Er wurde gewahr, daß er sich an einem weiten, mit schönen Bäumen
bewachsenen Hange befand. Das ist ja Frankreich, erriet er plötzlich,
ich bin wohl in einen falschen Zug eingestiegen. Es ist wirklich ein
seltsamer Zug, — lauter fremde Gesichter, die über ihn lachen, als wäre
er schlecht gekleidet; und der Zug fährt wild, daß die Fenster klirren.
Brož fuhr aus dem Traum empor. Jemand klopfte ans Fenster.
»Was ist?« schrie Brož mit verklebter Zunge.
»Ich bitte Sie,« sagte draußen eine zitternde Frauenstimme, »wenn Sie
uns rasch zu Hilfe kämen!«
»Gehn Sie zum Teufel!« erwiderte Brož wütend und wühlte den Kopf in
die Kissen hinein. Nur den zerrissenen Faden des Traums einzufangen! den
Schlummer eben dort wieder anzuknüpfen, wo er unterbrochen worden! Ein
Zug, etwas von einem Zug, zwang sich Brož; und plötzlich fiel ihm
peinlich klar ein: Ich hätte fragen sollen, was ihnen geschehn ist!
Er sprang aus dem Bett und lief das Fenster öffnen. Kühl, schwarz wehte
die öde Nacht herein. »Wer ist da?« rief er, aber nichts antwortete. Da
schüttelte ihn die Kälte, und er ging sich legen; in den Federbetten
fand er seine eigene trockene Wärme wieder und genoß sie gierig und
unbegrenzt; wieder sanken ihm die Lider und die Glieder lockerten sich
zu einem Komma. Ach, schlafen!
Mit weit geöffneten Augen schaute Brož in die Finsternis. Wer das
wohl gewesen war? Niemand in diesem Dorf hier kümmert sich um mich. Wer
hat bei mir Hilfe gesucht? Es war eine Frauenstimme. Es war eine
unsäglich schmerzliche Stimme. Vielleicht ging es ums Leben. Übrigens,
ich bin kein Arzt. Aber vielleicht ging es ums Leben.
Zerquält wandte sich Brož dem Fenster zu. Es zeichnete sich wie ein
kaltblaues Rechteck in der schwarzen, raumlosen Dunkelheit ab. Nirgends
brennt es. Es ist still, nur die Uhr zu Häupten tickt spitzig. Was ist
nur geschehn? Was für ein Unglück? Vielleicht ist es in der
Nachbarschaft; jemand stirbt; irgendwo wird ratlos mit dem schweren
Augenblick gekämpft. Ich bin schließlich kein Arzt.
Aber das Bett knarrt und brennt ermüdend. Brož setzte sich im Bette
auf und nahm gewohnheitsmäßig die Brille. Wodurch vermöchte ich
überhaupt, überlegte er, zu helfen? Wie nur zu nützen? Verstehe ich mich
denn auf etwas Hilfreiches? Gott, nicht einmal raten, nicht einmal
trösten; nicht einmal mit Worten vermöchte ich einen Teil der Last von
irgend jemandem zu nehmen; nicht einmal durch Anteilnahme jemand zu
stützen. Ich will ja selber nichts, als Ruhe haben; als mich der andern
zu entledigen. Was mag da geschehen sein?
Indem fiel es ihm ein, die Lampe zu entzünden. Vielleicht bemerken sie,
daß ich leuchte, sagte er sich, und kommen abermals. Ich werde leuchten
wie ein Leuchtturm. Kommen sie, so frage ich, was geschehn ist;
wenigstens erkenne ich, daß ich wirklich nicht habe helfen können. — Im
voraus getröstet bettete sich Brož die Polster hinter den Rücken;
gespannt lauerte er, daß das Pförtchen knarren und dieselbe Frauenstimme
hinterm Fenster bitten werde. Aber der tickende Gang der Uhr quälte ihn.
Vergeblich bemühte er sich, sie zum Stehen zu bringen. Es war drei Uhr.
Auf einmal schnürte ihm ein häßliches Gewicht von Unruhe und Erregung
die Brust zusammen. Niemand kam.
Zögernd und hastig begann sich Brož anzukleiden. Sicherlich, sagte er
sich, werden sie dort leuchten, wo etwas geschehen ist, und ich werde
ans Fenster pochen. Sowieso würde ich nicht mehr schlafen. Ich werde
dort nichts nützen, aber — vielleicht sind sie so ratlos — Brož
verwirrte sich in der Hast und verfluchte leise die Schuhbänder;
schließlich gelang ihm ein ungewöhnlicher Knoten, und er lief vor das
Haus hinaus.
Es war schwarz, durchaus schwarz. Brož begab sich die Gasse hinab und
suchte ein erleuchtetes Fenster; nie zuvor hatte er ein so bis ins
Bewußtlose entschlummertes Dorf gesehen, so fremd allem Wachenden, so
fremd — nirgends waren klagende Nachtlampen, nirgends ein Lichtstreifen
hinter den Fensterscheiben. Entsetzt hielt er inne vor der Kapelle: in
den Fenstern zitterte und irrte das matte Licht einer Flamme. Die ewige
Lampe, begriff er nach einer Weile und ging weiter; aber nirgends war
beleuchtet; überall dunkel, nur etwas Blässe, von den Wänden
ausgeschwitzt —.
Leise kehrte Brož zurück und lauschte vor den stummen Häuschen. Wird
drinnen kein Jammern ertönen, wird nicht stille Ohnmacht erbeben? Wird
keine Frauenstimme weinen? Bebend sondierte Brož die verschlossenen
Räume des Schweigens; nichts, kein dichter Atem, nichts — fliegt nicht
aus der Weite der Nacht, aus irgendeiner Ferne, von irgendeiner Seite
der Welt ein herzzerreißender Schrei um Hilfe heran?
Wie fremd ist diese schlafende Welt, die nicht spricht! Die nicht vor
Schmerz aufschreit! Die nicht nach Erlösung ruft! Wenn jetzt der
leiseste Klageruf sich erhübe, würde er nicht feurig nach ihm langen,
würde er sich nicht an ihn lehnen wie an eine Säule, würde er ihn nicht
erfassen wie ein im Dunkel entzündetes Licht …
Andern willst du helfen, ertönte es spöttisch und klar in ihm, und
kannst dir selber nicht helfen! Aber was, dachte Brož in
schmerzlichem Erstaunen, ist dem wirklich so? Doch eher darum, ach,
_gerade darum_, weil du dir selber nicht helfen kannst — wer sich zu
helfen vermag, wird sich selber helfen; aber du, der du dir nicht helfen
kannst, hier bist es nicht eben du …
Brož blieb wie geschlagen stehen. Dir selber kannst du nicht helfen?
Aber ist es denn wirklich so? Brauch ich überhaupt Hilfe … von mir
selbst oder von irgendwem? Ist mir so schlimm? Gott, das nicht! Ich lebe
ja nach meinem Sinn und mehr will ich nicht. Nur meine Tage für mich
allein zu verleben. Ich habe keine unerfüllten Wünsche. Vielleicht habe
ich überhaupt keine Wünsche. Mir selbst kann ich nicht helfen … Worin
auch. Nie ist es mir in den Sinn gekommen. Bleibe alles, wie es ist: Tag
um Tag, bis ins Unabsehbare.
Tag um Tag? Brož setzte sich auf einen Eckstein und blickte unbewegt
in die Finsternis, als träumte er heimlich den unterbrochenen Traum zu
Ende; oder als träumte er ihn Tag um Tag, Monat und Jahr, bis ins
Unabsehbare. — Nichts mehr verändert sich; was sollte sich auch ändern?
Die Ereignisse fliehen und die Jahre vergehen; aber Tag um Tag kehrt
zurück, so als geschähe überhaupt nichts. Ein Tag ist vergangen: was
liegt daran? Es wird ja derselbe Tag, derselbe Tag mir morgen kommen.
Nur wenn die Zeit vergeht!
Und täglich kann ich mir sagen: Ich habe nichts verloren als einen Tag.
Nichts mehr als einen Tag! Warum also diese Angst? Brož rieb sich
hart die Stirn. Ich sollte mich fassen. Ich bin unausgeschlafen. Ich bin
stehengeblieben, und die Tage sind um mich gewachsen wie Mauern; Tag um
Tag haben sich glatt und schwer geschichtet wie Wände. Schon erwache ich
allmählich: aber wird es ein neuer und niegewesener Tag sein, den ich
ringsum finde? Oder ein Tag, zusammengesetzt aus tausend vergangenen —
wie Mauern? Und sage ich mir wieder: das ist also wieder ein weiterer
Tag unter tausend aufgerichteten — wie Mauern? Warum ist er geworden?
gestern war doch nur um einen weniger! Stand es dafür, wegen dieses
einen Tages zu erwachen?
Alle Schläfrigkeit fiel plötzlich von ihm ab. Das ist ja ein Kerker,
begriff er entsetzt; so viele Jahre habe ich wie im Kerker gelebt! Weit
tat er die Augen auf; ihm war, als erhellten sich traurig all diese
Jahre: seltsam fremd, seltsamer bekannt; alles, nichts, Tage ohne Zahl
… Ach, ein Kerker, riß sich Brož los. Werde ich denn niemals
erwachen in niegewesenem Tag? Warte ich denn nicht täglich darauf (—
ach, Kerker!) und _habe ich nicht vielleicht immer gewartet_, begriff er
plötzlich (— vergangene Jahre klärten sich auf), ach, bin ich
eigentlich nur deshalb stehen geblieben, um den ungeahnten Tag zu
erwarten?
Vergangene Jahre klärten sich auf. Sieh, Gott, flüsterte Brož, zum
Himmel emporblickend, ich verschweige es dir nicht länger; ich habe auf
deine Hilfe gewartet, auf eine wunderbare Erlösung; daß ein großes
Ereignis geschähe, ein jähes Licht in den Ritzen, und nach heftigen
Schlägen in die Tür eine starke Stimme geböte: Lazarus, steh auf! So
viele Jahre habe ich die Stimme des Siegers erwartet; du kamst nicht,
und ich verlasse mich nicht mehr darauf.
Aber wenn ich noch harre, so ist es auf Hilfe und Erlösung. Auf eine
Stimme, die mich aus meinem Gefängnisse ruft. Vielleicht ist sie nicht
so stark, sondern so schwach, daß ich sie mit der eigenen Stimme
unterstützen muß. Vielleicht ist es keine gebietende, sondern eine
flehende Stimme: Lazarus, steh auf, uns zu helfen!
— Dir selbst kannst du nicht helfen: wer wird dir helfen? Wer kommt
dich befreien, der du es selbst nicht vermagst? Alles schläft in
unbewußtem Frieden; kindlich piept der Schmerz auf des Schlafenden
Lippen; ein knabenhafter Traum, etwas von einem Zug, ein flüchtiger
Traum zeichnet sich an den Wänden des Gefängnisses ab. Aber unversehens
kommt er — pocht an dein Fenster und ruft dich aus dem Traume der
niegewesene Tag. Ob du ihn erkennst und unverschlafen aufspringst?
Vielleicht hast du ein Weltbeben erwartet: höre ein stilles, flehendes
Rufen. Vielleicht kommt der Tag, den du erwartest, gar nicht wie ein
Feiertag; nur ein Wochentag, Montag des Lebens, neuer Tag.
Über den Wäldern wird es licht.