4. Die Eisberge

Allgemein bekannt ist die gewaltige Eismauer, welche Roß im südlichsten

Teile des Viktorialandes nachwies. Er schätzte ihre Höhe auf 60-70

Meter und vermochte sie auf eine weite Strecke hin östlich vom

Mount Terror zu verfolgen. Sie bildet die Stirn jener ungeheuren

antarktischen Gletscher, welche sich längs der geneigten Küste weit

in das Meer vorschieben. Die Lotungen von Roß lehren, daß die oft

mehrere Seemeilen über den Kontinentalrand vorgeschobenen Massen von

Inlandeis nicht mehr festem Untergrund aufliegen, sondern infolge

ihres geringeren spezifischen Gewichtes auf dem Wasser flottieren.

Eine Berechnung ergibt, daß sie etwa zu sechs Siebentel ihrer Höhe

in das Wasser eintauchen und nur mit einem Siebentel über dasselbe

herausragen. Würden wir also die Gletscherzunge des Viktorialandes uns

direkt in der Höhe des Strandes abgebrochen denken, so müßte sie die

gewaltige Höhe von 400-500 Metern aufweisen.

Der Unterschied zwischen dem spezifischen Gewichte des Seewassers

und des Inlandeises führt dazu, daß die annähernd horizontal dem

Meere aufliegende äußerste Zunge des Gletschers -- mag sie mehr oder

minder breit sein -- einen flachen Winkel mit den rückwärtigen, dem

ansteigenden Festlande aufliegenden Massen bildet. Es ergeben sich

Spannungen, die schließlich dazu führen, daß ein Bruch erfolgt. Die

Stirn des Gletschers löst sich ab und schwimmt als tafelförmiger

Eisberg davon.

Diese Eisberge verbreiten sich allmählich von ihrem Ursprungsherd aus

über ein weites Gebiet des antarktischen und subantarktischen Meeres

und vermögen unter Umständen selbst die Schiffahrt nach Australien

zu gefährden. So machte sich in den Jahren 1894-1897 eine gewaltige

Eistrift geltend, welche am Kap Horn einsetzend bis in die Nähe des

Kaps der guten Hoffnung reichte und späterhin in mehr östlicher

Richtung die Australienfahrer in Bedrängnis brachte. Wir trafen

freilich erst jenseits des 53. Breitegrades die ersten Eisberge und

beobachteten sie um so zahlreicher, je mehr wir uns der Eiskante

näherten. Unsere wachthabenden Offiziere führten Protokoll über die

einzelnen von uns gesehenen Eisberge und verzeichneten deren im ganzen

180; ausgenommen sind freilich die fast unzählbaren Eisberge, welche

wir an unserem südlichsten Punkte, am 16. und 17. Dezember beobachteten.

Was die Gestalt der antarktischen Eisberge anbelangt, so ist allen

Beobachtern aufgefallen, daß sie in der Nähe ihres Entstehungsherdes

tafelförmige Riesen von einförmigem Aussehen darstellen. Wir haben

versucht, durch genaue Messungen ihre Höhe über Wasser zu bestimmen,

indem wir behufs Ermittelungen der Entfernung des Schiffes von dem

Eisberge die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Schalles in Gestalt

des prächtig von demselben widerhallenden Echos benutzten. Es wurden

Schüsse abgefeuert, mit der Sekundenuhr genau die Zeit zwischen Knall

und Echo kontrolliert und dann mit dem Sextanten die Höhe des Eisberges

gemessen. Eine einfache Rechnung ergab den Nachweis, daß mancher der

von uns gesehenen Eisberge die beträchtliche Höhe von nahezu 60 Metern

erreichte; die Mehrzahl war niedriger und wies eine mittlere Höhe von

30 Metern auf. Die Länge der von uns gemessenen Eisberge schwankte

selbstverständlich in noch viel weiteren Grenzen als die Höhe. Einen

der längsten, den wir maßen, trafen wir am 14. Dezember an; er war

54 Meter hoch und 575 Meter breit. Gewaltige Berge, wahre Eisinseln,

sahen wir in der Nacht vom 17. zum 18. Dezember bei Enderbyland. Als

wir uns damals aus dem Packeise herausarbeiteten, befanden wir uns in

nicht weiter Entfernung von einem Eisberge, den ich anfänglich für die

dem Festlande vorliegende Eismauer hielt, bis es sich herausstellte,

daß wir es mit einer Eisinsel zu tun hatten, deren Ausdehnung von den

Offizieren auf 4-5 Seemeilen geschätzt wurde. Solche Rieseninseln

müssen gewaltigen Gletschern entstammen, welche die Schneemassen eines

weitausgedehnten und sanft gegen die Küste abfallenden Hinterlandes dem

Meere zuführen.

Kaum entstanden, wird der tafelförmige Eisriese bereits unter den

Einwirkungen der Außenwelt umgeformt. Die gewaltigen Klötze, welche aus

Millionen von Tonnen Eis bestehen, unterliegen der schmelzenden Wirkung

des Wassers und der Luft, nicht minder auch den mechanischen Eingriffen

der Brandung. Wie lange ein antarktischer Koloß den äußeren Einflüssen

zu widerstehen vermag, läßt sich bei dem Mangel an zuverlässigen

Beobachtungen schwer entscheiden. Mag er kürzere oder längere Zeit

-- vielleicht ein Jahrzehnt -- aushalten, so ist doch schon bei der

Geburt sein Schicksal besiegelt, das ihn um so rascher erreichen wird,

je schneller er durch Strömungen, unter Umständen auch durch ständig

wehende Winde in warme Gebiete getrieben wird.

In erster Linie ist die mechanische Wirkung des Wassers hervorzuheben.

Das antarktische Meer ist stets bewegt, und selbst bei anscheinend

glatter See gelingt es kaum, mit einem Boote sich dem Eisberge

direkt zu nähern und etwa festen Fuß auf ihm zu fassen. Langsam,

wie mit regelmäßigem Pulsschlag, arbeitet die Dünung in der

Höhe der Wasserlinie an den Flanken des Berges; kräuselt ein

Wind die Oberfläche, so beginnen die Wogen an ihm zu nagen, und

herrscht schwerer Sturm, so bietet sich dem Seefahrer ein geradezu

überwältigendes Schauspiel dar. Mächtige Wogenkämme stürmen gegen den

in majestätischer Ruhe daliegenden Eiskoloß an, zerstieben bei dem

Anprall in feinen Gischt, um in Brandungswogen von fast unerhörter Höhe

längs der eisigen Mauern sich aufzubäumen und das Plateau mit weißem

Schaum zu überschütten. Ein derartiges Schauspiel bot sich uns dar, als

wir nach Verlassen von Enderby-Land bei schwerem Oststurm die letzten

Eisberge sichteten. Man glaubte dumpfen Kanonendonner zu vernehmen,

wenn die Brandungswogen anprallten und ihr Zerstörungswerk mächtig

förderten.

Zunächst äußert sich die mechanische Wirkung des Wassers durch die

Bildung einer Hohlkehle in der Höhe des Wasserspiegels. Solange

der Eisberg noch in kaltem Wasser, dessen Oberfläche unter 0 Grad

erniedrigt ist, schwimmt, kann eine Schmelzung des Inlandeises nicht

stattfinden, wohl aber wird durch die ständig von den Wogen erzeugten

Stöße die Hohlkehle mehr und mehr vertieft, so daß schließlich ein

Abbruch der über ihr gelegenen Eismassen erfolgt. Indem die der

Luvseite zugekehrte Fläche des Berges rascher zerstört wird als die

Leeseite, tritt dann durch eine leichte Verlegung des Schwerpunktes die

Hohlkehle frei zu Tage. Die schräg zu der Fläche verstreichenden und

an den Flanken aufsteigenden Wogen polieren dann oft den unteren Teil

des Eisberges fast glatt. Die Zersetzung wird nun weiterhin dadurch

begünstigt, daß kleine Längsspalten, welche oberhalb der Wasserlinie

auftreten, neue Angriffspunkte für den Wogenprall darbieten; sie

werden erweitert, bis sie schließlich tief einschneidende Grotten

bilden, die gelegentlich wie von gotischen Schwibbogen begrenzt bis

gegen das Plateau hinaufragen. Ist ein langgestreckter Eisberg Wochen

hindurch mit der einen Breitseite dem Wogenprall preisgegeben, so kann

es kommen, daß seine Leeseite eine glatte Eismauer darstellt, während

seine Luvseite durch Grotten bereits stark durchlöchert erscheint.

Einen derartigen Eisberg beobachteten wir am 4. Dezember; er machte

auf der Ostseite den Eindruck, als ob er aus drei gewaltigen Bergen

sich zusammensetzte, während die Westseite vollständig glatt erschien.

Schneiden die Grotten tief ein, und gehen von ihren Decken Spalten aus,

die bis zu dem Plateau vordringen, so klaffen die durch sie getrennten

Eisblöcke auseinander, neigen sich etwas zur Seite und suchen Anlehnung

an die benachbarten. Bei weitergehender Zerstörung brechen schließlich

die Eismassen zusammen und bilden unter Umständen Sturmböcke, deren

sich der Wogenprall bedient, um den noch stehengebliebenen Teil der

Eiswand in Mitleidenschaft zu ziehen. Auf diese Weise kann es sich

geben, daß schließlich die ganze Luvseite des Eisberges vernichtet und

zu einem weiten Amphitheater umgestaltet wird, dessen Umwallung die

auf der Leeseite noch erhaltene Eismauer abgibt. Ich werde niemals

den Eindruck vergessen, den einer der größten Eisberge auf uns

machte, welchen wir am 7. Dezember bereits aus einer Entfernung von

20 Seemeilen sichteten und späterhin umfuhren. Wir setzten damals ein

Boot aus, um ihn von diesem aus mitsamt dem Dampfer bei relativ ruhiger

See zu photographieren. Von der Westseite, die wir zuerst zu Gesicht

bekamen, schien er monoton tafelförmig gestaltet; als wir indessen auf

die Ostseite gelangten, vermochte niemand einen Ausruf der Bewunderung

über den großartigen Anblick zu unterdrücken. Sie bot sich uns als ein

gewaltiges Amphitheater dar, das in seiner eigenartigen Mischung von

Blau und Weiß wohl die riesenhafteste Arena darstellte, welche uns je

zu Gesicht gekommen war.

Es liegt auf der Hand, daß bei solchen einseitig zerstörten Bergen der

Schwerpunkt verlegt wird. Sie neigen sich ein wenig in der Richtung der

noch stehenden Eiswand, und der zerstörte Teil taucht immer höher über

Wasser auf. Derartig gestaltete Eisberge trafen wir recht häufig an.

Da wir unsere Darlegungen auf die Einwirkungen beschränken, welche

noch innerhalb der antarktischen Zone -- das heißt in jener Region,

wo die Oberflächentemperatur des Wassers unter 0 Grad sinkt -- den

Eisberg betreffen, so mag der kurze Hinweis genügen, daß in niedrigen

Breiten zu der mechanischen Wirkung des Oberflächenwassers auch die

schmelzende sich hinzugesellt. In höheren Breiten kommt diese zwar

nicht in Betracht, wohl aber erweist sich die in den Sommermonaten

erhöhte Temperatur der Luft als verhängnisvoll für den Zusammenhalt der

Eismasse.

Steigt die Temperatur über 0 Grad und sinkt sie anderseits um nur

ein Geringes unter den Nullpunkt, wie dies gerade für den größten

Teil der von uns durchfahrenen Region längs der Eiskante zutrifft, so

erfolgt ein ständiges Auftauen und Wiedergefrieren der oberflächlichen

Schichten. Das Schmelzwasser sickert in die Spalten und übt, da es

bei dem Gefrieren sich ausdehnt, eine Sprengwirkung aus, welche eine

ausgiebige Zertrümmerung zur Folge hat. Bei dem Umfahren des vorhin

erwähnten amphitheatralisch gestalteten großen Eisberges lösten

sich von den Seiten des Plateaus große Blöcke ab, die unter einem

Donner, wie wenn eine Lawine im Hochgebirge niederginge, in das Meer

herabprasselten. So findet man denn auch gewöhnlich den Eisberg

auf seiner Leeseite von zahllosen Schollen umgeben, welche sich dem

Treibeise beimischen und durch ihre kobaltblaue Färbung von dem mehr

blaugrün gefärbten Meereise abheben. Durch ihre Härte sind sie der

Schiffahrt besonders gefährlich und seit jeher von den Südpolarfahrern

gemieden worden. Daß ein ständiges Auftauen und Wiedergefrieren während

der Sommermonate in höheren Breiten erfolgt, lehren auch die gewaltigen

Eiszapfen, welche wir oft von den Rändern des Plateaus niederhängen

sahen.

Eine ähnliche Wirkung wie die erwärmte Luft übt die Sonnenstrahlung

aus. Sie dürfte sich freilich in jenen Regionen, die wir durchfuhren,

wegen des fast ständig bedeckten Himmels weniger geltend machen als in

südlicheren Breiten, wo der Himmel häufiger aufklart. Roß bemerkte an

den Vorsprüngen der großen Eismauer des Viktorialandes lange Eiszapfen,

deren Auftreten bei der dort herrschenden niedrigen Sommertemperatur

wohl wesentlich auf Rechnung der Sonnenstrahlen zu setzen ist.

Im Hinblick auf die gewaltigen Massen, um die es sich bei einem

antarktischen Eisberg handelt, kann es nicht überraschen, wenn die

durch Auftauen entstandenen Süßwasser sich in zahlreichen Rinnsalen

sammeln und schließlich kleine Bäche bilden, die in Kaskaden von dem

Rande des Plateaus in das Meer abfallen. An dem bereits erwähnten

Eisberge vom 7. Dezember sahen wir mehrere Wasserläufe über den

niedrigen Teil des Plateaus sich in die See ergießen, obwohl zu der

Zeit, als wir anfuhren, die Lufttemperatur minus 1 Grad betrug. Da

wir immerhin am nächsten Tage um die Mittagszeit eine Temperatur von

plus 0,4 Grad beobachteten, so begreift man, wenn bei diesem ständigen

Schwanken um den Nullpunkt ein stetig fließender Quell dem Eisberge

entströmt.

Es braucht nicht noch besonders darauf hingewiesen zu werden, welche

Gefahren für die Schiffahrt die Eisberge darbieten. Sich ihnen direkt

zu nähern, ist unter keinen Umständen ratsam, da oft schon ein Schuß

genügt, um die in labiler Gleichgewichtslage befindlichen, durch die

Sprengwirkung der frierenden Schmelzwasser gelockerten Blöcke zum

Herabstürzen zu bringen. Da weiterhin in diesen Gebieten mit einer

oft unheimlichen Schnelligkeit ein Nebelschleier sich einstellt, der

jeden Ausblick benimmt, so waren wir häufig genötigt, die Maschine zu

stoppen, wenn vorher Eisberge gesichtet wurden. Erschien der Horizont

frei und kam Nebel auf, so fuhren wir immerhin mit halber Kraft und

suchten durch ständiges Ziehen an der Dampfpfeife das Echo von etwa

vorliegenden Bergen zu wecken. Durch einen Umstand wird allerdings

auch bei dickem Wetter die Annäherung an den Eisberg verraten. In

unmittelbarer Nähe desselben erfolgt nämlich, wie wir mehrfach zu

erproben Gelegenheit fanden, ein Aufklaren, welches offenbar dadurch

bedingt wird, daß die von dem Eise ausstrahlende Kälte ein Gefrieren

und Niederfallen der Wasserteilchen in der umgebenden Luft zur Folge

hat.

Alle die hier genannten Einwirkungen von Wasser und Luft betreffen

nur die oberflächliche Partie des Eisberges. Weit wirkungsvoller

dürfte sich indessen auf Grund unserer Untersuchungen die Zerstörung

erweisen, welche dadurch bedingt wird, daß der Eisberg mit seinem Fuße

in Schichten eintaucht, welche unter Umständen um 3 Grad wärmer sind

als das Oberflächenwasser. Es ist schon früher darauf hingewiesen

worden, daß in 300-400 Metern Tiefe, also in jener Tiefe, bis zu

welcher der größte Teil der Eisberge hineinragt, eine Temperatur von

plus 1,7 Grad herrscht. Daß hier ein ständiges, intensives Abschmelzen

des Eises erfolgen muß, liegt auf der Hand. Diese spezifisch leichten,

aber kalten Schmelzwasser steigen zur Oberfläche und breiten sich

über das ganze antarktische Gebiet in allerdings dünner Schicht aus.

Hier macht sich eine Einwirkung geltend, die still, aber nachhaltig,

sicherlich alles überbietet, was Wogenprall und warme Luft an dem über

die Oberfläche herausragenden Teile des Eisberges zuwege bringen. Ein

beträchtlicher Wärmevorrat wird dem Tiefenwasser entzogen und durch das

Schmelzen des Eises gebunden.

Gerät nun gar der durch das Auftauen von unten ständig leichter

werdende Berg in wärmere Regionen, wo der Schmelzprozeß auch im

Oberflächenwasser sich geltend macht, so kann es sich wohl geben,

daß der Schwerpunkt völlig verlegt wird und ein Umwälzen erfolgt.

Ein solches haben wir freilich niemals im kalten Gebiete zu Gesicht

bekommen.

Im allgemeinen ist wohl der Schluß gerechtfertigt, daß stark zersetzte

Eisberge in weitem Abstand von ihrer Ursprungsstätte angetroffen

werden und demgemäß auch auf eine große Entfernung des antarktischen

Kontinents hinweisen. Die ersten Eisberge, welche wir jenseits des 53.

Grades gewahrten, deuteten denn auch darauf hin, daß sie offenbar eine

lange Reise zurückgelegt hatten.

Die bisherige Darstellung vermag nun freilich keinen Begriff von der

überwältigenden Pracht zu geben, welche diese antarktischen Kolosse

darbieten. Kein Maler ist imstande, diese wundervollen Schattierungen

des Blau wiederzugeben, wie sie in der Nähe eines Eisberges zum

Ausdruck gelangen. Ein feiner Duft scheint über dem Ganzen zu liegen,

hier und da treten blendende, schneeweiße Flächen hervor, während

die Spalten, Grotten und Amphitheater in allen Abstufungen bis zum

tiefsten Kobaltblau schimmern. Das den Eisberg bespülende Wasser nimmt

die Färbung von Kupfervitriol an und hebt sich scharf ab von dem bei

bedecktem Himmel grau erscheinenden Meere. Dabei geben die wunderlichen

Formen der stark zersetzten Eisberge der Phantasie ständigen Spielraum;

man sucht ihre Gestalt aus der Wirkung der zerstörenden Kräfte zu

erklären, und wird nicht müde, diese Festungen mit ihren Zinnen,

diese Dome und steil anstrebenden Türme, diese Amphitheater und

wildzerklüfteten Eisgebirge vor dem staunenden Auge vorüberziehen

zu lassen. Sie werden belebt von Pinguinkolonien, die sie als

Standquartier bei ihren Reisen durch das antarktische Gebiet ausnutzen,

und umflogen von Sturmvögeln und Albatrossen, welche in der Brandung

des Eisberges ein günstiges Jagdgebiet finden.

Wer mich fragen würde, welcher Teil des freien Ozeans den

nachhaltigsten Eindruck hinterlassen hat, dem würde ich stets ohne

Säumen das antarktische Meer nennen.

Es ist freilich ein Gebiet, dem Sonnenglanz und warme Töne versagt

sind. Grau ist der Himmel verhängt und grau wird er von der

Wasserfläche widergespiegelt. In langgezogener Dünung scheint das

Meer wie mit ruhigen Atemzügen einem tiefen Schlafe verfallen. Seine

Decke bildet ein Nebelschleier, Totenstille herrscht ringsum und mit

halber Kraft verfolgt das Schiff zögernd seinen Kurs durch unbekannte

Regionen. Auch auf der Brücke ist es still geworden; mit gespannter

Aufmerksamkeit suchen Auge und Ohr einen Moment zu erhaschen, der

Aufschluß über die Fährlichkeiten des antarktischen Niflheim gibt. In

singendem Rythmus hallt, seltsam durch den Nebel gedämpft, der Ruf der

Wache wider, und mit greller Dissonanz heult die Dampfpfeife in die

Nacht, ohne ein Echo zu finden. Doch die Ruhe trügt. Eine leichte Brise

setzt ein, um in überraschend kurzer Zeit zu schwerem Sturm anzufachen,

der zwar den Nebel verscheucht, aber dichtes Schneegestöber mit sich

bringt und wagerecht den feinen Firn in die schmerzenden Augen jagt.

Der Seegang wird kräftiger, und bald stürmen Wogenkämme von einer

Länge und Höhe an, wie sie in keinem andern Meere je beobachtet wurden.

Die Spannkräfte haben sich in lebendige Kraft umgesetzt; ein wildes

Treiben, ein froh pulsierendes Leben herrscht ringsum. Schwärme von

Sturmvögeln und gewaltige Albatrosse umkreisen das Schiff, bald hoch

über den Masten schwebend, bald in die Wellentäler niedersausend.

Treibeisfelder unterbrechen die Einförmigkeit der Oberfläche,

und endlich übermitteln die Wunder des antarktischen Südens, die

krystallenen Paläste aus Eis, unnahbar und in majestätischer Ruhe der

tosenden Brandung ihre weiß und blau schillernden Flanken darbietend,

die Grüße eines von Gletschern umpanzerten und von dem Schleier des

Geheimnisvollen umwobenen Kontinentes.

Aus den Tiefen des Weltmeeres Schilderungen von der deutschen Tiefsee-Expedition · 第 5 / 18 题