1. Die deutsche Tiefseeexpedition

Die Tiefen des Weltmeeres haben von jeher die Gedanken der Menschen

mächtig erregt. Bald dachte man sie sich unergründlich und völlig

ohne Leben, bald hielt man sie für das Abbild des mit steilen

Gebirgen durchzogenen Festlandes und belebte sie mit seltsamen

Phantasiegestalten. Eine wirkliche Durchforschung der Tiefsee hat

erst im 19. Jahrhundert begonnen. Gelegentlich holte man wohl bei

den Lotungen aus großen Tiefen lebende Tiere herauf. Besonders wurde

man bei der Legung der Kabel auf die Tierwelt der Tiefsee aufmerksam

gemacht. Das erste transatlantische Kabel, das 1858 gelegt wurde,

riß; dasselbe Schicksal widerfuhr auch dem Mittelmeerkabel. Beide

wurden wieder aufgefischt: auf beiden hatten sich Tiere angesiedelt.

Mehr und mehr entdeckte man, wie üppig, farbenprächtig und wundervoll

diese in den Tiefen verborgen lebende Tierwelt war. Die erste große

und planmäßige Erforschung der Tiefsee erfolgte durch die englische

Challengerexpedition in den Jahren 1872-1876. Was sie leistete,

stellt sich den Ergebnissen der glänzendsten Forschungsreisen würdig

zur Seite; in 38 dicken Quartbänden sind ihre Funde in Wort und Bild

genau beschrieben worden. Seit dieser Zeit ist die Tiefseeforschung

ein großes Studiengebiet geworden, auf dem sich viele Gelehrte aus

den verschiedensten Ländern eifrig betätigen. Zwei Drittel der

Erdoberfläche, nämlich die vom Wasser bedeckten, sind uns dadurch neu

erschlossen, ja geradezu neu entdeckt worden. Wir wissen heute, daß

das Leben auch in den tiefsten Tiefen nicht aufhört, daß ein Druck von

mehreren Hunderten von Atmosphären, eine Temperatur, die sich um den

Nullpunkt bewegt, und ewige Finsternis die Ausbreitung der Tierwelt

nicht hindern können; aus einer Tiefe von 7636 Metern hat man einen

lebenden Kieselschwamm heraufgeholt. Wahrlich, alle Naturforscher

haben ein Interesse daran, zu erfahren, wie sich das Leben diesen

eigentümlichen Umständen anpassen kann.

Am 31. Juli 1898 erfolgte die Ausfahrt der zu einer deutschen

Tiefseeexpedition ausersehenen „Valdivia“ aus dem Hamburger Hafen. Es

war ein festliches Ereignis. Von allen Seiten, besonders aber durch

die Regierung, war die Ausrüstung der Expedition mit Rat und Tat und

mit den nötigen Geldbewilligungen unterstützt worden. Der große,

schöne Dampfer hatte für die Zwecke dieser Fahrt mannigfache besondere

Einrichtungen bekommen, einen Mikroskopierraum, ein chemisches, ein

bakteriologisches Laboratorium, eine photographische Dunkelkammer,

des weiteren einen großen Konservierraum, in dem die Reservekabel,

die Netze, zahllose Kisten und Kasten mit Fischereigegenständen und

in den Schränken das gesamte kostbare Material an konservierten

Tieren aufgestapelt wurde. Die Anlage einer Eismaschine war besonders

vorteilhaft. Die Tiefseetiere leben in sehr kaltem Wasser und geraten

bei dem Aufkommen der Netze in den Tropen in oft 25 Grad wärmere

Schichten. Hier zersetzen sie sich außerordentlich rasch, falls nicht

mit Eis abgekühltes Seewasser zu ihrer Aufnahme bereitsteht. So

konnten die Tiere, die bisweilen noch lebend heraufgebracht wurden,

gelegentlich stundenlang am Leben erhalten und während der Zeit

photographiert und in ihrer natürlichen Färbung abgemalt werden. Da die

„Valdivia“ außer dem notwendigsten Trinkwasser und einem Wasserballast

zum Gebrauch für die Maschine keinen Doppelboden für Süßwasser besaß,

so leistete ein großer Destillationsapparat für die wissenschaftlichen

Arbeiten vortreffliche Dienste. Ein sehr wichtiger Gegenstand war

auch die große Kabeltrommel, die 10000 Meter Stahlkabel für die

Dredscharbeiten auf dem Meeresgrunde aufnehmen mußte. Das Kabel war

aus zweien zusammengespleißt, die 10 und 12 Millimeter im Durchschnitt

hatten und 5000 und 8000 Kilogramm Druckfestigkeit besaßen. Das

wichtigste Werkzeug war ohne Frage die große Dredsche oder das Trawl,

das große Scharrnetz. Es schleift auf zwei eisernen, schlittenförmig

gebogenen Stangen und besitzt eine Länge von 10 Metern. Um es auf den

Grund zu bringen, muß es durch zwei eiserne Oliven von je 25 Kilogramm

beschwert werden. Die Vertikalnetze besitzen einen weiten Durchmesser

und sind bestimmt, in große Tiefen hinabgelassen und dann langsam in

senkrechter Richtung wieder gehievt zu werden. Sie fischen neben den

größeren Tieren auch eine Fülle jener kleinen und kleinsten Lebewesen,

die man Plankton nennt. Es sind freilich recht kostbare Netze aus

Seidengaze, die durch einen derben Überzug geschützt wird. Die

Schließnetze endlich sind so eingerichtet, daß sie geschlossen in die

Tiefe versenkt und durch einen kunstvollen Mechanismus und mit Hilfe

eines Propellers während einer bestimmten Aufwärtsbewegung geöffnet und

alsdann wieder geschlossen werden können.

Das Tagewerk begann regelmäßig mit einer Tiefseelotung, meist um

5½ Uhr morgens. Die Maschinenwache wurde benachrichtigt, daß

gestoppt werden sollte, worauf das Schiff vor Wind und Strom so

hingelegt wurde, daß auf jener Seite, wo gearbeitet werden sollte,

Luv war. Es kam wohl vor, daß eine obere Strömung mit einer tieferen

Strömung in der Richtung auseinanderging. In solchen Fällen stand

der Draht zuerst senkrecht, bis er plötzlich in Tiefen von 200-400

Metern unter dem Schiffe verschwand. Da dann Gefahr bestand, daß die

am Draht angebundenen kostbaren Instrumente durch die Reibung an den

Bordwänden verloren gingen, bedurfte es des ganzen seemännischen

Geschicks des Kapitäns, um durch geeignetes Manöverieren des Schiffes

den Draht wieder freizubekommen. Der wichtigste Teil der Lotmaschine

(Abbildung 1) ist die Trommel, auf welche der Lotdraht in einer Länge

von 8000 Metern aufgewickelt worden war. Ein Zählwerk registriert

die Umdrehungen des Meßrades. Die Tiefseelote (Abbildung 2) sind so

konstruiert, daß um die Lotröhre ein eisernes Sinkgewicht angebracht

wird, welches den Draht zum Meeresgrunde hinabziehen soll, um dann

unten liegen zu bleiben und die Drahtleitung für das Einwinden zu

entlasten. Wenn das Lot den Grund berührt, fallen die zwei kleinen

Arme, wie die Pfeile andeuten, infolge ihrer Schwere abwärts, und die

Drähte gleiten ab, so daß das Sinkgewicht selbst abfällt. Für größere

Tiefen wurden Sinkgewichte von 28 Kilogramm, für geringere solche von

15 Kilogramm benutzt; von den ersteren besaß die Expedition 230, von

den letzteren 130. Läßt man das Lot zu rasch auslaufen, so muß man

gewärtig sein, daß die Grundberührung nicht erkannt wird, während

gleichzeitig der im Überschuß auslaufende Draht sich aufknäult und

Knicke bekommt. Das feine Loten großer Tiefen ist eine Kunst, die durch

Erfahrung gelernt sein will. Eine Tiefenlotung von etwa 5000 Metern

beansprucht ungefähr 11½ Stunden Zeit, ungerechnet 5-7 Minuten, die

man vor Beginn des Aufwindens abwartet, damit das Tiefenthermometer am

Meeresgrunde sich richtig auf die Bodentemperatur einstellt.

Da in den tropischen und gemäßigten Regionen die Temperatur allmählich

gegen den Meeresgrund abnimmt, so kann man hier Maximum- und

Minimumthermometer verwenden, die gegen den gewaltigen Druck (auf

10 Meter eine Atmosphäre) durch eine besondere Glashülle geschützt

werden. In den Eismeeren dagegen, die an der Oberfläche kälter sind

als in tieferen Schichten, müssen Kippthermometer verwendet werden

(Abbildung 3 und 4). Dasselbe kippt um, sobald die Spindel (_d_)

des Propellers (_e_) sich aus der Thermometerhülse herausgedreht

hat; dann reißt bei _a_ der Quecksilberfaden ab, der wegen seiner

geringen Masse so gut wie unverändert nach oben kommt. Die Drehung des

Propellers erfolgt natürlich durch den Aufzug im Wasser.

Wenn ein Dredschzug in 5000 Metern Tiefe vorgenommen wird, so muß

der Dampfer still liegen und soviel Drahtseil ausgegeben werden,

als die Lotung anzeigt. Ist das Netz über dem Grunde angelangt, so

wird langsame Fahrt gemacht und noch ein Drittel Seillänge mehr

ausgegeben. Darauf gehen mehrere Stunden hin. Der ganze Zug beansprucht

einschließlich der Lotung 13 Stunden. Ein Dredschzug in großen

Tiefen stellt an alle Beteiligten, nicht zum mindesten auch an das

seemännische Geschick des Kapitäns hohe Anforderungen. Wegen der hohen

Spannung, welcher das Kabel ausgesetzt wird, ist große Aufmerksamkeit

der Bedienungsmannschaften erforderlich, da sonst Unfälle nicht

ausgeschlossen sind.

Da die Expedition in der Handhabung mancher Geräte noch unerfahren war,

so wurden nicht sofort die großen Tiefen des Ozeans aufgesucht, sondern

eine Probefahrt nach den Faröer unternommen. Erst dann wurde der Kurs

nach dem Süden, dem in Aussicht genommenen Forschungsgebiete gerichtet.

Nach Landungen auf Teneriffa, in Kamerun und dem Kaplande, die

herrliche Unterbrechungen der gleichmäßigen Tage der Seefahrt boten,

wendete sich die Expedition einem ihrer wichtigsten Gebiete zu, dem

südatlantischen Ozean in seinen Übergängen in das antarktische Meer.

Diesen Abschnitt der Reise geben die hier folgenden Kapitel wörtlich

wieder. Sie sind mit gütiger Erlaubnis des Verlegers und Verfassers dem

großen Werke „Aus den Tiefen des Weltmeers“ (Verlag von Gustav Fischer

in Jena) des Leiters der Expedition Carl Chun entnommen.

Aus den Tiefen des Weltmeeres Schilderungen von der deutschen Tiefsee-Expedition · 第 2 / 18 题