Diejenigen beiden Dinge oder Erscheinungen in der Natur, welche

vorzugsweise durch den Unterschied der beiden Grundfarben

charakterisirt sind und deren Wichtigkeit und Bedeutung für uns auch

die grösste und entscheidende ist, sind der Tag und die Nacht. Der Tag

ist weiss, die Nacht ist schwarz oder es werden doch beide als solche

von uns angesehen und bezeichnet. Der Tag ist die Zeit der Helligkeit

oder des Erscheinens aller einzelnen Farben, die Nacht diejenige der

Finsterniss oder des Erlöschens und Verschwindens derselben. Die Zeit

selbst tritt uns insofern gleichsam als ein regelmässiger Wechsel

der weissen und schwarzen Farbe entgegen. Alle anderen einzelnen

Bedeutungen beider Farben knüpfen sich zuletzt an den Unterschied

dieser ihrer beiden wichtigsten und hervorragendsten Haupttypen im

Reiche der wirklichen Erscheinungen der Natur an. Der Tag ist die

Position, die Nacht ist die Negation des wirklichen oder physischen

Erscheinens der Farbe überhaupt. Wir leben in der einen Hälfte aller

Zeit gleichsam in der sinnlichen Grundanschauung des Weiss, in der

anderen aber in derjenigen des Schwarz. Die einzelnen Bedeutungen

beider Farben mögen sich zum Theil noch an verschiedene andere Typen

oder Vorbilder in der natürlichen Wirklichkeit anschliessen; zunächst

aber ist es dieser bestimmte Hauptgegensatz in der ganzen Einrichtung

der Natur, welcher für die Bedeutung oder den ästhetischen Werth

derselben als charakteristisch erscheint.

Das zweite Farbenpaar sind Gelb und Roth. Dieses sind die beiden

Farben, welche unmittelbar auf die Quelle des Lichtes oder der ganzen

Bedingung des Erscheinens der Farbe Bezug haben. Gelb ist die Farbe

alles Glänzenden oder Desjenigen, von welchem irgend ein weiterer

Lichteffect ausgeht. Das Weiss ist die specifische Lichtfarbe im

passiven, das Gelb im activen Sinne des Wortes. Auf dem Weiss erscheint

oder leuchtet jede andere Farbe, während das Gelb vielmehr von sich

aus strahlend andere Farben erleuchtet. Das Gelb ist die zunächst

dunklere Farbennüance nach dem Weiss; das Erscheinen des Weiss in der

Natur aber ist immer die Folge und Wirkung eines Gelb oder es hat das

Gelb seinen allgemeinen Typus an dem Licht als der realen Ursache

oder dem actuellen Träger der Bedingung alles anderen Sichtbaren. Das

Verhältniss des Gelb zum Roth aber ist conform demjenigen des Lichtes

zur Wärme als der extensiven und der intensiven Seite der brennenden

Substanz in der Natur oder des Feuers. Roth hat seinen Haupttypus

an der glühenden Kohle, so wie überhaupt an allem innerlich Heissen

und Warmen, zugleich auch an dem Blute des menschlichen Körpers.

Es bedeutet deswegen auch vorzugsweise Muth, innerliche Erregung,

Tapferkeit, Zorn oder Begeisterung und ist überhaupt die im eminenten

Sinne kriegerische Nüance der Farbe. Auf alle rohen und naturfrischen

Gemüther, Kinder, Wilde, selbst Thiere, übt das Roth einen ganz

besonders erregenden und Leben erweckenden Einfluss aus. Die dunklere

Nüance des Roth, das Purpur, welches an Schwarz anstreift, ist die

Farbe der königlichen Gewalt und Pracht, während die hellere, das Rosa,

in der Blume dieses Namens das Bild der zarteren Empfindung der Liebe

ist. Auch Gelb bedeutet ebenso Glanz, Macht, fürstliche Gewalt und

Herrlichkeit und hat seinen näheren Typus insbesondere an der Sonne

als der allgemeinen Quelle des Lichtes auf der Erde. In China ist die

gelbe Farbe die kaiserliche und sie kommt auch sonst in ähnlicher

Bedeutung vor. Ausser der Sonne sind namentlich auch das Gold und

der Löwe wichtige und bedeutungsvolle Dinge im Umfang des Gelben.

Diese drei Dinge, Sonne, Gold und Löwe sind in einem gewissen Sinne

die mächtigsten, ein jedes in einer besondern Sphäre des Lebens, und

sie verbinden sich daher auch in unserer Vorstellung leicht zu einer

Einheit mit einander, so wie es auf Wirthshausschildern in der Regel

heisst: zur goldenen Sonne, zum goldenen Löwen. Auch hat das Gelb

zuweilen die negative oder feindliche Bedeutung des Neides, des Hasses,

der Eifersucht u. s. w. Als allgemeine und entscheidende Naturtypen des

Gelb und Roth aber sind die beiden Prinzipien oder Elemente des Lichts

und der Wärme zu betrachten.

Das dritte Farbenpaar sind Grün und Blau, von denen jenes an der

blühenden Natur oder Vegetation, dieses aber am Himmel seinen

entscheidenden Typus hat. Die Natur aber und der Himmel sind die

beiden allgemeinen und wichtigsten Abtheilungen alles Seienden im

Raume. In beiden Farben werden unserem Auge die ausgedehntesten

Flächenerscheinungen dargeboten. Die vorhergehenden, dem reinen

Lichtprinzip näher stehenden Farben Gelb und Roth würden in dem

gleichen Umfange nicht von uns ertragen werden. Grün aber bedeutet im

Ganzen das reale oder sinnliche, Blau das ideale oder geistige Leben

und es ist jenes mehr der Ausdruck der frischen und blühenden Hoffnung,

dieses aber der der schwärmerischen und sehnsuchtsvollen Liebe. Dieser

doppelte Typus aber der Vegetation und des Himmels ist so ausgedehnt

und entscheidend, dass durch ihn der ganze Charakter beider Farben

unmittelbar und vollständig bestimmt wird. Beim Blau kommt ausserdem

noch zum Theil das Auge in Betracht und es gilt uns die blaue Farbe der

Augen insbesondere auch als Ausdruck der idealistischen Innerlichkeit

des Empfindens.

Das vierte Farbenpaar sind Orange und Violett, von denen jenes an der

gleichnamigen Frucht, dieses aber am Veilchen seinen charakteristischen

Typus findet. Der Umfang dieser beiden Farben ist im Gegensatz zu den

vorhergehenden ein ungemein beschränkter und es kommen hierbei auch

wesentlich nur jene beiden hauptsächlichen Typen allein in Betracht.

Das Orange aber hat weiterhin noch die Bedeutung der gereiften üppigen

stolzen und schwellenden Frucht, das Violett diejenige der stillen

selbstzufriedenen und bescheidenen Blüthe und es schliesst sich

dieser Gegensatz der realistischen und idealistischen Seite im Leben

der Vegetation als eine Fortsetzung an das gleiche Verhältniss des

vorhergehenden Farbenpaares an.

Das fünfte Farbenpaar endlich sind Braun und Grau, deren gemeinsamer

Charakter ein trüber, gedämpfter, nüchterner und prosaischer ist.

Diese Farben sind zu höheren decorativen Zwecken nicht geeignet und

es knüpfen sich an sie keine solche reine, bestimmte ideale und

optische Empfindungen an als an die vorhergehenden. Beide Farben aber

haben wiederum einen ziemlich weiten Umfang im Reiche der natürlichen

Dinge oder Erscheinungen. Braun ist im Allgemeinen die Farbe der

Erde so wie auch des Holzes und anderer nützlicher praktischer oder

brauchbarer Dinge. Grau dagegen ist insbesondere der Nebel, das Wasser

und überhaupt alles Dunstige, Trübe und Feuchte. Braun ist unter den

Thieren insbesondere der Bär, der gemüthliche König der Wälder des

Nordens, grau aber der geduldige, langweilige und in Rücksicht seiner

Einsicht übel berufene Esel. Grau heisst dem Dichter auch die Theorie

als das Trockene, Nebelhafte und Abstrakte. Diese beiden Farben

sind wegen ihrer Anspruchslosigkeit vorzugsweise zur menschlichen,

namentlich zur bürgerlichen Bekleidung geeignet, während dagegen für

die militärische Bekleidung mehr die reineren und bunteren Farben

als geeignet erfunden werden. Als Gesammttypen derselben aber dürfen

die Erde und das Wasser oder überhaupt die trockene und die feuchte

anorganische Substanz angesehen werden.

Es sind im Ganzen zehn einzelne Farben, durch welche die Menge aller

wirklichen Farbennüancen erschöpft und eingetheilt wird. In der

Reihenfolge der fünf Paare derselben aber findet ein bestimmter innerer

gesetzlicher Fortschritt statt. In jedem weiteren Farbengegensatz ist

immer eine fortgesetzte Abschwächung des ausschliessenden Gegensatzes

der beiden ersten oder Grundfarben Weiss und Schwarz enthalten. Unter

den ferneren Paaren stehen Gelb, Grün, Orange und Braun auf der

Seite des Weiss oder des hellen und positiven, Roth, Blau, Violett

und Grau dagegen auf der des Schwarz oder des dunkeln und negativen

Poles aller Farbe. Wir glauben in dieser Ordnung der Farben nur den

Ausdruck eines tieferen und allgemeineren Einrichtungsgesetzes aller

natürlichen Dinge erblicken zu müssen. Das Prinzip der Zehn oder

die Regel der dekadischen Gliederung bildet zuletzt die höchste und

umfassendste arithmetische Einheit und Ordnung aller wirklichen Dinge.

Es ist nicht zufällig, dass gerade diese Zahl die allgemeine Einheit

unseres menschlichen oder subjectiven Zahlensystemes bildet. Es hat

diese Einrichtung einen bestimmten objectiven oder metaphysischen

Hintergrund in dem ganzen Wesen der uns umgebenden äusseren Welt

selbst. Wir behaupten hiermit nicht, dass ohne Weiteres jedes Ding oder

jedes geordnete Ganze in der Natur nach der Regel der Zehn eingetheilt

und gegliedert sein müsse. Jede der einzelnen einfacheren Zahlen hat

vielmehr einen bestimmten Spielraum oder Umfang in der ganzen Ordnung

oder Gliederung der wirklichen Dinge. Es ist deswegen ungerechtfertigt,

in einer bestimmten einzelnen Zahl allein das allgemeine Einheits-

oder Grundgesetz des Wirklichen erblicken zu wollen, wie dieses z. B.

durch Hegel in Bezug auf die Drei geschehen ist. Unsere Behauptung

geht vielmehr blos dahin, dass unter allen diesen einzelnen Zahlen

zuletzt die Zehn die tiefste und umfassendste arithmetische Einheit in

der Ordnung des Wirklichen bilde. Auch das allgemeine und natürliche

System der Farben ist ein dekadisches und es schliesst sich dasselbe

insofern an dieses höchste arithmetische Einheits- oder Ordnungsgesetz

alles Wirklichen überhaupt an. So wie die Farben selbst aber bilden

auch die allgemeinen natürlichen Typen derselben oder diejenigen

Gegenstände und Erscheinungen in der Einrichtung aller Dinge, an

welche sich ihre allgemeine Bedeutung für uns zunächst anknüpft, ein

bestimmtes System oder eine geordnete Reihe. Die Bedeutung von Weiss

und Schwarz wies zurück auf die Erscheinungen von Tag und Nacht als

die beiden wichtigsten und Hauptunterschiede der Zeit als der ersten

Elementarbedingung alles weiteren Seienden überhaupt. Licht und Wärme

oder die Typen des zweiten Farbenpaares, Gelb und Roth, sind die beiden

Erscheinungen der Extensität und Intensität im Wesen des Feuers als der

allgemeinen bewegenden und belebenden Urkraft im Gesammtumfange des

Seins. Die Natur und der Himmel als die Typen des dritten Farbenpaares,

Grün und Blau, sind die beiden wichtigsten Hauptabtheilungen alles

Ausgedehnten im Raume. Das vierte Farbenpaar, Orange und Violett,

weist hin auf den Unterschied von Frucht und Blüthe als der beiden

wichtigsten Erscheinungen im Leben des Organischen, während endlich

das fünfte Farbenpaar, Braun und Grau, die beiden Hauptabtheilungen der

unorganischen Materie, Erde und Wasser, zu ihrem Hintergrund haben. Die

Zeit, die Kraft, der Raum, das organische Leben und der anorganische

Stoff sind insofern die fünf allgemeinen Seiten oder Prinzipien der

Natur, an deren inneren Gegensätzen uns zugleich jene zehn Farben als

ihre charakteristischen Erscheinungen entgegenzutreten pflegen.

9. Farbe, Musik und Sprache.

Die Verfolgung der einzelnen Farben in ihrem weiteren Vorkommen in der

Natur und in ihrer sich hieran anschliessenden menschlich-subjectiven

Bedeutung oder in dem mannichfachen Gebrauche, der durch uns von

ihnen gemacht wird, ist eine fernere ausgedehntere Aufgabe der

Wissenschaft, für welche hier nur die allgemeinen Prinzipien und

Grundlagen festgestellt werden sollten. Man glaube nicht, dass

alles dieses zu gering und überhaupt unwürdig oder ungeeignet für

eine wissenschaftliche Behandlung sei. Wir schliessen alle solche

Untersuchungen mit in den Begriff des wissenschaftlichen Gebietes

der Aesthetik ein. Alles einzelne Sinnliche hat einen bestimmten

Werth und eine Bedeutung für das geistige Empfinden des Menschen. Von

der Bestimmung dieses Werthes haben an und für sich alle weiteren

ästhetischen Untersuchungen ihren Ausgang zu nehmen. Die Aesthetik ist

ihrem allgemeinsten Sinne und weitesten Umfange nach die Wissenschaft

von dem empfindungsmässigen Werth oder der geistigen Bedeutung aller

uns umgebenden sinnlichen Erscheinungen überhaupt. Wir glauben in

allem diesem Sinnlichen etwas Geistiges zu erkennen und es ist in der

That auch der ganze uns umgebende sinnliche Schein noch etwas Anderes,

Tieferes und Mehreres als nur er selbst, indem er vielmehr als der

Ausdruck und die Erscheinung eines anderen geistigen Wesens oder

idealen Hintergrundes angesehen werden muss. Er interessirt uns nur

deswegen, weil er in der That noch etwas Anderes ist als nur er selbst.

Der sinnliche Schein ist nicht nur dazu da, damit wir durch ihn das

unmittelbare Wesen, d. h. die actuelle Gestalt, Grenze u. s. w. der

wirklichen Dinge erkennen, sondern er hat auch an sich und hiervon

abgesehen einen tieferen Werth und eine reine oder ideale geistige

Bedeutung für uns. Die Farbe ist uns an sich blos das Medium für die

Erkenntniss der Grenzen der Dinge, aber sie bildet auch als solche und

hiervon abgesehen eine Art von Sprache der äusseren Welt für unseren

Geist. Die Natur hat uns die Dinge durch die Farbe nicht blos gezeigt,

sondern sie hat sie auch in einer passenden, tiefen und sinnvollen

Weise für unser Verständniss illustrirt. Die Farbe ist nicht in dem

Sinne künstlerisch werthvoll und bedeutsam für uns wie der Ton, der in

der Musik den Stoff für eine eigene und selbstständige Kunstgattung

bildet. Es sind bei der Musik nicht sowohl die einzelnen Töne als

vielmehr die ganzen Verhältnisse und die Reihen derselben, an welche

sich unser Interesse und Wohlgefallen anknüpft. Dagegen hat dort mehr

die einzelne Farbe als solche ein tieferes und lebhafteres Interesse

für uns. Der Ton ist im Ganzen etwas Vorüberrauschendes, die Farbe

dagegen etwas Dauerndes und Bleibendes für uns. Die Farbe wird daher

auch leichter zum Ausdruck oder Symbol von etwas Bleibendem für uns

als der Ton. Es giebt allerdings auch eine Lehre von der Harmonie der

Farben ebenso wie eine solche von denen der Töne, aber wir sind hier

doch gegen das Unpassende nicht in dem gleichen Grade empfindlich als

dort. Auch die Zusammenstellungen der Farben haben oft einen gewissen

mittelbar bedeutsamen oder symbolischen Werth, indem sie uns an irgend

ein Verhältniss mit ihnen verwandter Gegenstände zu erinnern scheinen.

So bedeutet gleichsam Grün und Weiss Sommer und Winter, Weiss und Gelb

Silber und Gold, Schwarz und Weiss Pfeffer und Salz, Weiss und Roth

Milch und Blut u. s. w. Das was wir für gewöhnlich einfach geschmacklos

finden, hat oft zugleich irgend einen tieferen objectiv sachlichen

Grund, der mit dem Wesen oder der Bedeutung der Farbe zusammenhängt.

Der Thür eines Zimmers oder Hauses geben wir in der Regel einen

braunen, weissen oder schwarzen Anstrich; eine blaue Farbe wurde hier

absurd sein schon deswegen, weil Blau die Farbe des Himmels ist, also

des schlechthin Schrankenlosen, während die Thür gerade die Bestimmung

einer Grenze oder einer Schranke für uns hat. Auch das Absurde

kommt allerdings wohl in Sphären der niedrigen Geschmacksbildung

vor, so wie wir uns selbst erinnern, eine derartige Thür in einem

Bauernhause gesehen zu haben. Das menschliche Leben bietet hierin

einen reichen Stoff der Beobachtung dar. Das doppelte Tuch der

militärischen Bekleidung hat einen gewissen höheren poetischen Reiz

und verhält sich zu dem einfachen Rocke des Privatmannes etwa ähnlich

wie die gereimte Rede zu der gewöhnlichen Prosa. Unter den einfachen

Farbenzusammenstellungen sind die passendsten und wohlgefälligsten

diejenigen zwischen Weiss und irgend einer anderen mittleren Farbe,

Roth, Blau, Grün u. s. w. Der Gegensatz des Hellen und Dunklen ist

hier ein solcher, der überhaupt noch aufgehoben oder vermittelt werden

kann, während bei der Verbindung von Weiss und Schwarz jede Möglichkeit

einer solchen Ausgleichung ausgeschlossen ist. Eine Verbindung von

zwei mittleren Farben aber entbehrt der bestimmten Hindeutung auf den

einfachen und allgemeinen Gegensatz des Hellen und Dunkeln und es

knüpft sich insofern an sie nur ein geringerer Grad der das Interesse

weckenden Spannung für uns an. Als Landesfarben u. dergl. sind daher

auch jene Farbenverbindungen zwischen Weiss und irgend einer mittleren

Farbe im Durchschnitt die häufigsten und beliebtesten. In früherer

Zeit aber bildete zunächst immer nur eine Farbe den Ausdruck oder das

Symbol irgend einer politischen Partei. So war die kaiserliche Farbe

in Deutschland noch im dreissigjährigen Kriege roth, die französische

weiss. Von den drei jetzigen französischen Farben Roth, Blau, Weiss

ist jede gewissermaassen Ausdruck oder Symbol irgend einer politischen

Partei, der Republikaner, Constitutionellen, Legitimisten. Das Volk

liebt es überhaupt, die politischen Parteien ohne Weiteres mit einer

bestimmten Farbe als die Rothen, Schwarzen u. s. w. zu bezeichnen und

es bildet die Farbe überhaupt immer das prägnanteste und deutlichste

Merkmal irgend einer Partei. Dreifache Farbenzusammenstellungen aber

sind erst in der neueren Zeit aufgekommen; es giebt eine deutsche,

französische, italienische, ungarische u. a. Tricolore. Es mag ein

historischer Irrthum gewesen sein, der in der Zeit der Burschenschaft

das Schwarz-Roth-Gold zu den deutschen Nationalfarben erhoben hat; aber

wir haben es doch lange Zeit auf Treue und Glauben in diesem Sinne

angenommen. Schwarz ist Ernst, Roth ist Muth und golden heisst uns die

Treue, in diesen drei charakteristischen Nationaleigenschaften mag

wohl eine gewisse Rechtfertigung jener Farbenzusammenstellung erblickt

werden.

Auch jeder Ton ist allerdings in gewisser Weise charakteristisch und

sinnbildlich bedeutsam. In Bezug auf die Aesthetik des Tones aber

gelten zum Theil andere Gesetze und Regeln als in Bezug auf diejenige

der Farbe. Es ist an sich auch hier eine unrichtige Auffassung oder

Meinung als ob unser Interesse an der Musik in dem blossen Wohlgefallen

an den sogenannten reinen oder formalen Verhältnissen der Töne als

solchen seinen Grund habe. Das Beispiel der Musik ist in der Regel

dasjenige, welches in erster Linie für die sogenannte formalistische

Weise der Auffassung und Erklärung des Schönen angeführt zu werden

pflegt. Es ist wahr, die Musik stellt an sich nichts anderes Wirkliches

und ausser ihr Liegendes dar als nur sich selbst; sie ist nicht eine

eigentlich nachahmende Kunst so wie die Plastik und Malerei, sondern

sie besteht an und für sich nur in leeren und formalen vom menschlichen

Geiste selbst geschaffenen Verhältnissen oder Zusammenstellungen von

Tönen. Die Musik prätendirt nicht so wie jene anderen Kunstformen ein

getreues Bild irgend einer anderen objectiven Wirklichkeit zu sein und

es leidet insofern der ganze Begriff der künstlerischen Naturnachahmung

zunächst auf sie keine Anwendung. Sie will vielmehr beurtheilt sein

allein aus sich selbst und ihren eigenen inneren Verhältnissen. Eine

Dissonanz oder ein ästhetisches Missverhältniss in ihren Theilen

genügt sie zu verurtheilen oder ihre künstlerische Wirkung auf uns

aufzuheben. Dasselbe ist nicht ganz in dem gleichen Grade der Fall bei

jenen eigentlich nachahmenden oder sich direct an irgend ein wirkliches

Urbild anschliessenden Arten der Kunst. Diese werden zunächst immer

mehr beurtheilt nach ihrer Uebereinstimmung mit dem gegebenen äusseren

Object als aus ihren eigenen inneren rein formalen Verhältnissen

allein. Wir sehen hier leichter über irgend ein blos formales

Missverhältniss hinweg als dort, weil unsere Aufmerksamkeit sich in

erster Linie auf den sachlichen Inhalt oder das dargestellte materielle

Object selbst richtet. Die Musik dagegen besteht wesentlich nur in

Formen und es ist deswegen in ihr das Formgesetz an sich auch ein

reineres und strengeres als in irgend einer anderen Kunst. Bei einer

jeden anderen Art des Schönen unterscheidet sich das Kunstwerk von der

natürlichen Wirklichkeit wesentlich nur durch die reinere, einfachere,

vollkommenere und durchsichtigere Grenze der Form, in welche es den

gegebenen Inhalt oder das sachliche Vorbild von dieser einschliesst,

während bei der Musik das Kunstwerk selbst überall nur aus reinen,

leeren, unwirklichen oder subjectiv idealen Formverhältnissen zu

bestehen scheint. Es ist aber auch hier eigentlich trügerisch, als

ob die Musik nichts weiter sei oder darstelle als nur sich selbst.

Auch die Musik ist an sich eine darstellende oder nachahmende Kunst

in Bezug auf das innere oder subjective Empfindungsleben der Seele.

Sie verhält sich zu dieser Region an sich ähnlich wie die Plastik und

Malerei zu den sichtbaren oder räumlichen Dingen der äusseren Welt.

Auch eine jede musikalische Composition ist an sich der Ausdruck und

die Erscheinung einer bestimmten Empfindungsbewegung der menschlichen

Seele. Allerdings sind diese von der Musik dargestellten Empfindungen

nicht etwas so bestimmt Gegebenes und fest Begrenztes als die äusseren

oder sichtbaren Dinge im Raume und sie werden auch wesentlich immer

erst durch diese bestimmte Musik in uns hervorgerufen oder erzeugt.

Man kann nicht so bestimmt sagen, was irgend ein musikalisches

Werk darstelle oder bedeute, als dieses bei einem plastischen oder

malerischen Kunstwerke der Fall ist. Aber immer schliessen doch hier

die Formverhältnisse der Töne irgend einen weiteren geistigen Gehalt

oder eine tiefere über sie hinausreichende Bedeutung in sich ein.

Auch die Musik ist gewissermaassen immer eine Sprache von Tönen, die

uns irgend etwas Weiteres mittheilt oder eine ferner, weite zu ihr

gehörende Empfindung in uns erweckt. Es ist also überhaupt unrichtig zu

sagen, dass unser Wohlgefallen am Schönen sich auf das blosse Element

der Form oder der äusseren Verhältnisse seiner einzelnen Theile gründe;

auch diese Verhältnisse selbst haben überall einen tieferen Werth oder

drücken irgend etwas Weiteres und Ferneres aus als was sie unmittelbar

und an sich selbst genommen sind. Sowohl die einzelnen und einfachen

Elemente des sinnlichen Wahrnehmens als auch die ganzen Verhältnisse

und Compositionen derselben bedeuten überall noch etwas Anderes und

Weiteres für uns als was sie an sich selbst sind. Jeder sinnliche

Schein ist Ausdruck und Hindeutung auf etwas Geistiges. Es gilt dieses

selbst auch von den Eindrücken und Wahrnehmungen der niederen Sinne

des Menschen. Diese rufen zunächst allerdings blos bestimmte physische

Wirkungen und Erregungen in uns hervor, die aber doch zugleich auch

gewissen geistigen Anschauungen und Stimmungen homogen sind. Die

niederen Sinneswahrnehmungen und überhaupt die Zustände des Körpers

bilden die Basis für das höhere oder geistige Empfindungsleben der

Seele und es hat alles hierhin Gehörige wenigstens immer einen

mittelbaren und indirecten ästhetischen Werth.

Aesthetische Farbenlehre · 第 6 / 9 段