Ich verbringe die Nacht in der Restauration, dachte Záruba, als der Zug
schon einfuhr, oder ausgestreckt irgendwo im Wartesaal; ich verschlafe
drei oder vier Stunden, und mit dem ersten Morgenzuge fahre ich weiter.
Gott, nur rasch! Noch verbleibt Hoffnung, und Alles kann gerettet
werden; ach, so viele Stunden.
Aber die Restauration war schon geschlossen und den einzigen Warteraum
erfüllte ein Soldatentransport. Sie schliefen auf Bänken und Tischen,
lagen überall auf der Erde, den Kopf auf Tischleisten, auf Spucknäpfe,
auf zerknülltes Papier gebettet, das Gesicht zu Boden und gehäuft wie
Hügel von Leichen. Záruba rettete sich auf den Gang; es war kalt da, und
zwei Gasflammen zitterten gequält in dem feuchten Halbdunkel, das vom
Teer und Urin der Aborte stank; einige Menschen fröstelten und gähnten
auf den Bänken in der stumpfen Geduld langen Wartens. Aber es war
wenigstens ein bißchen Platz da, ein bißchen Platz für einen Menschen,
wenigstens ein bißchen Platz für den stillen Schlummer eines Müden.
Záruba fand eine Bank und lagerte sich so warm wie möglich, so fest wie
nur möglich; aus sich selbst erbaute er einen Winkel für seinen Schlaf,
Bett, Bettleiste, Viereck, Asyl. — Ach, die Unbequemlichkeit, fuhr er
aus dem Halbschlaf empor; wie nur die Glieder legen? Lange und
angestrengt dachte er darüber nach; schließlich kam ihm der kindliche
Wunsch, zu liegen, und er streckte sich auf der Bank aus. Aber die Bank
war zu kurz. Záruba kämpfte verzweifelt mit seinem Ausmaß, ergrimmt über
einen so rücksichtslosen Widerstand; schließlich lag er gleichsam
gefesselt, regungslos, knabenhaft klein, und sah auf die großen
funkelnden Kreise, die sich im Dunkeln drehen, auf die kreisenden
Scheiben. — Ich schlafe ja schon, durchblitzte es ihn, und in diesem
Augenblicke öffnete er die Augen; da sah er den Winkel zweier Wände
verschwimmen und ward furchtbar verwirrt: Wo bin ich denn? Was ist das
eigentlich? Entsetzt suchte er eine Orientierung, vermochte aber weder
Raum noch Richtung zu erraten; da raffte er alle Kraft zusammen und
erhob sich. Neuerlich sah er den langen und kalten Gang, aber er sah ihn
trauriger als früher, und erkannte, daß er schon durchaus aus dem
Schlafe gerissen sei und er verspürte den bittern Geschmack des Wachens
im Munde.
Auf die Knie gestützt dachte er über seine Angelegenheit nach. Das
Letzte tun, sich für die Rettung einzusetzen, ja, aber noch so viele
Stunden! Zerstreut blickte er auf das schmutzige Pflaster des Ganges; er
entdeckte zertretene Papiere, ekelhaften Auswurf, den Schmutz von
zahllosen Füßen — und das dort ist wie die Form eines Gesichts, Augen
aus Kot und aus Speichel der Mund, abscheulich zu lächeln bemüht …
Angeekelt hob er den Blick empor. Dort liegt ein Soldat auf der Bank,
schläft mit hintenüberhangendem Kopfe und stöhnt wie ein Sterbender.
Irgendeine Frau schläft, eines Mäderls Haupt im Schoße; sie hat ein
böses und armseliges Gesicht, sie schläft; aber das Mäderl blickt mit
blassen Augen und flüstert etwas für sich; es hat ein langes,
vorstehendes Kinn und einen breiten Mund in mageren Bäckchen, eine
kindliche Greisin mit traurigen, weiten, fliegenden Augen. — Sieh da,
der Beleibte, wie er schläft, aufgedunsen vor Schläfrigkeit, haltlos von
der Bank fallend, erstaunt und stumpfsinnig; weiche Masse, die sich auf
den ersten Stützpunkt herabwälzt. — Unter einem grünen Hute blinzeln
die schwarzen muntern Augen eines jungen Mannes. »Komm her,« pfeift er
durch die Lücken der zerfressenen Zähne dem blaßäugigen Mädchen zu;
»komm her,« flüstert er und lacht. Das Mädchen windet sich verlegen und
lächelt ein furchtbares greisenhaftes Lächeln; sie ist zahnlos. »Komm
her,« pfeift der Jüngling und setzt sich selber zu ihr. »Wie heißt du?«
Und streichelt ihr mit der flachen Hand die kleinen Knie. Das Mädchen
lächelt ängstlich und unschön. Der schlafende Soldat röchelt wie in der
Todesstunde. Záruba schüttelte sich vor Kälte und Übelkeit.
Eine Stunde von Mitternacht. Die Zeit schlich quälend langsam dahin, und
Záruba fühlte sich von ihr verschleppt, gedankenlos zerzogen in
wachsender und zielloser Spannung. Gut, sagte er sich, ich schließe die
Augen und halte es so ohne Gedanken, ohne Bewegung so lang wie möglich
aus, ganze Stunden hindurch, bis sich die Zeit umwälzt. — Und so saß er
starr da, zwang sich, möglichst lange auszuhalten; endlos stockte die
Dauer der Minuten, ein Zählen ohne Zahlen, Verzug um Verzug. — Endlich,
nach unüberlebbarer Zeit, öffnete er die Augen. Fünf Minuten nach Eins.
Der Gang, die Papiere, das Kind, das gleiche verlegene, greisenhafte
Lachen … Nichts hatte sich verändert. Alles war zu unfortschreitender,
bleibend naher Gegenwart erstarrt.
Und plötzlich entdeckte Záruba einen Menschen. Er saß regungslos wie er
selbst in einem Winkel und schlief nicht. Der ist wie ich, dachte
Záruba; er kann auch nicht schlafen wegen der Zeit. Woran denkt er? An
das Warten ohne Ende wie ich? Der Mensch erbebte, wie wenn ihm diese
Frage unlieb wäre. Záruba blickte unwillkürlich in sein formloses
Gesicht; er gewahrte darauf eine unruhige Bewegung, wie wenn jemand eine
zudringliche Fliege verjagt. Auf einmal stand dieser Mensch auf,
überschritt auf den Spitzen den Gang und setzte sich geradezu neben ihn.
»Ihnen war es unangenehm, daß ich Sie ausschaue,« sagte Záruba gedämpft.
»Ja.« Beide schwiegen lang. »Schauen Sie,« flüsterte endlich der Mensch
und wies mit dem Finger auf die Erde, »das da sieht aus wie ein
menschliches Gesicht.«
»Ich habe schon vorhin geschaut.«
»Sie haben schon geschaut,« wiederholte der Mensch schwermütig, »Ihnen
war also auch so —«
»Wie?«
»Nichts ist schwerer als Warten,« erwiderte der Mensch.
»Wie war mir?«
»Schwer. Es ist schwer zu warten. Was immer auch komme, es ist Erlösung.
Warten ist schwer.«
»Weshalb reden Sie davon?«
»Weil es schwer ist, zu warten. Auch Sie haben Gesichter gelesen,
geschrieben in Speichel und Staub. Auch Sie haben sich gequält. Nichts
ist qualvoller als die Gegenwart.«
»Warum?«
»Weil Warten schwer ist.« Der Mensch verstummte und blickte zu Boden.
»Wohin fahren Sie?« fragte Záruba nach einer Weile.
»Ich fahre nur so,« antwortete der Gefragte zerstreut, »zum Vergnügen.
Oft findet man nämlich schöne Städte. Sie fahren so weit, daß Sie
bereits an nichts mehr denken, und auf einmal sind Sie an einer solchen
Stelle; es ist ein Bach oder Brunnen im Hain, oder Kinder, etwas
Unerwartetes und Schönes — und da begreifen Sie überrascht, was Glück
ist.«
»Was ist Glück?«
»Nichts. Sie begegnen ihm einfach. Es ist, kurz gesagt, zum Verwundern.
Haben Sie je an die heidnischen Götter gedacht?«
»Nein.«
»Das war so: Niemand erwartete sie, und unverhofft erblickte er sie.
Irgendwo im Wasser oder im Gebüsch oder in den Flammen. Deshalb waren
sie so schön. Oh, wenn ich das ausdrücken könnte! Wenn ich es nur
ausdrücken könnte!«
»Warum denken Sie an Götter?«
»Nur so. Dem Glück muß man rasch und unverhofft begegnen. Es ist solch
ein besonderer Zufall! Solch ein jähes Ereignis, daß man sagen möchte:
ach, welch ein Abenteuer! Ist es Ihnen jemals begegnet?«
»Es ist mir begegnet.«
»Und da war Ihnen wie im Traum. Das Herrlichste ist nur ein Abenteuer.
Dort, wo die Liebe aufhört, ein Abenteuer zu sein, wird sie eine Qual.«
»Warum, warum ist das so!«
»Ich weiß nicht. Sie könnte nicht dauern, wenn sie keine Qual wäre.
Schauen Sie, die Alten hatten einen einzigen Namen für Glück und Zufall.
Aber es war ein Göttername.«
Fortuna, dachte Záruba beklommen. Wenn sie mir begegnete auf dieser
Reise! Aber es ist schwer, auf den Zufall zu warten!
»Warten ist schwer,« begann der Mensch wieder, »so schwer und quälend,
daß, was immer Sie erwarten, Sie nur eines abwarten: des Wartens Ende,
Erlösung vom Warten. So schwer, daß das, was Sie als Erfüllung erleben
werden, weder schön noch glücklich mehr sein kann; sondern an sich
sonderbar und gleichsam traurig, schmerzlich durch all dies Warten —
ich weiß es gar nicht zu sagen. Jede Erlösung ist so: niemals ist es das
rechte Glück.«
Warum sagt er das? dachte Záruba; wie, wäre ich nicht glücklich, wenn
ich die Erfüllung erlebte?
»Sie haben Gott selber erwartet,« fuhr der Mensch fort; »ach, was für
ein Mensch ist da gekommen, um Sie vom Warten zu erlösen? Weder Ansehen
noch Schönheit waren an ihm, der letzte der Männer, ein Mann des
Schmerzes; unsere Gebrechen hat er getragen und unsere Schmerzen
ertragen, so als wäre er gar kein Gott.«
»Warum reden Sie davon?«
»Warten, sehen Sie, ist schwer; selbst einen Gott zerbricht und demütigt
es. Erwarten Sie jahrelang irgendein Glück, ein großes und schönes
Ereignis; endlich kommt es, irgendwie klein und trübselig wie irgendein
Schmerz; aber Sie sagen: ja, Gott, das ist es, worauf ich so viele Jahre
gewartet habe, auf daß es mich erlöse!«
»Was meinen Sie damit?«
»Damit meine ich: Der einzige Lohn für das Warten ist das Ende des
Wartens; und nur darum steht das Warten dafür. Darum, darum ist es
notwendig zu warten. Das ist der Sinn unseres Glaubens.«
»Welchen Glaubens?«
»Welchen immer,« sagte der Mensch und schwieg.
Die Leute auf dem Gange erwachten und begannen herumzugehn. Das zahnlose
Mäderl war jetzt in den Armen der Mutter eingeschlafen, verloren unter
dem Shawl. Etwas Leben strömte durch den Gang; es war ziellos und
unordentlich, aber es regte sich und vermochte sich zu erhalten.
»Was haben Sie mit diesen Göttern gemeint?« fragte Záruba plötzlich
laut.
»Sie waren schön,« sagte der Mensch; »es genügte bloß Glück oder Zufall,
um sie zu erblicken und dadurch selbst ein wenig ein Gott zu werden. Ich
denke mir also: wunderlich ist das Glück, so überaus seltsam ist
Schönheit und Glück, daß es nur durch Wunder und Zufall geschehen kann.
Aber wer wartet, der wartet auf etwas, das geschehen muß; etwas muß
kommen, das sein Warten beendet. Sehen Sie, jeder wartet …, auch Sie;
wir sind vom Wege der Freude abgekommen, um große Dinge zu erwarten.
Ach, warten ist eine große Spannung des Lebens, fast wie der Glaube.
Aber je mehr wir warten — — _was immer auch komme, wir werden, wir
werden erlöst werden_. Schauen Sie, es ist schon Tag.«
In den Bahnhof wälzte sich ein Menschenstrom herein mit Lachen, Husten
und Geschrei. Wie ein großer Besen fuhr der Lärm durch den Gang, fegte
die angesetzte Stille fort und blies die verstaubten Stimmen an. Die
Passagiere erhoben sich von den Bänken, schüttelten die Spinnweben des
Schlummers ab und blickten einander ohne Mißbehagen an, verbündet durch
die gemeinsame Nacht. Aber draußen, hinter den Fenstern, dämmerte der
Tag.
Der Mensch, der gesprochen hatte, verlor sich Záruba zwischen den
Leuten. Eine neue Schar, Fahrkarten, Geschrei und Glockenzeichen — der
schwarze und lärmende Zug fuhr in den Bahnhof ein, verschlang die Schar,
zischte, fauchte und fuhr dem Ziele zu. Gott, nur schnell, dachte
Záruba, noch ist nicht alles verloren: noch bleibt Hoffnung.