Eine schöne Sache oder ein Kunstwerk hat zunächst immer in einem

gewissen Sinne die Eigenschaft eines Abbildes oder einer Nachahmung

irgend einer an und für sich gegebenen Beschaffenheit oder Seite der

natürlichen Wirklichkeit an sich. Die Nachahmung der Natur ist eines

der ersten und wichtigsten Motive, aus welchem von Anfang an alles

künstlerische Schaffen des Menschen entspringt. Insofern ist es kein

durchaus richtiger oder wenigstens kein ausreichender Gedanke, der in

die freie und ungebundene Schöpfungskraft der menschlichen Phantasie

allein das ganze Prinzip der Entstehung des künstlerisch Schönen

verlegen will. Alles durch den Menschen Erschaffene schliesst sich

mehr oder weniger irgendwie an das in der natürlichen Wirklichkeit

oder Objectivität Gegebene an. Der Begriff des Schaffens im vollen und

eigentlichen Sinne des Wortes kann auf die ganze Lebensthätigkeit des

Menschen überhaupt keine Anwendung finden. Jedes menschliche Werk hat

die Elemente und Vorbilder seines Entstehens in der äusseren Natur.

Es sind wesentlich überall nur Bilder und ideale Reproductionen der

äusseren Dinge, welche der menschliche Geist aus sich zu erschaffen

vermag. Wir legen einem Kunstwerke Wahrheit bei eben inwiefern es die

richtige Nachahmung oder der getroffene Ausdruck von etwas anderem

an sich schon vorhandenem Wirklichen ist. Allerdings ist es niemals

irgend eine einzelne empirische Sache oder Realität als solche,

welche den Gegenstand und das Object der künstlerischen Nachahmung

bildet. Der Begriff der Nachahmung im Sinne der Kunst ist immerhin

ein in gewisser Weise schwierig zu fassender und es bedeutet derselbe

überhaupt nichts weniger als eine einfache Identität des geschaffenen

oder nachgeahmten Werkes mit den wirklichen oder empirischen Dingen

im Leben und der Natur. In diesem Sinne wäre die Kunst überhaupt

überflüssig und hätte den Werth einer blossen leeren Wiederholung

oder Copie der Natur. Jedes Kunstwerk geht zugleich hinaus über die

Natur oder stellt uns etwas Höheres, Reineres und Vollkommeneres dar

als was diese selbst ist. Das Kunstwerk muss überall zugleich der

Natur unähnlich sein oder sich von ihr unterscheiden, wenn es uns

gefallen oder befriedigen soll. Das Motiv des Erschaffens der Kunst

liegt zugleich überall mit darin, dass uns die Natur oder Wirklichkeit

nicht vollkommen gefällt oder zu befriedigen vermag. Alle Kunst ist

insofern zugleich eine Art von Kritik und Verwerfung der empirisch

gegebenen Wirklichkeit oder Natur. Sie entspringt insofern zugleich aus

einem rein inneren subjectiv idealen Wünschen, Anschauen und Bedürfen

heraus und es stellt sich insofern der menschliche Geist in der Kunst

im Allgemeinen die Natur vor nicht so wie diese unmittelbar und an

sich selbst ist, sondern so wie er sie sich von seinem eingebildeten

subjectiven Standpuncte aus wünscht oder träumt. Es ist in aller Kunst

einmal etwas Objectives, andererseits etwas Subjectives enthalten oder

es kann dieselbe überall zugleich als eine Nachahmung oder ein Bild

der äusseren Wirklichkeit und als ein solches des eigenen inneren

menschlichen Seelenlebens angesehen werden. Der Mensch idealisirt sich

in der Kunst zunächst die Natur, indem er sie auf einen eingebildeten

oder idealen Gipfel der Vollkommenheit ihrer Erscheinungen erhebt.

Er fügt insofern immer etwas zu ihr hinzu oder macht etwas Anderes

aus ihr als was sie unmittelbar und an sich selbst genommen ist. Alle

diese Ideale der Kunst aber sind zugleich überall noch etwas Anderes

und Mehreres als eine blosse subjective und willkührliche Zuthat zur

Natur oder eine Veränderung derselben vom Standpunct und im Sinne der

blossen Subjectivität des menschlichen Geistes. Der Mensch erkennt

vielmehr in den Idealen der Kunst wesentlich überall nur die eigenen

allgemeinen Vollkommenheitsanlagen und immanenten Ziele des Lebens der

Natur selbst oder es darf von der Kunst gesagt werden, dass sie ihrem

eigentlichen Wesen nach die Darstellung derjenigen reinen Grundgedanken

und einfachen Formcharaktere sei, welche an und für sich die Basis der

ganzen wirklichen Natur und lebendigen Schöpfung der Dinge bilden. Der

Mensch geht insofern in der Erschaffung der Kunst nicht sowohl über die

Natur hinaus als vielmehr blos tiefer in sie hinein und es wohnt den

von der Kunst dargestellten Idealen eine Wahrheit eben insofern bei als

sie die gereinigten Erscheinungen der eigenen inneren Wesensmomente

und entscheidenden Grundgedanken der Natur selbst sind. Der Begriff

der Nachahmung in der Kunst bezieht sich insofern nicht sowohl auf

die unmittelbar gegebene gemeine oder empirische Wirklichkeit in der

Natur als vielmehr auf dasjenige ideale und rein geistige Wesen,

welches den wahrhaften Hintergrund und die eigentliche Substanz der

vor uns erscheinenden wirklichen oder einzelnen Dinge bildet. Auch

alle Kunst ist insofern wesentlich ein Erkennen und sie befindet sich

überall in einem nothwendigen und organischen Anschluss an das Ganze

der ihr gegenüberstehenden wirklichen Welt. Die Ideale der Kunst sind

an sich gegeben oder präformirt im Wesen der wirklichen Welt und sie

werden von uns oder vom menschlichen Geist nur durch Ausscheidung des

Indifferenten und Zufälligen der einzelnen Erscheinungen von ihrem

reinen inneren geistigen Wesensgehalt oder der in ihnen liegenden

besonderen und specifischen Vollkommenheitsanlage festgestellt und

erkannt.

Für die Auffassung alles Menschlichen ist überhaupt in erster Linie

der Gesichtspunct des Anschlusses desselben an das vor ihm in der

äusseren Objectivität oder Wirklichkeit Gegebene entscheidend. Es ist

zunächst eine blosse Phrase, dass der Mensch allein der selbstständige

Urheber und Schöpfer aller von ihm ausgehenden oder zu seinem Leben

gehörenden Dinge, Werke oder Erfindungen sei. Die ganzen Bedingungen,

Elemente und Anregungen dieses seines Schaffens sind vielmehr schon

vor ihm und an sich in der Natur oder Aussenwelt gegeben gewesen und

es ist überall nur durch eine Benutzung oder Anwendung derselben, dass

er zur Ausbildung desjenigen, was ihm selbst angehört, hingeführt

und veranlasst wird. Alles Eigene des Menschen geht überall nur

aus einer Beziehung oder einem eindringenden Erkennen in den ihm

gegenüberstehenden Stoff der natürlichen Dinge oder Erscheinungen

hervor. Es ist nicht ein selbstständig erschaffener, sondern nur ein

der Natur abgerungener und erworbener Besitz, auf den sich das ganze

menschliche Leben mit seinem Inhalt und seinen Einrichtungen gründet.

Das Leben des Menschen oder die Geschichte ist ein fortwährender

Kampf seines Geistes mit der Natur, in welchem er dieselbe allmählich

in einer immer vollkommeneren Weise nach allen ihren Seiten und

Beschaffenheiten in sich aufnimmt und überwindet. Alles Menschliche

weist daher zuletzt ebensosehr auf die Sphäre der Natur oder der

äusseren Objectivität als auf diejenige der Subjectivität oder

seines eigenen Geistes hin. Die Natur tritt in der Sphäre des

Menschen gleichsam blos aus einander oder hervor in allen denjenigen

Vollkommenheiten ihres Wesens, welche sie in unmittelbarer oder

latenter Weise bereits in sich selbst einschliesst oder besitzt. Die

Lehrsätze der Wissenschaft sind geistige Wahrheiten, welche an sich

im Wesen der äusseren Dinge liegen und welche hier vom menschlichen

Geiste nur aufgefunden, gleichsam frei gemacht oder erkannt werden.

Etwas Aehnliches aber gilt zuletzt auch von den Werken der Kunst und

von allen anderen Sphären und Erscheinungen des menschlichen Lebens.

Die Wahrheit alles Menschlichen besteht überhaupt in dem möglichst

vollkommenen, tiefen und innigen Anschluss an die inneren Gesetze oder

das geistige Wesen der Natur. Es ist insofern überall etwas mehr als

ein blosser zufälliger und willkührlicher subjectiver Einfall, der uns

in irgend einem bedeutenden Werke oder einer Erfindung des menschlichen

Geistes entgegentritt.

So verschiedenartig auch das Schöne in allen seinen einzelnen

Erscheinungen sein mag, so ist es doch überall ein bestimmter

gleichmässiger Eindruck, der aus demselben in jedem Falle von uns

aufgenommen wird. Wir bezeichnen diesen Eindruck im Allgemeinen

mit dem Worte des Harmonischen oder Zusammenstimmenden, und es ist

derselbe zunächst überall gebunden an ein bestimmtes Verhältniss

oder eine Grenze des Maasses der einzelnen Theile der Sache. Die

ganzen Beschaffenheiten eines jeden ästhetischen Dinges zerfallen

aber überhaupt in zwei verschiedene Kategorieen, einmal in solche der

Qualität oder der Art, andererseits in solche der Quantität oder des

Maasses. Zunächst aber sind es hauptsächlich die Beschaffenheiten oder

Eigenthümlichkeiten dieser letzteren Kategorie, durch welche sich das

Kunstwerk oder die ästhetische Sache am Deutlichsten und Bestimmtesten

von derjenigen der gemeinen Wirklichkeit unterscheidet. Wir erkennen im

Kunstwerk im Allgemeinen dieselben Qualitäten oder Artbeschaffenheiten

wieder, die uns auch sonst schon aus der übrigen gemeinen Wirklichkeit

her bekannt sind, und es ist eben wesentlich in Bezug auf diese,

dass uns das Kunstwerk im Lichte einer Nachahmung oder eines Bildes

der letzteren entgegenzutreten pflegt. Am Bestimmtesten aber ist es

zunächst die Seite der Quantität oder das Element des Maasses, durch

welches sich das Kunstwerk von der Natur und den Verhältnissen des

gewöhnlichen Dinges zu unterscheiden pflegt. Eben dieses Element der

Quantität unterliegt dort einer bestimmteren und festeren Regelung als

hier und es ist wesentlich eben dieser Umstand, auf welchem die ganze

höhere Vollkommenheit des Eindruckes des Kunstwerkes gegenüber dem des

gewöhnlichen Dinges beruht. Es werden im Kunstwerke zunächst überall

nur die gegebenen Qualitäten oder Artbeschaffenheiten der Dinge in eine

sicherere und bestimmtere Grenze ihres relativen Maasses eingeschlossen

als sonst. Nur insofern erscheint uns das Kunstwerk zunächst als

der Ausdruck der höheren und idealen Vollkommenheit der wirklichen

Welt, als ein jeder Theil oder ein jedes Ding dieser letzteren in

die richtige ihm gebührende Grenze des Maasses im Verhältniss zu den

übrigen eingeschlossen und eingeführt wird. Bei der wirklichen Sache

sind diese Maassverhältnisse in der Regel in einer mehr oder weniger

angeordneten Weise abgewandelt, getrübt und verschoben oder es sind

keine reinen und klaren Eindrücke der Proportionen des Maasses, die

aus ihr von uns aufgenommen zu werden pflegen. Der Künstler, indem

er die Natur nachahmt, thut zunächst wesentlich nichts Anderes als

dieses, dass er jeden Theil derselben in die ihm gebührende Grenze

des Maasses einzuschliessen und uns insofern einen idealen Eindruck

oder ein gereinigtes Bild der ganzen inneren Ordnungsverhältnisse der

Sache zu geben versucht. Das Kunstwerk ist insofern wesentlich die

Aussage darüber, welches die wahren und eigentlichen Maassverhältnisse

der einzelnen ihrem qualitativen Charakter nach verschiedenen Theile

und Beschaffenheiten der wirklichen Welt seien und es ist insofern

hauptsächlich zunächst dieses ganze Moment der Quantität, auf welchem

der allgemeine Unterschied der Kunst von der Natur beruht.

Der Künstler findet mit richtigem Tact die entsprechenden Verhältnisse

des Maasses für die einzelnen Theile seines Werkes und es wird

dieses letztere von unserem eigenen Gefühl hauptsächlich unter

demselben Gesichtspuncte aufgefasst und zu beurtheilen versucht.

Die Grenze dieses richtigen Maasses aber ist an und für sich

überall eine ganz bestimmte, einfache und feste oder es wird in

der Regel auch die geringste Abweichung von derselben lebhaft und

deutlich von uns empfunden. Diese Aussprüche und Urtheile unseres

subjectiven Gefühles aber über das richtige Maass in den Dingen müssen

jedenfalls auch eine bestimmte objective Begründung oder Berechtigung

besitzen und es wird in der Auffindung oder Feststellung dieser

letzteren immer das eigentliche Ziel und entscheidende Hauptproblem

aller wissenschaftlichen Erkenntniss des Schönen erblickt werden

müssen. Was zunächst als ein blosser Machtspruch unseres Gefühles

erscheint, wird näher wohl immer als die ahnende Erkenntniss eines

objectiven Naturgesetzes oder eines an sich bestehenden normalen

Grundverhältnisses der Einrichtung alles Wirklichen angesehen werden

müssen. Ein solches normales Grundverhältniss glaubt namentlich Zeising

in der Regel des goldenen Schnittes aufgefunden zu haben und es scheint

diese Regel in der That einen bestimmten inneren oder natürlichen

Anspruch auf eine solche ihr zugeschriebene Stellung in sich zu

enthalten.

Alle eigentliche und strenge mathematische Regelmässigkeit ist an und

für sich nicht fähig, ein Gefühl des Wohlgefallens und der ästhetischen

Befriedigung in uns zu erwecken. Auch ist die innere Ordnung des

ästhetischen Dinges überall eine specifisch andere als diejenige

irgend einer mathematischen Figur. Es ist im Gegensatz hierzu überall

der Eindruck des Freien, Natürlichen und Ungezwungenen, den wir aus

ihm empfangen. Der blosse Gedanke, dass das Schöne mathematisch

bestimmbar sei, hat an und für sich etwas Paradoxes, Feindliches und

Verletzendes für uns an sich. Wir fühlen auf der einen Seite das

strenge Walten des Maasses in der Einrichtung des Schönen, aber wir

müssen uns zugleich auf der anderen Seite sagen, dass die Natur und

das Gesetz dieses Maasses ein ganz anderes sein müsse als dasjenige

der gewöhnlichen strengen Ordnung und Regelmässigkeit der Mathematik.

Im Prinzip scheint es eine Nothwendigkeit für den menschlichen Geist

zu sein, anzunehmen, dass das Schöne calculabel oder mathematisch

bestimmbar sei; aber es bedarf wahrscheinlich einer anderen Art von

Mathematik als der gewöhnlichen, um diese Eigenschaft wirklich an

ihm festzustellen und zu ermitteln. Nur das mechanische Ding stimmt

in seinen Verhältnissen und Formen unmittelbar und genau mit der

gewöhnlichen Regelmässigkeit der Mathematik überein. Daher entbehrt

dasselbe im Allgemeinen auch der specifischen Eigenschaft oder des

Charakters der Schönheit, ausser insofern derselbe in Gestalt einer

ausdrücklichen künstlerischen Zuthat mit ihm in Verbindung gebracht

wird. Die Gestalten der mechanischen Dinge sind als solche trocken,

eckig und langweilig; sie werden bedingt durch einen praktischen Zweck

und gehen im Allgemeinen unmittelbar hervor aus einer Bestimmung oder

Berechnung der Mathematik. Das Schöne dagegen ist an sich genommen

zwecklos und erinnert uns in seiner Erscheinung überall an die Freiheit

und Ungezwungenheit des Lebendigen oder Organischen in der Natur.

Alles Wirkliche aber, was der Mensch erschafft, ist im Allgemeinen

entweder ein Kunstwerk oder ein mechanisches Ding. Auch diese

letzteren Gegenstände aber haben immerhin ein gewisses ästhetisches

Interesse. Sie sind weder in dem Sinne Bilder und Nachahmungen der

äusseren Wirklichkeit als die Werke der Kunst, noch sind sie auch in

der eigentlichen und unmittelbaren Bedeutung des Wortes schön. Es

giebt aber überhaupt nichts Wirkliches, welches alles ästhetischen

Interesses für uns entbehrte. Auch diesen mechanischen Dingen liegen

zum Theil ähnlich wie den Werken der Kunst gewisse Motive der

Nachahmung oder des Anschlusses an einzelne Vorbilder der Natur und

des wirklichen Lebens zu Grunde. Viele dieser mechanischen Dinge sind

theils gleichsam Objectivirungen einzelner Organe oder Bewegungen

des menschlichen Körpers, theils weisen sie auf bestimmte Urbilder

oder Typen in der äusseren Natur hin. Das Werkzeug des Hammers z. B.

ist gleichsam vorgebildet in der geballten Faust und dem diese

erhebenden Vorderarm des menschlichen Körpers, ebenso der Bohrer in

dem sich in irgend einen weichen Stoff eingrabenden Finger der Hand.

Die Scheere hat ihren Urtypus in den Organen des Krebses; das von

Rudern und Segeln getriebene Schiff ist gleichsam eine Combination

des doppelten natürlichen Vorbildes des schwimmenden Fisches und des

die Luft durchschneidenden Vogels; die Gestalt des Wagens erinnert

an diejenige der auf der Erde wandelnden vierfüssigen Thieres; in der

Detonation des Geschützes ist es gleichsam die Naturerscheinung des

Gewitters, welche von dem Menschen nachgeahmt und in die Sphäre seiner

eigenen Erfindungen übergetragen wird. Alles dieses hat insofern noch

einen tieferen Sinn und ein weiteres an Beziehungen reiches Interesse;

der Mensch schafft sich in allen diesen Dingen gleichsam die Knechte

und den umgebenden Hofstaat seiner eigenen Person, und es ist ausser

dem blossen praktischen Zweck immer noch irgend ein anderweites

künstlerisch nachahmendes und geistig ästhetisches Interesse hierbei im

Spiel. Wir stellen auch dieses ganze Gebiet als eine besondere Provinz

des elementarischen ästhetischen Erkennens hin, indem es, wenn gleich

von dem des Schönen verschieden, doch mit in die allgemeine Kategorie

der ästhetisch interessanten und sinnvoll bedeutsamen Erscheinungen

fällt.

Die Natur des Kunstwerkes ist im Allgemeinen die eines idealen und

von allem Zufälligen gereinigten Abbildes der allgemeinen Gesetze

und Einrichtungsverhältnisse des wirklichen Lebens. Das innerste

Einheitsgesetz der Kunst und des Schönen wird insofern kein anderes

sein können als dasjenige der Natur oder des wirklichen Lebens selbst.

Die Frage nach einem höchsten Einheits- oder Organisationsgesetz alles

Wirklichen aber ist allerdings immer eine der tiefsten und wichtigsten

in dem ganzen Umfange der Philosophie. Zeising legt seinem Prinzipe

des goldenen Schnittes in einem gewissen Sinne die Eigenschaft eines

solchen Gesetzes bei, indem er dasselbe im weitesten Umfange nicht

blos der künstlerischen sondern auch der natürlichen Erscheinungen

als höchste Norm aller Eintheilung nachzuweisen versucht. Ebenso sah

Hegel in seinem Prozesse der logischen Dreigliederung das oberste und

umfassendste Eintheilungsgesetz alles Wirklichen. So verschiedenartig

aber auch die ganzen Ordnungen und Erscheinungsformen des Wirklichen

sind, so ist es doch immerhin möglich, dass ihnen allen ein bestimmtes

höchstes Einheitsgesetz zur Grundlage diene. Die Lehren Zeisings,

Hegels u. A. hierüber haben zunächst überall nur einen einseitigen oder

provisorischen Werth. Inwiefern es überhaupt ein derartiges Gesetz

giebt, so wird dasselbe nur ein so einfaches sein können, dass es sich

mit einer unmittelbaren Nothwendigkeit aus dem ganzen Prinzip oder der

Idee einer jeden natürlichen Eintheilung oder Gliederung ergiebt. Wir

weisen hierbei entschieden jede Einseitigkeit und Willkürlichkeit des

philosophischen Constructionsverfahrens von uns ab, indem wir blos aus

der einfachen Natur der Sache selbst den richtigen Weg zur Lösung jenes

Problemes aufzufinden versuchen.

In der Geschichte der Philosophie haben zuerst die Pythagoreer sich

mit der Frage nach der allgemeinen Einheit und Ordnung des Wirklichen

beschäftigt. Ihnen galt zunächst die Zahl als der oberste Ausdruck

oder als das Symbol aller weiteren geistigen Ordnung der wirklichen

Dinge. Wir erblicken in diesem Gedanken die erste noch unvollkommene

Ahnung einer tiefen und umfassenden wissenschaftlichen Wahrheit, die

theils bis jetzt schon durch viele Entdeckungen ihre Bestätigung

gefunden hat, theils später vielleicht noch in weiterem Umfange

bestätigt werden wird. Es wird wohl so sein, dass alles Geordnete und

Organische in der Welt zuletzt mit auf Zahlenverhältnissen beruht oder

von der Art ist, dass es an und für sich auch mathematisch bestimmt

und berechnet werden kann. Der Umfang dieses mathematischen Elementes

in der Wirklichkeit ist vielleicht noch ein grösserer als jetzt von

uns angenommen oder vermuthet wird. Die Zahl ist unter allen Umständen

immer das festeste und bestimmteste Element alles wissenschaftlichen

Erkennens. Alle andere Ordnung im Wirklichen ist wahrscheinlich

zuletzt auch eine mathematisch bestimmte und es hat insofern der

Gedanke nichts Auffallendes, dass auch das Kunstwerk oder das Schöne

als der ideale Ausdruck aller anderen Ordnung in der Natur etwas in

seinen Verhältnissen an und für sich mathematisch zu Bestimmendes

oder zu Berechnendes sei. Auch die Pythagoreer selbst haben durch die

mathematische Bestimmung der Intervalle der Töne zuerst diesen Weg der

wissenschaftlichen Erkenntniss des Schönen betreten. Es ist aber vor

Allem nothwendig, sich über die mögliche Stellung und Bedeutung dieses

mathematischen Elementes in der Einrichtung aller wirklichen Dinge eine

sichere Rechenschaft abzulegen.

Alle Beschaffenheiten der wirklichen Welt zerfallen ebenso wie

diejenigen des Kunstwerkes in die beiden allgemeinen Kategorieen

der Qualität und der Quantität oder der Art und des Maasses. Jeder

Theil eines natürlichen Ganzen aber besitzt ein bestimmtes Maass und

es ist dieses überall seinem besonderen innerlich qualitativen oder

Artcharakter gemäss. Zwischen den Beschaffenheiten der Qualität und

denen der Quantität in den Dingen findet überall ein bestimmter

nothwendiger und organisch gesetzlicher Zusammenhang statt. Bei einer

jeden natürlichen Sache oder einem organischen Ganzen tritt uns

zugleich ein bestimmtes System von Artcharakteren und ein anderes

mit diesem verbundenes von Verhältnissen des Maasses entgegen. Eine

jede Sache in der Natur darf auf Grund ihres Artcharakters überall

nur ein bestimmtes Maass in der Mitte aller anderen zu ihr gehörenden

oder ihr ähnlichen Dinge erreichen. Wir prüfen und betrachten daher

die Verhältnisse des Maasses wesentlich niemals für sich allein,

sondern überall nur insofern als sie sich mit den Verhältnissen der

Verschiedenheiten der Art verbinden und diesen gleichsam zu einem

charakteristischen Ausdruck oder einer Erscheinung ihres inneren

Wesens oder Werthes zu dienen scheinen. Bei der Betrachtung der

Verhältnisse des menschlichen Körpers z. B. sind es keinesweges allein

die äusseren Proportionen des Maasses als solche, sondern dieselben

nur in Verbindung oder als eine Inhärenz der qualitativen Unterschiede

der Art oder des Wesens der einzelnen Theile, auf welche sich unser

Interesse richtet, oder die den Gegenstand unseres ästhetischen

Wohlgefallens an der natürlichen oder der künstlerischen Erscheinung

dieser ganzen Gestalt bilden. Der Kopf z. B. hat hier einen im

Verhältniss geringen Umfang des Maasses, aber er ist in qualitativer

Beziehung der bedeutungsvollste und wichtigste Theil des menschlichen

Körpers und es ist darum sein Werth für die Gesammterscheinung des

letzteren wesentlich der gleiche als derjenige des Ganzen aller

übrigen Theile. Es sind ferner die obere und die untere Hälfte des

menschlichen Körpers auch qualitativ oder ihrem inneren Wesen nach

von einander verschieden und es sind insofern keinesweges allein die

quantitativen Proportionen des Maasses, welche bei der Beurtheilung

dieses Verhältnisses in Betracht kommen können. Das Maass ist bei allem

Wirklichen überall nichts als eine Inhärenz oder eine begleitende

Erscheinung der Art, und es ist insofern ein einseitiges und

ungerechtfertigtes Verfahren, die Dinge in Rücksicht des ästhetischen

Charakters ihrer äusseren Erscheinung allein unter dem Gesichtspunct

der äusserlichen Maassverhältnisse ihrer einzelnen Theile auffassen

und wissenschaftlich begreifen zu wollen. Hieran scheinen auch die im

Uebrigen verdienstvollen Untersuchungen Zeisings über den goldenen

Schnitt die Grenze ihrer Wahrheit und Berechtigung zu finden. Das

wirkliche Ganze oder das lebendige Ding ist überall eine complexe

Einheit von Beschaffenheiten der Art und von solchen des Maasses

und es ordnen sich wie es scheint die wirklichen Maassverhältnisse

der einzelnen Theile desselben niemals oder doch blos selten und in

einer unvollkommenen Weise so ganz einfach dem Gesetz oder der Regel

irgend einer mathematischen Proportion unter als etwa diejenigen einer

Maschine oder eines sonstigen mechanischen Dinges, welche in der Regel

unmittelbar und direct nach einer solchen ausgemessen und festgestellt

worden sind.

Wir versuchen die Bedeutung dieses von uns aufgestellten Satzes an

einem bestimmten Beispiele deutlich zu erläutern. Nach der Theorie der

antiken Metriker gab es im Versmaass drei an und für sich wohlgefällige

Verhältnisse, welche in dem dreifachen Zahlenverhältniss: 2 : 1, 2 : 2,

2 : 3 ihren Ausdruck fanden. Dieses waren die drei allgemeinen

Versmaasse oder metrischen Stilgattungen, das trochäische, daktylische

und päonische, welche auf dem dreifachen Sylbenschema: ̵′ ‿, ̵′ ‿‿, ̵′ ‿‿‿

beruhten. In dem einen derselben also wurde der langen betonten Sylbe

oder der Arsis (nach dem antiken Sprachgebrauch im Gegensatz zu dem

unsrigen, der Thesis) eine einfache, in dem anderen eine zweifache,

in dem dritten endlich eine dreifache kurze Sylbe in der Thesis (dort

der Arsis) an die Seite gestellt und es knüpft sich überall offenbar

an dieses dreifache Verhältniss der beiden Hälften eines Fusses die

besondere Harmonie, der ästhetische Stimmungscharakter oder das Ethos

jedes einzelnen Versmaasses an. Da nun die lange Sylbe überall die

Ausdehnung oder das zeitliche Maass einer doppelten kurzen besitzt, so

besteht im trochäischen Versmaass die Einheit oder Reihe des Fusses

aus 3, im daktylischen aus 4, im päonischen aus 5 letzten einfachen

Zeittheilen, (morae, χρόνοι) und es beträgt im ersten Falle die Lange

der Arsis das Doppelte derjenigen der Thesis, während im zweiten beide

Theile einander gleich sind, im dritten aber die Arsis zur Thesis sich

wie das Einfache zum Anderthalbfachen verhält, weswegen auch für das

erste dieser drei Versmaasse der Ausdruck des γένος διπλάσιον, für

das zweite der des γένος ἴσον, für das dritte der des γένος ἡμιόλιον

festgestellt wurde. Die ästhetische Lehre oder Meinung war also hier

die, dass in jenem dreifachen Zahlenverhältniss allein der Grund oder

das bedingende Prinzip des eigenthümlichen Charakters einer jeden

diesen drei Arten des Versmaasses enthalten sei. Das Irrthümliche

hiervon aber besteht darin, dass auf das innerlich dynamische oder

qualitative Moment des auf der langen Sylbe oder der Arsis ruhenden

Accentes keine Rücksicht genommen worden war. Die Intensität oder

Stärke dieses Accentes ist nämlich überall eine geringere oder

grössere je nach der Anzahl der der Arsis des Fusses in der Thesis

gegenüberstehenden kurzen Sylben. Das vollständige Schema jener drei

Formen des Versmaasses ist insofern dieses: ̵′ ‿, ̵″ ‿‿, ̵‴ ‿‿‿ und

es findet in ihnen überall ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen der

Stärke oder der intensiven Gewalt des arsischen Accentes und der Länge

oder Extensität der thetischen Hälfte des Fusses statt. Der ästhetische

Eindruck jedes einzelnen Fusses also entspringt nicht sowohl aus einem

Abwägen der blossen äusseren oder zeitlichen Länge der Arsis und Thesis

als vielmehr aus einem solchen des innerlichen oder qualitativen

Elementes des Accentes mit dem äusserlichen oder quantitativen der

kurzen thetischen Sylbenzahl. Dass diese Verschiedenheit der Stärke des

arsischen Accentes nicht eine blosse Fiction ist, geht für uns deutlich

hervor da, wo mehrere verschiedene Versfüsse zu einer einzigen Reihe

verbunden sind wie z. B. pinifer Olympus et Ossa, wo sich von selbst

das Bedürfniss einer allmählichen Abschwächung des Accentes der langen

Sylben im Verhältniss zu der verminderten Anzahl der thetischen Kürzen

geltend macht. Ueberhaupt also bilden die äusserlich quantitativen

Verhältnisse immer nur die eine Hälfte des Wesens der Sache überhaupt

und wir erklären es insofern für einen Irrthum, jene Verhältnisse nur

an sich oder als solche zu einem Gegenstand der wissenschaftlichen

Untersuchung oder einem Maassstab für die Bestimmung des ästhetischen

Charakters einer Sache machen zu wollen.

Aesthetische Farbenlehre · 第 8 / 9 段