Die ganzen Erscheinungen der Seele werden von uns eingetheilt oder

classificirt durch ein System von Begriffen, in welchen wir die

Vertreter der einzelnen Abtheilungen, Kräfte oder Functionen derselben

zu erblicken gewohnt sind. Auch von allen diesen Begriffen gilt an

sich dasselbe als von demjenigen der Seele überhaupt; sie sind an

sich keine Realitäten, sondern nur fingirte Substanzen oder Träger

gewisser Complexe gleichartiger Erscheinungen am Menschen. Wir reden

von ihnen allerdings so, als ob sie ganz bestimmte einzelne Organe

und Theile des Lebens der Seele wären ähnlich als diejenigen des

Körpers und wir stellen uns überhaupt die Seele gleichsam als ein

System oder einen Organismus von Theilen und Functionen vor nach der

Analogie des Körpers. Wir schaffen uns aus den vorübergehenden und

wechselnden Erscheinungen des Seelenlebens gleichsam ein Bild oder eine

Vorstellungseinheit von der Seele an sich. Alles dieses ist für uns

freilich etwas Nothwendiges und Berechtigtes; es dient uns sogar in

vielen Fällen geradezu ein bestimmter Theil des Körpers als Ausdruck

oder Bezeichnung einer bestimmten Kraft oder eines Prinzipes des Lebens

der Seele, so wie wir von Kopf, Herz u. s. w. reden als ob dieses

nicht blos Theile des Körpers, sondern auch solche der Seele wären. Es

kann im gewissen Sinne allerdings überhaupt die Gliederung des Körpers

als Basis und Prinzip für diejenige der Seele angenommen werden, so

wie sich insbesondere das System der Seelenabtheilungen bei Plato an

dasjenige der körperlichen Gliederung anschloss. In ähnlicher Weise

wurde auch früher die Lehre von den vier Temperamenten mit den vier

Elementen der Natur in Verbindung gebracht und es kann allerdings mehr

oder weniger alles Psychische auf bestimmte materielle oder physische

Prinzipien zurückgeführt werden.

Wir dürfen hierbei aber in keinem Falle vergessen, dass alles

dasjenige, was wir uns als objectiv gegebene Kräfte oder Theile der

Seele u. s. w. vorzustellen pflegen, unmittelbar genommen nichts sind

als innere oder subjective Begriffe unseres eigenen Denkens, deren

ganzer Inhalt und deren Gebrauchsanwendung häufigen Schwankungen

und Missverständnissen unterliegt. Mit demselben Worte wird oft

ein etwas abweichender Sinn in Verbindung gebracht. Das System der

psychologischen Begriffe oder Kategorieen ist mehr oder weniger in

jeder einzelnen Sprache selbst ein verschiedenes und es ist die ganze

Gruppirung oder Vertheilung der Seelenerscheinungen hiernach immer

zum Theil eine andere. Es ist deswegen wissenschaftlich durchaus

unberechtigt, von allen diesen Begriffen ohne Weiteres so zu sprechen

als ob sie Realitäten wären oder als ob es ein ganz bestimmter und

unzweifelhafter wirklicher Inhalt wäre, der in ihnen für uns seine

Vertretung fände. Was der Begriff eines körperlichen Theiles für uns

bedeutet, ist etwas ganz Bestimmtes und unzweifelhaft Gewisses oder es

entspricht hier dem subjectiven Begriff eine fest begrenzte sinnliche

und objective Realität. Es werden nichtsdestoweniger im philosophischen

Denken alle jene Begriffe auch gegenwärtig noch so gebraucht, als

ob sie ohne Weiteres Realitäten wären. Unsere ganze philosophische

Kunstsprache beruht einem wesentlichen Theile nach auf diesem Irrthum,

den subjectiven Begriffen ohne Weiteres den Charakter als Vertreter

von etwas Wirklichem oder Sachlichem zuzuschreiben. Eine subjective

Begriffsentwickelung ist nicht als solche bereits eine Erkenntniss

oder die Darstellung eines objectiven und sachlichen Inhaltes. Man ist

sich vielfach der Rohheit gar nicht bewusst, welche darin liegt, die

Begriffe des Denkens oder die Worte der Sprache in einem anderen Sinne

als dem ihnen rechtmässig zukommenden zu gebrauchen. Die Begriffe oder

Kunstausdrücke der Philosophie unterscheiden sich von denen anderer

Wissenschaften überhaupt dadurch, dass sie von nur subjectiver Art sind

oder dass keine bestimmte und feste objective Realität nachgewiesen

werden kann, auf die sie sich beziehen. Dieses sogenannte Denken in

reinen oder subjectiven Begriffen hat an und für sich gar keinen

wissenschaftlichen Werth. Es entspringen hieraus eine Menge vollkommen

leerer und unrichtig gestellter Streitfragen und Probleme des Tages. So

ist jenes berühmte Unbewusste nichts als ein Name, dem in künstlicher

und willkürlicher Weise der Charakter einer Realität beigelegt worden

ist. So streitet man sich jetzt unter Anderm darüber, ob die Thiere

denken können oder nicht: es handelt sich hierbei nicht um etwas

Objectives in der Sache selbst, sondern nur um die Bedeutung eines

subjectiven Begriffes unseres Denkens. Denn die Erscheinungen der

Thiere bleiben dieselben, die sie sind, und es fragt sich blos danach,

ob sie vermöge ihres gegebenen Charakters rechtmässig unter den Begriff

des Denkens subsumirt werden können oder nicht. Alles dieses sind blos

innere oder dialektische Fragen des menschlichen Geistes selbst, die

nicht das Wesen der Sachen an sich, sondern nur das Verhältniss unserer

Begriffe zu ihm zum Gegenstand haben.

Der Begriff der Seele vertritt für uns das andere geistige oder

immaterielle Prinzip im Menschen neben dem sinnlichen oder materiellen

des Körpers. Dem Begriffe der Seele substituiren wir auch wohl hin und

wieder denjenigen des Geistes. Seele und Geist aber sind deswegen nicht

für uns schlechthin identische Begriffe. Es ist z. B. ein wesentlicher

Unterschied, ob wir mit einem Menschen das Prädicat des Geistvollen

oder das des Seelenvollen in Verbindung bringen. Ein Mensch von

Geist ist insbesondere ein solcher, welcher reich ist an eigenen und

selbstständigen Gedanken. Der specifische Charakter des Seelenvollen

liegt dagegen mehr in der Tiefe und Eigenthümlichkeit des Empfindens.

Der Begriff des Geistes im specifischen Sinne vertritt für uns

wesentlich nur eine bestimmte Abtheilung oder Richtung des menschlichen

Seelenlebens überhaupt. Wir rechnen zum Leben des Geistes insbesondere

alles dasjenige hinzu, was auf einer selbstständigen Anstrengung

unseres Denkens oder auf einer befreienden Erhebung unseres inneren

Bewusstseins über die blosse Abhängigkeit von den Bewegungen und

Eindrücken des Körpers beruht. In diesem Sinne aber ist es wesentlich

der Begriff der Sinnlichkeit, welcher das allgemeine und natürliche

Gegentheil der Region des Geistes im Leben der Seele bildet. Die

Sinnlichkeit ist im Allgemeinen diejenige Region des Lebens der Seele,

deren Charakter in einer unmittelbaren Einheit oder in einem abhängigen

und empfangenden Anschluss desselben an die Bedingungen und Anregungen

unserer körperlichen Natur besteht. Das Seelenleben der Thiere aber

kommt über diese ganze Region der Sinnlichkeit überhaupt nicht hinaus,

während dasjenige des Menschen sich wesentlich aus der doppelten Region

der Sinnlichkeit und des Geistes, von denen jene gleichsam direct an

das Leben des Körpers oder der Materie angrenzt, diese aber das Prinzip

der Seele selbst in seinem höheren reineren oder specifischen Sinne in

sich vertritt, zusammensetzt.

Als eine dritte hauptsächliche Seelenabtheilung darf von uns

angesehen werden diejenige des Charakters. Der Charakter ist

wesentlich der Sitz oder das Organ für das psychische Vermögen des

Wollens. Das Verhältniss der drei allgemeinen Seelenvermögen des

Fühlens oder Empfindens, des Denkens und des Wollens entspricht dem

der drei allgemeinen Abtheilungen oder Organe der Sinnlichkeit,

des Geistes und des Charakters. Diese Gliederung bildet das erste

und wichtigste Fundament aller weiteren Eintheilung des Lebens der

Seele. Hierdurch überhaupt aber unterscheidet sich zunächst das ganze

höhere und reichhaltiger zusammengesetzte Seelenleben des Menschen

von dem niedrigeren und mehr einfach rudimentären des Thieres. Auf

die Erscheinungen und Vorgänge des thierischen Seelenlebens kann

weder der Begriff des Denkens noch der des Wollens rechtmässig in

Anwendung gebracht werden. Wir bedienen uns auch zur Charakteristik

der höheren Natur und vollkommeneren Einrichtung des menschlichen

Seelenlebens des Ausdruckes der Vernunft, welchem wir in Bezug auf

das Leben des Thieres denjenigen des Instinctes gegenüberstellen.

Zwischen beiden aber zieht sich durchaus eine bestimmte und scharf

bezeichnete Grenze. Alle Acte des thierischen Erkennens sind von

einer rein unmittelbaren, wesentlich zeitlosen oder instinctiven

Natur, d. h. es ist dem Thier die dem Menschen eigenthümliche in sich

zurückgezogene Sammlung oder nachdenkende Reflexion des Erkennens

vollständig fremd. Jede Erkenntniss tritt überall nur in der Gestalt

einer augenblicklichen und blitzartigen Erleuchtung in der Seele des

Thieres auf Grund einer gegebenen sinnlichen Wahrnehmung hervor. Eine

solche Erkenntniss mag vielleicht aufgelöst werden können in eine

bestimmte Folge einzelner Momente und sich insofern an eine menschliche

Schlussfolgerung oder Gedankenüberlegung anzuschliessen scheinen,

aber sie ist als psychischer Act immer ein durchaus einfacher,

zeitloser und sprungartiger Vorgang. Ein Thier kann eine Reihe

von Erfahrungen machen und es tritt zu dem Prinzipe des Instinctes

hierdurch noch das der Gewöhnung in seinem Seelenleben hinzu, aber

es ist unfähig, die Summe der Erfahrungen innerlich zu sammeln und

aus ihnen weitere Ableitungen oder Schlussfolgerungen zu ziehen. Für

den ganzen Unterschied des thierischen Seelenlebens vom menschlichen

ist am Bezeichnendsten die Unfähigkeit des ersteren zu dem Acte der

Abstraction, d. h. zu der selbstständigen Erhebung oder Befreiung

seines Innern über die Gewalt einer unmittelbar gegebenen sinnlichen

Wahrnehmung und des aus dieser entspringenden Eindruckes auf das Leben

der Seele. Nur hierauf gründet sich sowohl das Vermögen des Denkens

als auch dasjenige des Wollens in der Seele des Menschen. Jeder Act

des Verlangens oder des Strebens beim Thier ist ein unmittelbarer

Gegenstoss des Reizes irgend einer sinnlichen Wahrnehmung oder eines

äusseren Eindruckes. Alles dieses sind Erscheinungen des Begehrens,

noch nicht aber solche des Wollens. Nur der Mensch vermag zu wollen,

d. h. ein bestimmtes von Innen heraus erfasstes Ziel im Gegensatz zu

blossen äusseren sinnlichen Anregungen oder Begehrungen zu verfolgen.

Diese Function des Wollens aber hat wesentlich immer diejenige des

Denkens zu ihrer Voraussetzung; denn nur durch die Erhebung über das

Einzelne des sinnlichen Eindruckes zu allgemeinen geistigen Begriffen

wird der Mensch auch fähig, sich bestimmte innere oder nur ihm selbst

angehörende Ziele des Bestrebens zu stecken. In seinem Erkennen ist es

die Vernunft, in seinem Handeln ist es die sittliche Freiheit, durch

welche sich der Mensch von dem einfachen und instinctiven Gebundensein

des Thieres an die Gewalt der sinnlichen Wahrnehmungen unterscheidet.

Nur beim Menschen aber kann überhaupt wegen der ganzen reicheren

Gestaltung seines Seelenlebens von einer bestimmten Gliederung

desselben in einzelne Abtheilungen gesprochen werden.

Der Ausgangspunct aller Entwickelung des menschlichen Seelenlebens

ist an und für sich kein anderer als derjenige des Seelenlebens des

Thieres. Nur durch die Fähigkeit seiner weiteren Vervollkommnung ist

das menschliche Seelenleben zu Anfang von demjenigen des Thieres

verschieden. Dieses gilt sowohl vom Kind als auch vom ursprünglichen

Menschen am Anfang aller Geschichte. Im Leben der Thiere tritt durch

sich selbst in allem Wechsel der Generationen keine Veränderung ein.

Das Thier ist durchaus abhängig und gebunden an die Natur, während die

Bestimmung des Menschen in dem Heraustreten aus der blossen Einheit mit

der Natur und in der Erhebung zur Herrschaft über dieselbe besteht.

Entscheidend für das ganze höhere Seelenleben des Menschen aber ist

insbesondere der Besitz und das Entstehen der Sprache. Nur durch diese

sondert sich das denkende Erkennen der Seele in bestimmter Weise von

demjenigen durch das blosse Gefühl oder die Empfindung ab. Wir wissen

aber jetzt, dass die Sprache nicht etwas dem Menschen Angeborenes,

sondern etwas in ihm Entstandenes ist, welches sich im fortwährenden

Zusammenhang mit seiner ganzen sonstigen geistigen Bildung in der

Geschichte weiter entwickelt hat. Alles actuelle Denken ist überall

nur dasjenige, welches in die Sprache einzutreten oder in ihr seine

Form und seinen Ausdruck zu gewinnen vermag. Die Sprache bildet ihrer

Natur nach die Grenze oder Schwelle zwischen dem sinnlichen oder

empfindenden und dem geistigen oder denkenden Erkennen der Seele. Sie

steht insofern im wahrhaften Mittelpunct der ganzen Gliederung des

menschlichen Seelenlebens und es sind zuletzt Sprache, Vernunft und

sittliche Freiheit wesentlich eng verbundene und in gleichem Maasse

charakteristische Erscheinungen des Lebens des Menschen.

Es giebt eine dreifache Wissenschaft der Philosophie, von denen eine

jede sich auf das eine jener drei Grundvermögen der menschlichen

Seele, das Empfinden, das Denken und das Wollen bezieht. Dieses sind

die Aesthetik, Logik und Ethik. Die allgemeine Stellung dieser drei

Wissenschaften ist eine verwandte und sie bilden mit einander die

eine Hauptgruppe der philosophischen Disciplinen, neben welcher als

eine andere Gruppe diejenige der beiden Gebiete oder Disciplinen

der Metaphysik und der Psychologie unterschieden werden darf. Die

Welt und die Seele oder der objective Makrokosmus und der subjective

Mikrokosmus sind an sich die beiden gegebenen Hauptabtheilungen alles

philosophischen Erkennens und Begreifens und es wird insofern der

allgemeine Stoff der Philosophie zunächst durch die beiden Gebiete

der Metaphysik und der Psychologie erschöpft. Treten aber innerhalb

der menschlichen Seele zunächst die drei allgemeinen Grundvermögen

des Empfindens, des Denkens und des Wollens hervor, so gewinnt ein

jedes von diesen seinen näheren Inhalt an einer bestimmten Sphäre

des objectiven oder an und für sich selbst ausserhalb des Menschen

liegenden Stoffes. Das Wesen der äusseren Welt oder der Objectivität

tritt der menschlichen Seele oder der Subjectivität im Ganzen von

einer dreifachen Seite gegenüber, von der des Schönen, der des Wahren

und der des Guten und es ist die allgemeine Vollkommenheit oder die

wesentliche Bestimmung unseres inneren Vermögens des Empfindens an

die Einstimmigkeit mit der Idee oder dem Inhalte des Schönen, die des

Denkens an diejenige mit der des Wahren, die des Wollens endlich an

diejenige mit der des Guten gebunden. Ein jedes dieser drei Vermögen

der Seele erfüllt sich insofern mit einem bestimmten weiteren an sich

ausser ihm liegenden Inhalte und es ist überhaupt nur eine Beziehung

unserer innern Subjectivität auf die äussere Objectivität, aus welcher

alle wirkliche Entwickelung des menschlichen Seelenlebens entspringt.

Die drei Wissenschaften der Aesthetik, der Logik und der Ethik aber

beziehen sich auf jene drei Grundvermögen des Empfindens, Denkens und

Wollens nicht so wie dieselben ihrer unmittelbar gegebenen psychischen

Naturbeschaffenheit nach sind, sondern so wie dieselben unter dem

Gesichtspunct ihrer an und für sich geforderten Vollkommenheit oder

des von ihnen zu erreichenden idealen Inhaltes und Zieles sein sollen.

Eben hierdurch aber begrenzen sich diese Wissenschaften in einer

ganz bestimmten und festen Weise mit dem Standpuncte der allgemeinen

Wissenschaft von der menschlichen Subjectivität, der Psychologie.

Alle Wissenschaften zerfallen überhaupt in solche, welche sich

auf die Erklärung und Bearbeitung der gesetzlichen Erscheinungen

eines bestimmten gegebenen Seins und in solche, welche sich auf die

Bestimmung der Gesetze eines geforderten idealen Sollens beziehen

und es können die ersteren unter ihnen auch mit dem Ausdrucke von

beschreibenden oder Realwissenschaften, die letzteren aber mit dem

von normirenden oder Idealwissenschaften bezeichnet werden. Unter

den einzelnen Theilen der Philosophie aber gehören die Psychologie

und Metaphysik der ersteren, die Aesthetik, Logik und Ethik dagegen

der letzteren dieser beiden Kategorien an. Die Aesthetik überhaupt

also ordnet sich ein in eine bestimmte weitere Reihe philosophischer

Wissenschaften. Die dreifache Idee des Schönen, des Wahren und des

Guten ist überhaupt entscheidend für die ganze Gliederung und Ordnung

des Lebens des menschlichen Geistes. Diese dreifache Idee findet

insbesondere ihre Verwirklichung und nähere Ausprägung in den drei

Reichen oder Culturgebieten der Kunst, der Wissenschaft und der

Religion und es schliesst sich insofern auch das Verhältniss jener drei

philosophischen Wissenschaften an dasjenige dieser drei wichtigsten

Hauptgebiete des menschlichen Geisteslebens an.

4. Form und Materie des ästhetischen Erkennens.

Alle menschliche Erkenntniss ist zunächst eine solche durch das Gefühl

oder die Empfindung. Die höhere logische oder denkende Erkenntnissweise

wächst überall zuerst aus der niederen sinnlichen oder anschaulich

empfindungsmässigen hervor. Es ist also eigentlich unrichtig, von

einem an sich gegebenen dualistischem Nebeneinanderstehen beider

Erkenntnissweisen zu sprechen. Das unmittelbare oder empfindende

Erkennen ist zu Anfang durchaus vorwiegend über dasjenige der bewussten

und vermittelten Reflexion des logischen Verstandes. Dieses gilt um

nichts weniger von dem Leben des einzelnen Menschen als von demjenigen

der ganzen Gattung oder der Menschheit überhaupt in der Geschichte.

Ueber das ganze Gesetz und die Ordnung des denkenden Erkennens aber

hat es schon längst eine Wissenschaft und Theorie gegeben, während

diejenige des empfindenden Erkennens erst in neuerer Zeit und auch

hier in sehr unvollkommener Weise bearbeitet zu werden angefangen

hat. Es war daher ein an sich ganz richtiger Gedanke Baumgartens, der

Aesthetik ihre Stelle im System der Philosophie an der Seite der Logik

anzuweisen. Man hatte bisher nur das logische Erkennen einer wahrhaft

wissenschaftlichen Bearbeitung würdig gefunden; dieses ist allerdings

dasjenige, auf welchem alles wissenschaftliche Begreifen der Welt und

ihrer Erscheinungen beruht und es hatte insofern die Philosophie und

Wissenschaft selbst ein natürliches und nahe liegendes Interesse daran,

sich mit seiner Bearbeitung zu beschäftigen. Es hing hiermit überhaupt

eine ungerechtfertigte Ueberschätzung des denkenden Erkennens gegenüber

dem empfindenden zusammen. Aesthetik und Logik überhaupt fallen unter

den gemeinsamen Begriff der Lehre vom menschlichen Erkennen und es kann

überhaupt eine jede dieser beiden Wissenschaften immer nur mit einem

gewissen Hinblick auf die andere richtig aufgefasst und bearbeitet

werden.

Das Schöne zunächst ist es nicht allein, welches den Gegenstand

unserer empfindenden oder ästhetischen Erkenntniss bildet. Wir

nehmen bestimmte Empfindungseindrücke auch aus solchen Dingen und

Erscheinungen in uns auf, die mit der Idee des Schönen an und für

sich selbst nichts zu thun haben. Es ist ein Missverständniss oder

eine falsche und einseitige Auffassung der Natur unseres ästhetischen

Erkenntnissvermögens, wenn hierüber gesagt zu werden pflegt, dass die

ganze Aufgabe und Thätigkeit desselben allein in dem Aussprechen von

Urtheilen des Wohlgefallens oder des Missfallens über die gegebenen

äusseren Erscheinungen oder Wahrnehmungen bestehe. Diese Aufgabe oder

Function desselben bezieht sich im Allgemeinen immer auf die Frage

nach dem Passenden oder Unpassenden der Verbindung der gegebenen

einzelnen Wahrnehmungen unter einander. Wir finden die Verbindung

eines doppelten Tones, einer doppelten Farbe u. s. w. entweder passend

oder unpassend und sprechen insofern ein kritisches Urtheil des

Wohlgefallens oder Missfallens, der Anerkennung oder Verwerfung über

ein derartiges Verhältniss aus. Alles Passende hierbei erscheint uns

zuletzt als schön, alles Unpassende aber als unschön oder hässlich.

Es ist aber mit diesem ganz einfachen Urtheile noch keinesweges der

ganze Empfindungseindruck ausgesprochen oder bestimmt, welchen wir aus

einem solchen entweder wohlgefälligen oder missfälligen Verhältnisse

in uns aufnehmen. Jedes einzelne Schöne und Hässliche trägt ausserdem

noch einen ganz besonderen und eigenthümlichen Charakter an sich und

ruft überall einen ganz bestimmten und specifischen Empfindungseindruck

in uns hervor. Auch sind es keinesweges blos die Verbindungen und

Verhältnisse der einzelnen einfachen Elemente des Wahrnehmens, sondern

auch diese letzteren rein an sich oder als solche, welche einen

bestimmten Werth oder eine Bedeutung für unser Empfinden besitzen.

Jene kritische Function unseres ästhetischen Erkennens ist blos eine

einzelne Form oder Thätigkeit desselben überhaupt, die sich auf

unser Verhalten zu der Region des specifisch Wohlgefälligen oder

Schönen bezieht. Es hat aber dieselbe noch eine breitere und reichere

Unterlage, welche einer ausführlicheren wissenschaftlichen Bestimmung

bedarf.

Aesthetische Farbenlehre · 第 2 / 9 段