DIE AUFSCHRIFT

Ein Weilchen verschnaufend stand Kvíčala an der Tür und freute sich:

Matys ist krank, er wird Freude haben, daß ich gekommen bin: ich werde

ihm ein wenig vorplaudern am Bett, um ihn zu zerstreuen.

Die Glocke ertönte so abgerissen, daß es Kvíčala quälend beklemmte;

ihm war, als ob sich der Klang drinnen so aufgescheucht und blind einen

Weg bahne durch die allzuabgestandene Stille, und er lauschte mit der

Hand an der Glocke. Es kam das alte Mütterchen in Hausschuhen öffnen und

bat ihn flüsternd einzutreten. Kvíčala ging auf den Spitzen, er wußte

selbst nicht warum; durch die offene Tür sah er Matys mit dem Gesicht

zur Wand im Bett liegen, wie wenn er schliefe.

»Wer ist das?« fragte der Kranke gleichgültig.

»Der Herr Kvíčala,« flüsterte die alte Frau und entfernte sich.

Matys wandte sich mit aufgeheiterten Augen dem Freunde zu.

»Das ist brav von Ihnen. Oh, es ist nichts; nur eine

Brustfellentzündung, irgendein Exsudat … In vierzehn Tagen werde ich

gehen.«

Kvíčala lächelte gezwungen. Ihm war schwül in dem heißen Zimmer, wo

er den schwachen und faden Geruch von Umschlägen, Urin, Tee und Eiern

spürte. Ihn rührte das unrasierte Kinn des Matys und seine strahlenden

Augen; er bedauerte, daß er vergessen hatte, eine kalte Orange oder ein

nasses Sträußchen mitzubringen, um sie auf das Nachttischchen zwischen

die zerknüllten Taschentücher, Speisereste und ungelesenen Bücher zu

legen. Im ganzen übermannte ihn eine matte Übelkeit.

Er bemühte sich zu plaudern; er erzählte irgendwelche Neuigkeit und

ärgerte sich über seine fremde, gleichsam belegte Stimme; er fühlte die

Augen des Kranken aufmerksam und doch entfernt auf sich geheftet; und da

verschluckte er seine Neuigkeit und sehnte sich zu verschwinden.

Matys erkundigte sich nach Bekannten; aber Kvíčala spürte die

besondere Rücksichtnahme des Kranken auf die Gesunden heraus und

antwortete immer schwerer. Schließlich war alles erschöpft. Wenigstens

das Fenster öffnen! Horchen, was draußen geschieht! Nur einen Teil

seiner selbst dorthin übertragen! Verdrossen wich Kvíčala den starren

und abwesenden Blicken des Freundes aus; seine Augen wichen dem heißen

und zerdrückten Bette aus; er wich der eingetrockneten Häßlichkeit des

Nachttischchens aus; und heftete den Blick auf das Fenster, das blasse

halbundurchsichtige Fenster, das Fenster, welches ins Freie führt.

»Schauen Sie her,« sagte plötzlich der Kranke und wies mit dem Finger

auf die Wand zu Häupten des Bettes.

Kvíčala beugte sich vor; an die Wand war grau und verwischt und

zweimal unterstrichen mit Bleistift das Wort »_zurück_« geschrieben.

»Zurück«, las Kvíčala.

»Was sagen Sie dazu?« fragte Matys still.

»Jemand hat es hingeschrieben. Es steht offenbar schon viele Jahre

dort.«

»Wieviel Jahre denken Sie?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht fünf oder zehn — Wann wurde hier das

letztemal gemalt?«

»Ich habe die Mutter gefragt,« sagte Matys und schaute zu der trüben

Zimmerdecke empor. »Vor mehr als zehn Jahren. Ich wollte es niemals

erlauben.«

Kvíčala ließ seine Blicke hastig zum Fenster zurückkehren.

»Sehen Sie nur her,« nötigte der Kranke, »fällt Ihnen nichts auf?«

Kvíčala neigte sich wieder über das Bett. »Es ist von einer

Männerhand geschrieben. Jemand schrieb es in Aufregung und ungeduldig,

so daß hier der Graphit abgebrochen ist. Er hat geradezu in die Wand

geritzt. Und im Dunkeln. Dieses Häkchen ist ein wenig seltsam … Diese

langen Striche auf dem u und ü sehen irgendwie entschlossen aus.«

»Zurück,« wiederholte Matys. »Wissen Sie nicht, was wohl damit gemeint

ist?«

»Gott weiß, vielleicht irgendein Entschluß. Vielleicht, etwas

zurückzugeben.«

»Oder selber zu etwas zurückzukehren?«

»Möglich. Warum fragen Sie?«

»Nur so. Ich überlege, weshalb es hier geschrieben steht.«

»Jemand hatte wohl einen Einfall oder eine Eingebung — Er schrieb es

sich bloß als Leitwort auf, um nicht daran zu vergessen. Weshalb

interessiert es Sie so?«

»Weil es mit meiner Schrift geschrieben ist. Ich habe es offenbar selbst

geschrieben, aber jetzt weiß ich überhaupt nichts mehr und kann mich

nicht entsinnen, wann und warum. Andauernd überdenke ich, was das

bedeuten sollte.«

»Jetzt bedeutet es nichts mehr.«

»Jetzt nicht, aber damals. Ich fand es hier während der Krankheit. Nie

zuvor hatte ich es beachtet, bis jetzt. Und so sinne ich aus Langweile

nach —«

»Worüber?« fuhr Kvíčala nach einer Weile auf.

»Nie habe ich an die vergangenen Jahre gedacht,« sagte Matys mit

geschlossenen Augen. »Wozu auch? Alles Vergangene ist so

selbstverständlich. Der Mensch gewöhnt sich an die vergangenen Dinge.

Alle dünken ihm bekannt. — Aber jetzt weiß ich nicht, zu was ich mich

damals entschlossen habe; ich weiß nicht, zu was ich zurückwollte und

weshalb es mir so unerträglich war, und weiß nicht, wann es überhaupt

war. Niemals wird es mir klar werden … Überrascht und beunruhigt Sie

nicht manchmal etwas Vergangenes?«

»Nein,« sagte Kvíčala aufrichtig.

Der Kranke bewegte ungeduldig die Schultern und schwieg. »Ich weiß

nicht, wann und warum ich es geschrieben habe,« begann er; »aber mir

sind viele Augenblicke eingefallen, in denen mir dies Wort als Erlösung

erscheinen konnte, und ich finde ständig neue Augenblicke, wo ich es

hätte schreiben können. Oder lieber erfüllen.«

»Wie erfüllen?«

»Ich weiß nicht. Schon lange sinne ich darüber nach, wie es sich

erfüllen ließe. Zurück, ja zurück, aber zu was? Ich liege da und

erinnere mich an allerlei: zu was von alledem zurückzukehren? Ich kann

mich vieles Schönen entsinnen. Vieles tut mir leid. Manche Liebe. Hie

und da leuchtet ein alter Gedanke auf. Und viel, unzählig viel habe ich

vergessen, und daran denke ich am meisten. Es gibt furchtbar viele

vergangene Dinge. Die Vergangenheit ist schwindelerregend.«

Kvíčala seufzte; ihm ward immer schwüler. Ach, die Gasse hinter dem

Fenster! Licht, Raum! Schnelligkeit und Bewegung dort draußen!

»Die Vergangenheit ist nicht so selbstverständlich, wie ich's mir

dachte,« sagte Matys wie für sich selbst. »Sie ist unermeßlich unklar.

Zeitweilig geschahen merkwürdige und unmögliche Dinge. Mir ist als

stünde ich am Rande einer halb unbekannten Welt; etwas habe ich schon

entdeckt, aber der Rest geht unendlich weiter und breiter, als ich

geahnt. Ich hatte keine Vorstellung davon … Das ist ein barmherziger

Irrtum, daß uns die eigene Vergangenheit bekannt erscheint; wir kennen

nur etwas, aber alles übrige … Das Meiste sollten wir _erst erleben_!«

Kvíčala horchte: Draußen klingelt der Tramway, die Schritte vermehren

sich, breit schüttet sich Wagenrasseln hin; dünn und klar flog ein

Kinderschrei auf. Aber hierher kommen nur die Schatten der unstofflich

durch das Glas hindurchgegangenen Laute; sie sind alles Nahen und

Wirklichen beraubt; entfremdet den Lauten, die von außen her an das

Fenster sich pressen; mit der Stille vermengt.

»Es ist still hier,« sagte der Kranke, »und die Zeit ist lang. Ich denke

an vergangene Dinge. Sie hätten noch nicht entschwinden sollen. Und

woran ich immer nur denke, nichts hätte noch schwinden sollen. Ich müßte

es erst erleben, aufmerksam verweilend — selbst die schlimmsten

Augenblicke. So als hätte ich sie alle zwischen den Fingern entgleiten

lassen, noch unwissend wie sie sind: und überaus seltene darunter —«

»Sie sind hier zu sehr allein,« sagte Kvíčala.

»Ja. Und in vierzehn Tagen stehe ich wieder auf und erinnere mich

vielleicht nicht mehr, daß ich einmal ›zurück‹ geschrieben habe. Aber

jetzt ist es da als Aufschrift an irgendeiner Wand. Zurück! Alles

Vergangene ist nur ein Stichwort; alles ist unvollendet geblieben,

angedeutet als Anfang und Ahnung … Zurück! Vielleicht fühlt es ein

jeder einmal und möchte zurückkehren, so als wäre es nach Hause —

zurück! Es ist nicht, ach es ist nicht Rückkehr zu seinen Anfängen, —

zu den ersten Schritten; aber zurück zu den Enden, zur Aussprache und

Beendung seiner selbst, zu den letzten Schritten … Unmögliche

Rückkehr! Niemals zurück!«

Kvíčala erhob sich. »In vierzehn Tagen,« lächelte Matys.

»Entschuldigen Sie, eine Woche schon hab' ich mit niemandem geredet.

Grüßen Sie alle.« Seine Hand war heiß und trocken. Oh, hinaus! Lautere

Kühle, Gasse, Menschen, Menschen — und »vorwärts« in diesem allen!

Kreuzwege · 第 8 / 14 题