Eine der tiefsinnigsten und richtigsten Bemerkungen der Pythagoreer

war die, dass die allgemeinste und wichtigste Eintheilungsform alles

Wirklichen die der Entgegensetzung ist und dass überall von zwei

einander entgegengesetzten Theilen oder Hälften die eine die ihrem

Werth und ihrer Bedeutung nach höhere oder vollkommenere ist oder zu

sein scheint, als die andere. Die Entgegensetzung ist an sich die

einfachste und elementarischste Art aller natürlichen Eintheilung

oder Gliederung des Wirklichen; das denkbar einfachste arithmetische

Eintheilungsprinzip ist dasjenige durch die Zahl zwei und es hat

eben dieses an dem Verhältnisse der Entgegensetzung seinen näheren

lebendigen oder organischen Inhalt. Ueberall aber findet zwischen

zwei qualitativ entgegengesetzten Begriffen oder Theilen eines Ganzen

zugleich ein gewisser absoluter Unterschied des Werthes oder des

höheren und niederen Grades der allgemeinen Vollkommenheit statt. Es

ist insofern bei aller Verschiedenheit des Inhaltes der Qualität doch

immer ein bestimmtes gleichmässiges oder constantes Verhältniss des

Unterschiedes der Quantität oder des Werthes, welches sich durch alle

wirklichen Gegensätze hindurchzieht. Wir geben diesem Verhältnisse auch

dadurch einen Ausdruck, dass wir denjenigen Begriff, der uns als der

höhere oder vollkommenere gilt, regelmässig überall an die erste, den

anderen dagegen an die zweite Stelle zu setzen pflegen, so wie wir

z. B. sagen: Gott und Welt, Thier und Pflanze, Mann und Weib, Gutes und

Böses, Oben und Unten, Rechts und Links u. s. w., nicht aber umgekehrt.

Dieses allgemeine Gesetz der qualitativen Entgegensetzung aber erinnert

gewissermaassen an die Zeising'sche Regel des goldenen Schnittes als

das angenommene oberste Prinzip aller organischen oder lebendigen

Eintheilung der Quantität oder des Maasses. Auch dort giebt es überall

einen Major und einen Minor oder eine stärkere und eine schwächere

Hälfte eines höheren gemeinsamen Ganzen und es darf angenommen werden,

dass das Verhältniss dieses doppelten Unterschiedes der Qualität

auch innerlich ein ähnliches sein werde als das jenes doppelten

Unterschiedes des Maasses oder der Quantität.

Das Verhältniss des goldenen Schnittes hat, wie es scheint, auch an

sich selbst einen gewissen Anspruch darauf, als höchster Ausdruck

einer unmittelbar wohlgefälligen und organisch-lebendigen Proportion

oder Eintheilung des Maasses zu gelten. Das Zusammenstimmende oder

Passende in den Verhältnissen des Maasses bei allem Organischen und

Schönen ist nicht von der Art, dass es durch irgend eine einfache

arithmetische Formel ausgedrückt werden könnte oder mit einer solchen

übereinzustimmen schiene. Hierdurch unterscheidet sich offenbar

die Ordnung alles Lebendigen von derjenigen des durch uns selbst

kunstmässig berechneten mechanischen Dinges. Dieses letztere hat seine

mathematische Proportion oder die Formel seiner arithmetischen Ordnung

ausser sich selbst und es macht eben darum in seinen Verhältnissen im

Allgemeinen einen eckigen, unschönen und unlebendigen Eindruck. Dem

Organischen und dem Schönen aber ist das Prinzip der mathematischen

Ordnung an sich selbst inwohnend oder immanent und es bringt eben

darum auf uns den Eindruck des Freien, Natürlichen, Ungezwungenen

und eigenartig Selbstständigen hervor. Das Organische und das Schöne

ist einheitlich geordnet, aber der Gedanke dieser Ordnung ist ein

ihm selbst inwohnender und nicht wie der des mechanischen Dinges ein

von Aussen her auf dasselbe übertragener. Wir finden es daher nicht

regelmässig oder begrifflich gestaltet im Sinne der gewöhnlichen

mechanischen Mathematik, aber es ist gleichsam eine tiefere innerliche

oder organische Mathematik, welche uns in ihm zu walten scheint. Es

ist möglich, dass auch unsere ganze Mathematik selbst noch einer

Erweiterung fähig ist, inwiefern es ihr gelingen sollte, die Gesetze

und Verhältnisse der organischen oder lebendigen Gestalten der Dinge

zu begreifen. Die gewöhnliche Geometrie ist nur die Wissenschaft von

den reinen oder abstracten Elementen und Verhältnissen des Raumes.

Die Gestalten der wirklichen oder lebendigen Dinge aber scheinen

sich gleichsam als Fortsetzungen oder speciellere Durchdringungen an

jene reinen Elemente des Raumes anzuschliessen, etwa ähnlich wie die

wirklichen Materien und Stoffe der Natur durch die Chemie als Producte

der Verbindung und innigen Durchdringung der reinen und einfachen

stofflichen Grundelemente nachgewiesen werden.

Die Regel des goldenen Schnittes bildet insofern ein durchaus

eigenthümliches und singuläres Verhältniss oder Prinzip der Eintheilung

des Maasses als hier in einem und demselben wirklichen Verhältniss

zweier Theile der nämliche Unterschied des Maasses sich zweimal

zugleich vorfindet, indem die grössere Hälfte eines Ganzen durch dieses

letztere oder durch die Summe seiner beiden einzelnen Hälften gerade um

ebenso viel wiederum aufgehoben oder übertroffen wird als sie selbst

über die kleinere hinausragt oder als diese von ihr aufgehoben und

übertroffen wird. Das Ganze ist hier gleichsam der natürliche Rächer

des Unterliegens der kleineren Hälfte gegenüber dem Uebergewichte der

grösseren, da diese ihm selbst gegenüber gerade um so viel kleiner ist

als sie grösser war im Verhältniss zu jener. Die grössere Hälfte ist

ganz in demselben Maasse der Major im Verhältnisse zu der kleineren

oder dem Minor als sie selbst der Minor ist im Verhältniss zu dem

Ganzen oder der Summe. Wir glauben hierin gewissermaassen einen

Ausdruck der ethischen Idee der Gerechtigkeit in der natürlichen

Vertheilung des Maasses erblicken zu dürfen. Auch das Gesetz oder

der Gedanke einer Tragödie beruht zuletzt ganz auf demselben Princip

oder Verhältniss, welches uns hier auf dem Gebiete des Maasses in

der Regel des goldenen Schnittes erscheint. Der tragische Held, ein

verhältnissmässig grosser Mensch, ist hier gleichsam der Major,

welcher ein bestimmtes Unrecht begeht, indem er über den Minor oder

über den Maassstab der gewöhnlichen und kleinen Dinge oder rechtlichen

Verhältnisse des menschlichen Lebens hinausgreift und diesen verletzt;

er wird hiefür aufgehoben oder vernichtet durch die höhere Idee der

Gerechtigkeit, welche im Ganzen oder in der Gesammteinrichtung oder

im allgemeinen Verlaufe des menschlichen Lebens waltet und es muss

die ihn treffende Strafe überall dem Maasse jenes von ihm begangenen

Unrechtes adäquat sein. Das Ganze also ist auch hier immer ganz in

demselben Maasse das Grössere oder Stärkere gegenüber dem Major als

dieser selbst gegenüber dem Minor und es sind wesentlich überall diese

drei Factoren, aus denen sich die Idee oder Einrichtung einer Tragödie

zusammensetzt. Das Gesetz der ethischen Gerechtigkeit im Leben und das

der ästhetischen oder organischen Harmonie in allem Lebendigen ist also

wesentlich überall eines und dasselbe und es schliesst sich auch das

Verhältniss des Major und des Minor oder der stärkeren und schwächeren

Hälfte eines jeden sonstigen qualitativen Gegensatzes im Leben, wie

z. B. des Männlichen und des Weiblichen, an die nämliche Grundform

aller wirklichen Eintheilung oder Gliederung an.

Die innere Harmonie einer jeden specifisch schönen Sache oder eines

Kunstwerkes ist allerdings überall noch eine höhere, reinere und

vollkommenere als die des gewöhnlichen, wirklich lebendigen oder

organischen Dinges. Es ist vielleicht möglich, diesen Unterschied an

irgend ein bestimmmtes näheres oder specifisches Merkmal zu binden.

Das wirklich Lebendige oder Organische strebt durch sich selbst in

einzelnen seiner Erscheinungen der reineren und höheren Vollkommenheit

des Künstlerischen zu und es ist das Kunstwerk selbst überall nur

der Ausdruck des höchsten und eigentlichen Vollkommenheitszieles der

empirischen Dinge in der übrigen wirklichen Welt. Wir glauben den

Satz aussprechen zu dürfen, dass diese höhere und reinere ideale

Vollkommenheit in der Erscheinung des Kunstwerkes gegenüber der

sonstigen gemeinen Wirklichkeit ihren nächsten und wesentlichen Grund

überall darin habe, dass dort die an sich schwächeren oder überhaupt

die der Seite des Minor in einer jeden organischen Entgegensetzung

angehörenden Elemente sich auf eine verhältnissmässig höhere Stufe der

Bedeutung oder der äusseren Anerkennung ihres inneren Werthes gestellt

und erhoben finden werden als hier. In der wirklichen Welt regiert im

Allgemeinen das rohe und brutale Uebergewicht des Stärkeren über das

Schwächere und es beruht hierauf zuletzt der allgemeine Eindruck des

Unbefriedigenden oder des das Gefühl der ästhetischen Gerechtigkeit

Verletzenden, welches dieselbe für uns an sich trägt. Im Kunstwerk

oder in der Sphäre des Schönen dagegen wird das an sich Schwächere im

Allgemeinen immer nach dem ihm inwohnenden geistigen Werthe zu seiner

wahrhaften und berechtigten Geltung gegenüber der rohen Gewalt des

Stärkeren gebracht und es gründet sich eben hierauf jener Eindruck des

höheren ästhetischen Gerechtigkeitsgefühles, welcher aus der wahrhaft

und vollkommen schönen Sache für uns entspringt. Das Niedrige und

Gemeine tritt im Kunstwerk zurück und der verborgene Werth des Edlen

gelangt hier zu seinem wahrhaften Rechte. Die Waagschale des Major

und des Minor wird im Kunstwerk zu Gunsten dieses letzteren Elementes

um ein Bestimmtes gegenüber der Wirklichkeit verändert und es ist

anzunehmen, dass dieses dann überall der richtige Ausdruck des wahren

und eigentlichen oder rein idealen Standpunctes und seinsollenden

Verhältnisses beider Elemente sein werde. Hierauf gründet sich überall

der Eindruck des Leichten, Edlen und unmittelbar Gefälligen, welcher

dem Kunstwerke gegenüber der wirklichen Sache beiwohnt. So wird in

allen idealen oder an das Künstlerische anstreifenden Verhältnissen des

Lebens dem weiblichen Geschlecht eine relativ hervorragendere Stellung

neben dem männlichen angewiesen als dieses sonst in allen gewöhnlichen

oder nüchternen Einrichtungen der Fall zu sein pflegt. Die Pflanze als

der Minor des organischen Lebens in der Natur hat ebenso für die Kunst

einen verhältnissmässig höheren Werth als das Thier. Im Versmaasse wird

von dem kurzen Sylbenelement immer ein verhältnissmässig grösserer

Gebrauch gemacht oder es tritt dasselbe dem Elemente der langen Sylbe

hier in einer verhältnissmässig grösseren Wichtigkeit und Stärke zur

Seite als dieses in der gewöhnlichen Rede der Fall ist oder es wird

auch hier in der Kunstgestalt der Sprache die Bedeutung des Minor

gegenüber der des Major überall um ein Bestimmtes erhöht. Es ist

aber zuletzt überall nur die Auflösung des gegebenen Schönen in den

Complex seiner sämmtlichen sowohl qualitativen als quantitativen

Beschaffenheiten und die Vergleichung oder Abwägung des relativen

Werthes aller seiner einzelnen Elemente unter einander, in welcher das

wahrhafte Prinzip der wissenschaftlichen Erkenntniss desselben erkannt

werden kann.

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Aesthetische Farbenlehre · 第 9 / 9 段