3. Im antarktischen Meere

Der zweite Abschnitt der Fahrt im antarktischen Gebiet darf als der

weitaus erfolgreichste bezeichnet werden.

Die Expedition konnte bei einem für antarktische Verhältnisse

ungewöhnlich günstigen Wetter 3 Wochen hindurch fast ungestört ihren

Arbeiten nachgehen, schließlich mit einem keineswegs für die südlichen

Eisverhältnisse berechneten Dampfer den 64. Breitegrad überschreiten

und in die Nähe des vermuteten antarktischen Kontinents gelangen.

Daß gerade dieser Teil der Fahrt trotz der günstigen Witterung an

das Geschick und die Umsicht von Kapitän und Offizieren besondere

Anforderungen stellte, liegt auf der Hand. Häufig eintretende Nebel,

heftige Schneeböen, zahlreiche Eisberge und weit nach Norden sich

ausziehende Treibeisfelder nötigten uns zu vielfachen Kursänderungen

und mehrmals zum Durchbrechen der vorliegenden Eismassen. Durch

vorsichtiges Abwägen der Verhältnisse und sorgfältige Berücksichtigung

älterer Nachrichten über die Packeisverbreitung gelang es indessen,

ohne den geringsten Unfall viel weiter südlich vorzudringen, als bei

Antritt der Fahrt vorauszusetzen war.

Sehr förderlich war der Umstand, daß die Expedition bereits im November

von Kapstadt aufbrach, also weit früher als vorhergehende Expeditionen,

und gerade zur Zeit der längsten Tage in südlichen Breiten anlangte.

Jenseits des 60. Breitengrades war es trotz des ständig bedeckten

Himmels auch um Mitternacht so hell, daß man bequem zu lesen vermochte.

Dabei war der Himmel von einem monotonen grauen Wolkenschleier

verhängt, der nur selten sich lüftete und auf einen kurzen Moment die

Sonne hervortreten ließ. Das ozeanische Klima bringt es weiterhin

mit sich, daß die Temperatur nur in geringen Grenzen schwankt. Der

antarktische Hochsommer war im Anzug, und wir genossen ihn unter

gelegentlich einsetzenden Schneeböen bei einer Temperatur, die nur

selten über 0 Grad betrug und nie unter minus 2,5 Grad sank.

Bereits am 30. November erreichten wir bei ruhiger Fahrt mittags kurz

nach 2 Uhr unter 56 Grad 45 Minuten die Treibeisgrenze. Wie immer

bei der Annäherung an das Eis, so zeigten sich auch hier zunächst

kleinste Schollen oder Brocken, die häufig mit dem Winde zu langen

Streifen sich anordneten. Auf sie folgten größere und breitere quer

zur Windrichtung gestellte Felder von Treibeis, die allmählich immer

dichter wurden und offenbar, wie gelegentlich ein heller Eisblink

verriet, in schweres Packeis übergingen. Die Treibeisfelder setzten

sich aus zum Teil stark zertrümmerten Schollen zusammen, zwischen

denen gelegentlich größere, himmelblau gefärbte Eisstücke trieben.

Ihre aus dem Wasser hervorragende Partie war oft wunderlich gestaltet

und gewährte der Phantasie den freiesten Spielraum zu Vergleichen

mit Statuen, Tieren und Gerät. Es handelte sich meist um schneeweiße

Kuppen, die auf dem tiefblauen im Wasser treibenden Sockel ruhten; ihr

unterer noch von den Wellen bespülter Teil war stärker aufgelöst als

die obere, manchmal auf einer schlanken Eissäule ruhende Partie. Die

größeren Schollen maßen hier 2, selten 3 Meter im Durchmesser, und wir

mußten sie sorgfältig zu vermeiden trachten, da das außerordentlich

spröde Eis leicht einen Schaden an der Schiffsschraube hervorgerufen

hätte. Zwischen den bald langgestreckten, bald ringförmig gestalteten

Treibeisfeldern war das Meer öfter so ruhig wie ein See. Wir nutzten

diesen Umstand mehrfach aus, um mitten in dem Eise unseren Arbeiten

nachzugehen. Allerdings hatten sich während der oft einen ganzen Tag

dauernden Untersuchungen, bei denen das Schiff still lag, die Eisfelder

hinter uns vielfach verschoben, und so waren wir genötigt, sie sowohl

gleich am ersten Tage, wo wir auf das Eis trafen, wie auch späterhin zu

durchbrechen, um wieder offenes Wasser zu gewinnen. Hierzu zwang uns

auch manchmal der Umstand, daß das Eis in Gestalt langer Zungen sich

vorschob, die senkrecht zu unserem Kurse gestellt waren. Es war stets

ein großartiger, aber auch mit mannigfachen Beklemmungen verbundener

Moment, wenn die keineswegs für die antarktischen Eisverhältnisse

berechnete und zu diesem Zweck nicht verstärkte „Valdivia“ mit

Volldampf gegen die Eisfelder anfuhr, erst direkt vor ihnen stoppte

und sich nun durch die krachenden Schollen ihren Weg bahnte. Wir waren

allerdings so vorsichtig, uns die schmalsten Stellen der Treibeisfelder

zu derartigen Experimenten herauszusuchen, die recht verhängnisvoll

hätten ausfallen können, wenn die Kraft des Schiffes durch den Andrang

der Schollen gebrochen worden wäre, und wir mitten im Eise die Maschine

hätten in Bewegung setzen müssen.

Schon in der ersten Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember waren

wir genötigt, unter mannigfachen Kursänderungen mehrmals die Felder

zu durchfahren, und schwerlich dürften bei dem unheimlichen Krachen

und Knirschen an den Wandungen des Schiffes die Insassen den Schlaf

gefunden haben.

~Die Temperaturverhältnisse des antarktischen Meeres~

In allen wärmeren Ozeanen nimmt die Temperatur des Seewassers von der

Oberfläche bis zum Grunde ständig ab. Als einer der überraschendsten

ozeanographischen Befunde der Challenger-Expedition darf füglich der

Nachweis betrachtet werden, daß im antarktischen Gebiet in der Nähe

der Eisgrenze das Oberflächenwasser kälter ist als darunterliegende

Wasserschichten. Die Beobachtungen lehren im allgemeinen, daß bis zu

einer Tiefe von 150 Metern das Oberflächenwasser Temperaturen unter

0 Grad aufweist, und daß dann erst Schichten folgen, in denen die

Temperatur über 0 Grad steigt. Zwischen 800 und 400 Metern trafen wir

die wärmsten Wasserschichten von einer Temperatur von plus 1,7 Grad

Celsius an. Von hier an nimmt die Temperatur im allgemeinen langsam ab,

um erst in relativ beträchtlichen Tiefen von 3000-4000 Metern wiederum

unter 0 Grad zu sinken. Im allgemeinen betrug die Bodentemperatur in

5000 Metern im antarktischen Ozean etwa minus 0,5 Grad.

Das Auftreten einer über 2000 Meter mächtigen Schicht verhältnismäßig

warmen Wassers im antarktischen Meere ist eine Erscheinung, deren

Bedeutung wir sowohl in ozeanographischer, wie auch in biologischer

Hinsicht nicht hoch genug würdigen können. Das antarktische

Tiefenwasser findet seinen Weg in langsamem Kreislauf bis zum Äquator

und im Indischen Ozean sogar weit über denselben hinaus. Wenn nun

auch die starke Erwärmung der Oberfläche in gemäßigten und tropischen

Meeresgebieten die tieferen Schichten etwas in Mitleidenschaft

zieht, so reicht sie doch nicht aus, um erhebliche Unterschiede in

der Temperatur zu bedingen. In 2000 Metern Tiefe ist das Wasser des

zentralen Indischen Ozeans direkt unter dem Äquator nur um 2 Grad

wärmer als in der Nähe des antarktischen Kontinentes. Das sind so

geringfügige Unterschiede, daß sie ein bemerkenswertes Ergebnis unserer

Züge mit den Vertikal- und Schließnetzen erklärlich erscheinen lassen:

dieselben schwimmenden Organismen, welche dem tropischen Tiefenwasser

eigen sind, haben wir teilweise auch in demjenigen des antarktischen

Meeres wiedergefunden. An der Oberfläche gibt sich eine weitgehende

Verschiedenheit in der Zusammensetzung der schwimmenden Lebewelt kund,

in der Tiefe eine auffällige Übereinstimmung!

Aus den Tiefen des Weltmeeres Schilderungen von der deutschen Tiefsee-Expedition · 第 4 / 18 题