SPIEGELUNG

»Achtung!« rief Lhota dem unbekannten Fischer zu, »er schnappt!«

»Ach, ich danke Ihnen,« entgegnete der Angeredete freundlich, »wollen

Sie sich ihn nicht herausziehn?«

Lhota glitt rasch den Damm hinunter und ergriff die Rute. Die Angel war

leer; und als Lhota das Haar heranzog, entdeckte er an dem Angelhaken

festgebunden eine rote Schnur.

»Das da geben Sie statt des Wurms?« fragte er mißmutig.

»Ja,« sagte der Fischer mit schüchternem Lächeln.

»Haben Sie schon etwas gefangen?«

»Niemals.«

Lhota blieb auf dem Damme sitzen, unschlüssig ob er lachen oder zürnen

solle. Wie ist das möglich, dachte er, wie ist es überhaupt möglich, so

Fische zu fangen?

»Ich angle nämlich nicht,« äußerte der Fischer, »ich sitze nur mit der

Rute so da, damit die Leute nicht über mich lachen, wenn sie mich hier

sehn.«

»Sie sind ein Hiesiger?«

»Ich wohne in dem Häuschen hinter uns. Schon viele Jahre gehe ich her,

weil es mir hier gefällt. Und angle nicht.«

Lhota blickte in die großen, hellen Augen des Fischers. »Sie sind krank,

nicht?«

»Ich kann nicht gehn. Schon seit Jahren. Viele Jahre bin ich nicht

weiter gewesen als hier. — Aber hier ist es schön.«

»Tatsächlich,« sagte Lhota unsicher. Unabsehbar zogen sich die kahlen

Dämme hin, und zwischen ihnen strömte der breite, graue Fluß.

»Sie sollten bei Sonnenuntergang hier sein,« sagte der Kranke, »oder am

Morgen. Ich sitze seit früh hier, und niemals ist mir langweilig oder

leer zumute; wenn ich dann abends heimkomme, schlafe ich ohne Traum,

Nacht für Nacht schlafe ich herrlich und ohne Traum. Erst im Winter —«

»Was im Winter?«

»Nichts, die Träume. Im Winter kann ich nicht, und ich schlafe bei Tag

und bei Nacht, ohne Rast, bis ich vor Müdigkeit nicht mehr schlafen

kann. Aber im Sommer bin ich täglich da.«

Lhota blickte sinnend in das Wasser: Es strömte breit und unförmig

dahin, rieb sich mit der unendlichen Flanke an dem Gestein; gewellt,

gekräuselt, bewegt, daß ihm die Augen übergingen. Und es war schon kein

fließender Fluß mehr; nur ein Rauschen, das nicht verharrt, sondern ohne

Ende verläuft und entschwindet; ein Vorbei ohne Grenzen, ohn Ende

Vergehen von Allem —

»Auch im Winter träume ich nur vom Wasser,« sagte der Kranke. »Es ist

der einzige Traum, den ich ganze Tage und Nächte und ganze Monate

träume, nur dann unterbrochen, wenn ich aus dem Schlafe auffahre. Erst

im Sommer vergeht er, wenn ich das wirkliche Wasser sehe.«

Lhota schloß in schwachem Schwindel die Augen. »Ich möchte nicht von

strömendem Wasser träumen.«

»Nein, das strömt überhaupt nicht,« sagte der Kranke. »Mir träumt nicht

von wirklichem Wasser. Es ist das ein großer Fluß, der ohne Regung

steht, und auf ihm schwimmen Reflexe. Sie eilen auf ihm dahin wie jene

Blätter, welche von der Strömung mitgerissen werden.«

»Was für Reflexe?«

»Gespiegelte Dinge. Ufer, die sich in der Fläche reflektieren. Sie

gleiten über das Wasser hin, rasch wie diese Wellen und kräuseln es

nicht. Vielleicht kommen sie bis vom Gebirge her. Es sind große Bäume,

die sich still und mit der Krone abwärts zu neigen, als hingen sie in

einen grundlosen Himmel hinein. Auch der Himmel gleitet auf diesem

reglosen Flusse mit Sonne und Wolken und Sternen dahin. Ich sah die

Reflexe von Bergen und Dörfern am Flußufer mitsamt den Menschen

dahinschwimmen. Ein andermal ist es ein weißes einsames Haus oder ein

erleuchtetes Fenster.«

»Das ist ein absurder Traum,« sagte Lhota.

»Ein furchtbarer. Manchmal segelt eine gespiegelte Stadt und Quais mit

flammenden Lichtern. Auf der Fläche bebt das Laub der Bäume, als wehte

der Wind, aber das Wasser kräuselt sich nicht. Ein Mädchen ringt die

weißen Hände und wird weitergetragen. Und ich sehe in der Spiegelung,

als stünde jemand am andern Ufer und wollte auf mich blicken oder mir

ein Zeichen geben; aber das Bild auf dem Wasser entgleitet mitsamt der

an die Augen gelegten Hand.«

Der Kranke schwieg eine Weile. »Und manchmal«, begann er wieder, »ist es

nur die brennende Laterne eines verlassenen Hafens am Ufer des Flusses;

sie schaukelt wie im Novemberwind, und schwimmt davon. Nichts kann

innehalten und nichts verweilt. Nichts runzelt das Wasser und nichts ist

oberhalb oder außerhalb seiner. Die Ewigkeit ist fürchterlich.«

Lhota blickte schweigend in das Wasser; Welle um Welle kehrte endlos zu

dem Gestein unter seinen Füßen zurück und floß wieder ab in hartnäckigem

Spiel, das ihn reizte und beschwichtigte.

»Oft erwache ich,« redete der Kranke, »mit Schweiß bedeckt und zu Tode

entsetzt; und da sage ich mir: Die Ewigkeit ist fürchterlich. Welle um

Welle kommt, um am Stein zu zerbrechen; Stein um Stein wälzt sich hinab

zu den Wellen, die ihn davontragen. Aber ich habe eine Fläche gesehen,

die sich an nichts bricht und nicht zerbricht. Lichter und Schatten von

Allem gleiten über sie hin. Berge wälzen sich fort und Bäume eilen von

dannen; es schwimmen Städte und Felsen, ein Mädchen ringt vergeblich die

Hände und Anfang und Ende der Welt gleitet vorbei wie eine Spiegelung.

Eine Fläche, die niemals sich kräuselt und zu kräuseln vermag. Die

nichts berührt und niemals berühren kann. Und wer hineinblickt, sieht

immer nur bloße Reflexe der Dinge fliehen, der Wirklichkeit entledigt.«

Auf dem Damm gegenüber blieb ein Mann stehen und schaute eine Weile zu.

»Also was,« rief er endlich, »schnappen sie?«

»Sie schnappen nicht,« erwiderte der Kranke lustig. »Ich sitze gern

hier,« sprach er wieder zu Lhota. »Wenn ein Blatt in das Wasser fällt,

dann zittert das Wasser, und auch ich zittere, aber ohne Angst. Manchmal

bei Sonnenuntergang, da denke ich an Gott. Die Ewigkeit ist

fürchterlich.«

Lhota wendete sich fragend.

»Manchmal«, fuhr der Sieche fort, »sah ich ein so merkwürdiges Kräuseln

auf dem Wasser, daß man nicht begreifen kann, woher es kommt. Manchmal

bricht sich eine Welle und erglänzt schöner als die andern; und es sind

auch Erscheinungen am Himmel — das geschieht sehr selten. Und da denke

ich mir: warum könnte das nicht Gott sein? Vielleicht ist er gerade das

Flüchtigste in der Welt; vielleicht ist auch seine Wirklichkeit ein

jähes Brechen der Welle und ein Schimmer; unfaßbar, ausnahmsweise

erscheint er, und vergeht —. Oft habe ich darüber nachgedacht; aber

sehn Sie, ich habe einen so kleinen Horizont, durch Jahre kam ich nicht

weiter als hierher. Es ist möglich, daß auch unter den Menschen ein

solches Sichkräuseln oder Aufblitzen sich ereignet und wieder zerbricht.

Es muß zerbrechen. Die echte Wirklichkeit muß mit dem Untergang bezahlt

werden. Ach, die Sonne versinkt schon.«

Ein barfüßiges Mädchen stand schweigend hinter dem kranken Herrn. »Ja,

gehen wir,« sagte der Sieche. »Gute Nacht, Herr. Schauen Sie, jetzt,

jetzt,« zeigte er auf den Fluß. »Nie ist es zweimal dasselbe. Gute

Nacht.«

Langsam und gleichgültig führte ihn das Mädchen nach Hause. Der Fluß war

perlmutterlicht, wechselnd ohne Ende, und Lhota schaute leise

schwindelnd dem hartnäckigen Spiel der Wellen zu.

Kreuzwege · 第 10 / 14 题