war die, dass die allgemeinste und wichtigste Eintheilungsform alles
Wirklichen die der Entgegensetzung ist und dass überall von zwei
einander entgegengesetzten Theilen oder Hälften die eine die ihrem
Werth und ihrer Bedeutung nach höhere oder vollkommenere ist oder zu
sein scheint, als die andere. Die Entgegensetzung ist an sich die
einfachste und elementarischste Art aller natürlichen Eintheilung
oder Gliederung des Wirklichen; das denkbar einfachste arithmetische
Eintheilungsprinzip ist dasjenige durch die Zahl zwei und es hat
eben dieses an dem Verhältnisse der Entgegensetzung seinen näheren
lebendigen oder organischen Inhalt. Ueberall aber findet zwischen
zwei qualitativ entgegengesetzten Begriffen oder Theilen eines Ganzen
zugleich ein gewisser absoluter Unterschied des Werthes oder des
höheren und niederen Grades der allgemeinen Vollkommenheit statt. Es
ist insofern bei aller Verschiedenheit des Inhaltes der Qualität doch
immer ein bestimmtes gleichmässiges oder constantes Verhältniss des
Unterschiedes der Quantität oder des Werthes, welches sich durch alle
wirklichen Gegensätze hindurchzieht. Wir geben diesem Verhältnisse auch
dadurch einen Ausdruck, dass wir denjenigen Begriff, der uns als der
höhere oder vollkommenere gilt, regelmässig überall an die erste, den
anderen dagegen an die zweite Stelle zu setzen pflegen, so wie wir
z. B. sagen: Gott und Welt, Thier und Pflanze, Mann und Weib, Gutes und
Böses, Oben und Unten, Rechts und Links u. s. w., nicht aber umgekehrt.
Dieses allgemeine Gesetz der qualitativen Entgegensetzung aber erinnert
gewissermaassen an die Zeising'sche Regel des goldenen Schnittes als
das angenommene oberste Prinzip aller organischen oder lebendigen
Eintheilung der Quantität oder des Maasses. Auch dort giebt es überall
einen Major und einen Minor oder eine stärkere und eine schwächere
Hälfte eines höheren gemeinsamen Ganzen und es darf angenommen werden,
dass das Verhältniss dieses doppelten Unterschiedes der Qualität
auch innerlich ein ähnliches sein werde als das jenes doppelten
Unterschiedes des Maasses oder der Quantität.
Das Verhältniss des goldenen Schnittes hat, wie es scheint, auch an
sich selbst einen gewissen Anspruch darauf, als höchster Ausdruck
einer unmittelbar wohlgefälligen und organisch-lebendigen Proportion
oder Eintheilung des Maasses zu gelten. Das Zusammenstimmende oder
Passende in den Verhältnissen des Maasses bei allem Organischen und
Schönen ist nicht von der Art, dass es durch irgend eine einfache
arithmetische Formel ausgedrückt werden könnte oder mit einer solchen
übereinzustimmen schiene. Hierdurch unterscheidet sich offenbar
die Ordnung alles Lebendigen von derjenigen des durch uns selbst
kunstmässig berechneten mechanischen Dinges. Dieses letztere hat seine
mathematische Proportion oder die Formel seiner arithmetischen Ordnung
ausser sich selbst und es macht eben darum in seinen Verhältnissen im
Allgemeinen einen eckigen, unschönen und unlebendigen Eindruck. Dem
Organischen und dem Schönen aber ist das Prinzip der mathematischen
Ordnung an sich selbst inwohnend oder immanent und es bringt eben
darum auf uns den Eindruck des Freien, Natürlichen, Ungezwungenen
und eigenartig Selbstständigen hervor. Das Organische und das Schöne
ist einheitlich geordnet, aber der Gedanke dieser Ordnung ist ein
ihm selbst inwohnender und nicht wie der des mechanischen Dinges ein
von Aussen her auf dasselbe übertragener. Wir finden es daher nicht
regelmässig oder begrifflich gestaltet im Sinne der gewöhnlichen
mechanischen Mathematik, aber es ist gleichsam eine tiefere innerliche
oder organische Mathematik, welche uns in ihm zu walten scheint. Es
ist möglich, dass auch unsere ganze Mathematik selbst noch einer
Erweiterung fähig ist, inwiefern es ihr gelingen sollte, die Gesetze
und Verhältnisse der organischen oder lebendigen Gestalten der Dinge
zu begreifen. Die gewöhnliche Geometrie ist nur die Wissenschaft von
den reinen oder abstracten Elementen und Verhältnissen des Raumes.
Die Gestalten der wirklichen oder lebendigen Dinge aber scheinen
sich gleichsam als Fortsetzungen oder speciellere Durchdringungen an
jene reinen Elemente des Raumes anzuschliessen, etwa ähnlich wie die
wirklichen Materien und Stoffe der Natur durch die Chemie als Producte
der Verbindung und innigen Durchdringung der reinen und einfachen
stofflichen Grundelemente nachgewiesen werden.
Die Regel des goldenen Schnittes bildet insofern ein durchaus
eigenthümliches und singuläres Verhältniss oder Prinzip der Eintheilung
des Maasses als hier in einem und demselben wirklichen Verhältniss
zweier Theile der nämliche Unterschied des Maasses sich zweimal
zugleich vorfindet, indem die grössere Hälfte eines Ganzen durch dieses
letztere oder durch die Summe seiner beiden einzelnen Hälften gerade um
ebenso viel wiederum aufgehoben oder übertroffen wird als sie selbst
über die kleinere hinausragt oder als diese von ihr aufgehoben und
übertroffen wird. Das Ganze ist hier gleichsam der natürliche Rächer
des Unterliegens der kleineren Hälfte gegenüber dem Uebergewichte der
grösseren, da diese ihm selbst gegenüber gerade um so viel kleiner ist
als sie grösser war im Verhältniss zu jener. Die grössere Hälfte ist
ganz in demselben Maasse der Major im Verhältnisse zu der kleineren
oder dem Minor als sie selbst der Minor ist im Verhältniss zu dem
Ganzen oder der Summe. Wir glauben hierin gewissermaassen einen
Ausdruck der ethischen Idee der Gerechtigkeit in der natürlichen
Vertheilung des Maasses erblicken zu dürfen. Auch das Gesetz oder
der Gedanke einer Tragödie beruht zuletzt ganz auf demselben Princip
oder Verhältniss, welches uns hier auf dem Gebiete des Maasses in
der Regel des goldenen Schnittes erscheint. Der tragische Held, ein
verhältnissmässig grosser Mensch, ist hier gleichsam der Major,
welcher ein bestimmtes Unrecht begeht, indem er über den Minor oder
über den Maassstab der gewöhnlichen und kleinen Dinge oder rechtlichen
Verhältnisse des menschlichen Lebens hinausgreift und diesen verletzt;
er wird hiefür aufgehoben oder vernichtet durch die höhere Idee der
Gerechtigkeit, welche im Ganzen oder in der Gesammteinrichtung oder
im allgemeinen Verlaufe des menschlichen Lebens waltet und es muss
die ihn treffende Strafe überall dem Maasse jenes von ihm begangenen
Unrechtes adäquat sein. Das Ganze also ist auch hier immer ganz in
demselben Maasse das Grössere oder Stärkere gegenüber dem Major als
dieser selbst gegenüber dem Minor und es sind wesentlich überall diese
drei Factoren, aus denen sich die Idee oder Einrichtung einer Tragödie
zusammensetzt. Das Gesetz der ethischen Gerechtigkeit im Leben und das
der ästhetischen oder organischen Harmonie in allem Lebendigen ist also
wesentlich überall eines und dasselbe und es schliesst sich auch das
Verhältniss des Major und des Minor oder der stärkeren und schwächeren
Hälfte eines jeden sonstigen qualitativen Gegensatzes im Leben, wie
z. B. des Männlichen und des Weiblichen, an die nämliche Grundform
aller wirklichen Eintheilung oder Gliederung an.
Die innere Harmonie einer jeden specifisch schönen Sache oder eines
Kunstwerkes ist allerdings überall noch eine höhere, reinere und
vollkommenere als die des gewöhnlichen, wirklich lebendigen oder
organischen Dinges. Es ist vielleicht möglich, diesen Unterschied an
irgend ein bestimmmtes näheres oder specifisches Merkmal zu binden.
Das wirklich Lebendige oder Organische strebt durch sich selbst in
einzelnen seiner Erscheinungen der reineren und höheren Vollkommenheit
des Künstlerischen zu und es ist das Kunstwerk selbst überall nur
der Ausdruck des höchsten und eigentlichen Vollkommenheitszieles der
empirischen Dinge in der übrigen wirklichen Welt. Wir glauben den
Satz aussprechen zu dürfen, dass diese höhere und reinere ideale
Vollkommenheit in der Erscheinung des Kunstwerkes gegenüber der
sonstigen gemeinen Wirklichkeit ihren nächsten und wesentlichen Grund
überall darin habe, dass dort die an sich schwächeren oder überhaupt
die der Seite des Minor in einer jeden organischen Entgegensetzung
angehörenden Elemente sich auf eine verhältnissmässig höhere Stufe der
Bedeutung oder der äusseren Anerkennung ihres inneren Werthes gestellt
und erhoben finden werden als hier. In der wirklichen Welt regiert im
Allgemeinen das rohe und brutale Uebergewicht des Stärkeren über das
Schwächere und es beruht hierauf zuletzt der allgemeine Eindruck des
Unbefriedigenden oder des das Gefühl der ästhetischen Gerechtigkeit
Verletzenden, welches dieselbe für uns an sich trägt. Im Kunstwerk
oder in der Sphäre des Schönen dagegen wird das an sich Schwächere im
Allgemeinen immer nach dem ihm inwohnenden geistigen Werthe zu seiner
wahrhaften und berechtigten Geltung gegenüber der rohen Gewalt des
Stärkeren gebracht und es gründet sich eben hierauf jener Eindruck des
höheren ästhetischen Gerechtigkeitsgefühles, welcher aus der wahrhaft
und vollkommen schönen Sache für uns entspringt. Das Niedrige und
Gemeine tritt im Kunstwerk zurück und der verborgene Werth des Edlen
gelangt hier zu seinem wahrhaften Rechte. Die Waagschale des Major
und des Minor wird im Kunstwerk zu Gunsten dieses letzteren Elementes
um ein Bestimmtes gegenüber der Wirklichkeit verändert und es ist
anzunehmen, dass dieses dann überall der richtige Ausdruck des wahren
und eigentlichen oder rein idealen Standpunctes und seinsollenden
Verhältnisses beider Elemente sein werde. Hierauf gründet sich überall
der Eindruck des Leichten, Edlen und unmittelbar Gefälligen, welcher
dem Kunstwerke gegenüber der wirklichen Sache beiwohnt. So wird in
allen idealen oder an das Künstlerische anstreifenden Verhältnissen des
Lebens dem weiblichen Geschlecht eine relativ hervorragendere Stellung
neben dem männlichen angewiesen als dieses sonst in allen gewöhnlichen
oder nüchternen Einrichtungen der Fall zu sein pflegt. Die Pflanze als
der Minor des organischen Lebens in der Natur hat ebenso für die Kunst
einen verhältnissmässig höheren Werth als das Thier. Im Versmaasse wird
von dem kurzen Sylbenelement immer ein verhältnissmässig grösserer
Gebrauch gemacht oder es tritt dasselbe dem Elemente der langen Sylbe
hier in einer verhältnissmässig grösseren Wichtigkeit und Stärke zur
Seite als dieses in der gewöhnlichen Rede der Fall ist oder es wird
auch hier in der Kunstgestalt der Sprache die Bedeutung des Minor
gegenüber der des Major überall um ein Bestimmtes erhöht. Es ist
aber zuletzt überall nur die Auflösung des gegebenen Schönen in den
Complex seiner sämmtlichen sowohl qualitativen als quantitativen
Beschaffenheiten und die Vergleichung oder Abwägung des relativen
Werthes aller seiner einzelnen Elemente unter einander, in welcher das
wahrhafte Prinzip der wissenschaftlichen Erkenntniss desselben erkannt
werden kann.
End of Project Gutenberg's Aesthetische Farbenlehre, by Conrad Hermann