Auch der Ton aber hat an sich bestimmte einfache und letzte wurzelhafte

Elemente ebenso wie die Farbe. Es sind allerdings im Ganzen hier

mehr die Verhältnisse der einzelnen Elemente, auf die sich unser

Interesse gründet, als bei der Farbe. Jede einzelne Farbe ist mehr

an sich etwas Werthvolles und Bedeutsames für uns, während der Ton

mehr als ein Ganzes oder eine fliessende Reihe einzelner Elemente und

Abstufungen einen Werth für uns hat. Die Farbe ist an sich überall

mehr die Hindeutung auf einen bestimmten und eigenthümlichen hinter

ihr stehenden geistigen oder ideellen Werth, während der einzelne

Ton sich mehr dienend als ein blosses Glied in eine ganze Kette

oder Reihe von Tonbewegungen einordnet. Es hängt dieses zusammen

damit, dass die Wahrnehmung der Farbe wesentlich dem Elemente des

Nebeneinander, die des Tones demjenigen des Nacheinander angehört.

Aller geordnete und in regelmässiger Weise gegliederte Ton aber

ist entweder Sprache oder Musik und es hat ein jedes dieser beiden

Gebiete für uns einen bestimmten und eigenthümlichen ästhetischen

Werth. Die sinnliche Erscheinung der Sprache aber ist allerdings

nichts im künstlerischen Sinne des Wortes Aesthetisches für uns so

wie diejenige der Musik. Sie ist unmittelbar genommen nur Ausdruck

oder Zeichen des begrifflichen Denkens und es knüpft sich an den

Klang derselben für uns nur ein äusserliches und gelegentliches

ästhetisches Interesse an. Das was die Sprache für uns anzeigt oder

bedeutet, ist zunächst nur etwas in zufälliger oder conventioneller

Weise mit ihr Verbundenes. Die Bedeutung des musikalischen Tones wird

in unmittelbarer oder natürlicher Weise von uns empfunden, während

diejenige des sprachlichen erst künstlich und mechanisch von uns

erlernt werden muss. Die Musik ist an sich der natürliche Ausdruck

des Empfindens, die Sprache derjenige des Denkens der menschlichen

Seele. In diese doppelte Abtheilung aber zerfällt an sich alles reine

oder innere Leben der menschlichen Seele. Der Ton ist an sich das in

specifischer Weise dem inneren Seelenleben adäquate Element. Aller

geordnete Ton in der Welt aber ist überhaupt nur derjenige, welcher dem

Menschen theils in der Sprache und dem Gesang seiner Stimme, theils

in den künstlichen von ihm erfundenen musikalischen Instrumenten

angehört. Die Ordnung des sprachlichen Tones aber beruht wesentlich

auf dem Prinzipe der Articulation, die des musikalischen auf dem

der Modulation des Lautes in seine einzelnen Glieder oder Elemente.

Articulation aber ist Gliederung des Tones in einzelne dem Artcharakter

nach verschiedene Theile oder Elemente, während die Modulation in der

Gliederung desselben in einzelne dem Grade der Erhöhung und Vertiefung

nach verschiedene Abstufungen oder Elemente besteht. Der sprachliche

Ton zerfällt in ein System einzelner generell verschiedener Classen und

Individuen des Lautes, während jeder musikalische Ton an sich einartig

ist und nur einer Gliederung oder Abstufung nach Unterschieden des

Grades unterliegt. Diese gradweise steigende und fallende Erhöhung

und Erniedrigung des musikalischen Tones aber ist das natürliche Bild

oder gleichsam die Sprache des Empfindens der Seele, welches ebenso in

einem gradweise anschwellenden und nachlassenden Auf- und Niederwogen

unseres ganzen inneren Vorstellens besteht. Die Sprache hingegen oder

das articulirende Lautelement ist ebenso der natürliche Ausdruck des

sich auf die begrifflichen Allgemeinheiten und generellen Qualitäten

der äusseren Wirklichkeit beziehenden und gründenden Denkens der

menschlichen Seele. Das Empfinden der Seele gehört wesentlich immer

uns selbst oder unserer eigenen inneren Subjectivität an, während

das Denken sich wesentlich auf den gegebenen Inhalt der äusseren

Objectivität bezieht und aus diesem seine allgemeinen Begriffe und

Abstractionen schöpft. Alles Denken ist selbst eine Art von geistiger

Articulation, indem es in einer Gliederung oder Unterscheidung des

wirklichen in seine eigenen allgemeinen geistigen Elemente oder

Artcharaktere besteht. Denken und Articulation des Lautes sind zwei

natürlich verwandte und innerlich correlate Erscheinungen im geistigen

Leben des Menschen. Die Natur aber macht in allen ihren Tönen

allerdings gewisse Versuche, sich sowohl zu einer Modulation als einer

Articulation des Lautes zu erheben, d. h. es treten uns wohl Anklänge

an beides in den natürlichen Lauterscheinungen entgegen, aber ohne sich

jemals zu der reinen und specifischen Vollkommenheit beider Prinzipe im

Leben des Menschen zu läutern. Aller natürliche Ton ist ein unklarer,

chaotischer und verschwommener. Hier hat der Ton selbst noch keinen

seiner specifischen Vollkommenheit adäquaten Werth oder Gehalt; er

empfängt diesen erst in der Sphäre des Seelenlebens des Menschen und es

ist insofern in allem geordneten Ton etwas specifisch Geistiges oder

der unmittelbare Ausdruck eines in sich geordneten und gegliederten

Vorstellungslebens enthalten.

Auch den einzelnen articulirten Lauten der Sprache aber wohnt an und

für sich selbst überall eine bestimmte anschaulich empfindungsmässige

Bedeutung oder ein gewisser ästhetischer Werth für uns bei. Denn auch

die Sprache ist ebenso wie die Musik wenigstens an und für sich und in

einem gewissen Sinne des Wortes zugleich etwas Malerisches in Bezug

auf den menschlichen Geist und sein inneres Leben. Auch in der Sprache

ist ursprünglich wenigstens immer ein bestimmtes nachahmendes und

abbildendes Prinzip oder Bestreben enthalten gewesen. Es sind nicht wie

bei der Musik allein die reinen und unmittelbaren inneren Empfindungen

der Seele selbst gewesen, welche den Gegenstand oder Stoff dieser

Nachahmung der Sprache gebildet haben. Der sprachliche Laut hat sich

zunächst überall angeschlossen an irgend ein äusseres oder objectiv

gegebenes Moment der Bewegung, der Erscheinung oder des Tones. Die

Sprache ist an sich und von Anfang an mehr ein Bild der Welt und ihrer

äusseren Erscheinungen und Dinge als wie die Musik ein solches der

inneren Bewegungen und Vorgänge des Lebens der Seele. Sie schliesst

sich insofern mehr an die eigentlich objectiven Gebiete und Arten des

menschlichen Nachahmens und Darstellens, die Plastik und die Malerei,

an, nur dass sie nicht so wie diese von räumlicher oder sichtbarer,

sondern von zeitlicher und hörbarer Natur ist. Die Vorgänge der

Bewegung und des Tones in der äusseren Welt forderten den menschlichen

Geist zuerst zu gewissen Versuchen der Nachahmung heraus und es sind

hieraus zuerst alle Anfänge der Sprache entstanden. Allerdings war

hier die Menge des Nachzuahmenden verhältnissmässig nur eine geringe

und es haben von diesen wenigen Momenten aus die lautlichen Mittel

oder Zeichen für die Vertretung aller anderen uns umgebenden Dinge und

Beschaffenheiten festgestellt werden müssen. Die Sprache ist jetzt

ein System von Worten oder lautlichen Zeichen für den ganzen Umfang

der allgemeinen Kategorieen der Dinge und Erscheinungen der äusseren

Welt; aber sie ist zur Erschaffung desselben ursprünglich durch

eine Nachahmung des zeitlichen, tönenden oder sich sonst irgendwie

an den inneren Stimmlaut anschmiegenden Elementes in der äusseren

Welt hingeführt worden. Ausgeschlossen ist hierbei nicht, dass auch

innere Empfindungsbewegungen der Seele, inwiefern sie sich direct

oder indirect an äussere Momente des Wahrnehmens anschliessen, den

Gegenstand dieses Nachahmens gebildet haben. In der Sprache verbindet

sich insofern das doppelte Prinzip der Nachahmung im objectiven und

im subjectiven Sinne des Wortes, wie es ausserdem einmal in der

plastisch-malerischen, andererseits in der musikalischen Kunst seinen

specifischen Ausdruck findet, obgleich auch hier überall der ersteren

die Nachahmung des inneren Empfindens und der letzteren diejenige der

äusseren Bewegungen und Vorgänge keinesweges vollkommen fremd ist. Die

Sprache überhaupt hat jedenfalls, trotzdem dass sie gegenwärtig ein

festgestelltes conventionelles Zeichen unseres Denkens ist, in ihren

Erscheinungen einen bestimmten ästhetischen Werth und bildet insofern

einen Gegenstand des wissenschaftlich-ästhetischen Interesses, indem

sie so wie jedes andere Kunstwerk zunächst aus einem Versuch und

Bestreben des Nachahmens der wirklichen Welt nach ihrer Abspiegelung im

Empfinden der menschlichen Seele entspringt.

Das Verhältniss der beiden Lautclassen der Vocale und der Consonanten

in der Sprache hat eine gewisse Aehnlichkeit mit demjenigen des

allgemeinen Gegensatzes auf dem Gebiete der Farbe, des Weiss und

des Schwarz oder überhaupt des Hellen und des Dunkeln. Der Vocal

bildet gleichsam das Element des Lichtes, der Consonant dasjenige des

Schattens in der ästhetischen Einrichtung oder Erscheinung der Sprache.

So wie bei einem Gemälde der Schatten oder die dunkleren Theile und

Parthieen von uns nur erkannt werden durch ihre Begrenzung mit dem

Hellen oder dem Licht, ebenso wird auch das consonantische Element in

der Sprache von uns nur erkannt oder hörbar wahrgenommen durch seine

Begrenzung mit demjenigen des Vocales. Auch die Sprache ist gleichsam

ein fliessendes Lautgemälde, welches aus einem fortwährenden Wechsel

der beiden allgemeinen Grundverschiedenheiten des helleren und des

dunkleren oder des aus sich selbst tönenden und des von diesem anderen

gezeigten oder getragenen Lautelementes besteht. Die nähere Gruppirung

oder Vertheilung dieser beiden Elemente ist in jeder Sprache mehr oder

weniger eine verschiedene und es besitzt in Folge davon eine jede

derselben einen eigenthümlichen ästhetischen Charakter, in welchem

sie zugleich immer zu einem bedeutsamen Ausdruck der Geistesart oder

Anschauungsweise eines bestimmten Volkes wird. Auch jeder einzelne

Laut als solcher hat nicht weniger als jede einzelne Farbe für

unsere Auffassung einen bestimmten ästhetischen Werth. Es ist auch

gewissermaassen immer etwas Typisches für unser Empfinden in ihnen

enthalten. Sie lassen sich selbst zum Theil auf bestimmte Typen und

Vorbilder des natürlichen Lautes zurückführen. Es dürfte bedenklich

sein, ohne Weiteres eine bestimmte Analogie zwischen dem System der

einzelnen Farben und demjenigen der articulirten Laute nachweisen

zu wollen. Jede einzelne Art des Aesthetischen ist gewissermaassen

etwas Besonderes und Eigenartiges für sich. Jedenfalls aber schliesst

sich der sprachliche Ton oder das articulirende Lautelement näher an

das Wesen und den Charakter der Farbe an als der modulirende Ton des

Gesanges und der Musik. Dieser letztere ist weit mehr im eigentlichen

Sinne des Wortes fliessend oder in specifisch zeitlicher Weise

ausgedehnt und gegliedert als jener. Zwischen Musik und Farbe steht der

sprachliche Laut gewissermaassen als etwas Verbindendes in der Mitte.

Die Sprache selbst ist gleichsam ein Lautgemälde der äusseren Welt und

ihrer Auffassung durch die Begriffe und das Denken des menschlichen

Geistes. Sie ist nicht in dem Sinne etwas eigentlich Künstlerisches wie

auf der einen Seite die reine Kunst des Tones oder die Musik und auf

der anderen die Malerei oder diejenige der Farbe. Aber ihre Elemente

haben doch auch an sich immer einen bestimmten ästhetischen Werth und

es ist keinesweges allein das Gebiet des eigentlich Schönen und der

Kunst, auf welches sich die Anwendung und das ganze Interesse des

ästhetischen Erkennens unserer Seele bezieht.

Es ist überhaupt theils eine Erweiterung, theils eine Umgestaltung

des ganzen Begriffes der Aesthetik, welche hiermit von uns anzubahnen

gestrebt wird. Das Schöne ist an sich blos dasjenige Sinnliche, welches

eine ganz besonders edle und erhabene Empfindung oder ein Gefühl des

specifischen Wohlgefallens und der höchsten inneren Befriedigung in

uns hervorzurufen geeignet ist. Auch alles andere niedere und gemeine

Sinnliche aber hat an sich einen Werth oder eine Bedeutung für unser

Empfinden. Es ist daher falsch, das Schöne allein und ohne Weiteres als

Gegenstand oder Object der Wissenschaft vom Empfinden zu bezeichnen.

Es giebt noch einen weiteren Vorhof anderer an sich unbedeutenderer

Gegenstände und Wahrnehmungen unseres empfindenden Erkennens. In

gewissem Sinne aber ist allerdings alle Empfindung eine Art von dunkler

Vorahnung der höheren, vollkommeneren und klareren Erkenntnissweise

des Denkens. Alles menschliche Erkennen nimmt seinen Anfang mit den

Eindrücken, welche wir durch das Empfinden von Aussen her empfangen.

Nur aus diesen Eindrücken entspringt zuerst alles weitere und höhere

menschliche Bewusstsein und Denken. Das Begreifen dieser Eindrücke

selbst nach dem ihnen an sich beiwohnenden Werth oder ihrer reinen

geistigen Bedeutung ist es, worin die wahrhafte Aufgabe der ganzen

Wissenschaft der Aesthetik besteht.

10. Das allgemeine Gesetz der ästhetischen Form.

In der Aesthetik überhaupt wird immer eines der wichtigsten Gebiete

des ganzen menschlichen Geisteslebens erblickt werden müssen. In ihr

berührt sich im Allgemeinen das doppelte Interesse und Bildungsprinzip

der Wissenschaft und der Kunst mit einander. Wissenschaft und Kunst

bilden einen doppelten verschiedenartigen Typus und Quell aller

höheren Bildung des menschlichen Geistes. An den Gegenständen, Fragen

und Interessen der Kunst aber nimmt das grössere gebildete Publikum

im Ganzen ein mehr unmittelbares und lebendiges Interesse als an

denjenigen der Wissenschaft. Die Kunst ist an sich für Alle im Volk

ohne Weiteres bestimmt, während die Wissenschaft mehr das besondere

Eigenthum einzelner ausschliessend hierzu berufener Kreise zu bilden

pflegt. Hier bildet insbesondere nur die Philosophie mit allen zu ihr

gehörenden weiteren Fragen und Interessen ein solches Gebiet, welchem

auch die grössere Menge der Gebildeten im Volke wenigstens in gewissem

Sinne eine Theilnahme zu schenken gewohnt ist. Die historischen

Grössen der Philosophie unter uns, Kant, Fichte, Schelling, Hegel

u. A., gehören wesentlich mit in die Kategorie der allgemeinen geistigen

Heroen der Nation und es haben ihre Lehren theils mittelbar durch

die Einwirkung auf die übrige Wissenschaft, theils unmittelbar oder

durch sich selbst einen entscheidenden Einfluss auf den ganzen

Fortschritt des geistigen Lebens derselben ausgeübt. Dieser Einfluss

der Philosophie aber hat sich wie nach anderen Richtungen des Lebens,

so namentlich mit auf diejenige der Erfassung des Schönen und des

künstlerischen Gestaltens und Schaffens erstreckt. Die Aesthetik

ist an sich das populärste oder das dem Standpuncte der allgemeinen

menschlichen Geistesbildung am Leichtesten zugängliche Gebiet des

philosophischen Denkens. Der Gebildete hat nicht blos das Bedürfniss,

das Schöne zu geniessen, sondern auch über dasselbe nachzudenken und

sich gesellig zu unterhalten. Alle höhere und elegante Geistesbildung

liegt wesentlich zwischen den beiden einzelnen Gebieten der Kunst und

der Wissenschaft oder der Philosophie in der Mitte. Wir versuchen

gleichsam überall, dasjenige was wir durch die Empfindung aufgenommen

haben, in die Sprache des Gedankens einzuführen und durch sie Anderen

mitzutheilen. Das Empfindungsmässige ist also überhaupt zugleich durch

den Gedanken erkennbar oder es setzt alle Aesthetik überhaupt eine

gewisse Homogenität des Empfindens mit dem Denken voraus. Wir erkennen

insofern immerhin den Standpunct Baumgartens, der in der Aesthetik

eine allgemeine Wissenschaft vom menschlichen Empfinden sah, als

einen berechtigten an. Es ist zuletzt eine leere und nichtssagende

Phrase, dass unser Interesse und Wohlgefallen am Schönen sich blos auf

die reine und leere Vollkommenheit seiner Form oder seiner äusseren

harmonischen Erscheinung gründe. Auch das eine schöne Formverhältniss

gefällt und berührt uns überall in einer anderen Weise als das andere.

Alles Sinnliche ist überhaupt gleichsam eine wirkliche und lebendige

Sprache für unser Empfinden und es muss dasselbe in seiner inneren

Natur und Einrichtung in einer ganz ähnlichen Weise von uns aufgefasst

und erkannt werden als die wirkliche äussere Erscheinung unseres

Denkens in den Worten und Formen der Sprache.

Jedes Gebiet des menschlichen Geisteslebens hat an sich irgend ein

bestimmtes höchstes und oberstes Gesetz, welches den ganzen weiteren

Umfang seiner Erscheinungen beherrscht und in welchem die allgemeine

Einheit und Richtschnur seiner ganzen Auffassung und Beurtheilung durch

uns enthalten liegt. Es giebt ein oberstes Gesetz für unser logisches

Denken und ein solches für unser sittliches Handeln; ebenso muss es an

sich auch ein solches Gesetz geben für unser Empfinden oder für unsere

ganze Auffassung des Schönen. Alle an sich schönen Dinge sind in einer

specifischen Weise unterschieden und begrenzt gegenüber denjenigen,

die derselben Eigenschaft entbehren. Das specifische Kennzeichen des

Schönen aber beruht zunächst überall nur in dem Elemente der Form oder

der äusseren Verhältnisse der Theile eines Ganzen. Es findet hier oft

eine sehr feine aber bestimmte Grenze statt, durch die sich die schöne

Sache von der nicht schönen unterscheidet. Hauptsächlich aber sind es

zunächst bestimmte Verhältnisse der einzelnen Theile, an welche der

ganze Charakter des Schönen in einer Sache gebunden erscheint. Auf

diesen Umstand hat sich die Meinung begründet, dass das Schöne in den

Verhältnissen seiner einzelnen Theile messbar oder berechenbar sein

müsse. Diese Meinung hat zunächst in der ältesten ästhetischen Lehre,

welche die Geschichte kennt, in der der Pythagoreer, ihren Ausdruck

gefunden. Die Pythagoreer bemerkten die Bedeutung des Zahlenelementes

zuerst namentlich auf dem Kunstgebiete der Musik. Das Wohlgefällige

oder Schöne ist hier in untrennbarer Weise gebunden an ein bestimmtes

mathematisches Verhältniss der Töne. Auch sonst aber fühlen wir

überall die Bedeutung und das entscheidende Gewicht des Elementes

des Maasses in den Verhältnissen des Schönen. Es widerspricht an

und für sich unserer Vorstellung von einem ästhetischen Ganzen oder

einem Kunstwerk, dass sich dasselbe ähnlich wie eine Maschine müsse

mathematisch bestimmen oder berechnen lassen. Nichtsdestoweniger weisen

in der Einrichtung des Kunstwerkes eine Menge von Erscheinungen auf

eine solche Analogie hin und es wäre auch offenbar die Spitze oder

der Triumph alles wissenschaftlichen Erkennens des Schönen, wenn es

jemals gelange, irgend ein bestimmtes Kunstwerk in den sämmtlichen

Maassverhältnissen seiner Theile in einer vollkommen genauen und

exacten mathematischen Weise zu bestimmen. Es sind in der neueren

Zeit bestimmte dahin gehende Versuche angestellt worden. Insbesondere

gehören hierzu die Forschungen Zeisings über das Verhältniss des

sogenannten goldenen Schnittes. Dieses Verhältniss, nach welchem von

zwei ungleichen Hälften einer Sache die kleinere oder der minor sich zu

der grösseren oder dem major verhält wie dieser letztere zur Summe von

beiden oder zum Ganzen, besitzt offenbar eine hervorragende Bedeutung

in der Einrichtung und den Proportionen aller ästhetischen und

überhaupt auch der organischen oder lebendigen Dinge. Zeising erblickt

in demselben gleichsam den unbedingten Schlüssel zu der Auflösung

aller wohlgefälligen und künstlerischen Proportionen. Ich lege selbst

diesem Prinzip einen entscheidenden Werth bei, aber ich bin nicht mit

Zeising der Meinung, dass mit demselben das Schöne ohne Weiteres in

seinen ganzen Verhältnissen bestimmt oder ausgemessen werden könnte.

Die Aesthetik ist zuerst eine Wissenschaft aus Gedanken oder Begriffen;

sie hat sich vor Allem der ganzen Prinzipien für die Behandlung ihres

Stoffes bewusst zu werden. Es lässt sich nicht Alles am Schönen ohne

Weiteres mathematisch ausmessen, bestimmen oder berechnen. Aus den

Forschungen Zeisings geht vielleicht mit Sicherheit nur so viel hervor,

dass die Proportion des goldenen Schnittes ein gewisses mittleres

Durchschnittsmaass der schönen oder wohlgefälligen Verhältnisse bilde,

aber es schliesst sich dieselbe keinesweges überall in einer genauen

und stricten Weise an die Wirklichkeit dieser letzteren an. Jedes

einzelne Schöne ist überhaupt in seinen ganzen Verhältnissen immer

etwas Besonderes und Eigenartiges für sich; auch die Verhältnisse des

Maasses seiner Theile bilden überall nur eine bestimmte einzelne Seite

oder Beschaffenheit seines Wesens im Ganzen. Wir sind durchaus der

Ansicht, dass die Aesthetik eine wesentlich beobachtende oder sich an

die gegebene Wirklichkeit der einzelnen Erscheinungen ihres Gebietes

anschliessende Wissenschaft sein müsse, d. h. wir erblicken in allen

allgemeinen Gedanken und generalisirenden Reflexionen über das Schöne

eine blosse vorbereitende Einleitung für das wirkliche und vollständige

Erfassen der gegebenen individuellen Erscheinungen dieses letzteren

selbst. Jedes einzelne Schöne bildet in seiner ganzen besonderen

Einrichtung immer ein neues und eigenthümliches ästhetisches Problem

für sich; für die Bearbeitung desselben aber gehen aus der Natur oder

dem Begriffe des Schönen gewisse allgemeine Prinzipien oder Methoden

hervor.

Aesthetische Farbenlehre · 第 7 / 9 段