bedeutsamer als die Farbe. Wir besitzen in der Musik eine Kunst,
die nur aus reinen und leeren oder nichts weiteres Bestimmtes und
Materielles in sich einschliessenden Tonverhältnissen besteht. Eine
dem ähnliche Kunstgattung der Farbe aber giebt es nicht oder es hat
dieselbe doch einen durchaus niedrigen und untergeordneten Werth.
Die Farbe ist im Allgemeinen für die Kunst ein blosses Mittel der
Verschönerung und Illustrirung der sonst von ihr dargestellten
Gestalten oder Dinge. Die Malerei ist nicht in demselben Sinne eine
reine und specifische Kunst der Farbe als die Musik eine solche des
Tones. Für den Maler ist die Farbe wesentlich nur ein einzelnes
Element oder ein Mittel, während die Kunst des Musikers ganz allein
und ausschliessend in der Behandlung des Tones als solchen besteht.
An einer blossen reinen und leeren Harmonie von Farben nehmen wir
durchaus nicht dasjenige intensive und geistig lebendige Interesse, wie
an einer Harmonie von Tönen. Die Farbe ist für uns wesentlich immer
nur die Hindeutung oder der Ausdruck von noch irgend etwas Anderem,
während der Ton an sich und ganz allein der Träger und die Ursache
einer Empfindungsbewegung der Seele ist. Insofern also steht uns der
Ton an sich weit näher als die Farbe, welche für uns wesentlich nur
das Mittel für die Erkenntniss aller anderen Dinge und Erscheinungen
des Raumes ist. Nichtsdestoweniger doch hat andererseits die Farbe und
die ganze Wahrnehmung durch das Gesicht vollkommen die gleiche und in
gewissem Sinne eine noch höhere Bedeutung für uns als der Ton oder
die Wahrnehmung durch das Gehör. Was uns unmittelbar vor der Seele
steht, sind überall blos Farben oder anschauliche räumliche Gestalten
und Bilder. Wir übersetzen Alles innerlich in eine Wahrnehmung des
Gesichtes, was sonst in uns entsteht oder uns irgendwie von Aussen her
zugeführt wird. Das Leben unserer Seele ist an sich genommen wohl ein
zeitliches und insofern dem Wesen des Tones oder der Gehörwahrnehmung
zunächst verwandt. Da aber die Seele zunächst gebunden ist an den
Körper und sie insbesondere durch das Organ oder den Sinn des Gesichtes
mit der räumlichen oder körperlichen Welt in Verbindung steht, so muss
Alles was zu ihr gehört, zugleich in die Gestalt dieser Gattung von
Wahrnehmungen eintreten. Alles was in uns ist, ist unmittelbar genommen
eine Erscheinung oder Vorstellung von Farbe und es wird selbst das
ganze Seelenleben und Vorstellen des Blinden nichts sein können als
ein innerliches oder eingebildetes Sehen. Das Leben der Seele ist an
sich ein ewiger Wechsel oder ein zeitliches Fliessen von Vorstellungen,
aber diese einzelnen Vorstellungen sind sämmtlich an sich genommen von
räumlicher oder sichtbarer Art. Unsere Seele lebt actuell überall im
Raume oder in der Anschauung von räumlich ausgedehnten und sichtbaren
Bildern. Es ist wesentlich immer ein bestimmtes Zugleich, welches wir
innerlich vor uns haben oder zu sehen glauben; die einzelnen Puncte
dieses Zugleich aber werden von uns immer nur durch innerliche oder
eingebildete Farbenwahrnehmungen unterschieden. Es ist also überhaupt
wesentlich und in erster Linie die Vorstellung der Farbe, welche in
uns lebt. Hierdurch steht uns die Farbe wiederum näher oder sind wir
unmittelbarer und wesentlicher an sie gebunden als an den Ton. Ist aber
die Farbe zunächst für uns ein blosses Mittel für das Erkennen und
innerliche Vorstellen aller anderen räumlichen Dinge, so gewinnt sie
doch auch rein als solche für uns eine bestimmte geistige Bedeutung,
und eben nach dieser Richtung hin ist es, dass sie hier von uns
untersucht werden soll.
7. Das wissenschaftliche Prinzip der ästhetischen Farbenlehre.
Alles Räumliche tritt uns zunächst entgegen durch das Medium des
Lichtes oder der Farbe. Unser Interesse hierbei ist überall mehr
gerichtet auf die Dinge, die uns durch die Farbe gezeigt werden, als
auf diese letztere rein an sich oder als solche. Aber wir erfreuen
uns doch zunächst überall an der bunten und eigentlich überschüssigen
Farbenpracht der Natur und aller einzelnen Dinge. Die Farbe übt als
solche einen physischen Reiz auf uns, der zugleich auch ein gewisses
inneres oder geistiges Interesse in uns erweckt. Es wird gleichsam hell
in unserer Seele mit dem Eintreten der Vorstellungen oder Anschauungen
der Farbe. Das Leben in den Anschauungen oder Wahrnehmungen der Farbe
hat insofern einen ganz anderen Werth oder eine andere Bedeutung für
uns als dasjenige in denen des Tones. Der Ton berührt die Innerlichkeit
unseres Gemüthes, während durch die Farbe die anschauliche
Einbildungskraft geweckt und in Anspruch genommen wird. Das Leben im
Ton und das in der Farbe erzeugt wesentlich andere Erscheinungen und
Eigenthümlichkeiten in der menschlichen Seele. Alles Streben nach
Klarheit des Anschauens und Denkens wird wesentlich begünstigt und
getragen von dem Elemente der Farbe. Die Farbe ist wesentlich immer
das äusserliche oder objective, der Ton das innerliche oder subjective
Element im Sinnesleben der Seele. Die Farbe zieht uns hinaus aus uns
selbst oder veranlasst uns zur Erschaffung klarer und sichtbarer Werke
in der äusseren Welt, während der Ton die tiefe und dunkle Region
des inneren Traumlebens der Seele beherrscht. Die Farbe zieht uns
wesentlich zu sich heran, während der Ton umgekehrt von Aussen her in
unser Inneres eindringt. Die Farbe ist dasjenige, was zwischen uns und
der äusseren Körperwelt in der Mitte liegt. Sie übt als solche einen
rein sinnlichen Reiz auf uns aus, der aber bald auch einen inneren
oder geistigen Werth für uns gewinnt. Die Bestimmung dieses geistigen
Werthes der Farben ist es, welche uns hier beschäftigt, und es fragt
sich vor Allem nach der hierbei zu befolgenden wissenschaftlichen
Methode.
Der Werth, welchen der menschliche Geist einer bestimmten Farbe beilegt
oder die besondere Empfindungsanschauung, welche sich mit derselben für
ihn verknüpft, wird im Ganzen und Grossen überall als eine Erkenntniss
des eigenen Wesens oder der Bedeutung dieser Farbe an sich angesehen
werden müssen. Alle unsere Empfindungen, inwiefern sie sich direct
an bestimmte äussere Erscheinungen oder Momente des Wahrnehmens
anschliessen und unmittelbar durch sie in uns hervorgerufen werden,
haben die Gestalt von Erkenntnissen über dieselben. Der Eindruck eines
jeden solchen äusseren Momentes aber wird auf jeden normal angelegten
Menschen an sich auch der nämliche sein; das Erkennen im geistigen
Sinne des Wortes oder als ein innerer Act der Seele aber ist hierbei
immer zu unterscheiden von dem blos körperlichen oder physischen
Erkennen durch die einfache Thätigkeit oder Anwendung der Sinne als
solcher. Dass wir durch die Farbe die Dinge erkennen, in dem was sie
unmittelbar sind, in ihrer äusseren Gestalt, Begrenzung u. s. w. ist an
sich ein rein physischer Act; nur insofern aber als hiervon abgesehen
die Farbe an sich Ursache und Träger irgend einer inneren Empfindung
wird, kann von einem Erkennen im innern oder geistigen Sinne des Wortes
die Rede sein. Das blosse Anhören einer Musik ist ein physischer Act;
nur das Verstehen der in ihr niedergelegten Empfindungen kann als ein
innerliches oder geistiges Erkennen angesehen werden. Die Farbe ist für
uns zunächst Eins mit den Dingen, an welchen sie uns erscheint; sie
wird als solche für uns zu einem Gegenstand des empfindenden Erkennens,
wenn wir sie innerlich von diesen absondern und sie rein als solche zu
verstehen und auf uns wirken zu lassen versuchen. Diese Absonderung
selbst aber muss dem Acte des Erkennens vorausgehen. Es entsteht in
unserem Innern eine allgemeine Vorstellung von der bestimmten Farbe
und es bildet diese als solche den Gegenstand oder das Object unseres
ästhetischen Erkennens. Ein jedes solches allgemeine Farbenbild aber
ist es, dem wir einen bestimmten ästhetischen Werth zugestehen oder
welches in unserem Seelenleben als der Ausdruck und Repräsentant
bestimmter weiterer geistiger Ideen erscheint.
Die Vertheilung der Farben zwischen die einzelnen Dinge und
Erscheinungen in der Natur beruht jedenfalls auf irgend einem tieferen
allgemeinen und organischen Gesetz. Es wird nicht zufällig sein,
dass uns der Himmel blau, die Vegetation grün erscheint, wenn gleich
an sich auch das Umgekehrte der Fall sein könnte. Die Natur bedient
sich der Farben nicht bloss, um ihre einzelnen Dinge und Abtheilungen
durch sie von einander zu unterscheiden, sondern auch um sie in
dem was sie an sich oder ihrem Wesen nach sind, durch dieselben zu
charakterisiren. Jedes Ding oder jeder Theil der Natur tritt uns im
Allgemeinen in irgend einer bestimmten Farbe entgegen. Diese Farbe
bildet zugleich etwas innerlich und wesentlich Charakteristisches
für sie selbst. Die Farbe ist im Allgemeinen das natürliche Kleid
oder die Uniform des stofflichen Wesens der einzelnen Dinge. Jede
Farbe umschliesst im Allgemeinen einen bestimmten Kreis oder eine
Provinz natürlicher Dinge und Erscheinungen und darf insofern als
ein bestimmtes gemeinsames charakteristisches Merkmal derselben
angesehen werden. Aus einem solchen Kreise von Erscheinungen aber ragt
dann in der Regel die eine oder andere von einer besonders wichtigen
oder bedeutungsvollen Natur hervor, deren Charakter sich auf die
allgemeine Bedeutung jener Farbe für uns mit überträgt. So wird z. B.
diejenige Bedeutung, welche die blaue Farbe für uns besitzt, in
Uebereinstimmung stehen oder sich anschliessen an alle diejenigen
Empfindungsvorstellungen, welche sich zunächst an das Bild des Himmels
als der wichtigsten und bedeutungsvollsten Naturerscheinung auf
dem Umfangsgebiete des Blauen anknüpfen. Ein derartiges besonders
wichtiges und bedeutsames einzelnes Naturphänomen bezeichnen wir mit
dem Ausdrucke eines ästhetischen Typus der Farbe; im Allgemeinen aber
wird anzunehmen sein, dass der ästhetische Werth oder die Bedeutung
jeder einzelnen Farbe mit der Natur aller derjenigen Gegenstände oder
Erscheinungen, an denen sie sich regelmässig vorzufinden pflegt, in
einer naturgemässen und nothwendigen Uebereinstimmung stehen werde.
Eine jede Farbe hat so wie jeder Begriff einen Umfang, d. h. einen
Complex wirklicher Erscheinungen, den sie in sich umschliesst. Wir
bestimmen aber den Inhalt eines Begriffes oder suchen ihn zu ermitteln
durch die vergleichende Zusammenstellung oder Beobachtung der einzelnen
Erscheinungen seines Umfanges. Dasselbe Verfahren aber wird an und für
sich auch Anwendung finden müssen auf die Bestimmung des ästhetischen
Werthes oder Gehaltes jeder einzelnen Farbe. Auch hier wird die
Bedeutung oder der Inhalt, welchen dieselbe für unser Empfinden
besitzt und in sich vertritt, im Zusammenhange stehen müssen mit dem
geistigen Wesen oder dem Charakter aller derjenigen einzelnen Dinge
und Erscheinungen, an welchen sie sich in der Wirklichkeit vorfindet.
Dieser ganze Umfang des wirklichen Vorkommens einer Farbe aber kann
näher überall zerlegt werden in eine doppelte Abtheilung, in die
objective und die subjective, d. h. diejenige der Stellung derselben
im Reiche der natürlichen Dinge und diejenige ihrer Anwendung oder
ihres Gebrauches im Reiche der Vorstellungen und Dinge der menschlichen
Cultur. Die Natur vertheilt die Farben nach einem bestimmten
organischen Gesetz oder mit einer gewissen inneren Vernunft zwischen
die einzelnen Erscheinungen ihres ganzen Gebietes. Hieraus nimmt der
Mensch eine bestimmte innere Vorstellung von dem Wesen oder der
Bedeutung der Farben in sich auf und er giebt derselben einen Ausdruck,
indem er sie als Repräsentanten gewisser allgemeiner Begriffe oder
Ideen ansieht oder von ihnen einen eigenthümlichen Gebrauch in Bezug
auf die ihn selbst umgebenden Gegenstände oder Verhältnisse macht. Jene
objectiven Thatsachen und Phänomene aber bilden gleichsam die directen
oder unmittelbaren, diese subjectiven die indirecten oder abgeleiteten
Quellen für die Erkenntniss und Ermittelung des ästhetischen Werthes
der einzelnen Farben und es kommt bei diesen letzteren zugleich
überall die Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse und der
ganzen Lebensstellung jeder einzelnen menschlichen Subjectivität in
Betracht. Es hat aber die Natur selbst gleichsam schon gewollt, dass
die Farbe noch etwas mehr für uns sein solle als ein blosses Mittel
für das physische Erkennen ihrer einzelnen Dinge, indem sie dieselbe
im Allgemeinen in einer über dieses Bedürfniss weit hinausreichenden
Fülle und Mannichfaltigkeit vor uns ausgegossen hat. Es würden auch
wenigere und mattere Farben ausgereicht haben, um die Dinge als solche
von uns erkennen zu lassen. Diese Mannichfaltigkeit und Pracht der
Farben ist nach den einzelnen Klimaten selbst eine verschiedenartig
abgestufte und der Eindruck einer Landschaft am Nordpol verhält
sich zu dem einer solchen in den Tropen etwa ähnlich wie derjenige
einer einfachen schwarzen Zeichnung zu dem eines farbenreichen und
bunten Gemäldes. Die ganze grössere sinnliche Lebhaftigkeit und das
ausgeprägtere Formengefühl aller Südländer aber erklärt sich jedenfalls
zuerst mit aus der Einwirkung des bunteren und reicheren Farbenspieles
der Natur auf das menschliche Gemüth. Die Farbe öffnet im Allgemeinen
die Phantasie des Menschen dem Verständniss und der Hingebung an die
ihn umgebende äussere Objectivität und die inneren Vorstellungen oder
Bilder der Farben gewinnen daher auch für sein geistiges Innere leicht
einen tieferen und reichhaltigeren Werth.
Die Begriffe und Bezeichnungen für die einzelnen Unterschiede der
Farbe sind nicht überall vollkommen dieselben und es weichen in dieser
Rücksicht sogar die verschiedenen Sprachen oft nicht unwesentlich von
einander ab. Im Griechischen insbesondere war das System der Begriffe
über die Farbe noch zum Theil unvollkommener als bei uns. Es giebt auch
jetzt noch nicht für alle Nüancen der Farbe bestimmte Bezeichnungen;
häufig ist der Name einer Farbe abgeleitet oder entlehnt worden
von irgend einer bestimmten Sache, an welcher sie uns erscheint.
Die Mittel der Sprache reichen im Allgemeinen durchaus nicht aus,
alle einzelnen Arten oder Nüancen der sinnlichen Wahrnehmungen zu
bezeichnen. Es giebt nichtsdestoweniger ein bestimmtes System der
allgemeinen und wesentlichen Unterschiede der Farbe. Dieses System wird
gebildet aus fünf Paaren von Farbenverschiedenheiten, welche zugleich
überall in einem bestimmten mehr oder weniger scharf gespannten
Verhältniss des Gegensatzes zu einander stehen. Es sind dieses die zehn
Farben: weiss und schwarz, gelb und roth, grün und blau, orange und
violett, braun und grau. Es bilden diese zehn Begriffe den allgemeinen
Kanon für die Eintheilung der Farbe in ihrer Eigenschaft eines
sinnlichen Scheines. Jede derselben aber beherrscht im Allgemeinen eine
bestimmte Abtheilung oder Sphäre wirklicher Dinge und Erscheinungen.
Die Bedeutung aber, welche sie für uns besitzt, wird sich zunächst
gründen auf den Charakter dieser von ihr beherrschten wirklichen Dinge.
Wir versuchen daher zunächst auf Grund dieses Prinzipes den allgemeinen
Bedeutungswerth der einzelnen Farben zu bestimmen.
8. Das System der allgemeinen Unterschiede der Farbe.
Die beiden ersten allgemeinen und wichtigen Haupt- oder Grundfarben
sind Weiss und Schwarz. Beide stehen in einem schroffen und
ausschliessenden oder diametralen Gegensatz zu einander. Weiss ist die
Farbe des Lichtes, Schwarz diejenige der Finsterniss rein oder an und
für sich. Jenes ist der positive, dieses der negative Pol im ganzen
Umfange der Farbe überhaupt und alle anderen einzelnen Farben liegen an
und für sich zwischen diesem doppelten Extrem in der Mitte. Das Weiss
ist heller, das Schwarz ist dunkler als jede andere irgendwie denkbare
Farbe überhaupt. Wir unterscheiden beide Farben zunächst als neben
einander stehende nur dadurch, dass eine jede von ihnen das Gegentheil
der anderen ist. Nur im Verhältniss zu dritten Farben aber tritt ihr
specifischer Unterschiedscharakter hervor. Jede andere Farbe wird in
ihrem Effect gehoben oder verstärkt durch Weiss, aber verdunkelt durch
Schwarz. Weiss ist die natürliche Basis oder Folie, Schwarz aber die
natürliche Decke oder Negation einer jeden anderen mittleren Farbe.
Wenn beide Farben in Verbindung mit einander auftreten, so ist das
natürliche Verhältniss dieses, dass Weiss die Basis, Schwarz aber das
Aufgetragene oder die Decke bildet. Wir schreiben auch regelmässig
mit schwarzer Dinte auf weissem Papier, während das Umgekehrte,
weisse Schrift auf schwarzem Grunde, nur seltener oder wie etwa bei
Handlungsfirmen blos da vorzukommen pflegt, wo die schwarze Grundlage
sich selbst an einer anderen grösseren hellen Fläche befindet. Weiss
auf Schwarz macht überall einen anderen Effect als umgekehrt; wenn auf
der Strasse ein Bäcker und ein Schornsteinfeger an einander streifen,
so dass an jenem etwas Schwarzes, an diesem etwas Weisses haften
bleibt, so ist der Erfolg hiervon ein vollständig verschiedener; der
Bäcker wird sich ärgern und der Schornsteinfeger wird triumphiren;
jener fühlt sich als einen Gezeichneten oder es hat das Schwarze
an ihm die Gestalt eines Schandfleckes und einer Beschmutzung; für
diesen dagegen hat das Weiss die Gestalt eines Siegeszeichens oder
einer Trophäe und er fühlt sich als einen solchen, der einen Anderen
gezeichnet hat. Für den Neger ist das Bedürfniss der Kleidung schon
aus ästhetischen Gründen durchaus nicht in dem Grade gefordert als für
den Weissen; jede weisse Fläche verlangt als solche danach und ist
gleichsam natürlich dazu bestimmt, dass auf ihr irgend eine andere
Farbe erscheine. Hierauf gründet sich auch die menschliche Neigung,
alles Weisse irgendwie zu bemalen und zu beschreiben und es darf
alle Malerei und Schrift gewissermaassen schon als eine Folge dieser
natürlichen Provocation der weissen Farbe aufgefasst werden.
Die allgemeine Grundbedeutung des Weiss für die menschliche Vorstellung
ist jedenfalls die des Reinen, Einfachen, Unbefleckten, Harmlosen
und Unschuldigen. Es hat mit diesem Bedeutungscharakter der Farben
eine ähnliche Bewandtniss als mit demjenigen der Worte der Sprache.
Die ganze Aufgabe in Bezug hierauf ist eine ähnliche als diejenige
des Philologen, der ein bestimmtes Wort in dem ganzen Umfange seines
Gebrauches oder seiner Bedeutungen in der Sprache zu verfolgen sich
bestrebt. Alle diese verschiedenen Bedeutungen eines Wortes haben
in der Regel einen bestimmten gemeinsamen Kern und sie sind zuletzt
auch ebenso wie diejenigen einer Farbe aus einer bestimmten einfachen
sinnlichen Grundanschauung entsprossen. Es würde also unrichtig sein
zu sagen, dass die Bedeutung einer Farbe sich ohne Weiteres mit dem
Inhalte irgend eines allgemeinen logischen Begriffes decke oder dass
Weiss etwa schlechthin Unschuld u. desgl. bedeute; diese Bedeutung
einer einzelnen Farbe hängt vielfach auch davon ab, in welchen
bestimmten Umgebungen sie uns entgegentritt, ebenso wie auch auf die
Bedeutung eines Wortes überall ein eigenthümliches Licht geworfen wird
durch den Zusammenhang oder die Umgebungen, in welchen es uns im Satze
erscheint. Jede Farbe und zum Theil auch jedes Wort enthält immer
einen gewissen zunächst verschlossenen Keim möglicher Anwendungen oder
Gebrauchsweisen in sich, welcher erst aus seiner Verbindung mit anderen
Dingen oder Worten hervorzutreten pflegt. Auch das Wort ist eigentlich
überall in seiner Bedeutung etwas Anschauliches oder sinnlich
Konkretes, welches nur in seiner Anwendung oder logisch-syntaktischen
Verbindung die Stelle und Function eines eigentlich abstracten
Begriffes des Denkens ausfüllt. Es ist auch bei den Worten zum Theil
schwierig, sie in dem eigentlichen Kern ihrer innerlich anschaulichen
Bedeutung zu erfassen und es kann diese Aufgabe auch nur durch
eine aufmerksame Verfolgung derselben in ihrem ganzen wirklichen
Bedeutungsumfange gelöst werden.
Das Weiss erscheint uns in der Natur an einer Menge von Gegenständen,
die einen bestimmten ästhetischen Werth oder eine geistige Bedeutung
für uns besitzen. Weiss ist zunächst die Farbe des Schnees oder im
Allgemeinen das Kleid des Winters. Im Norden ist insofern in einem
bestimmten Theile des Jahres das Weiss die allgemeine Grundfarbe
der Natur. Die Natur wird bunter im Sommer und in den südlicheren
Theilen der Erde. Die allgemeine Farbe des Sommers aber ist grün und
die Zusammenstellung von Weiss und Grün erinnert insofern an das
Verhältniss von Winter und Sommer. Der Schnee aber ist sprüchwörtlich
für die Reinheit des Weiss, und Alles was wir schneeweiss nennen
gilt uns deswegen im besonderen Grade für fleckenlos und rein. Wir
verlangen insbesondere von der Wäsche, deren specifischer Charakter
die Reinheit ist, eine ähnliche vollkommene und äusserste Weisse als
diejenige des Schnees. Ausserdem gehört zu den weissen Dingen in der
Natur insbesondere die Milch, das erste und einfachste Nahrungsmittel.
Weiss ist ferner die Oberfläche des menschlichen Körpers, mindestens
bei den höheren Racen. Hier ist das Schwarz oder im Allgemeinen die
dunklere Färbung das natürliche Merkmal einer niedrigeren geistigen
oder intellectuellen Begabung. Die menschliche Hautfarbe variirt im
Allgemeinen zwischen allen denjenigen Nüancen, welche unmittelbar auf
das Prinzip des Lichtes Bezug haben, Weiss, Schwarz, Gelb, Braun,
Roth, während die eigentlich bunten Naturfarben, Blau, Grün u. s. w.
von ihr ausgeschlossen sind. Schwarz sind in der Natur im Allgemeinen
weniger wichtige und hervorragende Dinge. Die Bedeutung des Schwarz
ist wesentlich überall die des Ernsten, Tiefen, Feindlichen, Negativen
und Finstern. Weiss hat oft die Bedeutung oder den Werth des Heiligen,
Weihevollen, Erhabenen und Vornehmen. Beide Grundfarben begegnen sich
oft wie alle Extreme in dem Gebrauche, der von ihnen gemacht wird
oder in der Bedeutung, welche sie für uns besitzen. In beiden liegt
insbesondere eine Hindeutung auf das schlechthin Negative oder Leere,
den Tod und das Jenseits enthalten. Beide sind deswegen zugleich Farben
der Trauer, des gehobenen feierlichen Ernstes, der priesterlichen
Gewandung u. dgl. mehr. Die Zusammenstellung beider Grundfarben aber
macht an sich überall einen durchaus ernsten, würdevollen und an
das Tragische anstreifenden Effect, indem es der jede Vermittelung
ausschliessende Contrast oder Gegensatz des Positiven und Negativen
überhaupt ist, der uns in ihnen entgegengeführt wird. Alle sonstigen
feindlichen und ausschliessenden Gegensätze im Leben sind wir zuletzt
auf das Verhältniss dieser beiden Grundfarben als der prägnantesten
sinnlichen Vertreter jeder contradictorischen Entgegensetzung
zurückzuführen gewohnt. Nichts schliesst sich so unbedingt und schroff
von einander aus als Weiss und Schwarz. Die positive und freundliche
Seite eines jeden Gegensatzes aber wird überall durch die erstere, die
negative oder feindliche durch die letztere dieser beiden Grundfarben
vertreten.