welche uns durch die Wahrnehmungen der Sinne zugeführt werden. Das
Gemeinsame und Wiederkehrende dieser Eindrücke bildet für uns den
Stoff oder die Basis der Begriffe. Die Seele des Thieres kommt über
den blassen Wechsel der Sinneseindrücke nicht hinaus. Die Begriffe
aber sind an sich die collectiven Einheiten und Repräsentanten aller
einzelnen Gattungen von sinnlichen Wahrnehmungen. In ihnen also
ist das an und für sich Feste und Bleibende unseres ganzen inneren
Vorstellungslebens im Gegensatz zu dem vorübergehenden Wechsel der
sinnlichen Eindrücke enthalten. Die ganze Region der Begriffe ist
nichts als eine zusammengezogene Vereinigung und Verdichtung derjenigen
der sinnlichen Wahrnehmungen. Es ist insofern absolut falsch, den
Inhalt der Begriffe oder das Vermögen des Denkens als eine an sich
gegebene unabhängige und selbstständige Region des menschlichen
Seelenlebens neben derjenigen des sinnlichen Wahrnehmens und Empfindens
ansehen zu wollen. Erst aus den sinnlichen Wahrnehmungen allein ist
von Anfang an der ganze weitere Inhalt des Seelenlebens entstanden.
Die ganze Frage nach einem rein innerlichen oder a priori gegebenen
Besitze des Lebens der Seele beruht an sich auf einer unrichtigen
Vorstellung von der geistigen Natur des Menschen und seinem Verhältniss
zur äusseren Welt. Man hat hierdurch die eigene Unabhängigkeit und
Selbstständigkeit der Vernunft im Gegensatz zu ihrer Abhängigkeit
von der äusseren Erfahrung festzustellen versucht. Es geschah dieses
insbesondere durch den anthropologischen Idealismus und Subjectivismus
der Lehrweise Kants. Alles dieses aber ist an sich nichts als ein
falscher und missverstandener Weg, um den Satz von der inneren
Freiheit und Würde des menschlichen Geistes zu retten. Man glaubte
etwas Bestimmtes feststellen und ausfindig machen zu müssen, was dem
menschlichen Geiste an sich oder a priori und vor der Berührung mit
der äusseren Erfahrung eigenthümlich sein und auf welchem eben seine
ganze innere Herrschaft über die letztere beruhen sollte. Namentlich
ist es das Denken und sind es die ganzen inneren Regionen des Lebens
des menschlichen Geistes auf welchem zunächst seine Unabhängigkeit von
der äusseren Erfahrung und seine Herrschaft über dieselbe zu beruhen
scheint. Indirect aber geht auch alles dieses zuletzt nur aus der
Berührung mit der äusseren Erfahrung oder durch Anschluss an diese
hervor. Es kann nicht gesagt werden, dass irgend ein bestimmtes Moment
seines Innern dem menschlichen Geiste bereits an sich oder vor seiner
Berührung mit der äusseren Welt gegeben und eigenthümlich sei. Alles
dieses Innere in uns weist durchaus und mit Nothwendigkeit auf etwas
Aeusseres oder empirisch Gegebenes zurück. Was dem menschlichen Geiste
an sich gegeben und eigenthümlich ist, ist blos die Fähigkeit oder
Kraft, aus den Erscheinungen der äusseren Erfahrung alles dasjenige
Weitere abzuleiten und zu entwickeln, was er in sich selbst trägt und
worauf dann seine ganze spätere Freiheit und Herrschaft über jene
beruht. Alles dieses innere also kann höchstens im latenten Zustande
oder der blossen Möglichkeit nach als ursprünglich in ihm liegend
angesehen werden. Das Denken als eine bestimmte Actualität tritt im
Leben der Seele erst hervor mit dem Besitze der Sprache und es kann
höchstens im potentiellen Sinne des Wortes als etwas ursprünglich in
ihr Liegendes angesehen werden. Es geht aber hieraus noch keineswegs
hervor, dass das ganze innere Leben der Seele gleichsam eine blosse
unmittelbare und nothwendige Folge oder ein mechanischer Abdruck
des ausser ihr gegebenen Stoffes der Erfahrung sei. Es war dieses
wesentlich die Lehre der Stoiker von der menschlichen Seele als einer
tabula rasa, in welcher sich so wie auf der Fläche eines Spiegels mit
Nothwendigkeit das gegebene Bild der äusseren Welt reflectire. Nach
dieser Lehre müsste eigentlich in jeder menschlichen Seele vollkommen
dasselbe Bild der äusseren Welt oder ganz der gleiche Apparat der
Anschauungen, Vorstellungen, Urtheile u. s. w. entstehen als in der
anderen und es läugneten in der That auch die Stoiker die geistige
Individualität, indem sie annahmen, dass alle Weisen oder Vernünftigen
in allen Punkten des Lebens mit einander einstimmig sein müssten.
Auch der neuere anthropologische Empirismus der Engländer schliesst
sich an diesen Vorgang der Stoiker an, nur dass demselben wesentlich
die Behauptung der Einstimmigkeit des inneren Vorstellungsbildes der
Seele mit dem reinen Wesen oder dem Ansichsein der äusseren Welt
fremd ist und es sich hier blos um eine Ableitung des ganzen weiteren
inneren Vorstellens der Seele von den zuerst gegebenen einfachen
sinnlichen Anschauungen handelt. Kant aber versuchte die Selbstheit
der Vernunft oder des menschlichen Geistes zu retten durch die Annahme
eines Systemes ursprünglicher oder a priori gegebener Momente des
inneren Anschauens, Denkens, Wollens und Vorstellens. Er zog insofern
eine Grenze zwischen einem rein subjectiven, innerlichen, a priori
gegebenen und einem objectiven, äusserlichen oder a posteriori
aufgenommenen Theil des ganzen gegebenen Vorstellungsinhaltes der
menschlichen Vernunft. Diese oder irgend eine andere ähnliche Grenze
ist vollkommen unhaltbar. Kant stellte sich die menschliche Vernunft
in einer äusserlichen oder mechanischen Weise gleichsam vor als ein
Gefäss mit einer bestimmten gegebenen Form, deren Gesetz sich der
von Aussen in sie eintretende Inhalt anzubequemen habe. Es war diese
Vorstellungsweise allerdings eine nothwendige für die Durchführung
des Kantischen Grundgedankens von der Superiorität der menschlichen
Vernunft über den Inhalt der äusseren Erfahrung. Aber es kann eben
das Besondere und Eigenartige des menschlichen Geistes nicht in einen
solchen bestimmten und äusserlichen Apparat des Vorstellens verlegt
werden. Jeder einzelne menschliche Geist ist zunächst eine bestimmte
und eigenthümliche Kraft oder Form des Aufnehmens des Inhaltes der
äusseren Welt. Der menschliche Geist überhaupt ist wahrscheinlich
auch nur eine bestimmte solche eigenthümliche Kraft oder Form und es
darf derselbe keineswegs wie es in der Identitätslehre Schellings und
Hegels geschehen ist mit dem Geiste oder der Vernunft an sich und im
absoluten Sinne des Wortes verwechselt und zusammengeworfen werden.
Von dieser Eigenthümlichkeit des menschlichen Geistes überhaupt aber
werden wir annehmen dürfen, dass sie zunächst nur dem Begreifen der
uns unmittelbar umschliessenden besonderen irdischen Natur oder
Objectivität adäquat sein werde. Wir sind der Geist an sich auf dem
Schauplatze und innerhalb der Grenze des Lebens der Erde oder alles
desjenigen, was uns zunächst umgiebt, und wir können unsere eigene
Subjectivität und Individualität nur begreifen im unmittelbaren
Zusammenhang und als das adäquate Organ für das Aufnehmen und Verstehen
dieser uns selbst in sich umschliessenden äusseren Objectivität.
Alles dasjenige, was unsere Begriffe in sich enthalten, ist
unmittelbar genommen nichts Anderes als dasjenige, was wir an und
für sich auch schon in unseren Anschauungen besitzen. Alles Denken
entsteht wesentlich nur aus einem Bewusstwerden über dasjenige, was
wir zuerst aus der Anschauung oder Empfindung in uns aufgenommen
haben. Die Begriffe sind an sich überall die Abstractionen und die
innerlichen Vertreter der gleichartigen sinnlichen Anschauungen.
Es geht in beiden Abtheilungen des Erkennens zuletzt nach einer
wesentlich ähnlichen und gleichartigen Regel oder Gesetzmässigkeit
zu. Alles denkende Erkennen ist vom empfindenden an sich dadurch
verschieden, dass es in der Aufeinanderfolge der einzelnen Begriffe
oder der diese vertretenden Worte der Sprache in einer ganz bestimmten
und deutlichen Gliederung seiner Bewegungen vor uns erscheint. Den
Fortschritt oder die Bewegung des Denkens können wir hierdurch
gleichsam äusserlich messen, verfolgen und bestimmen, während die
innere Bewegung unseres Empfindens sich jeder solcher äusserlichen
Gliederung oder Bestimmung entzieht. Alles Empfinden erscheint deswegen
unklar, unbestimmt und schwankend gegenüber der höheren Reinheit,
Klarheit und Durchsichtigkeit des denkenden Erkennens der Seele.
Es giebt keine Sprache für das Empfinden in dem Sinne wie es eine
solche für den Gedankeninhalt der Seele giebt. Baumgarten aber sah
in allem Empfinden eine dunkle und unklare Vorahnung der höheren und
vollkommeneren Klarheit des logischen Denkens. Hierauf gründete sich
auch seine Meinung, dass das Schöne oder das specifische Object des
empfindenden Erkennens nichts sei als eine verhüllte und anschauliche
Darstellung eines abstracten logischen Gedankens. Das Schöne wurde
hierdurch in seiner specifischen Eigenthümlichkeit neben einem blossen
Werk oder einer Erscheinung des verstandesmässigen Denkens verkannt.
Eben hierin bestand der allgemeine Irrthum der ästhetischen Lehre
Baumgartens. Die Sphäre der Kunst und des Schönen ist an sich eine ganz
andere und selbstständige Region neben derjenigen der Wissenschaft
und des gedankenmässig Wahren. Für unseren gegenwärtigen Geschmack
ist gerade alles Beabsichtigte und gedankenmässig Reflectirte das
specifische Gegentheil und die eigentliche Aufhebung der wahrhaften
Vollkommenheit des Schönen. Wir verlangen vom Schönen in erster
Linie, dass es natürlich sein soll, während man zur Zeit Baumgartens
wesentlich noch das Schöne mit dem Erkünstelten verwechselte oder es
nicht aus sich, sondern aus seiner Uebereinstimmung mit irgend einer
abstracten Idee oder Regel aufzufassen und zu beurtheilen pflegte.
Es war dieses im Allgemeinen die Zeit des sogenannten Zopfthumes in
der Geschichte der neueren Kunst, welchem auch die ästhetische Lehre
Baumgartens zum Ausdruck diente. Man schätzte z. B. insbesondere die
Allegorie, welche sich in unserer Zeit einer nur geringen Anerkennung
in der Kunst und Aesthetik zu erfreuen hat. Diese ist in directer
Weise die Erscheinung oder sinnbildliche Darstellung irgend eines
Begriffes oder einer allgemeinen geistigen Idee, und durch Baumgarten
wurde wesentlich das Schöne überhaupt in einem ähnlichen Lichte
aufzufassen versucht. Man hatte überhaupt damals für das eigentlich
Freie, Natürliche und Ungezwungene im Schönen noch kein Verständniss.
Die Lehre Baumgartens war der Ausdruck und die Folge des allgemeinen
geistigen und künstlerischen Pedantismus seiner Zeit. Es ist aber
immerhin wahr, dass die ganze Natur des ästhetischen oder empfindenden
Erkennens aufgefasst und beurtheilt werden darf nach der Analogie
des denkenden oder logischen. Alles denkende Erkennen besteht darin,
mit einem bestimmten gegebenen Begriffe als dem logischen Subject
diejenigen Eigenschaften oder Prädicate zu verbinden, welche an
und für sich zu ihm gehören oder in denen sein eigener logischer
Inhalt und Werth besteht. Eine solche Operation des Denkens ist
ein logisches Urtheil und es setzt sich dasselbe naturgemäss immer
zusammen aus den beiden allgemeinen Gliedern des Subjectes und
Prädicates. Nach dieser Analogie aber darf auch von Urtheilen unseres
empfindenden oder ästhetischen Erkennens gesprochen werden. Mit einer
bestimmten gegebenen sinnlichen Wahrnehmung, wie z. B. der einer
Farbe, verbindet sich irgend eine weitere Empfindungsvorstellung in
unserer Seele; hierbei also ist jene Wahrnehmung selbst das zuerst
gegebene Subject, diese Empfindungsvorstellung aber das mit ihm
verknüpfte Prädicat unseres ästhetischen Erkennens. Alle sinnlichen
Wahrnehmungen aber haben es an und für sich an sich, zu Gegenständen
oder Subjecten unseres ästhetischen Erkennens erhoben werden zu
können, indem wir uns hierdurch bestreben, dieselben in dem ihnen an
sich zukommenden geistigen Werth oder in ihrer reinen ästhetischen
Bedeutung zu erfassen. Diese bestimmte sich mit ihnen verbindende
innere Empfindungsvorstellung ist allerdings ihrem näheren Charakter
nach immer etwas Undefinirbares oder Unsagbares; aber es kann doch
immerhin versucht werden, sie selbst in Begriffe zu fassen oder sich
ihres Inhaltes in deutlicher oder denkender Weise bewusst zu werden.
Die Region des Denkens in der Seele tritt zuerst überall aus derjenigen
des Empfindens hervor; es kann aber weiter durch das Denken selbst das
Empfinden begrifflich erkannt oder in die Form des Bewusstseins zu
erheben versucht werden. Eben dieses aber ist es, worin die Aufgabe und
das Prinzip aller wissenschaftlichen Aesthetik besteht.
6. Die Farbe und der Ton.
Jede einzelne Gattung der sinnlichen Wahrnehmungen hat an und für sich
einen durchaus eigenthümlichen und besonderen Charakter. Die Natur der
Farbe aber begrenzt sich hierin zunächst mit derjenigen des Tones. Für
unser Ohr ist der Ton dasselbe was für das Auge die Farbe. Aber die
Natur und die Bedeutung beider Sinne für das Seelenleben des Menschen
ist nichtsdestoweniger eine wesentlich verschiedene. Es ist eine ganz
andere Welt von Eindrücken, welche uns durch einen jeden von ihnen
zugeführt wird. Durch die Farbe leben wir mehr in Verbindung mit den
Dingen in der äusseren Welt oder der Natur, während wir durch den Ton
mehr von innerlich geistigen oder menschlich subjectiven Mittheilungen
berührt werden. Die Farbe ist uns wichtiger für den Verkehr mit der
Körperwelt oder der Objectivität, während der Ton seine Hauptbedeutung
in dem geistigen Leben der Subjectivität hat. Der Mangel des einen
oder des anderen Sinnes hat deswegen auch eine vollkommen verschiedene
Ausbildung und Richtung des menschlichen Seelenlebens zur Folge.
Die Function und Leistung des anderen unversehrten oder vorhandenen
Sinnes wird hierdurch nothwendig eine ausgedehntere und grössere. Beim
Taubstummen befindet sich das mechanische Formengeschick, beim Blinden
das Gefühl für Musik in vergleichsweise günstigeren Bedingungen der
Entwickelung. Es muss dort die Function des Auges zum Theil diejenige
des Ohres, hier aber die letztere die erstere mit übertragen. Das ganze
Seelenleben des Taubstummen ist auf die Basis der Wahrnehmungen durch
das Gesicht, dasjenige des Blinden auf die von denen durch das Gehör
gegründet. Jener lebt an sich nur in äusserlichen oder sichtbaren
Bildern und Anschauungen, dieser aber in innerlichen subjectiven
Gefühlsvorstellungen oder Empfindungen. Das ganze Seelenleben des
Taubstummen muss sich wesentlich entwickeln in der Richtung von Aussen
nach Innen, das des Blinden aber in der von Innen nach Aussen. Jenem
ersteren müssen unter Anschluss an die sichtbaren Dinge zuerst die
Vorstellungen von den Begriffen und Worten der Sprache beigebracht
werden, dieser letztere muss sich auf Grund geistiger Mittheilungen ein
inneres Bild von einer sichtbaren oder körperlichen Welt zu erschaffen
versuchen. Bei dem vollsinnigen Menschen aber ergänzen sich überall
beide Gattungen von Wahrnehmungen oder Eindrücken zu der Entstehung
seines Gesammtbildes von einer sinnlichen und geistigen Welt. Der Sinn
des Gehöres aber ist an sich der im specifischen Sinne des Wortes
geistigen oder subjectiven, der des Gesichtes dagegen der sinnlichen
oder objectiven Seite des den Menschen umgebenden Daseins zugewandt.
Die Menge der auf den Menschen eindringenden Wahrnehmungen durch
die Farbe ist an sich überall eine unendlich grössere als diejenige
der Wahrnehmungen durch den Ton. Unsere ganze Communication mit der
Natur beruht hauptsächlich auf den Wahrnehmungen durch das Gesicht
oder die Farbe. Nur durch die Farbe empfangen wir im Allgemeinen
ein vollständiges Bild von dem Ganzen der uns umgebenden wirklichen
oder natürlichen Welt. Alle anderen Sinne ergänzen hier zuletzt
nur dasjenige, was uns durch die Farbe oder das Gesicht zugeführt
und mitgetheilt wird. Jedes einzelne Ding in der Natur wird durch
die Vermittelung der Farbe in seiner äusseren Erscheinung von uns
erkannt, während die Thätigkeiten der übrigen Sinne sich überall
nur auf vereinzelte und untergeordnete Phänomene in der natürlichen
Wirklichkeit beziehen. Die Menge der Farbenerscheinungen in der
Natur ist insbesondere für uns eine unendlich grössere als diejenige
der Phänomene des Tones oder des Schalles. Die Natur ist wesentlich
für uns ein Gemälde gegenüber dem Auge, aus welchem nur in sehr
beschränktem Umfange auch einzelne Wahrnehmungen des Tones an unser
Ohr heranzutreten pflegen. Der Ton überhaupt entfaltet sich erst
in der Sphäre des Menschen theils als Sprache, theils als Musik zu
seiner höheren künstlerisch gegliederten Vollkommenheit, während der
blosse Naturlaut im Allgemeinen noch jedes höheren Reizes oder jeder
geordneten Vollkommenheit entbehrt. Auf dem Gebiete der Farbe aber
ist umgekehrt die Natur uns oder dem Menschen in unbedingter Weise
überlegen, indem alle künstlichen Farben des Malers weit hinter der
Reichhaltigkeit und Pracht der Farben in der Natur zurückbleiben.
Es liegt im Wesen des Tones, dass er nicht in der gleichen
Reichhaltigkeit und Fülle seiner Erscheinungen von uns aufgenommen
werden kann als die Farbe. Es wäre unerträglich für uns, wenn zu
derselben Zeit ebenso viele verschiedene Tonwahrnehmungen an unser Ohr
herantreten wollten als Farbenwahrnehmungen an unser Auge. Die einzelne
Farbe ist für uns ein Mittel der Wahrnehmung nur insofern, als sie
sich zugleich mit gewissen anderen Farben berührt und begrenzt. Jeder
einzelne Ton dagegen will rein und unvermischt mit anderen Tönen von
uns wahrgenommen werden. Eine Mehrheit gleichzeitiger verschiedener
Töne ist an sich schlechthin unerträglich für unser Ohr. Die einzelne
Farbe verlangt andere Farben neben sich, während der einzelne Ton
an sich jeden anderen Ton neben sich ausschliesst oder ganz allein
an unser Ohr heranzutreten verlangt. Wir würden nichts sehen, wenn
Alles um uns her ganz die gleiche Farbe trüge. Es liegt im Wesen der
Farbe, neben einander zu erscheinen, im Wesen des Tones aber, einzeln
und nach einander von uns vernommen zu werden. Auch ist jeder Ton
im Ganzen nur eine schnell vorübergehende, die Farbe dagegen eine
dauernde und bleibende Erscheinung in den Dingen. Es ist überhaupt
eine weise Einrichtung der Natur, dass sie uns mit Wahrnehmungen des
Tones nicht in dem gleichen Maasse überschüttet hat als mit solchen
der Farbe. Es bedarf im Allgemeinen der Mensch der Stille um ihn her
und es nimmt der einzelne auf uns eindringende Ton das Leben und die
Aufmerksamkeit unserer Seele an und für sich in einer ganz anderen
und schwerer fern zu haltenden Weise für sich in Anspruch als das
dem Auge erscheinende Lichtbild oder die Farbe. Wir können schwerer
von dem Eindrucke des Tones abstrahiren als von demjenigen der Farbe.
Wir sind z. B. bei dem Anhören einer Musik weit mehr die Sklaven
unserer sinnlichen Eindrücke als bei der Betrachtung eines Gemäldes
oder eines landschaftlichen Bildes. Die Musik und überhaupt der Ton
reisst uns an sich gewaltiger und unwiderstehlicher mit sich fort
als alles dasjenige, was in sichtbarer Weise unserem Auge erscheint.
Hier ist es nur die besondere Bedeutung des Wahrgenommenen selbst,
welche unter Umständen einen solchen unwiderstehlichen Eindruck und
Reiz auf uns auszuüben vermag, während dort die blosse physische
Gewalt des Tones an sich sich an unsere Seelen heftet. Ein jeder
überflüssige, lästige und unangenehme Ton ist uns daher an sich bei
Weitem peinlicher, widerwärtiger und unerträglicher als Alles, was uns
durch die Farbe erscheint. Den Eindruck der Farbe auf uns können wir
in jedem Augenblick leicht durch uns selbst von uns abstreifen und es
stört uns dasjenige, was wir sehen, im Allgemeinen nicht oder nur wenig
in der Verfolgung des eigenthümlichen inneren Weges des Lebens unserer
Seele. Die Gegenstände oder Bilder, die mich in meinem Zimmer umgeben,
sind nicht störend für die Arbeit meines geistigen Denkens, während
gegenüber dem Geräusch der Strasse, dem Geschrei meines Kanarienvogels
u. s. w. es immer einer gewissen Anspannung oder Abhärtung bedarf,
um sich hierbei nicht beirren zu lassen. Der Ton ist an sich überall
das Bild einer Unruhe oder Bewegung und ruft daher auch in der Seele
immer den Eindruck einer solchen hervor. Die Farbe ist im Allgemeinen
etwas Bleibendes und der Ausdruck eines vorhandenen Dinges oder einer
feststehenden Beschaffenheit in der äusseren Welt. Es ist an sich
vielleicht möglich, dass die Menge des Tones in der Natur ganz die
gleiche sei als diejenige der Farbe, d. h. dass so wie jeder Körper uns
in einer bestimmten Farbe erscheint oder von dem Auge durch das Lieht
erkannt wird, so auch jede Bewegung in der Natur an und für sich von
einem bestimmten Tone oder Geräusche begleitet sei und daher eigentlich
auch von unserem Ohre wahrgenommen werden könne. Es finden aber gewiss
auch kleine und unbedeutende Molecularbewegungen fortwährend um uns
herum statt und es giebt daher wahrscheinlich auch noch bedeutend mehr
Geräusche in der Natur als solche wirklich durch unser Ohr vernommen
werden. Zunächst ist nur uns gegenüber die Natur verhältnissmässig
arm an Tönen im Vergleich zu ihrem sonstigen Reichthum an Farben. Eine
solche Fülle von Tönen aber wie gelegentlich in einem amerikanischen
Urwald oder ein unendlich lauter Ton wie das Getöse einer Schlacht sind
an sich für den Geist des Menschen etwas durchaus Unerträgliches und es
ist nur die längere Gewöhnung, welche unsere Aufmerksamkeit gegen ein
sich fortwährend wiederholendes Geräusch, wie etwa gegen das Klappern
einer Mühle abzustumpfen vermag.
Die einzelnen menschlichen oder animalischen Sinne können ferner in
die beiden Klassen derjenigen eingetheilt werden, welche den auf sie
eindringenden Wahrnehmungen schutz- oder widerstandslos preisgegeben
sind und derjenigen, bei denen eben dieselben willkürlich von uns
selbst abgewehrt oder fern gehalten werden können. Wir nennen die
ersteren unter ihnen die unbewaffneten oder offenen, die letzteren
die bewaffneten oder geschlossenen Sinne. Zu der ersteren Klasse aber
gehören insbesondere das Gehör und der Geruch, zu der letzteren das
Gesicht und der Geschmack. Wir sind nicht gezwungen, irgend etwas
Bestimmtes zu sehen und zu schmecken oder mit der Zunge zu geniessen.
Wir brauchen dort nur das Auge zu schliessen oder den Rücken zu wenden,
um irgend einem unangenehmen Bilde zu entgehen. Den Ton aber müssen wir
hören und den Geruch müssen wir riechen oder wir können uns doch nur
höchst unvollkommen und gewaltsam durch Verhalten der Hände hiergegen
schützen. Dieser äussere Unterschied aber hängt nothwendig auch mit
dem inneren Charakter der einzelnen Sinne zusammen. Das Gesicht und
der Geschmack werden im Allgemeinen weit öfter und regelmässiger
von uns in Thätigkeit gesetzt als das Gehör und der Geruch. Die
Wahrnehmungen durch die beiden letzteren Sinne sind im Allgemeinen
weit dürftigere und sparsamere als die durch die beiden ersteren. Nur
diesen wenigeren Wahrnehmungen gegenüber aber sind wir schutzlos,
während wir unsere Beziehungen zu jenen häufigeren selbstständig zu
regeln vermögen. Der Sinn des Geruches ist überhaupt an und für sich
der allerbescheidenste am Menschen, indem er regelmässig eigentlich gar
keine Anregung oder Befriedigung verlangt. Der Sinn des Geruches hat im
Allgemeinen nur eine geringe Bedeutung für das ganze Verständniss oder
die Communication des Menschen mit der ihn umgebenden äusseren Welt.
Für das niedere Seelenleben der Thiere ist er von einer entschieden
grösseren Bedeutung, indem hier insbesondere die geschlechtliche
Annäherung nicht wie beim Menschen durch den geistigen Sinn des
Gesichtes oder das Verständniss und das Wohlgefallen an den äusseren
körperlichen Formen, sondern durch den physischen und brutalen
Geruchsinstinct ihre Vermittelung findet. Wir sind im Allgemeinen
dankbar für jeden Wohlgeruch und empfinden diesen als einen Luxus und
eine Verfeinerung unseres Lebens. Ebenso aber werden wir peinlich
berührt von jedem Uebelgeruch; der Uebelgeruch als solcher ist für uns
nicht gerade ein körperlicher Schmerz, aber er hat gleichsam etwas
moralisch Verletzendes und Entwürdigendes an sich, indem sich hierbei
unsere Seele nicht des Druckes der feindlichen und unangenehmen Materie
zu erwehren vermag. Alle Wahrnehmungen des Geruches treffen ebenso wie
diejenigen des Gehöres ganz unmittelbar und direct das Leben der Seele
selbst. Auch der Geruch ist so wie das Gehör ein wesentlich innerlicher
oder zeitlicher Sinn; es sind die feineren und intensiveren Wirkungen
oder Ausstrahlungen der physischen Materie, welche durch ihn von uns
aufgenommen werden. Das Gesicht und der Geschmack sind gleichsam die
beiden räumlichen oder plastischen, das Gehör und der Geruch die beiden
zeitlichen oder dramatischen Sinne im Organismus des menschlichen
Lebens. Wir erkennen durch das Gesicht die räumlichen Umrisse oder
Grenzen der Körper, während wir durch den Geschmack die den Raum
selbst erfüllende Materie in uns eintreten lassen. Die Wahrnehmungen
des Gehöres und des Geruches aber sind Folgen von zeitlichen Vorgängen
und Bewegungen in den Dingen, dort einer Erschütterung der Luft durch
den Zusammenstoss der einzelnen physischen Bestandtheile, hier einer
Auflösung oder Verdunstung der Materie in ihre eigenen feineren
Elemente oder Atome. In der Gruppe der beiden niederen Sinne ist
insofern das Verhältniss des Geschmackes zum Geruch demjenigen des
Gesichtes zum Gehör in derjenigen der höheren analog. Für den Sinn
des Geruches ist namentlich charakteristisch der enge Zusammenhang
desselben mit dem Gedächtniss oder dem Erinnerungsvermögen. Auch bildet
dieser Sinn zugleich eine Art von Werthmesser für die allgemeine
ästhetische Ausbildung oder Erziehung des Menschen selbst. Jeder
wahrhaft gebildete Mensch ist sehr empfindlich gegen alle starken
und übertriebenen Gerüche. Selbst Wohlgerüche sind immer nur in
sehr bescheidenem Maasse für den gebildeten Menschen erträglich. Am
Wenigsten aber darf der Mensch selbst nach irgend etwas Bestimmtem in
auffallender Weise riechen. Es hat hierin zum Theil mit die Gewohnheit
des Rauchens ihren Grund und ihre Berechtigung, weil hierdurch ein
jeder andere dem Menschen etwa anhaftende Geruch gebunden oder
neutralisirt wird. Die Empfindlichkeit dieser unserer beiden zeitlichen
und nach Aussen hin geöffneten Sinne, des Gehöres und des Geruches,
aber ist im Ganzen eine grössere als diejenige der beiden räumlichen
und nach Aussen hin geschlossenen oder verschliessbaren, des Gesichtes
und des Geschmackes, weil dieselben mehr direct und unmittelbar mit
dem Leben der Seele, deren ganze Natur selbst eine zeitliche oder
innerliche ist, zusammenhängen als diese.