Es war ein prächtiger Sonntagsmorgen, an dem die „Valdivia“ aus den
großartigen Hafenanlagen von Kapstadt ausfuhr. Es fiel uns schwer, der
gastlichen Kapstadt Valet zu sagen, nachdem wir die sieben Tage, welche
wir dort verbrachten, in angestrengter Tätigkeit ausgenutzt hatten, um
unsere Ausrüstung zu vervollständigen und nebenbei auch das überreich
mit Naturschönheiten gesegnete Kapland kennen zu lernen.
Als wir das Kap zur linken Seite liegen ließen und mit SSW.-Kurs
dem endlosen südlichen Meere zustrebten, mag man wohl auf einem von
Osten kommenden Australienfahrer sich seine eigenen Gedanken über
den sonderbaren Kurs eines Dampfers gemacht haben, der mit weißem
Tropenanstrich eine seit mehr als fünfzig Jahren von keinem Schiff
gewählte Route einschlug.
Es galt der Untersuchung des antarktischen Meeres. Südlich vom Kaplande
dehnt sich ein weites Meer aus, das in ozeanographischer Hinsicht
unerforscht war. Gleich hinter der Agulhas-Bank (südlich vom Kaplande
in 70-200 Meter Tiefe) brechen alle Lotungen ab.
Verfolgt man auf den britischen Seekarten die weite unbeschriebene
Fläche südlich vom Kaplande, so stößt man nur auf eine Angabe, die
freilich auch wieder als unsicher bezeichnet wird. Unter dem 54.
Breitengrad finden sich nämlich drei Inseln verzeichnet, welche als die
„Bouvet-Gruppe“ zusammengefaßt werden.
Diese wurden 1739 von Bouvet entdeckt, der sie für das Vorgebirge eines
Südkontinents hielt; aber weder Cook (1775), noch James Roß (1843),
noch Moore (1845) vermochten trotz aller hierauf verwendeten Mühe die
„Bouvet-Insel“ wieder aufzufinden. Immerhin hatten im Anfang dieses
Jahrhunderts zwei Kapitäne von Walfischfängern, welche im Dienst der
Londoner Firma Enderby standen -- nämlich Lindsay (1808) und Norris
(1825) -- bestätigt, daß in der von Bouvet bezeichneten Region eine
bzw. zwei Inseln liegen, deren Position sie freilich abweichend
bestimmten.
Da die „Valdivia“ sich als ein vorzügliches Expeditionsschiff bewährt
hatte, reifte im Vertrauen auf die umsichtige Schiffsführung von
Kapitän Krech der Entschluß, die Bouvet-Region aufzusuchen und einen
erneuten Versuch zur Wiederauffindung der von drei Expeditionen
vergeblich gesuchten Inselgruppe zu wagen.
Die günstige Witterung hielt nach der Abfahrt von Kapstadt auch
während der nächsten Tage an, und so vermochten wir alle Arbeiten in
wünschenswerter Weise zu fördern. Mit Rücksicht darauf, daß wir von
jetzt an in Regionen vordrangen, deren Bodenrelief unbekannt war,
wurde täglich vor Beginn der übrigen Arbeiten eine Lotung ausgeführt.
Schon die erste, am 14. November vorgenommene, überzeugte uns von der
Tatsache, daß die Agulhas-Bank in ein außerordentlich tiefes Meer von
über 4000 Metern abfällt.
Nachdem bereits unter dem 37. Breitengrade eine hohe, westliche
Dünung uns belehrt hatte, daß wir in die Region der ständig wehenden
„braven Westwinde“ eingetreten waren, auf deren Bedeutung für die
Segelschiffahrt nach Australien zuerst James Roß hingewiesen hatte,
begann am 16. November der Westwind stürmisch einzusetzen. Wir
begegneten an diesem Tage einem englischen Schiffe, dem Dampfer
„Titania“, der auf der Fahrt nach Süd-Australien begriffen war. Es war
für lange Zeit das letzte Schiff, welches wir sichteten; wir verfehlten
denn auch nicht, unsere Route mit der Bitte um Meldung zu signalisieren.
Am 16. November mittags 12 Uhr betrug die Oberflächentemperatur noch
17,4 Grad, während sie am 18. November um dieselbe Zeit bereits auf
7,8 Grad gesunken war. Seitdem nahm die Temperatur so rasch und stetig
ab, daß nach Überschreiten des 53. Breitengrades am 24. November
bereits Oberflächentemperaturen von minus 1 Grad gemessen wurden.
Mit dem Eintritt in die kühlere Region hob sich sichtlich der
Gesundheitszustand und das Wohlbefinden der Mitglieder der Expedition,
die seit unserm Besuch in Kamerun durch vielfach wiederholte
Malariaanfälle heimgesucht wurden. Allerdings machte sich an den
nächsten Tagen die rasche Abkühlung der Luft, welche ungefähr gleichen
Schritt mit der Temperaturabnahme des Oberflächenwassers hielt, so
empfindlich geltend, daß fast niemand von Katarrhen verschont blieb,
die indessen schnell vorübergingen. Auch sorgte die am 19. November zum
erstenmal angelassene Dampfheizung dafür, daß wir im Salon und in den
Kabinen uns behaglich fühlten.
Das gute Wetter sollte freilich nicht lange anhalten. Am 20. November
begann das hochstehende Barometer von 760 Millimetern auf 738 zu
fallen, und gleichzeitig fachte der von Nordost nach West zu Süd
umgehende Wind zum schweren Sturm an. Da die Windstärke nach der
Beaufortskala 10 betrug, so donnerten die Wogen gegen die Wandung
des Schiffes, überspülten das Verdeck und nötigten uns schließlich,
beizudrehen, um gegen den gewaltigen Seegang anzudampfen.
Das rasche Fallen des Barometers setzte uns an späteren Tagen nicht
mehr in Überraschung, aber als wir es zum erstenmal erlebten, machte
die tief nach abwärts steigende Kurve des Registrierbarometers einen
fast unheimlichen Eindruck. Dabei verdunkelte sich zeitweilig der
Himmel stark und kontrastierte fast schwarz mit dem weißen Gischt
der gewaltigen Wogenkämme, die meist zu drei hintereinander ankamen
und über das Verdeck fegten. In diesem Aufruhr bemerkten wir einen
antarktischen Pinguin, der mit heiserem Schrei durch kräftige Schläge
mit den zu Flossen umgebildeten Flügeln sich wie ein Delphin in kurzen
Sprüngen über Wasser erhob und längere Zeit dem Schiffe folgte. So
recht in ihrem Elemente fühlten sich die Sturmvögel, unter denen zum
erstenmal die aschgrauen Albatrosse mit schwärzlichem Kopfe und weißen
Augenlidrändern gespenstig wie Vampyre ihre erstaunlichen Flugkünste in
ruhigen eleganten Kurven um das schwer arbeitende Schiff ausführten.
Am Morgen des 21. November bot das Meer bei gelegentlich
durchbrechender Sonne einen großartigen Anblick dar: die mächtige
nördliche Dünung wurde von einem von Westen kommenden Wogengange
durchkreuzt und bedingte eine wild aufgeregte, prachtvoll blau und
weißschäumende See.
Da wir in westlicher Richtung gegen den Wind andampften, wurde in
regelmäßigen Intervallen das Schiff durch die von Norden kommende
Dünung gepackt und zur Seite geworfen. Dies hatte ein fast unerhörtes
Schlingern zur Folge, bei dem in den Laboratorien die Gläser aus
ihren Gestellen herausfuhren, die Treppen mit Präparierflüssigkeiten
übergossen wurden, und gar mancher dem angeschraubten Drehstuhl Valet
sagte, um in unfreiwilliger Reise mit dem anderen Ende des Salons
Bekanntschaft zu machen. An einen Schlaf war nicht zu denken gewesen,
und bei dem Frühstück hatte es auch seine Schwierigkeiten. Obwohl schon
längst die verdächtigen quadratischen Fächer auf dem Tische befestigt
waren, so flogen doch Teller, Messer, Löffel -- nicht minder auch die
Stewards -- umher, und niemand war zu beneiden, der etwa gleichzeitig
ein weiches Ei und eine Tasse voll Tee zu bewachen hatte. Ebenso
rasch, wie das Barometer gefallen war, begann es am 21. November
wieder zu steigen und die für diese Breiten ungewöhnliche Höhe von 770
Millimetern zu erreichen. Gleichzeitig drehte der allmählich abflauende
westliche und südwestliche Wind unter Regenschauern und Hagelböen
wieder nach Nord zurück. Es traten einige ruhigere Tage ein, an denen
wir freilich durch die von nun an häufiger sich einstellenden Nebel
an einem raschen Vorwärtskommen gehindert wurden. Wir waren öfters
genötigt, zu stoppen; ging es trotzdem bei Nebel mit halber Kraft
vorwärts, so ertönte in regelmäßigen Intervallen die Dampfpfeife, um
das Echo von einem etwa vorliegenden Eisberge zu wecken.
So trafen wir denn am 24. November in der Höhe des 54. Breitengrades
auf jene Region, in welcher die englischen Admiralitätskarten drei
Inseln verzeichnen und sie als Bouvet-Gruppe zusammenfassen. Ein
schneidender, bald stürmisch anfachender Nord hatte das Verdeck mit
Glatteis überzogen, und mehrmals sich einstellende Nebel erschwerten
den Ausblick. Da indessen gelegentlich die Sonne durchbrach, wurde die
Hoffnung nicht aufgegeben, über das Schicksal der Inseln Aufschluß zu
erhalten. Während in den letzten Tagen sehr ansehnliche Tiefen zwischen
4000 und 5000 Metern (zweimal sogar Tiefen von über 5000 Metern)
gelotet worden waren, ergab eine am 23. November vorgenommene Lotung
3585 Meter, und die am 24. ausgeführte nur 2268 Meter. Hierdurch war
ein unterseeischer Rücken nachgewiesen, der vielleicht den Inseln als
Sockel dienen konnte, und es handelte sich nun darum, systematisch
die ganze Region abzusuchen. Der Navigationsoffizier hatte zu diesem
Zwecke die von Bouvet, Lindsay und Norris angegebenen Positionen
ihrer Landsichtungen in eine Karte eingetragen, und man begann nun,
von Ost nach West vorgehend, die Verhältnisse zu prüfen. Am 24. wurde
ein Erfolg nicht erzielt, obwohl der Himmel zweimal aufklärte und auf
kurze Zeit ganz wolkenlos war. Immerhin blieb die Luft eigentümlich
diesig, während das Wasser durch mikroskopische Algen, welche geradezu
einen Brei an der Oberfläche bildeten, grünlich verfärbt wurde. Wenn
dann gleichzeitig der Himmel mit einem monotonen grauen Wolkenschleier
verhängt war, so zeigte die Meeresoberfläche jenen schwärzlichen
Ton, dessen so oft in der Reisebeschreibung des „Challenger“ gedacht
wird. Gegen Abend brach die Sonne wieder durch und ging hinter
einer imposanten Wolkenwand unter, in die man anfänglich hohe Inseln
hineindeutete, bis erst allmählich die Täuschung erkannt wurde.
Am Morgen des 25. November loteten wir mitten zwischen den angeblichen
Landsichtungen von Bouvet, Lindsay und Norris eine Tiefe von 3458
Metern. Damit schwand nun freilich die Hoffnung, daß wir in diesen
Gegenden eine Insel nachzuweisen vermöchten, doch deutete immerhin das
reiche Vogelleben -- nicht zum mindesten die Erbeutung zweier Kaptauben
mit Brutfleck -- auf die Nähe von Land hin. Gelegentlich aufkommende
Schneeböen wechselten mit einem Aufklaren des Himmels ab, und so wurde
die Suche nach den Inseln in westlicher Richtung fortgesetzt. Denn
wenn auch anzunehmen war, daß die alten Seefahrer die Breite ziemlich
richtig angegeben hatten, so war ein Irrtum in der Längenbestimmung im
Hinblick auf die damals noch unvollkommenen Mittel nicht ausgeschlossen.
Gegen Mittag des 25. November kam der erste große Eisberg in Sicht.
Er machte, als er in vollem Sonnenschein vor uns glänzte, einen
majestätischen Eindruck. Dies nicht zum mindesten durch die stolze
Ruhe, mit welcher der Koloß wie verankert dalag, während die Brandung
oft bis zum Gipfel emporstieg und ihn mit Gischt überschüttete
(Abbildung 6). Hatte man bisher den Schaum der Wogen als den Inbegriff
des blendend Weißen betrachtet, so war man überrascht, daß dieser
sich von den wie frisch überschneit erscheinenden Flächen eines von
der Sonne beschienenen Eisberges graugelblich abhob. Dabei schien ein
feiner bläulicher Duft über dem Ganzen zu liegen, der in den Spalten
und Grotten in ein tiefes Kobaltblau überging.
Am Nachmittag wurde es wieder etwas bewölkt und unsichtig. Nach den
stürmischen Tagen und schlaflosen Nächten gab der Kapitän seinem
Unmut über die unsicheren Bestimmungen der alten Seefahrer in kräftig
seemännischer Weise Ausdruck. Wir waren beide der Ansicht, daß nur noch
bis Sonnenuntergang die Suche nach den wie verzaubert erscheinenden
Inseln mit westlichem Kurs fortgesetzt werden sollte, als 30 Minuten
nach 3 Uhr unser erster Offizier mit dem Ausruf: „Die Bouvets liegen
vor uns“ das ganze Schiff in Aufregung brachte. Alles stürmte nach vorn
und auf die Brücke, und da lag denn in verschwommenen, bald deutlicher
hervortretenden Umrissen, nur 7 Seemeilen rechts voraus, in seiner
ganzen antarktischen Pracht und Wildheit ein steiles Eiland. Schroffe
und hohe Abstürze gegen Norden, mächtige, bis zum Meeresspiegel
abfallende Gletscher, ein gewaltiges Firnfeld, welches sanft geneigt im
Süden mit einer Eismauer im Meer endet, die Kämme der Höhen in Wolken
versteckt -- das war der Eindruck, den wir von der seit 75 Jahren
verschollenen und von drei Expeditionen vergeblich gesuchten Insel
empfingen.
An einen Landungsversuch an der steilen, von senkrechten Eismauern
umgebenen Küste war indessen wegen der noch immer hochgehenden See
nicht zu denken.
Wer die Eigenart des antarktischen Gebietes und die Verschiebungen
aller klimatischen Bedingungen würdigen will, tut gut, die Verhältnisse
der nördlichen Halbkugel zum Vergleiche heranzuziehen. Auf gleicher
Breite wie die Bouvet-Insel liegen nördlich vom Äquator Helgoland
und die Insel Rügen. Man stelle sich nun vor, daß Rügen mit ewigem
Schnee bedeckt sei, Gletscher bis zum Meere entsende und auch im
Hochsommer gelegentlich von schwerem Packeis umgeben werde. Die
Oberflächentemperatur der Nord- und Ostsee sei -- dies stets im Sommer
-- unter den Nullpunkt gesunken und Eisberge machen die Schiffahrt
in der Nähe der englischen Küste zu einer schwierigen. Ein Fahrzeug,
das bis zu den Lofoten durch Packeis vordringt, würde in den Annalen
verzeichnet werden, und wer gar Spitzbergen erreichte, das heutzutage
von Vergnügungsreisenden auf Salondampfern besucht wird, würde als
kühner Entdecker gepriesen werden, der weiter vordrang, als es einem
James Clark Roß vergönnt war!