen René« -- rief ihm der Freund zu -- »wir

haben das Haus oben umzingelt und dürfen den Iren nicht aufgeben, wenn

er drinnen steckt. Du magst zwei Mann noch bei Dir behalten. Wir werfen

die Insulaner zurück und ziehen uns dann von hier nach dem nicht so

fernen breiten Weg hinunter; sobald es dunkel wird können sie auch

nichts machen.«

Der Officier rief seine Leute zusammen und rückte rasch zum Entsatz

nach der Hütte hinauf, während René mit den beiden Seeleuten als Wache

zurückblieb; aber es war ihm ein unbehagliches Gefühl, einen wieder

eingefangenen Matrosen zu bewachen -- sein eignes Bild stieg ihm vor der

Seele auf, und er hätte Gott weiß was darum gegeben, den Mann befreien

zu dürfen.

»Was hast Du verbrochen, mein Bursche?« frug er, zu ihm hinantretend,

»daß Du das Weite suchen mußtest?«

»Nichts, Ew. Gnaden, auf der weiten Gotteswelt, als Schiffs müde« --

stöhnte der Mann, von dem freundlichen Tone getroffen -- »und ein armer

Rücken wird's jetzt sein, der für die Beine bezahlen muß -- oh armer

Jack, armer Jack.«

René hatte sich die Patrontasche umgehangen, die man dem Gefangenen

abgenommen und fing an sein Gewehr zu laden -- er hatte dem Gebundenen

den Rücken zugedreht, und hörte wie die Leute heimlich mit ihm

flüsterten.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band · 第 4 / 17 段