DIE VERSUCHUNG

Lange schon ging Růžička wie in Nebel herum. Er wehrte sich

hartnäckig dagegen und ersann ohne Ende Gründe für und gegen, bewies

sich etwas, ärgerte sich. Hart kämpfte er um Sammlung und sehnte sich

zugleich: sich endlich ohne Gedanken und Richtung entführen zu lassen.

— So wie ein schwarzer Pfahl am Teiche im Nebel, dachte er; über dem

Wasser schreit die Möwe und läßt sich herab, um die Fläche in die Klauen

zu ergreifen; das Wasser erbebt, und die Möwe entflieht wie ein

Gassenjunge; erst Gott weiß, wo sie auflachen wird …

Růžička blieb stehen: Reise ich oder bleibe ich? — Alle Gründe

starben ab und er vermochte sich ihrer nicht mehr zu bemächtigen; alle

starben ab und wurden starr und er konnte sich ihrer nicht mehr

entledigen. Gründe, die ihn nicht mehr freuten. Sie waren in diesem

engen Zimmer verwelkt. In dem Zimmer, das ihn nicht mehr freute. Gründe

dafür, daß er blieb und nicht verreiste und nicht diese paar Chancen

überflüssig verwarf. Ruhe, Beruf, Gewohnheiten, Lampe, Bett, Lehnstuhl

— mehr brauche ich ja nicht, sagte er sich; ich bleibe und erfülle dies

alles mit der Wahrheit des Lebens. Mein Platz ist schmal, aber ich kann

ihn vertiefen. Ach, auf immer bleiben!

Oder fortgehn, sagte er sich beklommen; sich von neuem versuchen und in

die Welt schleudern wie ein Stein ins Wasser … Müßte man sich nur

nicht entschließen! Könnte ich mich, ohne zu wissen wie, irgendwo in der

Welt finden und nichts haben als vor mir den Tag, o Gott! was wäre das

für ein Tag! Es geschehe mir als Schicksal oder Zufall, — ich nehme

alles an; aber selbst wollen ist furchtbar.

— Reise ich oder bleibe ich?

Ich gehe aus, entschloß er sich endlich (wenigstens etwas tun! was

immer!), ein bißchen hinaus, zögerte er bei der Türe, den Abend

genießen, nötigte er sich; aber »bleib«, sprechen Lampe, Bett,

Lehnstuhl, Langweile, »wozu gehn? Gehn ist so anstrengend; Bleiben so

einfach; Gehn so verzweifelt; Bleiben so verzweifelt; bleib!« Nein,

heute nicht, entschied er sich mit Gewalt, und ging. »Bleib,« sprechen

die entflammten Gassen, »wir stören dich nicht mehr; du hast uns so oft

durchmessen, daß du uns nicht mehr siehst.« Auch ihr seht mich gar

nicht, wandte er ein, und eure Fenster blinken mir nicht mißtrauisch zu

wie ein Blick, lächelnd wie ein Blick, durchsichtig wie ein Blick des

Zufalls. Ich gehe täglich hier: wir sind einander fremd geworden. »Ja,

nach so vielen Jahren!«

Růžička nahm, sich zerstreut erholend, Zuflucht zu einem

Kaffeehaus, froh, daß er so verloren war in der Zersplitterung von

Lichtern und Stimmen, daß er sich selber entschwand in der Menge, daß

die Spiegel strahlten und die Gläser klirrten; er schrieb mit dem Finger

ein Fragezeichen auf den Tisch und entdeckte in der Marmorplatte

interessante Adergänge, ein Zufallsnetz, zahllose Bahnen ohne Ziel. —

Verreise ich oder bleibe ich? Augen! wer sieht mich da an?

Mädchen, lachte sein Blick, was willst du von mir? Glatte Augen glitten

ab, flüchteten hinter die Lider und blickten süß, dunkel nirgendwohin.

Nichts, blasses Gesichtchen unter schwarzem Hütchen, Spielzeug aus

Elfenbein, die jungen Hände spielen auf dem Schoße mit nichts. Das große

Schwarze ist die Mama und besieht die Modeblätter. Die grauen Augen

fliegen verstohlen herüber, fliehen, bleiben nicht da; anmutig sind die

Lider der Augen, gesenkte Lider, anmutige Trauer, Liebe und Musik,

Abend, Frage und nichts, lieblich der Augen Blick, Freude, Kleider,

Musik und Frage, liebliches Lieben, lieblicher Frühling, Veilchen auf

der Straße, rosige Blüte, rosiges Lächeln, lieblicher Blick, und in die

Augen! gerade in die Augen, stark und direkt, kurz und fragend

lieblicher Blick! Die glatten Wangen sind rosig erglüht. Schön sind

weiße und errötete Wangen; schön und traurig die Haare; traurig und

schlank die Hände im Schoß, auf schwarzem Trauerrock.

»Genug,« baten die grauen Augen, »soviel Lob, mein Gott, — wohin soll

ich jetzt mit den Augen, mit Lidern und Händen? Sehen Sie mich nicht an,

ich lasse das Glas fallen; um keinen Preis sehe ich Sie mehr an.«

Schlanke Hände, dachte er gerührt, wie einer Geigerin Hände; ach, welch

ein Tremolo, gegenstandsloses Weinen, Lied, welches endet und nicht; ob

ich es jemals vernehme, dies bange und feine Lied? Diese feine, kindlich

rauhe Stimme?

»Gott, das nicht! Was würde ich Ihnen sagen? Ich kann nicht bis fünf

zählen. Wer sind Sie? Warum schauen Sie so? Warum schauen Sie nicht?«

»Wenn ich sehe, denke ich an die Leute ringsum, an Sie, an Ihren Atem,

an die Liebe, an alles, was ich dir sagen möchte, — ich weiß nicht,

woran ich denke, wenn ich schaue; aber wenn ich nicht schaue, denke ich

an Sie, an alles, was ich nicht sehe, an mich selbst, an den glücklichen

Zufall, und hauptsächlich an dich.«

»Hören Sie auf! Hören Sie auf!«

— Drüben haben neue Menschen sich gesetzt, und in ihrer Mitte —

»Ach sehen Sie doch,« riefen die grauen Augen aus, »wie schön sie ist!«

— ja, schön, tatsächlich schön, o Mädchen, wie groß und schön! Warum

ist sie gekommen, wen sucht sie mit den dunklen Augen! Ach, wer ertrüge

der Schönheit vernichtenden Blick? Wie erbebte er nicht in Verwirrung

und Schrecken, wie schlüge er nicht nieder die Augen? Wehe, daß sie ihn

angeblickt!

Langsam, ohne Unsicherheit hefteten sich die großen schwarzen Blicke der

neu angekommenen Frau auf sein Gesicht. Da stockte sein Herz vor

Erstaunen und schwieg.

»Ich bin schön. So viele sind mir untertan. Sieh.«

Ich verreise, entgegnete er finster.

»Bleib. Ich bin schön. Du begegnest mir auf den Straßen, in den Basaren

und auf Festen. Suche mich in den Logen der Theater. Du wirst mir

begegnen, wenn du willst. Wir können einander kennen lernen und — wer

weiß?«

Ich reise, wiederholte er hartnäckig.

»Bleib. Ich habe so wenig Unterhaltung, so wenig. Ich bin so schön. Du

wirst mich oft sehn, täglich, wenn du willst, und so nahe! Bleib!«

Nein, sagte er mit brennender Pein, ich reise; ich verreise und kehre

wieder mit Lippen, bitter von Meer und Fremde; ich kehre mit anderer

Seele zurück. Mit einer Seele ohne Staunen und Beben; mit einer rauhen,

mutigen, wilden und schamlosen Seele; mit einer unruhigen und grausamen

Seele; mit einer Seele für dich. Aber dann! Daß diese herrlichsten Augen

weinen! Daß die Schönheit erbebe! Daß ich schlimmer sei als du! Daß du

mich liebest. Daß sich das Schicksal erfülle. Daß ich Gott nicht

fürchte. Daß ich dir gleichkomme. Nichts ist furchtbarer als Schönheit

und Mut.

Die schwarzen Pupillen wandten sich ab und zauberten weich ins

Unendliche.

Sei es, fühlte er, geschehe mir dies als ein Schicksal. Ich gehe hinweg,

um zu wagen.

»Bleiben Sie,« sprachen verloren die grauen Augen, »ach, bleiben Sie!

Ich käme künftigen Samstag wieder her. Manchmal begegne ich Ihnen. Ich

laufe nicht weg, selbst wenn Sie mich anreden. Warum wollen Sie nicht

bleiben?«

Ach, Mädchen, weinte sein Herz in sinnlicher Zärtlichkeit, ich möchte

bleiben; wie möchte ich nicht bleiben wollen? Aber gerade du hast mich

an einen Tag in der Fremde erinnert, eines unglücklichen Menschen in der

Fremde, ich weiß nicht warum so unglücklich und so verloren; du hast

mich erinnert an glücklichen Zufall, Lächeln, freundliches Wort in

fremder Zunge und lieblichen Blick, der nicht mehr wiederkehrt: die

Freude, wenn du wüßtest, und der herrliche Tag in der Fremde! Nichts ist

schöner als Liebe und glücklicher Zufall, nichts vergleicht sich einer

guten Begegnung, die nicht wiederkehrt. Ich würde bleiben: aber du hast

in mir die ewige Sehnsucht nach dem Zufall erweckt.

Kreuzwege · 第 9 / 14 题