erkennen, ist nothwendig etwas in irgend welcher Weise sinnlich
Gegebenes. Eine jede ästhetische Erkenntniss ist die Folge und
Nachwirkung eines Eindruckes unserer Sinne. Dieser Eindruck selbst
ist überall wesentlich das Object, um dessen Erkenntniss es sich
handelt. Wir erkennen durch die sinnlichen Eindrücke zunächst die
äusseren Dinge in dem, was sie an sich selbst oder unmittelbar genommen
sind. Dieses blos physische Erkennen oder Wahrnehmen aber ist noch
nicht dasjenige, was als ein Act unseres geistigen oder psychischen
Empfindens angesehen werden kann. Auch das Thier erkennt alle
sinnlichen Dinge in der Welt ganz ebenso gut als wir, aber es wird in
seinem inneren Empfinden nicht in derselben Weise von ihnen berührt als
der Mensch. Auch Kant hatte bei seiner Lehre vom ästhetischen Erkennen
zunächst nur die blossen aus der Aussenwelt aufgenommenen sinnlichen
Anschauungen vor Augen. Dieses ist etwas Anderes als was wir hier
und mit höherem Rechte das ästhetische Erkennen der Seele nennen. Es
ist etwas Anderes, eine Farbe, einen Ton u. s. w. einfach sehen oder
hören und ihn nach seinem ferneren Werthe oder nach seiner tieferen
geistigen Bedeutung verstehen und in unsere innere Empfindung eintreten
lassen. Die Sinne sind für uns noch mehr als die blossen Organe zum
Wahrnehmen oder Erkennen des Thatsächlichen in der gegebenen Natur der
äusseren Dinge. Die wahrgenommenen Erscheinungen und Dinge rufen in
uns überall noch bestimmte weitere und tiefere Empfindungen hervor.
Solche Empfindungen knüpfen sich nicht blos an das Schöne oder an das
specifisch Wohlgefällige und Missfällige in den äusseren Erscheinungen
für uns an. Die ganze sinnliche Welt hat an sich ein tiefes Interesse
und eine mächtige Bedeutung für das Empfinden der menschlichen Seele.
Wir sind uns gegenwärtig dieser ganzen Eigenschaft derselben nicht mehr
in ihrem vollen Umfange bewusst, weil wir überhaupt jetzt die Welt mehr
mit dem Auge des denkenden Verstandes als mit demjenigen der lebendigen
Anschauung und der Phantasie anzusehen gewohnt sind. Wir haben auf
wissenschaftlichem Wege das Wesen der Dinge erkannt, welches hinter
ihren Erscheinungen steht. Wir können uns den Schein selbst jetzt zum
Theil in der Art seines Entstehens wissenschaftlich erklären. Anders
aber war es, als noch der Schein selbst die ganze für uns gegebene
Realität war. Für den natürlichen Menschen, das Kind u. s. w. hat jeder
sinnliche Schein noch eine ganz andere und tiefere empfindungsmässige
Bedeutung gehabt als für uns. Eben die Unbekanntschaft mit dem
hinter ihm verborgenen Wesen der Dinge liess ihn in einem tieferen
und bedeutungsvolleren Lichte erscheinen. Für uns sind jetzt die
sinnlichen Erscheinungen im Allgemeinen nur Boten und Repräsentanten
des zu ihnen gehörigen wesenhaften Inhaltes und Charakters der Dinge.
Sie sind für uns an sich ebenso wenig etwas Bestimmtes und Werthvolles
als die Worte der Sprache, welche für uns die gewohnheitsmässigen
Zeichen und Vertreter der Begriffe des Denkens geworden sind. Wir haben
jetzt durch Gewohnheit und Studium gelernt, die Sprache zu verstehen,
welche die sinnlichen Erscheinungen zu uns reden. In einer Farbe und
einem Ton sehen wir jetzt im Allgemeinen nur den Ausdruck und Boten
irgend einer sachlichen Mittheilung über das Wesen der Dinge oder wir
wissen empirisch, was alle diese sinnlichen Phänomene zu bedeuten haben
und wie sie sich zu der mit ihnen zusammenhängenden Welt der wirklichen
Dinge, Vorgänge u. s. w. verhalten. Der rein verstandesmässige Mensch
geht im Allgemeinen auch so wie das Thier gleichgültig und in seinem
inneren Empfindungsleben unberührt in der Mitte der sinnlichen
Erscheinungen einher. Er hat in sich eine Welt des abstracten Denkens
ausgebildet und insofern das lebendige Interesse für den unmittelbaren
empfindungsmässigen Werth der sinnlichen Phänomene verloren. Das Thier
wird im Allgemeinen nur von denjenigen sinnlichen Eindrücken lebhaft
und nachhaltig berührt, die eine unmittelbare und praktische Bedeutung
für die Erhaltung seines Lebens, die Erweckung seiner Begierden u. s. w.
besitzen. Für den natürlichen Menschen aber beim ersten Erwachen
seines Seelenlebens hat alles dieses Sinnliche einen tieferen Reiz
und ein intensiveres Interesse gehabt als für uns, eben weil hier die
Seele noch anschliessend damit beschäftigt war, den empfindungsmässigen
Werth aller Phänomene zu ergründen und sich noch ohne Kenntniss ihres
actuellen Wesens oder Gehaltes befand. Es ist dieses an und für sich
derjenige Standpunct, auf welchen die Aesthetik in unserem Sinne sich
zurückzuversetzen hat. Wir fassen die Aesthetik auf als Wissenschaft
des menschlichen Empfindens über den gegebenen sinnlichen Schein. Auch
die Kunst selbst aber ist ja zuletzt nichts als ein blosser Schein.
Allen diesen Schein in seinem Werthe oder seiner Bedeutung für unser
Empfinden sich gegenständlich zu machen oder ihn in denkender Weise
zu begreifen, eben dieses ist es, worin die wahrhafte Aufgabe und der
Begriff aller Aesthetik von uns erblickt wird.
Es giebt in Bezug auf unsere ganze Stellung zum Schönen eine bestimmte
Ansicht, welche dahin geht, dass es lediglich das Element der Form, d.
h. die äusseren Verhältnisse der einzelnen Theile oder Beschaffenheiten
einer Sache seien, auf die sich dieser Charakter derselben oder das
ganze Interesse unseres ästhetischen Wohlgefallens an ihr beschränke.
Es ist wahr, es ist zunächst überall das Element der Form, wegen
dessen wir eine Sache schön finden; nur Verhältnisse sind es, in denen
zunächst der ganze Reiz und Charakter des Schönen beruht. Ein einzelner
Ton in der Musik ist an sich weder schön noch unschön und allein
die Verhältnisse der Töne sind es, auf denen der ganze Eindruck des
musikalisch Schönen beruht. So begründet dieses an sich ist, so wenig
kann doch gesagt werden, dass die Form oder das äussere Verhältniss
allein und als solches genommen der wahrhafte Grund und Gegenstand
unseres Interesses an der Sache sei. Das Verhältniss oder die Form ist
überall auch nur eine bestimmte einzelne Beschaffenheit in der ganzen
Natur und Einrichtung der Sache. Es gefällt uns die Form überall nur
in Verbindung mit dem materiellen Inhalt der einzelnen Theile, den
sie in sich umschliesst. Es ist insofern ein Missverständniss oder
ein Irrthum, in die Form ganz allein und als solche den Schwerpunct
oder Sitz des Schönen verlegen zu wollen. Man stellt sich unter
der Form häufig etwas Allgemeines vor, was nur auf eine specielle
Besonderheit des Inhaltes Anwendung finde und durch welches die ganze
Richtigkeit und Vollkommenheit dieser letzteren erst anerkannt und
festgestellt werde. Auch in der Aesthetik hat man versucht, bestimmte
sogenannte allgemeine oder formale Kennzeichen und Merkmale des
Schönen aufzustellen. Man ist insofern hierbei gewissermaassen von dem
Grundsatze ausgegangen, dass es irgend ein höchstes und allgemeines
Naturgesetz des Schönen geben müsse, welches in jedem einzelnen
Falle als das innere Prinzip oder der Grund unseres Wohlgefallens an
demselben constatirt werden könne. Alles Schöne ist sich allerdings
rücksichtlich seiner Formbeschaffenheit mehr oder weniger ähnlich und
wir nehmen zuletzt aus allen einzelnen schönen Dingen einen in gewisser
Weise verwandten oder gleichartigen Eindruck in uns auf. Durch alle
solche Gleichartigkeit aber wird doch zuletzt die Eigenthümlichkeit
und Besonderheit des einzelnen Schönen nicht mit eingeschlossen und
erschöpft und wir müssen uns sagen, dass es immerhin keinesweges
gleichgültig sei, an welchen besonderen Stoff oder Inhalt uns irgend
ein solches allgemeines ästhetisches Formgesetz erscheine. Auch ist
zuletzt doch eben das ästhetische Formgesetz selbst ein unendlich
dehnbares, mannichfaltiges und vielgestaltiges und es ist bis jetzt
wenigstens nicht gelungen, den allgemeinen Charakter desselben an
gewisse unzweifelhaft feststehende empirische Merkmale zu binden. Die
kritische Beurtheilung des einzelnen Schönen kann hiernach nicht blos
in einer einfachen Subsumtion desselben unter irgend ein allgemeines
Gesetz oder Prinzip der Form bestehen, sondern es wird nothwendig
das allgemeine Gesetz der Form durch die besondere Beschaffenheit
des Inhaltes in einem jeden einzelnen Falle in einer anderen Weise
abgewandelt und modificirt.
Ein jeder wirkliche Schein setzt sich überall zusammen aus seiner
formalen Einheit oder ordnenden Idee im Ganzen und aus dem besonderen
materiellen Inhalt oder Wesen seiner einzelnen Theile. Keines dieser
beiden Elemente für sich allein hat einen reinen ästhetischen Werth
oder kann den Anspruch erheben, als schön und befriedigend zu gelten.
Das Verhältniss dieser beiden Elemente aber ist wesentlich dasselbe als
dasjenige des formellen und materiellen oder des grammatischen und des
lexicalischen Bestandtheiles in der sprachlichen Rede oder im Satz.
Die Grammatik ist das System der allgemeinen gesetzlichen Formen, das
Lexicon ist das Verzeichniss der sämmtlichen einzelnen materiellen
Bestandtheile der Sprache oder der Worte. Eine jede einzelne wirkliche
Rede aber enthält theils immer irgend ein allgemeines grammatisches
oder syntaktisches Formgesetz in sich, theils besteht sie aus gewissen
Gliedern oder Elementen des materiellen oder lexicalischen Wortschatzes
der Sprache. Jene Lehre aber, dass der Charakter und Eindruck des
Schönen an einer Sache sich lediglich auf das Element der Form oder
das Verbindungsgesetz ihrer einzelnen Theile gründe, ist zuletzt eine
ebenso einseitige und unzureichende, als wenn gesagt werden wollte,
dass unser Interesse und Verständniss eines sprachlichen Satzes
sich allein auf die grammatische Form desselben unabhängig von dem
materiellen Inhalt oder der Bedeutung der einzelnen in ihm enthaltenen
Worte beziehe. Die ganze Wissenschaft von der Sprache setzt sich
zusammen aus Grammatik und Lexicon oder aus einem formellen und einem
materiellen Theile; ebenso aber kann auch in der Aesthetik einmal
eine Lehre von dem formalen Gesetze der Ordnung und Verbindung oder
gleichsam eine ästhetische Grammatik und Syntax, andererseits aber
eine Bearbeitung des materiellen Werthes oder Bedeutungsinhaltes der
einzelnen einfachen Bestandtheile des Schönen selbst unterschieden
werden.
Wir glauben den Satz aussprechen zu dürfen, dass an sich jede einzelne
sinnliche Wahrnehmung einen bestimmten Werth oder eine Bedeutung für
unser geistiges Empfinden besitze. Eine schöne Sache oder ein Kunstwerk
ist nur ein bestimmtes System oder eine formale Verbindung solcher
einzelner Elemente; auch diese einzelnen Elemente als solche bedürfen
einer wissenschaftlichen Bearbeitung in Rücksicht ihres ästhetischen
Werthes. Zu diesen einfachen Elementen gehören auch die Farben. Unsere
ganze Aesthetik ist namentlich deswegen zum Theil noch unvollkommen,
weil man die Aufgabe derselben bisher noch wesentlich auf die blosse
Bearbeitung des eigentlichen oder specifischen Schönen, insbesondere
in Rücksicht des einseitigen Elementes der Form beschränkt hat. Es
giebt noch eine andere oder Elementarlehre der Aesthetik über die
empfindungsmässige Bedeutung oder den Werth der unmittelbar gegebenen
einzelnen Elemente und Erscheinungen des sinnlichen Wahrnehmens und
es hat diese an und für sich die erste Einleitung und Voraussetzung
für die Aesthetik im höheren Sinne als die Lehre vom Schönen oder
von den wohlgefälligen Verbindungsverhältnissen jener einfacheren
Elemente zu bilden. Ich habe deswegen auch in meinem Grundriss einer
allgemeinen Aesthetik in diesem Sinne eine niedere und eine höhere
Abtheilung des ästhetischen Erkennens unterschieden. Der wahre und
vollkommene wissenschaftliche Begriff der Aesthetik ist zunächst noch
keineswegs allein derjenige vom Schönen, sondern vielmehr derjenige
von den objectiven, d. h. von den sich mit innerer Nothwendigkeit an
die sämmtlichen Erscheinungen des äusseren Wahrnehmens anknüpfenden
Empfindungen der menschlichen Seele überhaupt und es tritt dieselbe
unter diesem Gesichtspunkt namentlich der Logik als der Lehre vom
objectiven, d. h. dem an sich wahren oder mit dem geistigen Inhalte
der Wirklichkeit einstimmigen Denken verwandtschaftlich zur Seite.
Auch bei der Bearbeitung der Logik aber ist es ein Missverständniss
oder ein Fehler, wenn hier das Hauptgewicht immer auf das sogenannte
formelle Element, die allgemeinen Figuren des Schliessens u. s. w.
gelegt wird. Es kommt beim richtigen Denken hauptsächlich immer darauf
an, was in dem einzelnen bestimmten Begriffe als solchem enthalten
sei oder gedacht werde. Das Element der Form ist überall nur dazu
da, die Verhältnisse der materiellen Theile der Sache zu ihrem
wahrhaften Ausdruck zu bringen und nicht in ihr, sondern in diesen
letzteren selbst ist daher überall der wahrhafte Schwerpunct für unsere
Auffassung des Ganzen der Sache gegeben.
5. Das empfindende und das denkende Erkennen der Seele.
Aller Zusammenhang des menschlichen Seelenlebens mit der Aussenwelt
findet zunächst seine Vermittelung durch die Wahrnehmungen der Sinne.
Die Sinne sind an sich körperliche Organe, deren ganze Functionen
aber in einer Beziehung auf das Leben der Seele bestehen. Wie es bei
den sinnlichen Wahrnehmungen selbst zugehe, ist eine der tiefsten
und schwierigsten Fragen der Physiologie. Es sind dieses jedenfalls
Vorgänge von anderer Art als sie sich in der ganzen übrigen sinnlichen
Natur vorfinden. Die Lichtstrahlen treffen auch andere Puncte in der
übrigen körperlichen Natur als gerade das menschliche oder thierische
Auge; aber eben dieses Organ ist specifisch für die Aufnahme und
Sammlung der Lichtstrahlen disponirt. Das Licht ist da für das Auge,
ebenso wie die ganze äussere oder sinnliche Welt da ist für den Geist
oder in diesem das Organ und den einheitlichen Mittelpunct der Aufnahme
ihres ganzen Inhaltes findet. Die Dinge sind allerdings da an sich,
auch ohne dass sie durch das Auge gesehen oder durch den Geist erkannt
und begriffen werden. Aber alles andere Einzelne ist blind und dumm
der Welt gegenüber ausser dem Auge und dem Geist. Alles Makrokosmische
verlangt ein Mikrokosmisches sich gegenüber. Es wäre ein Mangel in der
Welt, wenn es kein Auge gäbe, um sie zu sehen, und keinen Geist, um sie
zu begreifen. Das Auge ist insofern der letzte Endzweck des Lichtes
und der Geist derjenige der Ordnung in der Natur. Die Natur selbst
bringt das Auge und den Geist hervor, damit sie von ihnen gesehen und
begriffen werden kann. Die Sinne des Menschen aber sind die ersten
Träger und Diener seines ganzen geistigen Lebens. Sie sind diejenigen
Theile oder Organe des Körpers, welche der Aufnahme der äusseren Dinge
adäquat sind und aus deren Eindrücken sich die Seele ihr ganzes Bild
von einer äusseren Welt zusammensetzt. Wir müssen den Sinnen eine
allgemeine Wahrhaftigkeit zugestehen, weil sonst unsere ganze übrige
Weltauffassung eine hinfällige wäre. Alles actuelle Leben des Geistes
oder der Seele ist gebunden an die Thätigkeiten oder Functionen der
Sinne und es ist an und für sich ein blosser Schein, als ob die Seele
ein rein innerliches oder von der Mitwirkung der Sinne abgelöstes
Leben zu führen im Stande sei. Unsere Seele empfängt den ganzen Inhalt
ihres Vorstellens zunächst aus den Eindrücken und Wahrnehmungen der
Sinne, wenn sie dann auch denselben für sich weiterhin ausbildet und
verarbeitet. Dieses reine oder innere Vorstellen der Seele aber hängt
auch dann immer noch in gewisser Weise zusammen mit der Thätigkeit oder
dem Leben der Sinne. Auch dann, wenn unser Auge blind ist oder wir
nichts wahrnehmen von den äusseren Dingen, glauben wir doch bei uns
selbst immer irgend etwas zu sehen oder es sind wesentlich immer innere
Bilder und Anschauungen, welche bei allen Zuständen und Vorgängen des
Lebens der Seele sich in uns befinden. Der That nach ist das ganze
geistige Leben des Menschen nichts als ein fortwährendes innerliches
Anschauen oder Sehen. Das Leben des Auges und dasjenige des Geistes ist
zuletzt thatsächlich eines und dasselbe oder es ist das letztere nichts
als eine Reihe von Bildern, die aus der Abwandelung und Reflexion der
wirklichen durch das erstere aufgenommenen Bilder in uns entstehen. Es
ist streng genommen unrichtig zu sagen, dass die Anschauungen nur einen
einzelnen Theil oder eine besondere Art des ganzen Vorstellungslebens
der Seele ausmachten. Wir unterscheiden allerdings im Allgemeinen,
namentlich nach dem Vorgange Kants, das doppelte Vermögen oder die
doppelte Abtheilung alles Vorstellens der Seele, die Anschauungen
und die Begriffe. Die Anschauungen entsprechen an und für sich den
einzelnen sinnlich gegebenen Erscheinungen und Bildern der äusseren
Welt, während dagegen die Begriffe an den allgemeinen oder geistig
abstracten Momenten der äusseren Dinge ihren Inhalt oder ihre objective
Wirklichkeit haben. Aber inwiefern ein Begriff oder eine ihrem Inhalte
nach allgemeine Geistesvorstellung der Wirklichkeit nach in der Seele
existirt, so nimmt sie nothwendig immer zugleich die Gestalt einer
Anschauung oder eines innerlich von uns gesehenen einzelnen Bildes
für uns an. Es ist schlechthin unmöglich, irgend einen abstracten
Begriff rein an sich oder als solchen in der Seele vorzustellen und
festzuhalten. Immer bekleidet sich derselbe mit irgend einem entweder
natürlich zu ihm gehörenden oder doch zufällig und conventionell
sich mit ihm verbindenden sinnlich anschaulichen Bilde. Sehr häufig
besteht dieses anschauliche Element in nichts Anderem als in der
Vorstellung der blossen Schriftzüge des den Begriff vertretenden
Wortes. Ueberhaupt hat ein Begriff in der Seele eine wirkliche Gestalt
oder Form nur in dem ihn vertretenden Worte der Sprache und alles
Denken ist insofern thatsächlich nichts als ein fortwährendes Umgehen
und Verknüpfen der inneren Anschauungen oder Vorstellungsbilder der
Worte der Sprache. Anschauung und Vorstellung ist insofern eines und
dasselbe als auch alle diejenigen Vorstellungselemente der Seele,
die keine eigentlichen und unmittelbaren oder objectiv gegebenen
Anschauungsbilder sind, doch innerhalb der Seele selbst nothwendig die
Gestalt von solchen anzunehmen genöthigt sind. Auch alle diejenigen
Wahrnehmungen oder Eindrücke aber, welche uns durch irgend einen andern
Sinn als durch den des Gesichtes selbst zugeführt werden, wie Töne,
Geruchsempfindungen u. s. w., müssen doch, inwiefern sie in die Seele
selbst eintreten oder innerlich von uns vorgestellt werden, nothwendig
zugleich die Form einer Anschauung oder eines inneren Gesichtsbildes
für uns annehmen und es sind z. B. bei dem Anhören einer Musik doch
immer zugleich innere Farben- oder Gesichtswahrnehmungen, welche in
unsere Seele eintreten oder mit denen sich alle jene einzelnen Töne
für unser Vorstellen umkleiden. Jede andere Sinneswahrnehmung muss,
wenn sie in die Seele eintreten oder zu einer inneren Vorstellung
werden soll, nothwendig zugleich den Umweg durch den Sinn des inneren
Gesichtes oder der Anschauung nehmen oder es bildet dieser Sinn
gewissermaassen das αἰσθητήριον κοινόν, in welchem alle anderen
Sinneswahrnehmungen sich zuerst vereinigen und sammeln, ehe sie zu
einem Eigenthum der Seele werden oder in den Besitz derselben übergehen
können. Alles geistige Leben ist zuletzt nichts als ein fortwährendes
inneres Anschauen oder Sehen und es ist insofern in erster Linie der
Sinn des Auges oder des Gesichtes, an welchen das ganze Leben der Seele
sich gebunden findet.
Wir unterscheiden die einzelnen Sinne zunächst in die beiden
allgemeinen Gruppen der niederen und der höheren, deren erste den
Geruch, Geschmack, das Gefühl, deren letztere das Gesicht und das
Gehör in sich einschliesst. Die beiden höheren Sinne sind von den
drei anderen zunächst dadurch unterschieden, dass in ihnen kein
unmittelbarer physischer Contact mit der körperlichen Materie
stattfindet, sondern dass es hier das doppelte Medium des Lichtes und
des Schalles ist, welches zwischen uns und die wirkliche Natur der
äusseren Dinge in die Mitte tritt. Die höheren Sinne sind hierdurch in
einer vornehmeren Weise der Berührung mit der niederen groben Materie
entrückt. Ihr Zusammenhang mit dem Leben des Geistes ist ein näherer
und directerer als derjenige der niederen Sinne. Es sind zunächst
hauptsächlich die beiden höheren Sinne, auf denen unser allgemeines
Bild oder unsere ganze Vorstellung von der äusseren Welt beruht.
An die beiden höheren Sinne knüpft sich ferner nicht in dem Grade
wie an die drei niederen die Unterscheidung des physisch Angenehmen
und Unangenehmen und das Interesse an einer blos körperlichen oder
materiellen Lebensbefriedigung an. Die drei niederen Sinne sind
sämmtlich Egoisten, d. h. es sind überall nur angenehme Eindrücke,
welche von ihnen aufgesucht werden, während alles Unangenehme peinlich
von ihnen empfunden und zurückgewiesen wird. Auch die niederen Sinne
aber haben allerdings immer einen bestimmten Werth für die allgemeine
geistige Bildung und ästhetische Erziehung des Menschen. Ihre
Verfeinerung hängt immer zusammen mit der allgemeinen Verfeinerung
und Veredelung des persönlichen Wesens des Menschen überhaupt. Als
eigentliche oder an bestimmten Puncten localisirte und an gewisse
selbstständige Organe gebundene Sinne aber sind auch hier streng
genommen nur die beiden des Geruches und des Geschmackes zu bezeichnen,
während der sogenannte fünfte Sinn, das Gefühl, sich über die ganze
Oberfläche des Körpers verbreitet und nur hier in dem Tastvermögen der
Finger und Hände seine äusserste Verschärfung oder Zuspitzung erfährt.
Die Hand aber ist wesentlich das ausführende oder praktische Organ
des menschlichen Körpers für die nach Aussen gewendeten Gedanken oder
Antriebe unserer Seele. Es verbindet sich mit ihr auch ein besonders
feines Vermögen des Empfindens für die Eindrücke der Haut, woraus
mit wesentlich dasjenige entspringt, was wir die praktische oder
mechanische Geschicklichkeit nennen. Dieses Organ der Hand fehlt dem
Körper des Thieres, während seine sonstigen Sinnesorgane im Allgemeinen
denen des Menschen ähnlich sind. Der Mensch überwindet die ganze
äussere Welt zunächst nur durch das Organ seiner Hand; er erschafft
sich mit ihr zunächst die Werkzeuge, auf deren Anwendung seine ganze
weitere äussere oder materielle Cultur beruht. Die Hand ist insofern
das körperliche Zeichen oder die Signatur der thatkräftigen Herrschaft
des Menschen über die äussere Welt. Umgekehrt besitzt das Thier ein
bestimmtes körperliches Organ, welches ebenso das Zeichen oder die
Signatur seiner Unfreiheit oder seiner Abhängigkeit von der Macht der
physischen Natur ist. Dieses ist der Schwanz, auf dessen ästhetische
Bedeutung ich in meinem Grundriss einer allgemeinen Aesthetik
hingewiesen habe. Die aufnehmenden Sinnesorgane aber sind an sich dem
Menschen mit dem Thier gemein; ein jeder einzelne localisirte Sinn
aber ist an sich einer anderen Gattung äusserer Wahrnehmungen oder
Eindrücke adäquat. Diese einzelnen Sinne sind gleichsam verschiedene
Pforten, deren jede nach einer anderen Seite oder Region der äusseren
Welt hinführt. Die beiden grösseren oder Hauptpforten aber sind das
Gesicht und das Gehör, von denen jenes im Allgemeinen den räumlichen,
dieses aber den zeitlichen Erscheinungen und Vorgängen in der äusseren
Welt adäquat ist. Die Wahrnehmungen von diesen aber haben vorzugsweise
einen höheren geistigen oder ästhetischen Werth und es wird auf die
Untersuchung von ihnen zunächst die ganze Bestimmung des ästhetischen
Werthes aller einzelnen Sinneseindrücke gegründet werden müssen.