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AESTHETISCHE

FARBENLEHRE

von

Conrad Hermann

Professor.

Leipzig.

Verlag von Moritz Schäfer.

1876.

Inhalt.

Seite

1. Die Farbe als Wirklichkeit. 1

2. Was heisst Aesthetik? 8

3. Die Stellung der Aesthetik in dem Systeme der Philosophie. 15

4. Form und Materie des ästhetischen Erkennens. 26

5. Das empfindende und das denkende Erkennen der Seele. 33

6. Die Farbe und der Ton. 42

7. Das wissenschaftliche Prinzip der ästhetischen Farbenlehre. 49

8. Das System der allgemeinen Unterschiede der Farbe. 54

9. Farbe, Musik und Sprache. 62

10. Das allgemeine Gesetz der ästhetischen Form. 72

Vorwort.

Man wird in dieser Schrift manches finden, was nicht unmittelbar auf

die ästhetische Lehre von den Farben Bezug hat. Andererseits wird man

vielleicht manches in ihr vermissen, was eigentlich mit hierhin zu

gehören scheinen könnte. Es ist aber überall etwas Anderes, bestimmte

gegebene Erwartungen zu befriedigen und selbst neue Aussichten oder

Ziele des Erkennens zu eröffnen. Worauf sich meine Schrift bezieht,

ist an sich allein die Frage nach dem ästhetischen Werth oder der

empfindungsmässigen Bedeutung, welche die einzelnen Farben als

solche für uns oder den menschlichen Geist zu besitzen scheinen.

Auch hier handelt es sich hauptsächlich nur um die Bestimmung des

wissenschaftlichen Verfahrens oder der ganzen Methode, an welche

jede derartige Untersuchung mit Nothwendigkeit gebunden ist. Ich

habe schon früher in meinem Grundriss einer allgemeinen Aesthetik

die Lehre von den Farben als einen einzelnen Abschnitt behandelt und

gebe jetzt derselben im Zusammenhang mit den allgemeinen Prinzipien

alles ästhetisch-wissenschaftlichen Erkennens eine erweiterte und

selbstständige Gestalt. Ich beabsichtige namentlich den Satz zur

Anerkennung zu bringen, dass auch jede einzelne einfache sinnliche

Wahrnehmung als solche, wie die einer Farbe, einen bestimmten

eigenthümlichen Werth oder eine Bedeutung für unser empfindendes

Erkennen besitze, und dass es ein geordnetes wissenschaftliches

Verfahren gebe, durch welches dieser Werthinhalt festgestellt oder

ermittelt werden könne. Alle allgemeinen ästhetischen Prinzipfragen

aber hängen mehr oder weniger mit dieser Aufgabe zusammen, und

es ist insofern zugleich ein Beitrag zur weiteren Ausbildung und

wissenschaftlichen Vervollkommnung der Aesthetik im Sinne eines

bestimmten und integrirenden Theiles der Philosophie, den ich hiermit

zu geben versucht habe.

1. Die Farbe als Wirklichkeit und als Schein.

An jede einzelne Farbe knüpft sich für die menschliche Seele irgend

eine weitere Empfindungsvorstellung an. Es ist dieses eine an sich

unbestreitbare Thatsache und es kann versucht werden, allen hierhin

gehörigen Erscheinungen in wissenschaftlicher Weise nahe zu treten. Die

Farbenlehre ist namentlich von Goethe und Schopenhauer zugleich mit

unter dem ästhetischen Gesichtspunkt behandelt werden. Wir fassen sie

lediglich von dieser letzteren Seite auf und versuchen zunächst unsern

allgemeinen methodischen Standpunkt in Bezug auf die Bearbeitung dieses

ganzen Gebietes zu begründen.

Der wissenschaftliche Begriff von der Farbe ist zunächst ein anderer

als die natürliche oder populäre Vorstellung des Menschen über

dieselbe. Nach dieser letzteren erscheint uns die Farbe als etwas

objectiv Gegebenes oder Reales an den äusseren Dingen selbst. Wir

stellen uns in ihr gleichsam einen stofflichen Ueberzug oder ein Kleid

vor, welches die ganzen weiteren Beschaffenheiten der Dinge verdeckt.

Wir nennen sogar einen bestimmten Farbstoff, wie etwa den Zinnober,

ohne Weiteres eine Farbe selbst. Wir bezeichnen eine bestimmte Sache

als grün, roth u. s. f. und sehen hierin ganz ähnliche Eigenschaften

oder Inhärenzen der Dinge selbst wie etwa darin, dass eine bestimmte

Sache rund, viereckig, schwer, leicht u. s. w. ist. Anders aber ist

der wissenschaftliche Begriff der Farbe. Die Wissenschaft tritt auch

hier wie in so vielen anderen Fällen der unbefangenen oder natürlichen

Vorstellungsweise des Menschen von den äusseren Dingen feindlich

gegenüber; sie zerstört den Schein der unmittelbaren sinnlichen

Anschauung und verändert hierdurch unsere ganze Auffassung der Welt.

Der Mensch dachte sich die Welt noch anders als er glaubte, die Sonne

und die ganzen Gestirne bewegten sich um die Erde als gegenwärtig, wo

er weiss, dass er selbst mit seiner Erde nur ein abhängiges und von

Aussen her bewegtes Atom im unendlichen Weltenraume ist. Die Zerstörung

eines solchen sinnlichen Scheines ist nicht gerade immer angenehm und

erfreulich für uns selbst; es hat aber auch der blosse Schein und die

Illusion immer eine bestimmte Wahrheit und Berechtigung für uns und

es darf versucht werden, das Berechtigte dieses Scheines neben der

nothwendigen Anerkennung der Wahrheit der Wissenschaft festzuhalten und

zu begründen. Wir werden uns durch alle Kopernikanische Demonstration

nicht abhalten lassen zu sagen, die Sonne geht auf und geht unter, und

so hat auch die populäre oder gebräuchliche Vorstellung des Menschen

von der Farbe immer einen gewissen Werth oder eine Bedeutung für uns

neben derjenigen, wie sie von der Wissenschaft uns dargestellt oder

gelehrt wird.

Was wir die Farbe nennen, ist an sich nicht sowohl eine Eigenschaft

oder Inhärenz an den äusseren Dingen selbst als vielmehr ein blosser

Reflex oder eine Wirkung derselben auf uns. Der Ort, wo sich dasjenige

befindet, was uns die Farbe heisst, ist an sich nicht die äussere

Sache, sondern nur das Organ unseres Wahrnehmens derselben oder das

Auge. Die populäre Vorstellung verwechselt hierbei gleichsam die

Wirkung mit der Ursache oder sie schiebt dasjenige, was an sich selbst

nur eine innere oder subjective Erscheinung in uns ist, zurück auf den

äusseren Ort oder das Object, von welchem eine derartige Erscheinung in

uns erfahrungsgemäss ihren Ausgang nimmt. Es wäre streng genommen nur

richtig zu sagen: diese oder jene Sache bringt unter dem Einfluss des

Lichtes eine grüne oder rothe Farbenerscheinung in uns hervor, nicht

aber dass sie an sich selbst grün oder roth sei. Es hängt zum Theil

auch sehr viel von den äusseren Bedingungen oder Modificationen des

Lichtes ab, in welcher bestimmten Farbennüance uns eine Sache erscheint

und es tragen insofern mehr oder weniger alle Dinge gewissermaassen

einen chamäleonartigen Character an sich. Sehr häufig hat auch

dasjenige, worauf wir irgend eine bestimmte Farbenerscheinung in uns

zurückzuführen pflegen, gar keine eigentliche Realität, sondern ist

wie das blaue Himmelsgewölbe oder der Regenbogen eine blosse diesem

Farbenbilde von uns untergeschobene Fiction. Die Farbenerscheinungen

in uns haben zunächst allerdings immer eine bestimmte äussere Ursache,

aber sie sind weit davon entfernt, mit dieser Ursache selbst

identisch zu sein und es wird also von der Wissenschaft überhaupt die

Subjectivität der Farbe im Unterschied von der ihr durch die populäre

Vorstellung zugeschriebenen Objectivität angenommen oder gelehrt.

Der Act des Wahrnehmens der äusseren Dinge durch das Licht und die

Farbe ist allerdings ein so augenblicklicher und wesentlich zeitloser,

dass hier die Ursache und die Wirkung oder der Ausgangs- und der

Endpunct dieses Prozesses vollständig in eine Einheit mit einander

zusammenzufallen scheinen oder dass das subjective Bild der Farbe für

uns unmittelbar die Gestalt einer Beschaffenheit oder Inhärenz an der

Objectivität der äusseren Sachen selbst besitzt. Erst die Wissenschaft

hat gelehrt, dass der Prozess des Sehens selbst ein zeitlicher

sei, während die populäre Vorstellung hiermit die Meinung eines

unmittelbaren oder räumlichen Aufnehmens der äusseren Sachen selbst

verbindet. Wir wissen jetzt, dass das Licht überall eine bestimmte

Zeit braucht, um von einem äusseren Objecte zu uns zu dringen. Bei

entfernten Gegenständen wie bei den Weltkörpern ist diese Zeit selbst

messbar und es giebt eine interessante Schrift: «Die Gestirne und die

Weltgeschichte. Gedanken über Raum, Zeit und Ewigkeit. Von Dr. Felix

Eberty», welche hieraus in Gestalt einer anmuthigen Spielerei etwa

folgende Resultate zu ziehen versucht hat: Nehmen wir an, dass von

irgend einem entfernten Sterne das Licht in einem Zeitraume von 1000

Jahren bis zur Erde gelangt, so wird dieser Stern gegenwärtig von

uns gesehen nicht so wie er jetzt ist, sondern so wie er vor jenem

Zeitraume war. Das Gleiche aber wird auch umgekehrt der Fall sein,

d. h. man wird auch auf jenem Stern die Erde gegenwärtig nicht so

sehen wie sie jetzt ist, sondern so wie sie vor jenem Zeitraume war.

Nehmen wir ferner an, dass alle einzelnen Vorgänge auf der Erde dort

gesehen werden könnten, so wäre es an sich möglich, dass ein auf der

Erde selbst längst vergangenes Ereigniss, etwa die Kämpfe Karls des

Grossen mit den Sachsen, die Bekehrung Wittekinds u. dergl. jetzt dort

als wirklich erblickt werden könnte. So könnten vielleicht auf Sternen

von verschiedenen Entfernungen zu einer und derselben Zeit eine ganze

Reihe nach einander vor sich gegangener historischer Ereignisse auf

der Erde noch als wirklich erblickt werden oder es könnte gleichsam

unsere Weltgeschichte an einer Mehrheit anderer Orte als eine Reihe

gleichzeitiger Tableaux oder Bilder sich abspiegeln und wahrgenommen

werden. Alles dieses ist an sich möglich und denkbar, wenn auch bei

allen uns zunächst liegenden oder uns unmittelbar umgebenden Objecten

dieses zeitliche Moment überall nicht in Betracht kommt und wir es

uns erst künstlich sagen müssen, dass die wahrgenommenen Objecte von

unseren Wahrnehmungen selbst als deren Ursachen eigentlich durch eine

bestimmte Zeitgrenze getrennt sind.

Alles was wir sehen, ist aber überhaupt streng genommen nichts als

Farbe oder es ist eigentlich unrichtig zu sagen, dass wir einen

Körper oder irgend etwas Anderes rein an sich oder als solches zu

erkennen vermöchten. Wir sehen unmittelbar genommen eine blosse

Mannichfaltigkeit oder Verschiedenheit der Farben und es ist erst

hieraus, dass wir uns die inneren Bilder und Vorstellungen von den

uns durch die Farbe mitgetheilten äusseren Dingen zusammensetzen und

construiren. Die Farbe ist das absolute Medium zwischen unserem Gesicht

und der Welt der äusseren Dinge. Nur was Farbe hat, kann von uns

überhaupt durch den Sinn des Gesichtes wahrgenommen werden. Die ersten

Eindrücke, die wir als Kinder durch das Gesicht von der Aussenwelt

empfangen, können nichts sein als ein wirres und unverständliches Chaos

von Farbenerscheinungen. Wir werden erst allmählich durch die Erfahrung

belehrt, wie sich diese Farbenerscheinungen zu den wirklichen Dingen,

Gestalten oder Vorgängen im Raume verhalten oder welches das reale und

substantielle Wesen sei, dem sie zum Ausdrucke für uns dienen. Die

Farbe ist für unser Auge dasselbe was die Sprache für das Ohr; wir

lernen auch hier erst allmählich und durch die Erfahrung den einzelnen

Laut in seiner Bedeutung für die Sachen und die Vorstellungen Anderer

verstehen. Die Körperwelt spricht zu uns durch die Farbe so wie der

Geist des Menschen durch den Ton; beides aber ist zunächst ein reiner

Affect unserer Sinne, der sich erst später mit dem weiteren tieferen

und objectiven zu ihm gehörenden Vorstellungsinhalte für uns erfüllt.

Jede einzelne Farbe ist an sich eine bestimmte Modification des

allgemeinen Elementes des Lichtes. Wir werden zunächst durch eine

jede von ihnen physisch in einer anderen Weise berührt. Einzelne

Farbenaffecte können bis zu der Empfindung des wirklichen physischen

Schmerzes oder der unerträglichen Unlust gesteigert werden. Im

Allgemeinen aber ist es mehr der Eindruck des Heiteren, Hellen und

Freudigen, welcher sich an die Mannichfaltigkeit oder das Bunte

der Farbe für uns anknüpft. Es ist an sich etwas die Phantasie und

das Leben Erweckendes in dem blossen Reiz und Eindruck der Farbe

für uns enthalten. Auch abgesehen von dem, was wir durch die Farbe

sehen oder erkennen, hat sie für uns überall einen bestimmten Reiz

und ein eigenthümliches Interesse. Jedenfalls aber wird zunächst

nur durch sie unsere ganze Erkenntniss von den räumlichen Dingen

getragen und vermittelt. Es mag sein, dass uns der Tastsinn zunächst

hilft, die Bedeutung und die Tragweite der Farbenerscheinungen in

ihrem Zusammenhang mit den wirklichen Dingen zu verstehen. Er ist

vielfach der nächste und natürlichste Interpret der Wahrnehmungen

unseres Gesichts; das Kind will überall gleich greifen nach dem, was

es sieht. Unter allen höheren Sinneseindrücken aber sind von Anfang

an die reichsten und mächtigsten die durch die Farbe und es empfängt

wesentlich hiermit unser ganzes Verstehen und Begreifen der uns

umgebenden Welt seinen ersten Anstoss.

Es ist an und für sich gewiss, dass wir nur durch unsere

Sinneswahrnehmungen eine Kenntniss von der Welt der uns umgebenden

Sachen erhalten. Was wir die Wirklichkeit nennen, ist an und für

sich nichts als ein Complex von Wahrnehmungen und Eindrücken unserer

Sinne. Die von uns sogenannten Dinge sind an sich nur die unbekannten

Ursachen der sensuellen Wirkungen und Phänomene unseres eigenen

inneren Selbst. Wir bevölkern gleichsam nur von uns aus die Welt mit

fingirten Realitäten, Gegenständen, Ursachen oder Substanzen. Es liegt

zwischen dem, was wir die Welt nennen und zwischen uns selbst an und

für sich immer etwas Drittes in der Mitte, nämlich die Wirkungen,

welche wir von Aussen her empfangen und durch welche wir uns unsern

innern oder subjectiven Begriff von einer äusseren Welt construiren.

Es ist nothwendig und gut, dass sich der menschliche Geist einmal

dieses seines wahrhaften und wirklichen Verhältnisses zur äusseren

Welt bewusst wird oder dass er sich sagt, dass alles dieses für ihn

eigentlich und an sich nur in seiner inneren Vorstellung, nicht aber

ausser derselben existire. Es giebt streng genommen für uns nur eine

Welt der Vorstellungen, nicht aber eine solche der Sachen. Dieses

aber darf uns nicht daran hindern, doch von einer Welt der Sachen als

von etwas wirklich Vorhandenem zu reden. Die Annahme der Realität

der Dinge ist eine an sich durchaus nothwendige für unseren Geist.

Unsere subjectiven auf die sinnlichen Wahrnehmungen gegründeten

Vorstellungen von ihnen mögen zum Theil unrichtige sein; diese werden

berichtigt durch das Denken der Wissenschaft; aber der unmittelbare

oder natürliche Mensch lebt nichts destoweniger fortwährend in einer

Welt der sinnlichen Anschauungen, die für ihn einen Werth oder eine

Bedeutung besitzen und denen er deswegen auch eine bestimmte Wahrheit

oder Realität zuzuschreiben sich berechtigt und genöthigt fühlt.

Es ist an sich eine unfruchtbare Weisheit für uns, dass ein sinnlicher

Schein wie der der Farbe keine eigentliche objective Wahrheit oder

Realität besitze. Das factische Verhältniss bleibt dasselbe, wenn wir

uns sagen, dass die Farbe ein blosser subjectiver Schein ist und wenn

wir sie uns als eine objective Eigenschaft an den Dingen selbst denken.

Wir sind berechtigt zu sagen, eine bestimmte Sache sei grün oder roth,

wenn wir gleich wissen, dass sie nur für unser Auge einen solchen

Schein an sich trägt. Die Dinge sind so, wie sie uns erscheinen;

dieses ist diejenige Voraussetzung, auf der unsere ganze natürliche

oder unmittelbare menschliche Auffassung von der Welt beruht. Die

Wissenschaft ist auch diesen Standpunct anzuerkennen genöthigt; wir

fragen jetzt nicht danach, was die Farbe thatsächlich ist oder wie

der Schein derselben in uns entsteht, sondern nur danach, was dieser

Schein als solcher für einen Werth oder eine Bedeutung für uns hat. Der

Begriff der Farbe bedeutet an sich nichts als diesen subjectiven Schein

der Buntheit des Lichtes an den äusseren Dingen. Nur dieser Begriff

ist es, mit welchem wir es hier zu thun haben und wir schliessen

ausdrücklich jede eigentlich naturwissenschaftliche Erklärung und

Untersuchung des Wesens der Farbe von unserer Betrachtung aus.

Nicht alle Eigenschaften der Dinge haben in dem Sinne wie die Farben

den Charakter von Wirkungen oder von subjectiven Erscheinungen und

Abspiegelungen derselben für uns an sich. Der Ton, den eine bestimmte

Sache von sich giebt, erscheint uns nicht als etwas in dem gleichen

Grade nothwendig und wesentlich zu ihr Gehörendes oder als eine

untrennbare und integrirende Eigenschaft ihrer selbst als die Farbe,

welche sie zeigt. Theils giebt es nur wenige Dinge, welche gleichsam

an sich und fortwährend tönend sind, theils ist auch das Phänomen

des Tones fast immer von einer wirklichen sichtbaren oder sonst

wahrzunehmenden Bewegung in den Dingen begleitet. Mit dem Phänomen des

Tones aber hat dasjenige der Farbe immerhin die meiste Aehnlichkeit.

Die Farbe ist blos eine fortwährende und von keiner wahrnehmbaren

Bewegung begleitete Wirkung der äusseren Dinge auf uns. Wir sagen auch

hier wohl von einer Sache: sie leuchtet, ebenso wie wir uns dort des

Ausdruckes des Tönens bedienen.

Auch alle diejenigen Beschaffenheiten der Sachen aber, welche in irgend

einer unmittelbaren Weise unsere sinnliche Empfindung berühren, alles

Riechbare, Schmeckbare, Tastbare sind an sich von derselben Art als

die Farbe. Auch dieses sind wesentlich blos Wirkungen oder Relationen

des Stoffes auf uns. Nur aus diesen Wirkungen aber werden die ferneren

tieferen ansichseienden oder bleibenden Eigenschaften der Dinge von uns

erkannt. Die Farbe gehört insofern überhaupt in diejenige Kategorie von

Beschaffenheiten, welche in einer blossen Beziehung oder Einwirkung

der äusseren Dinge auf uns bestehen. Sie hat nichtsdestoweniger ihre

Wurzel immer in dem eigenen Wesen oder der reinen und fürsichseienden

Natur der Dinge selbst. Denn durch die verschiedene Art und Weise der

Aufnahme und Reflexion der Lichtstrahlen von der Oberfläche des Stoffes

entsteht überall der besondere Schein irgend einer einzelnen Farbe.

Die Farbe ist insofern in der That dasjenige, als was sie sich die

populäre Vorstellung denkt, das natürliche Kleid oder die unmittelbare

Aussenseite des stofflichen Wesens der Dinge selbst. In ihr spiegelt

sich im Allgemeinen zugleich die Wesensbeschaffenheit des Stoffes ab

und sie gehört insofern überhaupt mit zu den wichtigsten Elementen und

Mitteln des Erkennens der Natur der äusseren Dinge.

Es ist die Aufgabe der Physik, den besonderen naturwissenschaftlichen

Charakter der einzelnen Farben zu erklären. Es entsteht hier die Frage,

welches der natürliche Kanon oder das allgemeine wissenschaftliche

System der einzelnen Farbenunterschiede sei. Man nimmt in der Physik

hierfür den Regenbogen oder das Farbenspectrum an. Hierauf gründet

sich auch die Theorie von den sogenannten Complementärfarben, grün

und roth, gelb und blau u. a., deren Verbindungen man, weil sie

sich unter einander ergänzen, immer für besonders wohlgefällig und

ästhetisch befriedigend angesehen hat. Der naturwissenschaftliche

Standpunct in dieser ganzen Frage ist aber überhaupt ein anderer

als der ästhetische; wir glauben diese beiden Auffassungsweisen des

Wesens der Farbe bestimmt von einander unterscheiden zu müssen. Der

naturwissenschaftliche Kanon der Farben ist nicht ausreichend für das

System derjenigen Farbenunterschiede, wie sie unserem Auge erscheinen

und es ist eben nur der Schein der Farbe als solcher, der für uns ein

inneres menschlich gemüthliches oder ästhetisches Interesse besitzt.

Auch schwarz, grau u. s. w. sind für uns bestimmte Erscheinungen der

Farbe, wenn sie gleich vom naturwissenschaftlichen Standpunct aus nicht

als selbstständige Arten oder Modificationen der Farbe anerkannt werden

mögen. Es ist ferner eine an sich unerwiesene Behauptung, dass gerade

die Verbindung der Complementärfarben eine für uns besonders ästhetisch

wohlgefällige sei. Wir sehen z. B., dass für die militärische

Bekleidung jetzt fast allgemein die Verbindung von blau und roth

welches keine Complementärfarben sind, als passend erfunden wird. Die

Farbe als ein subjectiver Schein ist es, welcher den Gegenstand unserer

Untersuchung bildet; der ästhetische Standpunct in dieser Frage aber

ist vollständig zu trennen von dem naturwissenschaftlichen, indem jener

es überall nur mit der uns zugekehrten Seite der objectiven Phänomene,

nicht aber mit ihrem inneren Wesen oder reinen Ansichsein selbst zu

thun hat.

2. Was heisst Aesthetik?

Die Farbe ist für uns an sich oder zunächst nur ein Mittel zum

Erkennen der wirklichen Gestalten und Formen der Dinge. Sie wird

nichtsdestoweniger für uns auch ein selbstständiger Gegenstand des

Interesses, indem wir sie gleichsam ablösen oder abstrahiren von den

Dingen, an welchen sie sich befindet und ihr für sich selbst einen

Werth oder eine Bedeutung zuschreiben. Die Natur selbst aber hat

gleichsam gewollt, dass die Farbe für uns noch etwas mehr sein soll

als ein blosses Mittel zum Erkennen des Wesens der äusseren Dinge, da

sie dieselben in einer zum Theil überschüssigen und verschwenderischen

Fülle über sie ausgegossen hat. Zum blossen Erblicken oder Erkennen der

Dinge hätten allenfalls noch bei Weitem wenigere und mattere Farben

genügt. Die Natur hätte für unser Auge möglicherweise die Gestalt einer

blossen schwarzen Zeichnung an sich tragen können, während sie in der

Wirklichkeit vielmehr dem Character eines bunten Gemäldes entspricht.

Die Masse und der Glanz der Lichtfülle ist in den einzelnen Klimaten

der Erde selbst eine verschiedene und eine Landschaft am Nordpol wird

sich zu einer solchen in den Tropen in der That etwa verhalten wie eine

schwarze Zeichnung zu einem bunten Gemälde. Es ist im Allgemeinen bei

Weitem mehr Farbe in der Natur vorhanden als zum wirklichen Erkennen

der Dinge erforderlich war. Eben hierdurch aber ist die Farbe für

uns noch etwas Anderes als ein blosses an sich werthloses Mittel des

Erkennens der äusseren Dinge.

Wir sind gewohnt, den einzelnen Farben einen bestimmten geistigen

Werth oder Bedeutungsinhalt als den symbolischen Vertretern bestimmter

Begriffe oder allgemeiner Zustände und Verhältnisse des Lebens

zuzuschreiben. Irgend eine bestimmte Farbe gilt uns als Ausdruck der

Freude, der Trauer, der Liebe u. s. w.; der Neid heisst uns gelb, die

Theorie grau u. s. f.; und wir übertragen hierbei also die Farben auf

eine Menge von Vorstellungen, die an und für sich von geistiger Art

sind oder mit dem Gebiete des Sichtbaren nichts zu thun haben. Der

Ritter im Mittelalter schmückte sich mit der Farbe seiner Geliebten;

auch wir haben noch unsere Landesfarben, an die sich ein bestimmtes

Gefühl der patriotischen Pietät anzuknüpfen pflegt u. s. w. Wir

bedienen uns ferner zur Bekleidung u. s. f. mit Vorliebe immer der

einen oder der anderen Farbe und finden irgend eine bestimmte Farbe

für einen bestimmten Zweck entweder passend oder nicht. Aus alledem

aber geht hervor, dass uns das Besondere der einzelnen Farben nicht

etwas Gleichgültiges ist, sondern dass eine jede von ihnen einen

eigenthümlichen geistigen Werth oder Charakter für uns besitzt.

Es könnte hierbei wohl der Einwand erhoben werden, dass alles dieses

doch bei Weitem mehr etwas Zufälliges, Ungeordnetes und äusserlich

Conventionelles als etwas innerlich Nothwendiges, Gleichartiges und

Wesentliches im menschlichen Leben sein möchte und dass insofern

allen derartigen Erscheinungen mehr nur der Charakter eines blossen

Spieles als derjenige von etwas wirklich Ernsthaftem, Tiefem oder

Wahrhaftem zugeschrieben werden dürfte. Es ist wahr, die Ansichten

oder Urtheile des Menschen über den Werth und die Bedeutung der

Farben gehen anscheinend oft weit aus einander, und es ist der

Gebrauch, der von ihnen gemacht wird, oft ein sehr mannichfaltiger und

verschiedener. Alles dieses aber gilt zuletzt auch mehr oder weniger

von allen anderen ästhetischen Dingen oder Fragen. Das allgemeine

Schönheitsideal der einzelnen Völker und Zeiten in der Geschichte ist

ein verschiedenes; alle Urtheile über das Schöne sind zunächst blos

von relativer oder subjectiver Art; es könnte hieraus anscheinend

gefolgert werden, dass es ein bestimmtes absolutes oder objectives

Wissen über das Schöne gar nicht geben könne oder dass jede besondere

Meinung hierüber den gleichen Anspruch auf Wahrhaftigkeit habe als die

andere. Mit dieser Ansicht aber würde aller Aesthetik das Fundament

oder der wissenschaftliche Boden entzogen werden. Es ist nothwendig,

in Bezug hierauf einen bestimmten reinen und einfachen Standpunct zu

gewinnen oder sich die Frage vorzulegen, wie sich das wissenschaftliche

Erkennen über das Schöne und alle anderen ästhetischen Dinge zu den

gegebenen Verschiedenheiten und Widersprüchen in der Subjectivität des

menschlichen Auffassens hierüber zu verhalten habe.

Die Frage nach der Subjectivität oder nach der Stellung des Menschen zu

dem gegebenen Object des Erkennens spielt bei allen ästhetischen Dingen

eine entscheidende Rolle. Das Schöne ist selbst eine ganz ähnliche

Beschaffenheit an den äusseren Dingen für uns als die Farbe, d. h.

eine solche, welche wesentlich nur in einer Wirkung oder Beziehung

derselben auf uns besteht. Es kann streng genommen auch hier nicht

gesagt werden, dass eine bestimmte Sache selbst oder an sich betrachtet

schön sei als vielmehr nur, dass sie uns als eine solche erscheine oder

von uns schön gefunden werde. Allerdings ist es hier nicht wie bei der

Farbe das Subject im physischen, sondern dasselbe im geistigen Sinne

des Wortes, auf welches sich diese Wirkung erstreckt. Die Eigenschaft

der Farbe an den Dingen berührt zunächst nur unser Auge, die des

Schönen aber zugleich unser Empfinden oder unseren Geist. Das ganze

Phänomen der Farbe beruht wesentlich auf der subjectiven Organisation

unseres Auges oder Gesichtes; unsere Auffassung des Schönen aber

ist zunächst ebenso bedingt durch die subjective Organisation des

Empfindens unseres Geistes. Der Schönheitssinn der Menschen ist zum

Theil ein verschiedener und ebenso bietet die Organisation unseres

Auges wohl auch gewisse Verschiedenheiten in sich dar. Wir können

an sich nicht wissen, ob wir, d. h. der Mensch überhaupt und näher

jeder Einzelne unter uns das Wesen der Farbe und das des Schönen rein

und richtig oder so auffassen, wie es seiner eigenen wirklichen

Natur nach ist. Es kann sich hier wie es scheint an sich überall nur

handeln um die Constatirung subjectiver Eindrücke und Phänomene, nicht

aber um ein wirkliches Wissen von der Natur des Objectes an sich.

Die Aesthetik wird in diesem Falle wesentlich zusammenfallen müssen

mit der Kunstgeschichte, d. h. mit der empirischen Darstellung der

verschiedenen wirklichen oder historischen Auffassungen des Ideales

des Schönen, aber es wird an sich keinen höheren, reinen und absoluten

Standpunct oder Maassstab für die Erkenntniss und Beurtheilung des

allgemeinen und objectiven Werthes desselben an sich geben können.

Es ist diese Ansicht jetzt in der That eine weit verbreitete und es

scheint insofern fraglich, ob überhaupt noch von der Aesthetik als

einer selbstständigen Wissenschaft neben der Kunstgeschichte gesprochen

werden könne.

Die Subjectivität unserer Auffassung von der Welt ist an und für

sich überall der Boden, auf welchem wir selbst stehen und über

dessen Verhältniss zu der Objectivität der Sachen wir uns zunächst

Rechenschaft abzulegen genöthigt sind. Die Welt reflectirt sich in

unserem Geiste in einer bestimmten Weise und wir sind an sich nicht

berechtigt anzunehmen, dass diese Weise die allein mögliche oder

berechtigte sei. Wir werden namentlich dadurch an ihrer Wahrhaftigkeit

zu zweifeln veranlasst, dass sie selbst nicht eine vollkommen

gleichmässige und constante, sondern eine nach Massgabe unserer

besonderen Subjectivität vielfach getheilte, in sich zerrissene

und widerspruchsvolle ist. Jede einzelne Subjectivität aber hat

hierbei an sich das gleiche Recht und den gleichen Werth neben der

anderen. Es bedarf nichts destoweniger eines bestimmten höheren

kritischen Maasstabes für die Abschätzung des Werthes der Urtheile

und Auffassungen der einzelnen menschlichen Subjectivitäten. Das

Schönheitsideal der Chinesen hat nicht den gleichen Anspruch auf

Wahrheit als dasjenige der Griechen. In jeder einzelnen Subjectivität

reflectirt sich der allgemeine Inhalt oder das Wesen des gegebenen

Objectes in einer anderen und zwar in Ganzen immer mehr oder weniger

vollkommenen Weise. Das Erkennen und Begreifen des gegebenen Objectes

ist in der einen Subjectivität immer ein höheres und besseres als

in der anderen. Es ist hier eben die Aufgabe der Wissenschaft, den

besonderen Werth und die eigenthümliche Bedeutung der Auffassung jeder

einzelnen Subjectivität in Bezug auf das äussere Object zu ermitteln.

Die Kunstgeschichte kann nicht eine blosse blinde Zusammenstellung der

verschiedenen Auffassungen und Ausprägungen der Idee des Schönen in

der menschlichen Subjectivität sein. Sie wird sich hierbei nothwendig

an die Aesthetik anschliessen müssen, um einen Maasstab zu gewinnen

für die Beurtheilung des wahrhaften oder objectiven Werthes ihrer

einzelnen Erscheinungen. Die Idee des Schönen an sich ist der Führer

und Leitstern in den besonderen oder wirklichen Ausprägungen desselben

in der Geschichte. Es wird im Allgemeinen wohl angenommen werden

dürfen, dass eine gewisse Uebereinstimmung in Bezug auf die wichtigsten

Fragen und Puncte des Lebens innerhalb der menschlichen Subjectivität

stattfinde; aber es kann nicht ohne Weiteres der consensus gentium

oder hominum zum Richter und Maassstab für das Wahre, Gute und Schöne

im Leben angenommen werden. Die Aesthetik insbesondere setzt an und

für sich eine ideale oder normal angelegte Subjectivität für das

Auffassen und Begreifen des Schönen voraus; es wird die weitere

Frage entstehen, wie sich diese an sich vollkommene oder ideale

Auffassung desselben in den besonderen wirklichen Erscheinungen der

Kunstgeschichte modificire.

Dasselbe was von der Auffassung des Schönen gilt, lässt sich gewiss

auch anwenden und übertragen auf die Auffassung des Werthes oder der

Bedeutung der Farben. Es wird wohl anzunehmen sein, dass der Eindruck

oder die geistige Auffassung einer jeden Farbe für die menschliche

Subjectivität überhaupt an und für sich der gleiche sein werde. Alle

Verschiedenheiten hierbei aber gründen sich zuletzt überall auf den

besonderen Charakter oder die eigenthümliche Stellung der einzelnen

Abtheilungen oder Fractionen der menschlichen Subjectivität selbst.

Kinder, Wilde, Ungebildete u. s. w. finden in der Regel ein besonderes

Wohlgefallen an grellen und schreienden Farben; es ist dieses ein

niedriger oder unvollkommener Standpunct der ästhetischen Bildung oder

Erudition überhaupt. Junge Mädchen haben vielleicht eine besondere

Vorliebe für das Rosa; hierin ist noch nicht ein absolutes Urtheil über

den Werth dieser Farbe an sich enthalten, sondern es wird dieselbe nur

für sie selbst und ihren besonderen Lebensstandpunct als vorzugsweise

passend von ihnen erfunden. Südliche Völker lieben zur Bekleidung

meistens bunte Farben; dieses hat zum Theil einen klimatischen Grund

und der Südländer steht überhaupt zur Farbe an sich vielfach in

einem anderen Verhältniss als der Bewohner des Nordens. Bei den

Muhammedanern z. B. ist die grüne Farbe die heilige; grün ist die Fahne

des Propheten, nur Muselmänner dürfen grüne Turbane tragen u. s. w.

Auch diese Auffassungsweise hat zum Theil vielleicht einen klimatischen

Grund; das Grün ist dort im Sommer immer eine seltene, kostbare und

dem Auge wohlthuende Erscheinung, weswegen sich dort an dasselbe

vielleicht ganz andere Empfindungen und Vorstellungen anknüpfen mögen

als bei uns. Dass der Neger manches weiss nennen wird, was wir schwarz

nennen, ist klar, da er sich durch seine blosse Hautfarbe von Anfang an

in einem anderen Verhältniss zur Farbe befindet als wir. Es gilt auch

hier überall den besonderen Werth einer jeden einzelnen menschlichen

Auffassung über die Farbe aus ihren eigenthümlichen konkreten

Verhältnissen heraus kritisch zu betrachten und zu prüfen. Mit dem

allgemeinen Stimmrecht der Menschen hat es in ästhetischen Dingen eine

gleiche Bewandtniss als in politischen; nicht jeder ist in gleichem

Grade urtheilsfähig und es müssen auch hier die Stimmen überall nach

ihrem besonderen Werthe geschätzt und abgewogen werden.

Die Idee des Schönen ist es, welche nach der allgemein angenommenen

Auffassung ihres Begriffes den Gegenstand für die Bearbeitung der

Aesthetik bildet. Wir halten diese Begriffsbestimmung der Aesthetik

nicht für die richtige und vollkommen genügende. Das Schöne bildet

allerdings thatsächlich zuletzt den Mittelpunct und Hauptgegenstand

alles ästhetisch-wissenschaftlichen Erkennens, aber es erscheint

immerhin als falsch, den Bereich dieser Wissenschaft auf die

blosse Erkenntniss oder Bearbeitung jenes Begriffes als solchen zu

beschränken. Das Schöne ist nicht allein dasjenige, welches den

Gegenstand des ästhetischen oder des der Sphäre der Empfindung

angehörenden Erkennens des menschlichen Geistes bildet, sondern es

ist der unmittelbare Begriff oder die natürliche Bedeutung des Wortes

der Aesthetik jedenfalls eine andere als diejenige einer blossen

Wissenschaft oder Erkenntniss vom Schönen als solchem. Es kommt aber

zuletzt Alles darauf an, den allgemeinen Begriff einer Wissenschaft

richtig festzustellen, weil nur hierdurch allen weiteren Irrthümern und

Missverständnissen ihrer Behandlung vorgebeugt werden kann.

Der Name der Aesthetik ist für das ganze Gebiet der Erkenntniss vom

Schönen in der neueren Zeit zuerst aufgestellt worden durch Alexander

Baumgarten, einen Schüler von Leibniz. Baumgarten gilt insofern mit

Recht als der erste Urheber und Begründer der ganzen neueren deutschen

Aesthetik überhaupt. Er hat mindestens versucht, das ganze Gebiet

der Erkenntniss vom Schönen zuerst in einer rein wissenschaftlichen

Weise aufzufassen und zu bearbeiten. Der von ihm aufgestellte Name der

Aesthetik ist von da an der allgemein herrschende oder angenommene in

der Wissenschaft geworden und es ist nicht gelungen, denselben durch

irgend einen anderen zu ersetzen oder zu verdrängen. Wir haben jetzt

fast vergessen, dass die Bedeutung dieses Namens ursprünglich doch

eine etwas andere ist, als diejenige der blossen Lehre vom Schönen.

Der ganze ästhetische Standpunct Baumgartens ist allerdings ein

solcher, der von der neueren Aesthetik längst überschritten worden ist

und der uns selbst im Allgemeinen als ein unvollkommener, hölzerner

oder barocker erscheint. Ich stehe nicht an zu bekennen, dass ich

nichtsdestoweniger diesen Standpunct an sich, abgesehen von seiner

näheren Durchführung, als den richtigen oder als denjenigen anerkenne,

der das wahrhafte Prinzip oder die rechte und eigentliche Basis für

die ganze wissenschaftliche Auffassung des Gebietes der Aesthetik

in sich enthält. Es ist aber gerade bei einem so schwankenden und

vielbestrittenen Gebiet als dieses in besonderem Grade nothwendig,

sich über die allgemeinen Bedingungen seiner wissenschaftlichen

Erkennbarkeit und Bearbeitung oder über das Formale seines ganzen

Begriffes im Voraus eine genaue und sichere Rechenschaft abzulegen.

Die Aesthetik wurde von Baumgarten im Allgemeinen aufgefasst und

begründet im Sinne einer Ergänzung oder einer Parallelisirung einer

anderen philosophischen Wissenschaft, der Logik. Diese Auffassung

erscheint uns gegenwärtig als unwahr und fremdartig, indem uns das

Schöne vielmehr in dem Lichte des Gegentheiles oder der Aufhebung der

strengen und pedantischen Regelmässigkeit des logischen Denkgesetzes

entgegenzutreten pflegt. Wir weisen es im Allgemeinen von uns ab,

im Schönen den Ausdruck von eigentlich logischen Gedanken und

abstracten Verstandesreflexionen erblicken zu wollen. Wir erblicken

den unterscheidenden Charakter des Schönen gerade in der ungezwungenen

Natürlichkeit seiner Erscheinung und seines ganzen Eindruckes auf

uns, wodurch es insbesondere gegenüber der geradlinigen Eckigkeit

eines jeden mechanischen oder einer blossen Verstandesberechnung

entsprungenen Dinges charakterisirt ist. Das Aesthetische und das

Logische liegt für unsere ganze Geistesauffassung weit auseinander; der

Gedanke Baumgartens aber, wenn er richtig verstanden wird, enthält wohl

eine gewisse Wahrheit und Berechtigung für unsere ganze Auffassung des

Schönen in sich.

Die Aesthetik gehört ihrer Natur nach dem System der philosophischen

Wissenschaften an und es hängt ihre richtige Begriffsbestimmung

wesentlich mit von der Frage nach ihrer natürlichen Stellung in dem

System dieser Wissenschaften ab. Wir erblicken aber allerdings in der

Aesthetik nicht wie dieses häufig geschieht, ein Gebiet der blossen

mehr oder weniger schwankenden geistreichen und eleganten Conversation,

sondern wir versuchen dieselbe so weit möglich zu dem Range einer

eigentlichen geordneten und strengen Wissenschaft zu erheben. Die

wissenschaftliche Frage als solche ist für uns hierbei überall die

wichtigste und entscheidendste, und wir versuchen unter Anschluss

an die Lehre Baumgartens unsere ganze Auffassung dieses Gebietes in

Folgendem zu begründen.

3. Die Stellung der Aesthetik in dem Systeme der Philosophie.

Baumgarten glaubte in dem System der Philosophie eine gewisse Lücke

entdeckt zu haben. Wir haben in der Logik eine Wissenschaft, die

sich auf die allgemeinen Gesetze oder Kennzeichen des denkenden

Erkennens des menschlichen Geistes bezieht. Eine ähnliche Wissenschaft

muss es nach Baumgarten auch geben für das niedere oder das an die

Sinnlichkeit gebundene empfindende Erkenntnissvermögen unseres Geistes.

Das Verhältniss der Aesthetik zu diesem letzteren Vermögen ist nach

Baumgarten dasselbe als das der Logik zu jenem ersteren. Der Begriff

der Aesthetik als solcher hat also bei Baumgarten zunächst noch

nichts mit dem ganzen Gebiet der Erkenntniss vom Schönen zu thun.

Derselbe Gebrauch dieses Wortes findet sich auch noch bei Kant, indem

derselbe in der «Kritik der reinen Vernunft» das anschauliche oder

ästhetische und das denkende oder logische Erkenntnissvermögen von

einander unterscheidet. Wir haben aber mit Unrecht in der neueren

Zeit vergessen und ausser Acht gelassen, welches die eigentliche und

ursprüngliche Bedeutung des Namens der Aesthetik ist und ich schliesse

mich daher hier wiederum zur wahrhaften Begründung des Begriffes dieser

Wissenschaft an den früheren Sprachgebrauch Baumgartens und Kants an.

Es ist gewiss, dass alles menschliche Erkennen an und für sich in

diese doppelte Region des empfindenden und des denkenden zerfällt.

Die Frage nach dem Verhältniss derselben aber ist eines der tiefsten

und wichtigsten Probleme der Philosophie. Es hängt wesentlich hiermit

unsere wissenschaftliche Gesammtansicht von der ganzen geistigen Natur

und Stellung des Menschen zusammen. Es ist dieses Verhältniss in den

einzelnen Lehren der Philosophie in einer sehr verschiedenen Weise

aufgefasst und dargestellt worden. Wir sind aber gegenwärtig in der

Lage, auf Grund positiver Wissensresultate hierüber vollkommener und

sicherer urtheilen zu können als früher. Diese positiven Resultate

sind wesentlich diejenigen, welche sich durch die neuere vergleichende

Sprachwissenschaft für uns ergeben haben. Auch unsere jetzige

Psychologie begeht immer noch den Fehler, den Menschen und seine

Seele nur ganz an sich oder abstract genommen zum Gegenstand ihrer

Untersuchung zu machen. Was der Mensch wirklich ist, kann nur auf dem

Boden der geschichtlichen Entwickelung seines ganzen Geisteslebens

wahrhaft von uns aufgefunden und festgestellt werden.

Die Wissenschaft der Psychologie entbehrt zur Zeit noch eines

jeden wahrhaften Bodens und gesicherten Fundamentes. Wir verstehen

unter ihr die Bearbeitung der geistigen oder der an und für sich

selbst unsinnlichen Erscheinungen im Leben des Menschen. Alle diese

Erscheinungen sind zunächst gebunden an die physischen Bedingungen

des Körpers oder des materiellen Substrates des Lebens der Seele.

Jeder sogenannte psychische Vorgang ist zugleich mit ein physischer in

den Bedingungen und Organen des Lebens des Körpers. Alles eigentlich

Actuelle am Menschen ist an und für sich nur dasjenige, was zum Körper

und zu seinem Leben gehört. Alles Geistige hat blos die Gestalt einer

ideellen Wirkung oder eines vorübergehenden Phänomenes am Leben des

Körpers. Es liegt insofern nahe, im Körper die einzige reale Substanz

oder die gesammte actuelle Wesenheit des Menschen zu erblicken und

aus den körperlichen Bedingungen und Vorgängen allein die ganzen der

Seele zugeschriebenen Erscheinungen am Menschen erklären und ableiten

zu wollen. Wir müssen uns sagen, dass unser ganzer Begriff der Seele

eigentlich nur eine angenommene oder fingirte Ursache ist, auf welche

wir einen bestimmten Complex von gegebenen Erscheinungen am Menschen

zurückzuführen gewohnt sind. Die Existenz der Seele als einer anderen

selbstständigen Natur und Wesenheit neben dem Körper ist an und für

sich noch nicht empirisch gewiss oder wissenschaftlich erwiesen. Die

Wissenschaft der Psychologie also befindet sich in der eigenthümlichen

Lage, dass dasjenige, wonach sie sich benennt, möglicherweise gar nicht

existirt und es stehen sich über die ganze Frage nach der Natur des

Menschen zuletzt blos zwei allgemeine Hauptansichten gegenüber, die

eine, welche in dem Körper oder der Materie allein die reale Substanz

oder Wesenheit des Menschen erblickt und die andere, von welcher

neben dem Körper zugleich die Seele als ein anderes selbstständiges

Prinzip des Lebens im Menschen unterschieden wird. Die erstere Ansicht

aber wird auch mit dem allgemeinen Namen des anthropologischen

Materialismus, die letztere mit dem des Spiritualismus bezeichnet und

es ist jene ihrer allgemeinen Beschaffenheit nach näher ein Monismus,

diese aber ein Dualismus. Der Körper oder das physisch Wirkliche

ist in dem ersteren Falle die alleinige, in dem letzteren aber nur

eine begleitende oder Nebenursache der geistigen Erscheinungen am

Menschen. Für den Standpunkt des Materialismus sind alle Erscheinungen

und Vorgänge am Menschen zuletzt von einer und derselben Art und es

sind die einen von ihnen höchstens die dem Grade nach höheren und

feineren gegenüber der niedrigeren und gröberen Natur der anderen,

während dagegen für den Standpunct des Spiritualismus die geistigen

Erscheinungen des Menschen an sich von specifisch anderer Natur sind

als die physischen und sich an diese nur als an die sie begleitenden

Unterlagen und Nebenbedingungen gebunden finden.

Es hat etwas Verführerisches für den menschlichen Geist, den

Zusammenhang zwischen dem Leben des Körpers und dem der Seele ergründen

oder vom Standpuncte der gegebenen physiologischen Thatsachen die

Brücke zur Erklärung der psychischen Erscheinungen schlagen zu wollen.

Die Lehre von der Seele und ihren Erscheinungen würde hierdurch

zu einer Consequenz und einem Ausflusse der Naturwissenschaft

erhoben werden. Wir halten alles Zusammenwerfen und Vermischen der

verschiedenen Gebiete des Erkennens für einen wissenschaftlichen

Fehler; auch wird es nie gelingen, die Grenze zwischen den

Erscheinungen des Lebens, der Materie und denen des Geistes wirklich

zu überschreiten. Wir weisen daher jeden Anschluss der Wissenschaft

der Psychologie an diejenige der Physiologie principgemäss von uns ab.

Die gegebenen geistigen oder psychischen Erscheinungen des Menschen

bilden ein besonderes Gebiet der Erkenntniss oder Bearbeitung für

sich. Die Frage nach dem Wie des Entstehens dieser Erscheinungen

aus den Bedingungen des Körpers ist zu sondern von der nach dem Was

ihres eigenen Wesens oder Gehaltes; es können Blicke von der einen

dieser beiden Seiten nach der anderen hin gethan werden, aber es ist

unmöglich, beide in eine Einheit mit einander zusammenzufassen und den

Schwerpunkt für die Wissenschaft vom geistigen Leben des Menschen in

die Lehre von seinem Körper oder in die Physiologie zu verlegen.

Auch die Wissenschaft der Psychologie bildet an sich einen Theil des

systematischen Ganzen der Philosophie überhaupt. Ihre Entwickelung

hängt zusammen mit der Entwickelung des allgemeinen wissenschaftlichen

Prinzipes dieser letzteren selbst. Sie ist sogar in gewissem Sinne das

innerste, wesentlichste und vitalste Hauptgebiet aller philosophischen

Speculation. Das an und für sich Wichtigste, was überhaupt vom Menschen

erkannt werden kann, ist unter allen Umständen nur er selbst und alle

wichtigsten Hauptfragen der Philosophie haben zuletzt ihren Sitz und

ihren Ausgangspunkt in der Psychologie. Das ganze Ziel alles Begreifens

für die Philosophie aber ist zuletzt ein doppeltes, einmal die uns

gegenüberstehende sinnliche Aussenwelt der Natur oder Objectivität,

andererseits die Welt unseres eigenen geistigen Innern oder die

menschliche Subjectivität oder der Makrokosmus des äusseren Seins

und der Mikrokosmus des inneren Fühlens, Anschauens und Denkens. Der

Mensch und sein geistiges Leben ist in der ganzen uns umgebenden Welt

derjenige Boden, auf welchem wir selbst stehen und in welchem sich die

ihn umgebende Aeusserlichkeit selbst abspiegelt und reflectirt. Die

Aussenwelt ist für uns nur dasjenige, als was sie sich dem Menschen

zeigt und von ihm aufgefasst und erkannt wird. Die Erkenntniss

unserer selbst ist daher für uns auch das Wichtigere und der wahrhaft

entscheidende Punkt für unsere Erkenntniss der ganzen uns umgebenden

äusseren Welt.

Wir postuliren den Begriff der Seele im Sinne eines realen Trägers oder

einer Substanz aller geistigen Erscheinungen und Vorgänge im Menschen.

Es ist für das wissenschaftliche Begreifen der geistigen Erscheinungen

des Menschen an und für sich gleichgültig, ob und welche Realität

diesem Begriffe von uns zugeschrieben werde. Die allgemeine Streitfrage

des Materialismus und Spiritualismus hat an sich keinen Einfluss

auf die Aufgabe der wissenschaftlichen Bearbeitung der gegebenen

Erscheinungen der Seele als solcher. Wir sind berechtigt, von der Seele

zu reden als von einem an sich einfachen Wesen, welches den Hintergrund

oder die Basis eines bestimmten Complexes der wirklichen Erscheinungen

am Menschen bilde, wenn wir uns auch sagen müssen, dass dieser Begriff

nur eine von uns selbst gemachte und angenommene Fiction oder Hypothese

sei.

Aesthetische Farbenlehre · 第 1 / 9 段